Unter dem Sattel: Geschichte, Haltung und
gegenwärtige Situation des Friesenpferdes


Der römische Geschichtsschreiber Tacitus
schrieb bereits im ersten Jahrhundert n.
Ch.: " Die Friesen lösen ihre Meinungsunterschiede
durch den Austausch eines zahmen Pferdes".
Ihre Kinder bekommen häufig als Hochzeitsgeschenk
ein Pferd. Ob das Pferd schwarz war darüber
berichtet Tacitus nicht.
Bauern, Händler, Fischer und Schiffsbauer
bewohnten im Mittelalter Friesenland. Die
auf dem fruchtbaren Boden produzierten Waren
lieferten sie auf den selbstgebauten Schiffen
nach England. Außerdem züchteten sie auch
noch Pferde. Das Friesenpferd von heute ist
der letzte Vertreter des ursprünglich westeuropäischen
Pferdes, welches im Mittelalter überall vorkam.
Im Mittelalter dauerte es Tage, Wochen, sogar
Monate bis die neuesten Nachrichten von einem
Ort zum anderen kamen. Vielleicht weil Friesland
selbst für die Holländer weit ab lag, konnte
sich hier eine selbständige Pferderasse entwickeln,
die schon damals schwarz war, mit geschwungenem
Hals, einem kleinen Kopf, großen Augen, üppiger
Mähne und Schweif, üppigem Fesselbehang an
den vier Beinen, einem intelligenten, freundlichen
Wesen, mit fürstlichem Trab und der für die
Rasse so charakteristischen Knieaktion. Die
Geschichte des Friesenpferdes ist untrennbar
von der Geschichte des Landes, wo es herkam.
Während der Kreuzzüge verwendeten die Ritter
Friesenpferde, weil auch diese Pferde stark
und groß waren, und das brauchten sie auch,
weil ein Ritter mit Rüstung oft mehr als
250 Kilo wog.
Bereits 1276 wurde vermerkt, dass Friesenpferde
auf dem Markt in Münster gehandelt wurden.
Zu dieser Zeit war Friesland römisch-katholisch
und verfügte über viele Klöster. Die Klöster
hatten viel Grund und Boden im Besitz und
so ist es wahrscheinlich, dass sie einen
großen Teil der Pferdezucht in den Händen
hatten. Darüber hinaus gehörte Friesland
damals zum Bistum Münster. So ist die Tatsache
nicht überraschend, dass in Münster Friesenpferde
zum Verkauf standen. Bis weit ins Mittelalter
wurden die Friesenpferde in Deutschland und
England zum Kauf angeboten.
Aber die Friesenpferde
reisten noch weiter
in den Westen. Im April
1609 segelte Henry
Hudson auf dem Schiff "De
Halve Maen"
im Dienst der Ostindischen
Gesellschaft den
später nach ihm benannten
Hudson Fluss hinauf.
Das Fort Nieuw Amsterdam
- heute New York
- wurde errichtet. Der
Friese Pieter Stuyvesant
war zwischen 1647 und 1664
Gouverneur über
das Gebiet Nieuw-Nederland.
Fest steht, dass
bereits vor 1625 Friesenpferde
nach Nieuw-Amsterdam
verschifft wurden. Von
dort verbreiteten
sie sich auch in östliche
Richtung. Das Friesenpferd
hatte in Amerika einen
großen Einfluss an
der Entstehung der Morgans.
In der Periode zwischen circa 1300 und 1550
behielt das Friesenpferd in großen Teilen
Europas seinen guten Ruf. Trotz der Erfindung
des Schießpulvers (1338) blieb man beim Führen
von Kriegen und Feldzügen auf das Pferd angewiesen.
Der italienische Zeitgenosse Guicciardini
schrieb über das Friesenpferd, dass es "schön,
gut und besonders geeignet als Kriegspferd"
ist. Der ungarische König Ludwig II zog am
15. Juni 1526 gegen die Türken auf einem
schwarzen Friesenhengst, leider mit wenig
Erfolg, aber das lag vielleicht nicht am
Pferd.
Der Wandel geschah zum
Zeitpunkt des Achtzigjährigen
Krieges zwischen 1568-1648.
Die Holländer
kämpften um ihre Unabhängigkeit
gegen die
Spanier, und dieser Krieg
hatte den größten
Einfluss auf die Entwicklung
des Friesenpferdes
in seiner bereits damals
langen Geschichte.
Die Spanier zogen auf andalusischen
Hengsten
in den Krieg, die durch
Araber aus der Zeit
der Mauren beeinflusst
waren. Die so erbeuteten
andalusischen Hengste wurden
mit einheimischen
- sprich friesischen -
Stuten gepaart. Dieser
Einfluss ist noch heute
sichtbar. Die Farbe
des Pferdes blieb schwarz,
aber was auffällig
ist, ist vor allem der
kleine Kopf, die großen
braunen Augen, der etwas
konkave Nasenrücken,
manchmal fast ein arabischer
Hechtkopf, der
geschwungene Hals und die
weitere Verankerung
der Knieaktion. Die Möglichkeiten
des
vielseitigen Einsatzes
des Friesenpferdes
beweisen, dass es nicht
nur als Schul- und
Reitpferd sondern auch
als Fahr - und Trabrennpferd
verwendet wurde. Die Viererzüge
vieler Adelsfamilien
bestanden in Deutschland
und in England oft
aus Friesenpferden. Ganz
bis zum XVIII. Jahrhundert
blieb das Friesenpferd
in Europa beliebt.
Aber im XVIII. Jahrhundert
änderte sich alles.
Bedeutende Pferdekenner sprachen sich engagiert
für das Kreuzen verschiedener Rassen aus.
Am Friesenpferd verlor man das Interesse,
mit der Zucht ging es bergab. Nach 1819 wurden
Grundsätze festgelegt, womit sich die Rasse
in größtmöglicher Reinheit erholen sollte.
Auch das brachte keinen Erfolg.1854 glaubte
man, dass der ursprüngliche Friese nicht
mehr zu retten sei. In der neuen Zuchtverordnung
wurde der Schutz des Friesenpferdes aufgehoben.
Das Ende der Rasse schien in Sicht zu sein.
1879 in der Herberge "De
Drie Romers"
in Roordahuizum bei Leeuwarden
haben ein
paar Herren eine Zusammenkunft.
Man spricht
über die Gründung eines
Stammbuches für Rinder.
Unter den Anwesenden befinden
sich auch Züchter
von Friesenpferden. Der
drohende Untergang
der alten Rasse geht ihnen
zu Herzen. Es
wird darüber debattiert,
ob es überhaupt
noch Sinn macht, ein eigenes
Stammbuch für
Friesenpferde zu gründen.
Die Friesenliebhaber
kommen zu ihrem Recht.
An dem Abend wird
die Gründung von zwei Stammbüchern
beschlossen,
eins für Rinder und eins
für Pferde, welches
in zwei Register geteilt
wird. Ein Register
für in Friesland gezüchtete
Friesenpferde
und ein Register für gekreuzte
Rassen. Ins
Hengstregister wurde als
Nummer 1 "De
Paauw" eingetragen,
1872 gezüchtet von
Schelte Hilarides aus Pingjum.
Sein Stockmaß
betrug 1,55 Meter. Nach
"Paauw"
Nr. 1 folgten in 121 Jahren
noch 380 Hengste.
Juffer Nr. 1 mit einem
Stockmaß von 1,54
Meter von Fedde Viersen
aus Tzum ist die
erste eingetragene Friesenstute.
Mit der Gründung des Pferdestammbuches sind
nicht alle Probleme auf einmal gelöst worden.
Anfangs hatten sich die Züchter angeschlossen,
gingen aber ein paar Jahre später wieder
eigene Wege. Die Popularität gekreuzter Rassen
verdrängte das Friesenpferd so stark, dass
es 1913 nur noch drei Deckhengste registriert
wurden: Prins 109, Alva 113 und Friso117.
Die alte Rasse stand schon wieder vor dem
Aussterben.
Im Dezember 1913 kamen
auf Initiative von
Freiherr C. van Eysinga
mehr als 100 Züchter
und Liebhaber des Friesenpferdes
zusammen,
um die prekäre Situation
zu besprechen. Sie
beschlossen, die Vereinigung
"Het Friesche
Paard" (Das Friesenpferd)
ins Leben
zu rufen. Ziel war durch
Ankauf und Aufzucht
junger Hengste und die
Vergabe von Prämien
für wertvolle Friesenpferde
um die Zucht
aufrecht zu erhalten und
zu stimulieren.
Zweifellos war Paulus 121
der beste Einkauf.
Dieser Sohn von Friso 117
wurde über seine
Söhne Vredestichter 127
und Arend 131 Stammvater
aller heutigen Friesen
- Deckhengste. Diese
Vereinigung bestand bis
1954. Sie war von
unschätzbarem Wert für
den Erhalt der Rasse.
Nach der Gründung der Vereinigung
brach eine
Periode der relativen Ruhe
an. Die Anzahl
der Pferde und Mitglieder
im Stammbuch nahm
zu. Zu dieser Zeit war
Friesland eine Provinz,
in der vor allem Agrarwirtschaft
betrieben
wurde. Das Friesenpferd
wurde auch im Ackerbau
eingesetzt. In dieser Periode
wurde das Pferd
ohne Einfluss von außen
zu einem schweren
Arbeitspferd umgeformt.
Der Typ vom Pferd
wurde schwerer, gedrungener.
In den 50-er und 60-er Jahren des vorigen
Jahrhunderts vollzog sich die Mechanisierung
der Landwirtschaft. Maschinen übernehmen
die Arbeit, die zuvor mit Pferden gemacht
wurde. Das Friesenpferd auf dem Bauernhof
wurde überflüssig. Es entstand eine dramatische
Kettenreaktion. Die Preise stürzten ab, die
Zucht auch, die Mitgliederzahl im Stammbuch
sank 1957 innerhalb von 10 Jahren von 1211
mit 2383 Pferden auf 656 mit 974 Pferden
im Jahr 1967. Aus einer Jahrhunderte alten
und der einzig holländischen Rasse war ein
seltsames Haustier geworden. Aber die Friesen,
wie immer wenn die Zucht ihres Pferdes in
Gefahr war, wurden aktiv. Unter Vorsitz des
Großneffen von C. van Eysinga bildete sich
eine Arbeitsgruppe, die sich zum Ziel setzte,
das Friesenpferd zu retten. Betriebe und
Behörden wurden angeschrieben und um Spenden
gebeten, die Medien eingeschaltet, und Gerrit
Griepsma organisierte eine große Lotterie.
Außerdem haben sie eine Tour durch Friesland
veranstalt, eine Art Kreuzzug, welcher 5
Tage dauerte. Da selbst überregional über
den Kreuzzug berichtet wurde, konnte das
Stammbuch 288 neue Gönner und 20 neue Mitglieder
verzeichnen. Ein anderer wichtiger Aspekt
dieses Kreuzzuges war, dass man der Öffentlichkeit
neue Verwendungsmöglichkeiten für das Friesenpferd
zeigte. Denn Ende der 60-er Jahre nahm der
Wohlstand in den Niederlanden zu und die
Menschen hatten mehr Freizeit. War das Friesenpferd
nun in der Landwirtschaft überflüssig, im
Sport und im Freizeitbereich gab es für es
noch viel zu tun.
Ungefähr gleichzeitig mit
dem drohenden Untergang
des Friesenpferdes kam
in England das Viererzugfahren
in Mode. Es war eine Initiative
seiner Königlichen
Hoheit Prinz Philip, Ehemann
der englischen
Königin Elizabeth II. Als
Vorsitzende der
FEI führte er das Viererzugfahren
als Wettkampfsport
ein. Die Ungarn mit ihren
Gestüten waren
gleich dabei. In Deutschland,
Schweden, der
Schweiz, Polen und etwas
später auch in Amerika,
überall entstanden Viererzüge,
die auf nationalen
und internationalen Wettkämpfen
und etwas
später auch auf Weltmeisterschaften
gegen
einander antraten.
Die Zucht erholte sich, und erfreut sich
großer Beliebtheit. Die Begeisterung außerhalb
des althergebrachten Stammlandes führte am
27. August 1979 zur ersten Tochtervereinigung
außerhalb Hollands: "Verein der Züchter
und Freunde des Friesenpferdes in Deutschland
e. V." wurde gegründet. Heute ist das
Friesenpferd auf allen Kontinenten zu finden.
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