Im Rahmen der Ausstellung können die Sättel
der Ungarischen und der Internationalen Sektion
des Völkerkundlichen Museums besichtigt werden.
Neben der volkskundlichen Einordnung der
Ausstellungsstücke und der Beschreibung der
Sattlerei nach ethnologischen Gesichtspunkten
versucht die Sammlung, das einschlägige ungarische
Kulturerbe aufzuzeigen - die Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft der Reitkultur im Spiegel
eines Objektes des Kunsthandwerkes von herausragender
Bedeutung. Auf rund 700 Quadratmetern, gegliedert
in 9 Ausstellungsräume wird die gesamte Sattelsammlung
des Völkerkundlichen Museums vorgestellt,
einschließlich Leihgaben anderer Museen,
und sämtlichen Zubehörs der Sattlerei, wie
etwa Steigbügel, Zügel, Zaumzeug und Lederbehang.
In einer gesonderten "Ausstellung in
der Ausstellung" können die Satteldecken
besichtigt und studiert werden.
Über den Sattel
So wie fast jeder feste Bestandteil unserer
gegenständlichen Kultur, so durchlief auch
der Sattel viele verschiedene Stadien, Typen
und Formen, je nachdem, wer ihn zu welchem
Zweck oder Anlass bestieg. Mit den Jahrhunderten
wandelten sich die Lebenswelten und -bedingungen,
und parallel dazu entwickelten sich auch
unsere allseits bekannten Gegenstände. Der
Sattel stellt hier keine Ausnahme dar, obwohl
eingeräumt werden muss, dass er zu jenen
Kulturgütern gehört, die schon sehr früh
ihre optimale funktionelle Form und Struktur
erhielten, sodass er im Lauf der Zeit kaum
geändert werden musste.
Der ungarische Begriff für Sattel, nyereg
("nerg", "närg") gehört
der Sprachwissenschaft zufolge zum sprachlichen
Urerbe aus der ugrischen Zeit. Dies wird
auch von den wogulischen und osztjakischen
Formen bestätigt. Im obi-ugrischen kam es
zu einer Lautumstellung in der Konsonantenverbindung
im Wortinneren. Die ugrische Grundform mag
"närk3" gelautet haben. In der
ursprünglichen Bedeutung bezeichnete das
Wort vermutlich die dem Tier aufgebürdete
Last, die seinem Rücken aufgebundene Decke
usw., und sein Ursprung steht wohl im Zusammenhang
mit der Pferdehaltung zu ugrischen Zeiten.
Die Pferdehaltung spielte auch im Karpatenbecken
eine wichtige Rolle im Leben der Magyaren.
Die Bedeutung der Reitkunst im ungarischen
Lebensalltag dauert mehr oder weniger bis
in die Mitte des 20. Jahrhunderts an, und
kann für sämtliche gesellschaftlichen Schichten
und Klassen, wie Hoch- und Kleinadel, Bürgertum,
Bauernstand, Land- und Stadtbewohner gleichermaßen
gut dokumentiert werden.
Jene Gebrauchsgegenstände, die einen so untrennbaren
Teil der Reitkultur darstellen, wie der Sattel,
stellen nicht nur das Erbe der höheren Gesellschaftsschichten
dar, sondern gehören generell der Volkskultur
zu.
Die von den Ungarn benützten Sättel entsprachen
hervorragend den verschiedenen Anforderungen
der Reitkultur, wie Fernritte, Ritterkämpfe
usw. Eine der besten Eigenschaften der hierzulande
bekannten Holzsättel ist, dass sie das Pferd
schonen. Der Sattel selbst ist leicht, sein
Gewicht - auf das Gerippe bezogen - beträgt
ganze 1,5 bis 2,5 kg. Wird das Pferd richtig
gesattelt, dann reibt er den Rücken des Tieres
nicht wund, und behindert es weder im Schritt
noch im Galopp. Dem Reiter wiederum sichert
der Sattel, neben dem Gefühl der Sattelfestigkeit
bei Verwendung des Zügels, die notwendige
Beweglichkeit seitwärts und rückwärts, was
insbesondere bei berittenen Kampfhandlungen
ausschlaggebend war.
Der Satteltyp und dessen Formgebung wird
grundsätzlich von seinem strukturellen Aufbau
bestimmt, von der Art bzw. vom Fehlen oder
Vohandensein des Gerippes, des sogenannten
Sattelbaumes.
Das Sattelgerippe wurde ursprünglich aus
Holz hergestellt, es gibt aber auch Varianten
aus Knochen, oder mit Knochenverzierungen,
eventuell auch aus Leder bzw. mit Ergänzungen
aus Leder, sowie aus Metall (Eisen oder Stahl).
Die Holzsattel - die den überwiegenden Teil
der Sammlung des Völkerkundlichen Museums
ausmachen - wurden aus vier bis sechst Teilen
zusammengestellt (geschnürt, gebunden, gezapft,
genagelt, geschraubt). Zwei Teile bilden
den Sattelfuß, der auf dem Pferderücken aufliegt.
Diese Fußteile oder Polsterhölzer wurden
auch Sattelflügel oder Sattelbretter genannt.
Die Sattelflügel werden vom Sattelkopf oder
Zwiesel (Vorderzwiesel und Hinterzwiesel)
aus zwei oder vier Stücken zusammengehalten.
Die einzelnen Teile werden derart aneinandergefügt,
dass auf das Rückgrat des Pferdes kein Druck
ausgeübt wird. Darum blieb die Mitte des
Sattels bzw. des Gerippes im Allgemeinen
leer, dies wurde Sattelkammer genannt. Zur
Überbrückung der Sattelkammer und zur Ausformung
der Sitzfläche wurden mehrere fingerbreite
Hinter- bzw. Fahrleder, manchmal auch Leinengurte,
um das Gerippe gewickelt.
Obwohl die Sattelflügel, die direkt auf dem
Pferderücken aufliegen, zumeist mit Leinen
umwickelt wurden, konnte unter dem Sattel
auch noch eine sogenannte Schweißdecke zu
liegen kommen.
Das Sitzpolster (Sattelkissen) bestand aus
verschiedenen Füllmaterialien (z.B. Haar),
sowie aus Leinen- und Lederbezug. Der Sitz
selber wurde - vor allem bei Ziersatteln
- aus edleren Materialien hergestellt, und
gegebenenfalls mit einer kunstvoll gestickten
sogenannten Schabracke bedeckt. Fallweise
wurde diese Ausstattung durch eine Seitendecke
ergänzt, zumeist aus Leder.
Der Sattel wurde mit Riemen und Gurten (Brustriemen,
Schweifriemen, bzw. Vordergurt/Lastgurt und
fallweise Hintergurt) auf dem Pferderücken
festgezurrt.
Unabkömmlich für das sichere Reiten sind
die unterschiedlich geformten Steigbügel
aus verschiedenen Materialien (Holz, Eisen,
Bronze), die an Riemen (Steigriemen) vom
Sattel herunterhängen.
Einige Sättel wurden beiderseitig mit abwechslungsreich
verzierten Behängen versehen. Diese Schalanken
wurden zumeist von denselben Sattlermeistern
erstellt, die auch die Sättel herstellten.
Zu ihrer ästhetischen Verzierung wurden Techniken
wie Durchstechen, Flechten, Pressen, Relief,
und Auflage verwendet.
Als weitere Bestandteile des Sattels gelten
noch Zügel, Zaumzeug (bei Gespannen die Beizügel)
und Beißholz.
Geschichte des Sattels und seiner Arten
Die europäischen Sättel können allgemein
in zwei Grundarten eingeteilt werden, je
nach struktureller Eigenart. In der Umgangssprache
werden diese Kategorien östlicher bzw. westlicher
Typ genannt. Von beiden Grundarten sind selbstverständlich
zahlreiche Variationen bekannt, je nach Gebiet,
Stand und Funktion. Reich verziert und individuell
ausgeführt wurden in erster Linie die Sättel
des Hochadels, der Herrscherhäuser und der
Damen.
Die Entwicklungsgeschichte der Sättel wurde
in der ungarischen Fachliteratur zuerst von
Gyula László untersucht, insbesondere auch
hinsichtlich ihrer Funktion im Leben der
östlichen Nomadenvölker. Zuletzt fasste Katalin
U. Kõhalmi den Stand der Forschung zusammen.
In Kenntnis der historischen Daten und sonstigen
Quellenmaterials gilt als wahrscheinlich,
dass der Sattel irgendwo in Asien "erfunden"
wurde, wo er bereits in mehreren Varianten
verbreitet war, die im Zuge der Völkerwanderungen
nach Europa gelangten. In das Karpatenbecken
brachten ihn vermutlich zuerst die Szythen,
oder die Hunnen und Awaren.
Rein fachlich gesprochen, wäre es aufgrund
des ausgestellten und untersuchten Materials
eher angebracht, grundsätzlich zwischen den
beiden Grundtypen Zwiesel-Flügel-Sättel und
Gabel-Seitenbrett-Strukturen zu unterscheiden.
Abgesehen von kleineren Details und Unterschieden,
können wir diese beiden Typen folgendermaßen
unterscheiden:
| Zwiesel-Flügel-Sättel |
Gabel-Seitenbrett-Sättel |
| (Östlicher Typ) |
(Westlicher Typ) |
| - leichteres Gerippe und Ausstattung |
- schwereres Gerippe und Ausstattung |
| - Zwiesel-Flügel-Struktur, d.h. |
- Gabelstruktur, d.h. |
| - horizontal, auf Flügelbretter gebaut |
- senkrecht, auf gabelartigen Zwiesel gesetzt |
| - relativ niedrig |
- relativ hoch |
| - eher flacher Sattelkörper |
- steilerer Sattelkörper |
| - sog. Fahr/Hinterleder-Brücke |
- Brückenstruktur, bzw. "stuhlartig" |
| - im Allg. breiterer Sitz |
- schmälerer Sitz |
| - meist mit Lederriemen geschnürt |
- geleimt, vernagelt |
Unter dem westlichen Typ versteht die Fachliteratur,
insbesondere im Hinblick auf das Mittelalter,
den sogenannten "Rittersattel".
Dessen Ursprung geht auf den "parthischen"
Sattel zurück. Der wurde von den Römern übernommen,
und diese Strukturform verbreitete sich später
in Westeuropa, und gen Osten zurückgekehrt,
im ganzen südlichen Eurasien. Die Grundstruktur
dieser Sättel wurde in Ungarn von den - später
weiterentwickelten - "belastenden"
Sätteln übernommen. Zwei gabelartige Zwiesel
liegen hier unmittelbar auf dem Pferderücken
auf, und die beiden werden beiderseitig von
Hölzern zusammengehalten.
Der westliche Satteltyp wurde gegen Ende
des Mittelalters durch den Niedergang des
Rittertums in den Hintergrund gedrängt. Auch
die berittene Kriegskunst änderte sich, wie
ganz allgemein die Pferdehaltung und die
Reitkunst, die immer mehr den bürgerlichen
Bedürfnissen zu entsprechen suchte. Diesen
neuen Bedürfnisse entsprach der sogenannte
englische Sattel besser. In seinen Varianten
breitete er sich deshalb immer weiter in
Europa und in der Neuen Welt aus. Charakteristisch
für den englischen Sattel (und seine Untertypen)
ist die "Verkümmerung" von Zwiesel
und Gabel, die bei einigen Arten ganz wegfallen,
und gleichzeitig die Sitzoberfläche aus Leder,
in die das Gerippe eingearbeitet ist, und
der speziell aus dem Ledermaterial herausgebildetete
Sattelkörper.
Der ungarische Sattel
Wichtigstes Merkmal des ungarischen Sattels
ist, dass er ein ausgeprägter Osttyp ist.
Er ist niedrig ausgeformt, seine bogenförmigen
Zwiesel werden von Fahrleder zusammengebunden.
Die Zwiesel, deren Kopf vorne herausgebildet
ist, hinten nur bei einigen Varianten dominiert,
werden mit Lederriemen zusammengehalten,
und/oder mit Zapfen an die Sattelfüße angefügt,
die sich an den Pferderücken schmiegen. Der
nach vorne geneigte Vorderzwiesel ragt empor,
der Hinterzwiesel neigt sich meist zurück
und ist rund ausgeformt, was einer bequemen,
aber beweglichen Sitzhaltung entgegenkommt.
Angesichts der Abweichungen zwischen den
beiden Grundarten können wir daher feststellen,
dass es zwischen den lotrechten, auf einen
Gabelzwiesel aufgebauten Sätteln und den
waagrechten, auf die Sattelflügel aufgesetzten
Sätteln grundlegende Unterschiede gibt. Letzterer
liegt nur an zwei Punkten auf dem Pferd auf,
und hier kommen auch der Gurt zum Einsatz,
währenddem die abgerundeten Sattelflügel
das Pferd in keiner Weise in seiner Bewegung
beeinträchtigen. Die Sattelflügel ermöglichen
auch die Ausbildung des bequemen hinteren
Zwiesels, an den man sich anlehnen kann,
und die Entfernung zwischen den beiden Zwieseln
ist hier größer als bei den Gabelsätteln.
In diesem Sattel kann sich der Reiter daher
frei bewegen, wenden und hin- und herbeugen,
und so eignete er sich etwa für das Bogenschießen
nach hinten und für den berittenen Nahkampf.
Diese Eigenschaften wurden durch eine entscheidende
Neuerung begünstigt, dem Steigbügel. In ihm
gewinnt der Reiter sozusagen sicheren Boden,
seine Beine können sich abstützen, und er
kann im Sattel aufstehen.
Aufgrund des archäologischen Befundes, einschließlich
der Rekonstruktionen, der Miniatürabbildungen
zeitgenössischer Chroniken und Kodexe, sonstiger
künstlerischer Abbildungen, und des eher
wortkargen Quellenmaterials zur Sache, sowie
aufgrund vergleichender ethnographischer
Daten der heimischen Volkskunde können wir
uns mit relativer Sicherheit ein Bild über
den ungarischen Sattel machen, wie er von
den Magyaren zur Zeit der Landnahme verwendet
wurde, sich im Laufe des Mittelalters umwandelte,
und doch seine Form und Ausbildung bewahrte.
Aufgrund des Fundmaterials zeigt die Ausstellung
die verschiedenen Konstruktionsvarianten
auf.
Im Mittelalter wurde der später "ungarischer
Sattel" genannte Typ durch den Siegeszug
der gepanzerten Ritterschaft verdrängt, die
einen anders aufgebauten Sattel verwendete.
Die leichtere berittene Kampftechnik, deren
Effektivität sich zur Zeit der Zurückdrängung
der türkischen Herrschaft bewährte, verschaffte
dem ungarischen Sattel wieder Vorrang.
Sattler und Hersteller von Sätteln
Jene Meister, die Sättel herstellen, wurden
Sattler genannt. Auf Ungarisch ist das entsprechende
Wort als Standesbezeichnung seit 1359 bekannt,
und auch der Begriff Sattelmacher war gebräuchlich,
wofür wir ab 1510 Aufzeichnungen kennen…
Die Sattlermeister lebten und arbeiteten
am Übergang zwischen den bauernständischen
Handwerkern und den städtischen Zechen-Handwerken.
Einige Dörfer und Märkte entwickelten sich
zu Zentren der Sattlerei. In den bedeutenderen
Städten organisierte sich der Berufsstand
auch in Zechen.
Aus dem Vermächtnis der Zechen wissen wir
mit einiger Genauigkeit, in welchen Siedlungen
Ungarns Sättel hergestellt wurden. Die Sattler
waren in der Regel gleichzeitig auch Riemer,
bzw. die Riemer beschäftigten sich auch mit
der Herstellung von Sätteln, und sie organisierten
sich bereits im 14. und 15. Jahrhundert zu
einer Zeche.
Über jene Zechen, die sich rein nur mit Sattelei
beschäftigten, verfügen wir über Quellenangaben
aus dem 16. Jahrhundert: Schässburg (Segesvár)
1510, Herrmannstadt (Nagyszeben/Sibiu) 1545,
Preschau (Eperjes/Prešov) 1589, Kaschau (Kassa-Košice)
1591, Leutschau (Lõcse/Levoèa) 1592, Käsmarkt
(Késmárk/Kežmarok) 1614, Ödenburg (Sopron)
1670, Buda 1690, Deutsch-Liptsch (Németlipcse/Partizánska
¼upèa) 1728, Pest 1778, Debrecen 1783, Tiszafüred
1822; die meisten Quellen stammen aus Siebenbürgen,
das im Zechenwesen allen voraus war, aus
Oberungarn und aus den Zentralregionen.
Der tiszafüreder Sattel und seine Hersteller
Der Sattel von Tiszafüred war eine distinkte
und berühmte Variante des ungarischen Sattels.
Charakteristisch für diesen Typ, der ursprünglich
in Tiszafüred hergestellt wurde und sich
später ausbreitete, war die sehr niedrige
Stellung und die Ausbildung des vorderen
und hinteren Zwieselkopes als sogenannter
Zwiesellöffel, der häufig mit Schnitzwerk
verziert wurde.
Aufgrund der neuesten Nachforschungen können
wir die Sattlerei in Tiszafüred bis in die
Mitte des 18. Jahrhundert zurückverfolgen.
Darüber hinaus sind wir auf Vermutungen angewiesen.
Aufgrund des Quellenmaterials gehört die
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
gegründete tiszafüreder Zeche zu den späten
Zechen. Aus Tiszafüred stammt gleichzeitig
die genaueste Beschreibung der Sattelherstellung
in unserem Besitz, und von allen regionalen
Zentren der Sattlerei wissen wir am meisten
über deren Geschichte in Tiszafüred, einschließlich
der dort typischen Holzsattel mit Kunstschnitzerei.
Auf der Einberufungstafel der tiszafüreder
Sattlerzeche, die im Besitz des Völkerkundlichen
Museums steht, finden sich zwei Jahreszahlen
(1822 und 1849). Die ovale hölzerne Tafel
ist ebenfalls mit Schnitzerei verziert, welche
die Werkzeuge des Handwerkes und einen Sattel
aus der Vorderperspektive abbildet. Die Nachricht
konnte in einem Seitenfach mit Schiebeverschluss
deponiert werden. Auf dem Schieber sind Tulpenmotive
zu sehen, auf deren in Spiralform endenden
Stiel ist auch das auf den Zwiesellöffeln
beliebte Palmettenmotiv vertreten. Die beiden
Daten verweisen mit ziemlicher Sicherheit
auf das Gründungsjahr sowie auf das Jahr
der Erneuerung des Privilegs. Es gab auch
einen Zechenstempel, der allerdings samt
Privileg und Protokolle verlorengegangen
ist. Nach Auflösung der Zeche wurden die
Sattler 1876 Mitglieder des zweiten Handwerkerverbandes.
Aus der goldenen Zeit der tiszafüreder Sattler
verfügen wir über Quellen, dass füreder Sattler
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
auch im Ausland verdingt wurden. Der preußische
König Friedrich der Große ließ sich seine
Kavallerie ganz nach ungarischen Muster ausstatten
und ausbilden, wozu er ungarische Offiziere
bemühte, und gleichzeitig etliche Meister
aus Tiszafüred anstellte, die in Preußen
die Armee-Sattelbestände herstellten.
Ungarische Sättel - Husarensättel
Nach dem Muster des Husarentums verbreitete
sich die leichte Kavallerie in ganz Europa,
und mit ihr wurde über Jahrhunderte hinweg
der ungarische Sattel verbreitet, als unabdingbarer
Ausrüstungsgegenstand. Die Husaren sind eine
besondere ungarische Gattung von leichter
Kavallerie. Aufgrund ihrer Kriegserfolge
wurden sie europaweit bekannt, und nach dem
Misserfolg des Rákóczi-Befreiungskampfes
wurden die Husaren überall gern gesehen und
verdingt. Aus diesem Grund breitete sich
ab dem frühen 18. Jahrhundert diese typisch
ungarische Gattung von Kavallerie auf vierunddreißig
Staaten dieser Welt aus.
Wenn wir die Zusammenhänge zwischen dem Husarensattel
und dem ungarischen Sattel im Allgemeinen
und speziell dem füreder Sattel untersuchen,
so merken wir, dass bis zum anbrechenden
19. Jahrhundert im Wesentlichen von einer
Sattelart die Rede ist. Ab diesem Zeitpunkt
jedoch schlägt der Husarensattel eine eigenständige
Entwicklungsrichtung ein. Aufgrund seiner
Weiterentwicklung unterscheidet er sich mehr
oder weniger vom ungarischen bzw. füreder
Sattel, und zwar in mehrerer Hinsicht. Eine
wesentliche Entwicklung war, dass ab 1832
der vordere Zwieselkopf weggelassen wurde,
der bei Stürzen zahlreiche Verletzungen verursachte.
Der hintere wurde zur zweckmäßigen Befestigung
des Gepäcks ausgebildet. Andere, 1832 bereits
gängige Änderungen waren z.B. der untere
(Last-)Gurt, der mit Schnalle versehene obere
Gurt, die mit Eisenarmierung verstärkten
Zwiesel, und der besondere Zwieselkopf am
hinteren Zwiesel. Diese Neuerungen unterschieden
den Husarensattel vom alteingesessenen ungarischen
Sattel.
Die Husarensattel wurden 1868 neuerdings
vereinfacht, und diese Neuerungen entfremdeten
die Sättel des Husarentums, der "ungarischten
aller Waffengattungen", endgültig vom
einstigen zivilen Vorbild aus Holz.
Geplant ist, im Rahmen der Ausstellung dem
legendären ungarischen Husarentum ein lebensechtes
Andenken zu setzen, nebst zahlreichen zeitgenössischen
Abbildungen und Kunstgemälden.
Die Sattelsammlung des Völkerkundlichen Museums
Die größte Anzahl an Sätteln innerhalb der
Bestände des Völkerkundlichen Museums (93
Stück) stammt aus der Sammlung für Verkehrswesen
der Ungarischen Sektion. Aber auch die afrikanischen,
asiatischen und europäischen Sammlungen der
Internationalen Sektion enthalten nennenswerte
Sattelbestände (35 Stück). Vereinzelt finden
sich Sättel, sowie Dokumentationen zu Sätteln
auch in anderen Sammlungen, insofern bietet
die gesamthafte Darstellung der einschlägigen
Bestände gewisse Möglichkeiten für vergleichende
Analysen. Die Ausstellung ist nach gesellschaftlichen
Kategorien gegliedert, wie ländlicher Bauernstand,
Bewohner der Marktflecken, höhere Stände,
und vergleichsweise die nicht-ungarischen
Bestände anderer Völker, insofern deren Reitkultur
durch die Bestände des Völkerkundlichen Museums
dargestellt werden kann. In dieser Hinsicht
fällt die Sammlung zwar bescheidener aus,
aber mit Hilfe der zur Verfügung stehenden
Gegenstände und der vergleichenden Fachliteratur
wird eine relativ umfassende Vorstellung
der nicht-ungarischen Satteltypen ermöglicht.
Die ausgestellten Sättel aus den Sammlungen
des Völkerkundlichen Museums gliedern sich
aus technischer Perspektive in folgende Grundtypen:
1./ ohne Sattelbaum, sog. Polstersattel
2./ Sattelgerippe aus Zwiesel, Sattelfuß
3./ gabelartige Seitenbrett-Gerippe
4./ sonstige individuelle Sattelgestelle
Geografisch betrachtet, ist nach Herkunfts/Verwendungsort
folgende Streuung vertreten:
- Große Tiefebene, bzw. Tisza-Umland (mit
Ortsbezeichnung): 37 Stück, davon: Hajdúböszörmény
8 Stück, Hajdúszoboszló 3 Stück, Botpalád
3 Stück, Túrkeve 3 Stück, Tiszafüred 2 Stück,
Tiszabogdány 2 Stück, Komádi 2 Stück, Kecskemét-Bugac
2 Stück, Komitat Hajdú 2 Stück, sonstige
Siedlungen (je ein Exemplar) 10 Stück.
- Einzugsbereich der Tiefebene (mit Ortsbezeichnung):
12 Stück, davon: Eger 6 Stück, sonstige Siedlungen
(je ein Exemplar) 6 Stück.
- Übriges Ungarn (darunter mehrere, in der
Hauptstadt erworbene Exemplare ohne Ortsbezeichnung):
23 Stück.
- Übriges Karpatenbecken (mit Ortsbezeichnung):
20 Stück.
Die Sättel der Ungarischen Sektion des Völkerkundlichen
Museums sind hinsichtlich ihres Grundtyps
überwiegend der 2. Kategorie (Zwiesel, Sattelfuß,
Sattelgerippe) zuzuordnen. Aufgrund gewisser
Merkmale können innerhalb der Grundarten
weitere Untertypen bzw. viel eher Varianten
unterschieden werden. Eine erzwungene Kategorisierung
soll vermieden werden, insofern sehen wir
nur innerhalb der 2. Grundart eine weitere
Typisierung angezeigt, und zwar aufgrund
der Unterschiede hinsichtlich der Ausformung
der Zwiesel und deren Verbindungen zum Sattelfuß.
In dieser Hinsicht gehören die Exemplare
der Sammlungen der Ungarischen Sektion zu
folgenden Grundarten und Untertypen:
1. Polstersattel: 5%; 2.1. Ungarischer Sattel
(Vorderer und hinterer Zwiesel enden im sog.
Zwieselknopf, Verbindung aus Lederriemen
und/oder verzapft, sog. Fahrtledersitz):
10%; 2.2. Ostungarischer/Siebenbürger Sattel
(Hinterzwiesel ohne Kopf, sog. Rundausformung,
verzapfte Verbindung): 11%; 2.3. Tiszafüreder
Sattel (Vorder- und Hinterzwiesel endet im
charakteristischen sog. Zwiesellöffel, Verbindung
aus Lederriemen, sog. Fahrtledersitz): 55%;
3. Lastensättel: 6%; 4. Sonstige Sättel:
13%.
Aus den Sammlungen der Internationalen Sektion
des Völkerkundlichen Museums finden sich
Exemplare laut folgender Streuung: Afrika-Sammlung
(insgesamt 5 Exemplare): Abessinien 1, Afrika
1, Alexandrien 1, Jemen 1, Marokko 1 Stück.
Asien-Sammlung (insgesamt 26 Exemplare):
Asien 6, Baschkirien 1, Damaskus 1, Indien
1, Kaukasus 6, Kasachstan 1, China 2, Mongolien
1, Tibet 1, Turkestan 6 Stück. Europa-Sammlung
(insgesamt 4 Exemplare): Finnland 4 Stück.
Die relativ kleine Sammlung ist in struktureller
Hinsicht und im Hinblick auf die Ausstattung
dezidiert vielseitig und reichhaltig.
Typologisch fällt die Streuung folgendermaßen
aus:
1. Polstersattel: 6%, 2. Zwiesel-Sattelfuß:
77%, 3. Gabelartig-Seitenleiste/brett: 11%,
4. Sonstige und Übergangsformen: 6%.
Die Herstellung des Sattels
Hinsichtlich der Herstellung der ungarischen
Sättel steht dem Völkerkundlichen Museum
reichhaltiges, sich gegenseitig ergänzendes
Quellenmaterial zur Verfügung. Das Wörterbuch
von János Frecskay enthält eine allgemeine
Einführung in die Arbeitsgänge und den Werkzeugbedarf
der Sattelherstellung.
Die Handwerkliche Sammlung des Völkerkundlichen
Museums gelangte in den Besitz mehrerer Werkzeuge
aus der Werkstatt Mihály Kulis, des letzten
der tiszafüreder Meister. Die Sattlerei war
überwiegend eine Familientradition, die über
mehrere Generationen weitergegeben wurde.
Gyula László hat aufgrund der Erinnerungen
und der Berufserfahrung des tiszafüreder
Meisters eine akribisch ausführliche Beschreibung
der Meistergriffe und der Arbeitsgänge für
die Herstellung des füreder Holzsattels veröffentlicht.
Wichtige Details zu den Prozessen der Sattelherstellung,
den verwendeten Materialien, und den verschiedenen
technischen Kunstgriffen und Verfahren werden
auch aus Analysen im Rahmen der Restaurierung
einzelner Exemplare gewonnen.
Alles in allem erhalten wir ein klares Bild
zu den Arbeitsgängen der Herstellung eines
ungarischen (tiszafüreder) Sattels. Die Ausstellung
verwertet dieses Wissen, indem das Innere
einer Sattler- und Riemerwerkstatt rekonstruiert
wird.
Die Verzierung der Sättel
Die Sättel wurden vor Aneinanderfügen des
Sattelfußes und des Zwiesels verziert. Holzsättel
wurden mit Schnitzwerk versehen und mit Punkt-Strich-Motiven,
Blumen und sonstigen folkloristischen Motiven
bemalt. Selbstverständlich wurden auch schmucklose
Gebrauchssattel hergestellt.
Die wichtigsten Werkzeuge zur Verzierung
waren das Zackeneisen, das Schnitzmesser,
der kleine Bohrling und der Holzhammer. Mit
dem Zackeneisen wurden Kreise, Halbkreise
und Keilformen verschiedener Größe ins Holz
getrieben. Mit Hilfe des Schnitzmessers wurde
die Kunstschnitzerei hergestellt. Mit dem
kleinen Bohrling wurden verschiedene Muster
in die Holzoberfläche geschlagen.
Die am meisten verzierten bzw. betonten Teile
des Sattels waren die Zwiesel und die Seiten
der Sattelköpfe. Oft wurde nur die Außenseite
verziert, aber es gibt mehrere Beispiele
dafür, dass auch die Innenseite reich und
anspruchsvoll verziert wurde - mitunter reichhaltiger
und arbeitsintensiver, als die Außenseite.
Die neuesten ethnografischen Forschungen
haben neue Details zur Erstellung der Verzierungen
der tiszafüreder Holzsattel an den Tag gebracht,
und haben unser Wissen um weitere Zierelemente,
Formen und Motive erweitert.
Hinsichtlich der Verzierung verdienen die
sogenannten Knochensattel des Völkerkundlichen
Museums eine gesonderte Erwähnung. Typologisch
gesehen sind diese Exemplare den ungarischen
Sätteln zuzuordnen, in ihren strukturellen
Eigenschaften und ihrer Form kommen sie im
Wesentlichen dem tiszafüreder Typ nahe, doch
stellen sie eine besondere, hochstehende
Variante des Sattler-Kunsthandwerks dar.
Gebrauch der Sättel
Die Erforschung der Urgeschichte des Ungarntums
zeigt, dass die Reitkunst bereits fester
Bestandteil der finn-ugrischen Kulturkreises
war. Die zahlreichen Funde von Zaumzeug in
den Ausgrabungen der Ananyinoer Kultur zeugen
weniger von Bejochung als vielmehr von der
Nutzung des Pferdes als Reittier.
Die Bestände der Ausstellung machen deutlich,
dass je einfacher das Sattelgerippe und die
Ausstattung, desto eindeutiger, dass der
Sattel für einen alltäglichen Gebrauch bestimmt
war, gegebenenfalls speziell für eine bestimmte
Tätigkeit, einen bestimmten Zweck. Je anspruchsvoller
und reicher ein Sattel verziert ist, und
je umfangreicher die Ausstattung, desto wahrscheinlicher
ist, dass er repräsentativen und protokollarischen
Zwecken diente, bzw. zu Festzeiten verwendet
wurde. Die Aussteller sind bemüht, vom Gebrauch
des Sattels durch Darstellungen, Fotos, sowie
Film- und Videoclips ein lebendiges Bild
zu vermitteln, bis hin zum Sportreiten, zum
therapeutischen Reiten und zum Reittourismus.
Ein Sonderraum ist dem Andenken an die Glanzleistungen
des ungarischen Pferdesport gewidmet (Kincsem,
Imperial). Eine weitere Einheit ist den heutigen
Bemühungen vorbehalten, die Traditionen der
Reitkultur am Leben zu erhalten, einschließlich
des Tourismuses.
Heutzutage kann beobachtet werden, dass das
Interesse an der Geschichte und den Traditionen
der Reitkultur wieder im Steigen begriffen
ist. Das neue Interesse mag zwar dazu verleiten,
zu idealisieren, trotzdem ist zu begrüßen,
dass der gute alte ungarische Holzsattel
wieder dem Dunkel der Vergangenheit entrissen
wird, hat sich dieser doch über Jahrhunderte
hinweg bewährt. Wir sind praktisch Zeugen
einer Wiederbelebung vergangen gemeinter
Traditionen: Sattler studieren die alten
Exemplare und erstellen Rekonstruktionen,
und es wird sogar an einer Weiterentwicklung
des bewährten Holzsattels vom tiszafüreder
Typ gearbeitet, der heutigen Anforderungen
entsprechen soll. Die Ausstellung versäumt
es nicht, auf diese Versuche gewisser Handwerker
und Firmen hinzuweisen, das historische Erbe
weiterzuvermitteln.
* * *
Bis zu seiner Verdrängung als Gebrauchsgegenstand
war der ungarische Sattel im Leben der ländlichen
Bevölkerung ein allseits geschätzter Bestandteil
des Alltags, und auch ein Zeichen der Repräsentation
und der Festfreude. Die Ziersattel avancierten
im Kreise der Adelsfamilien mitunter zu wahrhaftigen
Familienikonen.
Die Schlussfolgerungen und Feststellungen
aus dem reichhaltigen, aber hinsichtlich
Zeit und Raum, Menge und Qualität doch gewissen
Beschränkungen unterliegenden Bestand sind
erzwungenermaßen von beschränkter Gültigkeit.
Durch die Veröffentlichung des Ausstellungskataloges
möchten wir einerseits dem Interesse nach
unseren volkskundlichen Werten entgegenkommen,
andererseits soll er zur Fortführung der
wissenschaftlichen Diskussion aufgrund der
gesicherten Dokumentation anregen. Die Entwicklungsgeschichte
der verschiedenen Sattelvarianten kann in
groben Zügen als bekannt vorausgesetzt werden,
doch sehen wir uns in vielen Details noch
unbeantworteten Fragen gegenüber. Wir hoffen,
dass auch diese Studie Anhaltspunkte für
die weitere Erforschung der noch unklaren
Gebiete bietet. Durch das Aufwerfen der unbeantworteten
Fragen beabsichtigen wir, zu deren fachlichen
und wissenschaftlichen Klärung anzuspornen.
Zum Schluss erinnern wir uns an die Besonderheit
des östlichen Satteltypuses, die Ausdruck
einer intimen Beziehung und gegenseitigen
Wertschätzung zwischen Mensch und Pferd ist,
und ein selbstredendes Zeugnis der Bestrebung
darstellt, die Harmonie zwischen dem Tier
und seinem Halter aufrechtzuerhalten. Sowohl
die Baschkiren als auch die Kirgisen waren
sehr bestrebt, jedem Aufreiben des Pferderückens
zuvorzukommen. Ein kirgisischer Spruch besagt:
Attin arkaszin boszkan ijerni, altin hoszti
bolszada otka zsak - einen Sattel, der den
Rücken deines Pferdes aufreibt, sollst du
selbst dann verbrennen, wenn sein Kopf aus
Gold wäre.
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