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Die Entzauberung der Eliten

Wissen, Ungleichheit und Kontingenz
Szerző: Nico Stehr, Christoph Henning und Bernd Weiler

Gemeint ist hiermit der Rückgang, nicht die Aufhebung der direkten materiellen Abhängigkeit der Individuen und Haushalte von Aktivitäten, die sich im Rahmen des Marktes abspielen, insbesondere der Abhängigkeit von der beruflichen Situation. Was sich verringert hat, ist der Grad und die Ausschließlichkeit der materiellen Abhängigkeit der Akteure von ihrer Berufsposition, und was sich erhöht hat, sind die Chancen der Haushalte auf eine relative Unabhängigkeit vom Arbeitsmarkt aufgrund erheblich verbesserter Vermögensverhältnisse.




Die »Entzauberung der Eliten«:
Wissen, Ungleichheit und Kontingenz*

Nico Stehr, Christoph Henning und Bernd Weiler

In einem vor rund drei Jahrzehnten gehaltenen Vortrag vor Mitarbeitern des
damals noch riesigen, heute jedoch nicht mehr existierenden amerikanischen
Telekommunikationskonzerns AT&T entwarf der Soziologe Daniel Bell ein
Porträt der amerikanischen Gesellschaft im Jahre 2003. Wenig überraschend
spielte in dieser gesellschaftstheoretischen Vorausschau der Begriff der
postindustriellen Gesellschaft eine zentrale Rolle. Nach Bell ermöglicht es das
Konzept der postindustriellen Gesellschaft, jene tiefen, die soziale Wirklichkeit
umgestaltenden Strukturen freizulegen, die in der Gegenwart bereits latent
vorhanden sind, ihr volle Wirksamkeit jedoch erst in der Zukunft entfalten
werden.

Im Folgenden geht es nicht um die Beurteilung, ob die Bellsche Skizze der
amerikanischen Gesellschaft im Jahr 2003 bzw. seine Archäologie zentraler
gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen richtig oder falsch gewesen ist.
Vielmehr wollen wir uns seines methodischen Kunstgriffs bedienen und bestimmte
emergente Aspekte der komplexen sozialen Ordnung der Gegenwart
gedanklich sowie begrifflich isolieren, um sie für den Zweck der Erkenntnisgewinnung
neu zu gruppieren (vgl. Schon 1967). Unser konkretes Erkenntnisinteresse
gilt hierbei der Frage nach der Existenz und Erscheinungsform
von Eliten in den sich herausbildenden Wissensgesellschaften. Diese Frage ist
eingebettet in die Problematik sozialer Ungleichheit und der allgemeinen
Machtverhältnisse in modernen Gesellschaften. Von Eliten lässt sich nämlich
nur dann sinnvoll sprechen, wenn Eliten nicht als isolierte, ahistorische und
vollkommen freischwebende soziale Akteure aufgefasst werden, sondern in
Beziehung zu den in einer bestimmten Gesellschaft jeweils vorherrschenden
Machtverhältnissen und Strukturen sozialer Ungleichheit gesetzt werden.
Aus methodischer Perspektive sei einleitend betont, dass eine Untersuchung
dieser Art Entscheidungen darüber voraussetzt, welche sozialen Kräfte
——————
* Dieser Text entstand unter Bezugnahme auf eine Reihe von Veröffentlichungen, in denen der
Versuch unternommen wurde, eine Theorie der modernen Gesellschaft als Wissensgesellschaft
auszuarbeiten (vgl. z. B. Stehr 1994; 2000).
Deutschlands Eliten im Wandel, hrsg. von Herfried Münkler, Grit Straßenberger
und Matthias Bohlender. Frankfurt a. M./New York: Campus 2006.

 

240 N. STEHR/C . HENNING/B. WEI LER
und Erscheinungen der Gegenwart auch für die Gesellschaft der Zukunft als
bedeutsam und zentral angesehen werden. Eine solche Untersuchung beruht
demnach eher auf der theoretisch begründeten Extrapolation bestimmter als
zentral angesehener Entwicklungstendenzen als auf der Sammlung empirischer
Einzelbefunde. Sie muss demnach aus heuristischen Überlegungen bewusst
eine Vielzahl von sozialen Erscheinungen ausblenden und bedarf – dies
gestehen wir bereitwillig ein – eines gewissen Maßes an Spekulation. Hieraus
folgt auch, dass eine vorrangig quantitativ ausgerichtete Untersuchung über die
Existenz und die Rolle von Eliten in den Wissensgesellschaften wenig
Aussagekraft besitzt. Hierfür fehlen nicht nur die notwendigen Indikatoren
und Daten, sondern insbesondere die theoretische Ausarbeitung und Konzeptualisierung
dieser Problematik. Zu letzterem will dieser Aufsatz einen kleinen
Beitrag leisten.
Die folgende Abhandlung verfolgt im wesentlichen zwei Ziele: Erstens
möchten wir zeigen, dass das bisherige Verständnis von Eliten, sozialer Ungleichheit
und gesellschaftlicher Macht eng an eine bestimmte Theorie der Gesellschaft,
nämlich an die Theorie der Industriegesellschaft, geknüpft war. Da
jedoch, so unsere These, die industrielle Gesellschaft sich im Westen dem
Ende zuneigt, wandeln sich, verschieben sich und verschwinden teilweise auch
jene Bedingungen, die bisher die Basis der sozialen Stratifikation und der
Existenz von Eliten bildeten. Zweitens ist es aufgrund dieser Entwicklungen
notwendig und lohnenswert, die Ursachen und Folgen sozialer Ungleichheit in
der modernen Gesellschaft grundsätzlich neu zu überdenken und damit auch
die Frage nach der Präsenz von Eliten in der heutigen Gesellschaft neu zu
stellen.
I. Industriegesellschaften und soziale Ungleichheiten
Die Analyse sozialer Klassen ist in Verruf geraten. Ihr Ableben ist wahrscheinlich
auch durch das Verschwinden der Staaten beschleunigt worden, die sie in
der Praxis abschaffen wollten. Die noch verbliebene, sich als unabhängig von
der marxistischen Klassen- und Schichtungstheorie verstehende Untersuchung
sozialer Ungleichheit lässt sich auf eine Analyse der Ungleichheit in Industriegesellschaften
reduzieren, die von konventionellen Klassifikationen Gebrauch
macht und sich auf Arbeitsmarktstrukturen und Produktionseinheiten beschränkt
(vgl. Goldthorpe/Marshall 1992).
Im Mittelpunkt klassischer Theorien sozialer Ungleichheit sowie ihrer modernen
Ableitungen steht die vertikale Dimension, das Höher und Tiefer, das


DIE »ENTZAUBERUNG DER ELITEN« 241
Oben und Unten von sozialen Klassen und Schichten. Die vertikale Positionierung
wiederum ergibt sich aus den Beziehungen von Personen oder Gruppen
zu Eigentum und seinem Marktpreis, einschließlich der Löhne, die sich
aus dem Verkauf des Eigentums an der Arbeitskraft erzielen lassen. Aus diesen
Prämissen folgt, dass sich soziale Hierarchien in industriellen Gesellschaften
letztlich immer in Bezug auf den produktiven Prozess und die Folgen seiner
spezifischen Organisation konstituieren und legitimieren. Direkt oder indirekt
ist demnach soziale Ungleichheit eine Funktion der Beziehung des Einzelnen
zu Arbeit oder Eigentum und den monetären Gewinnen in Form von Löhnen,
Zinsen, Profiten und Mieten. Die Identität des Einzelnen ist somit durch seine
Beziehung zum Arbeits- bzw. Produktionsprozess geprägt, wenn nicht sogar
determiniert. Soziale Schichten und Klassen konstituieren sich in gleicher
Weise. Mit anderen Worten: Sowohl marxistische als auch nicht-marxistische
Ansätze fassen die moderne Industriegesellschaft noch immer vorrangig als
eine Arbeitsgesellschaft auf.
In den letzten beiden Jahrzehnten haben Schichtungstheoretiker auf neue
Formen der Ungleichheit hingewiesen, welche die Lebenschancen, den Lebensstil
und das soziale Ansehen des Einzelnen berühren (vgl. z. B. Hondrich
1984).1 Der Beruf, die Arbeit und ihre unmittelbaren Folgen geraten in diesen
Theorien fast schon zu Sekundärmerkmalen der Analyse sozialer Ungleichheit.
Die Einbeziehung dieser neuen Formen der Ungleichheit und somit die empirische
und theoretische Erweiterung der Analyse wurde erforderlich, da sich
die Industriegesellschaft von einer mehr oder minder eindimensionalen Berufs-
zu einer mehrdimensionalen Arbeitsgesellschaft wandelt.
Die Berücksichtigung dieser neuen Formen sozialer Ungleichheit reicht
unseres Erachtens jedoch nicht aus, sondern es bedarf erheblicher darüber hinausgehender
Korrekturen. Die Notwendigkeit dieser grundlegenden Revision
hängt vor allem damit zusammen, dass sich die Wirtschaftsstruktur der Industriegesellschaft
radikal gewandelt hat und eine neue wissensbasierte Ökonomie
im Entstehen begriffen ist. Jene Faktoren, die für den Ablauf der Produktionsprozesse
in den Industriegesellschaften maßgeblich waren, scheinen heute
als Bedingungen für die Möglichkeit wirtschaftlichen Wachstums mehr und
mehr an Bedeutung zu verlieren. Dazu gehören insbesondere die Entwicklung
von Angebot und Nachfrage nach Primärgütern und Rohmaterialien; die Ab-
——————
1 Reinhard Kreckel (1983: 7) listet folgende neue Formen sozialer Ungleichheit auf:
»geschlechtsspezifische Ungleichheiten, die regionalen Disparitäten, die Benachteiligungen
von Minderheiten und sozialen Randgruppen, die Ungleichverteilung der Wohlfahrtsteilhabe
und des Zuganges zu öffentlichen Gütern, die Ungleichgewichtigkeit von sozialen Lasten, die
periphere Lage der sogenannten Gastarbeiter sowie die Abhängigkeiten und Ungleichgewichte
im Weltmaßstab«.


242 N. STEHR/C . HENNING/B. WEI LER
hängigkeit der Nachfrage nach Arbeit vom Produktionsumfang; die relative
Bedeutung des Herstellungssektors, der die Primärgüter verarbeitet; die Rolle
der Arbeit (im Sinne von Handarbeit) und deren soziale Organisation; die Bedeutung
des internationalen Handels mit Waren; die Funktion von Ort und
Zeit im Produktionsprozess, sowie die Grenzen des Wachstums der wirtschaftlichen
Wertschöpfung. Gemeinsamer Nenner dieser Veränderungen in
der Wirtschaftsstruktur der Industriegesellschaften ist der Wechsel von einer
Ökonomie, deren Produktion hauptsächlich durch materielle Faktoren bestimmt
wird, zu einer Wirtschaft, in der Produktion und Distribution auf wissensfundierten
Faktoren basiert. Mit dem Ende der herkömmlichen Industriegesellschaft
und dem Aufkommen einer neuen Gesellschaftsformation verschwinden
Arbeit und Eigentum nicht; aber Wissen tritt als Strukturierungsmechanismus
in Konkurrenz zu ihnen. Die Veränderungen in Struktur und
Ablauf der modernen Wirtschaft spiegeln zusehends die Tatsache wider, dass
Wissen zum Motor im Produktionsprozess wird, zur primären Voraussetzung
für eine weitere wirtschaftliche Expansion und der Herausbildung neuer Grenzen
des wirtschaftlichen Wachstums in den entwickelten Ländern. In der Wissensgesellschaft
machen kognitive Faktoren, Kreativität, Wissen und Information
in zunehmendem Maße den Großteil des Kapitals eines Unternehmens
aus. Wissen wird zu dem entscheidenden Rohstoff, wird zunehmend wichtiger
als Kohle, Erdöl und Eisen. Zusammenfassend bedeutet dies, dass in den
Wirtschaften dieser Gesellschaften für die Produktion von Gütern und
Dienstleistungen mit Ausnahme der hochstandardisierten Güterproduktion
andere Faktoren im Mittelpunkt stehen als »the amount of labor time or the
amount of physical capital« (Block 1985: 95; vgl. auch Drucker 1986; Lipsey
1992).
Die zunehmende Bedeutung von Wissen als Strukturierungsmechanismus
beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Bereich des Ökonomischen, sondern
Wissen wird zum Organisationsprinzip und zur Problemquelle der modernen
Gesellschaft schlechthin. Gerade da Wissen, Technik und Wissenschaft in alle
gesellschaftlichen Lebensbereiche und Institutionen vordringen, reicht auch
die primär auf Arbeit und Eigentum als konstitutive Merkmale rekurrierende
Logik der Industriegesellschaft nicht mehr aus, um Ungleichheit und Schichtung
in der modernen Gesellschaft zu erfassen.2 Zusehends wird Wissen zu ei-
——————
2 Natürlich hat Wissen im menschlichen Zusammenleben stets einen zentralen Stellenwert
eingenommen. Soziales Handeln, soziale Interaktionen oder soziale Rollen sind wissensgeleitet.
Soziale Gruppierungen sind nicht bloß Herdenbildungen, sondern symbolisch vermittelt,
das heißt, sie beruhen auf Wissen. Im Sinne der philosophischen Anthropologie ließe sich
Wissen als ein Kompensationsmechanismus verstehen, auf den der Mensch als instinktarmes
Mängelwesen angewiesen ist. Man kann demnach Wissen geradezu als eine anthropologische


DIE »ENTZAUBERUNG DER ELITEN« 243
ner entscheidenden Ressource des Einzelnen, welche seine praktische Handlungsfähigkeit,
seine (kulturellen) Handlungsziele und seine (materiellen)
Handlungsspielräume grundlegend bestimmt. Wissen wird somit – wie im folgenden
Abschnitt näher ausgeführt werden soll – zu einem grundlegenden
Stratifikationsprinzip moderner Gesellschaften.
II. Wissensgesellschaften und soziale Ungleichheiten
Genau wie Wissen schon immer eine Rolle im menschlichen Handeln gespielt
hat, ist es, zumindest als kulturelle Handlungsressource, schon immer im
Kontext gesellschaftlicher Ungleichheit bedeutsam gewesen. So haben z. B. die
Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, aber auch andere kulturelle Fertigkeiten,
wie die Gesetzeskenntnis oder das religiöse »Wissen«, eine wichtige Rolle in
der Bestimmung des sozialen Ansehens und gesellschaftlichen Einflusses gespielt
(Stinchcombe 1968: 326f.). Die entscheidenden Fragen in unserem Zusammenhang
sind jedoch, wie sich die wachsende Bedeutung des Wissens in
der modernen Gesellschaft auf das System der sozialen Ungleichheit auswirkt
bzw. inwieweit Wissen generell die Struktur der sozialen Schichtung der industriellen
Gesellschaft transformiert. Ehe wir jedoch diese Fragen zu beantworten
suchen, soll zuerst geklärt werden, welche strukturellen Veränderungen
dazu führten, dass Wissen im Kontext der Formation von Ungleichheit an Bedeutung
gewonnen hat.
Soziostrukturelle Voraussetzungen für die Entwicklung von Wissen als
Stratifikationsprinzip
Wir möchten auf drei grundsätzlich relevante soziale Transformationsprozesse
verweisen, die als Basis und Bedingung für die Entwicklung von Wissen als
Stratifikationsprinzip gelten.3 Zu diesen neuartigen soziostrukturellen – nicht
——————
Konstante bezeichnen. Trotz dieser anthropologischen Dimension von Wissen lassen sich,
wie im vorigen Abschnitt skizziert wurde, die modernen Gesellschaften als Wissensgesellschaften
charakterisieren und von früheren Gesellschaftsformationen, insbesondere auch von
Industriegesellschaften, unterscheiden.
3 Unschwer lassen sich weitere Faktoren identifizieren, die Teil der gleichen gesellschaftlichen
Figuration sind und dazu beitragen, dass sich die zentrale gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit
vermindert bzw. jene von Wissen wächst. Dazu gehören z. B. die generelle Arbeitszeitverkürzung
und der erhebliche Anstieg der Arbeitseinkommen, die einerseits die Freiheit und
Autonomie erhöhen, außerhalb der Arbeitssituation Lebensinteressen zu verfolgen, und ande


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ausschließlich kulturellen, sondern auch sozioökonomischen, rechtlichen und
politischen – Bedingungen4 gehört der relative Verlust der unmittelbaren
gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der Ökonomie, insbesondere des Arbeitsmarktes,
für Individuen und Haushalte. Gemeint ist hiermit der Rückgang,
nicht die Aufhebung der direkten materiellen Abhängigkeit der Individuen
und Haushalte von Aktivitäten, die sich im Rahmen des Marktes
abspielen, insbesondere der Abhängigkeit von der beruflichen Situation. Was
sich verringert hat, ist der Grad und die Ausschließlichkeit der materiellen Abhängigkeit
der Akteure von ihrer Berufsposition, und was sich erhöht hat, sind
die Chancen der Haushalte auf eine relative Unabhängigkeit vom Arbeitsmarkt
aufgrund erheblich verbesserter Vermögensverhältnisse. Trotz starker oder –
wie von manchen behauptet – wachsender Ungleichheiten in der Verteilung
des Wohlstandes und trotz konjunktureller Einbrüche sollte man nicht übersehen,
dass dies mit einer ökonomischen Entwicklung der industriellen Gesellschaften
Westeuropas und Nordamerikas in den Jahren von 1950 bis 1985 zusammenhängt,
die als historisch durchaus einmalig angesehen werden kann;
nämlich mit dem enormen Anwachsen des allgemeinen Wohlstandsniveaus.
Wie Alan Milward zutreffend bemerkte:
»[B]y the end of this period the perpetual possibility of serious economic hardship which had
earlier always hovered over the lives of three-quarters of the population now menaced only
about one fifth of it. Although absolute poverty still existed in even the richest countries, the
material standard of living for most people improved almost without interruption and often
very rapidly for thirty-five years. Above all else, these are the marks of the uniqueness of the
experience« (Milward 1992: 21).
——————
rerseits den marginalen Nutzen von Gehaltserhöhungen erheblich tangieren (vgl. Kern/Schumann
1983).
4 Stephen Kalberg (1992) hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Abkoppelung der Arbeit
vom sozialen Status in der modernen Gesellschaft oder von Debatten über die Rolle der Arbeit
in der postindustriellen Gesellschaft stark von nationalen, politischen und historischen
Besonderheiten oder, wie er es nennt, lokalen Milieus, geprägt ist. In Deutschland erfreuen
sich berufsbezogene Werte und Leistungen nicht unbedingt eines höheren Rangs als die anderer
sozialer Kontexte (wie z.B. Freizeit und Privatsphäre), während in den Vereinigten Staaten
die gesellschaftliche Zentralität der Arbeit ungebrochen ist. Daraus folgt für Kalberg, dass der
gesellschaftliche Stellenwert der Arbeit in beiden Gesellschaft erheblich voneinander abweicht.
Es fällt auf, dass sich Kalberg nicht auf die Ergebnisse von Robert Dubins komparativen
Forschungen bezieht, in denen er die Frage nach der Rolle von Arbeit als zentralem Lebensinhalt
(central life interest; Dubin 1992: 123–124) formuliert hat. Dubins Thesen und
empirische Forschungen haben in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von Untersuchungen
ausgelöst, in denen versucht wird zu zeigen, dass der Bedeutungsgehalt der Arbeit mit der
Berufsposition (man vergleiche z. B. Manager mit Industriearbeitern) und Gesellschaft (z.B.
Japan und die USA) variiert. Dubins (1956) ursprüngliche Forschungsarbeiten in den USA
zeigten, dass nur 24 Prozent der von ihm befragten Industriearbeiter ihre Arbeit als zentralen
Lebensinhalt empfanden.

DIE »ENTZAUBERUNG DER ELITEN« 245
Ein weiterer wichtiger Grund für die Veränderung der Grundlage der sozialen
Ungleichheit muss in der Errichtung, Ausgestaltung und Garantie eines Bündels
von Staatsbürgerrechten, insbesondere eines Existenzminimums, gesehen
werden (vgl. Dahrendorf 1987). Die politische Durchsetzung sozialer Anrechte
reduziert die unmittelbare Abhängigkeit der Individuen und Haushalte von der
Wirtschaft im Allgemeinen und vom Arbeitsmarkt im Besonderen. Die
Loslösung von einer unmittelbaren materiellen Abhängigkeit, der Rückgang
von Einschüchterungsmöglichkeiten sowie der Gewinn an existentiellem
Schutz schaffen für den Einzelnen neue Handlungsspielräume.5 Die letzte
wichtige soziostrukturelle Veränderung, die den geringeren Stellenwert der
Wirtschaft für die Existenz des Einzelnen signalisiert und auch beeinflusst, ist
der Verlust einst bedeutender exemplarischer Verhaltensregeln oder autoritärer
Mittelpunkte der Gesellschaft. Die moderne Gesellschaft hat nicht mehr nur,
trotz der Rede von der Homogenisierung oder Globalisierung ihrer Lebensverhältnisse,
einige wenige einflussreiche (oder monolithische) politische Parteien,
Familienstrukturen, Gewerkschaften, Geschlechtsbeziehungen, religiöse
Gemeinschaften, wissenschaftliche Disziplinen, ethnische Gruppen, soziale
Schichten oder Klassen, Gemeinschaften, Städte oder Unternehmensstrukturen.
In jeder dieser sozialen Organisationsformen ist vielmehr ein
Prozess der Dezentrierung oder Lockerung zu konstatieren. Auch diese
Veränderungen bedeuten für den Einzelnen eine potenzielle Erweiterung seiner
Handlungsspielräume.
Die hier skizzierten, die modernen Gesellschaften auszeichnenden soziostrukturellen
Veränderungen, nämlich der gestiegene gesellschaftliche Wohlstand,
der staatlich garantierte Grundrechtsschutz sowie die Schwächung der
großen, das Verhalten normierenden Institutionen, sind im Rahmen der
Schichtungstheorien unseres Erachtens bislang zu wenig berücksichtigt worden.
Die existierenden Theorien sozialer Ungleichheit vertreten weiterhin die
These einer engen Verbindung von Produktionsprozess und Ungleichheit, sowie
der zentralen Bedeutung der sozialen Organisation und der materiellen
Folgen des Produktionsprozesses für Familie, Generationen, Klassen und Individuen.
Darüber hinaus gilt, dass die dominanten begrifflichen Kategorien
der Ungleichheitstheorien Individuen und Gruppen als gefügige, passive Akteure
darstellen, die sich oft nur als Opfer porträtiert sehen und sich in singuläre,
eindeutige Strukturen sozialer Ungleichheit verstrickt finden, in Ungleichheitsstrukturen,
die oft über Generationen hinweg dem Einzelnen, den Haus-
——————
5 Dies bedingt keineswegs das Verschwinden ökonomisch oder sozial schutzbedürftiger Gruppen
der Bevölkerung oder sogar einer Unterklasse. Tatsächlich können sich die Benachteiligungen
dieser Gruppen verstärken.


246 N. STEHR/C . HENNING/B. WEI LER
halten oder Familien ihren Rhythmus aufzwingen. Solange soziale Ungleichheit
als eine weitgehend starre, eindimensionale Struktur aufgefasst wird, beschäftigten
sich die mit ihr verbundenen theoretischen Reflexionen notwendigerweise
vor allem mit Fragen der Kontrolle, der Subordination, der Abhängigkeit
sowie der praktischen Ohnmacht oder Handlungsunfähigkeit der Mehrzahl der
Gesellschaftsmitglieder angesichts der Herrschaft der Mächtigen.
Eine entscheidende Folge der skizzierten soziostrukturellen Veränderungen
ist die Lockerung, zunehmende Komplexität und Zerbrechlichkeit moderner
Sozialstrukturen sowie der Herrschaftsverlust der alten Institutionen. Dies
führt auch zu neu gewonnenen Handlungskapazitäten bzw. zu einer potenziellen
Erweiterung der Handlungsspielräume auf Seiten der Akteure, zu der Möglichkeit,
dass eine größere Anzahl von Individuen und Gruppen die Fähigkeit
hat, diese Strukturen in ihrem Sinn zu beeinflussen und zu reproduzieren.6
Wenn zentrale gesellschaftliche Institutionen an Macht einbüßen, alte Verhaltensmuster
ihre Wirksamkeit verlieren und sich die Verhaltensmöglichkeiten
multiplizieren, gewinnt Wissen als Handlungsressource und als Grundlage sozialer
Ungleichheit an Bedeutung.
Wissen als ein Bündel sozialer Kompetenzen
Um zu verstehen, wie sich Wissen als flexible und vielfältige Handlungsressource
von den traditionellen, insbesondere materiellen Mitteln sozialer Stratifikation
unterscheidet und selbst zur Grundlage sozialer Ungleichheit wird, ist
es notwendig, Wissen als eine generalisierte Kompetenz zu konzipieren, die relativ
unmittelbar soziale Vorteile bzw. Nachteile in der Form von Einfluss, Ansehen,
Macht und Herrschaft mit sich bringt. Wissen repräsentiert ein allgemeines
Bündel von sozialen Kompetenzen, wie etwa die Fähigkeit eines Akteurs,
situationsadäquat zu handeln und zu sprechen und hieraus Vorteile zu ziehen
(Bourdieu 1975: 19).7
Das Verhältnis von materiellen und kognitiven Faktoren sozialer Ungleichheit
kehrt sich somit um. Wissen steuert und reguliert die materiellen
——————
6 Dass diese potenzielle Erweiterung des Handlungsspielraumes oftmals mit dem Verlust an
Handlungssicherheit einhergeht und auf Seiten der Individuen zu einer bewussten Negation
der erweiterten Handlungsmöglichkeiten führen kann, sei hier nur angemerkt.
7 In einem anderen Zusammenhang beschreibt Jean-François Lyotard (1979/1986: 65) die
sozialen Eigenschaften des Wissens in ähnlicher Weise. Lyotard betont, dass sich die Rolle des
Wissens in postmodernen Gesellschaften nicht vorrangig auf das wissenschaftliche, das heißt
instrumentelle Wissen bezieht. Wissen fällt vielmehr mit einer »umfassenden ›Bildung‹ von
Kompetenz zusammen: Es ist die einzige in einem Subjekt verkörperte Form, das aus
verschiedenen Arten von es konstituierender Kompetenz zusammengesetzt ist«.


DIE »ENTZAUBERUNG DER ELITEN« 247
Komponenten sozialer Ungleichheit. Selbst wenn man nur bereit ist zu konzedieren,
dass Wissen eines von mehr oder weniger gleichwertigen Instrumenten
sozialer Ungleichheit in der modernen Gesellschaft ist, muss man Wissen zumindest
als eine Art »Meta«-Kompetenz begreifen, mit deren Hilfe gesellschaftlicher
Einfluss realisiert werden kann, materielle Besitzstände erworben,
verteidigt und vermehrt werden können. Wissen repräsentiert Handlungsfähigkeiten
oder Handlungskompetenzen, die das Individuum vor den unmittelbaren
Unsicherheiten des Marktes und vor Abhängigkeiten anderer Art schützen.
Die Verlagerung des Fokus auf das Wissen bzw. auf wissensfundierte
Kompetenzen offenbart ein neues Fundament sozialer Ungleichheit.8 Die
vielfältigen Verteilungsmuster der Kompetenzen, ihre Substituierbarkeit und
multiplen Kombinationen verschiedener wissensfundierter Kompetenzen sowie
die immer wieder variierenden Anforderungen bringen es mit sich, dass die
konkreten sozialen Unterschiede in der Wissensgesellschaft weniger kohärent,
eindimensional, teilweise sogar weniger sichtbar sind als die Ungleichheitsstrukturen
in der Industriegesellschaft. Ungleichheitsstrukturen in der Wissensgesellschaft
sind sehr heterogene Figurationen und stark situationsspezifisch
geprägte soziale Differenzierungen. Im Folgenden sollen die wichtigsten,
die Struktur sozialer Ungleichheit beeinflussenden wissensfundierten Handlungskompetenzen
kurz vorgestellt werden:
(1) Die Fähigkeit, Ermessensspielräume auszunutzen: Da weder sozial konstruierte
Regeln, Normen und Standards alltäglichen und nichtalltäglichen Verhaltens,
noch ihre gesellschaftlich vermittelte Implementation und Kontrolle
äußerst selten ohne einen Ermessensspielraum bleiben, erlauben sie Interpretations-
und Exekutionsmöglichkeiten, die sachverständige Akteure als Kapazität
nutzen können, um sich in bestimmten Situation Vorteile zu verschaffen
bzw. Nachteile zu vermeiden. Die Fähigkeit, Ermessensspielräume auszunutzen,
verweist daher auf die Möglichkeit, sich einen komparativen Vorteil zu
verschaffen, sei es auf dem Gebiet der Verkehrsregeln, der Steuergesetze, Investitionsmöglichkeiten,
der beruflichen Karriere, der Ausbildung, der Einkommensverbesserungen
usw.
(2) Die Möglichkeit, Schutz zu organisieren: Die symbolischen oder materiellen
Kosten, die aus der Unfähigkeit entstehen, adäquaten Schutz zu organisieren,
können erheblich sein. Schutzmaßnahmen ergreifen und Schutzvorrichtungen
——————
8 In der Betonung von Wissen als zentraler Komponente der sozialen Ungleichheit drückt sich
auch die Tatsache aus, dass seine Voraussetzungen und Folgen in der Praxis weniger eindeutig,
unstrittig und explizit sind, als dies noch für die herkömmlichen Schichtungsvariablen wie
z. B. Einkommen, Beruf und formaler Bildung der Fall war. Mit Wissen sind somit weniger
definitive Schichtungsstrukturen und -konturen verbunden.


248 N. STEHR/C . HENNING/B. WEI LER
anbringen zu können, ist wiederum eine Frage der besonderen Kompetenz, die
von Akteuren den Zugang zu Spezialwissen verlangt. Als Beispiel sei hier auf
den Schutz des Eigentums vor struktureller oder unüblicher Entwertung verwiesen.
(3) Die Befähigung und Fertigkeit zu sprechen (vgl. auch Bourdieu 1975) basiert
zunehmend auf dem Können, Wissen in relevanten Kontexten angemessen zu
mobilisieren, und impliziert fast unmittelbar eine parallele soziale Abgrenzung
denjenigen gegenüber, die nicht in der Lage sind zu sprechen. Diese Befähigung
ist für viele Zusammenhänge und Situationen relevant und betrifft auch
die Fähigkeit eines Laienpublikums oder eines einzelnen Laien, an einer Expertendiskussion
als Redner teilzunehmen. Gleichzeitig wird das Unvermögen,
mit Wissen umgehen zu können, ganz abgesehen von den stets mit unterschiedlicher
Bildung verbundenen Mechanismen des Ausschließens oder Dazugehörens,
zunehmend als ein Zeichen persönlichen Versagens interpretiert.
(4) Das Geschick, Widerstand zu mobilisieren, bildet eine wichtige Komponente
des Stratifizierungspotentials von Wissen. Als Beispiel sei hier auf die unterschiedliche
wissensfundierte Kompetenz von Individuen und Gruppen verwiesen,
die Praktiken von Experten, des Staates oder von Korporationen zu
kritisieren.
(5) Die Fähigkeit, etwas zu vermeiden oder auszuschließen, ist eine weitere stratifizierende
Eigenschaft, die aufgrund unterschiedlicher Wissenskompetenzen
mobilisiert werden kann. Gemeint sind Strategien, die garantieren, dass einige
der Risiken der modernen Gesellschaft unterschiedlich verteilt werden, wie
z. B. im Bereich der allgemeinen Sicherheit, bei der Konfrontation mit Konflikten
oder Gewalttätigkeit und Gesundheitsrisiken.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Bündel wissensfundierter
sozialer Kompetenzen einen Zugang zu Handlungsressourcen ermöglicht, die
es erlauben, zahlreiche Situationen im Leben zu meistern, wie etwa Fragen der
persönlichen Gesundheit, des finanziellen Status, des Lebensstils, der beruflichen
Karrierechancen, langfristiger materieller Sicherheiten usw. Ferner werden
die Chancen von Individuen und Gruppen erhöht, Expertenmeinungen
einzuholen, um diese Aufgaben zu lösen und damit den gesellschaftlich differenzierten
Umgang mit relevanten Wissensformen zu erleichtern. Das Geschick,
Widerstand zu mobilisieren, Ermessensspielräume auszunutzen oder
Schutz zu organisieren, ist ein wichtiger Teil solcher Taktiken und Strategien
und trägt wesentlich zur Herausbildung des Bewusstseins bei, dass man in der
Tat in der Lage ist, soziale Situationen zu beherrschen, und nicht Opfer oder
Spielball zufälliger Umstände wird.


DIE »ENTZAUBERUNG DER ELITEN« 249
III. Wissen und die »Entzauberung der Eliten«
Um zu verstehen, was diese Bemerkungen über die Rolle des Wissens als Stratifikationsprinzip
für die Formation von Eliten in der modernen Gesellschaft
bedeuten, wollen wir uns zunächst kritisch mit zwei unseres Erachtens irrigen
Thesen über den Zusammenhang von Wissen, Macht und Ungleichheit in der
modernen Gesellschaft auseinandersetzen.
1. Wissensfortschritt und Planbarkeit: Obgleich nicht mehr in dem Ausmaß wie
noch in den 1950er und 1960er Jahren, erfreut sich bis heute die auf den Fortschrittsglauben
der Aufklärung zurückgehende technokratische These gewisser
Beliebtheit, dass Wissens- und Erkenntnisfortschritte Politik weitgehend überflüssig
machen bzw. hierdurch politische Fragen zu reinen Sachfragen werden,
die von Experten entschieden werden könnten und auch von Experten entschieden
werden sollten. Überspitzt formuliert: In der Politik ersetze Wissenschaft
und Sachverstand Ideologie. Exemplarisch sei in diesem Zusammenhang
auf Robert Lane (1966: 657f.) verwiesen, der Mitte der 1960er Jahre zwei
Bereiche unterschied; einen Bereich, in dem
»decisions are determined by calculations of influence, power, or electorial advantage, and a
domain of ›pure knowledge‹ where decisions are determined by calculations of how to implement
agreed-upon values with rationality and efficiency, it appears to me that the political
domain is shrinking and the knowledge domain is growing, in terms of criteria for deciding,
kinds of counsel sought, evidence adduced, and the nature of the ›rationality‹ employed.«
An diesen technokratischen Entwurf der zukünftigen Gesellschaft knüpfen
sich sowohl Hoffnungen als auch Ängste. Technophile Optimisten und Anhänger
der Wissenschaften verbinden hiermit die Hoffnung, die gesellschaftlichen
Herrschaftsverhältnisse – zumindest in ihrer bisherigen Form – würden
durch Wissensfortschritte ein Ende finden. Menschen ordneten sich nicht
mehr der Willkür anderer Menschen unter, sondern würden sich aufgrund von
Einsicht Sachzwängen unterordnen. Pessimisten und Gegner der Wissenschaften
sehen in der Akkumulation von Wissen die Gefahr, dass die Handlungsfähigkeit
und die Möglichkeit des Menschen, Dinge zu gestalten, zu verändern
und in Gang zu setzen, beschnitten werden könnte.
2. Wissensfortschritt und Herrschaft: Auch einer zweiten weit verbreiteten Ansicht
über das Verhältnis von Wissen und Herrschaft möchten wir an dieser
Stelle entgegentreten; nämlich, der Vorstellung, dass Wissen immer nur den
Mächtigen zufließt, dass Erkenntnisse stets verwendet werden, um Herrschaftsverhältnisse
fortzuschreiben und zu festigen. Stellvertretend für diese
Auffassung sei an Georg Simmel erinnert, der – wie übrigens später auch
Daniel Bell – in seiner »Philosophie des Geldes« (1907/1989) argumentierte,



250 N. STEHR/C . HENNING/B. WEI LER
dass die größere Bedeutung von Intellektualität und Bildung in der modernen
Gesellschaft nicht, wie im Rahmen demokratischer Verheißungen oftmals
postuliert, zu einer Überwindung der massiven sozialen Differenzen und somit
zu mehr Gleichheit führt, sondern – im Gegenteil – gravierende und
unverrückbare soziale Unterschiede hervorruft bzw. fortschreibt (vgl. Simmel
1907/1989; Bell 1973: 213).9 Durch Wissensfortschritte kommt es nach
Simmel nicht zu einer Angleichung, sondern zu einer Verhärtung sozialer
Unterschiede.10 Aus seinen Beobachtungen über die Folgen der Erkenntnisfortschritte
und der Wissensakkumulation in modernen Gesellschaften kann
man nur den Schluss ziehen, dass gerade in Gesellschaften, in denen Wissen
zusehends in allen gesellschaftlichen Institutionen zur Grundlage und Richtschnur
sozialen Verhaltens wird, die Unterschiede zwischen Eliten und Masse
ausgeprägter und unüberbrückbarer sein werden.
Die erste These, nämlich dass eine Zunahme an Wissen und Sachverstand
das Ende des Politischen bewirkt, erweist sich bei näherer Betrachtung als Illusion.
Es gibt keinen linearen trade-off zwischen Wissenszuwachs und Abnahme
»irrationaler« politischer Entscheidungen. Wissenschaftsfortschritte bedeuten
nicht, dass man Politik leichter planen, vorhersagen und kontrollieren
kann. Wissensfortschritte sind unter Umständen mit genau den entgegengesetzten
gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden und zwar mit einer wachsenden
Fragilität der Gesellschaft (und der Natur). Wissenschaftsgläubige Anhänger
missverstehen die Macht der rationalen Erkenntnis und der durch sie
beförderten Rationalisierung der Gesellschaft.
Zugleich erweist sich die von vielen Autoren befürchtete Gefährdung des
Potentials menschlicher Handlungsfähigkeiten durch die moderne Wissenschaft
und Technik als Mythos. Diese Warnungen unterschätzen die genau
entgegengesetzten gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung. Die wachsende
Verbreitung wissenschaftlichen Wissens und die zunehmende »knowledgeability
« vieler Akteure kann eine Multiplikation menschlicher Handlungschancen
und -bedingungen zur Folge haben, einschließlich des zunehmend
——————
9 Wie Georg Simmel (1907/1989: 606f.) betont: »Da nun die Inhalte der Bildung – trotz oder
wegen ihres allgemeinen Sich-Darbietens – schließlich nur durch individuelle Aktivität
angeeignet werden, so erzeugen sie die unangreifbarste, weil ungreifbarste Aristokratie, einen
Unterschied zwischen Hoch und Niedrig, der nicht wie ein ökonomisch-sozialer durch ein
Dekret oder eine Revolution auszulöschen ist, und auch nicht durch den guten Willen der
Betreffenden.«
10 Simmel (1907/1989: 607) spezifiziert und illustriert seinen Schluss über die Verhärtung der
sozialen Differenz zwischen Hoch und Niedrig auf Grund von Erkenntnisfortschritten wie
folgt: »[D]er intellektuell beanlagte oder materiell sorgenfreierer Mensch wird um so mehr
Chancen haben, über die Masse hinauszuragen, je größer und zusammengedrängter der
vorliegende Bildungsstoff ist.«


DIE »ENTZAUBERUNG DER ELITEN« 251
intelligenten Widerstandes gegen die Wissenschaft und die Einführung neuer
technischer Artefakte. Die dramatischen Folgen der Wissenschaft für die moderne
Lebenswelt bedeuten zudem nicht, dass sich jedermann eine Art wissenschaftliche
Weltanschauung zu eigen macht oder gezwungen ist, dies zu tun;
dass die kognitiven Produkte der Wissenschaft – mittelbar oder unmittelbar –
immer nur eine instrumentelle Rationalität haben; dass das alltägliche Denken
mit dem wissenschaftlichen Denken identisch wird; dass politische Macht in
zentralisierter und autoritärer Weise ausgeübt wird;11 dass es keine systematischen
Grenzen und keine nennenswerten Hindernisse und Beschränkungen in
der Realisierung und Implementierung von wissenschaftlichem Wissen gibt;
dass die Realisierung von wissenschaftlichem und technischem Wissen in der
Regel risikofrei ist und es nur wenige mit der Verwissenschaftlichung sozialen
Handelns verbundene Gefahren gibt.
Der besondere Stellenwert von Wissenschaft und Technik für die moderne
Gesellschaft bedeutet vielmehr, dass wissenschaftliches Wissen auf fast allen
Gebieten des Lebens eine entscheidende Rolle spielt und der Grad unserer
Abhängigkeit von Berufen, die mit Wissen »handeln«, umfassender wird. Darüber
hinaus bedeutet der wachsende gesellschaftliche Einfluss wissenschaftlichen
Wissens, dass auch traditionelle Wissensformen an Bedeutung zunehmen,
die sich teilweise in Opposition zur Wissenschaft ausdrücken.
In Wissensgesellschaften lässt sich eine erhöhte Offenheit sozialen Handelns
gegenüber Veränderungen beobachten, die von wissenschaftlichem Wissen
und technischen Artefakten abhängen. Gleichzeitig gilt aber auch, dass
soziale Verhaltensformen und Ideen in dieser Gesellschaftsformation gegen
den Einfluss der Wissenschaft effektiver geschützt werden, indem sich die Bedingungen
für die Möglichkeit solchen Widerstandes entscheidend verbessern.
Die wachsende soziale und intellektuelle Bedeutung von Wissenschaft und
Technik geht also entgegen den herkömmlichen Vorstellungen Hand in Hand
mit einer erhöhten Kontingenz und Fragilität sozialen Handelns in der modernen
Gesellschaft und nicht mit der endgültigen Überwindung der »Irrationalität
« durch die von der Wissenschaft produzierte »Rationalität«. Beide Entwicklungen,
die wachsende Transformation sozialer Bedingungen und Wert-
——————
11 Man beachte etwa die in der Diskussion der Möglichkeit technokratischer Herrschaft immer
wieder geäußerten Befürchtungen vor einem politischen oder ökonomischen Herrschaftsmonopol
auf Wissensbasis: McDermott (1969) z. B. reagiert auf die Aussage, dass wissenschaftliches
Wissen in den Vereinigten Staaten zu einer zunehmend wichtigeren gesellschaftlichen
Macht wird, mit der Beobachtung und eindringlichen Warnung, dieses Wissen
werde sich in Großkonzernen konzentrieren und unweigerlich zu einer erheblichen Reduktion
der Fähigkeit des Durchschnittsamerikaners führen, die Entwicklung seiner Gesellschaft und
ihrer wichtigsten Institutionen beeinflussen zu können.


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vorstellungen durch Wissenschaft und Technik sowie eine erhöhte soziale
Kontingenz, sind Teil des Wandels der Industriegesellschaft in eine Wissensgesellschaft.
Infolgedessen sind Wissensgesellschaften keineswegs Gesellschaftsformationen,
wie man sie bis vor kurzem noch in den normativen Gesellschaftstheorien
als Entwürfe eines »technischen Staates« oder einer »wissenschaftlich-
technischen Zivilisation« antraf.
Auch die zweite These, dass Wissensfortschritte stets den Herrschenden
nutzen und bestehende Machtverhältnisse festigen, hält einer Prüfung unseres
Erachtens nicht stand. Im Gegensatz zur berühmten These Max Webers von
der Herrschaft kraft Wissen in zentralen gesellschaftlichen Institutionen
kommt es vielmehr zu einem Herrschaftsverlust kraft Wissen. Auf die
Elitenformation in Wissensgesellschaften angewandt bedeutet dies, dass die
zunehmende gesellschaftliche Abhängigkeit und Bedeutung von Wissen und
Expertise mit einer zunehmenden Skepsis gegenüber intellektuellen Autoritäten
einhergeht. Gerade der allgegenwärtige Wissensfortschritt, gerade die
Tatsache, dass wissenschaftlichen Erkenntnissen heutzutage der Charakter des
Vorläufigen, des prinzipiell Widerlegbaren, des Strittigen anhaftet, führt zu
einer Art »Entzauberung der Eliten« in der Wissensgesellschaft (Weber
1919/1988: 594). Ihre Macht beruht nicht – wie in früheren Gesellschaftsformationen
– auf geheimnisvollen und unberechenbaren Fähigkeiten oder
Merkmalen, von denen bestimmte soziale Gruppen von vornherein ausgeschlossen
sind. Vielmehr ist gerade in der Wissensgesellschaft die Vorstellung
dominant, dass prinzipiell jeder Wissen erwerben könnte und prinzipiell jeder
Teil der Wissenselite werden kann. Diese Vorstellung wiederum führt zu einer
Schwächung der Elite, nimmt sie der Elite doch gerade die Aura des Erlesenen,
des Ausgewählten, des für viele Nicht-Erreichbaren. Eliten in der Wissensgesellschaft
sehen sich ständig der Gefahr ausgesetzt, ihre Entscheidungen
rational begründen zu müssen. Dieser ständige Rationalisierungsdruck macht
sie angreifbar, schwächt sie. Der Experte, der auf Wissen rekurriert, dessen
Meinung prinzipiell überprüft und widerlegt werden kann, unterscheidet sich
vom religiösen Führer, der seine Autorität unmittelbar auf Gott stützt, aber
auch vom Aristokraten, der seine Anschauungen und Überzeugungen, wenn
überhaupt, mit Verweisen auf Traditionen zu rechtfertigen sucht. Gerade
durch den gesellschaftlichen Glauben an den Erkenntnisfortschritt sieht sich
die herrschende Wissenselite zudem stets dem Verdacht ausgesetzt, alte Wissensbestände
zu verteidigen, Neues nicht aufkommen zu lassen. In der Wissensgesellschaft
ist der Experte stets ein Experte auf Abruf.
In dem Buch »The Spirit of Age« (1831), das John Stuart Mill nach seiner
Rückkehr aus Frankreich, wo er die Ideen der Saint-Simonisten kennen gelernt
hatte, in England veröffentlichte, unterstrich er seine grundsätzliche Überzeu


DIE »ENTZAUBERUNG DER ELITEN« 253
gung, dass ein gesellschaftlich-zivilisatorischer Fortschritt aufgrund einer Kultivierung
und Steigerung zeitgenössischer intellektueller Erkenntnisse möglich
sei. Die Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Aufwärtsentwicklung und verbesserter
sozialer Bedingungen sind aber nicht, wie Mill (1831/1942: 13)
gleichfalls betont, Ergebnis einer Zunahme an »Weisheit« oder kollektiver
Fortschritte in der Wissenschaft, sondern Resultat einer sehr viel umfassenderen
sozialen Verbreitung des Wissens in der Gesellschaft:
»Men may not reason better, concerning the great questions in which human nature is interested,
but they reason more. Large subjects are discussed more, and longer, and by more
minds. Discussion has penetrated deeper into society; and if greater numbers than before
have attained the higher degree of intelligence, fewer grovel in the state of stupidity [...].«
Die Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft, die Mill Mitte des 19. Jahrhunderts
an eine umfassendere Verbreitung von Wissen und Bildung (und sei es
nur »oberflächliches Wissen«), an die größeren Wahlmöglichkeit eines weiteren
Teils der Bevölkerung sowie an deren Emanzipation von traditionellen Gewohnheiten
knüpfte, stellen eine Verbindung her zur Idee der modernen Gesellschaft
als Wissensgesellschaft; insbesondere zu der in Wissensgesellschaften
herrschenden Machtverteilung, dem Ungleichheitsregime, sowie der Rolle der
großen Institutionen und der Formation und dem Einfluss von Eliten.
Im Gegensatz zu den bereits erwähnten Thesen von Simmel und Bell
kommt es zwar zu einer wachsenden Anhäufung von Erkenntnissen in modernen
Gesellschaften, aber nicht gleichzeitig zu ihrer Verdichtung, nicht dazu,
dass die Früchte neuer Erkenntnisse gleichsam automatisch den Mächtigen zufließen.
Vielmehr scheint sich Mills Hoffnung zu erfüllen, dass in den modernen
Gesellschaften Wissen nicht nur akkumuliert, sondern auch »demokratisiert
« und verbreitet wird. Die Grundlage dafür, dass Akteure in Wissensgesellschaften
zwar nicht unbedingt besser, aber zumindest häufiger, in größerer
Zahl und intensiver »nachdenken«, manifestiert sich vorrangig in der Bildungsexpansion
in modernen Gesellschaften. So hat sich heute, um nur eine
Zahl zu nennen, im Vergleich zum Jahre 1952 die relative Chance, ins
Gymnasium zu wechseln, mehr als verdreifacht.
Die Veränderung im Umfang und in der Effektivität der Handlungsressourcen,
die dem Einzelnen oder kleinen Gruppen zur Verfügung stehen, hat
sich in den letzten 50 Jahren bemerkenswert erhöht. Da diese Ressourcen in
Konflikten und Auseinandersetzungen mit korporativen Akteuren nicht unbedingt
symmetrisch sein müssen, reicht oft schon eine relativ geringe Ausweitung
der Handlungsmöglichkeiten vormals besonders benachteiligter Akteure
aus, damit diese ihre Interessen besser vertreten können. Wie etwa Dorothy
Nelkin (1975: 53-54) in einer Studie der konkurrierenden Verwendung von


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technischem Fachwissen in zwei kontroversen politischen Entscheidungen in
den Vereinigten Staaten – es ging um den Ausbau eines großen Flughafens
und die Errichtung eines Atomkraftwerks – exemplarisch gezeigt hat, müssen
diejenigen, die gegen eine bestimmte Entscheidung opponieren, nicht
unbedingt »gleichwertige Beweismittel« (»muster equal evidence«) vorlegen.
Das heißt, in politischen und juristischen Auseinandersetzungen reicht es
häufig aus, »to raise questions that will undermine the expertise of a developer
whose power and legitimacy rests on his monopoly of knowledge claims or
claims of special expertise.«
Die wachsende Kontingenz sozialen Handelns und die Einsicht in die zunehmende
Beeinflussbarkeit sozialer Handlungszusammenhänge im Bewusstsein
vieler Akteure ist, so unsere These, Ergebnis der umfassenderen Verfügbarkeit
reflexiven Wissens über die Besonderheiten der sozialen Wirklichkeit
und der Natur sowie des vertieften Verständnisses, dass sowohl die soziale
Wirklichkeit als auch die Natur durch unser Handeln verändert werden können.
Die Folgen der wachsenden Kontingenz sind allerdings nicht identisch
mit den vielfältigen, dringlichen Warnungen vor den Konsequenzen einer verselbständigten
Technik und Wissenschaft. Im Gegenteil, die verbreitete Verfügungsgewalt
über reflexives Wissen reduziert die Kapazität der traditionellen
Kontrollinstanzen der Gesellschaft, Disziplin und Konformität einzufordern
und durchzusetzen. Die Ressourcen, um Gegendruck, Widerrede und Protest
auszuüben, haben sich überproportional erhöht. Es kommt zu einem Herrschaftsverlust
kraft Wissen der großen gesellschaftlichen Institutionen der modernen
Gesellschaft, also von Staat, Wirtschaft, Wissenschaft, Kirche. Man
kann etwa einen auffallenden Verlust der Furcht und der Achtung großer Teile
der Bevölkerung vor diesen Institutionen, insbesondere aber in Beziehungen
mit staatlich-administrativen Autoritäten, konstatieren. Diese Veränderungen
wiederum manifestieren sich in einem sich wandelnden Selbstbewusstsein in
der Bevölkerung.
Ziel dieser Ausführungen war es, zu zeigen, dass unser bisher vorherrschendes
theoretisches Verständnis von sozialer Stratifikation, Macht und Elite
an eine bestimmte Gesellschaftstheorie gekoppelt ist. Da die Industriegesellschaft
sich jedoch im Westen dem Ende zuneigt und eine neue Gesellschaftsformation,
die Wissensgesellschaft, im Entstehen begriffen ist, scheint es notwendig,
die Grundlagen sozialer Ungleichheit und die Existenz und Rolle von
Eliten neu zu überdenken. Im Zuge unserer Untersuchung haben wir versucht,
den – auf den ersten Blick vielleicht paradox anmutenden – Nachweis zu
erbringen, dass die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung und Abhängigkeit
von Wissen mit dem Verlust und der Zerbrechlichkeit der Autorität der Wissensträger
und Experten, mit der »Entzauberung der Wissenselite« einhergeht.



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