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Die Metapher des "zu ihr hinführenden
Weges" qualifiziert naemlich nicht nur
die einzelnen philosophischen Ansaetze im
einzelnen, sondern auch den philosophischen
Ansatz im ganzen überhaupt, indem man ihn
mit anderen Ansaetzen vergleicht.
Die Frage nach Max Schelers "Weg zur
Wahrheit" laesst sich durch einen produktiven,
auf dem höheren Stand seiner Explikation
sogar geradezu singulaeren und synthetischen
Methodenpluralismus beschreiben. Hinter diesem
Methodenpluralismus laesst sich ein epochales
philosophisches Ziel identifizieren. So eindeutig
dieser Ansatz "gestaltpsychologisch"
auch wahrnehmen laesst, um so schwieriger
laesst es sich auf eine exakte Weise definieren.
Qualifizierend charakteristische Züge des
Schelerschen Weges zur Wahrheit sind die
stellenweise gespenstische Komplexitaet seiner
Denkweise, sowie der schillernde Perspektivismus
seiner philosophischen Sichtweise. Ein weiterer,
kaum weniger bestimmender und in der Geschichte
der Philosophie sogar noch immer singulaerer
werdender Zug dieses "Weges zur Wahrheit"
gilt die an der Vollstaendigkeit grenzende
Intensitaet der problemgeschichtlichen Darstellung.
Diese Praesenz der wichtigsten Ideen und
Ergebnisse des behandelten Problems ergibt
wie von selber relevante theoretische Rahmen,
die bei jeder Thematisierung Schelers dessen
Optionen in die Naehe eines Versprechens
einer "endgültigen" Lösung des
behaendelten Problems bringt. Die Grössenordnung
und die Qualitaet der Problemgeschichte gilt
ansonsten auch als eine selten thematisierte
Seite der philosophischen Diskussion, obwohl
Kant, Hegel, Nietzsche oder Marx durchaus
lehrreiche Variationen der in hohem Ausmass
aktualisierten Problemgeschichte nicht nur
anführen, sondern sie auch bei der Herausarbeitung
neuer Konzepte besonders kreativ in Anwendung
brachten. Bei Scheler selber lassen sich
philosophische Argumentationen unterscheiden,
wobei die einen in problemgeschichtlicher
Sicht vollkommen begründet und die anderen
mit eigener problemgeschichtlicher Arbeit
nicht genügend vorbereitet zu sein scheinen.
Bei der Analyse der Problematik etwa der
Solidaritaet eröffnet sich ein ziemlich breiter
problemgeschichtlicher Horizont vor uns,
waehrend Scheler selber diesbezüglich eher
bescheidenere eigene Forschungen anstellte,
waehrend er im Falle gerade seiner Auseinandersetzungen
beispielsweise mit der Tugend die relevanten
Maengel der problemgeschichtlichen Forschungen
intensiv wahrnimmt .
Auf den Fundamenten der extrem komplexen
Analytik und der ausserordentlichen problemgeschichtlichen
Vollstaendigkeit besteht das Wesentliche
des Schelerschen Weges zur Wahrheit die vielfache
methodologische Verflechtung der phaenomenologischen
Wesensschau und des kritizistischen Positivismus.
Die Relevanz der positivistischen Komponente
besteht nicht in der puren Existenz derselben,
sie besteht vielmehr in den vielfachen spezifischen
Kontexten und galt als eines der wesentlichsten
Spezifika des gesamten Denkansatzes von Max
Scheler. Schon jetzt soll kurz erwaehnt werden,
dass Scheler den Terminus "Positivismus"
beinahe auffallend selten gebraucht, statt
dessen nimmt er für die Bezeichnung des kritizistischen
Positivismus mit Vorliebe die Termini "Naturwissenschaft"
oder "naturwissenschaftlich" in
Anspruch .
Die beiden Richtungen, die phaenomenologische
Wesensschau und der kritizistische Positivismus
erscheinen in der Schelerschen Argumentation
auch in unserem inhaltlichen Zusammenhang
in einer eigentümlichen Ordnung. Diese Ordnung
wird aber aller Wahrscheinlichkeit nach die
Interpreten nicht besonders erfreuen, die
sich dem Schelerschen Text mit ideologischem
oder methodologischem Engagement naehern
wollen. Diese beiden Richtungen, die miteinander
ansonsten in jeder relevanten anderen Beziehung
stark rivalisieren, erscheinen hier nicht
in einer hierarchisch strukturierten Ordnung.
In unserem Zusammenhang ist es so, dass keine
der beiden Richtungen auf eine im voraus
erkennbare Weise der anderen über- oder unterordnet
ist. Dies suggeriert in diesen Texten, dass
Schelers Grundanliegen überhaupt nicht darin
besteht, dass diese oder jene Bestrebung
in eine sichtbare Überlegenheit kommt und
dadurch die erwünschte vertikale Hierarchie
zwischen den beiden philosophischen Schulen
wiederhergestellt wird. Uns scheint, dass
der sich vor allem für die einzelnen Problemzusammenhaenge
interessierende Philosoph gerade im Sinne
der vorhin zitierten Grunddefinition die
beiden philosophischen Richtungen in einer
spezifischen Konkurrenzrelation zueinander
integriert und vertritt, sowie ihre Zusammensetzung
und Prioritaeten je nach der Bewaehrung in
den einzelnen philosophischen Lösungen bestimmt.
Sollte man nach all dem die Relation dieser
beiden bestimmenden Richtungen bestimmen,
so müssten man sagen, sie stehen im staendigen
Kampf miteinander, sie kaempfen aber nicht
unmittelbar und ohne Vermittlung gegen einander,
sie werden abwechselnd für die Lösung der
aktuellen Problematik des jeweils thematisierten
Gedankenganges eingesetzt. Sie werden also
immer an den aktuellen Problemlösungen gemessen.
Waehrend Scheler den Terminus "Positivismus"
erstaunlich selten thematisiert, kennt er
alle Abschattungen und Fragestellungen dieser
Richtung auf dem Niveau eines hervorragenden
Philosophiehistorikers, einer ausführlichen
Enzykopaedie oder einer ausserordentlichen
umsichtigen philosophischen Typologie.
Der Schwung und die Vielfalt der auch im
Zusammenhang mit dem Positivismus sich realisierenden
analytischen Sphaere deutet gleichzeitig
aber auch spezifische kritische Dilemmata
jeder Scheler-Deutung auf. Das eine Dilemma
besteht aus der Notwendigkeit und gleichzeitigen
Schwierigkeit dieser problemgeschichtlich
so vollstaendigen Philosophie. Die Dichte
dieses Diskurses führt entweder dazu, dass
die Analyse derselben als pure Reproduktion
des Originals ausschaut. Waehlt man aber
den entgegengesetzten Weg, so entsteht bei
der Fokusierung eines relevanten Momentes
der falsche Schein, dass die Analyse subjektiv
und auf willkürliche Eingriffe aufgebaut
ist. Es ist sehr lehrreich, dass stellenweise
auch Scheler selber sich dieser immanenten
Schwierigkeiten bewusst zu sein scheint,
er gibt manche narrative Hinweise auf sie,
womit er für einige Sekunden sich mit seinem
eigenen Interpreten identifiziert .
Kraft seiner gespenstisch komplexen Analytik
sowie der exzessiven Vollstaendigkeit der
philosophischen Problemgeschichte soll Max
Scheler als ein besonders schwieriger Denker
gelten. Darüber hinaus gilt - wie es auch
uns so scheint - Scheler stets aber als Risiko.
In seiner Interpretation geht der Philosoph
durch seine Existenz und sein Rollenverstaendnis
über die bisher erreichten letzten Einsichten
und Methoden hinaus. In diesem Sinne heisst
eine philosophische Aussage machen stets
eine neue Aussage zu machen. Um "neue"
Aussagen geht es jedoch sowohl in absolutem
wie auch in relativem Sinne. Auch die Koexistenz
und die Dualitaet von phaenomenologischer
Wesensschau und kritizistischem Positivismus
ist in diesem Sinne stets transgressiv. Weder
will der Schelersche Kritizismus die metaphysischen
oder quasi-metaphysischen Dimensionen der
phaenomenologischen Wesensschau eliminieren,
noch werden hier dieselben metaphysischen
oder quasi-metaphysischen Dimensionen der
phaenomenologischen Wesensschau in jener
Richtung instrumentalisiert, dass die staendige
Realisierung des anti-metaphysischen Charakters
des kritizistischen Positivismus vereitelt
wird . Zu diesen immer noch allgemein gehaltenen
Zügen der Schelerschen Philosophie gehört
aber auch, dass Scheler - wie jeder bedeutende
Philosoph übrigens auch - durch die Philosophie
in den Gang der Welt eingreifen will, auch
er vertritt das, was wir etwa bei Nietzsche
als "Ökumenismus", mit anderen
Worten als "universale Verantwortung"
für die Sache der Menschheit als eines wie
immer auch gearteten Ganzen wahrzunehmen
haetten. Auch seine universale Verantwortung
nimmt die Philosophie nicht als ein Instrument
in Anspruch, er fasst das philosophische
Medium als Problemgeschichte bei der Begründung
des praktischen Handelns auf.
Der spezifische Zug der in zwei Schichten
aufgebauten Schelerschen Methodik ist eben
die positivistische Komponente. Damit wollen
wir nicht diese Komponente über die der Phaenomenologie
stellen, es geht einfach um die sehr seltene
methodologische Konstellation. Es ist der
- nicht geradezu seltene, aber auch nicht
sehr verbreitete, geschweige denn des öfteren
als verbreitet anerkannte - Fall, in dem
wir primaer nicht davon ausgehen müssen,
dass es einzig der unbarmherzige Kampf ist,
der als Relation zwischen kritizistischem
Positivismus und Phaenomenologie überhaupt
vorgestellt werden kann.
Max Schelers Arbeit über die "Idole
der Selbsterkenntnis" verdient von unserer
Themenstellung ein ganz besonderes Interesse.
Von der einen Seite deshalb, weil es in der
Geschichte der philosophischen Tradition
gerade die Problematik der inneren Wahrnehmung
(die man mit der Selbstwahrnehmung in diesem
typologischen Vergleich wohl identisch nehmen
kann) es war, an welcher sich phaenomenologische
Wesenssschau (und ihre Vorformen) und kritizistischer
Positivismus (mit seinen Vor- und Nebenformen)
auseinander dividierten. Es sei hier als
Erinnerung an Franz Brentano's Interpretation
des Positiven (weitgehend mit der "inneren"
Wahrnehmung identisch) und mit nicht weniger
Recht auf Wilhelm Dilthey's Begründung der
Geisteswissenschaften (weitgehend auf die
"innere Wahrnehmung") hingewiesen.
Von der anderen Seite aus führen alle Kritiken
der "Idole" ins Soziale hinaus,
wie es eben auch bei Francis Bacon der Fall
war (dass die explizite Übernahme einer Strategie
der Kritik der Idolen seitens Scheler auch
ein Gestus gegenüber dem kritizistisch denkenden
Positivismus war, kann kaum bezweifelt werden).
Die intendierte Kritik der Selbstwahrnehmung
geht allerdings auf einen radikalen Wechsel
in der Interpretation der sog. "inneren"
Erfahrung zusammen. Scheler waehlt naemlich
den den Pionieren dieser Fragestellung gerade
entgegengesetzten Weg, er deklariert naemlich
die grundsaetzliche Homogenitaet der in diesen
Ansaetzen thematisch werdenden gegenstaendlichen
Sphaeren .Dies ermöglicht ihm aber im spaeteren
auch, eine eigene, inkommensurable Strategie
zu waehlen. Der Tenor dieser Kritik wird
darin bestehen, dass sie Einstellungen, Attitûden,
Wertschaetzungen, soziale Erscheinungsformen
von den Positionen der phaenomenologischen
Wesensschau herausfordert, die diese Richtung
bis dahin letztlich aus dem Grund nicht gewaehrleisten
konnte, weil sie die von Schelers durchgeführte
Homogenisierung der gegenstaendlichen Sphaere
nicht ausführte. Schelers Kritik der Idole
der Selbstwahrnehmung besteht also vor allem
darin, die phaenomenologische Wirkung zu
einer viel umfassenderen und umgreifenderen
sozialen Wirksamkeit und Effektivitaet zu
veranlassen.
Das erste kritische Argument in diesen Idolenlehre
richtet sich auf die falschen Aequivokationen,
auf jenes Phaenomen also, in welchem die
Bezeichnungen und die Perspektiven der inneren
Wahrnehmung (oder der Selbsterkenntnis) voneinander
nicht sorgfaeltig getrennt werden. Dies ist
nicht der erste Punkt, in welchem Scheler
die Verfahrensweise des szientistisch-kritizistischen
Positivismus für die phaenomenologische Wesensschau
anfordert, darüber ganz zu schweigen, dass
der unbestimmte und unsichere Begriffsgebrauch
auf die Beurteilung der Phaenomenologie in
Konkurrenzverhaeltnissen zweifelsohne stets
negativ auswirkt. Das zweite kritische Argument
dieser Idolenlehre problematisiert die Vernachlaessigung
der genuin phaenomenologischen Erkenntnisstrategien
und wirft der Richtung die Praeferierung
der sog. natürlichen Wahrnehmung. Der dritte
Punkt laesst die Erinnerung an Francis Bacon
auf eine noch deutlichere Weise erwecken,
hier wird eine Sprache grundsaetzlich ermaengelt,
welche faehig waere, die Welt des ("inneren")
Bewusstseins adaequat zu repraesentieren.
Im vierten Argument wird dies auch auf die
Bilder ausgedehnt, Scheler nennt dieses Phaenomen
"Piktomorphie", durch welches wiederum
Inhalte des ("inneren") Bewusstseins
von den aus der Aussenwelt entnommenen Bildern
unvollkommen widergeben werden. Die fünfte
Richtung nennt "vage Vorstellungen"
diesmal generell, die - ebenfalls generell
- wichtige Inhalte durch ihre antropomorphen
und vagen Formulierungen vollkommen entstellen.
Sechstens kehrt Scheler eine wohl ausgearbeitete
Argumentationslinie eben des kritizistischen
Positivismus gegen diese Richtung um, indem
er behauptet, die "natürliche Anschauung"
wird gerade vom Positivismus (der "Wissenschaft"),
von dessen "Kryptomechanik" entstellt.
Das siebte Idol entsteht durch den Glauben,
die tatsaechliche seelische Mannichfaltigkeit
liesse sich in Komplexen auffangen, die durch
objektorientierte Vorstellungen der wirklichen
Mannichfaltigkeit aufgezwungen werden. Auf
diesen Spuren geht Scheler weiter, wenn er
die Kryptomechanik der "wissenschaftlichen"
Anschauungsweise an den Pranger stellt, die
die natürliche Anschauung letztlich gerade
in dem Sinne verzerrt, wie gerade die natürliche
Anschauung in den Augen der wissenschaftlichen
Anschauungsweise die legitime Methodologie
der Wissenschaft verzerrt. Im achten Idol
wird schon gleich die physikalische Wissenschaft
der "natürlichen Anschauung" gegenübergestellt,
indem konsequenterweise die natürliche Anschauung
nicht mehr als "natürlich" erlebt
und empfunden wird.
Die anfangs entworfenen Grundzüge des Schelerschen
Philosophierens, sowie die aus der Idolenkritik
sich ergebenden Merkmale des richtigen philosophierenden
Verhaltens erscheinen in der Analyse der
Tugend in relativer Vollstaendigkeit. Diese
Auseinandersetzung scheint ein wichtiges
Fallbeispiel zu sein, durch welches wir uns
Schelers Zugang zu den Problemen der Person
und der sozialen Welt einigermassen einsichtig
machen können. Der gewöhnlich transzendent-religiöse
Charakter der Aufarbeitung der Tugendproblematik
verwandelt sich bei Scheler, allerdings so,
dass er die für sien Denkens stets so wichtige
Momente der Affekte nicht in die Analyse
einbezieht, waehrend die Thematisierung trotz
diesem Mangel zu einer markant diesseitigen
Einstellung führt. Diese beiden Ansaetze
bilden den Grund einer anfangs phaenomenologischen
und im spaeteren kritizistischen Analyse
derselben Kategorie (naemlich der Tugend).
Angesichts dieses bestimmenden Grundzusammenhanges
soll es eine deutliche Überraschung generieren,
dass es Scheler ist, dem in der Problemgeschichte
sowohl der Tugend wie auch der Affekte eine
ganz hervorragende Rolle zugewiesen werden
muss und dass er eben in diesen thematischen
Versuchen Tugend und Affekte nicht mehr auf
einander projiziert. Waehrend wir an diese
Problematik en einer spaeteren Stelle unserer
Arbeit noch zurückkommen müssen, deuten wir
es auch schon an dieser Stelle an, dass Tugend
und Affekte nicht nur systematisch zusammengehören,
ihr Zusammenhang auch nicht nur den Anfang
der modernen Problemgeschichte ausmacht,
sondern auch als eine bestimmende Traegerin
der antiken Ethik-Konzeptionen an Anschauung
und Gegenstaendlichkeit aufgefasst werden
muss.
Scheler ist einer jener Philosophen, die
auch das Phaenomen der
Tugend mit dem Blick der modernen systematischen
philosophischen Untersuchung anvisierten
. Hier haben wir wieder mit einer ausgezeichneten
Thematisierung zu tun. Auf eine paradox anmutende
Weise erwachsen aber auch von solchen hervorragenden
Thematisierungen spezifische philosophische
Gefahren. Es ist naemlich überhaupt nicht
so selten in der Geschichte der grossen Philosophie,
dass die erste relevante Thematisation extrem
erfolgreich und dauerhaft auswirkt. Man identifiziert
dabei die philosophische Thematik mit der
philosophischen Thematisierung voll und ganz,
es löst Bewunderung aus, dass eine Thematik
im wörtlichen Sinne vom "nichts"
entstanden ist. Es ist Scheler überhaupt
nicht so selten zugestossen, dass seine erste
inspirierte Thematisierung die philosophische
Formulierung par excellence von Themenbereichen
geworden ist,
Zwar als ein zu verwirklichendes Program,
so setzt sich Schelers Arbeit doch die Rehabilitierung
der Tugend zum Ziel. Sein Ausgangspunkt ist
eindeutig. Die Gegenwart (die wir im spaeteren
ohne Schwierigkeiten mit der im Sinne von
Max Weber verstandenen Moderne identifizieren
können) kann nichts mit ihm anfangen. Nicht
ohne bewusstes Taktieren ist es nachher,
dass Scheler in diesem Kontext die Tugendlehre
des achtzehnten Jahrhunderts für ihr führendes
Beispiel nimmt, die selbst in ihren eindeutig
"bürgerlichen" Ursprüngen sich
ausserstande zeigt, die Gegenwart mit neuen
Inhalten zu versehen. Demgemaess gilt unser
Zeitalter als die Periode der "Arbeit"
und des "Erfolges", es ist diejenige
der "Tüchtigkeit", die laut Scheler
mit der ursprünglichen Tugend nichts anzufangen
weiss oder sie transformiert. Die Tugenden
lösen sich vom Menschen ab, die im Dienst
an dem "Geschaeft" und dem "Unternehmen"
aufgehen. Neue Vorstellungen über die Tugend
kommen in Umlauf, waehrend Leute mit Geschmack
diese Auffassungen auch im besten Sinne als
wertlos ansehen. Hamlets Stummheit wird im
Zeitalter der hungrigen und unersaettlichen
Moderne der Tugend zuteil.
Es ist besonders hervorzuheben, dass es Hermann
Broch ist, der diese Idee Schelers
in seiner Analyse der Moderne mit der grössten
heuristischen Kraft in den Mittelpunkt stellt
Broch, der auch in anderen wesentlichen Momenten,
unter ihnen gerade in der auf Werte gegründeten
Geschichtsphilosophie einer der qualifiziertesten
philosophischen Schüler von Max Scheler ist,
wird gezwungen, sich bei der Untersuchung
des Tragischen und von dessen Schicksal in
der Moderne mit jener gewaltigen Umwaelzung
zu konfrontieren, deren soziales und intellektuelles
Ausmass es wie ab ovo vereitelt, im Rahmen
einer einzigen Fachdisziplin restlos aufgehoben
zu werden. Er kommt zum Ergebnis, das Tragische
und die mit ihm zutiefst verbundenen Dimensionen
auch der Tugend in der Lebenswelt der Moderne
würden vom sozialen Erfolg und der Karriere
abgelöst.
Die allgemeinste Formulierung dieser tatsaechlich
gewaltigen Umwaelzung dürfte wohl sein, dass
gerade der soziale Erfolg jener letzte Orientierungswert
ist, der vor Individuum und Gesellschaft
gestellt ist. Es dürfte ferner auch bedeuten,
dass dieser so aufgefasste Wert es auch vermag,
in dieser seiner ausgezeichneten Position
alle bis dahin funktionierenden wertorientierenden
Zentren in sich aufzunehmen, selbst die Problematik
der Tugend im neunzehnten Jahrhundert miteinbegriffen.
Ist Tugend erfolgreich, so ist es nicht mehr
notwendig, von ihr als von Tugend zu sprechen,
ist sie erfolgreich, verliert sie unser Interesse.
Diese gewaltige Verwandlung der Tugend in
Erfolg gilt als Bestandteil jenes umfassenden
Modernisierungsprozesses, den man bis heute
am liebsten mit Max Webers Terminologie der
Entzauberung beschreiben kann. Es versteht
sich von selber, das Scheler sowohl die Max
Webersche wie auch die von anderen stammenden
Varianten dieses Konzeptes ausgezeichnet
kannte und sie auch schon durch seine stets
praesente und in dieser Arbeit bereits schon
betonte "positivistische" Komponente
kritisch, nichtsdestoweniger aber auch durchaus
ernst nahm. Es liegt auf der Hand, dass die
im Weberschen Sinne genommene moderne Rationalitaet
es ist, die den "Erfolg" generell
aufwertet, wie es auch konsequent auf der
Hand liegt, dass Scheler das Schicksal der
Tugend, deren Rehabilitation mitbegriffen,
mit der kritischen Auseinandersetzung mit
dieser Auffassung der Moderne auf mehreren
Ebenen verbindet .
Dieser radikale Bedeutungswandel führt zur
suggestiven Entfaltung des ursprünglichen
Begriffs der Tugend bei Scheler. Einst redete
man anstatt der aus "persönlichen Kraftentfaltung"
abgeleiteten Tugend über das "Licht"
und den "Glanz" derselben, man
verglich es mit "Kleinoden" und
mit den edelsten Diamanten. Diese Sprechweise
schwört die Konservatismus-Analyse eines
philosophischen Soziologen mit dringender
Kraft heraus, der mit Max Scheler auch auf
zahlreichen anderen Ebenen stets zu vergleichen
waere. Es geht hierbei um Karl Mannheim,
in dessen gleichzeitig originaler und bereits
schon systematisierender Rekonstruktion das
traditionalistisch-konservative Verhalten
nicht nur die einzelnen Eigenschaften und
Werte, sondern auch die die Person umgebenden
relevanten sozialen Beziehungen personifizierte
und sie alle an die einzelne konkrete Person
anschloss. Schönheit und Güte der Tugend
bestand in dieser Auffassung nicht in der
Leistung, auch nicht in den für andere vollbrachten
guten Taten, sondern vielmehr in dem fein
entwickelten und hoch differenzierten Geradesosein
der Seele. Diese historisch-phaenomenologische
Beschreibung wird dann - an der konkreten
Stelle geradezu unerwartet und unvorbereitet
- in einen philosophisch-theologischen Zusammenhang
eingebaut. Die auf diese Weise interpretierte
Tugend wird mit diesem Zuge mit dem christlichen
Symbol der Heilsgeschichte in Verbindung
gebracht. Das Heil strömt auf eine spontane
Weise aus dem Einzelnen heraus, seine Bewegung
erfolgt nicht aufgrund Willensmomenten, das
Heil konstituiert Güte und Schönheit der
Tugend und kettet sie (die Tugend) an die
ausgewaehlte Person (waehrend Max Scheler
die einzelnen Bestimmungen dieser Privilegiertheit
nicht mehr thematisiert).
Max Scheler begnügt sich aber mit den bisher
aufgeführten zwei wichtigsten Bestimmungen
der Tugend (Persönlichkeitswert, Manifestierung
der Heilslehre) noch überhaupt nicht. Das
an Hamlets Klagen sich erinnernde bittere
Schicksal der Tugend, die verstaendislosen
Leiden des im alten Sinne genommenen Tugendhaften
darüber, dass Tugend stets erniedrigt wird,
wendet sein Interesse zu Friedrich Nietzsches
Begriff des Willens zur Macht. Es faellt
auf (und dies ist nur scheinbar paradox),
dass er diesen in jeder Hinsicht durchaus
komplexen Begriff trotz seines (zwar extrem
differenzierten)n Antimodernismus auf eine
ausgezeichnete Weise versteht und interpretiert.
In den konkreten Zusammenhang der Tugend
gestellt, stellt Scheler also fest, dass
wir nicht mehr die Tugend als Willen zur
Macht erleben. Dies gilt in seinen Augen
als ein grundsaetzlicher Fehler des modernen
Menschen, sowohl in Hinsicht auf seine grundsaetzlichen
Anschauungen wie auch auf sein Verhalten
überhaupt. Anstatt also gerade die Tugend
als"Könnens- und Machtbewusstsein"
zu erleben, interpretieren wir sie (die Tugend)
als eine Notwendigkeit, unbekannten und dunklen
Erwartungen genüge zu leisten, wodurch es
auch gleich transparent wird, dass wir auch
unsere natürliche Bindung an die Tugend eingebüsst
haben.
Die phaenomenologische Beschreibung der Gegenwart
der Tugend gilt auch dann als eine ausgezeichnete
Deskription, wenn man mit dem erklaerenden
Rahmen selber nicht einverstanden ist. Dies
liefert ein klassisches Beispiel dafür, wie
und warum Scheler für die unterschiedlichsten
philosophischen Richtungen vom Interesse
sein kann. Zu dieser virtuosen Beschreibung
gehört auch das Moment, dass waehrend ein
Mangel an der Tugend das Gute erschwert,
ihre Anwesenheit gleichzeitig eine leichte
und unernste Sache sei, die allem die frei
schwebende Leichtigkeit eines lieben Vogels
leihen kann.
Diese auf Nietzsche aufgebaute Grundbeschreibung
mag auf den ersten Augenblick vielleicht
überraschen. Es liegt jedoch auf der Hand,
dass sie zur gleichen Zeit auch eine Umwertung
des Nietzschen Willens zur Macht darstellt.
Scheler nimmt den Willen zur Macht von der
Moderne (bzw. von der Leistung) zurück, indem
er ihn als inneres und spontanes Energieströmen
der Persönlichkeit auffasst. Gerade weil
wir keine scharf konstruierte soziale Beziehung
verspüren können, wird die Tugend sowohl
von innen wie auch von aussen amorph. Anstatt
von Faehigkeiten und positiven Tathandlungen,
die zu etwas notwendig und für etwas zweckdienlich
sind, erscheint die Tugend als Qualitaet
der sie tragenden Person. Daher erscheint
sie als Kleinod und als Mass innerer Adel.
Die Entfaltung dieses positiven Begriffes
der Tugend wird schon mit latenter politischen
und geschichtsphilosophischen Dimension versehen.
Diejenigen, werden wir uns der Suggestion
gewahr, die die Tugend zur Leistung verwandelten,
zerstörten die natürliche Adel, unabhaengig
davon, ob sie es wollten oder nicht, unabhaengig
jedoch auch davon, wie wir diesen Begriff
der natürlichen Adel bestimmen wollen. Auf
dieser Linie profiliert sich die Moderne
als Gegenspielerin von natürlicher Adel,
vornehmen Verhaltens und zivilisatorischer
Differenzphaenomene.
Diese Richtung, mitsamt ihren gezeitigten
Ergebnissen könnte auch schon ein natürlicher
Weg zur Ideologie und zur Politik werden,
auf dem Scheler jedoch letztlich überhaupt
nicht wirklich aufbricht. Die idealen Typen,
die hinter der Analyse der Tugend aufscheinen,
sind Adel und Bürgertum, waehrend Scheler
aus dem wissenssoziologischen Rahmen nie
heraustritt. Durch eine als unerwartet vorkommende
Wendung seiner philosophischen Praxis führt
eine Rehabilitation des Begriffs der Verantwortung,
oder eben die "Rehabilitation der Tugend"
nicht zu einer traditionell anmutenden politischen
Ideologie, sondern zu einer neuen Interpretation
des Begriffs der "Verantwortung".
Angesichts der sozialen Dimensionen des Schelerschen
Denkens verdient es vor allem strategisch
unser Interesse. Die "Rehabilitierung"
der Tugend bei Scheler ist ist naemlich keine
Defensive gegen die vordringende Moderne,
sie ist auch eine Offensive, eine originelle
Initiative, um in die Gegenwart intellektuell
zurückzukommen oder anders ausgedrückt, um
durch die Kritik der Moderne zur Analyse
von neuen Relationen der Moderne zu gelangen.
Sowohl der ursprüngliche Tugend-Begriff wie
auch der rehabilitierte Begriff der Tugend
ermöglicht den Ausbau der Begriffswelt der
Verantwortung. Kein Zweifel, dass diese philosophische
Arbeit ins Soziale, d.h. in jenes Feld führt,
auf welchem der Einzelne und das Soziale
aufeinander treffen.
Durch seine Neuexponierung dieser Fragestellung
trug Max Scheler nicht nur einer neuen Interpretation
der Tugendproblematik, sondern auch zu einer
neuen Vision des Sozialen bei. Bei jeder
Wertschaetzung dieses Konzeptes soll hier
auf einen Zug dieser philosophischen Thematisierung
hingewiesen werden, der auch für andere politische
und soziale Dimensionen dieser Philosophie
charakteristisch sein dürfte. Waehrend naemlich
Scheler die Moderne, bzw. deren im achtzehnten
Jahrhundert und namentlich bei Kant artikulierte
Form einer Modifizierung, wenn nicht gar
Veraenderung der Funktion der Moral bezichtigt,
schaut er jener Tatsache nicht ins Auge,
dass seine Option sich auch genau in derselben
Welt der bürgerlichen Moderne haette realisiert
werden müssen wie jene Moderne es war, die
den alten Begriff der Tugend antiquierte.
Anders ausgedrückt, unterwirft Scheler seine
alternative Option nicht denselben Kriterien,
die den von ihm kritisierten Begriff der
Tugend in jener Richtung gestalteten, welche
Richtung er gerade kritisch ablehnt . An
diesem Punkt dürfte man eventuell auch verstehen,
warum Scheler hierbei die Tugend und die
Affekte voneinander trennt. Haette er naemlich
diese nicht voneinander getrennt, haette
er konsequenterweise kaum von einem Schiefgehen
der Moralgeschichte und einer möglichen Rehabilitierung
derselben reden können, es waere gerade die
relative Gleichheit und Konstanz der Affekte
gewesen, die dieses Reden unmöglich gemacht
haette. Mit dieser Note nannten wir gleichzeitig
aber auch einen ganz singulaeren Zug von
Schelers Zugang zum Sozialen überhaupt. Denn
er ist der einzige Denker (in der neuzeitlichen
Tradition könnte man Hobbes und Spinoza,
in der philosophischen Gegenwart allein Nietzsche
noch nennen), der den durch die Affekte dominierten
Charakter der menschlichen Natur in seine
soziale und politische Vision einbaut. Dadurch
entsteht ein Aspekt, der jederzeit unerlaesslich
ist, wenn man die tatsaechlichen Intentionen
seiner sozialen und politischen Ansaetze
verstehen will.
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