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Es ist jedoch ebenso wahr, dass sie in vielen
Punkten nur auf der Oberflaeche bleibt. Die
kulturelle Dimension des postsozialistischen
Phaenomens ist tatsaechlich eine grosse Wende.
Es ist aber nicht eine Wende
von einer "reinen" sozialistischen
in eine "reine" amerikanisierte
Kultur, vielmehr eine Wende auf der Basis
eines sehr komplex und vielschichtig aufgebauten
kulturellen Feldes.
Das hier in Frage kommende kulturelle Feld
laesst sich durch seine Konstitution in den
sechziger Jahren zurückverfolgen. Der triumphierende
Siegesmarsch der Konsumwerte, der sich zuspitzende
Gegensatz der establishments gegen intellektuelle
Gebilde und Gruppen, der ab Mitte der siebziger
Jahre langsam aufkommende und sich selber
für "anti-ideologisch" deklarierende
Neukonservativismus, aber auch die sich im
Alltag und in der Lebenswelt Fuss fassenden
lebensreformatorischen Errungenschaften der
neuen Linke trugen alle das Ihrige zur Verwandlung
der Kulturlandschaft bei.
All diese Prozesse modifizierten den bisherigen
Inhalt und Begriff der Kultur und veraenderten
ihre AURA. Selbst einige relevante Entwicklungen
früherer Perioden vermischten sich mit diesen
Veraenderungen. So laesst sich die sog. "Zwei-Kulturen-Diskussion"
erwaehnen, in denen der Gegensatz und die
Differenz von Natur- und Humanwissenschaften
artikuliert worden ist. Man vergisst es heute
leicht, was für Veraenderungen die neuen
empirischen Sozialwisenschaften gerade in
den sechziger Jahren durchmachten und wie
gewaltige Versprechen sie für die ganze intellektuelle
Öffentlichkeit darstellten, damit auch eine
Front zwischen den "alten" und
den "neuen" Human- und Sozialwissenschaften
eröffnet wurde.
All diese Motive und Impulse hoben die Kultur
aus der AURA, aus jenem natürlichen und traditionellen
Umfeld heraus, welches wie eine Ewigkeit
mit der Kultur identisch schien. Die Grössenordnung
dieser Verschiebungen und Modifizierungen
laesst sich kaum mit anderen Prozessen vergleichen.
Ohne einen detaillierten Vergleich kann man
freilich nicht improvisierte Feststellungen
formulieren, die anvisierten Forschungen
werden jedoch vielleicht einmal ausweisen,
dass die Grössenordnung dieser kulturellen
Veraenderungen selbst diejenigen der totalitaeren
Systeme überragt.
Diese vielfachen Veraenderungen waren von
den Veraenderungen im Rollenbewusstsein der
Intellektuellen nicht nur nicht trennbar,
es waren vielmehr auch die Intellektuellen,
die durch ihre Experimente und soziologische
Mutationen die besprochenen Veraenderungen
in grossem Ausmass zuwege brachten.
Denn die Veraenderungen in dem Rollenverstaendnis
der Intellektuellen spielten in den Veraenderungen
der einzelnen kulturellen Phaenomenen und
Inhalten eine entscheidende Rolle. Diese
Veraenderungen sprengten etwa einen bis dahin
noch als einheitlich zu nennenden Begriff
der Kultur. Die Intellektuellen des Jahres
1968 konnten naemlich das Dilemma des Jahres
1968 weder für sich noch für die Gesellschaft
oder die Kultur recht auflösen. Einerseits
brachte sie es nicht zuwege, sich aus der
rasanten Dynamik der politischen Prozesse
herauszuhalten und ihre intellektuelle Innovation
und Kritik von der allseitigen politischen
Herausforderung des Jahres 1968 unabhaengig
zu halten, indem sie ihre Monopolstellung
und ihre uhr entwachsende Macht in der Artikulation
der gesellschaftlichen Kommunikation nicht
aufgab. Andererseits war es von Anfang an
klar, dass diese Attitüde eine un behebliche
Dualitaet aufwies und die intellektuelle
und die politische Innovation (wenn nicht
eben "Revolution") sich nicht in
einer homogenen Attitüde sich vereinen liessen.
Aber unter anderen Aspekten zerbröckelte
sich der Intellektuellenstand und die moderne
Kultur. Die Konsequenzen des Jahres 1968
haben langfristig in jeder Formen der intellektuellen
Artikulation und in jeder relevanten Kunst
und Wissenschaft Verunsicherungsphaenomene
mit sich gebracht. In soziologischer, aber
auch politischer Sicht wurde diese Situation
sogar durch einen allerdings erst langsam
bewusst werdenden offenen Paradoxon charakterisiert.
Gleichzeitig wurde die Intellektuellenschicht
in diesen Jahren (was viele vom Westen mit
Verwunderung zur Kenntnis nahmen: auch im
"Osten") zu einer wirklichen neuen
Klasse, zu einer ausgedehnten und die Öffentlichkeit
bestimmenden sozialen Grossgruppe, die in
dieser aeusserst komplizierten Lage ihre
Identitaet und Interessen definieren musste
und in der gleichen Zeit konnte und wollte
sich diese in Entstehung begriffene neue
Schicht der von ihr kritisch und intellektuell
mobilisierten Gesellschaft nicht an die Spitze
stellen und begriff nicht
(und hier greifen wir Daniel Bells etwas
abkürzendes, nichtsdestoweniger jedoch treffendes
Begriffspaar der "kulturellen"
und der "gesellschaftlichen" Modernisation
auf), dass ihre Modernisierungsversuche auf
das breit verstandene Gebiet der Kultur beschraenkt
blieben und ihre Modernisierungsversuche
als Herausforderungen gelten werden, deren
Beantwortungen als Schritte die gesellschaftlichen
(oder technokratischen) Modernisation nicht
ausstehen werden. Waehrend im "Westen"
diese neue Intellektuellenschicht von konservativen
Denkern vom Schlage Arnold Gehlens als "Mundwerkburschen"
attackiert worden ist, versuchte der realsozialistische
establishment die Tatsache der Entstehung
dieser Schicht zu verstecken, indem er die
Intellektuellen in der traditionellen Triade
von "Arbeitern, Bauern und Intellektuellen"
auf ihre frühere und nicht mehr existente
Identitaet hin kategorisierte (und sich gleichzeitig
anschickte, die für ihn assimilierbaren Charakterzüge
der neuen Intellektuellenschicht zu assimileren).
Wir können in dieser Arbeit die Analyse dieses
ganzen breiten Hintergrundes die Auflösung
des bis dahin als einheitlich geltenden Begriffs
der Kultur nicht weiter ausbauen. Wesentlich
ist, dass bis in die Mitte der siebziger
Jahre "Kultur" eine selbstverstaendliche
und dynamische Einheit von drei drei grossen
kulturellen Subsysteme bedeutete. Es existierte
zunaechst eine Kultur der Bildung, eine Protokollkultur
oder eine Kultur der Tradition, die als institutionell
geschützte und institutionell vermittelte
Kultur mit einem engeren Begriff der Kultur
identisch war. Diese Kultur umfasste die
Werte der Vergangenheit, dehnte sich aber
in gewissem Rhytmus stufenweise auch auf
moderne Phaenomene aus, die man sukzessive
in dieses "ewige" Bereich der Bildung
aufnahm. Zum umfassenden und dynamischen
Begriff der Kultur gehörte, zweitens, die
jeweilige avantgardistische Kultur, die in
Interpretation und Vorstellung sich Schritt
für Schritt in intellektuelle Subkulturen
verwandelte. Und drittens existierte innerhalb
des grissen und umfassenden Kulturbegriffes
eine deutlich wahrnehmbare Massenkultur,
deren begriffliche Beschreibung keine grösseren
intellektuellen Schwierigkeiten bedeutete
und deren kategoriale Beschreibung unf Aufnahme
in die möglichen Gegenstaende der Kulturwissenschaften
gerade eine Errungenschaft der neuen intellektuellen
Klasse gewesen ist.
Die wichtigste These ist, dass diese drei
Kulturen zwar in relativer Unabhaengigkeit
nebeneinander existierten, trotzdem aber
nicht nur eine formale, sondern auch eine
praktische und dynamische Einheit ausmachten.
Und diese Einheit der Bildungskultur, der
avantgardistischen Kultur und der Masssenkultur
war bis in diese Zeit hinein nicht nur eine
lebendige, sondern auch eine produktive,
man dürfte sogar sagen, diese Einheit war
DAS Produktive in der Kulturentwicklung der
Moderne.
Die Bildungskultur rekrutierte sich stets
sowohl von der jeweiligen Avantgarde (deren
Errungenschaften sie ihre Inhalte fortwaehrend
einbaute) , sie rekrutierte sich aber ebenso
kontinuierlich aus den Inhalten der jeweiligen
Massenkultur. Dasselbe bezieht sich aber
auch auf die beiden anderen grossen Kulturen.
Die Massenkultur war stets erneuert und befruchtet
worden durch die in ihren Kreis gelangenden
Elemente der Bildungskultur (die unter anderen
durch das institutionalisierte Schulwesen
oder früher durch die Institution der Kirche
in sie in engerem Sinne des Wortes hinein
missioniert worden ist). Aber nach grossen
historischen Erschütterungen, nach 1945 aber
schon auch ohne sie waren auch die Massenkultur
und die avantgardistische Kultur miteinander
vielschichtig verbunden. Elemente der Massenkultur
kamen etwa in der Form des Jazz oder der
Pop-Art direkt ins Zentrum der Avantgarde,
aber auch umgekehrt, neue Errungenschaften
der Avantgarde kommen durch entsprechende
Vermittlungen in die Massenkultur (ein neues
Beispiel stellen die sogenannten "Klips",
die auch das Bildmaterial der Avantgarde
in den Dienst der Massenkultur stellen).
Es ist also keine theoretisch motivierte
Verallgemeinerung, vielmehr die simple Beschreibung
der Daseinsweise der Kultur bis in die Mitte
der siebziger Jahre, wenn man über einen
eindeutig einheitlichen Begriff der Kultur
spricht, die sich aus der dynamischen und
produktiv-funktionalen Einheit dieser drei
Kulturen problemlos zusammentut. Mehr noch,
wir haben nahegelegt: DIE Kultur, sowohl
als ein Feld der staendigen Innovation und
ein ihren Definition entsprechendes Subsystem
der Gesellschaft war mit dieser produktiven
und dynamischen Einheit identisch. Diese
Einheit war im wesentlichen die Kultur.
Diese Einheit und mit ihr der bis in die
Mitte der siebziger Jahre bestimmende Begriff
der Kultur verschwand nach den grossen Umwaelzungen
der sechziger Jahre. Diese Aenderung vollzog
sich sowohl im "Westen" wie auch
im "Osten", und zwar auf eine auf
der Hand liegende Weise grösstenteils aufgrund
aehnlicher Motivationen und Ursachen. Es
existiert eine aeusserst breite neue Massenkultur,
die sowohl durch ihren Umfang wie auch durch
ihre Aggressivitaet oder mit ihrer restlosen
Einbettung in das wirtschaftliche Leben seit
dieser Wende geradezu einen Triumphzug beschrieben
hat. Das Ende der zweigeteilten Welt verstaerkte
nur dieses Vordringen der in ihren Formen
und Elementen rasant sich aendernden und
sich extrem produktiv medialisierenden neuen
Massenkultur.
Es existiert ab Mitte der siebziger Jahre
ferner eine kaum mehr erkenntliche Bildungskultur.
Aus einem noch lebendigen und integrationsfaehigen
Begriff der Bildung ist mehr oder weniger
eine Kultur der staatlichen und institutionalisierten
Repraesentanz geworden, wobei es anzunehmen
ist, dass für viele in dieser neuen Kultur
der Repraesentanz noch zahlreiche aufrichtige
Vorstellungen gegenüber der alten Bildungskultur
lebendig sind. Dieser veraenderten Position
trugen die kulturellen Modernisationswellen
der neuen Intellektuellenschicht in den sechziger
Jahren massgeblich bei, denn sie erblickten
in der Bildungskultur vor allem eine "Ideologie",
von der man sich im Interesse der Befreiung
vor der Macht der "Verdinglichung"
loslösen sollte. In diesem Sinne gab es inmitten
dieser Prozesse eine tatsaechliche "kulturelle"
Revolution, die sich vor allem gegen die
"Bildungskultur" gerichtet hatte.
Die wichtigsten Eigenschaften der avantgardistischen-
oder der intellektuellen Subkultur werden
ab Mitte der siebziger Jahre ebenfals anders.
Eine ausführliche Beschreibung dieser Veraenderungen
ist aber in diesem Kontext nicht erforderlich.
Es ist vor allem deshalb so, weil kraft so
gewaltiger Veraenderungen im Bereich der
Bildungskultur und der Massenkultur die ganze
Position der avantgardistischen Kultur entscheidend
anders geworden ist. Es geht vor allem darum,
dass jede Avantgarde sich gegenüber den herrschenden
Inhalten der
Bildungskultur definiert. Ihre Revolte ist
eine Revolte gegenüber der jeweiligen konkreten
Form der Bildungskultur. Verliert jedoch
die Bildungskultur ihre Konturen, verliert
damit auch die avantgardistische Kultur ihre
Vergleichsbasis und die Möglichkeit ihrer
Positionsbestimmung. Ohne diese Orientationspunkte
verliert die avantgardistische Kultur in
einem gewissen Sinne des Wortes ihre Sinn.
Es ist durchaus charakteristisch, dass dieser
Umstand lange nicht wahrgenommen worden ist.
Die neue Intellektuellenklasse betrachtete
die Avantgardekultur zunaechst als ihre eigene
Kultur sozusagen auch in diesem neu entstehenden
luftleeren Raum.
Die neue Situation besteht in der Auflösung
der anfangs beschriebenen dynamischen und
produktiven Einheit der drei grossen Kulturen.
Ihr produktives Ineinander ist im wesentlichen
heute schon unvorstellbar (deshalb sprechen
wir darüber in der Kategorie des "im
wesentlichen", weil es vor allem in
technischen Zusammenhaengen ein Transfer
unter den drei grosen Kulturen auch noch
möglich scheint).
Es scheint heute völlig unvorstellbar, dass
Hollywood aus einem Material der experimentierenden
Avantgarde eine Produktion startet. Es ist
ebenso unvorstellbar, dass Produkte der modernen
Massenkultur Elemente der früheren Bildungskultur
in sich aufnehmen würden. Es ist letztlich
ebenso unvorstellbar, dass die sich auf ihre
Repraesentationsfunktion beschraenkende und
reduzierende Bildungskultur viele Übernahmen
aus dem Kreis der aktuellen avantgardistischen
Kultur durchführen würde (mit Ausnahme von
tatsaechlich existierenden dekonstruktiven
politischen Establishments, die mit Vorliebe
ihre postmoderne Einstellung gerade durch
den Ersatz der traditionellen Bildungskultur
durch avantgardistische Produktionen zur
Schau stellen).
Diese neue Realitaet der miteinander nicht
mehr in dynamischen und produktiven Wechselverhaeltnissen
stehenden drei Kulturen führt zu aesthetisch-inhaltlichen,
aber auch soziologischen, sozialen, sogar
politischen Konsequenzen. Was die aesthetisch-inhaltlichen
Folgen anlangt, so sind diese in unserer
Beurteilung zu durchaus negativen Konsequenzen.
Die einzelnen Kulturen verlieren in dieser
neuen Situation nicht nur ihre Motivationen
und Reserven, sondern in vielem auch ihren
eigenen Sinn und ihre eigene Mission. Ohne
diese staendigen Wechselwirkungen schliessen
sich die einzelnen Gebiete in sich ein, geben
die Kommunikation nicht nur mit den anderen
beiden Kulturen, sondern auch mit weiteren
sozialen Sphaeren auf, sie unterwerfen sich
nicht der Beurteilung von wirklichen sozialen
Gruppen, sondern stellen ihre eigenen Normen
und Werte auf. Dies führt zu neuen und geschlossenen
Machtverhaeltnissen, die für "insider"
sehr positiv und für "outsider"
sehr negativ ausfallen. Noch viel wichtiger
scheint, dass durch die Aufgabe der dynamischen
Wechselwirkungen die Orientationen der nunmehr
in sich geschlossenen Kulturen für andere
einfach uninteressant werden, die einzelnen
kulturellen Gebiete entwickeln sich in der
Richtung einzelner Branchen, in denen man
ohne Vorkenntnisse und expertenhaftes Wissen
man nicht mehr auskommen kann. Die Innovationen
in dem einen Bereich können nicht in andere
Bereiche hinübergehen. Spontaneitaet, geschweige
denn "Revolutioinen" sind so gut
wie ganz ausgeschlossen. Die Tendenz der
Selbstreferentialitaet waechst (wie es des
öfteren auch tatsaechlich der Fall gewesen
ist), was ihrerseits den Charakter der Belanglosigkeit
für andere deutlich weiter erhöht.
Nicht weniger problematisch, wenn eben nicht
negativ sind aber die soziologische, die
sozialen und die politischen Konsequenzen
dieser Entwicklung. In dieser Singularitaet
werden alle drei Kulturen sozial schwaecher.
Sie werden einzeln den herrschenden ökonomischen
und politischen Umstaenden unterworfen. Durch
die wachsende
Belanglosigkeit büssen sie an sozialer Legitimation
ein und können ihre Grundwerte nicht erfolgreich
verteidigen.
Jede Kultur baut ihre eigene, partikulaere
Logik unter immer schwieriger werdenden Umstaenden
aus. Die die Repraesentation in den Mittelpunkt
stellende ehemalige Bildungskultur wird auf
diesem Wege immer politischer. Die Massenkultur
geht auch auf der Linie ihrer inneren Logik
weiter ("immer brutaler, immer nackter").
Die allein gelassene avantgardistische Kultur
wird immer ihrerseits weltabgewandter und
immer partikulaerer und muss sich jeden Tag
ihrer eigenen wachsenden Belanglosigkeit
ins Auge schauen, die ja das gerade Gegenteil
der ursprünglichen Zielsetzungen einer innovativen
und avantgardistischen kulturellen Aktivitaet
sein sollte. Zu diesem Komplex gehört es
noch, dass die Reflexion diese Auflösung
des einheitlichen und funktionsfaehigen Kulturbegriffes
als Sieg des Pluralismus feiert.
Und an dieser Stelle kommen wir wieder zum
Anfang, zum postsozialistischen Phaenomen
zurück. Um die kulturellen Konditionen der
postsozialistischen Phaenomens zu verstehen,
braucht man al so nicht zum Klischee des
Überganges aus der "sozialistischen"
in die "amerikanisierte" Kultur
zu greifen. Das postsozialistische Phaenomen
kann am optimalsten durch eine hier nur angedeutete
Analyse der drei unabhaengig gewordenen "Kulturen"
erschliessen.
Was die Bildungskultur anlangt, so muss man
an die merkwürdige Realitaet hinweisen, in
der die Bildungskultur im realen Sozialismus
gelebt hatte. Einerseits war sie aus ideologischen
Gründen verfemt und mit Verdacht gesehen.
Andererseits erwies sich das System des realen
Sozialismus manchmal sehr unerwartet gegenüber
der Bildungskultur sehr grosszügig. Nach
der auch im Realsozialismus erfolgten Auflösung
des einst einheitlichen Kulturbegriffs wurden
die Positionen der traditionellen Bildungskultur
durchaus geschwaecht, abgetrennt von der
avantgardistischen- und der neuen Massenkultur
büsste sie an Relevanz in grossem Ausmass
ein. Ab Mitte der siebziger Jahre verselbstaendigte
sich auch die Massenkultur aus dem einst
einheitlichen Kulturbegriff, was dann zu
dem sehr spezifischen Ergebnis führte, dass
diese sich verselbstaendigte "östliche"
Massenkultur gerade im Zuge seines Sieges
ihren Platz der "westlichen" Massenkultur
schon in den konsolidierten Jahren des Realsozialismus
zumindest in Ungarn übergeben musste. Die
sich aus dem einst einheitlichen Kulturbegriff
auslösende avantgardistische Kultur erlebte
auch ein einmaliges Schicksal im Realsozialismus.
In der ersten Phase der Verselbstaendigung
wurde sie vom Realsozialismus hart verfolgt,
bis einige Jahre spaeter die politische Macht
die avantgardistische Kultur im Zuge der
repressiven Toleranz ins System integrierte
und integrieren konnte.
Auf diese Weise kann man schon die kulturellen
Ausgangssituation des postsozialistischen
Phaenomens mit genügender Exaktheit beschreiben.
In der postsozialistischen Haemisphaere vollzog
sich auch die Auflösung des einst einheitlichen
dynamischen und produktiven Kulturbegriffs,
allerdings im Kontext und bei aktiver Mitwirkung
der realsozialistischen Politik. Das führte
auch in der postsozialistischen Welt dazu,
dass man auch keine klaren Begriffe mehr
von der Kultur hatte, die soziale Diskussion
über Kunst trug die gleiche Desorientation
wie es im "Westen" der Fall gewesen
ist. In diesem Zusammenhang verfügte die
postsozialistische Welt über eine abgeschwaechte,
eklektische und in der Demokratie kaum mehr
brauchbare Vorstellung über die Bildungskultur,
die auch hier in eine Kultur der Repraesentation
mit veraenderten Rahmenbedingungen verwandelt
worden ist. Nicht viel besser steht es mit
der Massenkultur, in deren Zusammenhang die
postsozialistische Welt schon zur Zeit des
Realsozialismus zu einem Markt der "westlichen"
Massenkultur geworden ist, ohne die Chance,
eine "eigene" ihren Lebensbedingungen
entwachsende Massenkultur auf die Beine zu
stellen. Im Bereich der avantgardistischen
Subkulturen ist die Lage der westlichen Situation
sehr aehnlich, es laesst sich nur fragen,
ob solche Subkulturen zu einem demokratischen
Aufbau die entsprechende Unterstützung liefern
könnten oder nicht.
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