Kritizistischer Positivismus und Nation.
Über Alfred Fouillées Soziologie der Nation im Kontext
der Gumplowicz-Kritik

Endre Kiss

Diese Studie war ursprünglich als Vergleich zwischen den Nationstheorien Gumplowicz' und Fouillées konzipiert (Fouillée setzte sich mit Gumplowicz intensiv auseinander). Der Verfasser gewann jedoch die Überzeugung, dass Fouillées Meisterwerk einen derartigen Reichtum an Ideen aufweist und den zeitgenössischen Konzeptualisierungsversuchen der Nation derart überlegen ist, dass der ursprünglich anvisierte symmetrische Vergleich mit Gumplowicz in eine Analyse seines Werkes vor einem mitteleuropaeischen Horizont verwandelt werden sollte.


1898 erschien Alfred Fouillées Psychologie des peuples français, eine Monographie über die Problematik der Nation und des modernen Nationalismus, welche den Anforderungen (damals) moderner Wissenschaftlichkeit, ja denen auch noch des nüchternen Szientismus, im höchsten Ausmaße entsprach. Das Problemfeld der Nation, eine der bestimmenden Ideen und Realitäten des 19. Jahrhunderts, bildete den Gegenstand verschiedener mit der Erforschung der gesellschaftlichen Makrodimension befassten Disziplinen, darunter selbstverständlich der Soziologie, insofern es sich dabei ja um eine Großgruppe handelt, wobei aber die Zuweisung in den Kompetenzbereich der Soziologie immer problematisch blieb. Schon an dieser Stelle zeichnet sich ein erheblicher und politisch motivierter Unterschied zwischen Fouillée und Gumplowicz ab. Waehrend im Mittelpunkt von Fouillée's Interesse die Nation eines einheitlichen und in dieser Hinsicht zweifelsohne erfolgreichen Nationalstaates (und die schon absehbare nationalen Konflikte vor allem im europaeischen Raume ) stand, wird vor Gumplowicz' Horizont das Bild eines multinationalen Saatenbündnisses modelliert. Die in ihren Inhalten verschiedene politische Brisanz des Themas Nation vermischte sich in niemals reinlich zu scheidender Weise, aber in dem gleichen Ausmass mit wissenschaftslogischen Fragen. Der Diskurs über die Nation ist von Anfang an durch einen sich hier erschliessenden Doppelaspekt bestimmt. Die nur latent existierende wissenschaftliche Sprache versuchte sich ständig mit (im breitesten Sinne zu verstehender) politischer Rhetorik, wobei, wie wir sahen, schon die politische Ausgangssituation eine unterschiedliche war .

Fouillées "Psychologie des französischen Volkes" ließe sich ohne größere Schwierigkeiten zu einer "Psychologie der Nation" erweitern. Fouillée war einer der hervorragenden französischen Sozialwissenschaftler der Jahrhundertwende, die Pionierarbeit für die Methodik und Methodologie der Sozialwissenschaften geleistet haben (in deren Reihe übrigens Gumplowicz auch mit aufgenommen werden sürfte). Die Soziologengeheration, zu der neben Fouillée auch noch Grössen wie Durkheim, Guyot, Tarde gehörten, stand an einer entscheidenden Stelle für die Entwicklung ihrer Disziplin. Als die (in Frankreich) führenden Repräsentanten der Sozialwissenschaften hatten sie die Möglichkeit, die positivistisch, gleichzeitig aber auch die kritizistisch und methodologisch ausgerichtete wissenschaftliche Revolution ihres Zeitalters in der eigenen Disziplin zur Geltung zu bringen und wurdeb damit zu anerkannten Gründergestalten. Die theoretische Diskussion, an der sie teilnahmen und durch die die neue (einheits-)wissenschaftliche Vision des kritizistischen Positivismus von ihrem philosophischen Ausgangspunkt in die Einzeldisziplinen eindrang (und in vielen Fällen auch neue Disziplinen begründete), ist die wohl bedeutendste Methodendiskussion aller Zeit gewesen.
Dass Alfred Fouillée diesen wissenschaftsgeschichtlich entscheidenden Moment gerade für die methodische Begründung einer auf der Höhe der Wissenschaft seiner Zeit stehende Rekonstruktion des Nationsbegriffs in Anspruch nahm, erhöht nur die Bedeutung seines Unternehmens, wie es auch im Falle von Ludwig Gumplowicz nicht a anders gesehen werden sollte.

Im Rahmen dieser Methodendiskussion wurde der philosophische Positivismus zunächst (durch Aufnahme des philosophischen Kritizismus) zu einem auf die Einzeldisziplinen angewandten kritizistischen Positivismus und schließlich, zumindest bei einigen seiner Vertreter, zu einem perspektivistisch-kritizistischen Positivismus. Dies erscheint uns jedenfalls als der Weg, den das wissenschaftslogische Denken Fouillées nahm. Fouillée wendete seinen perspektivistisch-kritizistischen Perspektivismus auf die Gesellschaft im allgemeinen, aber auch auf den Gegenstand der Nation in einer spezifischen Weise an, die im Gegensatz zur üblichen Anschauungsweise der Soziologie steht. Sein soziologischer Zentralbegriff der "Ideenkräfte" ("idée-force"), erschloss ihm auch einen spezifischen Zugang zur Nation als einer von den übrigen von der Soziologie behandelten verschiedenen Großgruppe. Während diese nämlich auch ohne ihre Ideenkräfte gleichsam neutral, von der Soziologie beschrieben werden konnten, war das für die Nation von Anfang an nicht möglich, da die Nation für ihre Konstruktion und Reproduktion in entscheidender, unübersehbarer Weise von Ideenkräften abhängt. Ohne diesen der szientistischen Anschuungsweise inhärenten Perspektivismus wäre es Fouillée nicht möglich gewesen, seine Interpretation der Nation auf die "idée-forces" zu bauen, d.h. diese sachlich-gegenständliche Entscheidung hatte bei ihm methodologische Voraussetzungen. Schon an dieser Stelle wird einer der eintscheidenden Unterschiede zur Methodologie von Gumplowicz sichtbar. Dieser Unterschied liegt nicht im Prinzipiellen, sondern in der Auswahl, bzw. der Bestimmung der einzelnen gegenstaendlichen Sphaeren. Da Fouillée mit seiner Konzipierung der "idée-forces" bis zum Individuum hinabdraengen kann, verliert Gumplowicz das zu jener Zeit schon so bestimmende Element des Individuellen, bzw. der Individualitaet für seine Soziologie der Nation.

Fouillée's Rekonstruktion der Nation mithilfe eines Perspektivismus, der die gesellschaftliche Mikrodimension (unter anderen also auch das Individuum und die Individuation) mit einbegriff, sichert erhebliche Vorteile gegenüber anderen Rekonstruktionen. Denn eine rein makrosoziologische (oder wie es bei Gumplowicz mehrheitlich aussieht: mesosoziologische) Rekonstruktion des Nationsbegriffs müsste notwendig von einer dominanten Perspektive ausgehen und damit zu Verzerrungen führen, deren politische Auswirkungen unkalkulierbar wären.

Schon an dieser Stelle müssen zwei prinzipielle Bemerkungen gemacht werden. Erstens ist Fouillée's These von den "Ideenkräften" keineswegs mit den modernen Interpretationen der Nation als triviale Kommunikationsgemeinschaft gleichzusetzen, die vor allem nach 1945 zur Erklärung des nationalsozialistischen Phänomens vorgebracht worden sind. Es ist durchaus vorstellbar, dass in besonderen Situationen die mobilisierenden Ideenkräfte und die nationalgemeinschaftlich praktizierte Kommunikation zusammenfallen, doch eine Unterstellung ihrer Identität wäre weder sachlich noch methodisch haltbar. Zweitens beansprucht Fouillées kritizistisch-positivistischer Erklärungsversuch auf eine legitime Weise soziologisch zu arbeiten und wird diesem Anspruch auch gerecht. Denn die "ethnischen Voraussetzungen" der Nation erscheinen zugleich als Folgen der physischen Aktion des Milieus. Zu Fouillée's Interpretation der Nation gehört auch die prophetische Einsicht, dass die ethnische (oder in seiner Terminologie "rassische", "darwinistische" oder "zoologische") Auffassung der Nation einen alarmierenden Rückfall für die europäische Zivilisation bedeutet. Mit dieser Problematisierung der ethnischen Voraussetzungen der Nation erhob sich Fouillée über das Gros zeitgenössischer Theoretisierungsversuche. Das ist aber auch der Punkt, wo Fouillée's explizite Kritik an Gumplowicz ihren Anfang nimmt. Diese Kritik ist übrigens, und das entspricht dem hohen Niveau von Fouillé's Wissenschaftlichkeit, zutiefst in prinzipiell sachliche und methodische Überlegungen eingebettet. Zunaechst definiert Fouillée die anthropologische Problematik generell, dann kommt er zur Vision der anthropologischen Psychologie (der Nation, bzw. könnten wir gleich hinzufügen, der Gesellschaft generell). Unter diesem, wie uns scheint, sehr gelungenen Begriff der "anthropologischen" Psychologie subsumiert er alle zu jener Zeit fast ausnahmslos hohe wissenschaftliche Bestrebungen, die die Psychologie der Nation (und der Gesellschaft, müssen wir wieder sinngemaess hinzufügen) auf naturalistische oder biologische Grundlagen stellen wollten. Die Idee des "Rassenkampfes" reiht Fouillée ohne weiteres in diese Schule ein. Die "Rasse", bzw. ihren diskursiven Gebrauch sieht er übrigens (trotz seiner gravierenden prophetischen Ahnungen, auf die wir in dieser Arbeit noch zurückkommen werden) wissenschaftlich als legitim an. Er raeumt es ein, dass sich die Rasse historisch und als Produkt der Geschichte entstanden ist. Sein grundsaetzliches Bedenken bezieht sich darauf, dass Gumplowicz durch seine Modifizierung der Semantik im Ausdruck "Rassenkampf" illegitim verfaehrt, durch seinen Termin reduziert er die Bedeutung dieses Begriffs und macht ihn voll darwinistisch. In dieser Auseinandersetzung erscheinen die beiden genealogischen Darstellungen als kontrovers. Bei Foulliée faengt die Geschichte mit im breiten Sinne des Wortes verstandenen "anthropologischen" Dimensionen und führt zur Vorherrschaft von intellektuellen Faktoren. Bei Gumplowicz faengt es mit intellektuellen Momenten an und geht in die Dominanz von "physischen", "anthropologischen" Faktoren hinüber ("Einheit des Blutes"). Von Fouillée's Perspektive aus gesehen ist diese Kritik korrekt. Schon im Vergleich zum bisher Gesagten laesst sich diese Annahme bestaetigen, aber auch Elemente, die aus seiner Konzeption erst jetzt noch ausgeführt werden, klar nachweisen. Es laesst sich einfach zeigen, in welchen Punkten ein so interpretierter Gumplowicz seinen eigenen expliziten Prinzipien widerspricht. Trotzdem laesst sich schon an dieser Stelle der Arbeit aussagen, dass er Gumplowicz nicht vollstaendig gerecht wird. Einerseits erscheint in seinem Modell (Individuum - Nation - andere Nationen- Zivilisation) jene Ausgangssituation überhaupt nicht, die für Gumplowicz nicht nur der wissenschaftliche, sondern auch der politische, sogar auch der existentielle Ausgangspunkt war (es geht um das Modell (nationale Gruppe - andere nationalen Gruppen - Gesamtstaat - Zivilisation). Er wird aber Gumplowicz auch darin nicht gerecht, dass eine anthropologische Psychologie auch dadurch befördert werden kann, dass die einzelnen Grossgruppen sich wie "Rassen" (im Sinne des damaligen Sprachgebrauchs) verhalten, vollkommen unabhaengig davon, ob diese Kategorie auf sie "objektiv" zutrifft oder nicht.

Die Soziologengeneration Fouillées ging vom Begriff des sozialen Handelns aus, was sich auch an seiner Thematisierung der Nation erweist. Gerade unter diesem Aspekt ist ja die Nation so schwer zu definieren, weil sie keine Institution im eigentlichen Wortsinne ist, sondern gleichsam ein virtuelles Subjekt darstellt, dessen "Handeln" nur schwer erfassbar ist. Im Unterschied zum Staat und anderen wirklichen Institutionen hat sie ja keinen statistisch beschreibbaren Bezugsrahmen. Die heuristische Fixierung der Nation auf einerseits virtuell hypostasierte, andererseits politisch machterfüllte und statische Kollektivsubjekte verleiht dem nationalen Diskurs einen gefährlichen, tendenziell totalitären Charakter. Dass Fouillée ein ganzes Arsenal von Argumenten gegen eine solche Heuristik ausgearbeitet hat, verleiht seiner Theorie auch heute noch ihren besonderen Wert.

Die Nation versteht sich des öfteren als eine latente, virtuelle Institution, die gelegentlich aktuell realisiert wird. Im Problem der virtuellen Institutionalisierung sind die wissenschaftstheoretischen Schwierigkeiten dieses Themas fokusiert. Ein Gutteil dieser Schwierigkeiten führt daher, dass die verschiedenen Formen des Nationalismus und "nation -building" fehlende Institutionen durch ihren Aktionismus ersetzen wollen und manchmal auch wirklich vorbereiten. Ein anderer Teil der Schwierigkeiten stammt aus der Unzugänglichkeit solcher Prozesse für das Alltagsbewusstsein. Wir sehen darin zunächst ein prinzipielles wissenssoziologisches Problem der sozialen Wahrnehmung. Demnach ist es für das Alltagsbewusstsein fast unmöglich, die latente Institutionenbildung, die sich je nach Situation unterschiedlich artikuliert, nicht auf eine (illegitime und irreführende) statische, sondern auf eine (legitime und rationale) dynamisch-funktionale Weise wahrzunehmen. Auf dieser statischen Ebene ist die nach dem Muster eines Staates, einer vormodernen Gemeinschaft oder auch nach dem einer Massenpartei vorgestellte Nation alles andere als verwunderlich. Seit Fouillée müsste diese aber durch die höhere, dynamisch-funktionale Wahrnehmungsebene ergänzt werden, um den Anforderungen kritizistischer Wissenschaftlichkeit sowie denen einer modernen Demokratie zu entsprechen.

Aus diesem Grunde trifft Ernest Renans Beschreibung der Nation ins Schwarze, denn das tägliche Plebiszit ist gerade jener Akt, durch welchen diese virtuelle Organisation realisiert wird. Renan gab freilich diese dynamisch-funktionale Definition in dem Land, welches das politisch und sozial fortgeschrittenste in Europa war. Es wäre insofern lehrreich, die Plausibilität dieser Definition in einem Land nachzuprüfen, in welchem das "nation-building" sich erst seit den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts abspielte.

Die von vielen Akteuren als virtuelle Institution aufgefasste Nation ist letztlich doch kein soziologischer "Normalgegenstand". Es eröffnen sich aber auch andere soziologische Möglichkeiten, die die Nation einerseits einer Beschreibung zugänglich machen, sie aber andererseits als Nation reduktiv auflösen. Es lässt sich nämlich die soziologische Gliederung einer Nation beschreiben, in der die einzelnen soziologischen Gruppen jeweils ihre eigenen Visionen über das Ganze haben. Während sich also auf der einen Seite die Nation als virtuelle Realität soziologisch nicht beschreiben lässt, ist dies auf der anderen Seite sehr wohl, jedoch nur so möglich, dass der Gegenstand als solcher hinter dem deskriptiven Perspektivismus verschwindet.

Gerade diese Einsicht in die Aktualisierbarkeit der Nation als virtueller Institution macht den Ansatz Fouillées so fruchtbar. In modernen Begriffen ausgedrückt ist dieser Ansatz pragmatisch und interaktionistisch. Die Nation erscheint als ein Komplex von charakteristischen Gefühlsweisen, Wahrnehmungen, Denkweisen und Willensrichtungen. Dies bedeutet die unerbittliche Beseitigung jeder romantisch-organizistischen Auffassung über die Nation. Und es ist keineswegs so, dass der romantische Nationalismus eines szientistischen Unterbaus entarten kann: gerade die hier von Fouillée thematisierten Gefühle, Gedanken und Willensrichtungen geben ja den manchmal sehr unromantisch-sachlichen Hintergrund für organizistische Konzepte ab.

Die wechselseitigen Aktionen der Individuen produzieren Fouillée zufolge ein gemeinsames "kollektives" Bild, welches dann für die beteiligten Einzelnen gemeinsam charakteristisch ist. Diese an sich richtige Tatsachenbeschreibung enthält jedoch auch bei ihm ein Moment historischer Bedingheit. Die sich ständig ändernde historische Perspektive, in der die gemeinsamen Akte bei Fouillée als letztlich subjektive verstanden werden, lässt sich heute als eine objektive (besser noch, objektivierte) konzipieren.

Ungeachtet dieser ihrer historischen Bedingheit umfasst Fouillées interaktionistische, pragmatisch-funktionale Definition alle relevanten Facetten der nationalen Einstellung. So lässt sich die Nation als soziale Gruppe fassen, ohne dass sie die Soziologie illegitimer Weise mit anderen Gruppen auf die selbe Ebene stellen müsste. Der Nationalcharakter erscheint als eine besondere Kombination psychischer Kräfte, die sich gegeneinander fortwährend austauschen, was sich dann auf das Innere der Individuen zurückwirkt. In diesem gegenseitigen Austausch verstärken und und homogenisieren sich die Eindrücke und macht die Individuen derselben Nation einander ähnlich.

An dieser Stelle lässt sich der wichtigste Unterschied zwischen der "pragmatisch-funktionalen" Nationsdefinition Fouillées und den verwandten, erst nach 1945 vorgebrachten, Definitionen benennen. Die letzteren wenden ein kommunikativ-programatisches Modell soziologischer Provenienz sowohl auf die Gesellschaft wie auch auf die Nation gleichsam "von oben" her an, woraus einerseits tautologische Richtigkeit, andererseits der Verlust gerade des Spezifischen der Nation resultiert. Bei aller Unterschiedlichkeit enthalten diese Ansätze die Gefahr unbegründeter theoretischer Verallgemeinerungen eines unsichtbar seine Wirkungen ausübenden metaphysischen Residuums - so in der bekannten Theorie von Karl. W. Deutsch. Fouillée dagegen baut sein kommunikativ-pragmatisches Modell von unten her auf. Dies garantiert, dass jedes Element dieses Ansatzes klar nachvollziehbar, problemlos verifizierbar bleibt.

Gemeinsame nationale Determinationen wirken "momenthaft", jede kann realisiert werden (und mit ihnen funktioniert dann auch die Nation); keine von ihnen existiert jedoch kontinuierlich und wird auf diese Weise statisch-metaphysisch. Dieser Zusammenhang ist besonders schwierig einzusehen. Die Nation war schon zur Zeit der Abfassung von Fouillées Werk ein scheinbar wohlbekanntes, problemloses Forschungsobjekt. Dieses rekonstruierte er auf eine methodisch so komplexe Weise, dass sich daraus eine Spannung zwischen der Alltagsvorstellung von der Nation und seiner Konzeption ergab. Daraus lässt sich erklären warum hinter den beiden entgegengesetzten Auffassungen von der Nation (wie auch von der Modernisierung im allgemeinen, die im folgenden anhand der Nationstheorien Alfred Fouillées und Max Webers exemplifiziert werden sollen) zwei politische und kulturelle, ja sogar zwei erkenntnistheoretische und kognitive Positionen stehen können.

Die in wechselseitiger Aktion produzierten "kollektiven Bilder" beziehen auch die Geschichte der Nation mit ein, diese wirkt damit auch auf die gegenwärtigen Interaktionen ein. In dieser Einbeziehung der Geschichte erweist die wissenschaftstheoretische und methodologische Position Fouillées ihre Erklärungskraft noch klarer als in einer nur gegenwartsorientierten Analyse. Fouillée kann sich auch an die problematischsten Gegenstände heranwagen, weil er nicht Gefahr läuft in Metaphysik zu verfallen. Er kann insofern mit dem ruhigsten wissenschaftlichen Gewissen über historische Bilder sprechen, die der Nation gemeinsam sind.

An dieser Stelle lohnt es sich, einen Blick auf die derselben Epoche angehörige Beschäftigung Max Webers mit der Nation zu werfen. Für Weber hat die Soziologie hier vor allem jene sozialen Gruppen zu untersuchen, die die Nation bilden und tragen. Die Sinnhaftigkeit dieses Ansatzes ergibt sich aus dem unbezweifelbaren Tatbestand, dass jede Auffassung von der Nation, jeder "Nationalismus", die Vision beziehungsweise der Nationalismus einer bestimmten soziologisch zu kategorisierenden Klasse bzw. Gruppe ist.


Bevor wir die beiden oben genannten Grundeinstellungen näher beschreiben, müssen wir klarstellen, dass durch sie die soziologische Annäherung an die Nation von Anfang an zweigeteilt wird. Die Folge davon ist, dass man die Erfolglosigkeit der Soziologie auf dem Gebiet der Nation unter anderem darauf zurückführen kann, dass zwei gleichbedeutende, doch kaum miteinander vereinbare Konzepte einander im Kern der Disziplin von Anfang an gegenüberstanden. Die Soziologie der Nation ist demnach durch einen folgenreichen Begriffskonflikt behindert worden. In diesem Konflikt steht auf der einen Seite die moderne Nation als Ganzes als ein mögliches Objekt der Soziologie. Die Nation erscheint hier als virtuelle Institution, von welcher auch der real existierende und gegebenenfalls sogar erfolgreiche Nationalstaat ebenso wie der erst für die Zukunft projizierte und erst noch auszubauende Nationalstaat nur unvollkommene Realisierungen sind (auch übernationale Integrationsformen können von diesem Konzept der virtuellen Institution her verstanden werden).

Auf der anderen Seite steht die Auffassung sozialer Klassen bzw. Gruppen über die Nation. Weder die soziologische, noch die allgemein-szientistische noch die pragmatisch-politische Dimension dieser Auffassung darf unterschätzt werden, denn es sind durchaus Wendungen der Politik vorstellbar - wo sie als die maßgebliche Auffassung der ganzen Gesellschaft vertreten werden kann. Dieser Konflikt zwischen einer Soziologie der Nation als ganzheitlich interpretierbarer, holistisch zu verstehender "virtueller Institution" und einer Soziologie der Nation als Rekonstruktion der jeweiligen Nationalismen einzeln beschreibbarer sozialer Gruppen führt aber zu weiteren Schwierigkeiten der begrifflichen Deskription. Er kommt ja nicht nur aus den unterschiedlichen heuristischen Ansätzen einzelner Wissenschaftler, sondern aus der Beschaffenheit des Forschungsgegenstandes selbst. Es ist ja deutlich, dass Fouillées pragmatisch-funktionale Beschreibung die französische Entwicklung zum Ausgangspunkt nimmt. Dies lässt sich durch die Gegenprobe leicht nachweisen. Selbst zur Zeit Fouillées war die französische Nation (bzw. der französische Nationalstaat und Nationalismus) die einzige, auf die seine pragmatisch-funktionalistische Beschreibung voll zutraf. Andererseits lässt sich ebenso leicht nachweisen, dass der (hier stellvertretend für viele andere genommene) Ansatz Max Webers, nämlich einen amorphen Nationalismus auf seine soziologisch klar identifizierte Trägerschaft hin zu untersuchen, auf den deutschen Nationalismus, der damals soziologisch noch nicht ausreichend beschrieben und wegen politischer Beschränkungen auch pragmatisch-funktional nicht zu beschreibenden war.

Dieser Begriffskonflikt hat die Sozialwissenschaften bis heute daran gehindert, die Problematik der modernen Nationalismus durchwegs zu verstehen. Freilich hatte er die höchst unterschiedliche Grundsituation europäischer Nationsbildungen zum Ausgangspunkt (Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer eigenen Staatlichkeit bzw. einer nationalen Sprache; Gegliedertheit oder Gestaltlosigkeit der die Nation tragenden Schichten, pro- oder antinationale Einstellung der Machteliten etc.) aufgrund derer eine einheitliche sozialwissenschaftliche Beschreibung dieses Problemkreises auch kaum zu geben war.

Weil aber der überwiegende Teil der wissenschaftlichen Diskussion auf das Nacheinander wechselnder heuristischer Theorien über eine als gleichbleibend gedachte Gegenständlichkeit fixiert blieb, erschien die von der Diversizität der gegenständlichen Sphäre verursachte Veränderlichkeit als eine Diversizität einander ablösender, doch stets unzureichender Theorien.

Fouillées theoretischer Integrationsfähigkeit ist neben seinem wissenschaftlichen Austausch mit Durkheim, Guyot oder Tarde auch noch seine Rezeption des Darwinismus und Sozialdarwinismus etwa eines Ludwig Gumplowicz nochmals zu erwähnen, die er gleichfalls in seinen synthetischen Ansatz aufnahm. Er lehnt, wie wir sahen, zwar die oberflächlichen sozialdarwinistischen Analogiebildungen vom wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus ab, musste jedoch ihre Wirkungsmacht gerade in der Diskussion über die Nation als soziale Tatsache zur Kenntnis nehmen. Das Niveau seiner Kritik erweist sich daran, dass er im Angesicht des sozialen Erfolges der sozialdarwinistischen Ideen die Eigenständigkeit der sozialen Interaktionen gegenüber direkt naturalistischen und physischen Motivationen der Menschen ganz allgemein hervorhob, mit diesem seinem Antinationalismus aber nicht selbst ideologisch wurde: gerade hier lieferte er seine besten interaktionistisch-funktionalistisch-pragmatischen Argumente. In diesem Kontext kann man auch seine Gumplowicz-Kritik nochmals angesprochen werden. In diesem Punkt kann es nicht nur sichtbar werden, dass Fouillée's soziologische Psychologie mit einer wie immer auch gearteten anthropologischen Psychologie der Nation unter keinen Umstaenden zusammengehen kann. Es wird auch einsichtig, dass die beiden grossen Soziologen trotz der unterschiedlich ausgefallenen expliziten theoretischen Ansaetzen methodisch und ihrem wissenschaftlichen Credo nach in grosser Naehe zueinander standen.

Fouillées interaktionistisch-funktionalistisch-pragmatische Rekonstruktion der Nation bezog darüber hinaus eine Frontstellung gegen zeitgenössische Varianten des Marxismus. Diesem gegenüber hob er die gesamtgesellschaftliche Komponente der Nation, ihre "feinere Solidarität", d.h. also ihre Identität hervor. In dieser seiner Betonung der interaktionistischen Einheit musste sich sein kritizistisch-positivistischer Ansatz gegen die marxistische Zweiteilung der Nation nach Herrschenden und Beherrschten wenden. Diese methodologisch begründete Konfrontation war grundsätzlicher Art, ging also auch über die Thematik der Nation hinaus.

Als das sozialwissenschaftlich anziehendste Moment an Fouillée erscheint uns sein Kampf gegen "unzureichende" Wahrheiten und Methoden, sein Auftreten gegen "unzureichende" Wahrheiten und Methoden, sein Auftreten gegen jegliche reduktive Theoriebildung, die zwar ihre eigene perspektivistische Wahrheit ohne weiteres aufweisen kann, aus sich heraus aber nicht fähig ist, die von ihr gedeckte gegenständliche Sphäre theoretisch auch zu integrieren. Fouillées Antireduktionismus wendet sich außer gegen Gumplowicz und die anderen genannten Richtungen auch gegen den Ansatz, der den Volkscharakter anhand der "Volksdichtung" aufweisen möchte. Schließlich fasste er den früheren positivistischen Evolutionismus gleichfalls als Reduktion und verglich ihn in dieser Hinsicht zurecht mit dem historischen Materialismus der II. Internationale.

Fouillées Antireduktionismus folgte aus seiner mit der positivistisch-kritizistischen Methodologie verbundenen einheitswissenschaftlichen Konzeption. Das wird nicht sofort einsichtig, da Fouillée stets auf die je aktuelle Einseitigkeit hinweist und sie mit aktuell neuen Momenten korrigiert. Betrachtet man das Bild von einer etwas höheren Warte aus, so erkennt man jedoch, dass die Gesamtheit der Kritik vieler kontingenter Einseitigkeiten die Umrisse einer einheitswissenschaftlichen Konzeption aufscheinen lässt.

Diese Höchstleistung wissenschaftlicher Erkenntnis ist Fouillées prophetisch zu nennende Einsicht in die Prozesse der europäischen Geschichte in seiner Zeit ebenbürtig. Er wah einen "historischen Fatalismus" herauskommen, der soziale und politische Probleme aller Art auf die Ethnizität oder Rasse (race) fokusieren. Für die gesamte europäische Zivilisation eine furchtbare Bedrohung darstelle, ja die Menschheit auf ein "zoologisches Niveau" zurückwerden könne. In der Gesamtgeschichte des Nationalismus sei der rassische Ethnozentrismus kein verdringliches Moment, doch gerade die "deutsche" Auffassung von den Rassen schließe als logische Konsequenz deren Höher- beziehungsweise Minderwertigkeit mit ein.

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