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So erscheint uns Károly Polányi's Mach-Rezeption
als ein Glied in einer Kette, in welcher
Bogdanow's Empiriokritizismus oder die Mach
nahestehenden Fassungen des Austromarxismus
auf legitime Weise schon ihren Platz haben.
Über die Budapester Mach-Rezeption generell
ein Bild zu machen ist aber ein, nach dieser
Einleitung vielleicht unerwartet schwieriges
Unternehmen. Das Budapester Geistesleben
seit der Jahrhundertwende entfaltete naemlich
einen kaum überschaubaren Reichtum von geistigen
Bewegungen. Die Umrisse des Grundmodells
der Budapester intellektuellen Geschichte
dieser Zeit sind durch das Ineinanderspielen
von zwei Komponenten gezeichnet worden. Die
eine Komponente war soziologisch. Die intensive
Industrialisierung, die Modernisierung der
sozialen Verhaeltnisse erzeugte einen immer
grösseren Kreis von soziokulturell durchaus
unterschiedlichen Kreisen (2), die sich sehr
dynamisch auch geistig zu artikulieren suchten.
Die andere Komponente ergab sich aus der
Tatsache, dass in Ungarn - wie im wesentlichen
auch in ganz Europa (3) - die verschiedensten
Impulse der politischen, aesthetischen, lebensreformatorischen
und allen anderen Variationen des Erneuerungsdenkens
gleichzeitig angekommen sind. Trotz der unvermeidlichen
Vereinfachung laesst sich die folgende These
vertreten: Die an sich "ungleichzeitigen"
Inhalte der drei grossen Wellen der europaeischen
Moderne (4) in Politik, Wissenschaft und
Aesthetik erwiesen sich im Budapester Kontext
als "gleichzeitige" Phaenomene.
Das Aufeinanderwirken dieser beiden erwaehnten
Komponenten führte dazu, dass die in rasendem
Tempo entstehenden und sich ebenso rasend
artikulierenden soziokulturellen Gruppen
eine grosse Auswahl aus den gleichzeitig
angekommenen, in ihrem Ursprung aber ungleichzeitigen
modernisierenden Strömungen und Inhalten
vorfanden und sich deshalb sehr leicht mit
einer dieser Strömungen gruppenmaessig identifizieren
konnten. So war in Budapest beispielswiese
der Herbert Spencersche Positivismus durch
den Kreis der Zeitschrift Huszadik Század,
die symbolistische französische Poesie seit
Baulelaire durch die Zeitschrift Nyugat,
die Umwertung Friedrich Nietzsches (5) durch
die Umwertungsprogramm gleich mehrerer Intellektuellengruppen,
der Wiener Impressionismus und dessen zahlreiche
Überwindungsmodi durch den jungen Lukács
und seinen Kreis (6) sowie eben - und hier
war keine Vollstaendigkeit dieser Bewegungen
angestrebt - der Positivismus Ernst Machs
durch eine weitere, noch jüngere Gruppe von
Intellektuellen vertreten.
Dieser Reichtum an Schulen, Gruppen, Kreisen
und Richtungen schuf eine intellektuelle
Situation, die selbstverstaendlich auch mehrere
weitere, unter anderen soziologische Folgen
nach sich gezogen hat. Einerseits entstand
ein geistiges Tempo, in welchem sich der
mündliche oft wichtiger als der schriftliche
Austausch erwiesen hat, so dass ein grosses
Material an geistigen Auseinandersetzungen
nicht in direkter schriftlicher Form vorliegt.
Damit haengt andererseits auch zusammen,
dass in diesem Umfeld auch die Übersetzungsliteratur
zweitrangig geworden ist. Die Beteiligten
dieser Diskussionen konnten auf hohem Niveau
zumindest deutsch, kaum weniger aber französisch
und ebenfalls kaum weniger englisch. Dies
führt zur merkwürdigen kultursoziologischen
Tatsache, dass man beispielsweise aus Umfang
und Verteilung der Übersetzungsliteratur
keine allzuweit führenden Feststellungen
über das Ausmass und den Charakter eines
konkreten Rezeptionsvorganges machen kann.
Einer der am meisten diskutierten und tatsaechlich
am meisten wirkenden Denker jener Zeit war
Friedrich Nietzsche. Es erschienen aber aus
vielen Werken Nietzsches nicht einmal in
den höchsten Jahren der über ihn geführten
Diskussionen keine Übersetzungen, und zwar
einfach aus dem Grunde, weil die Diskussion
im wesentlichen auch ohne ungarische Fassungen
durch die Bühne gehen konnte (7).
Sowohl der typologische, wie auch der intellektuelle
Wert von der Mach-Rezeption Károly Polányi's
wird durch die Tatsache nur noch erhöht,
dass Polányi einer der intellektuell prominentesten
Familie der damaligen Stadt Budapest entstammte.
Geboren 1886 in Wien, war Károly Polányi
wie Ludwig Wittgenstein, Sohn eines erfolgreichen
Unternehmers, der für den Ausbau des Eisenbahnnetzes
Österreich-Ungarns mit seiner Familie von
Wien nach Budapest gezogen ist. Durch die
drei Schwestern des Vaters, sowie spaeter
durch deren Familien errang die Familie Pollacek-Polányi
den Rang einer bürgerlichen und geistigen
Dynastie, einer ganzen soziokulturellen Sphaere,
die schon durch Herkunft aber auch Wertvorstellungen
am naechsten zur sozialen, wie auch intellektuellen
"Gleichzeitigkeit" der modernsten
Strömungen stand. Ein Neffe Károly Polányi's
war beispielsweise jener Ervin Szabó, der
der berühmteste ungarische Sozialist und
Syndikalist, ferner auch der Erzieher mehrerer
Generationen ungarischer Radikaler und Sozialisten.
Károly Polányi studierte vor allem beim positivistischen
Aufklaerer Gyula Pikler Jus, der durch seine
ursprünglich streng juristisch-sachliche
"Einsichttheorie" (8) zum Zielpunkt
von Attacken konservativer Studentengruppen
geworden ist. Weil auch Polányi an der Verteidigung
seines Meisters teilnahm, wurde er von der
Universitaet entfernt. Dieser Streit um Pikler
führte geradlinig zur Gründung des freiheitlichen
Galilei-Kreises, dessen erste führende Gestalt
Károly Polányi geworden ist und in dessen
Geist unter anderen, nicht zuletzt wegen
Polányi, auch die antimetaphysische Attitüde
Ernst Machs eine bedeutende Rolle spielte.
1912 wird Károly Polányi, nach einem Abschluss
seiner Studien an einer Provinzuniversitaet,
Advokat. Diese Jahre sind die Zeit, in der
Károly Polányi's tiefe Beschaeftigung mit
Ernst Mach vor sich geht, eine Arbeit, die
sowohl mit der geistigen wie auch mit der
politischen Szene des damaligen Ungarn untrennbar
verbunden ist und ihre einmalige Qualitaet
auch dieser Dimension verdanken kann (9).
Károly Polányi's Grundintention in seiner
Rezeption von "Ernő Mach" ist die
volle und bedingungslose Übernahme des metaphysik-kritischen
Ansatzes. Dieser Ansatz stellt kultursoziologisch
übrigens auch eine relevante Vermittlung
unter den zahlreichen, vital wirkenden Denkrichtungen
im damaligen Ungarn. In relativer Unabhaengigkeit
von den einzelnen konkreten Bestimmungen
dieser Strömungen erschien diese Gegenüberstellung
von absolut gesetzten, "metaphysischen"
und relativierenden, anti-metaphyischen Wertvorstellungen
von dem Kult Spencers bis zu demselben Friedrich
Nietzsches in fast jedem Rezeptionsvorgang
und selbstverstaendlich auch in jenen selbstaendigen
intellektuellen Prozessen, die diesen Rezeptionsvorgaengen
entwachsen sind (10). Polányi's Mach-Deutung
unterscheidet sich im wesentlichen von dieser
beherrschenden Haupttendenz der damaligen
ungarischen intellektuellen Szene nur in
dem Anspruch, durch Ernst Mach einen Antimetaphysiker
von neuer Qualitaet zu haben, der den "gleichzeitigen"
exakten wissenschaftlichen und logischen
Anforderungen am weitesten entsprochen hat.
An einer Stelle thematisiert Polányi auch
unmittelbar die Differenz zwischen dem neuen
Stand des antimetaphysischen Positivismus,
verkörpert durch Mach, sowie dem früheren
Monismus, der zwar nicht direkt mit Haeckel,
vielmehr mit seinem damaligen ungarischen
Schüler und geistigen Vertreter, Samu Fényes
assoziiert wird (11). Dieses allertiefste
Motiv von Polányi's Identifikation mit Ernst
Mach (dessen Namen er gemaess den damaligen
ungarischen Schreibgewohnheiten in intimistisch-magyarisierter
Form als "Mach Ernő" schrieb) wird
mit grosser Selbstverstaendlichkeit schon
von ihm selber als direkter politischer Anspruch
formuliert. So wird Ernst Mach bei Polányi
ein unmittelbarer weltanschaulicher und dadurch
politischer Faktor. Ein Beispiel: "Ernst
Mach hat nicht nur die Luft des Denkens gesaubert,
indem er die Wissenschaft aus dem Nebel der
Metaphysik auf eine klare und handgreifliche
Weise herausgehoben hat, er hat dadurch auch
für das Handeln den Horizont befreit...In
der transparenten Aura können die Waffen
der Wissenschaft ihre Ziele verfehlen..."
(12) An einer anderen Stelle formuliert Károly
Polányi die politische Umsetzung von Ernst
Machs Denken so: "Im Gegensatz zum im
Sozialismus vorherrschenden deterministischen
Materialismus haben wir den damals grundsaetzlich
neuen - in ganz Europa war es neu - aktivistischen
Idealismus vertreten" (13). Als also
Károly Polányi Ernst Mach den "wichtigsten
und den hervorragendsten Denker der Jahrhundertwende"
nennt (14), wird in dieser Charakterisierung
die soziale und die politische Fortsetzbarkeit
der antimetaphysischen Einstellung Ernst
Machs stets mitgemeint. Zum antimetaphysischen
Ansatz gehört es ferner, dass Károly Polányi
eine deutliche Unterscheidung zwischen Religion
und Metaphysik, diesen beiden vor-kritischen
und nicht-kritischen Denkweisen trifft. Direkt
strategisch betont er dabei in genealogischer
Hinsicht folgendes: "Die höchste Gefahr
der Religion besteht nicht darin, dass sie
Lügen enthaelt, sie besteht darin, dass sie
auch etliche Wahrheiten enthaelt und deshalb
es schwierig war, sie von den Wissenschaften
zu trennen" (15). Zu dieser strategischen
und pragmatischen Unterscheidung gehört aber
auch, dass er die Metaphysik aktuell gefaehrlicher
als die Religion ist, weil man in der aufgeklaerten
Gegenwart die Wissenschaft und die Religion
voneinander schon deutlich zu unterscheiden
sind, waehrend die Metaphysik "eine
gefaehrliche und irreführende Übergangsform"
darstellt, weil sie Worte wie "Idee",
"das Unbekannte", "das Ideal",
"das Ziel", "die Endursache"
etc. (16) legitimiert, deren Sinn wir nicht
kennen und die trotzdem von der Spekulation
für wichtig gehalten werden. Daraus folgt
auch die ebenfalls strategische Konsequenz,
dass der einst gegen die Religion ausgefochtene
aufklaererische Kampf jetzt gegen die Metaphysik
ausgefochten werden muss (17).
An einer wichtigen Stelle, gleichzeitig auch
auf eine wichtige Herausforderung definiert
Ernst Mach die Denkökonomie auf zweierlei
Weise: "Wenn man die Denkökonomie auch
als blosses teleologisches, also provisorisches
Leitmotiv auffasst, so ist hiermit die Zurückführung
desselben auf tiefere Grundlagen nicht ...
ausgeschlossen worden..." (18) Damit
zeichnet Mach zwei Deutungsvarianten der
Denkökonomie vor: Einerseits beharrt er darauf,
dass die Denkökonomie "ein sehr klares
logisches Ideal" ist (19) - dadurch
wehrt er die von seiten Husserls kommende
Herausforderung gleichzeitig auch ab. Andererseits
formuliert er den Anspruch der Denkökonomie,
"die biologisch-psychologische Untersuchung
ihres (der Wissenschaften - E.K.) Werdens"
auch weiterhin zu erschliessen (20). Für
uns ist an dieser Stelle nicht die wissenschaftslogische
Bedeutung dieser Aussage, in welcher eine
Harmonisierung des logischen Ideals und der
historisch-genealogischen Perspektive formuliert
wird. Diese Selbstbestimmung Ernst Machs
ist für die Rezeption Károly Polányi's in
diesem Kontext vor allem von erheblicher
Bedeutung, weil er darin diejenige konkrete
Richtung der Ausdehnung des denkökonomischen
Prinzips nicht in Sicht hat, die bei Pol
nyi Wirklichkeit wird.
Eine Weiterentwicklung des denkökonomischen
Ansatzes Ernst Machs erscheint in Károly
Polányi's Konzeption über die Verteilung
des Bewusstseins. Dabei erscheint das Denken
zunaechst in positivistisch-genealogischer
Sicht als ein Element der menschlichen Selbsterhaltung
nebst der Nahrung und der Arbeit (21). Diese
pragmatisch-vitale Funktion des Denkens,
so interpretiert Polányi weiter Mach, richtet
sich auf die Vermeidung des Leidens und der
Sorge, sowie auf die Suche nach Freude. Auf
diese, sozusagen primaere Sphaere der primaeren
Selbsterhaltung erscheint aber das Denken
auch auf einer sekundaeren Ebene. Ob und
wie wir unsere Gedanken am zweckmaessigtesten
brauchen und gebrauchen können, entscheidet
auf eine sensiblere Weise über unsere Selbsterhaltung
(22).
Durch die Analyse der Gewöhnung, des Lernens,
bzw. der Erklaerung und der Interpretation
gelangt Polányi dann zum Begriff einer Quantitaet
des Bewusstseins. Bei Mach dient dieser Begriff
zu einer funktionalen Neudefinierung des
Denkens. Haetten wir naemlich ein Bewusstsein
von unendlichem Umfang, so würde unser Denken
auch keine festen Gebilde haben. Von dieser
Perspektive aus kann auch die Wissenschaft
neu definiert werden, sie ist naemlich ein
"Denken über unser Denken selber",
welches unter anderen auch unser zur Verfügung
stehendes Bewusstsein am ökonomischsten "verteilt"
(23).
Diese Konzeption über ein als Kontinuum aufgefasstes
Bewusstsein, welches in seinem Kampf um die
Selbsterhaltung nach grösstmöglicher Ökonomie
streben muss, führt bei Károly Polányi selbst
über Ernst Mach hinaus. Einerseits versucht
Polányi, diese Theorie über Umfang und Verteilung
des Bewusstseins in seiner Analyse des modernen
Kapitalismus in historischer Sicht zur Geltung
zu bringen und andererseits versucht er es
ebenfalls, dieselbe Theorie bei Konzipierung
einer idealen Gesellschaft produktiv in Anwendung
zu bringen.
In seiner Analyse des kapitalistischen Systems
setzt sich Polányi mit den Anforderungen
dieser Gesellschaft an das "Bewusstsein"
(im vorhin angeführten, Machschen Sinne)
auseinander. Für diese Periode ist nach Polányi
eine hohe Einschaetzung des Bewusstseins
charakteristisch. Sie praeferiert die Bewusstseinskultur
und richtet die moralische Wertschaetzung
nach der "Grösse des Ich-Bewusstseins
des Einzelnen" (24) ein. Diese Periode
der kapitalistischen Ordnung schaetzt die
"Persönlichkeit" auch sehr hoch
ein und misst jedes menschliche Tun und Handeln
an der Bewusstheit des Einzelnen (25). Dasselbe
ist auch auf dem Gebiet der Künste in dieser
Phase des Kapitalismus der Fall. Polányi
fasst die Eigentümlichkeiten dieser Phase
mit seiner neuen, hauptsaechlich Mach entliehenen
Sprache so zusammen: "Das kulturelle
Ideal der kapitalistischen Gesellschaft ist
diejenige Persönlichkeit, deren Bewusstsein
am labilsten ist und die in jedem gegebenen
Fall alles erleben kann" (26). Für diese
Phase ist aber eine Allgemeinheit von "grossen
Bewusstseinsquanten" kennzeichnend,
die im wesentlichen bei jedem Individuum
vorhanden sein müssten (27).
In der zweiten, konsolidierten (bei Polányi
wörtlich: "arrivierten") Phase
des Kapitalismus verliert das Ich-Bewusstsein
und dementsprechend auch das extrem hohe
Ausmass von Bewusstseinsquanten seine Bedeutung.
Das individuelle Eigentum, das persönlich
motivierte Unternehmen löst sich in der neuen
Entwicklung auf. Das Niveau der Organisation
waechst, die Einförmigkeit der einzelnen
Bewusstseinsgebilde wird direkt befördert,
die geordneten Verhaeltnisse entziehen den
Individuen den Boden. Die Unbefangenheit,
welche Attitüde par excellence mit "viel"
Bewusstsein zusammengeht, verschwindet. Die
"nützlichen" Vorurteile der Wissenschaft
werden sie ablösen, damit auch die Machsche
Denkökonomie wieder explizit genannt wird
(28). Polányi's heuristische Perspektive,
mit welcher er die aktuelle Weltgeschichte,
den modernen Kapitalismus durch die Kategorien
der Machschen Denkökonomie erschliesst, führt
zu einer erstaunlichen, keineswegs aber unbegründeten
Identifizierung: Polányi kommt in seiner
Analyse der zweiten Phase zum Schluss, dass
jenes Bewusstsein, welches die zweite, konsolidierte
Phase des Kapitalismus hervorruft, eben ein
"sozialistisches" Bewusstsein sein
wird. Die Ausführung dieser Idee lautet so:
Die unterschiedlichen Gebilde, die ein Bewusstseinsmaximum
darstellen, werden nicht mehr befördert,
bzw. anerkannt, der konsolidierte Kapitalismus
entwickelt Werte, an die sich das ideale
Individuum mit einem Bewusstseinsminimum
anschliessen kann. So führt diese Phase des
Kapitalismus bei Károly Polányi wie selbstverstaendlich
zum Sozialismus oder wie er es selber formuliert:
"In der konsolidiereten Phase der kapitalistischen
Ordnung werden sozialistische Ansichten vorherrschen"
(29).
Der zweite und nicht weniger originelle Beitrag
Károly Polányi's in der sozialen und politischen
Umsetzung von dem Denkökonomie-Ansatz Ernst
Machs ist seine Konzeption des Gilde-Sozialismus.
Diese ebenfalls aus der Vorkriegszeit stammende
Idee versucht naemlich gerade mithilfe des
Machschen Ansatzes der Denkökonomie eine
Alternative sowohl zum kollektivistisch-kommunistischen
wie auch syndikalistischen Sozialismus (30).
Die politologischen Dimensionen dieser Konzeption
sind für unsere Betrachtung jetzt von geringerer
Bedeutung. Die neue Organisation der Produzenten,
die praktisch auch mit den existierenden
Gewerkschaften zusammenfallen kann, kann
faehig werden, sowohl die Interessen der
Konsumenten, wie auch diejenigen der Produzenten
zu vertreten. Die Mach heraufbeschwörende
Dimension dieser Idee besteht in der neuen
Ökonomie dieser Struktur. Durch die Gilden
kann es naemlich möglich werden, dass die
ganze Gesellschaft am ökonomischsten aufgebaut
wird. So entsteht eine neue Gesellschaft,
die auch Menenius Agrippa's Maerchen in neuem
Licht aufscheinen laesst (31).So entsteht
eine Gesellschaft, die auch als eine "harmonische
Kooperation von funktionalen Organisationen"
aufgefasst werden kann (32).
Es geht in dieser Konzeption nicht mehr um
das in die Gesellschaft und Politik projizierte
Prinzip der Denkökonomie, es geht vielmehr
um eine, auf Ernst Machs Spuren vorgestellte
und schon in die Wirklichkeit umgesetzte
Idee einer neuen, "ökonomischen"
sozialen Ordnung.
ANMERKUNGEN:
(1) Die ungarische Übersetzung von Die Analyse
der Empfindungen unter dem Titel Az érzékletek
elemzése erschien 1910 in Budapest in einer
vornehmen philosophischen Reihe, die von
der Ungarischen Akademie der Wissenschaften
herausgegeben worden ist. Eine der wichtigsten
Mach-Arbeiten von Károly Polányi erschien
als "Einleitung" zu diesem Band.
(2)Selbst Károly Polányi war sich der damaligen
Generationsproblematik absolut bewusst. Ein
Beispiel: "Für die Geschichte wird eine
Generation geboren, als sie zum Bewusstsein
ihrer Sendung kommt. Und jede Generation
hat genau so viel Wert, wie viel sie aus
dieser ihrer Sendung auch verwirklicht. Erkennt
sie diese allein ihr zugeschriebene Aufgabe
nicht, wollte oder könnte sie diese Aufgabe
nicht wahrnehmen, wird ihr das Schicksal
jener Magd zuteil, die ihr Talent nicht richtig
vermehren liess." ("A mai nemzed‚k
hivatása" (Die Berufung der heutigen
Generation), 1918-19. S. in: Károly Polányi,
Fasizmus, demokrácia, ipari társadalom. Budapest,
1986, 165.
(3)Die einzelnen "nationalen" Kulturen
im modernen Europa liessen sich geradezu
durch die Reihenfolge und anderen Bestimmungen
dieses Nacheinanders der verschiedensten
neuen Richtungen exakt beschreiben. Es sollte
dabei auch nicht vergessen werden, dass die
Verbreitungsrichtung dieser Impulse überhaupt
nicht nur eine west-östliche war. Mit ebenso
vielem Recht könnte man über eine ost-westliche
und (unter anderen!) auch noch über eine
nord-westliche sprechen!
(4)Über die drei grossen "Wellen"
der intellektuellen, politischen und aesthetischen
Moderne s. Endre Kiss, Szecesszió egykor
és most. Budapest, 1984.
(5)Eine monographische Bearbeitung der ungarischen
Nietzsche-Rezeption s. Endre Kiss, A világnézet
kora. Friedrich Nietzsche abszolutumokat
relativizáló hatása a századelőn. Budapest,
1982. Auf deutsch zusammengefasst: "Die
Rezeption Friedrich Nietzsches in Ungarn
bis 1918-1919", Nietzsche-Studien. 1980/9.
268-284.
(6)Darüber ausführlich s. Endre Kiss, "Lukács,
Vienna, Belle Epoque. On the Significance
of Vienna in the Development of Young Lukács".
in: East European Quarterly, XX. no 2. June
1986. 141-155.
(7)Eine sehr informative Tatsache ist es
jedoch, dass im Ungarn der Vorkriegszeit
nebst zwei vollstaendigen Übersetzungen auch
noch vier (!) vollstaendige ungarische Zarathustra-Nachdichtungen
von ungarischen Autoren entstanden sind.
S. darüber Endre Kiss, "Nietzsches 'Zarathustra'":
Vorbild philosophischer Dichtung in Osteuropa.
in: Nietzsche-Studien, Band 17. S. 298-314.
(8)Diese Theorie von Gyula Pikler ist in
einem auch in wissenschaftslogischer Sicht
relevanten positivistischen Auffassung geschrieben
worden. Anstatt eines den offiziellen Kreisen
eher genehmen historistischen Sicht begründete
Pikler einige juristische Grundkategorien
aufgrund der "Einsicht" der einzelnen
beteiligten Subjekte.
(9)Über das weitere, ebenfalls sehr interessante
und auch im Geistigen reiche Leben Károly
Polányi's s. Kari Polányi - Levitt und Marguerite
Mendell, Polányi Károly. in: Fasizmus, demokrácia,
társadalom, a.a.O. 7-51.
(10)S. die unter Anmerkung 5) genannte Monographie
über die ungarische Nietzsche-Rezeption,
in deren Mittelpunkt gerade die Ausweisung
der allseitig relativierenden Wirkung Friedrich
Nietzsches steht.
(11)S. "A Galilei Kör mérlege"
(1929), in: Fasizmus, demokrácia, társadalom,
189.
(12)Die politische Konkretisation dieses
Gedankenkreises redet von den "...von
derselben Metaphysik inaugurierten überheblichen
Phrasen über die Ideen des 'Staates' und
der 'Persönlichkeit!, sowie über den 'ewigen
Wert' anderer 'hochfahrenden' Sachen..."
("Kultura- álkultura" (1909 - 1910),
a.a.O. 384. (Sperrung im Original - E.K.)
(13)"A Galilei Kör mérlege" (1929),
a.a.O. in: 189.
(14)"Bevezetés Mach Ernő: Az érzékletek
elemzése cimű könyvéhez" (Einleitung
zu 'Die Analyse der Empfindungen' von Ernst
Mach), a.a.O. 385.
(15)"Kultura-álkultura" (1909 -
1910), a.a.O. 380.
(16)Ebda, 382.
(17)Ebda,
(18)Ernst Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung
historisch-kritisch dargestellt. Kapitel
4, Abschnitt 4. S. Ernst Mach. Wegbereiter
der modernen Physik. Herausgegeben von K.D.
Heller. Wien - New York, 1964. 60.
(19)Ebda.
(20)Ebda.
(21)"Bevezetés Mach Ernő: Az érzékletek
elemzése cimű könyvéhez", 1910. in:
Fasizmus, demokrácia, ipari társadalom, 386.
(22)Ebda, 387-388.
(23)Die analytische Beschreibung des Machschen
Gedankenganges bei Károly Polányi s. ebda,
389.
(24)"Nézeteink válsága" (Die Krise
unserer Ansichten), 1909., a.a.O. 367.
(25)Ebda.
(26)Ebda, 368. (Sperrung im Original - E.K.)
(27)Ebda.
(28)Ebda, 368-369.
(29)Ebda, 369. (Sperrung im Original - E.K.)
- Polányi interpretiert es im spaeteren so,
dass dadurch der Sozialismus in die Sphaere
zurückgeht, von wo er gekommen war. Das ist
aber gleichzeitig der Punkt, wo die historische
Mission des Sindikalismus anfaengt.
(30)"A gildszocializmus" (1922),
a.a.O. 371.
(31)"Gilde és állam" (1923), a.a.O.
377-378.
(32)"A gildszocializmus", (1922),
a.a.O. 374.
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