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Die in dieser Bestimmung enthaltene Andeutung
der Pluralität der Rationalisierungen hat
ihre Bedeutung: im sozialen Sein existieren
und wirken nämlich stets zahlreiche (oder
zahllose) Rationalisierungen nebeneinander
und gegeneinander. Max Weber sieht es in
seiner generalisierenden Sicht so: "Die
Menschen neigen immer und überall zum Rationalisieren
im Sinn von Abstrahierung und Generalisierung...
Das bedeutet jedoch nicht, daß sie dann auch
immer und überall dieselben kognitiven Kategorien
und Maßstäbe anwenden" (Weber, 1968,
151-213).
2) Der Typus der präsentischen Rationalität
ist der einer, ihre Aktivität auf eine je
bestimmte, situativ entstehende Weise in
der jeweiligen Gegenwart ausübenden Rationalität.
3) Für den sozialontologischen Charakter
der Rationalisierung(en) ist es wesentlich,
daß jede Rationalisierung mit jeder anderen
Rationalisierung in steter Konkurrenz und
in unaufhörlichem Kampf steht (um es etwas
ausführlicher auszudrücken: jede "alte",
"historisch überlieferte" Rationalität
steht mit jeder anderen "alten"
und "historisch überlieferten"
Rationalität, bestimmte konkrete "alte"
und "historisch überlieferte" Rationalitäten
mit bestimmten konkreten "neuen"
und "modernen" Rationalitäten und
schließlich jede "neue" und "moderne"
Rationalität mit jeder anderen "neuen"
und "modernen" Rationalität in
dieser gegenseitigen kämpferischen Stellung
gegenüber). Es versteht sich von selber,
daß sich in der Wahrnehmung einer Gesellschaft
und einer konkreten historischen Periode
nicht diese Allseitigkeit der Rationalitätskonkurrenz
realisieren kann.
4) Zur Erforschung eines so komplexen Phänomens
wie die präsentistische Rationalität, deren
lokale Herkunft wir in Mittel-Europa, praktisch
auf dem Gebiet der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen
Monarchie aufzufinden meinen, merken wir
an: Um überflüssige scheinprinzipielle Diskussionen
zu vermeiden, bezeichnen wir diese Rationalität
mittel-europäisch (in manchen Textstellen
auch "österreichisch"), und zwar
einzig auf dieser historisch-geographischen
Basis, die wir etwa soziologisch nicht weiter
analysieren möchten; noch entschiedener lehnen
wir es ab, auf eine Mittel-Europa-Diskussion
vor dem Horizont und im Stil der neunziger
Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts einzugehen,
denn es scheint uns, daß diese Diskussionen
heute in der überwiegenden Mehrheit nicht
historisch-rekonstruktiven (d.h. um es einfacher
und traditioneller auszudücken: wissenschaftlichen),
vielmehr etwas verdeckt aktual-politischen
Zielen folgen.
Diese präsentistische Rationalität entfaltete
sich ? ursprünglich im Kontext der Konkurrenz
mit einer Mehrzahl anderer Rationalitäten
? hauptsächlich in einer Auseinandersetzung
mit einer historisch gewachsenen Rationalität.
Als das idealtypische Beispiel dieser Auseinandersetzung
sehen wir die Methodendiskussion zwischen
der Österreichischen Schule der Nationalökonomie
und der Historischen Schule in Deutschland.
5) DIESER Präsentismus wird in der Dühring-Analyse
von Külpe auf die folgende Weise ausgedrückt:
"Nun ist das Wirkliche das jedesmal
Gegenwärtige" (Külpe, 1911, 35). Die
"jedesmal" erlebbare "Gegenwärtigkeit"
des Wirklichen bedeutet für uns eine spezifische
Qualität, die auch nicht direkt zum Konstituens
eines Typus der Rationalität, sondern zu
dem einer wissenschaftlichen Methodik und
erst dann zu dem eines ganzen Typs der Rationalität
geworden ist. So viel und vielerlei man theoretisch
über die verschiedenen MODI des Wirklichen
aussagen kann, bedeutet die Gegenwärtigkeit
doch diejenige wichtigste Bezeichnung, ohne
welche keine Erkenntnis möglich ist. Über
eine zukünftige Erkenntnis wäre es sinnlos
zu reden, während eine Erkenntnis auch nie
"vergangen" sein kann, höchstens
kann sie Gegenstände erkennen, die eine historische
Existenzweise haben. Darin haben wir im Keime
auch schon auf den grundsätzlichen Konflikt
zwischen der präsentistischen und der historizistischen
Rationalität hingewiesen, ohne daß diese
wichtigste Gegenüberstellung bereits als
eine eingehende Analyse hätte genannt werden
können.
6) Als das Grundphänomen der Rationalität
sehen wir in UNSEREM KONTEXT die spezifische
Verbindung zwischen einer bestimmten Erkenntnisweise
(eben des kritizistischen Positivismus, wiewohl
dafür auch mehrere andere Namen zur Verfügung
stehen könnten) und einer spezifischen kohärenten
Praxis (die in ihren Handlungen die Logik,
die Kohärenz und die Kausalität der spezifischen
Erkenntnis realisiert). Diese "Rationalität"
ist also weder Kognition, noch Praxis, sondern
eine spezifische kohärente Verbindung der
beiden. Eine selten treffende Beschreibung
dieser SPEZIFISCHEN Verbindung beschreibt
Károly Polányi: "Wie mutig die Handlung
der toten Materie unserer Kenntnisse entspringt,
so sorgfältig und gewissenhaft müssen wir
dieses Fundament legen" (Polányi, 1986a/b,
1,51). Diese Kombination zwischen der "toten
Materie unserer Kenntnisse" und der
"mutigen Handlung" entsteht genau
durch eine Rationalität, die zwischen den
beiden Sphären einen Strang der Kohärenz
herstellt. Es geht hier um eine Beziehung
zwischen Theorie und Praxis, ohne daß deshalb
die präsentistische Rationalität schon als
ein Phänomen charakterisiert wäre, das IDENTISCH
mit der Identität DER Theorie und DER Praxis
sei.
Diese Rationalität hat bestimmte positive
Eigenschaften. Wirklich bestimmend im historischen
wie zivilisatorischen Sinn wird diese präsentistisch-mitteleuropäische
Rationalität jedoch nicht unmittelbar wegen
ihrer positiven Eigenschaften, vielmehr in
ihrer Negativität, in ihrer gewollt oder
ungewollt zustande kommenden polemischen
Funktion. Denn die von ihr verkörperte Verbindung
bereitete eine klare und dynamische Frontstellung
praktisch gegen JEDE andere Rationalität,
gegen die ganze Tradition überhaupt, aus
welcher in einem ausgezeichneten Zeitpunkt
der Konflikt mit der historistischen Rationalität
den größten Stellenwert einnahm.
7) Eine nächste sehr wichtige Fragestellung
im Kontext der präsentistischen Rationalität
ist, ob sie im Vergleich zur exakten ? oder
nur metaphorisch so zu nennenden ? Rationalität
der einzelnen Subsysteme auch eine kohärente
und diese durchdringende Rationalität darstellt
oder aber über ihre Durchdringungskraft und
Transparenz nur in Kontexten und Vergleichen
sinnvoll reden kann, wo die einzelnen Subsysteme
gerade mit ihrer expliziten oder nur metaphorischen
Rationalität nicht anwesend sind. Unsere
Antwort auf diese Frage ist eindeutig positiv,
wir betrachten die zu untersuchende präsentistische
Rationalität als eine, die im wahren Sinne
des Wortes alles durchdringt, ja, daß gerade
in dieser Qualität das wahre Spezifikum dieser
Rationalität aufzufinden ist.
8) Mit welchen Begriffen und Begriffsvarianten
die von uns intendierte präsentistische Rationalität
NICHT zu charakterisieren ist: Sie ist keine
Rationalität, die in unveränderter Form etwa
in der Theorie der rationalen Wahl anzuwenden
wäre. Sie ist keine Rationalität im Sinne
der von Apel inaugurierten Letztbegründungsproblematik,
sie ist keine Rationalität für eine herrschaftsfreie
Kommunikation oder für eine optimale Argumentationsstrategie
(was letztere anlangt, so ist es klar, daß
diese Rationalität durch ihre wissenschaftslogische
Genese und kausale Kompetenz keine besondere
Argumentationslogik braucht, sie ist ein
Argument oder eine ganze Argumentation, ohne
Dimensionen einer Metasprache). Sie ist aber
keine Rationalität eines Systems im systemtheoretischen
Sinne des Wortes.
Die präsentistische Rationalität ist also
keine "Reduktion der Komplexität",
auch wenn ihre Komplexität selbstverständlich
stets eine begrenzte ist. Sie ist eine eigengesetzliche
Sichtweise, bei welcher keine Reduktion sinnvoll
aufkommt.
9) Die intendierte präsentistische Rationalität
war um die Jahrhundertwende vor eine gewaltige
Herausforderung gestellt. Kaum weniger belangvoll
erscheint uns die neue zivilisatorische Herausforderung
für die präsentistische Rationalität nach
der historischen Wende 1989 in der post-sozialistischen
Welt (um über frühere historische Wendepunkte
wie 1914, 1919, 1933, 1945, 1968 nicht zu
sprechen). Wir haben aber eine noch aktuellere
Herausforderung, und zwar die funktionale
Rationalität der monetaristischen Wirtschaftsauffassung
und Politik, die in vielem die Eigenschaften
der im Mittelpunkt stehenden präsentistischen
Rationalität aufweist, deren emanzipative
und aufklärerische Einstellungen aber aus
sich ausgeschieden hat.
10) Der erste Zug dieser Rationalität vom
präsentistisch-mitteleuropäischen Typ ist,
daß sie die Elemente der szientistischen
Einsicht, der Methodik der Einzelwissenschaften,
sowie der expliziten Reflexionen der Erkenntnistheorie
selbst als eine KOHÄRENTE Denkweise vereint.
Wegen ihrer Kohärenz wäre diese Rationalität
bestens geeignet, mit Leichtigkeit institutionalisiert
zu werden. Weil aber ihre kritizistische
und vor allem emanzipative Dimension auch
stets am Werke bleibt, kann sie in ihrer
ursprünglichen Form trotzdem nicht institutionalisiert
werden; und wenn sie institutionalisiert
wird, entstehen wegen der notwendigen Selektivität
dieser Institutionalisierung gravierende
Probleme, denn die Momente der funktionalen
und szientistischen Rationalität institutionalisieren
sich in diesen Fällen eben OHNE (unter anderen)
die emanzipativen und die kritizistischen
Momente.
11) Diese in Entstehung begriffene Kohärenz
gewinnt auch die Eigenschaft des Dezisionismus,
eine Eigenschaft, die die Eigendynamik der
Rationalität nicht nur einfach wahrnimmt
und als solche hinnimmt, sondern auch diese
Dynamik bewußt weiter befördert und ausbaut.
Der dezisive Zug dieser Rationalität stammt
von ihrer "positiven" Seite, sie
verfügt ? mit dem modifizierten Begriff von
Alois Riegl ? über ein bestimmendes "Erkenntniswollen",
das allein schon in die Richtung der Dezisivität
weist.
12) Die von uns anvisierte Rationalität präsentistisch-mitteleuropäischen
Typs ist PLURALISTISCH. Er spricht eine Qualität
an, die ihre Bedeutung erst in einem Vergleich
mit anderen möglichen Typen der Rationalität
gewinnen kann. Pluralität heißt, daß diese
Rationalität die Eigenheiten, die sachlichen
Bestimmungen der einzelnen gegenständlichen
Sphären der Erkenntnis achtet und dadurch
dem jeder Rationalität innewohnenden Drang
nach einem geistigen Totalitarismus Widerstand
leisten kann. Ihre homogenisierende Auswirkung
vernichtet die sachlichen Eigentümlichkeiten
einer gegenständlichen Sphäre nicht, und
zwar auf dem Wege des Komplexdenkens.
Damit hängt auch zusammen, daß diese Rationalität
keinen Unterschied zwischen der Strenge der
Gesetze macht je nachdem, ob sie sich auf
die Natur oder auf die sozialen Verhältnisse
beziehen, worin der Keim jener spezifischen
Einheitswisenschaft liegt, die von anderen
einheitswissenschaftlichen Konzepten abweicht.
13) Ein weiterer relevanter Zug dieser Rationalität
ist, daß sie das theoretische Prinzip aussagt:
Die Theoriebildung hat nicht das Ziel, den
Begriff von einem Gegenstand auszusagen,
bzw. zu analysieren. Die Theoriebildung DIESER
Rationalität hat das Ziel, die gegenständliche
Sphäre legitim zu verallgemeinern und diese
in Komplexen verallgemeinerte Sphäre zu analysieren.
Die moderne Rationalität präsentistisch-mitteleuropäischer
Art erfaßt die Wirklichkeit in "Elementen".
Jede gegenständliche Sphäre wird zerlegt
auf ihre "Elemente" hin. Alles
Reale wird aus Elementen aufgebaut und in
Komplexen zusammengefaßt. Diese Prinzipien
funktionieren nur, wenn die spezifisch?szentistischen
Verfahrensweisen Elemente der Interpretation
und die philosophische Interpretation Elemente
der szientistischen Verfahrensweisen in sich
aufnehmen.
14) Im Umfeld dieser allgemeinen Bestimmung
scheint vielleicht überaschend, daß wir in
Friedrich Nietzsche den eigentlichen Bahnbrecher
der präsentistischen Rationalität erblicken.
Sollte es um die "Entzauberung der Welt"
Max Webers, die "Dialektik der Aufklärung"
Horkheimer-Adornos oder das "Projekt
der Moderne" Jürgen Habermas' gehen,
so steht fest, daß all diese Konzeptionen
(und auch diejenigen, die jetzt nicht erwähnt
worden sind) selbständige Konstruktionen
darstellen, die unabhängig von ihrer möglichen
positiven oder negativen Beurteilung keine
Alternative zu dem von uns vorhin umrissenen
Bild der Aufklärung als einer spezifischen
PRAXIS (auf der Basis einer präsentistischen
Rationalität) stellen können. Aus diesem
Grunde ist es verfehlt, die Aufklärung (oder
die präsentistische Rationalität) als Praxisphilosophie
herauszustellen oder in ihr eine zusätzliche
Praxisphilosophie zu reklamieren. Denn die
wohl verstandene Aufklärung (und präsentistische
Rationalität) ist die Praxis selber.
Im Mittelpunkt der Nietzscheschen Aufklärung
steht eine Neudefinition der ökumenischen
Situation des Menschen in einer Zeit, in
der "Gott tot ist". Daß Nietzsches
Ausgangspunkt auch schon hier von dem der
klassischen Aufklärung unterschiedlich ist,
zeigt seine wichtige Bemerkung, die geeignet
ist, seine Position auch noch in anderen
möglichen Vergleichen klar zu umreißen: "In
der Periode der Aufklärung war man der Bedeutung
der Religion nicht gerecht geworden, daran
ist nicht zu zweifeln: aber ebenso steht
fest, daß man, in dem darauffolgenden Widerspiel
der Aufklärung, wiederum um ein gutes Stück
über die Gerechtigkeit hinausging, indem
man die Religionen mit Liebe, selbst mit
Verliebtheit behandelte..." (Nietzsche,
1980, 110).
Die neue "condition humaine" des
"Gott ist tot" bringt die als Gattung
universal und einheitlich vorgestellte Menschheit
in zweierlei unmittelbar bedrohende Gefahren.
Es geht sogar um Gefahren, die nicht unabhängig
voneinander auftreten, vielmehr weitgehend
aufeinander abgestimmt und ? nach dem Muster
der Reflexionsbegriffe ? stets wechselseitig
voneinander abhängig sind. Im Laufe der Formulierung
dieser beiden, gleichzeitigen und sich wechselseitig
aufeinander beziehenden Gefahren entstehen
die Umriße jenes Begriffs der Aufklärung,
der von Nietzsche formuliert und vertreten
worden ist.
Die ERSTE große Gefahr für die Gattung Mensch
ist eine, die man mit dem Begriff des "nicht-adäquaten",
nicht "wirklichkeitstreuen" Bewußtseins
umschreiben könnte. Denn das Festhalten an
falschen Bewußtseinsformen ist nach Nietzsche
seit seiner frühen Jugend eine unmittelbare
und drohende mentale Gefahr. Selbstverständlich
kann man, wie es in der Geschichte der großen
philosophischen Tradition tatsächlich auch
oft der Fall gewesen ist, über diese Grundvoraussetzung
der ganzen Nietzscheschen Aufklärungskonzeption
völlig anderer Meinung sein. Es ist jedoch
nicht unser Amt, an dieser Stelle diese Alternative
positiv in dieser oder jener Richtung zu
entscheiden.
Nietzsches Einschätzung der Gefahr eines
falschen Bewußtseins ergibt aber auch eine
vielsagende Parallele zu den Konzepten der
großen Aufklärung. Dem Aufklärer des achtzehnten
Jahrhunderts ging es nämlich noch überhaupt
nicht um eine Gefahr des "falschen"
Bewußtseins, ihm ging es vielmehr um das
Zurückgehaltenwerden, bzw. das Ausgeschlossensein
des "noch falschen" Bewußtseins
von jenen emanzipativen Inhalten, die zu
einem richtigen Bewußtsein führen sollten.
Es ging also noch nicht um eine mit Sicherheit
zu prognostizierende mentale Gefährdung,
vielmehr ging es noch um seine illegitim
aufgezwungene "Unmündigkeit". Mit
anderen Worten, ihre Vision, ob geschichtsbedingt
oder nicht, von der Konkurrenz der zahlreichen
Rationalitäten ("alle gegen alle")
war den Aufklärern noch kein richtiges Problem,
das Bild des richtigen Bewußtsein kam philosophisch-wissenssoziologisch
relativ einfach und eindimensional vor.
Besteht also die eine die Aufklärungsskonzeption
Nietzsches motivierende große Gefahr darin,
daß eine nicht aufgeklärte Menschheit durch
ihr falsches Bewußtsein unmittelbar mental
beschädigt wird, entsteht die andere, ebenso
große Gefahr in einem - in historischen Maßstäben
gesehenen - plötzlichen Verlust der Kontinuität
der eigenen individuellen oder kollektiven
Existenz, mit anderem und aktuellerem Terminus
ausgedrückt, der Identität. Einerseits ist
es so, daß wir nicht nur diejenigen Inhalte,
die ihre Wahrheit bereits eingebüßt haben,
hinter uns lassen können, wir müssen sogar.
Diejenigen Inhalte und Werte aber, die wir
hinter uns lassen müssen, sind andererseits
unveräußerlicher Teil unserer Identität.
Ein plötzlicher Verlust derselben gefährdet
uns nicht weniger als es das falsche Bewußtsein
- von gerade der entgegengesetzten Richtung
aus - tut. Es ist nicht schwer, an dieser
Stelle wieder an den vorher angeführten Begriff
der präsentistischen Rationalität hinzuweisen.
Durch diese zweite Gefahr beschreibt Nietzsche
eine Rationalität, die zwar in szientistischem
Sinne präsentistisch oder funktional ist,
der aber jene emanzipativen Züge fehlen,
die bei der richtig definierten präsentistischen
Rationalität vorhanden sein sollten.
15) Zwischen diesen beiden Gefahren kann
das Individuum wie die Gattung nur weiterleben,
wenn sie eine neue und bewußte Praxis in
Angriff nimmt. Diese beiden Voraussetzungen
markieren die Grenzen der Aufklärungskonzeption
Friedrich Nietzsches. Diese Aufklärung besteht
aus den beiden Elementen, die sich aus der
verdoppelten und gleichzeitigen, miteinander
stets verbundenen Gefahren ergeben. Einerseits
muß Individuum wie Gattung sich von jedem
falschen Bewußtsein frei machen (darin -
etwa auch in der Formulierung, daß es hier
um eine stete Kritik jeder Metaphysik geht
- ist Nietzsches Aufklärung der großen Aufklärung
des achtzehnten Jahrhunderts nicht unähnlich).
Andererseits müssen Individuum wie Gattung
in ihrer bewußten, in diesem Sinne genommenen
"aufklärerischen" Praxis, auch
bewußt um ihre Identität kämpfen. Dadurch
entsteht eine Aufklärung, die in ihrem Wesen
ebenfalls eine bewußte Praxis ist, die dieses
doppelte Ziel vor sich hat.
Diese neue Aufklärung hat ursprünglich kein
Feindbild, denn ihre Zielsetzungen werden
als so weitgehend gemeinnützig verstanden,
sodaß der Begriff des Feindbildes wie sich
selbst aufhebt. Konträre Positionen entstehen
bei Nietzsche dann, wenn er Attitüden zu
entdecken meint, die sich bewußt am falschen
Bewußtsein festhalten wollen.
Ein paradoxer Zug der Nietzscheschen Aufklärung
ist es ferner, daß nach ihrer Durchführung
das Alltagsbewußtsein etwa aufhören muß,
Alltagsbewußtsein zu sein, jeder Mensch soll
sich dem richtigen Bewußtsein nähern. Dies
ist tatsächlich ein Paradoxon, ein unumgängliches
und für jeden notwendig zu bewerkstelligendes
Paradoxon. Mit anderen Worten heißt es, daß
jeder sich selber, seine Persönlichkeit allein
ausarbeiten muß. Daß dies auch so viel heißt,
daß das Alltagsbewußtsein aufhört, es zu
sein, ist klar, es heißt aber auch, daß JEDER
Mensch ein Übermensch sein muß.
Es ist vielleicht schwierig, vielleicht paradox,
vielleicht sogar unmöglich. Aber anders geht
es nicht. Im anderen Fall werden die von
Nietzsche heraufbeschwörten Gefahren über
dem Menschen siegen.
16) Die philosophischen Vorgänge der 50er
und 60er Jahre sind für die moderne Philosophie
überhaupt von fundamentaler Bedeutung. In
dem sich sehr kompliziert gestaltenden Kampf
von diversen "Possibilitäten" und
"Plausibilitäten" artikulierten
sich die neuen Richtungen. Im nach der Verdrängung
Hegels aus dem philosophischen Universum
einsetzenden Vakuum profilieren sich zunächst
zwei große Gruppen.
Die eine stützt sich auf die sprunghaft vergrößerte
Plausibilität von Naturwissenschaften und
wird stark empiristisch-szientistisch.
Die andere große Gruppe nimmt in derselben
Zeit die Herausforderung der modernen Wissenschaftlichkeit
(was die Plausibilität anlangt) sowie der
veränderten politisch-sozialen Dimensionen
(was die Possibilität betrifft) zwar auch
an, beantwortet sie aber nicht durch eine
Position des Nebeneinanders, sondern mit
einem neuartig konzipierten philosophischen
Ganzen, mit einem Absoluten also, welches
jedoch die philosophische Bearbeitung der
szientistischen Herausforderung zuläßt, sie
sozusagen integriert (Lotze, Fechner, Eduard
von Hartmann).
Wir deuteten an, daß die reife Form Brentano'schen
Philosophierens (etwa in Gestalt der "Psychologie
vom empirischen Standpunkt") in ihren
Lösungen Elemente der beiden großen Gruppen
philosophischer Konzeptualisierung aufweist.
Brentano bringt die beiden großen philosophischen
Bereiche nicht in eine Position des Nebeneinanders,
er läßt auch das Konkrete im Universalen
nicht aufgehen. Er bringt die beiden Bereiche
in kausale Beziehung zueinander. Er läßt
das Absolute - wenn auch nicht unmittelbar
- als kausale Konsequenz des Szientistisch-Empirischen
erscheinen. Er wählt demnach im Vergleich
der angeführten beiden großen Gruppen der
50er und 60er Jahre einen dritten Weg. Die
einen lassen das Wissenschaftliche gelten
und suchen erst nach diesem Akt nach neuer
Möglichkeit, Funktion und Inhalt des Philosophischen.
Die anderen lassen ein Absolutes herrschen
und suchen innerhalb desselben nach dem spezifisch
philosophischen Stellenwert des Empirisch-Szientistischen.
Beide Möglichkeiten sind direkte Realisationen
von einem Spannungsverhältnis zwischen Philosophisch-Absolutem
und Empirisch-Positivem, wiewohl die beiden
dieses auf unterschiedliche Art auflösen,
bzw. aufzulösen suchen. Brentano nimmt dieses
Spannungsverhältnis in expliziter Form nicht
zur Kenntnis. Dies macht es diskursmäßig
möglich, daß er letzten Endes das Absolute
in kausale Relation mit dem Empiristisch-Konkreten
bringen kann.
17) Den in Deutschland hegemon gewordenen
Paradigmen des Neokantianismus, Historismus
und Kathedersozialismus stehen in Österreich-Ungarn
der POSITIVISMUS, der (positivistische) PRÄSENTISMUS
und die ÖSTERREICHISCHE SCHULE DER NATIONALÖKONOMIE
gegenüber.
Die Kontroverse zwischen Neukantianismus
und Positivismus war nicht nur für die Polarität
Deutschland-Österreich charakteristisch,
sie galt mit vollem Recht auch als eine im
wörtlichen Sinne genommene schicksalhafte
Entscheidung des europäischen Denkens. Schon
als nicht mehr so bekannt darf die zweite
Gegenüberstellung unseres Vergleichs angesehen
werden. Dem Historismus auf der österreichisch-ungarischen
Seite gegenüberstehende umfassende Begriff
eines PRÄSENTISMUS ist ein terminologischer
Versuch, jenen gemeinsamen Zug der politischen
und geistigen Objektivationen namhaft zu
machen, der durch die einzelnen Objektivationen
wie Kunst, Denken, Recht, etc. hindurch die
generelle Perspektive, wenn nicht gar das
VORRECHT der Gegenwart jedem Historischen
gegenüber zum Ausdruck zu bringen suchte.
Während sich in Deutschland der Historismus
als integrative Ideologie der Moderne durchsetzen
konnte, erwies sich ebenfalls als integrative
Ideologie der Modernisation in Österreich-Ungarn
der "Präsentismus". Während also
die Moderne der Gegenwart oder die Gegenwart
der Moderne in Deutschland zwangsläufig als
organische Verlängerung der historischen
(Vor) Geschichte erscheinen mußte, warf der
österreichische Präsentismus im Prinzip jede
Institution kritisch auf die Wagschale der
Gegenwart. Diese Einstellung war mit eine
Komponente der aufklärerisch-kritischen Impulse,
die aus diesem Präsentismus ausgingen.
Mit der Gegenüberstellung (deutscher) 'Historismus
- (österreichischer) Präsentismus' erscheint
in unserem Gedankengang also keine erst im
nachhinein angenommene interpretatorische
Option, mit dieser Gegenüberstellung erscheint
der WAHRE GRUNDKONFLIKT der Zeit, ein Konflikt,
in welchem auch die größte Antinomie der
Zeit ihren Ausdruck gefunden hat.
18) Für jede Version der Simmelschen Wirklichkeitsphilosophie
ist weitgehend charakteristisch, daß sie
in ihrer Einstellung AHISTORISCH ist. "Wirklichkeit"
bedeutet in diesem Sinne "Gegenwart",
"Wirklichkeitsphilosophie" in diesem
Sinne eine Art "Präsentismus".
Um die Bedeutung dieser Tatsache einzusehen,
muß man sich wieder das Ausmaß des auch politisch
und sozial motivierten Kampfes zwischen "Geschichte"
und "Gegenwart" vergegenwärtigen.
Die Vorherrschaft der Geschichte über der
Gegenwart beherrschte das Gesamtleben der
Zeit. Zwischen "Geschichte" und
"Gegenwart" als jeweils primäres
Bezugsfeld aller Erkenntnis bestand ein wahrhaft
gigantischer Kampf, dessen Dimensionen heute
noch weitgehend unerschlossen sind. Geschichte
und Gegenwart in ihrer Qualität als wichtigste
Referenz jeglicher Erkenntnis kämpften gegeneinander
in der Legitimation politischer Kräfte, bei
der Begründung von politischen Aspirationen,
sie kämpften gegeneinander für die Besetzung
der Inhalte des Alltagsbewußtseins, der Bildung,
der höheren Kultur. Soziale Klassen und Schichten
identifizierten und kategorisierten sich
auf der Grundlage, ob sie die Priorität der
Geschichte oder der Gegenwart geben.
19) Indem nämlich die Wirklichkeitsphilosophie
die Gegenständlichkeit jeder Wissenschaft
als Wirklichkeitskomplexe anschaut und dabei
die Bedeutung der Interpretation unterstreicht,
formuliert sie einen mehr oder weniger offenen
Angriff auf die Begrifflichkeit und das Selbst-Bild
einer jeden Normalwissenschaft, die unter
anderen auch aus soziologischen und pragmatischen
Gründen kein Interesse daran hat, sich selber,
ihre eigenen Grundlagen stets zu relativieren.
Und drittens ist es ebenso klar, daß jede
traditionelle idealistische Metaphysik, jede
idealistische Philosophie AB OVO gegen die
Wirklichkeitsphilosophie Stellung bezieht,
da ihre elementaren Ansprüche eine resolute
Infragestellung jeder traditionellen idealistischen
Metaphysik darstellen. Georg Simmels soziologisch-historische
Position, diejenige seiner Philosophie stellt
diese Beziehungen ebenso klar dar - zwischen
akademischer Philosophie, positiver Forschung
und traditioneller Metaphysik mußte er seinen
philosophischen und sozialen Weg finden.
20) Der Konflikt zwischen Historismus und
neuer Rationalität wird ein Kampf auf Leben
und Tod und durchzieht die ganze Epoche bis
1914 entscheidend. Wir haben gesehen, wie
lückenlos dieser Konflikt auf die unterschiedlichen
Evidenz- und Immanenzvorstellungen der beiden
Richtungen zurückgeführt werden kann. Es
entsteht ein Kampf zwischen einem PRÄSENTISMUS
und einem HISTORISMUS, der für die meisten
Disziplinen eine sofortige Stellungnahme
erfordert. Für Hermann Broch beispielsweise
wird dieser Kampf zwischen den beiden umfassenden
Typen der neuzeitlichen Rationalität auch
von gewaltiger Relevanz. Das Denken des jungen
Broch wird durchgehend als eine INNERE OPPOSITION
zu der soeben beschriebenen, triumphalen
Rationalität mittel-europäischer Provenienz
verstanden werden müssen. In dieser Opposition,
in welcher schon auch markante revoltierende
Attitüden der Zweiten Welle der europäischen
Moderne gegen die Erste Welle hochkommen,
gibt es keinen HISTORISCHEN Zug im Sinne
des eben erwähnten deutschen HISTORISMUS.
Es gibt jedoch bereits in der Kulturkritik
des ganz jungen Broch eine HISTORISCHE Dimension
in der Kritik der Rationalität, die sich
dann nach dem Zusammenbruch des Ersten Weltkrieges
verstärkt und zu Brochs eigener Wert- und
Geschichtsphilosophie geführt hat.
21) Etwa in den letzten drei Dezennien des
vorigen Jahrhunderts stand vor der präsentistischen
Rationalität die große zivilisatorische Aufgabe,
die bestehenden "substantiellen"
Formen der Rationalität zu "funktionalisieren"
und die in dieser Rationalität implizit enthaltende
Funktionalität substantiell zu machen, wie
die führenden Eigenschaften dieser Rationalität
es im wesentlichen auch ermöglicht hätten.
Diese zivilisatorische Herausforderung kam
nunmehr zum ersten Mal im Ungarnaufstand
(und dann im wesentlichen in jeder Form der
post-sozialistischen Einrichtung) wieder
auf. Dies wahrzunehmen, bleibt das bleibende
Verdienst Mihály Polányi's.
22) In der bisherigen Geschichte des Denkens
sind zwei wirkliche Aufklärungswellen zu
registrieren, auf die unsere Kriterien mit
Recht angewandt werden können und welche
auch insgesamt "Projekt" genannt
werden dürften. Die erste ist der große aufklärerische
Prozeß des achtzehnten Jahrhunderts. Die
zweite große aufklärerische Welle entstand
(breit gefaßt) zwischen den fünfziger und
den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts,
als deren Vertreter außer Friedrich Nietzsche
die Österreicher Josef Popper-Lynkeus und
Ernst Mach galten. Wie jede wirkliche Aufklärung,
gehört auch zu Nietzsches Aufklärung ein
"ökumenischer" Zug, in welchem
die gesamtmenschliche Dimension des aufklärerischen
Ansatzes artikuliert wird. Bei Nietzsche
und den österreichischen Vertretern dieser
zweiten Aufklärung (zwar auf unterschiedliche
Weise) werden die anfangs gestellten drei
Kriterien befriedigt. Um an dieser Stelle
nur bei Nietzsche zu bleiben, wird bei ihm
die emanzipative Praxis in der Bekämpfung
der beiden neuen ökumenischen Gefahren beim
Namen genannt. Wie im Falle der großen Aufklärung,
dieser großen philosophisch-szientistischen
Erneuerung des Empirismus und des Sensualismus,
erscheint bei Nietzsche als epistemologischer
Hintergrund die philosophisch-methodische
Reflexion auf die radikale Veränderung in
der wissenschaftlichen Sphäre. Und letztlich
erscheint auch in dieser zweiten Aufklärung,
die den Namen "Projekt" tatsächlich
auch verdient, die Komponente der "Politisierung
der Veränderung der Meinungen", auch
wenn in diesem Falle dieser sozialontologisch
bestimmte Prozeß in einer völlig veränderten
politischen Palette andere Gestalt annahm.
Sieht man von diesen Problemen an, so erscheint
die "Politisierung der Veränderung der
Meinungen" im Falle der zweiten Aufklärung
bei Nietzsche als eine Geschichte der falschen
Interpretationen, während Nietzsche dies
wohl ahnend zu einem Begriff der "großen"
Politik Zuflucht nehmen wollte.
23) Nietzsches Einschätzung der Gefahr eines
falschen Bewußtseins ergibt aber auch eine
vielsagende Parallele zu den Konzepten der
großen Aufklärung. Dem Aufklärer des achtzehnten
Jahrhunderts ging es nämlich noch überhaupt
nicht um eine Gefahr des "falschen"
Bewußtseins, ihm ging es vielmehr um das
Zurückgehaltenwerden, bzw. das Ausgeschlossensein
des "noch falschen" Bewußtseins
von jenen emanzipativen Inhalten, die zu
einem richtigen Bewußtsein führen sollten.
Es ging also noch nicht um eine mit Sicherheit
zu prognostizierende mentale Gefährdung,
vielmehr ging es noch um seine illegitim
aufgezwungene "Unmündigkeit".
Diese Aufklärung ist kein zusammenhängendes
System, aber auch keine kohärente Ideologie.
Unter anderen ist es aber auch ein Grund,
warum sie nur um den Preis großer Schwierigkeiten
einheitlich und kohärent dargestellt werden
kann. Diesen Grundtatsachen trägt die ganze
Konzeption des ZARATHUSTRA Rechnung, die
- um die kohärente Nietzschesche Aufklärung
darzustellen - eine ganze Reihe von kommunikativen
Strategien ausarbeitet, damit nicht die Aufklärungskonzeption
diskursiv dargestellt werden müßte, was im
Prinzip - gerade wegen der mehrfachen Systemlosigkeit
- eine Unmöglichkeit gewesen wäre.
24) Es liegt auf der Hand, daß jeglicher
neue Versuch, eine neue Welle der Aufklärung
zu inaugurieren, nur zu nennenswerten Erfolgen
kommen kann, wenn er mit einer Neuformulierung
der präsentistischen Rationalität identisch
ist. Insbesondere gilt es für eine gegen
die für irrational gehaltenen Tendenzen des
postmodernen Denkens auftretende neue Welle
der Aufklärung. Denn das postmoderne Phänomen,
in der Form, wie wir es heute zu Gesicht
bekommen, bereitet eine ganz besondere Herausforderung
für jede Rationalität. Sie besteht vor allem
darin, daß die plakativsten Forderungen des
real existierenden postmodernen Denkens (Ende
der Meta-Erzählungen, Kritik des Logozentrismus)
nicht nur als Momente einer neuen Kritik
der Metaphysik, sondern auch als eine zusammenhängende
Konzeption auftreten, die auf eine NEUE Art
ein Ende jeglicher Metaphysik mit sich brachten.
Auf dieser Linie erscheint die Postmoderne
überhaupt nicht als ein ANTIPODE, vielmehr
als eine Konkurrentin der präsentistischen
Rationalität und ihrer neuen Formen. In dieser
Situation kann erst nur als Ergebnis einer
komplexeren Rekonstruktion herausgestellt
werden, daß die glücklicherweise auch mehrfach
explizit gemachte methodische Basis der Postmoderne
eine rationale ist (man redet über die "Dezentrierung"
der großen Erzählungen, als bestünde die
Geschichte der Philosophie nur aus einem
Wechsel der zentralen Ideen im Kontext unveränderter
toter struktureller Materien).
Mit anderen Worten: Es kann nachgewiesen
werden, daß alles, was an "Metaphysik"
im neuen Denken der Postmoderne als endgültig
überwunden erscheint, nichts anderes als
eine philosophische Tradition ist, die mit
jener Tradition (kritizistischer Empirismus,
kritizistischer Positivismus oder positivistischer
Kritizismus) in keinem Zuge identifiziert
werden kann, aus der die mittel-europäische
präsentistische Rationalität herausgewachsen
ist.
25) Die folgenden Variationen der positivistischen
Theoriebildung stammen aus der Periode zwischen
den fünfziger und den sechziger Jahren des
neunzehnten Jahrhunderts. Eine Typologisierung
positivistischer Theoriebildung kann nur
korrekt werden, wenn sie im wesentlichen
den Positivismus dieses Zeitalters zum Ausgang
nimmt. Dies bedeutet aber unter keinen Umständen,
daß wir der Meinung wären, daß diese Typologie
nur in diesem historischen Kontext ihre Relevanz
hat. Diese Typologie will an dem Punkt Fortschritte
erzielen, wo die Schwierigkeiten der Theoriebildung
auf szientistischer oder kritizistischer
Basis entstehen. Sie will gegen jene vagen
nichtsdestoweniger aber weit verbreiteten
Vorstellungen auftreten, nach welchen kritististisches
Denken und Theoriebildung zwei verschiedene,
miteinander nicht zu versöhnende Ansätze
sind.
Die skizzenhafte, nichtsdestoweniger aber
im Prinzip sowohl eine theoretisch-systematische,
wie auch historische Vollständigkeit anstrebende
Typologisierung der positivistischen Theoriebildung
ergibt die folgende Reihe:
1. Positivistische Richtungen, aber auch
relevante Vertreter des fachwissenschaftlichen
Positivismus, die in deklarierter Form kein
Bedürfnis nach Theorie aufweisen;
2. das Phänomen der sogenannten "unbewußten
Theoriebildung". Der positive Forscher
stellt denselben Zusammenhang in verschiedenen
Wirklichkeitsbereichen im einzelnen als korrektes
positives Ergebnis fest und fängt an, die
so gewonnene positive Erkenntnis "unbewußt"
als "Gesetzmässigkeit" theoretischen
Charakters heuristisch auch in anderen Gegenstandsbereichen
in Anspruch zu nehmen (Prototyp: Gumplowicz);
3. Theorie als popularisierte positive wissenschaftliche
Einsicht. In diese Gruppe gehören positive
Erkenntnisse, auch Gesetzmäßigkeiten einzelner
Wirklichkeitsbereiche, die ihre quasi-theoretischen
Dimensionen im Laufe der öffentlichen Diskussion
annehmen, ohne daß diese "Theorie"
in strengem Sinne des Wortes einen "Autor",
geschweige denn eine "Urfassung"
oder ein "Gründungsdokument" hätte.
Das wohl bekannteste und gleichzeitig relevanteste
Beispiel dafür ist die sozialdarwinistische
"Theorie";
4. Theorie als konzeptionell zusammengefaßte
Summierung der vorher prinzipiell oder schon
auch disziplinär geordneten einzelnen positiven
Wissenschaften (ein Prototyp: Comte);
5. Theorie als das gemeinsam Gesetzmäßige
in sämtlichen Wissenschaften (ein Prototyp:
Spencer);
6. Kritischer Positivismus, der die spezifisch
philosophische Aufgabe des Positivismus in
der Kritik jeglicher Metaphysik erblickt
(Prototypen: Nietzsche, Mach);
7. der Hegelismus als schon fertig gestellte
Theorie von positiven Forschungen, bzw. Einzelwissenschaften
(Prototyp: Engels);
8. Theoriebildungen von frühen positivistischen
Ansätzen (Prototyp: Hume);
9. Die genealogisch-verstehende Methode Darwins
oder Marxens (als Prototypen) in den "Grundrissen
der politischen Ökonomie";
10.Schopenhauers positive Metaphysik des
Willens, die sowohl in ihrer Genese, wie
auch in der Verifizierung ihrer einzelnen
Thesen vielfach positivistisch motiviert
ist;
11. Franz Brentano's selektiv eingesetzte
naturwissenschaftliche Methode für die Erschließung
der Tatsachen unseres Bewußtseins.
In der Abkürzung einer längeren Analyse soll
gleich klar werden, daß die Variationen 6)
und 9) die wichtigsten unter dem Aspekt der
präsentistischen mittel-europäischen Rationalität
sind. Die Variation 6) ist die "präsentistische",
im folgenden werden wir uns am Beispiel der
Variation 9) mit der "genealogischen"
Fassung befassen, was erklären kann, wie
die legitime genealogische Ausdehnung der
präsentistischen Rationalität nicht nur ausschauen
soll, sondern auch in der großen Tradition
auch immer schon ausgeschaut hatte.
26) Obwohl nicht mit den ursprünglichen Quellen
vermittelt, kam die Problematik der modernen
Rationalität, bzw. des modernen Rationalismus
in den achtziger Jahren in eine prominente
intellektuelle Position. Nicht nur erreichten
die theoretischen Standards dieser Diskussionen
diejenige Größenordnung, die diese Problematik
wie selbstverständlich verdient hätte, sie
blieben auch praktisch, in ihrer Ausstrahlung,
begrenzt. Um nur einige der wichtigsten Beispiele
anzusprechen, beschränkte sich die Wissenschaftstheorie
eines Poppers auf eine in politisch-philosophischem
Sinne banale Kommunismuskritik, die Aufklärungskonzeption
von Habermas auf eine defensiv eingestellte
Kritik des "Neukonservatismus",
hinter welcher Bezeichnung jedoch eher die
geistigen Aufgüsse rechtsextremistischer
theoretischer Positionen auftraten und verwandelte
sich der Hayeksche Neoliberalismus in eine
Apologetik der neuen Strukturen des Monetarismus.
Auf der anderen Seite entwickelten sich sowohl
auf endogener wie auch auf exogener Grundlage
auf dem Territorium des ehemaligen Realsozialismus
keine neuen Formen der präsentistisch-mitteleuropäischer
Rationalität.
27) Die österreichische (mitteleuropäische)
Rationalität vereint Elemente der szientistischen
Rationalität, der einzelwissenschaftlichen
Methodik (in ihrem spezifischen "Komplexdenken"),
sowie der Reflexionen auf beides in einer
KOHÄRENTEN Denkweise, wenn man will, in einem
KOHÄRENTEN Denkstil.
Diese Kohärenz entsteht nicht ohne einen
gewissen Zug des DEZISIONISMUS. Ohne vielfache
bewußte Willensakte hätte diese Rationalität
sich nicht so weit von der szientistischen
Sphäre emanzipieren, und hätte selbst noch
im Rahmen der szientistischen Sphäre nicht
zu ihrer Transparenz und triumphierenden
Durchschlagskraft kommen können. Die Rationalität
erzielt gerade durch zielorientierte Dezisionen
eine Dynamik, mit welcher sie in immer weitere
Sachprobleme und allgemeine (philosophische
wie soziale) Fragestellungen hineindringt.
Zu diesem Dezisionismus zählt auch die Fähigkeit
dieses Denkens, stets anti-metaphysische
und kritische Pontentiale aufzuweisen, wiewohl
diese Eigenschaft etwa in dem aufklärerischen
Charakter auch selbständig konstituiert und
interpretiert werden kann. Ebenfalls mit
diesem dezisiven Charakter hängt die kämpferische,
mindestens aber die stets wahrnehmbare polemische
Dimension dieser Rationalität, ihre Dynamik,
zusammen. Der spektakulärste dezisivste Zug
ist sicherlich der sich stets zuspitzende
Kampf gegen die immer neuen Formen der Metaphysik
(zum Teil in Gestalten, deren "metaphysischer"
Charakter als solcher noch nicht erkannt
ist). Es gibt aber weitere zahlreiche endogene
dezisive Züge, die kaum weniger relevant
sind, beispielsweise jener von Lübbe hervorgehobene
Zug der Wertneutralität, die im wesentlichen
auch eine Folge einer klaren Dezision ist,
es gilt aber auch für das Komplexdenken,
sowie für jede nennenswerte wissenschaftslogische
Eigenschaft dieser präsentistischen Rationalität.
Der spezifische Praxisbezug der präsentistischen
mittel-europäischen Rationalität ist auf
zwei Seiten hin zuidentifizieren, manchmal
auch bewußt zu verteidigen. Einerseits steht
es fest, daß dieser Praxisbezug auf eine
immanente Weise in dieser Rationalität bereits
enthalten ist. Im Vergleich mit zahlreichen
Versionen der praxisphilosophischen Tradition
soll jedoch hervorgehoben werden, daß dieser
Praxisbezug streng im Bereich jener Regeln
und Vorschriften bleibt, die wir bei der
Bestimmung der präsentistischen Rationalität
stets mitdenken müssen. Denn wir haben nicht
wenige Praxisphilosophien, die in ihrer Konstitution
des Praxisbegriffs nicht nur die präsentistische,
sondern auch jegliche Rationalität hinter
sich lassen, indem sie die "Praxis"
als eine näher nicht bestimmte (vielleicht
auch nicht bestimmbare) neue Rationalität
angesehen haben.
28) Die von uns anvisierte Rationalität des
präsentistisch-mitteleuropäischen Typs ist
auch PLURALISTISCH. Pluralität heißt in diesem
Zusammenhang vor allem, daß sie die einzelnen
gegenständlichen Bestimmungen der verschiedenen
Sphären (mögen sie szientistisch sein oder
nicht) achtet. Dadurch geht sie jener für
jede andere Rationalität konkret sich stellenden
und handgreiflichen Gefahr aus dem Wege,
die darin besteht, daß die Rationalität im
Laufe ihrer Expansion "totalitär"
werden kann. Es ist nämlich oft der Fall,
daß die interpretativen und homogenisierenden
Prinzipien einer Rationalität die wirklich
bestimmenden und sachlich relevanten Eigenheiten
der Gegenständlichkeit der einzelnen untersuchten
Sphären durch die (an sich legitime und spezifische)
homogenisierende Kraft ihrer "Rationalität"
einfach aufheben. Dieses Phänomen steht übrigens
hinter der historischen Dynamik der Geschichte
der Wissenschaftstheorie, wo die "physikalischen"
durch die "biologistischen" Theoriewellen
stets auf- und abgelöst werden, wobei jeder
Wechsel dieser Art als eine VOLLKOMMEN NEUE
wissenschaftliche Wendung, als der ZUSAMMENBRUCH
des ganzen bisherigen Weltbildes, etc. stilisiert
wird und diese Stilisationen sich der vollkommenen
Plausibilität in den wissenschaftlichen Gemeinschaften
erfreuen kann. Es ist beispielsweise auch
durchaus möglich (es geschah auch tatsächlich),
daß man Dichtungen mit mathematischen Methoden
analysiert. Es steht aber außer Zweifel,
daß eine "totalitäre", d.h. nicht-pluralistische
Anwendung der mathematischen Rationalität
auf die Gegenständlichkeit der Dichtkunst
an seinem Ziel vorbeigeht und der Triumph
der an sich legitimen mathematischen Rationalität
mit dem definitiven Ende der dichterischen
Gegenständlichkeit identisch wird. In diesem
Sinne enthält jede KOHÄRENTE und DEZISIVE
Rationalität diese latente und destruktive
Gefahr, daß sie - gerade in ihrem Kampfe
gegen andere Rationalisierungstypen - die
ganze gegenständliche Sphäre homogenisiert
und dadurch in diesem Sinne des Wortes "totalitär"
wird. Praktisch erscheint also in der überwiegenden
Mehrheit der Fälle der "Totalitarismus",
d.h. der Mangel am Pluralismus in den anderen
Rationalitätstypen darin, daß die Methodik
einer konkreten Wissenschaft (Philosophie,
etc.) als DIE (präsentistische oder historische)
Rationalität ausgegeben wird, welche Rationalität
dann im Besitz seiner illegitimen aber vollen
Omnipotenz andere Gegenstandsgebiete wie
mit einem Rasiermesser homogenisiert. MUTATIS
MUTANDIS ereilte dieses Schicksal selbst
die strukturalistische Rationalität, die
ansonsten viele Prinzipien der präsentistischen
Rationalität geteilt hat. Das effektivste
Verfahren der präsentistischen Rationalität
für das Vermeiden der Hypertrophie der Methodik
einer konkreten Wissenschaft ist das sog.
"Komplexdenken" ist, diese geschickte
und kluge Transformation der gegenständlichen
Sphäre, die aber diese nicht aufhebt. Diese
Rationalität denkt also nicht in "Gegenständen"
einer konkreten Wissenschaft, auch nicht
in denen einer jeweils anderen philosophischen
Konzeption, sondern in "Komplexen",
die sie manchmal (wie etwa bei Mach bewußt,
wie bei anderen, unbewußt) auch so nennt.
Durch die dadurch entstehende Elastizität
und Variabilität dieser Sphäre kann dieser
Typus der Rationalität sowohl einer "totalitären"
Vernichtung der jeweiligen gegenständlichen
Sphären, wie auch der ebenso vitalen Gefahr
aus dem Wege gehen, daß ihre genuin gegenständliche
Sphäre von der Gegenständlichkeit EINER beliebigen
konkreten Wissenschaft diktiert, bzw. aufoktroyiert
wird. Dadurch nannten wir in einem Atemzug
praktisch all die Gefahren, mit denen funktionierende
Wissenschaften, bzw. Wissenschaftlichkeit
sich selber in Widerstände verwickeln, wodurch,
wie es so oft der Fall gewesen ist, plötzlich
ein breiter Chor wieder über das "Ende"
der Wissenschaft redet und jeglichen Formen
der vor- und antiwissenschaftlichen Ideologien
Tür und Tor geöffnet wird. Dieses Komplexdenken
erscheint in der folgenden Beschreibung von
(von) Hayek so:
"...at every stage Menger stresses...how
these properties depend (1) on the wants
of the person who is acting, and (2) upon
his knowledge of the facts and circumstances
that make the satisfaction of his need depend
on that particular object. He continually
emphasizes that these attributes do not inhere
in things...as such; that they are not properties
that can be discovered by studying the things
in isolation. They are entirely a matter
of relations between things and the persons
who take action about them" (Hayek,
1973, 6).
29) Eine der allerwesentlichsten Folgeerscheinungen
dieser Rationalität präsentistisch-mitteleuropäischer
Provenienz ist es, daß sie durch ihre auf
"Komplexe" aufgebaute Gegenständlichkeit
die Differenzen zwischen Sozial- und Naturwissenschaften
nicht anerkennen muß. Dadurch kann sie als
RATIONALITÄT beide Bereiche durchdringen,
ohne eben ALS RATIONALITÄT die Unterschiede
der beiden Sphären reflektieren zu müssen
und ihre eigene Geltung ALS RATIONALITÄT
wegen der gegebenen gegenständlichen Unterschiede
in den beiden Bereichen selber relativieren
zu müssen. An dieser Stelle läßt sich die
präsentistische Konzeption der präsentistischen
Rationalität (die auf ihre Weise auch als
eine Art EINHEITSWISSENSCHAFT aufgefaßt werden
kann) mit der einheitswissenschaftlichen
Konzeption etwa des Wiener Kreises vergleichen.
Während die Einheitswissenschaft des Wiener
Kreises ihren physikalistischen Charakter
nicht aufgeben konnte und an ihr definitiv
gescheitert hat, läßt sich dasselbe über
diese ebenfalls einheitswissenschaftliche
Konzeption der präsentistischen Rationalität
nicht sagen.
Ein weiterer relevanter Bestandteil der präsentistisch-mitteleuropäischen
Rationalität ist, daß die ursprüngliche und
strenge szientistisch-kritizistische Konzeption
in der Richtung der Interpretation (Hermeneutik)
und die ursprüngliche Interpretatition (Hermeneutik)
in der Richtung der kritizistischen Wissenschaftlichkeit
ausgedehnt wird, so daß diese beiden Verfahrensweisen
auf eine qualitativ neue Weise einander näher
gerückt sind. Ein Beispiel von Ernst Mach
lautet so: "Galilei und Kepler stellen
sich die verschiedenen Möglichkeiten der
Fall- und Planetenbewegung vor, sie suchen
diejenigen zu erraten, welche den Beobachtungen
entsprechen, sie schränken Vorstellungen
im Anschluß an die Beobachtung ein, gestalten
dieselben bestimmter. Der Trägheitssatz,
welcher nach dem Erlöschen der Kräfte dem
Körper eine gleichförmige geradlinige Bewegung
zuschreibt, hebt aus unendlich vielen Denkmöglichkeiten
EINE als maßgebend für die Vorstellung hervor..."
(Heller-Mach,. 1964, 120 - Sperrung im Original)
Durch die Wahl der (Wirklichkeits) Komplexe
zur primären Sphäre der eigenen "Gegenständlichkeit"
gewinnt der präsentistische mitteleuropäische
Typus der Rationalität eine gewaltige Freiheit
auch in der "Metasprachenbildung"
und dadurch der positivistischen Theoriebildung.
Bei der Wahl einer konkreten szientistischen
Gegenständlichkeit wäre auch diese Rationalität
gezwungen gewesen, eine aus dieser konkreten
Wissenschaft direkt herauswachsende szientistische
Metasprache zu dieser Gegenständlichkeit
zu finden. Dies hätte mit sich bringen müssen,
daß sich die Intention dieser Rationalität
von denen des Szientismus letztlich doch
nicht loslösen konnte: all die generalisierenden
und dadurch emanzipativen Qualitäten dieser
Rationalität hätten sich nicht entwickeln
können.
Diese Bedingungen führen, wie bereits aufgezeigt,
in der THEORIEBILDUNG auch zu grundsätzlichen
Veränderungen. Theoriebildung im Rahmen dieser
Rationalität kann sich nicht mehr zum Ziel
setzen, DEN "Begriff" oder DIE
wichtigsten "Begriffe" EINER konkreten
gegenständlichen Sphäre zu einer Einheit
theoretisch rekonstruktiv herauszuarbeiten.
Sie kann nur das legitime Ziel haben, die
konkrete gegenständliche Sphäre in einer
Sphäre der Wirklichkeitskomplexe aufzuheben,
wobei die Theoriebildung als solche nur die
Intention haben kann, die positiven Eigenschaften
der gegebenen Wirklichkeitskomplexe in ihrer
dynamischen Pluralität und aktuellen Raumzeitlichkeit
zu beschreiben.
Ein relevanter weiterer Zug der präsentistisch-mitteleuropäischen
Rationalität ist, daß sich in ihr die ERKENNTNIS
und das VERSTEHEN, d.h. Erkenntnistheorie
und Hermeneutik nicht absondern und keine
zwei voneinander unabhängigen Sphären ausmachen.
Die Erkenntnis aufgrund ihrer intersubjektiv
kontrollierbaren legitimen Normen und Bedingungen,
ist der einzig legitime Zugang zu den Gegenständen
der Wirklichkeit. Es gibt neben ihr keinen
zweiten, legitimen Zugang. Auf der einen
Seite könnte man bei dieser Wahrnehmung dieser
These eine selbständige, von der Erkenntnistheorie
mehr oder weniger unabhängige Hermeneutik
reklamieren. Und in der Tat, in der neuen
größeren Welle der Hermeneutik-Diskussion,
die etwa ab Mitte der siebziger Jahre ihren
Anfang nahm, herrschte gerade diese Einstellung
vor. Diese Hermeneutik verband sich wieder
mit der Phänomenologie, um GEGEN die Erkenntnis
Stellung nehmen zu können. Ein weiterer relevanter
Zusammenhang ergibt sich jedoch, wenn die
ursprüngliche hermeneutische Dimension jeder
Erkenntnistheorie sichtbar wird. Durch das
Zusammenfallen von Erkenntnis und Verstehen
in diesem Typus der Rationalität wird also
erreicht, daß kein damit rivalisierender,
"zweiter" legitimer und alternativer
Zugang zur Wirklichkeit entsteht, es wird
dadurch auch die ursprüngliche hermeneutische
Qualität der Erkenntnis ohne Schwierigkeiten
sichtbar. Ein Beispiel aus einer Analyse
von (von) Hayek: "Menger believes that
in observing the actions of other persons
we are assisted by a capacity of UNDERSTANDING
the meaning of such actions in a manner in
which we cannot understand physical events...'Observation',
as Menger uses the term, has thus a meaning
that modern behaviourists would not accept;
and it implies a VERSTEHEN ('understanding')
in the sense in which Max Weber later developed
the concept. It seems to me that there is
still much that could be said in defence
of the original position of Menger (and of
the Austrians generally) on this issue"
(Hayek, 1973, 8). Mach faßt eine Fazette
dieser Einstellung so auf: "Mit dem
Fortschritt der Naturwissenschaft ergibt
sich in der Tat eine zunehmende EINSCHRÄNKUNG
DER ERWARTUNG, eine zusehends bestimmtere
Gestaltung derselben. Die ersten Einschränkungen
sind qualitativer Art. Ob die Momente A,B,C,...welche
eine Erwartung M bestimmen, von der Wissenschaft
etwa in einem Satz auf einmal bezeichnet
werden können, oder ob diese Anweisung gibt,
dieselben nacheinander herbeizuschaffen,
wie dies z.B. durch eine botanische oder
chemische analytische Tabelle geschieht,
ist unwesentlich" (Heller-Mach, 1964,
430).
30) Der relevanteste Zug der Interpretation
ist also in der normalen Funktion der präsentistischen
Rationalität enthalten. ER ist also damit
nicht zu verwechseln, daß ein auf der Basis
dieser Rationalität stehender Forscher bereits
im voraus weiß, daß seine Ergebnisse provisorisch,
relativ und AUF DIESER GRUNDLAGE "interpretativ"
(also nicht absolut) sind. Diese Nuancen
der reichen Gehalte der Interpretationsproblematik
können nur zu einer richtigen Auffassung
auch der berühmten Machschen "Denkökonomie"
führen. Denn "Denkökonomie" ist
weder das kritizistisch-szientistische Verfahren,
noch der Akt der Interpretation selber, aber
auch keine "Theorie" (für welche
sie des öfteren abwechselnd gehalten wird).
"Denkökonomie" ist eine pragmatisch-perspektivistische
Haltung, die im Forscher mit Notwendigkeit
perspektivistisch entsteht, die aber weder
die konkreten Erkenntnisakte, noch die konkreten
Interpretationsakte oder die konkreten Akte
der Theoriebildung ersetzen. Ernst Mach sieht
ihre Genese so: "Häufen sich dann die
Einzelerkenntnisse, so macht sich das Bedürfnis
nach Verminderung der psychischen Anstrengung
und Ökonomie, Kontinuität, Beständigkeit,
möglichst ALLGEMEINER Anwendbarkeit und Brauchbarkeit
der aufgestellten Regeln mächtig geltend"
(Heller-Mach, 1964, 124). Sie ist eine zusammenfassende
perspektivistische Abstraktion, die sich
nie direkt geltend macht und keine konkreten
Akte der Kognition ablöst. Sie ist ein letztes
aber nie direkt wirkendes Prinzip. Sie ist
ein letztes Prinzip, welches im wesentlichen
als Erklärung der Interpretationen angewandt
wird, die sie aber nie ablösen kann. Nicht
die Denkökonomie ist eine direkte Interpretation,
sie ist eine Antwort auf die Frage NACH der
Motivation des Interpretationscharakters
der Erkenntnis.
Diese Rationalität entwickelt sich durch
die dynamische Wechselwirkung zwischen ihrer
Auffassung der Gegenständlichkeit als "Wirklichkeitskomplexe"
und der diesem Tatbestand entwachsenden neuen
Theoriebildung. Aus den Wirklichkeitskomplexen
werden "Elemente", die als letzte
Einheiten jeder beliebigen gegenständlichen
Sphäre erscheinen. Diese Einstellung führt
aber nicht zu einer neuen Art des Atomismus.
Das ist vor allem deshalb so, weil diese
Rationalität in aller Explizitheit formuliert,
daß diese Elemente überhaupt nicht gegenständlich
nachweisbar, das heißt sachlich "wirklich"
sein müssen. Dadurch gewinnt die präsentistisch-mitteleuropäische
Rationalität die Position einer elastischen
Vermittlung zwischen dem Empirischen und
dem Konstitutiv-Konstruktiven. Durch ihre
Theoriebildung vernichtet sie nicht die Besonderheit
der einzelnen gegenständlichen Sphären, sie
kann aber gleichzeitig durch den allgemeinen
Status der Wirklichkeitskomplexe, bzw. der
Elemente ihre Geltung ALS RATIONALITÄT sichern.
31) Im wesentlichen durch ihr Verständnis
der Theorie als verallgemeinernde Beschreibung
von Zuständen engagiert sich diese Rationalität
für ein Theorieverständnis, welches einerseits
POSITIV-PRÄSENTISTISCH und andererseits KRITISCH-ANTIHISTORISCH
ist. Der Zug des positiven Präsentismus entsteht
aufgrund des AB OVO natürlich-präsentistischen
Charakters der einzelnen Wirklichkeitskomplexe,
bzw. Elemente. Theoretisch-rational kann
für diese Rationalität etwas nur sein, was
GEGENWÄRTIGES reflektiert und integriert.
Kritisch-antihistorisch wird diese Theoriebildung
in dem Augenblick, als sie sich mit den verschiedensten
Varianten des HISTORISMUS konfrontiert sehen
muss. Die Konflikte mit dem Historismus ergeben
sich einerseits daraus, daß sich diese Rationalität
in jedem ihrer Charakterzüge von denen des
Historismus grundsätzlich unterscheidet.
Andererseits - und das klingt beinahe tautologisch
- unterscheiden sich auch die Vorstellungen
des Historismus über die Theoriebildung von
denen der Rationalität präsentistisch-mitteleuropäischer
Art. Károly Polányi's Bemerkung beleuchtet
diese Relation wieder von einer neuen Perspektive
aus:
"Wie langsam in der Weltauffassung der
Menschen die Naturwissenschaft im Gegensatz
zur Naturgeschichte den Raum einnahm, ebenso
langsam tritt die Soziologie an die Stelle
der Geschichte" (Polányi, 1986/a, 1,75).
Die präsentistische, mittel-europäische Rationalität,
den experimentierenden Naturwissenschaften
entwachsen, ist kohärent und homogen, sie
ist auch homogenisierend. Dies bedeutet aber
unter keinen Umständen, daß sie eine neue
"Einheitswissenschaft" befördert,
wiewohl sie keine verschiedenen Rationalitäten
für die einzelnen diversen Gegenstandssphären
zuläßt. Max Weber formuliert diese Möglichkeit
an einer Stelle so: "Daß die Art, wie
uns psychische Objekte 'gegeben' sind, KEINEN
spezifischen, für die Art der Begriffsbildung
wesentlichen Unterschied gegenüber den Naturwissenschaften
begründen könne, ist eine Grundthese Rickerts...
Der in dieser Studie weiterhin zugrundegelegte
Standpunkt nähert sich dem Rickertschen insofern,
als dieser... ganz mit Recht davon ausgeht,
daß die 'psychischen' bzw. 'geistigen' Tatbestände...
prinzipiell der Erfassung in Gattungsbegriffen
und Gesetzen durchaus ebenso zugänglich sind
wie idie 'tote' Natur. Denn der geringe erreichbare
Grad der Strenge und der Mangel der Qualifizierbarkeir
ist nichts auf 'psychische' oder 'geistige'
Objekte bezüglichen Begriffen und Gesetzen
Spezifisches" (Weber, 1968, 12).
32) Für die spezifisch präsentische mittel-europäische
Rationalität sind die folgenden Merkmale
charakteristisch:
1. sie stammt aus der modernen, kritizistisch-positivistischen
Wissenschaft;
2. sie ist aufklärerisch und dezisiv;
3. sie ist diesseitig;
4. sie ist in ihrer Selbstauffassung reflexiv,
sie ist sich ihres interpretativ-hermeneutischen
Charakters bewußt;
5. sie ist pluralistisch;
6. sie lehnt sich auf die Wissenschaft, ohne
ihre gegenständliche Sphäre mit derselben
einer einzigen konkreten Wissenschaft identisch
zu setzen;
7. sie ist metaphysikkritisch, ohne eine
korrekte Theoriebildung zu verhindern;
8. sie ist präsentistisch, welche Eigenschaft
besonders artikuliert wird, wenn eine alternative
Wissenschaft durch ihre "historizistische"
Methode die Geltung dieser Rationalität in
Frage stellt (Beispiel: Nationalökonomie);
9. sie hat eine pragmatische Note, ohne deshalb
gleich als eine versteckte oder offene pragmatische
Philosophie genannt zu werden;
10. sie befördert keine neue "Einheitswissenschaft",
läßt aber für die unterschiedlichen Gegenstadssphären
keine verschiedenen Rationalitäten zu;
11. sie ist geeignet, institutionalisiert
zu werden, ist aber mit keiner ihrer institutionalisierten
Manifestationen identisch zu setzen;
12. sie ist emanzipativ.
33) Die präsentistisch-mitteleuropäische
Rationalität entsteht durch ihre schrittweise,
triviale und später nicht mehr triviale Abhebung
vom Alltagsbewußtsein. Bemerkenswert, daß
sie angesichts des spontanen Materialismus
und des spontanen Empirismus (der "anti-metaphysischen"
Velleitäten des Alltagsbewußtseins also)
diesem Alltagsbewußtsein nicht unbedingt
feindlich gegenübersteht, während sie angesichts
der "spontanen" Harmonistik (d.h.
der "pro-metaphysischen" Velleität
des Alltagsbewußtseins) diesem resolut gegenübersteht.
Zu diesem Komplex gehört noch, daß die präsentistische
Rationalität das Alltagsbewußtsein doch Schritt
für Schritt durchdringt und somit zum Status
einer "kollektiven Idee" im Sinne
Durkheims kommen kann.
Jede Rationalität hat ihre konkrete soziale
und historische Umgebung. Die genuine Problematik
einer sozialen Ontologie der Rationalität
entsteht, als moderne Rationalitäten (wie
etwa auch die mittel-europäische) in sozialen
Umfeldern sich durchsetzen wollen, in denen
noch andere, nicht mehr so moderne Rationalitäten
den Raum ausfüllen. Die Problematik der sozialen
Ontologie entsteht, wenn der neuere Typ der
Rationalität ältere Rationalitäten ablösen
will. Da diese Situation nicht selten in
unserer Region vorkommt, stellt sich die
Frage nach der Durchsetzungskraft jeder modernen
Rationalität, sowie nach den Residuen, die
dieser Rationalität gegenüber Widerstand
leisten.
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