THESEN ZUR REKONSTRUKTION DER PRÄSENTISCHEN RATIONALITÄT MITTELEUROPAS

1) Fragt man nach einem allgemeinen Begriff der Rationalisierung, so könnte man sicherlich keinen anderen herbeiziehen als den von Karl Mannheim geprägten, namentlich in der folgenden Definition: "Jede Rationalisierung ist eine kategoriale Umformung eines gegebenen anschaulichen Materials" (Mannheim, 1982, 198.).


Die in dieser Bestimmung enthaltene Andeutung der Pluralität der Rationalisierungen hat ihre Bedeutung: im sozialen Sein existieren und wirken nämlich stets zahlreiche (oder zahllose) Rationalisierungen nebeneinander und gegeneinander. Max Weber sieht es in seiner generalisierenden Sicht so: "Die Menschen neigen immer und überall zum Rationalisieren im Sinn von Abstrahierung und Generalisierung... Das bedeutet jedoch nicht, daß sie dann auch immer und überall dieselben kognitiven Kategorien und Maßstäbe anwenden" (Weber, 1968, 151-213).

2) Der Typus der präsentischen Rationalität ist der einer, ihre Aktivität auf eine je bestimmte, situativ entstehende Weise in der jeweiligen Gegenwart ausübenden Rationalität.

3) Für den sozialontologischen Charakter der Rationalisierung(en) ist es wesentlich, daß jede Rationalisierung mit jeder anderen Rationalisierung in steter Konkurrenz und in unaufhörlichem Kampf steht (um es etwas ausführlicher auszudrücken: jede "alte", "historisch überlieferte" Rationalität steht mit jeder anderen "alten" und "historisch überlieferten" Rationalität, bestimmte konkrete "alte" und "historisch überlieferte" Rationalitäten mit bestimmten konkreten "neuen" und "modernen" Rationalitäten und schließlich jede "neue" und "moderne" Rationalität mit jeder anderen "neuen" und "modernen" Rationalität in dieser gegenseitigen kämpferischen Stellung gegenüber). Es versteht sich von selber, daß sich in der Wahrnehmung einer Gesellschaft und einer konkreten historischen Periode nicht diese Allseitigkeit der Rationalitätskonkurrenz realisieren kann.

4) Zur Erforschung eines so komplexen Phänomens wie die präsentistische Rationalität, deren lokale Herkunft wir in Mittel-Europa, praktisch auf dem Gebiet der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie aufzufinden meinen, merken wir an: Um überflüssige scheinprinzipielle Diskussionen zu vermeiden, bezeichnen wir diese Rationalität mittel-europäisch (in manchen Textstellen auch "österreichisch"), und zwar einzig auf dieser historisch-geographischen Basis, die wir etwa soziologisch nicht weiter analysieren möchten; noch entschiedener lehnen wir es ab, auf eine Mittel-Europa-Diskussion vor dem Horizont und im Stil der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts einzugehen, denn es scheint uns, daß diese Diskussionen heute in der überwiegenden Mehrheit nicht historisch-rekonstruktiven (d.h. um es einfacher und traditioneller auszudücken: wissenschaftlichen), vielmehr etwas verdeckt aktual-politischen Zielen folgen.
Diese präsentistische Rationalität entfaltete sich ? ursprünglich im Kontext der Konkurrenz mit einer Mehrzahl anderer Rationalitäten ? hauptsächlich in einer Auseinandersetzung mit einer historisch gewachsenen Rationalität. Als das idealtypische Beispiel dieser Auseinandersetzung sehen wir die Methodendiskussion zwischen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und der Historischen Schule in Deutschland.

5) DIESER Präsentismus wird in der Dühring-Analyse von Külpe auf die folgende Weise ausgedrückt: "Nun ist das Wirkliche das jedesmal Gegenwärtige" (Külpe, 1911, 35). Die "jedesmal" erlebbare "Gegenwärtigkeit" des Wirklichen bedeutet für uns eine spezifische Qualität, die auch nicht direkt zum Konstituens eines Typus der Rationalität, sondern zu dem einer wissenschaftlichen Methodik und erst dann zu dem eines ganzen Typs der Rationalität geworden ist. So viel und vielerlei man theoretisch über die verschiedenen MODI des Wirklichen aussagen kann, bedeutet die Gegenwärtigkeit doch diejenige wichtigste Bezeichnung, ohne welche keine Erkenntnis möglich ist. Über eine zukünftige Erkenntnis wäre es sinnlos zu reden, während eine Erkenntnis auch nie "vergangen" sein kann, höchstens kann sie Gegenstände erkennen, die eine historische Existenzweise haben. Darin haben wir im Keime auch schon auf den grundsätzlichen Konflikt zwischen der präsentistischen und der historizistischen Rationalität hingewiesen, ohne daß diese wichtigste Gegenüberstellung bereits als eine eingehende Analyse hätte genannt werden können.

6) Als das Grundphänomen der Rationalität sehen wir in UNSEREM KONTEXT die spezifische Verbindung zwischen einer bestimmten Erkenntnisweise (eben des kritizistischen Positivismus, wiewohl dafür auch mehrere andere Namen zur Verfügung stehen könnten) und einer spezifischen kohärenten Praxis (die in ihren Handlungen die Logik, die Kohärenz und die Kausalität der spezifischen Erkenntnis realisiert). Diese "Rationalität" ist also weder Kognition, noch Praxis, sondern eine spezifische kohärente Verbindung der beiden. Eine selten treffende Beschreibung dieser SPEZIFISCHEN Verbindung beschreibt Károly Polányi: "Wie mutig die Handlung der toten Materie unserer Kenntnisse entspringt, so sorgfältig und gewissenhaft müssen wir dieses Fundament legen" (Polányi, 1986a/b, 1,51). Diese Kombination zwischen der "toten Materie unserer Kenntnisse" und der "mutigen Handlung" entsteht genau durch eine Rationalität, die zwischen den beiden Sphären einen Strang der Kohärenz herstellt. Es geht hier um eine Beziehung zwischen Theorie und Praxis, ohne daß deshalb die präsentistische Rationalität schon als ein Phänomen charakterisiert wäre, das IDENTISCH mit der Identität DER Theorie und DER Praxis sei.
Diese Rationalität hat bestimmte positive Eigenschaften. Wirklich bestimmend im historischen wie zivilisatorischen Sinn wird diese präsentistisch-mitteleuropäische Rationalität jedoch nicht unmittelbar wegen ihrer positiven Eigenschaften, vielmehr in ihrer Negativität, in ihrer gewollt oder ungewollt zustande kommenden polemischen Funktion. Denn die von ihr verkörperte Verbindung bereitete eine klare und dynamische Frontstellung praktisch gegen JEDE andere Rationalität, gegen die ganze Tradition überhaupt, aus welcher in einem ausgezeichneten Zeitpunkt der Konflikt mit der historistischen Rationalität den größten Stellenwert einnahm.

7) Eine nächste sehr wichtige Fragestellung im Kontext der präsentistischen Rationalität ist, ob sie im Vergleich zur exakten ? oder nur metaphorisch so zu nennenden ? Rationalität der einzelnen Subsysteme auch eine kohärente und diese durchdringende Rationalität darstellt oder aber über ihre Durchdringungskraft und Transparenz nur in Kontexten und Vergleichen sinnvoll reden kann, wo die einzelnen Subsysteme gerade mit ihrer expliziten oder nur metaphorischen Rationalität nicht anwesend sind. Unsere Antwort auf diese Frage ist eindeutig positiv, wir betrachten die zu untersuchende präsentistische Rationalität als eine, die im wahren Sinne des Wortes alles durchdringt, ja, daß gerade in dieser Qualität das wahre Spezifikum dieser Rationalität aufzufinden ist.

8) Mit welchen Begriffen und Begriffsvarianten die von uns intendierte präsentistische Rationalität NICHT zu charakterisieren ist: Sie ist keine Rationalität, die in unveränderter Form etwa in der Theorie der rationalen Wahl anzuwenden wäre. Sie ist keine Rationalität im Sinne der von Apel inaugurierten Letztbegründungsproblematik, sie ist keine Rationalität für eine herrschaftsfreie Kommunikation oder für eine optimale Argumentationsstrategie (was letztere anlangt, so ist es klar, daß diese Rationalität durch ihre wissenschaftslogische Genese und kausale Kompetenz keine besondere Argumentationslogik braucht, sie ist ein Argument oder eine ganze Argumentation, ohne Dimensionen einer Metasprache). Sie ist aber keine Rationalität eines Systems im systemtheoretischen Sinne des Wortes.
Die präsentistische Rationalität ist also keine "Reduktion der Komplexität", auch wenn ihre Komplexität selbstverständlich stets eine begrenzte ist. Sie ist eine eigengesetzliche Sichtweise, bei welcher keine Reduktion sinnvoll aufkommt.

9) Die intendierte präsentistische Rationalität war um die Jahrhundertwende vor eine gewaltige Herausforderung gestellt. Kaum weniger belangvoll erscheint uns die neue zivilisatorische Herausforderung für die präsentistische Rationalität nach der historischen Wende 1989 in der post-sozialistischen Welt (um über frühere historische Wendepunkte wie 1914, 1919, 1933, 1945, 1968 nicht zu sprechen). Wir haben aber eine noch aktuellere Herausforderung, und zwar die funktionale Rationalität der monetaristischen Wirtschaftsauffassung und Politik, die in vielem die Eigenschaften der im Mittelpunkt stehenden präsentistischen Rationalität aufweist, deren emanzipative und aufklärerische Einstellungen aber aus sich ausgeschieden hat.

10) Der erste Zug dieser Rationalität vom präsentistisch-mitteleuropäischen Typ ist, daß sie die Elemente der szientistischen Einsicht, der Methodik der Einzelwissenschaften, sowie der expliziten Reflexionen der Erkenntnistheorie selbst als eine KOHÄRENTE Denkweise vereint. Wegen ihrer Kohärenz wäre diese Rationalität bestens geeignet, mit Leichtigkeit institutionalisiert zu werden. Weil aber ihre kritizistische und vor allem emanzipative Dimension auch stets am Werke bleibt, kann sie in ihrer ursprünglichen Form trotzdem nicht institutionalisiert werden; und wenn sie institutionalisiert wird, entstehen wegen der notwendigen Selektivität dieser Institutionalisierung gravierende Probleme, denn die Momente der funktionalen und szientistischen Rationalität institutionalisieren sich in diesen Fällen eben OHNE (unter anderen) die emanzipativen und die kritizistischen Momente.

11) Diese in Entstehung begriffene Kohärenz gewinnt auch die Eigenschaft des Dezisionismus, eine Eigenschaft, die die Eigendynamik der Rationalität nicht nur einfach wahrnimmt und als solche hinnimmt, sondern auch diese Dynamik bewußt weiter befördert und ausbaut. Der dezisive Zug dieser Rationalität stammt von ihrer "positiven" Seite, sie verfügt ? mit dem modifizierten Begriff von Alois Riegl ? über ein bestimmendes "Erkenntniswollen", das allein schon in die Richtung der Dezisivität weist.

12) Die von uns anvisierte Rationalität präsentistisch-mitteleuropäischen Typs ist PLURALISTISCH. Er spricht eine Qualität an, die ihre Bedeutung erst in einem Vergleich mit anderen möglichen Typen der Rationalität gewinnen kann. Pluralität heißt, daß diese Rationalität die Eigenheiten, die sachlichen Bestimmungen der einzelnen gegenständlichen Sphären der Erkenntnis achtet und dadurch dem jeder Rationalität innewohnenden Drang nach einem geistigen Totalitarismus Widerstand leisten kann. Ihre homogenisierende Auswirkung vernichtet die sachlichen Eigentümlichkeiten einer gegenständlichen Sphäre nicht, und zwar auf dem Wege des Komplexdenkens.
Damit hängt auch zusammen, daß diese Rationalität keinen Unterschied zwischen der Strenge der Gesetze macht je nachdem, ob sie sich auf die Natur oder auf die sozialen Verhältnisse beziehen, worin der Keim jener spezifischen Einheitswisenschaft liegt, die von anderen einheitswissenschaftlichen Konzepten abweicht.

13) Ein weiterer relevanter Zug dieser Rationalität ist, daß sie das theoretische Prinzip aussagt: Die Theoriebildung hat nicht das Ziel, den Begriff von einem Gegenstand auszusagen, bzw. zu analysieren. Die Theoriebildung DIESER Rationalität hat das Ziel, die gegenständliche Sphäre legitim zu verallgemeinern und diese in Komplexen verallgemeinerte Sphäre zu analysieren. Die moderne Rationalität präsentistisch-mitteleuropäischer Art erfaßt die Wirklichkeit in "Elementen". Jede gegenständliche Sphäre wird zerlegt auf ihre "Elemente" hin. Alles Reale wird aus Elementen aufgebaut und in Komplexen zusammengefaßt. Diese Prinzipien funktionieren nur, wenn die spezifisch?szentistischen Verfahrensweisen Elemente der Interpretation und die philosophische Interpretation Elemente der szientistischen Verfahrensweisen in sich aufnehmen.

14) Im Umfeld dieser allgemeinen Bestimmung scheint vielleicht überaschend, daß wir in Friedrich Nietzsche den eigentlichen Bahnbrecher der präsentistischen Rationalität erblicken.
Sollte es um die "Entzauberung der Welt" Max Webers, die "Dialektik der Aufklärung" Horkheimer-Adornos oder das "Projekt der Moderne" Jürgen Habermas' gehen, so steht fest, daß all diese Konzeptionen (und auch diejenigen, die jetzt nicht erwähnt worden sind) selbständige Konstruktionen darstellen, die unabhängig von ihrer möglichen positiven oder negativen Beurteilung keine Alternative zu dem von uns vorhin umrissenen Bild der Aufklärung als einer spezifischen PRAXIS (auf der Basis einer präsentistischen Rationalität) stellen können. Aus diesem Grunde ist es verfehlt, die Aufklärung (oder die präsentistische Rationalität) als Praxisphilosophie herauszustellen oder in ihr eine zusätzliche Praxisphilosophie zu reklamieren. Denn die wohl verstandene Aufklärung (und präsentistische Rationalität) ist die Praxis selber.
Im Mittelpunkt der Nietzscheschen Aufklärung steht eine Neudefinition der ökumenischen Situation des Menschen in einer Zeit, in der "Gott tot ist". Daß Nietzsches Ausgangspunkt auch schon hier von dem der klassischen Aufklärung unterschiedlich ist, zeigt seine wichtige Bemerkung, die geeignet ist, seine Position auch noch in anderen möglichen Vergleichen klar zu umreißen: "In der Periode der Aufklärung war man der Bedeutung der Religion nicht gerecht geworden, daran ist nicht zu zweifeln: aber ebenso steht fest, daß man, in dem darauffolgenden Widerspiel der Aufklärung, wiederum um ein gutes Stück über die Gerechtigkeit hinausging, indem man die Religionen mit Liebe, selbst mit Verliebtheit behandelte..." (Nietzsche, 1980, 110).
Die neue "condition humaine" des "Gott ist tot" bringt die als Gattung universal und einheitlich vorgestellte Menschheit in zweierlei unmittelbar bedrohende Gefahren. Es geht sogar um Gefahren, die nicht unabhängig voneinander auftreten, vielmehr weitgehend aufeinander abgestimmt und ? nach dem Muster der Reflexionsbegriffe ? stets wechselseitig voneinander abhängig sind. Im Laufe der Formulierung dieser beiden, gleichzeitigen und sich wechselseitig aufeinander beziehenden Gefahren entstehen die Umriße jenes Begriffs der Aufklärung, der von Nietzsche formuliert und vertreten worden ist.
Die ERSTE große Gefahr für die Gattung Mensch ist eine, die man mit dem Begriff des "nicht-adäquaten", nicht "wirklichkeitstreuen" Bewußtseins umschreiben könnte. Denn das Festhalten an falschen Bewußtseinsformen ist nach Nietzsche seit seiner frühen Jugend eine unmittelbare und drohende mentale Gefahr. Selbstverständlich kann man, wie es in der Geschichte der großen philosophischen Tradition tatsächlich auch oft der Fall gewesen ist, über diese Grundvoraussetzung der ganzen Nietzscheschen Aufklärungskonzeption völlig anderer Meinung sein. Es ist jedoch nicht unser Amt, an dieser Stelle diese Alternative positiv in dieser oder jener Richtung zu entscheiden.
Nietzsches Einschätzung der Gefahr eines falschen Bewußtseins ergibt aber auch eine vielsagende Parallele zu den Konzepten der großen Aufklärung. Dem Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts ging es nämlich noch überhaupt nicht um eine Gefahr des "falschen" Bewußtseins, ihm ging es vielmehr um das Zurückgehaltenwerden, bzw. das Ausgeschlossensein des "noch falschen" Bewußtseins von jenen emanzipativen Inhalten, die zu einem richtigen Bewußtsein führen sollten. Es ging also noch nicht um eine mit Sicherheit zu prognostizierende mentale Gefährdung, vielmehr ging es noch um seine illegitim aufgezwungene "Unmündigkeit". Mit anderen Worten, ihre Vision, ob geschichtsbedingt oder nicht, von der Konkurrenz der zahlreichen Rationalitäten ("alle gegen alle") war den Aufklärern noch kein richtiges Problem, das Bild des richtigen Bewußtsein kam philosophisch-wissenssoziologisch relativ einfach und eindimensional vor.
Besteht also die eine die Aufklärungsskonzeption Nietzsches motivierende große Gefahr darin, daß eine nicht aufgeklärte Menschheit durch ihr falsches Bewußtsein unmittelbar mental beschädigt wird, entsteht die andere, ebenso große Gefahr in einem - in historischen Maßstäben gesehenen - plötzlichen Verlust der Kontinuität der eigenen individuellen oder kollektiven Existenz, mit anderem und aktuellerem Terminus ausgedrückt, der Identität. Einerseits ist es so, daß wir nicht nur diejenigen Inhalte, die ihre Wahrheit bereits eingebüßt haben, hinter uns lassen können, wir müssen sogar. Diejenigen Inhalte und Werte aber, die wir hinter uns lassen müssen, sind andererseits unveräußerlicher Teil unserer Identität. Ein plötzlicher Verlust derselben gefährdet uns nicht weniger als es das falsche Bewußtsein - von gerade der entgegengesetzten Richtung aus - tut. Es ist nicht schwer, an dieser Stelle wieder an den vorher angeführten Begriff der präsentistischen Rationalität hinzuweisen. Durch diese zweite Gefahr beschreibt Nietzsche eine Rationalität, die zwar in szientistischem Sinne präsentistisch oder funktional ist, der aber jene emanzipativen Züge fehlen, die bei der richtig definierten präsentistischen Rationalität vorhanden sein sollten.

15) Zwischen diesen beiden Gefahren kann das Individuum wie die Gattung nur weiterleben, wenn sie eine neue und bewußte Praxis in Angriff nimmt. Diese beiden Voraussetzungen markieren die Grenzen der Aufklärungskonzeption Friedrich Nietzsches. Diese Aufklärung besteht aus den beiden Elementen, die sich aus der verdoppelten und gleichzeitigen, miteinander stets verbundenen Gefahren ergeben. Einerseits muß Individuum wie Gattung sich von jedem falschen Bewußtsein frei machen (darin - etwa auch in der Formulierung, daß es hier um eine stete Kritik jeder Metaphysik geht - ist Nietzsches Aufklärung der großen Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts nicht unähnlich). Andererseits müssen Individuum wie Gattung in ihrer bewußten, in diesem Sinne genommenen "aufklärerischen" Praxis, auch bewußt um ihre Identität kämpfen. Dadurch entsteht eine Aufklärung, die in ihrem Wesen ebenfalls eine bewußte Praxis ist, die dieses doppelte Ziel vor sich hat.
Diese neue Aufklärung hat ursprünglich kein Feindbild, denn ihre Zielsetzungen werden als so weitgehend gemeinnützig verstanden, sodaß der Begriff des Feindbildes wie sich selbst aufhebt. Konträre Positionen entstehen bei Nietzsche dann, wenn er Attitüden zu entdecken meint, die sich bewußt am falschen Bewußtsein festhalten wollen.
Ein paradoxer Zug der Nietzscheschen Aufklärung ist es ferner, daß nach ihrer Durchführung das Alltagsbewußtsein etwa aufhören muß, Alltagsbewußtsein zu sein, jeder Mensch soll sich dem richtigen Bewußtsein nähern. Dies ist tatsächlich ein Paradoxon, ein unumgängliches und für jeden notwendig zu bewerkstelligendes Paradoxon. Mit anderen Worten heißt es, daß jeder sich selber, seine Persönlichkeit allein ausarbeiten muß. Daß dies auch so viel heißt, daß das Alltagsbewußtsein aufhört, es zu sein, ist klar, es heißt aber auch, daß JEDER Mensch ein Übermensch sein muß.
Es ist vielleicht schwierig, vielleicht paradox, vielleicht sogar unmöglich. Aber anders geht es nicht. Im anderen Fall werden die von Nietzsche heraufbeschwörten Gefahren über dem Menschen siegen.

16) Die philosophischen Vorgänge der 50er und 60er Jahre sind für die moderne Philosophie überhaupt von fundamentaler Bedeutung. In dem sich sehr kompliziert gestaltenden Kampf von diversen "Possibilitäten" und "Plausibilitäten" artikulierten sich die neuen Richtungen. Im nach der Verdrängung Hegels aus dem philosophischen Universum einsetzenden Vakuum profilieren sich zunächst zwei große Gruppen.
Die eine stützt sich auf die sprunghaft vergrößerte Plausibilität von Naturwissenschaften und wird stark empiristisch-szientistisch.
Die andere große Gruppe nimmt in derselben Zeit die Herausforderung der modernen Wissenschaftlichkeit (was die Plausibilität anlangt) sowie der veränderten politisch-sozialen Dimensionen (was die Possibilität betrifft) zwar auch an, beantwortet sie aber nicht durch eine Position des Nebeneinanders, sondern mit einem neuartig konzipierten philosophischen Ganzen, mit einem Absoluten also, welches jedoch die philosophische Bearbeitung der szientistischen Herausforderung zuläßt, sie sozusagen integriert (Lotze, Fechner, Eduard von Hartmann).
Wir deuteten an, daß die reife Form Brentano'schen Philosophierens (etwa in Gestalt der "Psychologie vom empirischen Standpunkt") in ihren Lösungen Elemente der beiden großen Gruppen philosophischer Konzeptualisierung aufweist. Brentano bringt die beiden großen philosophischen Bereiche nicht in eine Position des Nebeneinanders, er läßt auch das Konkrete im Universalen nicht aufgehen. Er bringt die beiden Bereiche in kausale Beziehung zueinander. Er läßt das Absolute - wenn auch nicht unmittelbar - als kausale Konsequenz des Szientistisch-Empirischen erscheinen. Er wählt demnach im Vergleich der angeführten beiden großen Gruppen der 50er und 60er Jahre einen dritten Weg. Die einen lassen das Wissenschaftliche gelten und suchen erst nach diesem Akt nach neuer Möglichkeit, Funktion und Inhalt des Philosophischen. Die anderen lassen ein Absolutes herrschen und suchen innerhalb desselben nach dem spezifisch philosophischen Stellenwert des Empirisch-Szientistischen. Beide Möglichkeiten sind direkte Realisationen von einem Spannungsverhältnis zwischen Philosophisch-Absolutem und Empirisch-Positivem, wiewohl die beiden dieses auf unterschiedliche Art auflösen, bzw. aufzulösen suchen. Brentano nimmt dieses Spannungsverhältnis in expliziter Form nicht zur Kenntnis. Dies macht es diskursmäßig möglich, daß er letzten Endes das Absolute in kausale Relation mit dem Empiristisch-Konkreten bringen kann.

17) Den in Deutschland hegemon gewordenen Paradigmen des Neokantianismus, Historismus und Kathedersozialismus stehen in Österreich-Ungarn der POSITIVISMUS, der (positivistische) PRÄSENTISMUS und die ÖSTERREICHISCHE SCHULE DER NATIONALÖKONOMIE gegenüber.
Die Kontroverse zwischen Neukantianismus und Positivismus war nicht nur für die Polarität Deutschland-Österreich charakteristisch, sie galt mit vollem Recht auch als eine im wörtlichen Sinne genommene schicksalhafte Entscheidung des europäischen Denkens. Schon als nicht mehr so bekannt darf die zweite Gegenüberstellung unseres Vergleichs angesehen werden. Dem Historismus auf der österreichisch-ungarischen Seite gegenüberstehende umfassende Begriff eines PRÄSENTISMUS ist ein terminologischer Versuch, jenen gemeinsamen Zug der politischen und geistigen Objektivationen namhaft zu machen, der durch die einzelnen Objektivationen wie Kunst, Denken, Recht, etc. hindurch die generelle Perspektive, wenn nicht gar das VORRECHT der Gegenwart jedem Historischen gegenüber zum Ausdruck zu bringen suchte. Während sich in Deutschland der Historismus als integrative Ideologie der Moderne durchsetzen konnte, erwies sich ebenfalls als integrative Ideologie der Modernisation in Österreich-Ungarn der "Präsentismus". Während also die Moderne der Gegenwart oder die Gegenwart der Moderne in Deutschland zwangsläufig als organische Verlängerung der historischen (Vor) Geschichte erscheinen mußte, warf der österreichische Präsentismus im Prinzip jede Institution kritisch auf die Wagschale der Gegenwart. Diese Einstellung war mit eine Komponente der aufklärerisch-kritischen Impulse, die aus diesem Präsentismus ausgingen.
Mit der Gegenüberstellung (deutscher) 'Historismus - (österreichischer) Präsentismus' erscheint in unserem Gedankengang also keine erst im nachhinein angenommene interpretatorische Option, mit dieser Gegenüberstellung erscheint der WAHRE GRUNDKONFLIKT der Zeit, ein Konflikt, in welchem auch die größte Antinomie der Zeit ihren Ausdruck gefunden hat.

18) Für jede Version der Simmelschen Wirklichkeitsphilosophie ist weitgehend charakteristisch, daß sie in ihrer Einstellung AHISTORISCH ist. "Wirklichkeit" bedeutet in diesem Sinne "Gegenwart", "Wirklichkeitsphilosophie" in diesem Sinne eine Art "Präsentismus". Um die Bedeutung dieser Tatsache einzusehen, muß man sich wieder das Ausmaß des auch politisch und sozial motivierten Kampfes zwischen "Geschichte" und "Gegenwart" vergegenwärtigen. Die Vorherrschaft der Geschichte über der Gegenwart beherrschte das Gesamtleben der Zeit. Zwischen "Geschichte" und "Gegenwart" als jeweils primäres Bezugsfeld aller Erkenntnis bestand ein wahrhaft gigantischer Kampf, dessen Dimensionen heute noch weitgehend unerschlossen sind. Geschichte und Gegenwart in ihrer Qualität als wichtigste Referenz jeglicher Erkenntnis kämpften gegeneinander in der Legitimation politischer Kräfte, bei der Begründung von politischen Aspirationen, sie kämpften gegeneinander für die Besetzung der Inhalte des Alltagsbewußtseins, der Bildung, der höheren Kultur. Soziale Klassen und Schichten identifizierten und kategorisierten sich auf der Grundlage, ob sie die Priorität der Geschichte oder der Gegenwart geben.

19) Indem nämlich die Wirklichkeitsphilosophie die Gegenständlichkeit jeder Wissenschaft als Wirklichkeitskomplexe anschaut und dabei die Bedeutung der Interpretation unterstreicht, formuliert sie einen mehr oder weniger offenen Angriff auf die Begrifflichkeit und das Selbst-Bild einer jeden Normalwissenschaft, die unter anderen auch aus soziologischen und pragmatischen Gründen kein Interesse daran hat, sich selber, ihre eigenen Grundlagen stets zu relativieren. Und drittens ist es ebenso klar, daß jede traditionelle idealistische Metaphysik, jede idealistische Philosophie AB OVO gegen die Wirklichkeitsphilosophie Stellung bezieht, da ihre elementaren Ansprüche eine resolute Infragestellung jeder traditionellen idealistischen Metaphysik darstellen. Georg Simmels soziologisch-historische Position, diejenige seiner Philosophie stellt diese Beziehungen ebenso klar dar - zwischen akademischer Philosophie, positiver Forschung und traditioneller Metaphysik mußte er seinen philosophischen und sozialen Weg finden.

20) Der Konflikt zwischen Historismus und neuer Rationalität wird ein Kampf auf Leben und Tod und durchzieht die ganze Epoche bis 1914 entscheidend. Wir haben gesehen, wie lückenlos dieser Konflikt auf die unterschiedlichen Evidenz- und Immanenzvorstellungen der beiden Richtungen zurückgeführt werden kann. Es entsteht ein Kampf zwischen einem PRÄSENTISMUS und einem HISTORISMUS, der für die meisten Disziplinen eine sofortige Stellungnahme erfordert. Für Hermann Broch beispielsweise wird dieser Kampf zwischen den beiden umfassenden Typen der neuzeitlichen Rationalität auch von gewaltiger Relevanz. Das Denken des jungen Broch wird durchgehend als eine INNERE OPPOSITION zu der soeben beschriebenen, triumphalen Rationalität mittel-europäischer Provenienz verstanden werden müssen. In dieser Opposition, in welcher schon auch markante revoltierende Attitüden der Zweiten Welle der europäischen Moderne gegen die Erste Welle hochkommen, gibt es keinen HISTORISCHEN Zug im Sinne des eben erwähnten deutschen HISTORISMUS. Es gibt jedoch bereits in der Kulturkritik des ganz jungen Broch eine HISTORISCHE Dimension in der Kritik der Rationalität, die sich dann nach dem Zusammenbruch des Ersten Weltkrieges verstärkt und zu Brochs eigener Wert- und Geschichtsphilosophie geführt hat.

21) Etwa in den letzten drei Dezennien des vorigen Jahrhunderts stand vor der präsentistischen Rationalität die große zivilisatorische Aufgabe, die bestehenden "substantiellen" Formen der Rationalität zu "funktionalisieren" und die in dieser Rationalität implizit enthaltende Funktionalität substantiell zu machen, wie die führenden Eigenschaften dieser Rationalität es im wesentlichen auch ermöglicht hätten. Diese zivilisatorische Herausforderung kam nunmehr zum ersten Mal im Ungarnaufstand (und dann im wesentlichen in jeder Form der post-sozialistischen Einrichtung) wieder auf. Dies wahrzunehmen, bleibt das bleibende Verdienst Mihály Polányi's.

22) In der bisherigen Geschichte des Denkens sind zwei wirkliche Aufklärungswellen zu registrieren, auf die unsere Kriterien mit Recht angewandt werden können und welche auch insgesamt "Projekt" genannt werden dürften. Die erste ist der große aufklärerische Prozeß des achtzehnten Jahrhunderts. Die zweite große aufklärerische Welle entstand (breit gefaßt) zwischen den fünfziger und den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als deren Vertreter außer Friedrich Nietzsche die Österreicher Josef Popper-Lynkeus und Ernst Mach galten. Wie jede wirkliche Aufklärung, gehört auch zu Nietzsches Aufklärung ein "ökumenischer" Zug, in welchem die gesamtmenschliche Dimension des aufklärerischen Ansatzes artikuliert wird. Bei Nietzsche und den österreichischen Vertretern dieser zweiten Aufklärung (zwar auf unterschiedliche Weise) werden die anfangs gestellten drei Kriterien befriedigt. Um an dieser Stelle nur bei Nietzsche zu bleiben, wird bei ihm die emanzipative Praxis in der Bekämpfung der beiden neuen ökumenischen Gefahren beim Namen genannt. Wie im Falle der großen Aufklärung, dieser großen philosophisch-szientistischen Erneuerung des Empirismus und des Sensualismus, erscheint bei Nietzsche als epistemologischer Hintergrund die philosophisch-methodische Reflexion auf die radikale Veränderung in der wissenschaftlichen Sphäre. Und letztlich erscheint auch in dieser zweiten Aufklärung, die den Namen "Projekt" tatsächlich auch verdient, die Komponente der "Politisierung der Veränderung der Meinungen", auch wenn in diesem Falle dieser sozialontologisch bestimmte Prozeß in einer völlig veränderten politischen Palette andere Gestalt annahm. Sieht man von diesen Problemen an, so erscheint die "Politisierung der Veränderung der Meinungen" im Falle der zweiten Aufklärung bei Nietzsche als eine Geschichte der falschen Interpretationen, während Nietzsche dies wohl ahnend zu einem Begriff der "großen" Politik Zuflucht nehmen wollte.

23) Nietzsches Einschätzung der Gefahr eines falschen Bewußtseins ergibt aber auch eine vielsagende Parallele zu den Konzepten der großen Aufklärung. Dem Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts ging es nämlich noch überhaupt nicht um eine Gefahr des "falschen" Bewußtseins, ihm ging es vielmehr um das Zurückgehaltenwerden, bzw. das Ausgeschlossensein des "noch falschen" Bewußtseins von jenen emanzipativen Inhalten, die zu einem richtigen Bewußtsein führen sollten. Es ging also noch nicht um eine mit Sicherheit zu prognostizierende mentale Gefährdung, vielmehr ging es noch um seine illegitim aufgezwungene "Unmündigkeit".
Diese Aufklärung ist kein zusammenhängendes System, aber auch keine kohärente Ideologie. Unter anderen ist es aber auch ein Grund, warum sie nur um den Preis großer Schwierigkeiten einheitlich und kohärent dargestellt werden kann. Diesen Grundtatsachen trägt die ganze Konzeption des ZARATHUSTRA Rechnung, die - um die kohärente Nietzschesche Aufklärung darzustellen - eine ganze Reihe von kommunikativen Strategien ausarbeitet, damit nicht die Aufklärungskonzeption diskursiv dargestellt werden müßte, was im Prinzip - gerade wegen der mehrfachen Systemlosigkeit - eine Unmöglichkeit gewesen wäre.

24) Es liegt auf der Hand, daß jeglicher neue Versuch, eine neue Welle der Aufklärung zu inaugurieren, nur zu nennenswerten Erfolgen kommen kann, wenn er mit einer Neuformulierung der präsentistischen Rationalität identisch ist. Insbesondere gilt es für eine gegen die für irrational gehaltenen Tendenzen des postmodernen Denkens auftretende neue Welle der Aufklärung. Denn das postmoderne Phänomen, in der Form, wie wir es heute zu Gesicht bekommen, bereitet eine ganz besondere Herausforderung für jede Rationalität. Sie besteht vor allem darin, daß die plakativsten Forderungen des real existierenden postmodernen Denkens (Ende der Meta-Erzählungen, Kritik des Logozentrismus) nicht nur als Momente einer neuen Kritik der Metaphysik, sondern auch als eine zusammenhängende Konzeption auftreten, die auf eine NEUE Art ein Ende jeglicher Metaphysik mit sich brachten. Auf dieser Linie erscheint die Postmoderne überhaupt nicht als ein ANTIPODE, vielmehr als eine Konkurrentin der präsentistischen Rationalität und ihrer neuen Formen. In dieser Situation kann erst nur als Ergebnis einer komplexeren Rekonstruktion herausgestellt werden, daß die glücklicherweise auch mehrfach explizit gemachte methodische Basis der Postmoderne eine rationale ist (man redet über die "Dezentrierung" der großen Erzählungen, als bestünde die Geschichte der Philosophie nur aus einem Wechsel der zentralen Ideen im Kontext unveränderter toter struktureller Materien).
Mit anderen Worten: Es kann nachgewiesen werden, daß alles, was an "Metaphysik" im neuen Denken der Postmoderne als endgültig überwunden erscheint, nichts anderes als eine philosophische Tradition ist, die mit jener Tradition (kritizistischer Empirismus, kritizistischer Positivismus oder positivistischer Kritizismus) in keinem Zuge identifiziert werden kann, aus der die mittel-europäische präsentistische Rationalität herausgewachsen ist.

25) Die folgenden Variationen der positivistischen Theoriebildung stammen aus der Periode zwischen den fünfziger und den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Eine Typologisierung positivistischer Theoriebildung kann nur korrekt werden, wenn sie im wesentlichen den Positivismus dieses Zeitalters zum Ausgang nimmt. Dies bedeutet aber unter keinen Umständen, daß wir der Meinung wären, daß diese Typologie nur in diesem historischen Kontext ihre Relevanz hat. Diese Typologie will an dem Punkt Fortschritte erzielen, wo die Schwierigkeiten der Theoriebildung auf szientistischer oder kritizistischer Basis entstehen. Sie will gegen jene vagen nichtsdestoweniger aber weit verbreiteten Vorstellungen auftreten, nach welchen kritististisches Denken und Theoriebildung zwei verschiedene, miteinander nicht zu versöhnende Ansätze sind.
Die skizzenhafte, nichtsdestoweniger aber im Prinzip sowohl eine theoretisch-systematische, wie auch historische Vollständigkeit anstrebende Typologisierung der positivistischen Theoriebildung ergibt die folgende Reihe:
1. Positivistische Richtungen, aber auch relevante Vertreter des fachwissenschaftlichen Positivismus, die in deklarierter Form kein Bedürfnis nach Theorie aufweisen;
2. das Phänomen der sogenannten "unbewußten Theoriebildung". Der positive Forscher stellt denselben Zusammenhang in verschiedenen Wirklichkeitsbereichen im einzelnen als korrektes positives Ergebnis fest und fängt an, die so gewonnene positive Erkenntnis "unbewußt" als "Gesetzmässigkeit" theoretischen Charakters heuristisch auch in anderen Gegenstandsbereichen in Anspruch zu nehmen (Prototyp: Gumplowicz);
3. Theorie als popularisierte positive wissenschaftliche Einsicht. In diese Gruppe gehören positive Erkenntnisse, auch Gesetzmäßigkeiten einzelner Wirklichkeitsbereiche, die ihre quasi-theoretischen Dimensionen im Laufe der öffentlichen Diskussion annehmen, ohne daß diese "Theorie" in strengem Sinne des Wortes einen "Autor", geschweige denn eine "Urfassung" oder ein "Gründungsdokument" hätte. Das wohl bekannteste und gleichzeitig relevanteste Beispiel dafür ist die sozialdarwinistische "Theorie";
4. Theorie als konzeptionell zusammengefaßte Summierung der vorher prinzipiell oder schon auch disziplinär geordneten einzelnen positiven Wissenschaften (ein Prototyp: Comte);
5. Theorie als das gemeinsam Gesetzmäßige in sämtlichen Wissenschaften (ein Prototyp: Spencer);
6. Kritischer Positivismus, der die spezifisch philosophische Aufgabe des Positivismus in der Kritik jeglicher Metaphysik erblickt (Prototypen: Nietzsche, Mach);
7. der Hegelismus als schon fertig gestellte Theorie von positiven Forschungen, bzw. Einzelwissenschaften (Prototyp: Engels);
8. Theoriebildungen von frühen positivistischen Ansätzen (Prototyp: Hume);
9. Die genealogisch-verstehende Methode Darwins oder Marxens (als Prototypen) in den "Grundrissen der politischen Ökonomie";
10.Schopenhauers positive Metaphysik des Willens, die sowohl in ihrer Genese, wie auch in der Verifizierung ihrer einzelnen Thesen vielfach positivistisch motiviert ist;
11. Franz Brentano's selektiv eingesetzte naturwissenschaftliche Methode für die Erschließung der Tatsachen unseres Bewußtseins.
In der Abkürzung einer längeren Analyse soll gleich klar werden, daß die Variationen 6) und 9) die wichtigsten unter dem Aspekt der präsentistischen mittel-europäischen Rationalität sind. Die Variation 6) ist die "präsentistische", im folgenden werden wir uns am Beispiel der Variation 9) mit der "genealogischen" Fassung befassen, was erklären kann, wie die legitime genealogische Ausdehnung der präsentistischen Rationalität nicht nur ausschauen soll, sondern auch in der großen Tradition auch immer schon ausgeschaut hatte.

26) Obwohl nicht mit den ursprünglichen Quellen vermittelt, kam die Problematik der modernen Rationalität, bzw. des modernen Rationalismus in den achtziger Jahren in eine prominente intellektuelle Position. Nicht nur erreichten die theoretischen Standards dieser Diskussionen diejenige Größenordnung, die diese Problematik wie selbstverständlich verdient hätte, sie blieben auch praktisch, in ihrer Ausstrahlung, begrenzt. Um nur einige der wichtigsten Beispiele anzusprechen, beschränkte sich die Wissenschaftstheorie eines Poppers auf eine in politisch-philosophischem Sinne banale Kommunismuskritik, die Aufklärungskonzeption von Habermas auf eine defensiv eingestellte Kritik des "Neukonservatismus", hinter welcher Bezeichnung jedoch eher die geistigen Aufgüsse rechtsextremistischer theoretischer Positionen auftraten und verwandelte sich der Hayeksche Neoliberalismus in eine Apologetik der neuen Strukturen des Monetarismus. Auf der anderen Seite entwickelten sich sowohl auf endogener wie auch auf exogener Grundlage auf dem Territorium des ehemaligen Realsozialismus keine neuen Formen der präsentistisch-mitteleuropäischer Rationalität.

27) Die österreichische (mitteleuropäische) Rationalität vereint Elemente der szientistischen Rationalität, der einzelwissenschaftlichen Methodik (in ihrem spezifischen "Komplexdenken"), sowie der Reflexionen auf beides in einer KOHÄRENTEN Denkweise, wenn man will, in einem KOHÄRENTEN Denkstil.
Diese Kohärenz entsteht nicht ohne einen gewissen Zug des DEZISIONISMUS. Ohne vielfache bewußte Willensakte hätte diese Rationalität sich nicht so weit von der szientistischen Sphäre emanzipieren, und hätte selbst noch im Rahmen der szientistischen Sphäre nicht zu ihrer Transparenz und triumphierenden Durchschlagskraft kommen können. Die Rationalität erzielt gerade durch zielorientierte Dezisionen eine Dynamik, mit welcher sie in immer weitere Sachprobleme und allgemeine (philosophische wie soziale) Fragestellungen hineindringt. Zu diesem Dezisionismus zählt auch die Fähigkeit dieses Denkens, stets anti-metaphysische und kritische Pontentiale aufzuweisen, wiewohl diese Eigenschaft etwa in dem aufklärerischen Charakter auch selbständig konstituiert und interpretiert werden kann. Ebenfalls mit diesem dezisiven Charakter hängt die kämpferische, mindestens aber die stets wahrnehmbare polemische Dimension dieser Rationalität, ihre Dynamik, zusammen. Der spektakulärste dezisivste Zug ist sicherlich der sich stets zuspitzende Kampf gegen die immer neuen Formen der Metaphysik (zum Teil in Gestalten, deren "metaphysischer" Charakter als solcher noch nicht erkannt ist). Es gibt aber weitere zahlreiche endogene dezisive Züge, die kaum weniger relevant sind, beispielsweise jener von Lübbe hervorgehobene Zug der Wertneutralität, die im wesentlichen auch eine Folge einer klaren Dezision ist, es gilt aber auch für das Komplexdenken, sowie für jede nennenswerte wissenschaftslogische Eigenschaft dieser präsentistischen Rationalität.
Der spezifische Praxisbezug der präsentistischen mittel-europäischen Rationalität ist auf zwei Seiten hin zuidentifizieren, manchmal auch bewußt zu verteidigen. Einerseits steht es fest, daß dieser Praxisbezug auf eine immanente Weise in dieser Rationalität bereits enthalten ist. Im Vergleich mit zahlreichen Versionen der praxisphilosophischen Tradition soll jedoch hervorgehoben werden, daß dieser Praxisbezug streng im Bereich jener Regeln und Vorschriften bleibt, die wir bei der Bestimmung der präsentistischen Rationalität stets mitdenken müssen. Denn wir haben nicht wenige Praxisphilosophien, die in ihrer Konstitution des Praxisbegriffs nicht nur die präsentistische, sondern auch jegliche Rationalität hinter sich lassen, indem sie die "Praxis" als eine näher nicht bestimmte (vielleicht auch nicht bestimmbare) neue Rationalität angesehen haben.

28) Die von uns anvisierte Rationalität des präsentistisch-mitteleuropäischen Typs ist auch PLURALISTISCH. Pluralität heißt in diesem Zusammenhang vor allem, daß sie die einzelnen gegenständlichen Bestimmungen der verschiedenen Sphären (mögen sie szientistisch sein oder nicht) achtet. Dadurch geht sie jener für jede andere Rationalität konkret sich stellenden und handgreiflichen Gefahr aus dem Wege, die darin besteht, daß die Rationalität im Laufe ihrer Expansion "totalitär" werden kann. Es ist nämlich oft der Fall, daß die interpretativen und homogenisierenden Prinzipien einer Rationalität die wirklich bestimmenden und sachlich relevanten Eigenheiten der Gegenständlichkeit der einzelnen untersuchten Sphären durch die (an sich legitime und spezifische) homogenisierende Kraft ihrer "Rationalität" einfach aufheben. Dieses Phänomen steht übrigens hinter der historischen Dynamik der Geschichte der Wissenschaftstheorie, wo die "physikalischen" durch die "biologistischen" Theoriewellen stets auf- und abgelöst werden, wobei jeder Wechsel dieser Art als eine VOLLKOMMEN NEUE wissenschaftliche Wendung, als der ZUSAMMENBRUCH des ganzen bisherigen Weltbildes, etc. stilisiert wird und diese Stilisationen sich der vollkommenen Plausibilität in den wissenschaftlichen Gemeinschaften erfreuen kann. Es ist beispielsweise auch durchaus möglich (es geschah auch tatsächlich), daß man Dichtungen mit mathematischen Methoden analysiert. Es steht aber außer Zweifel, daß eine "totalitäre", d.h. nicht-pluralistische Anwendung der mathematischen Rationalität auf die Gegenständlichkeit der Dichtkunst an seinem Ziel vorbeigeht und der Triumph der an sich legitimen mathematischen Rationalität mit dem definitiven Ende der dichterischen Gegenständlichkeit identisch wird. In diesem Sinne enthält jede KOHÄRENTE und DEZISIVE Rationalität diese latente und destruktive Gefahr, daß sie - gerade in ihrem Kampfe gegen andere Rationalisierungstypen - die ganze gegenständliche Sphäre homogenisiert und dadurch in diesem Sinne des Wortes "totalitär" wird. Praktisch erscheint also in der überwiegenden Mehrheit der Fälle der "Totalitarismus", d.h. der Mangel am Pluralismus in den anderen Rationalitätstypen darin, daß die Methodik einer konkreten Wissenschaft (Philosophie, etc.) als DIE (präsentistische oder historische) Rationalität ausgegeben wird, welche Rationalität dann im Besitz seiner illegitimen aber vollen Omnipotenz andere Gegenstandsgebiete wie mit einem Rasiermesser homogenisiert. MUTATIS MUTANDIS ereilte dieses Schicksal selbst die strukturalistische Rationalität, die ansonsten viele Prinzipien der präsentistischen Rationalität geteilt hat. Das effektivste Verfahren der präsentistischen Rationalität für das Vermeiden der Hypertrophie der Methodik einer konkreten Wissenschaft ist das sog. "Komplexdenken" ist, diese geschickte und kluge Transformation der gegenständlichen Sphäre, die aber diese nicht aufhebt. Diese Rationalität denkt also nicht in "Gegenständen" einer konkreten Wissenschaft, auch nicht in denen einer jeweils anderen philosophischen Konzeption, sondern in "Komplexen", die sie manchmal (wie etwa bei Mach bewußt, wie bei anderen, unbewußt) auch so nennt. Durch die dadurch entstehende Elastizität und Variabilität dieser Sphäre kann dieser Typus der Rationalität sowohl einer "totalitären" Vernichtung der jeweiligen gegenständlichen Sphären, wie auch der ebenso vitalen Gefahr aus dem Wege gehen, daß ihre genuin gegenständliche Sphäre von der Gegenständlichkeit EINER beliebigen konkreten Wissenschaft diktiert, bzw. aufoktroyiert wird. Dadurch nannten wir in einem Atemzug praktisch all die Gefahren, mit denen funktionierende Wissenschaften, bzw. Wissenschaftlichkeit sich selber in Widerstände verwickeln, wodurch, wie es so oft der Fall gewesen ist, plötzlich ein breiter Chor wieder über das "Ende" der Wissenschaft redet und jeglichen Formen der vor- und antiwissenschaftlichen Ideologien Tür und Tor geöffnet wird. Dieses Komplexdenken erscheint in der folgenden Beschreibung von (von) Hayek so:
"...at every stage Menger stresses...how these properties depend (1) on the wants of the person who is acting, and (2) upon his knowledge of the facts and circumstances that make the satisfaction of his need depend on that particular object. He continually emphasizes that these attributes do not inhere in things...as such; that they are not properties that can be discovered by studying the things in isolation. They are entirely a matter of relations between things and the persons who take action about them" (Hayek, 1973, 6).

29) Eine der allerwesentlichsten Folgeerscheinungen dieser Rationalität präsentistisch-mitteleuropäischer Provenienz ist es, daß sie durch ihre auf "Komplexe" aufgebaute Gegenständlichkeit die Differenzen zwischen Sozial- und Naturwissenschaften nicht anerkennen muß. Dadurch kann sie als RATIONALITÄT beide Bereiche durchdringen, ohne eben ALS RATIONALITÄT die Unterschiede der beiden Sphären reflektieren zu müssen und ihre eigene Geltung ALS RATIONALITÄT wegen der gegebenen gegenständlichen Unterschiede in den beiden Bereichen selber relativieren zu müssen. An dieser Stelle läßt sich die präsentistische Konzeption der präsentistischen Rationalität (die auf ihre Weise auch als eine Art EINHEITSWISSENSCHAFT aufgefaßt werden kann) mit der einheitswissenschaftlichen Konzeption etwa des Wiener Kreises vergleichen. Während die Einheitswissenschaft des Wiener Kreises ihren physikalistischen Charakter nicht aufgeben konnte und an ihr definitiv gescheitert hat, läßt sich dasselbe über diese ebenfalls einheitswissenschaftliche Konzeption der präsentistischen Rationalität nicht sagen.
Ein weiterer relevanter Bestandteil der präsentistisch-mitteleuropäischen Rationalität ist, daß die ursprüngliche und strenge szientistisch-kritizistische Konzeption in der Richtung der Interpretation (Hermeneutik) und die ursprüngliche Interpretatition (Hermeneutik) in der Richtung der kritizistischen Wissenschaftlichkeit ausgedehnt wird, so daß diese beiden Verfahrensweisen auf eine qualitativ neue Weise einander näher gerückt sind. Ein Beispiel von Ernst Mach lautet so: "Galilei und Kepler stellen sich die verschiedenen Möglichkeiten der Fall- und Planetenbewegung vor, sie suchen diejenigen zu erraten, welche den Beobachtungen entsprechen, sie schränken Vorstellungen im Anschluß an die Beobachtung ein, gestalten dieselben bestimmter. Der Trägheitssatz, welcher nach dem Erlöschen der Kräfte dem Körper eine gleichförmige geradlinige Bewegung zuschreibt, hebt aus unendlich vielen Denkmöglichkeiten EINE als maßgebend für die Vorstellung hervor..." (Heller-Mach,. 1964, 120 - Sperrung im Original)
Durch die Wahl der (Wirklichkeits) Komplexe zur primären Sphäre der eigenen "Gegenständlichkeit" gewinnt der präsentistische mitteleuropäische Typus der Rationalität eine gewaltige Freiheit auch in der "Metasprachenbildung" und dadurch der positivistischen Theoriebildung. Bei der Wahl einer konkreten szientistischen Gegenständlichkeit wäre auch diese Rationalität gezwungen gewesen, eine aus dieser konkreten Wissenschaft direkt herauswachsende szientistische Metasprache zu dieser Gegenständlichkeit zu finden. Dies hätte mit sich bringen müssen, daß sich die Intention dieser Rationalität von denen des Szientismus letztlich doch nicht loslösen konnte: all die generalisierenden und dadurch emanzipativen Qualitäten dieser Rationalität hätten sich nicht entwickeln können.
Diese Bedingungen führen, wie bereits aufgezeigt, in der THEORIEBILDUNG auch zu grundsätzlichen Veränderungen. Theoriebildung im Rahmen dieser Rationalität kann sich nicht mehr zum Ziel setzen, DEN "Begriff" oder DIE wichtigsten "Begriffe" EINER konkreten gegenständlichen Sphäre zu einer Einheit theoretisch rekonstruktiv herauszuarbeiten. Sie kann nur das legitime Ziel haben, die konkrete gegenständliche Sphäre in einer Sphäre der Wirklichkeitskomplexe aufzuheben, wobei die Theoriebildung als solche nur die Intention haben kann, die positiven Eigenschaften der gegebenen Wirklichkeitskomplexe in ihrer dynamischen Pluralität und aktuellen Raumzeitlichkeit zu beschreiben.
Ein relevanter weiterer Zug der präsentistisch-mitteleuropäischen Rationalität ist, daß sich in ihr die ERKENNTNIS und das VERSTEHEN, d.h. Erkenntnistheorie und Hermeneutik nicht absondern und keine zwei voneinander unabhängigen Sphären ausmachen. Die Erkenntnis aufgrund ihrer intersubjektiv kontrollierbaren legitimen Normen und Bedingungen, ist der einzig legitime Zugang zu den Gegenständen der Wirklichkeit. Es gibt neben ihr keinen zweiten, legitimen Zugang. Auf der einen Seite könnte man bei dieser Wahrnehmung dieser These eine selbständige, von der Erkenntnistheorie mehr oder weniger unabhängige Hermeneutik reklamieren. Und in der Tat, in der neuen größeren Welle der Hermeneutik-Diskussion, die etwa ab Mitte der siebziger Jahre ihren Anfang nahm, herrschte gerade diese Einstellung vor. Diese Hermeneutik verband sich wieder mit der Phänomenologie, um GEGEN die Erkenntnis Stellung nehmen zu können. Ein weiterer relevanter Zusammenhang ergibt sich jedoch, wenn die ursprüngliche hermeneutische Dimension jeder Erkenntnistheorie sichtbar wird. Durch das Zusammenfallen von Erkenntnis und Verstehen in diesem Typus der Rationalität wird also erreicht, daß kein damit rivalisierender, "zweiter" legitimer und alternativer Zugang zur Wirklichkeit entsteht, es wird dadurch auch die ursprüngliche hermeneutische Qualität der Erkenntnis ohne Schwierigkeiten sichtbar. Ein Beispiel aus einer Analyse von (von) Hayek: "Menger believes that in observing the actions of other persons we are assisted by a capacity of UNDERSTANDING the meaning of such actions in a manner in which we cannot understand physical events...'Observation', as Menger uses the term, has thus a meaning that modern behaviourists would not accept; and it implies a VERSTEHEN ('understanding') in the sense in which Max Weber later developed the concept. It seems to me that there is still much that could be said in defence of the original position of Menger (and of the Austrians generally) on this issue" (Hayek, 1973, 8). Mach faßt eine Fazette dieser Einstellung so auf: "Mit dem Fortschritt der Naturwissenschaft ergibt sich in der Tat eine zunehmende EINSCHRÄNKUNG DER ERWARTUNG, eine zusehends bestimmtere Gestaltung derselben. Die ersten Einschränkungen sind qualitativer Art. Ob die Momente A,B,C,...welche eine Erwartung M bestimmen, von der Wissenschaft etwa in einem Satz auf einmal bezeichnet werden können, oder ob diese Anweisung gibt, dieselben nacheinander herbeizuschaffen, wie dies z.B. durch eine botanische oder chemische analytische Tabelle geschieht, ist unwesentlich" (Heller-Mach, 1964, 430).

30) Der relevanteste Zug der Interpretation ist also in der normalen Funktion der präsentistischen Rationalität enthalten. ER ist also damit nicht zu verwechseln, daß ein auf der Basis dieser Rationalität stehender Forscher bereits im voraus weiß, daß seine Ergebnisse provisorisch, relativ und AUF DIESER GRUNDLAGE "interpretativ" (also nicht absolut) sind. Diese Nuancen der reichen Gehalte der Interpretationsproblematik können nur zu einer richtigen Auffassung auch der berühmten Machschen "Denkökonomie" führen. Denn "Denkökonomie" ist weder das kritizistisch-szientistische Verfahren, noch der Akt der Interpretation selber, aber auch keine "Theorie" (für welche sie des öfteren abwechselnd gehalten wird). "Denkökonomie" ist eine pragmatisch-perspektivistische Haltung, die im Forscher mit Notwendigkeit perspektivistisch entsteht, die aber weder die konkreten Erkenntnisakte, noch die konkreten Interpretationsakte oder die konkreten Akte der Theoriebildung ersetzen. Ernst Mach sieht ihre Genese so: "Häufen sich dann die Einzelerkenntnisse, so macht sich das Bedürfnis nach Verminderung der psychischen Anstrengung und Ökonomie, Kontinuität, Beständigkeit, möglichst ALLGEMEINER Anwendbarkeit und Brauchbarkeit der aufgestellten Regeln mächtig geltend" (Heller-Mach, 1964, 124). Sie ist eine zusammenfassende perspektivistische Abstraktion, die sich nie direkt geltend macht und keine konkreten Akte der Kognition ablöst. Sie ist ein letztes aber nie direkt wirkendes Prinzip. Sie ist ein letztes Prinzip, welches im wesentlichen als Erklärung der Interpretationen angewandt wird, die sie aber nie ablösen kann. Nicht die Denkökonomie ist eine direkte Interpretation, sie ist eine Antwort auf die Frage NACH der Motivation des Interpretationscharakters der Erkenntnis.
Diese Rationalität entwickelt sich durch die dynamische Wechselwirkung zwischen ihrer Auffassung der Gegenständlichkeit als "Wirklichkeitskomplexe" und der diesem Tatbestand entwachsenden neuen Theoriebildung. Aus den Wirklichkeitskomplexen werden "Elemente", die als letzte Einheiten jeder beliebigen gegenständlichen Sphäre erscheinen. Diese Einstellung führt aber nicht zu einer neuen Art des Atomismus. Das ist vor allem deshalb so, weil diese Rationalität in aller Explizitheit formuliert, daß diese Elemente überhaupt nicht gegenständlich nachweisbar, das heißt sachlich "wirklich" sein müssen. Dadurch gewinnt die präsentistisch-mitteleuropäische Rationalität die Position einer elastischen Vermittlung zwischen dem Empirischen und dem Konstitutiv-Konstruktiven. Durch ihre Theoriebildung vernichtet sie nicht die Besonderheit der einzelnen gegenständlichen Sphären, sie kann aber gleichzeitig durch den allgemeinen Status der Wirklichkeitskomplexe, bzw. der Elemente ihre Geltung ALS RATIONALITÄT sichern.

31) Im wesentlichen durch ihr Verständnis der Theorie als verallgemeinernde Beschreibung von Zuständen engagiert sich diese Rationalität für ein Theorieverständnis, welches einerseits POSITIV-PRÄSENTISTISCH und andererseits KRITISCH-ANTIHISTORISCH ist. Der Zug des positiven Präsentismus entsteht aufgrund des AB OVO natürlich-präsentistischen Charakters der einzelnen Wirklichkeitskomplexe, bzw. Elemente. Theoretisch-rational kann für diese Rationalität etwas nur sein, was GEGENWÄRTIGES reflektiert und integriert. Kritisch-antihistorisch wird diese Theoriebildung in dem Augenblick, als sie sich mit den verschiedensten Varianten des HISTORISMUS konfrontiert sehen muss. Die Konflikte mit dem Historismus ergeben sich einerseits daraus, daß sich diese Rationalität in jedem ihrer Charakterzüge von denen des Historismus grundsätzlich unterscheidet. Andererseits - und das klingt beinahe tautologisch - unterscheiden sich auch die Vorstellungen des Historismus über die Theoriebildung von denen der Rationalität präsentistisch-mitteleuropäischer Art. Károly Polányi's Bemerkung beleuchtet diese Relation wieder von einer neuen Perspektive aus:
"Wie langsam in der Weltauffassung der Menschen die Naturwissenschaft im Gegensatz zur Naturgeschichte den Raum einnahm, ebenso langsam tritt die Soziologie an die Stelle der Geschichte" (Polányi, 1986/a, 1,75).
Die präsentistische, mittel-europäische Rationalität, den experimentierenden Naturwissenschaften entwachsen, ist kohärent und homogen, sie ist auch homogenisierend. Dies bedeutet aber unter keinen Umständen, daß sie eine neue "Einheitswissenschaft" befördert, wiewohl sie keine verschiedenen Rationalitäten für die einzelnen diversen Gegenstandssphären zuläßt. Max Weber formuliert diese Möglichkeit an einer Stelle so: "Daß die Art, wie uns psychische Objekte 'gegeben' sind, KEINEN spezifischen, für die Art der Begriffsbildung wesentlichen Unterschied gegenüber den Naturwissenschaften begründen könne, ist eine Grundthese Rickerts... Der in dieser Studie weiterhin zugrundegelegte Standpunkt nähert sich dem Rickertschen insofern, als dieser... ganz mit Recht davon ausgeht, daß die 'psychischen' bzw. 'geistigen' Tatbestände... prinzipiell der Erfassung in Gattungsbegriffen und Gesetzen durchaus ebenso zugänglich sind wie idie 'tote' Natur. Denn der geringe erreichbare Grad der Strenge und der Mangel der Qualifizierbarkeir ist nichts auf 'psychische' oder 'geistige' Objekte bezüglichen Begriffen und Gesetzen Spezifisches" (Weber, 1968, 12).

32) Für die spezifisch präsentische mittel-europäische Rationalität sind die folgenden Merkmale charakteristisch:
1. sie stammt aus der modernen, kritizistisch-positivistischen Wissenschaft;
2. sie ist aufklärerisch und dezisiv;
3. sie ist diesseitig;
4. sie ist in ihrer Selbstauffassung reflexiv, sie ist sich ihres interpretativ-hermeneutischen Charakters bewußt;
5. sie ist pluralistisch;
6. sie lehnt sich auf die Wissenschaft, ohne ihre gegenständliche Sphäre mit derselben einer einzigen konkreten Wissenschaft identisch zu setzen;
7. sie ist metaphysikkritisch, ohne eine korrekte Theoriebildung zu verhindern;
8. sie ist präsentistisch, welche Eigenschaft besonders artikuliert wird, wenn eine alternative Wissenschaft durch ihre "historizistische" Methode die Geltung dieser Rationalität in Frage stellt (Beispiel: Nationalökonomie);
9. sie hat eine pragmatische Note, ohne deshalb gleich als eine versteckte oder offene pragmatische Philosophie genannt zu werden;
10. sie befördert keine neue "Einheitswissenschaft", läßt aber für die unterschiedlichen Gegenstadssphären keine verschiedenen Rationalitäten zu;
11. sie ist geeignet, institutionalisiert zu werden, ist aber mit keiner ihrer institutionalisierten Manifestationen identisch zu setzen;
12. sie ist emanzipativ.

33) Die präsentistisch-mitteleuropäische Rationalität entsteht durch ihre schrittweise, triviale und später nicht mehr triviale Abhebung vom Alltagsbewußtsein. Bemerkenswert, daß sie angesichts des spontanen Materialismus und des spontanen Empirismus (der "anti-metaphysischen" Velleitäten des Alltagsbewußtseins also) diesem Alltagsbewußtsein nicht unbedingt feindlich gegenübersteht, während sie angesichts der "spontanen" Harmonistik (d.h. der "pro-metaphysischen" Velleität des Alltagsbewußtseins) diesem resolut gegenübersteht. Zu diesem Komplex gehört noch, daß die präsentistische Rationalität das Alltagsbewußtsein doch Schritt für Schritt durchdringt und somit zum Status einer "kollektiven Idee" im Sinne Durkheims kommen kann.
Jede Rationalität hat ihre konkrete soziale und historische Umgebung. Die genuine Problematik einer sozialen Ontologie der Rationalität entsteht, als moderne Rationalitäten (wie etwa auch die mittel-europäische) in sozialen Umfeldern sich durchsetzen wollen, in denen noch andere, nicht mehr so moderne Rationalitäten den Raum ausfüllen. Die Problematik der sozialen Ontologie entsteht, wenn der neuere Typ der Rationalität ältere Rationalitäten ablösen will. Da diese Situation nicht selten in unserer Region vorkommt, stellt sich die Frage nach der Durchsetzungskraft jeder modernen Rationalität, sowie nach den Residuen, die dieser Rationalität gegenüber Widerstand leisten.




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