Max Horkheimer und die Denkstruktur der positiven politischen Metaphysik

Endre Kiss, Budapest

Die Kategorie der "positiven politischen Metaphysik" bezeichnet eine mit positiven Attributen beschreibbare spezifische Denkweise. Ihre par excellence neuzeitliche Form entstand durch die Metaphysik Arthur Schopenhauers (1), im spaeteren war sie aber vom Zentrum sowohl der akademischen, wie auch der freien Philosophie immer mehr verdraengt, vor allem, weil ihr bestimmendes Merkmal, d.h. die als Seinsgesetzlichkeit aufgefasste, mit einem jeweils anderen konkreten und diesseitigen, "positiven" Prinzip ausgefüllte Metaphysik sich nicht mehr begründen, bzw. legitimieren liess.


Mit anderen Worten war es - sieht man von der in manchen konstruktiven Zügen mit Schopenhauer verwandten, jedoch dynamischen und auf die Idee der Selbstorgtanisation bauenden "positiv-metaphysischen" Philosophie Henri Bergsons ab - in der nach-schopenhauerschen Zeit nicht mehr möglich, "Metaphysik" als "Resultat" von positiver philosophisch-szientistischer Synthese wieder herzustellen. Ein merkwürdiges, in vielen seinen Zügen bis heute noch nicht genügend aufgeklaertes Aufblühen dieser positiv-metaphysischen Denkweise kam von der zweiten Haelfte der zwanziger Jahre an zustande (2), dem dann Alfred Baeumlers 1931 geschriebene, im Dritten Reich jedoch stillschweigend, aber unmissverstaendlich als Legitimationsideologie des erst nach 1933 die Macht übernehmenden Hitler-Regimes entwachsen ist (3). Die als positive Metaphysik identifizierbare Nietzsche-Deutung laesst sich durchaus produktiv auch bei der Erschliessung von Martin Heideggers Nietzsche-Deutungen der dreissiger und vierziger Jahre in Anwendung breingen (4). Auf Grund dessen laesst sich feststellen, dass die Denkweise und Denkstruktur der positiven politischen Metaphysik bestimmend für die Ideologie, die Legitimation des Dritten Reiches war.

Auf Grund dieser Erkentnisse entstand die Frage, ob Max Horkheimer (und ausser ihm eventuell auch weitere bedeutende Denker der Frankfurter Schule) vielleicht nicht auch schon diese Denkstruktur der positiven politischen Metaphysik rekonstruiert oder ob er diese Denkstruktur nicht eventuell schon bei der Erschliessung der nationalsozialistischen Ideologie fruchtbar in seiner Analyse schöpferisch gemacht habe (5).

Die aufeinander bezogene, stets sich wiederkehrende Analyse einerseits des Positivismus und andererseits der Problematik der positiven Metaphysik zeichnet den Horkheimer der dreissiger Jahre ohne Zweifel grundsaetzlich aus. Er sieht beispielsweise Motive für eine stete Wiederentstehung positiv-metaphysischer Denkstrukturen im Alltagsdenken (6), er artikuliert die Existenz dieses metaphysischen Bedürfnisses auch als Ausfluss einer progressiven Ausdehnung des wissenschaftlichen Bereiches (7), er nimmt darüber Notiz, dass selbst auch die Taetigkeit der Normalwissenschaft Metaphysik induzieren kann (8). Er konstatiert ferner die anti-szientische Potenz der modernen positiven Metaphysik (9), dasselbe bezieht sich auf sein Diagnostizieren der anti-historischen Qualitaet derselben positiven Metaphysik (10). In seiner Bergson-Analyse hebt er die darin mit dem Alltagsbewusstsein identische Qualitaet der "Unmittelbarkeit" des positiv-metaphysischen Wahrheitsbegriffs. Horkheimers erstaunlicher Sinn für positiv-metaphysisches Philosophieren erscheint in besonders günstiger Beleuchtung darin, dass er auch die Veraenderlichkeit des jeweiligen konkreten Gehalts der einzelnen positiv-metaphysischen Entwürfe reflektiert (11). Zuletzt, um die Beweise für Horkheimers reiche Einsicht in die philosophisch-wissenssoziologische Problematik der positiven Metaphysik durch einen entscheidenden Zug zu vervollstaendigen, sei noch darauf hingewiesen, dass er auch noch diejenige Eigenschaft der positiven politischen Metaphysik herausinterpretiert, dass sie durch ihre Bestimmungen besonders leicht ganze Systeme begründen kann. Er macht dabei keinen Unterschied zwischen "philosophischer" und "politischer" Begründung, es besteht aber kein Zweifel, dass die Relevanz der positiven politischen Metaphysik im Dritten Reich vor allem deshalb möglich war, weil die politische Metaphysik gleichzeitig auch die Funktion der ideologisch-politischen Legitimation ausübte (12).

Aus alldem entsteht schon in der Form einer These, dass Max Horkheimer, der zwar keine selbstaendige Rekonstruktion der positiven politischen Metaphysik zu Ende führte, sich mit zahlreichen und wesentlichen Beschaffenheiten des Phaenomens der positiven Metaphysik aber gründlich auseinandersetzte. Die diesem Tatbestend entstammende, auf der Hand liegende weitere Frage ist, ob Max Horkheimer diese seiner Einsichten auch bei seiner theoretischen Deutung des Nationalsozialismus zu Geltung brachte. Anders formuliert: Hat Max Horkheimer das Phaenomen des Nationalsozialismus selber nicht mit Zuhilfenahme seiner zerstreuten, nichtsdestoweniger aber tiefen und theoretisch greifenden Einsichten ins Wesen der positiven politischen Metaphysik analysiert?

Die Recherchen in der ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALFORSCHUNG ergeben ein eindeutiges, in mancher Hinsicht sogar auch überraschendes Ergebnis. Der Max Horkheimer naemlich, der seine Einsichten ins Wesen der positiven Metaphysik in seiner Kritik des bürgerlichen Denkens durchaus fruchtbar anwendet, macht keinen nennenswerten Versuch, entweder das Phaenomen des Nationalsozialismus selber oder das Ideologische oder das Legitimatorische des Dritten Reiches unter Zuhilfenahme des Denkmusters der positiven politischen Metaphysik in Angriff zu nehmen. Anstatt einer weiteren Konstatierung dieses negativen Ergebnisses schauen wir uns jetzt jenes positive Beispiel aus den Texten des Horkheimer der dreissiger und vierziger Jahre an, wo er in die naechste Naehe zu jener Möglichkeit kommt, genau identifizierte positiv-politische Denkschemen mit dem Wesen des Nationalsozialismus identisch zu setzen.

Diese, unter unserem Aspekt ganz entscheidend wichtige Textstelle stammt aus einer Spengler-Rezension, wo Horkheimer eine klare, positiv-metaphysische Aussage Spenglers zitiert: "Arbeit, der nur ganz wenige Menschen von Rang gewachsen sind, und anderen, deren ganzer Wert in ihrer Dauer, ihrem Quantum besteht. Zur einen, wie zur anderen wird man geboren. Das ist Schicksal. Das laesst sich nicht aendern" (13). Horkheimer korrigiert Spengler mit grosser intellektueller Einfühlungsgabe und soziologischer Identifikationsfaehigkeit: "Spenglers bramarbasierende Verhimmelung der Bestie im Menschen und in den Staaten erscheint bloss noch als die Projektion der spiessbürgerlichen Erfahrung über die imperialistische Politik der Gegenwart auf die Ewigkeit: Weil der kleine Mann zwar sieht, dass die Völker eifersüchtig aufeinander sind, aber nicht weiss warum, macht er die Oberflaeche zu ihrem eigenen Grund und behauptet, die blosse Raub- und Machtgier sei daran schuld; er verwechselt Wesen und Erscheinung" (14). Horkheimer korrigiert also Spengler auf Grund seiner eigenen theoretischen Basis, er fügt aber auch noch eine Bemerkung hinzu, die darauf folgern laesst, wie er die effektive, wissenssoziologische und historische Bedeutung, eigentlich die "Breitenwirkung" dieser Denkweise im Deutschland seiner Tage einschaetzt: "...besitzt das Buch psychologischen und historischen Wert. Keineswegs darf es jedoch als kennzeichnend für die gegenwaertig in Deutschland massgebenden, soziologisch aeusserst komplizierten intellektuellen Strömungen angesehen werden" (15). Dadurch aeusserte Horkheimer eine Einschaetzung, der er im wesentlichen auch im spaeteren treu blieb: Weder im politischen oder "geistigen Leben", noch in der Ideologie, aber auch noch nicht in weiteren spezifischen Zusammenhaengen (wie beispielsweise die einmal in unserem Kontext bereits erwaehnte Problematik der Legitimation) spielt im Dritten Reich die Denkstruktur der (politischen oder nicht-politischen) positiven Metaphysik eine nennenswerte Rolle.

Warum aber Max Horkheimer trotz seiner tiefen und klaren Einsichten ins Wesen der positiven politischen Metaphysik dieses Wissen bei der Rekonstruktion der ideologisch-weltanschaulichen Realitaet des Dritten Reiches nicht in Anwendung brachte, laesst sich vollgültig nur durch die Heraufbeschwörung seiner positiven Faschismus-Konzeption beantworten. Diese, mit den Auffassungen der anderen Vertreter der Frankfurter Schule in vielen Zügen gemeinsame Auffassung besteht aus zwei grösseren Komponenten. Die eine grosse und umfassende Komponente ist die - hier in abgekürzter Form wiedergegebene - Überzeugung, dass der Faschismus eine "Fortsetzung", eine der Realisationen der bürgerlich-kapitalistischen Klassengesellschaft ist. Uns geht es dabei selbetverstaendlich nicht direkt um den Wahrheitsgehalt dieser Einstellung, die etwa in Horkheimers folgender Einstellung sich artikuliert: "Der Faschismus ist die Wahrheit der modernen Gesellschaft" (16), vielmehr darum, dass es klar auf der Hand liegt: Aufgrund so einer Einstellung hat die Erklaerung nationalsozialistischer Phaenomene durch die Struktur positiv-metaphysischer Einsichten kaum eine Chance. Dies kommt daher, dass im engeren Feld der Faschismus-Kritik weder "genealogisch", noch "strukturell" philosophisch-weltanschauliche Ansaetze zum Zuge kommen und folglich auch die Konstruktion der positiven politischen Metaphysik kaum ins Spiel gebracht werden kann.

Dies würde bedeuten, dass der Grund der Nichtanwendung der Einsichten in die positive politische Metaphysik - und damit auch die endgültige These unserer Arbeit - darin bestehen dürfte, dass Horkheimer bei seiner Analyse des Nationalsozialismus keinen philosophisch-weltanschaulichen Komponenten Raum und interpretatorische Bedeutung gab. Dies würde bedeuten, dass sein Denken im Prinzip eine solche Öffnung haette möglich machen können, nur der grundsaetzlich andere, ideologisch-weltanschaulichen Motiven keinen Raum gebende Forschungsansatz dies nicht erlaubte. Dem ist aber auch nicht ganz so. Wir haben naemlich auch einen weiteren, und diesmal schon immanent philosophisch-theoretischen Grund, warum dies nicht der Fall sein könnte. Horkheimer konnte eine Philosophie, oder auch eine Faschismus-Kritik auch deshalb nicht auf seine eigenen und exzellenten Einsichten in die positive Metaphysik aufbauen, weil er eine Zweifrontenstellung sowohl gegen den Positivismus, wie auch gegen die Metaphysik vertrat, er führte praktisch den gleichen und gleichzeitigen Krieg gegen sie. Seine Grundkonzeption der Philosophie bestand nicht in einer Rekonstruktion des immer neu sich einsetzenden Kampfes des Positivismus gegen die Metaphysik, vielmehr hat er es immer wieder versucht, positivistische Züge in der Metaphysik (17), beziehungsweise metaphysische Züge im Positivismus (18) nachzuweisen, praktisch arbeitete er auf eine sukzessive Identifizierung der beiden Denkweisen hin (19). Dieser Zug seines Philosophierens spielte auch eine durchaus wichtige Rolle darin, dass er die direkte Vorherrschaft positiv-politischer Metaphysik bei seiner Lesart des Dritten Reiches nicht wahrgenommen hat.

ANMERKUNGEN:

(1)S. beispielsweise Endre Kiss, "Das Alltagsbewusstsein, das Leiden und das Konkrete. Religionsphilosophische Perspektiven bei Arthur Schopenhauer', in: Arthur Schopenhauer. Schopenhauers Philosophie als Anfrage an das Christentum. Hamburg, 1989. 87-98. - Weil aber Schopenhauer seine positiv-metaphyische Philosophie auf Gesellschaft und Politik praktisch nicht anwandte, erwies sich Georg Lukács in seiner Die Zerstörung der Vernunft artikulierter politischer Verdacht ihm gegenüber als extrem illegitim.

(2)Die Wurzeln dieser Entwicklung waren sowohl historisch-wissenssoziologisch wie auch immanent philosophisch und waren vor allem motiviert durch die Einsicht, dass die sich in komplizierte formalistische Fragen verwickelte Erkenntnistheorie nicht mehr an die "Realitaet" optimal herangehen kann. Kein Wunder, dass beispielsweise sowohl Heidegger, wie Scheler, die ursprünglich eher in der Richtung der Wertphilosophie, bzw. der Ontologie dieser Situation entgehen wollten, sich für kurze oder laengere Zeit durchaus tief und folgenreich mit der Problematik der modernen positiven Metaphysik auseinandergesetzt haben.

(3)Über Baeumlers Nietzsche-Deutung als reife und klassische Verwirklichung der positiven politischen Metaphysik s. Endre Kiss, "Nietzsche, Baeumler oder die Problematik der positiven politischen Metaphysik", in: Annales Universitatis de R. Eötvös Nominatae. Sectio Philosophica et Sociologica, Jg. 1982, Band XVI.

(4)S. den Aufsatz des Verf: "Die Stellung der Nietzsche-Deutung in der Beurteilung der Rolle und des Schicksals Martin Heideggers im Dritten Reich". In: Zur Philosophischen Aktualitaet Martin Heideggers. Band 1. Philosophie und Politik. Frankfurt am Main, 1991. 425-440.

(5)Die bisher eingehendste Fassung über die positive politische Metaphysik: Reconstructing Positive Political Metaphysics. in: The European Legacy. Vol. 1, Nr. 6. 2185-2198. Jg. 1997.

(6)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung, Jahrgang 4, S. 9. (Photomechanischer Nachdruck, Maerz 1980).

(7)An einer Stelle spricht er über "eine neue, wenn auch problematische Beziehung (der Metaphysik - E.K.) zu den Fragen, welche die Wissenschaft liegen liess". S.: Zu Bergsons Metaphysik der Zeit. in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 3. S. 322.

(8)Zwei Beispiele: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 1., S. 4., sowie Jg.3., S. 322.

(9)Ein theoretisch sehr vielsagendes Beispiel: "Die Unterordnung seines (Bergsons - E.K.) ganzen Denkens unter die metaphysische Endabsicht hat die fruchtbaren Teile seines Werkes verfaelscht" (Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 3, S. 323.)

(10)'...jede Metaphysik (schliesst) es notwendig (ein), dass ihre Schau und der von ihr verkündete Sinn des Geschehens nicht selbst wieder der Zeit unterworfen seien...'. Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 3. S. 323.

(11)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 6. S. 10.

(12)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 4. S.9.

(13)Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 2., S. 421.

(14)Ebda, 423-424.
(15)Ebda, 424.

(16)Zeitschrift für Sozialforschung, Jg.8. 116. - Dazu gesellen sich noch Saetze, wie der folgende: "Die ökonomischen Programme der guten Europaeer unter den Staatsmaennern sind illusionaer" (Ebda).

(17)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 3. 39.

(18)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 3. S. 322.

(19) Am Ende dieses mehrfachen Aufeinander-Beziehens von Metaphysik und Positivismus wird nicht selten sogar auch ihre "Identitaet" ausgesagt: "Wenn auch seit der Jahrhundertwende der Positivismus gegenüber der herrschenden Metaphysik als nicht 'konkret', in Wahrheit nicht spiritualistisch genug erscheint, handelt es sich doch bei beiden um zwei verschiedene Phasen einer die natürlichen Erkenntnis entwertenden, abstrakte begriffliche Strukturen hypostasierenden Philosophie' ("Materialismus und Metaphysik", in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 2. 28.) - Rolf Wiggershaus spricht an einer Stelle seiner Monographie (Frankfurter Schule. München - Wien, 1986. 384). über die "Zweifronten-Abgrenzung gegenüber Positivismus und Metaphysik", ohne dass er diese Idee auch noch einigermassen eingehend in den Mittelpunkt seiner Analysen gestellt haette. In unserer Sichtweise ist diese Unterscheidung die allerwichtigste qualitative Differenzierung und nur auf ihrer Grundlage ist es möglich, die Prozesse der modernen Philosophie ganzheitlich zu verstehen und sinnvoll zu konkretisieren.




powered by