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Mit anderen Worten war es - sieht man von
der in manchen konstruktiven Zügen mit Schopenhauer
verwandten, jedoch dynamischen und auf die
Idee der Selbstorgtanisation bauenden "positiv-metaphysischen"
Philosophie Henri Bergsons ab - in der nach-schopenhauerschen
Zeit nicht mehr möglich, "Metaphysik"
als "Resultat" von positiver philosophisch-szientistischer
Synthese wieder herzustellen. Ein merkwürdiges,
in vielen seinen Zügen bis heute noch nicht
genügend aufgeklaertes Aufblühen dieser positiv-metaphysischen
Denkweise kam von der zweiten Haelfte der
zwanziger Jahre an zustande (2), dem dann
Alfred Baeumlers 1931 geschriebene, im Dritten
Reich jedoch stillschweigend, aber unmissverstaendlich
als Legitimationsideologie des erst nach
1933 die Macht übernehmenden Hitler-Regimes
entwachsen ist (3). Die als positive Metaphysik
identifizierbare Nietzsche-Deutung laesst
sich durchaus produktiv auch bei der Erschliessung
von Martin Heideggers Nietzsche-Deutungen
der dreissiger und vierziger Jahre in Anwendung
breingen (4). Auf Grund dessen laesst sich
feststellen, dass die Denkweise und Denkstruktur
der positiven politischen Metaphysik bestimmend
für die Ideologie, die Legitimation des Dritten
Reiches war.
Auf Grund dieser Erkentnisse entstand die
Frage, ob Max Horkheimer (und ausser ihm
eventuell auch weitere bedeutende Denker
der Frankfurter Schule) vielleicht nicht
auch schon diese Denkstruktur der positiven
politischen Metaphysik rekonstruiert oder
ob er diese Denkstruktur nicht eventuell
schon bei der Erschliessung der nationalsozialistischen
Ideologie fruchtbar in seiner Analyse schöpferisch
gemacht habe (5).
Die aufeinander bezogene, stets sich wiederkehrende
Analyse einerseits des Positivismus und andererseits
der Problematik der positiven Metaphysik
zeichnet den Horkheimer der dreissiger Jahre
ohne Zweifel grundsaetzlich aus. Er sieht
beispielsweise Motive für eine stete Wiederentstehung
positiv-metaphysischer Denkstrukturen im
Alltagsdenken (6), er artikuliert die Existenz
dieses metaphysischen Bedürfnisses auch als
Ausfluss einer progressiven Ausdehnung des
wissenschaftlichen Bereiches (7), er nimmt
darüber Notiz, dass selbst auch die Taetigkeit
der Normalwissenschaft Metaphysik induzieren
kann (8). Er konstatiert ferner die anti-szientische
Potenz der modernen positiven Metaphysik
(9), dasselbe bezieht sich auf sein Diagnostizieren
der anti-historischen Qualitaet derselben
positiven Metaphysik (10). In seiner Bergson-Analyse
hebt er die darin mit dem Alltagsbewusstsein
identische Qualitaet der "Unmittelbarkeit"
des positiv-metaphysischen Wahrheitsbegriffs.
Horkheimers erstaunlicher Sinn für positiv-metaphysisches
Philosophieren erscheint in besonders günstiger
Beleuchtung darin, dass er auch die Veraenderlichkeit
des jeweiligen konkreten Gehalts der einzelnen
positiv-metaphysischen Entwürfe reflektiert
(11). Zuletzt, um die Beweise für Horkheimers
reiche Einsicht in die philosophisch-wissenssoziologische
Problematik der positiven Metaphysik durch
einen entscheidenden Zug zu vervollstaendigen,
sei noch darauf hingewiesen, dass er auch
noch diejenige Eigenschaft der positiven
politischen Metaphysik herausinterpretiert,
dass sie durch ihre Bestimmungen besonders
leicht ganze Systeme begründen kann. Er macht
dabei keinen Unterschied zwischen "philosophischer"
und "politischer" Begründung, es
besteht aber kein Zweifel, dass die Relevanz
der positiven politischen Metaphysik im Dritten
Reich vor allem deshalb möglich war, weil
die politische Metaphysik gleichzeitig auch
die Funktion der ideologisch-politischen
Legitimation ausübte (12).
Aus alldem entsteht schon in der Form einer
These, dass Max Horkheimer, der zwar keine
selbstaendige Rekonstruktion der positiven
politischen Metaphysik zu Ende führte, sich
mit zahlreichen und wesentlichen Beschaffenheiten
des Phaenomens der positiven Metaphysik aber
gründlich auseinandersetzte. Die diesem Tatbestend
entstammende, auf der Hand liegende weitere
Frage ist, ob Max Horkheimer diese seiner
Einsichten auch bei seiner theoretischen
Deutung des Nationalsozialismus zu Geltung
brachte. Anders formuliert: Hat Max Horkheimer
das Phaenomen des Nationalsozialismus selber
nicht mit Zuhilfenahme seiner zerstreuten,
nichtsdestoweniger aber tiefen und theoretisch
greifenden Einsichten ins Wesen der positiven
politischen Metaphysik analysiert?
Die Recherchen in der ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALFORSCHUNG
ergeben ein eindeutiges, in mancher Hinsicht
sogar auch überraschendes Ergebnis. Der Max
Horkheimer naemlich, der seine Einsichten
ins Wesen der positiven Metaphysik in seiner
Kritik des bürgerlichen Denkens durchaus
fruchtbar anwendet, macht keinen nennenswerten
Versuch, entweder das Phaenomen des Nationalsozialismus
selber oder das Ideologische oder das Legitimatorische
des Dritten Reiches unter Zuhilfenahme des
Denkmusters der positiven politischen Metaphysik
in Angriff zu nehmen. Anstatt einer weiteren
Konstatierung dieses negativen Ergebnisses
schauen wir uns jetzt jenes positive Beispiel
aus den Texten des Horkheimer der dreissiger
und vierziger Jahre an, wo er in die naechste
Naehe zu jener Möglichkeit kommt, genau identifizierte
positiv-politische Denkschemen mit dem Wesen
des Nationalsozialismus identisch zu setzen.
Diese, unter unserem Aspekt ganz entscheidend
wichtige Textstelle stammt aus einer Spengler-Rezension,
wo Horkheimer eine klare, positiv-metaphysische
Aussage Spenglers zitiert: "Arbeit,
der nur ganz wenige Menschen von Rang gewachsen
sind, und anderen, deren ganzer Wert in ihrer
Dauer, ihrem Quantum besteht. Zur einen,
wie zur anderen wird man geboren. Das ist
Schicksal. Das laesst sich nicht aendern"
(13). Horkheimer korrigiert Spengler mit
grosser intellektueller Einfühlungsgabe und
soziologischer Identifikationsfaehigkeit:
"Spenglers bramarbasierende Verhimmelung
der Bestie im Menschen und in den Staaten
erscheint bloss noch als die Projektion der
spiessbürgerlichen Erfahrung über die imperialistische
Politik der Gegenwart auf die Ewigkeit: Weil
der kleine Mann zwar sieht, dass die Völker
eifersüchtig aufeinander sind, aber nicht
weiss warum, macht er die Oberflaeche zu
ihrem eigenen Grund und behauptet, die blosse
Raub- und Machtgier sei daran schuld; er
verwechselt Wesen und Erscheinung" (14).
Horkheimer korrigiert also Spengler auf Grund
seiner eigenen theoretischen Basis, er fügt
aber auch noch eine Bemerkung hinzu, die
darauf folgern laesst, wie er die effektive,
wissenssoziologische und historische Bedeutung,
eigentlich die "Breitenwirkung"
dieser Denkweise im Deutschland seiner Tage
einschaetzt: "...besitzt das Buch psychologischen
und historischen Wert. Keineswegs darf es
jedoch als kennzeichnend für die gegenwaertig
in Deutschland massgebenden, soziologisch
aeusserst komplizierten intellektuellen Strömungen
angesehen werden" (15). Dadurch aeusserte
Horkheimer eine Einschaetzung, der er im
wesentlichen auch im spaeteren treu blieb:
Weder im politischen oder "geistigen
Leben", noch in der Ideologie, aber
auch noch nicht in weiteren spezifischen
Zusammenhaengen (wie beispielsweise die einmal
in unserem Kontext bereits erwaehnte Problematik
der Legitimation) spielt im Dritten Reich
die Denkstruktur der (politischen oder nicht-politischen)
positiven Metaphysik eine nennenswerte Rolle.
Warum aber Max Horkheimer trotz seiner tiefen
und klaren Einsichten ins Wesen der positiven
politischen Metaphysik dieses Wissen bei
der Rekonstruktion der ideologisch-weltanschaulichen
Realitaet des Dritten Reiches nicht in Anwendung
brachte, laesst sich vollgültig nur durch
die Heraufbeschwörung seiner positiven Faschismus-Konzeption
beantworten. Diese, mit den Auffassungen
der anderen Vertreter der Frankfurter Schule
in vielen Zügen gemeinsame Auffassung besteht
aus zwei grösseren Komponenten. Die eine
grosse und umfassende Komponente ist die
- hier in abgekürzter Form wiedergegebene
- Überzeugung, dass der Faschismus eine "Fortsetzung",
eine der Realisationen der bürgerlich-kapitalistischen
Klassengesellschaft ist. Uns geht es dabei
selbetverstaendlich nicht direkt um den Wahrheitsgehalt
dieser Einstellung, die etwa in Horkheimers
folgender Einstellung sich artikuliert: "Der
Faschismus ist die Wahrheit der modernen
Gesellschaft" (16), vielmehr darum,
dass es klar auf der Hand liegt: Aufgrund
so einer Einstellung hat die Erklaerung nationalsozialistischer
Phaenomene durch die Struktur positiv-metaphysischer
Einsichten kaum eine Chance. Dies kommt daher,
dass im engeren Feld der Faschismus-Kritik
weder "genealogisch", noch "strukturell"
philosophisch-weltanschauliche Ansaetze zum
Zuge kommen und folglich auch die Konstruktion
der positiven politischen Metaphysik kaum
ins Spiel gebracht werden kann.
Dies würde bedeuten, dass der Grund der Nichtanwendung
der Einsichten in die positive politische
Metaphysik - und damit auch die endgültige
These unserer Arbeit - darin bestehen dürfte,
dass Horkheimer bei seiner Analyse des Nationalsozialismus
keinen philosophisch-weltanschaulichen Komponenten
Raum und interpretatorische Bedeutung gab.
Dies würde bedeuten, dass sein Denken im
Prinzip eine solche Öffnung haette möglich
machen können, nur der grundsaetzlich andere,
ideologisch-weltanschaulichen Motiven keinen
Raum gebende Forschungsansatz dies nicht
erlaubte. Dem ist aber auch nicht ganz so.
Wir haben naemlich auch einen weiteren, und
diesmal schon immanent philosophisch-theoretischen
Grund, warum dies nicht der Fall sein könnte.
Horkheimer konnte eine Philosophie, oder
auch eine Faschismus-Kritik auch deshalb
nicht auf seine eigenen und exzellenten Einsichten
in die positive Metaphysik aufbauen, weil
er eine Zweifrontenstellung sowohl gegen
den Positivismus, wie auch gegen die Metaphysik
vertrat, er führte praktisch den gleichen
und gleichzeitigen Krieg gegen sie. Seine
Grundkonzeption der Philosophie bestand nicht
in einer Rekonstruktion des immer neu sich
einsetzenden Kampfes des Positivismus gegen
die Metaphysik, vielmehr hat er es immer
wieder versucht, positivistische Züge in
der Metaphysik (17), beziehungsweise metaphysische
Züge im Positivismus (18) nachzuweisen, praktisch
arbeitete er auf eine sukzessive Identifizierung
der beiden Denkweisen hin (19). Dieser Zug
seines Philosophierens spielte auch eine
durchaus wichtige Rolle darin, dass er die
direkte Vorherrschaft positiv-politischer
Metaphysik bei seiner Lesart des Dritten
Reiches nicht wahrgenommen hat.
ANMERKUNGEN:
(1)S. beispielsweise Endre Kiss, "Das
Alltagsbewusstsein, das Leiden und das Konkrete.
Religionsphilosophische Perspektiven bei
Arthur Schopenhauer', in: Arthur Schopenhauer.
Schopenhauers Philosophie als Anfrage an
das Christentum. Hamburg, 1989. 87-98. -
Weil aber Schopenhauer seine positiv-metaphyische
Philosophie auf Gesellschaft und Politik
praktisch nicht anwandte, erwies sich Georg
Lukács in seiner Die Zerstörung der Vernunft
artikulierter politischer Verdacht ihm gegenüber
als extrem illegitim.
(2)Die Wurzeln dieser Entwicklung waren sowohl
historisch-wissenssoziologisch wie auch immanent
philosophisch und waren vor allem motiviert
durch die Einsicht, dass die sich in komplizierte
formalistische Fragen verwickelte Erkenntnistheorie
nicht mehr an die "Realitaet" optimal
herangehen kann. Kein Wunder, dass beispielsweise
sowohl Heidegger, wie Scheler, die ursprünglich
eher in der Richtung der Wertphilosophie,
bzw. der Ontologie dieser Situation entgehen
wollten, sich für kurze oder laengere Zeit
durchaus tief und folgenreich mit der Problematik
der modernen positiven Metaphysik auseinandergesetzt
haben.
(3)Über Baeumlers Nietzsche-Deutung als reife
und klassische Verwirklichung der positiven
politischen Metaphysik s. Endre Kiss, "Nietzsche,
Baeumler oder die Problematik der positiven
politischen Metaphysik", in: Annales
Universitatis de R. Eötvös Nominatae. Sectio
Philosophica et Sociologica, Jg. 1982, Band
XVI.
(4)S. den Aufsatz des Verf: "Die Stellung
der Nietzsche-Deutung in der Beurteilung
der Rolle und des Schicksals Martin Heideggers
im Dritten Reich". In: Zur Philosophischen
Aktualitaet Martin Heideggers. Band 1. Philosophie
und Politik. Frankfurt am Main, 1991. 425-440.
(5)Die bisher eingehendste Fassung über die
positive politische Metaphysik: Reconstructing
Positive Political Metaphysics. in: The European
Legacy. Vol. 1, Nr. 6. 2185-2198. Jg. 1997.
(6)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung,
Jahrgang 4, S. 9. (Photomechanischer Nachdruck,
Maerz 1980).
(7)An einer Stelle spricht er über "eine
neue, wenn auch problematische Beziehung
(der Metaphysik - E.K.) zu den Fragen, welche
die Wissenschaft liegen liess". S.:
Zu Bergsons Metaphysik der Zeit. in: Zeitschrift
für Sozialforschung, Jg. 3. S. 322.
(8)Zwei Beispiele: Zeitschrift für Sozialforschung,
Jg. 1., S. 4., sowie Jg.3., S. 322.
(9)Ein theoretisch sehr vielsagendes Beispiel:
"Die Unterordnung seines (Bergsons -
E.K.) ganzen Denkens unter die metaphysische
Endabsicht hat die fruchtbaren Teile seines
Werkes verfaelscht" (Zeitschrift für
Sozialforschung, Jg. 3, S. 323.)
(10)'...jede Metaphysik (schliesst) es notwendig
(ein), dass ihre Schau und der von ihr verkündete
Sinn des Geschehens nicht selbst wieder der
Zeit unterworfen seien...'. Zeitschrift für
Sozialforschung, Jg. 3. S. 323.
(11)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung,
Jg. 6. S. 10.
(12)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung,
Jg. 4. S.9.
(13)Zeitschrift für Sozialforschung, Jg.
2., S. 421.
(14)Ebda, 423-424.
(15)Ebda, 424.
(16)Zeitschrift für Sozialforschung, Jg.8.
116. - Dazu gesellen sich noch Saetze, wie
der folgende: "Die ökonomischen Programme
der guten Europaeer unter den Staatsmaennern
sind illusionaer" (Ebda).
(17)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung,
Jg. 3. 39.
(18)Ein Beispiel: Zeitschrift für Sozialforschung,
Jg. 3. S. 322.
(19) Am Ende dieses mehrfachen Aufeinander-Beziehens
von Metaphysik und Positivismus wird nicht
selten sogar auch ihre "Identitaet"
ausgesagt: "Wenn auch seit der Jahrhundertwende
der Positivismus gegenüber der herrschenden
Metaphysik als nicht 'konkret', in Wahrheit
nicht spiritualistisch genug erscheint, handelt
es sich doch bei beiden um zwei verschiedene
Phasen einer die natürlichen Erkenntnis entwertenden,
abstrakte begriffliche Strukturen hypostasierenden
Philosophie' ("Materialismus und Metaphysik",
in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg.
2. 28.) - Rolf Wiggershaus spricht an einer
Stelle seiner Monographie (Frankfurter Schule.
München - Wien, 1986. 384). über die "Zweifronten-Abgrenzung
gegenüber Positivismus und Metaphysik",
ohne dass er diese Idee auch noch einigermassen
eingehend in den Mittelpunkt seiner Analysen
gestellt haette. In unserer Sichtweise ist
diese Unterscheidung die allerwichtigste
qualitative Differenzierung und nur auf ihrer
Grundlage ist es möglich, die Prozesse der
modernen Philosophie ganzheitlich zu verstehen
und sinnvoll zu konkretisieren.
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