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Der Grossmeister der Wissenssoziologie, dessen
Meisterschaft auf dem klassischen Werke Ideologie
und Utopie beruht, muss nun einem anderen
Grossmeister der Wissenssoziologie Karl Mannheim
weichen, dessen Ruhm und Bedeutung mit demselben
Recht auf seine erst 1980 aufgefundenen Konservatismus-Arbeit
aufgebaut werden soll.
Die Gemeinde der Wissenssoziologen kannte
die 1927 erschienene Fassung der Konservatismus-Studie
(Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik,
Band 57), ein kaum geringeres Aufsehen erwarb
sich die posthum erschienene Detailfassung
des Conservative Thought. Es war auch allgemein
bekannt, dass beide Fassungen auf ein umfangreicheres
Original zurückgingen, und zwar auf die Habilitationsdissertation
Karl Mannheims, die er unter dem Titel Altkonservatismus:
Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens 1925
an der Philosophischen Fakultaet der Karl-Ruprecht-Universitaet
in Heidelberg eingereicht hatte.
Es besteht kein Zweifel darüber, dass die
Habilschrift auch im Falle Karl Mannheims
der pragmatischen Zielsetzung jeder Habilitation
untergeordnet war. Der ungarische Emigrant
der historischen Jahre 1918-1919 wollte wie
viele andere habilitieren, um an einer seriösen
Universitaet die venia legendi zu erhalten
und wenn möglich, auch eine weitere akademische
Karriere anzutreten, für welche er - und
dies durfte er mit vollem Recht von sich
denken - professionell geeignet war. Gleichzeitig
benutzte aber Karl Mannheim die eher aeusserliche
und wie erwaehnt, zweifellos "pragmatische"
Gelegenheit, durch seine Habilitationsschrift
auch eine dreifache höchst komplexe Zielsetzung
zu verwirklichen. Erstens entwarf er eine
der ersten Fundierungen der Disziplin einer
"Soziologie des Wissens", welche
in vielen Einzelheiten auch über die darauf
folgenden Fundierungen weit hinausging (1).
Zweitens exemplifizierte er diese Fundierung
der Disziplin der "Wissenssoziologie"
am Beispiel des konservativen Denkens in
Deutschland bis etwa zu den vierziger Jahren
des neunzehnten Jahrhunderts. Dies heisst,
dass Karl Mannheim nicht nur eine normbildende
und paradigmatische Arbeit der Disziplin
"Wissenssoziologie", sondern auch
eine der etwas engeren Disziplin der Konservativismus-Forschung
geschaffen hat. Drittens, er benutzte diese
aeusserliche Gelegenheit der Habilitation
(nicht zuletzt gerade durch den Entwurf eines
Paradigmas der Wissenssoziologie, bzw. Konservativismus-Forschung)
dazu, um eine geschichtsphilosophische Bilanz
zu ziehen, die in einem engeren Sinne die
Problemkreise des Ersten Weltkrieges und
der darauf folgenden Revolutionen und in
einem etwas breiteren Sinne die Horizonte
der neuzeitlichen Rationalisierung reflektiert.
Mannheims Konzeption ist also alles andere
als "konventionell" oder nur durch
existentielle Motivation geleitet. In der
Form einer Habilitation will er also eine
historische Bilanz aufstellen, er glaubt
es aber nur ausführen zu können, wenn er
dazu im wesentlichen zwei neue Paradigmen
aufstellt. Wie es in seinen wissenssoziologischen
Werken oft auch thematisch wird, geht es
nicht immer um den Gebrauch von bereits bestehenden
"ideologischen" Elementen, man
kann im Laufe einer historischen Diskussion
oder einer Rekonstruktion gleich neue, bis
dahin nicht erarbeitete theoretische Schichten
einsetzen, die dann das positive Material
schon inmitten der Diskussion anders als
gewohnt organisieren (2).
Karl Mannheims geschichtsphilosophische Bilanz
ist durch die "ungarische Erfahrung"
motiviert. Diese auf eine erstaunliche Weise
bis heute kaum noch adaequat aufgearbeitete
Erfahrung bestand in der Aufarbeitung eines
rasend schnellen Nacheinanders von drei Revolutionen,
bzw. Gegenrevolutionen. Nach dem Zusammenbruch
Österreich-Ungarns trat zunaechst die bürgerlich-demokratische
politische Einrichtung, die im westlichen
Sinne genommene ungarische Republik von Mihály
Károlyi und Oszkár Jászi auf. Ihr folgte
die ungarische Raeterepublik von Béla Kun
und Tibor Szamuely, eine zeitgemaesse Form
der Kommüne, d.h. des Bolschewismus. Diese
löste nach 133 Tagen der "weisse"
Terror des Admirals Horthy ab. Das soeben
untergegangenes Österreich-Ungarn war von
vielen Zeitgenossen als "Versuchstation
der Zukunft" (die Formulierung stammt
von Karl Kraus) anvisiert. Es besteht kein
Zweifel, dass gerade die soeben aufkommende
ungarische Erfahrung es war, die ebenfalls
und mit dem gleichen Recht als "Versuchstation"
alles antizipierte, was man spaeter als die
Essenz des zwanzigsten Jahrhunderts anzusehen
gezwungen war. Und es war auch diese ungarische
Erfahrung, die hinter jener geschichtsphilosophischen
Bilanz stand, die sich in Mannheims Habilitationsschrift
durch die Konstitution von zwei neuen Paradigmen
Bahn gebrochen hat.
Die Habilitationsschrift Altkonservatismus:
Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens wurde
seitens der Heidelberger Philosophischen
Fakultaet von Emil Lederer, Alfred Weber
und Carl Brinkmann mehrheitlich positiv begutachtet.
Manche weitere Schwierigkeiten blieben Mannheim
trotzdem nicht erspart, wobei der nicht ganz
unwirksame Einwand der ungarischen Staatsbürgerschaft
Mannheims durch die Tatsache der deutschen
Herkunft seiner Mutter wieder ausgeglichen
werden konnte. Der Habilitationsprozess nahm
letztlich doch ein glückliches Ende, an dem
ausser der ins Auge springend überzeugenden
Qualitaet der Dissertation auch die einflussreichen
Beförderer Mannheims (3), sowie Mannheims
professionelles, zielbewusstes und diszipliniertes
Verhalten beigetragen haben. Karl Mannheim
erhielt seine Ernennung zum Privatdozenten
der Fakultaet am 12. Juni 1926 und hielt
seinen ersten Vortrag schon an demselben
Tag mit dem Titel "Über den gegenwaertigen
Stand der Soziologie in Deutschland".
Der Gesamtkorpus der Habilitationsschrift
spielte in Karl Mannheims ganzer Laufbahn
keine Rolle. Er blieb in jeder Hinsicht unbekannt.
Für die Geschichte der Disziplin der Wissenssoziologie
hat es eine vielleicht noch grössere Bedeutung,
dass es ebenfalls unmöglich war, aus den
anderen prinzipiellen Texten über die Fundamente
oder die Methodologie der Wissenssoziologie
auf den Inhalt des Gesamtkorpus der Konservatismus-Arbeit
zu schliessen. Warum sich Mannheim selber
zu seinem Manuskript auf diese Weise verhielt,
können wir heute vorlaeufig noch intuitiv
einschaetzen. Uns scheint, dass Mannheim
den Text der Habilitationsschrift auf der
einen Seite für noch nicht ganz reif, waehrend
auf der anderen Seite für zu "abstrakt"
und noch nicht ganz verstaendlich gehalten
haben mochte. Für die erste Seite der These
sprechen manche sprachliche Eigenschaften
des Korpus, die von den Redakteuren der ersten
Ausgabe auch entsprechend aufgebessert worden
sind. Für die zweite Seite der These spricht
vor allem die Tatsache, dass Mannheims spaetere,
prinzipielle Texte an Komplexitaet und Abstraktionsfaehigkeit
deutlich hinter der Konservatismus-Arbeit
zurückbleiben (4). So konnte es geschehen,
dass erst 1980, aus dem Nachlass Pál Kecskeméti's,
die vollstaendige Schreibmaschinenfassung
der Habilitationsarbeit auftauchte. Diese
Fassung wurde dann von David Kettler, Volker
Meja und Nico Stehr redigiert und herausgegeben
(5).
Die Erforschung des spezifischen "konservativen"
Denkens wirft spezifische Probleme auf. Das
schwerwiegendste ist vielleicht, dass das
konservative Denken, die konservative Ideologie
in den verschiedensten historischen Kontexten
auftreten kann. Bald sehen wir einen "Konservativismus",
der sich als "reaktionaerer Quasitotalitarismus"
stilisiert (oder von anderen in dieser Stilisation
gesehen wird). Bald erscheint ein Konservativismus,
der für ein unentbehrliches Korrektiv jedes
denkbaren Fortschritts erlebt wird. Bald
entrüsten sich die siegreichen rechten Totalitarismen
über die "ewig Gestrigen" der konservativen
Lebens- und Denkhaltung, bald sucht die saturierte
Elite eines real existierenden Sozialismus
Kontakte und Ideen bei neuen und "modernen"
Konservativen, höchstwahrscheinlich, weil
sie in den Besitz von Verhaltens- und Denkmustern
kommen will, die ihren wirklichen, d.h. nicht
ideologischen "existentiellen"
Lebensbedingungen entspricht.
Unter dem Aspekt einer Mannheim-Interpretation
ist es aus diesem Grunde von besonderer Bedeutung,
dass die Originalfassung der Konservatismus-Arbeit
endlich erschienen ist. Die früher publizierten
Teile mochten selbst über die eigene Einstellung
Mannheims und gleichzeitig über die wesentlichen
Intentionen seiner theoretischen Konzeption
gewisse Beurteilungen erstehen lassen, die
sich angesichts des vollstaendigen Korpus
des Werkes nicht mehr bewahrheiten können.
Die früheren Fassungen könnten beispielsweise
den Eindruck erwecken, dass Karl Mannheim
auch persönlich bis zu einem schwer definierbaren
Grade konservativ eingestellt ist oder zumindest
den anderen Eindruck nahelegen, dass er in
einem im voraus vorausgesetzten "Weimarer"
Kontext auf der Suche nach einem "ernsthaften",
soliden und begründeten Konservativismus
ist (6). Vollkommen unabhaengig also davon,
welche konkreten Hypothesen aufgrund der
Archív-Publikationen entstehen mochten, eröffnet
die endgültige Fassung den Weg sowohl zur
Rekonstruktion Mannheims eigener Einstellung,
wie auch zu derselben der theoretischen Konzeption
des Werkes.
Kurt Lenk unterscheidet drei grundsaetzliche
Paradigmen in der bisherigen Geschichte der
Konservatismus-Forschung (auch wenn man um
der ganzen Vollstaendigkeit willen bemerken
muss, dass auch er seine Typologie ohne Kenntnis
der vollstaendigen Fassung von Mannheims
Werk aufstellen musste), und zwar die "historisch-spezifizierende",
die "universalistisch-anthropologische"
und die "situationsspezifische"
Konservativismus-Deutung, die auch als Interpretationsparadigmen
aufgefasst werden dürften (7). Nach der "historisch-spezifizierenden"
Fassung erscheint der Konservativismus als
eine Reaktion auf die Französische Revolution
seitens jener sozialen Schichten, gegen welche
diese Revolution in Wort und Tat gerichtet
war. Die "universalistisch-anthropologische"
Interpretation gründet die konservativen
Grundattitüden auf die immanent-anthropologischen
Züge der menschlichen Natur. Und die Auffassung
der "situationsspezifischen" Interpretation
formuliert die staendige Wiedererstehung
des Konservativismus in stets anderen konkreten
historischen Situationen. Es gehört jedoch
zur Natur jedes konservativen Denkgebildes,
dass sie die Elemente aller drei Paradigmen
mit Notwendigkeit gleichzeitig tragen. Da
der Konservativismus in seiner definitiven
Form durch die Französische Revolution ins
Leben gerufen worden ist, laesst sich wohl
kein Konservatismus denken, der seinen wesentlichsten
Bezugspunkt nicht in dieser Revolution haette
(8). Ebenso bekannt ist das Rekurrieren jedes
konservativen Denkens auf die "wahre"
menschliche Natur (im gewissen Sinne ist
jeder Konservatismus nichts anderes als eben
eine Konzeption der menschlichen Natur).
Und zuletzt ist die Reaktivitaet eine ebenso
deutlich ins Auge springende Eigenschaft
jedes Konservativismus, schon einfach aus
der Tatsache heraus, dass die Gesellschaft
im steten Prozess der Modernisierung und
der Rationalisierung die alten Lebensformen
stets relativiert und gefaehrdet.
Mit grosser methodischer Erudition und theoretischer
Bewusstheit weicht Karl Mannheim jenen Schwierigkeiten
aus, die sich aus der Verflochtenheit dieser
drei Eigenschaftskomplexe für eine Rekonstruktion
des Konservativismus bedeutete. Einerseits
waehlt er zum Gegenstand seiner Analyse den
deutschen Konservativismus der postrevolutionaeren
Aera, womit er die Fixation der Problematik
auf die Französische Revolution gleich thematisch
macht. Darüber hinaus "idealtypisiert"
er die ausgewaehlte konkrete historische
Periode, und zwar so, dass er führende Gesichtspunkte
in dieser konkreteren historischen Epoche
gelten laesst, die theoretisch auch erst
etwas spaeter entstanden sind. Durch dieses
Verfahren macht er sein Verfahren auch gegenüber
den bei Lenk aufgezaehlten Paradigmen offen.
Er sucht ferner zwischen einer "metaphysischen"
und einer sich in der steten "Reaktivitaet"
erschöpfenden Auffassung durch seine theoretische
Option des "Strukturzusammenhanges"
eine Brücke zu bauen (9).
Vor allem war es das Hintergrundmotiv, der
Anspruch auf geschichtsphilosophische Bilanz,
welches bei diesem Werk von Karl Mannheim
sowohl die Fundierung der Wissenssoziologie,
wie auch die Rekonstruktion des Konservativismus
untrennbar mit der Problematik der modernen
neuzeitlichen Rationalitaet untrennbar verwachsen
liess. Es war auch die heuristische Perspektive,
die ebenfalls ganz neu war. Die Generation
Mittel-Europas, in deren Reflexion hier dieser
welthistorische Ablauf sich artikuliert,
war eine, die zum ersten Mal in der mittel-europaeischen
Region moderne europaeische Kultur und Identitaet
als Selbstverstaendlichkeit erlebt und genossen
hatte. Kein Wunder, dass der Untergang dieser
triumphalen Modernisation nicht nur ihr grösstes
existentielles Erlebnis, sondern auch ihre
vitalste theoretische Motivation war (10).
Unter solchen Voraussetzungen kristallisierte
sich die spezifische Fragestellung der Konservatismus-Arbeit.
Die Begründung der Wissenssoziologie erscheint
im Kontext einer geschichtsphilosophischen
Bilanzziehung. Diese, ihrerseits ist sui
generis eine Bilanz des historischen Schicksals
der Rationalitaet. Die spezifische sozialontologische
Ausrichtung der Mannheimschen Arbeit generiert
somit eine Dimension, die einerseits eine
Sozialontologie der Wissenssoziologie (etwas
einfacher: der "Ideologie") und
andererseits eine Sozialontologie der Rationalitaet
beinhaltet.
An dieser Stelle unserer Arbeit sollte nur
noch als These wiederholt werden, dass diese
spezifische sozialontologische Fragestellung,
die mit der Renaissance der philosophischen
Ontologien in den zwanziger Jahren mit tausend
Faeden zusammenhaengt, eine notwendige Reaktion
auf die "ungarische Erfahrung",
auf das unerwartete Auftauchen von neuen
Gegnern, Hindernissen und Krisen der Ausdehnung
der Rationalitaet war.
Sehr deutlich ist diese ontologisierende
Tendenz bei der Bestimmung der Ideologien
bei Karl Mannheim. Das Sozialontologische
ersetzt das Politische (11), das Alltaegliche
(12). In beinahe ironischer Abkürzung laesst
sich die neue, sozialontologische Richtung
durch die Verschiebung charakterisieren,
die ja zwischen den Begriffen "Weltbild"
und "Wertbild" auszuweisen ist.
"Weltbild" waere eine mehr traditionalistische
Auffassung des Ideologischen, "Wertbild"
jedoch die Artikulation der neuen sozialontologischen
Sphaere, die ja - wie gerade vorhin darüber
die Rede war - aus einander gegenüberstehenden
Welten besteht.
Mannheim beruft sich in ihrem Werke auf Max
Scheler. Einerseits hat er rein sachliche,
disziplinaere Beziehungen zu Scheler - vor
allem innerhalb der Disziplin der philosophischen
Wissenssoziologie, denn Scheler und er galten
und gelten als die beiden disziplinaeren
Gründungsvaeter der Wissenssoziologie (13).
Wesentlich wichtiger für unsere Zielsetzung
ist aber die Einsicht, dass auch Max Scheler
zu jenen Rekonstruktionsdenkern gehörte,
die gerade in den zwanziger Jahren eben auch
einen vollstaendigen philosophischen Neuanfang
unter Rückgriff auf die Ausarbeitung von
soliden ontologischen Dimensionen erstrebte.
Mannheim's Werk laesst sich trotzdem nicht
so verstehen, wie als ob es einen "Beitrag
zur Sozialontologie" waere. Letztlich
geht es bei diesem Werk darum, dass es Teile
der Sphaere der sozialen Ontologie umreisst,
so dass die in ihnen ausgearbeiteten Dimensionen
selbst legitime Teile der sozialontologischen
Sphaere sind (14).
Karl Mannheim formuliert sehr exakt: "Das
Grundinteresse besteht für uns in der Erforschung
des Strukturzusammenhanges, in dem der geistige
Kosmos und in ihm der Denkkosmos sich bildet
und gestaltet" (15). Die Termini "Strukturzusammenhang",
"geistiger Kosmos", "Denkkosmos"
weisen etwa topographisch auf dieses sozialontologische
Interesse hin. Sowohl der "geistige
Kosmos" wie auch der "Denkkosmos"
haben direkte und unmissdeutliche sozialontologische
Implikationen. Man kann naemlich weder über
"geistigen Kosmos", noch über "Denkkosmos"
reden, wenn die beiden Arten des Kosmos nicht
in einem sozialontologischen System gedacht
werden, wo also etwa der Denkkosmos neben
anderen Sphaeren des sozialen Kosmos vorgestellt
wird.
Die einzelnen gedanklichen Elemente werden
auch nicht gleich "soziologisch"
geordnet, bzw. kategorisiert, meistens werden
sie auch in immer breiter sich kreisenden
Kreisen eingeordnet, deren Outputs sozialontologisch
ausgerichtet sind: "Denn so viel scheint
sicher zu sein, dass Beobachtungen, Denkgehalte,
Denkformen, nicht isoliert, nicht vereinzelt,
nicht in Form von Einzeleinfaellen aufkommen,
sondern dass sie von Kollektivintentionen
getragen, stets als Teile, als =Elemente=
einer umfassenden Willensintention einer
einheitlichen Beobachtungsrichtung zustandekommen.
Nicht isolierte Gedankenelemente wollen also
in ihrem Aufkommen und Schicksal beobachtet
werden, sondern Gedankenmassen (!) (Inhalte
und Formen, etc.), die kohaerent um eine
bestimmte Problematik des Lebens herum gruppiert
aufkommen und sich fortbilden" (16).
Einen einmalig wichtigen Stellenwert hat
der folgende Text, indem er eine klare Differenzierung
der ursprünglich soziologischen (und wissenssoziologischen,
selbstverstaendlich!) und der sozialontologischen
Annaeherungsweisen aussagt: "Setzt man
solche Kollektivintentionen auch in der Denkgeschichte
voraus (in allen übrigen Schichten der Geistesgeschichte
ist es als erwiesen, dass sie vorhanden sind),
so stellt sich sofort die Frage: was haelt
jene Gedankenmassen und die mit ihnen sich
entwickelnden Denkformen, die sich zumeist
auch gegeneinander oder aufeinander bewegen,
zusammen?" (17) Dieselbe Linie geht
auch in jenem Zusammenhang weiter, dass meta-soziologische,
bzw. meta-wissenssoziologische Behauptungen
gemacht werden, die ihrerseits wieder in
den sozialontologischen Raum hinübergehen:
"...wir haben es nicht mehr mit einer
einheitlichen (wenn auch innerlich vielschichtigen)
Weltanschauung zu tun, sondern von nun an
stehen sich, entsprechend der Vielheit der
Schichten im sozialen Körper, mehrere Welten
gegenöber" (18). Es liegt auf der Hand,
dass hier nicht eine wissenssoziologische
Feststellung, vielmehr die Möglichkeit einer
solchen Feststellung umschrieben wird.
Eine ganz explizite sozialontologische Konzeption
wird bei Karl Mannheim auch entworfen, und
zwar - und es kann jetzt keine Frage mehr
sein, warum - um in diesem Konzept den Stellenwert
jedes Denkens ausweisen zu können (19).
Karl Mannheims konkrete Bestimmungen der
Residuen und der sozialen Orte des Irrationalen
ergeben das folgende Bild:
a) Individuum
b) Lokalitaet
c) Die Anwendung
d) Irrationalitaet der Bewegung
e) Persönlichkeit
f) das Qualitative
g) die Totalitaet
h) das Göttliche (das Mystische, die Offenbarung)
i) das Organische (20).
Diese Aufzaehlung der Residuen des Irrationalen
ist gewiss eines der bleibendsten wissenschaftlichen
Ergebnisse Karl Mannheims, aber auch eine
der herausfordernden konkreten Konzeptionen
einer sozialontologischen Bestimmung des
Denkens. Wir können es nur bedauern, dass
es Mannheim an dieser Stelle nicht so sehr
darum ging, die einzelnen Überbleibsel und
geistigen Orte des Irrationalen eingehend
analysiert zu haben. Mannheim selber ist
aber auch unmissverstaendlich stolz auf dieses
Ergebnis: "...nichts ist wichtiger als...diese
verdeckende Hülle, diesen alles auf einen
Nenner reduzierenden Begriff 'irrational'
abzustreifen" (21). Dies heisst im Klartext,
dass er es als einen deutlichen Erkenntnisvorstoss
ansieht, dass es ihm gelungen ist, an der
unqualifizierten Homogenitaet des üblichen
Begriffs des Irrationalen zu rütteln, ihn
"sozialontologisch" zu konkretisieren.
Um diesen Preis sieht er es nicht als ein
erheblicheres Opfer, wenn er zugeben muss,
dass unter den einzelnen Varianten des Irrationalen
"keine wesesmaessige Verwandtschaft
besteht" (22).
Karl Mannheim arbeitet also die von ihm selber
eruierten "sozialontologischen"
Orte des Irrationalen nicht ausführlich aus.
Die Ausarbeitung, bzw. die konkrete Bestimmung
dieser Orte bleibt aber eine nicht vertagbare
Aufgabe jeder wissenssoziologischen Forschung,
insbesondere aber derjenigen, die die Wissenssoziologie
im sozialontologischen Kontext weiterdenken
wollen.
So entsteht ein Komplex, der Ethik, Ideologie
und Praxis in sich vereint und welcher die
sozialontologische Dimension zum integranten
Bestandteil all dieser anderen Objektivationen
werden kann.
Für Mannheim erwies sich das Feld des Ideologischen
als eine Objektivation, an welcher letztlich
die "Veraenderbarkeit der Welt"
sich adaequat untersuchen liess. Sowohl die
Begründung der Disziplin der Wissenssoziologie,
wie auch die sozialontologische Einbettung
derselben oder das konkrete Feld des Konservatismusforschung
kreist sich um eine neue Sicht der Rationalitaet.
Eine der wichtigsten Definitionen der Rationalisierung
lautet so: "Jede Rationalisierung ist
eine kategoriale Umformung eines gegebenen
anschaulichen Materials" (23). Sehr
treffend weist diese Definition auf das Moment
der in der Tiefe jeder Rationalisierung enthaltenen
Kohaerenz hin, die aber nicht bloss ein mentaler
oder intellektueller Prozess ist, sondern
am dezidiertesten auch handlunsorientierende
Imperative vergegenwaertigt.
Wie Max Weber (und zur Zeit der Abfassung
der Konservatismus-Arbeit auch viele andere
wie beispielsweise der in Mannheims Werk
direkt angesprochene Georg Lukács) haelt
auch Karl Mannheim den "Durchbruch der
Rationalisierung der Welt" (24) für
den bestimmenden Charakterzug der Neuzeit.
Zu einem bestimmenden Fundierungszug dieser
Konzeption gehört die Trennung der im engeren
Sinne "mentalen", "kognitiven"
Momente von den "Erlebnisformen".
Die Erlebnisformen definiert Mannheim nicht,
er greift hier generell zu Tönnies' Unterscheidung
zwischen "Gesellschaft" und "Gemeinschaft".
Mannheim haette an dieser Stelle keine bessere
und im Sinne Ernst Mach's auch keine "ökonomischere"
Lösung finden können. So entsteht die Dualitaet
zwischen "Vergesellschaftung" und
"Entgemeinschaftlichung" als die
beiden Seiten derselben Medaille der Modernisierung,
bzw. der Rationalisierung. Die vorhin erwaehnte
Dualitaet zwischen "Qualitativem"
und "Quantitativem" erscheint in
diesem Zusammenhang in der konkreten Form
der (quantitativen) Warenproduktion, waehrend
das Qualitative in der gemeinschaftlichen
Sphaere der Erlebniswelten vorherrschend
bleibt.
Die soziale-soziologische Traegerin der modernen
Rationalitaet ist das moderne Bürgertum.
Diese evidente These ist jedoch alles andere
als überflüssig. Sie schreibt die Konturen
jenes sozialen Raumes vor, in dem eine soziale
Ontologie der Rationalitaet nicht "abstrakt",
sondern im realen historischen Raum entworfen
werden konnte.
Eine der bleibendsten Errungenschaften der
Konservativismus-Analyse Mannheims ist die
mehr als skizzenhafte, wiewohl doch nicht
ganz detaillierte Ausarbeitung des "liberalen"
und des "proletarischen" Denkens
neben dem "konservativen". In dieser
Klassifizierung erscheint das proletarische
Denken als eines, das in seiner Opposition
zum bürgerlichen Liberalismus mit dem Konservativismus
verwandt ist. Das proletarische Denken ist
in Mannheims Vision sui generis rationalistisch,
denn - und dies liegt ganz in der Linie der
Mannheimschen Wissenssoziologie selber -
das Proletariat als Klasse sich überhaupt
im Medium der modernen Industrialisierung,
d.h. in dem der Rationalitaet konstituiert.
Das Proletariat ist andererseits "irrationalistisch",
dass sein chiliastischer Messianismus, genaehrt
von seinem historischen Optimismus, die Kalkülen
der Rationalitaet stets umwirft. Wir brauchen
an dieser Stelle gewiss nicht besonders zu
betonen, dass diese Auffassung diametral
gegen Georg Lukács Geschichte und Klassenbewusstsein
gerichtet ist.
An diesem Punkt wird es aktuell, die Konservatismus-Arbeit
mit diesem Hauptwerk von Georg Lukács zu
vergleichen. Es versteht sich von selbst,
dass dieser Vergleich in jeder seiner Dimensionen
in diesem Text nicht durchzuführen ist. Trotzdem
wollen wir auf einige wichtige Momente hinweisen,
von deren Bedeutung wir die vollkommene theoretische
Überzeugung haben.
Trotz jeder früheren Naehe zwischen Lukács
und Mannheim treten die beiden Denker in
die von uns beschriebene historische Phase
mit vollkommen verschiedenen Voraussetzungen.
Waehrend für Karl Mannheim, wie wir es in
diesem Text vielschichtig nachzuweisen suchten,
diese Periode eine der Bilanzziehung und
der aus ihr folgenden Rekonstruktion der
europaeischen Geistigkeit, der Rationalisierung,
der Modernisierung, des liberalen Gedankengutes
nach den Erschütterungen des Weltkrieges
und der Revolutionen war, trat Georg Lukács
gerade in dieser Zeit durch seinen messianistischen
Bolschewismus in eine bereits jenseits der
von Mannheim zu rekonstruierende Sphaere
der "bürgerlichen" Rationalitaet
und Modernisierung liegt. Sie sind also trotz
ihrer engen Beziehung in dieser Zeit geschichtsphilosophisch
nicht mehr "gleichzeitig". Waehrend
Mannheim ein Plaedoyer für die Möglichkeit
des Rekonstruktion schreibt (realisiert man
die sozialontologische Dimension der Rationalisierung,
so kann man so eine Strategie rational gestalten,
die eine neue Rationalisierung mit der Chance
des Erfolges starten konnte), ist diese Idee
für Lukács vollkommen reaktionaer, wenn nicht
gerade das praechtigste Beispiel für jenes
"verdinglichte" bürgerliche Klassenbewusstsein,
welches das Ziel seiner vernichtenden Kritik
war.
Diese grundsaetzliche Differenz in den beiden
Positionen erscheint auch in der Art und
Weise, wie die Ideologie, das Ideologiekritische
oder das Wissenssoziologische bei ihnen in
den sozialontologischen Kontext gestellt
wird. Diese Einbettung traegt bei beiden
die charakteristischen Merkmale ihrer Grundpositionen.
Waehrend, wie wir sahen, die Zielsetzung
der Rekonstruktion für Mannheim die Notwendigkeit
eines Entwurfes der sozialen Ontologie der
Rationalitaet vorschrieb, führte Lukács die
- in diesem Punkt genuin Hegelsche - Ontologisierung
des proletarischen Klassenbewusstseins durch.
Dies bedeutet, dass die Ontologisierung des
Ideologischen, obwohl auf eine vollkommen
andere Weise, auch bei ihm sich abspielte.
Georg Lukács' Konzeption über das proletarische
Klassenbewusstsein enthaelt also eine von
der Ferne gesehen aehnliche Ontologisierung
des Ideologischen wie wir es im Falle Mannheims
gesehen hatten. Seine Charakterisierung des
proletarischen Klassenbewusstseins vereint
ein Marxsches und ein Hegelsches Element,
er tut es aber "direkt", d.h. ohne
dass er - wie etwa Mannheim es mit der "Rationalisierung"
macht - ein Kriterium für die "Richtigkeit"
oder die "Unrichtigkeit" eines
Bewusstseins angeben konnte, mit Ausnahme
selbstverstaendlich der unkonkretisierbaren
These der "Übereinstimmung mit der Wirklichkeit".
Das Marxsche Element ist die Qualifizierung
des bürgerlichen Bewusstseins als "klassengebunden"
und somit als unfaehig, die Wirklichkeit
"adaequat" zu verstehen. Dieses
Marxsche Element ist eine traditionelle wissenssoziologische
Annahme, welche den klassischen (und trivialen)
Ideologieverdacht formuliert. Dieses "negative"
Element, welches übrigens für jede öffentlich-politische
Position auszusagen ist und auf diese Weise
nichts Spezifisches enthaelt, wird mit der
- dem Universalhistoriker Hegel am naechsten
stehenden - "positiven" Einsicht
in die Adaequanz des revolutionaeren proletarischen
Klassenbewusstseins ergaenzt. An sich ist
aber auch dieses Element problematisch, denn
nicht das "proletarische Klassenbewusstsein"
generell wissenssoziologisch so erhöht wird,
sondern das proletarische Klassenbewusstsein
der historischen Ausnahmesituationen (d.h.
der Revolutionen). Kein Wunder, dass im Gegensatz
zu Lukács Mannheim das generell aufgefasste
Klassenbewusstsein in den Mittelpunkt seines
Interesses steht (in der Form von der Kombination
von Rationalitaet und Irrationalitaet).
Daraus erhellt, dass Lukács' philosophisch-wissenssoziologisches
Verfahren nicht kohaerent war. Er nahm drei
verschiedene, im einzelnen zweifellos legitime
Ansaetze in Anspruch. Seine Kombination des
Marxschen Kritik des bürgerlichen Bewusstseins,
die wissenssoziologische, jedoch "selektive"
Erhöhung des proletarischen Bewusstseins,
sowie sein bewusstes Ignorieren der "normalen"
und der "spezifischen" Situationen
geht über die Kohaerenz eines legitimen Verfahrens
hinaus.
Im Gegensatz zu Lukács stellt Mannheim einen
kohaerenten wissenssoziologischen Gedankengang
aus. Im Gegensatz zu dessen "Metaphysik"
des proletarischen Bewusstseins schafft er
eine dynamische Denkweise, deren soziologische
Zuordnung zu realen bürgerlichen Schichten
uns zumindest ebenso adaequat vorkommt, wie
es bei Lukács der Fall ist. Ein weiteres
Vorteil Mannheims ist, dass seine dynamische
Strategie der Rationalisierung keine Instanz
vergleichbar zu Lukács' avantgardistischer
Partei mit Notwendigkeit vorschreibt. Mannheim
schafft mit der Thematisierung der Rationalisierung
die notwendigen Rahmenbedingungen für ein
richtiges oder falsches Bewusstsein. Indem
Lukács keine diesbezüglichen Rahmenbedingungen
aufstellt, verliert er nicht nur dadurch,
dass er die "Rationalitaet" des
proletarischen Klassenbewusstseins nicht
mehr hinterfragt, sondern auch dadurch, dass
er sich der Irrationalitaet des proletarischen
Klassenbewusstseins (und seines eigenen Ansatzes)
nicht bewusst wird. In diesem Sinne erweist
sich Mannheim als eine kritische Alternative
zu Lukács. Seine ganz besondere Staerke in
dieser seiner Qualitaet ist, dass seine Kritik
an wissenssoziologischer Differenziertheit
mit der Lukács'schen Konzeption ebenbürtig
ist, so dass über seine Kritik nicht gesagt
werden kann, dass er eine positivistische
oder eine naturalistische ist.
Denkpolitisch ist Karl Mannheims Konservatismus-Arbeit
durch ihre sozialontologische Fundierung
der Wissenssoziologie und der neuzeitlichen
Rationalitaet, ein Werk der Rekonstruktion,
des Wiederaufbaus. Es ist bestrebt, die Erschütterungen
des Ersten Weltkrieges und der danach folgenden
Revolutionen und Gegenrevolutionen in dem
Sinne einen "Wiederaufbau" zu erzielen,
wie im ganzen damaligen geistigen Leben dieselbe
Idee des geistigen Wiederaufbaus von den
verschiedensten avantgardistischen Strömungen
bis etwa der "neuen Sachlichkeit"
oder zum Neopositivismus des Wiener Kreises
in zahlreichen Varianten vertreten worden
ist.
Es ist eine vielsagende Tatsache, dass Karl
Mannheim nicht nur seine Konzeption in den
Kontext des Wiederaufbaus stellt, sondern
sie in diesem Zusammenhang eine gültige Aussage
vertritt. Seine Option für diesen Wiederaufbau
ist nicht der messianistische Marxismus (wie
es mit dem Lukács des Geschichte und Klassenbewusstsein
der Fall ist). Unter dem Aspekt des historischen
Schicksals der Rationalisierung ist seine
Antwort auch nicht resignativ oder verzweifelt.
Seine Option ist nüchtern und exakt. Durch
die sozialontologische Fundierung der Rationalitaet
(deren wirkliche Funktion sich auch erst
in diesem Kontext wirklich entlarvt) unterscheidet
er zwischen den "natürlichen" und
den "vermeidbaren" Grenzen der
Rationalisierung, gerade die sozialontologische
Fundierung kann hier die richtige Antwort
geben. Einerseits schaut er dem Faktum der
Existenz der residualen Irrationalismen,
die nicht mit dem Hauptstrom der Rationalitaet
"mitschwimmen" können, obwohl die
nahe Vergangenheit vor seine Augen führen
konnte, dass aus diesen Residuen auch eine
konzentrierte Attacke auf die Rationalisierung
durchaus möglich ist. Andererseits beurteilt
er diese Lage so, dass es noch durchaus möglich
ist, im Besitz dieser neuen Erkenntnisse
für Rationalisation und Modernitaet zu kaempfen.
Die Option von Mannheim ist es, dass die
Rationalitaet auch gegen das Denken des neuen
Rivalen, des Proletariats durchaus Chancen
hat, wenn man nur der wahren Natur des Denkens
und der Rationalitaet Rechnung traegt.
Über diese Option soll hier nicht gesagt
werden, welche Veraenderungen sie nach Hitlers
Machtübernahme durchgemacht hatte, was zu
einer wieder neuen Konzeption der Rationalisierung
im Umbau geführt hatte. An dieser Stelle
möchten wir die Option an ein-zwei Punkten
weiterdenken. Zunaechst empfiehlt sich eine
Verlaengerung der Mannheimschen Konzeption
der "Residualitaet" in der Richtung,
dass in den Sammelbecken der residual-irrationalen
Inhalte stets auch Elemente "hinunterfallen",
die gestern noch "rational" waren.
Dies heisst, dass die Attribute "rational"-"irrational"
auch in diesem Sinne "funktional"
sind. Eine andere Linie des Weiterdenkens
von Mannheims "Rationalismus"-Konzeption
laege in einer Analyse der Sinn-Problematik
der Rationalisierung selber. Denn die Rationalisierung
schöpft ihre Sinn-Komponenten vor allem aus
ihrem Kampf gegen die (residuale oder nicht-residuale)
Irrationalitaet, nicht so sehr aus ihren
eigenen positiven Sinn-Komponenten. Es führt
zu der sehr interessanten Fragestellung,
warum Vertreter der Rationalisierung in den
meisten Faellen nach dem Erreichen ihres
konkreten rationalisierenden Zieles in diese
oder jene Abart der residualen Irrationalismen
fallen, so dass es praktisch keine massenhafte
soziale Vertretung der Rationalisierung existiert.
Die vergangenen zweihundert Jahre liefern
das erstaunliche Ergebnis, dass reale soziale
Verfechter der Rationalisierung stets soziale
Akteure waren, die mit der Rationalisierung
"interessenmaessig" verbunden waren.
Eine naechste Möglichkeit zum Weiterdenken
der Konservativismus-Konzeption von Karl
Mannheim ergibt sich aus einer Analyse der
aktuellen Seinsgebundenheit des politischen
Denkens, denn dieser Faktor scheint im politischen
Leben oft nur sehr schwierig nachweisbar
zu sein.
ANMERKUNGEN
(1) Wir wollen selbstverstaendlich die Werte
der spaeteren fundierenden Werke Mannheims
nicht absichtlich zugunsten der Konservatismus-Arbeit
nicht herunterspielen. Die angesprochene
Differenz zwischen dieser Arbeit und den
spaeteren prinzipiellen Versuchen besteht
vor allem in dem theoretischen Ansatz. Waehrend
Mannheim in der Periode der Konservatismus-Arbeit
sich praktisch jeder theoretischen Herausforderung
öffnet, verfaehrt er spaeter viel vorsichtiger
und dies führt zu einer geringeren theoretischen
Schaerfe und einer geringeren theoretischen
Plastizitaet der Behandlung der Probleme.
(2) Dieser Aspekt ist bei jedem Vergleich
von wissenssoziologischen Konzepten relevant.
Selbst das Material ist immer anders, es
besitzt auch einen stets wechselnden theoretischen
Status.
(3) Emil Lederer erwies sich in dieser Taetigkeit
der Beförderung als sehr effektiv. Wir können
es auch nicht ganz ausschliessen, dass Alfred
Weber gewisse Einzelheiten der Heidelberger
Habilitationsgeschichte von Georg Lukács
waehrend dieses Prozesses gegenwaertig geworden
sind.
(4) Im wesentlichen wiederholt diese These
das, was in der Anmerkung 1) einmal schon
berührt worden ist. Von einer wieder anderen
Hinsicht her ist es leicht ersichtlich, dass
die Anzahl der theoretischen Entwürfe und
Fragestellungen in der Konservatismus-Arbeit
viel grösser als etwa in der Ideologie und
Utopie war.
(5) Karl Mannheim, Konservatismus. Ein Beitrag
zur Soziologie des Wissens. Herausgegeben
von David Kettler, Volker Meja und Nico Stehr.
Frankfurt am Main, 1984.
(6) So auch die Arbeiten des Verfassers dieser
Zeilen: "A konzervativizmus klasszikus
tanulmánya egykor és ma", Filozófiai
Figyelõ, 1984/2, 46-50, sowie "Der allseitig
Abwesende", Hegel-Studien, 1987/1.
(7) Kurt Lenk, Deutscher Konservatismus.
Frankfurt am Main - New York, 1989.13-15.
(8) Die Französische Revolution ist in der
Konservatismus-Arbeit permanent thematisch.
Ganz besonders motiviert dieses Element Mannheims
berühmte Differenzierung zwischen "Traditionalismus"
und "Konservatismus".
(9) Die Aufarbeitung des Komplexes des Strukturzusammenhanges
ist ein treffender Beweis für die Kreativitaet
dieses Ansatzes. Hier versucht Mannheim dasselbe
Problem zu stellen und zu lösen, welches
durch den Strukturalismus etwa 30 Jahre spaeter
als Konflikt zwischen "Struktur"
und "Geschichte" auf den bekannten
Bahnen die philosophische Diskussion beherrscht
hatte. Trotzdem ist unser Eindruck, dass
Mannheim seine Hoffnungen in Verbindung mit
dem heuristischen Möglichkeiten des Begriffs
des Strukturzusammenhanges nicht eingelöst
sah.
(10) In diesem Fall erwies sich eine selten
gelungene Modernisation als existentielles
Erlebnis, welches ja zur spaeteren Beurteilung
der Konflikte der Modernisation entscheidend
beigetragen hat. - Dieses Moment kann uns
daran erinnern, dass die Einstellung über
die Moderne sehr stark von den unmittelbarsten
persönlichen Erfahrungen bestimmt wird.
(11) Konservatismus, 73. - Einer der wichtigsten
Beweise dafür ist die These, dass selbst
in den grossen Ideologien keine politischen
Interessen, vielmehr letzte "Welten"
einander gegenüberstehen.
(12) Die ganze Sphaere der Alltaeglichkeit
erleidet dabei einen radikalen Funktionswandel.
(13) Vom Wesen der Wissenssoziologie folgt
es, dass sie selbstverstaendlich eine stete
Komponente von philosophischen Thematisierungen
von Platon bis Nietzsche ist, so dass die
vollkommen legitime Tatsache der Gründung
der Wissenssoziologie keinen Ausschliessungscharakter
für andere Konzeptionen, bzw. Denker haben
kann.
(14) Für die Kenner der Entwicklungsgeschichte
dieser Budapester Schule der Philosophie,
bzw. der Wissenssoziologie gilt in diesem
Zusammenhang als eine fundamentale Einsicht,
dass diese konkrete Weise der Ausfüllung
des sozialontologischen Raumes nicht von
Béla Zalai's Theorie über Systematisierung
herkommt. Es waere selbstverstaendlich eine
andere Angelegenheit, Béla Zalai's Theorie
der Systematisierung auf ihren sozialontologischen
Gehalt hin zu untersuchen.
(15) Karl Mannheim, Der Konservatismus. Frankfurt
am Main, 1984. 66. - Es ist sehr einleuchtend,
wie dieses Zitat auch weitergeht: Hierbei
ist sowohl für die Ideengeschichte wie für
die Wissenssoziologie das leitende Problem
herauszubekommen: wie und in welcher Gestalt
alle jene Denkmethoden, Denkstandorte, Begriffsdeutungen,
Denkkategorien zustandegekommen sind, die
den gegenwaertigen Zustand unseres Wissens
und unsere Weltanschauungstotalitaet ausmachen"
(ebenda). - Uns scheint, dass in dieser Formulierung
die reale Reihenfolge und Prioritaet der
einzelnen Fragestellungen und dementsprechend
den einzelnen philosophischen Wissenschaften
durchaus klar zum Ausdruck gebracht wird.
(16) Der Konservatismus, 68.
(17) Ebenda, 69.
(18) Ebenda, 70.
(19) Ebenda, 70-73. - Hier wird zunaechst
nach der "Struktur der modernen Welt",
in dieser Form also in expliziter Weise sozialontologisch
gefragt. Dann wird diese Struktur in der
"Prozessartigkeit" angegeben und
dann geht es um das Sich-Funktionalisieren
der Elemente des geistigen Kosmos.
(20) Ebenda, 199-200.
(21) Ebenda, 200.
(22) Ebenda.
(23) Der Konservatismus,, a.a.O. 198. - Nur
kurz können wir daran erinnern, dass diese
Auffassung der Rationalitaet eine viel günstigere
Option darstellt, als diejenige Max Webers,
die als handlungstheoretische Empfehlung
den "Sinn" der einzelnen Handlungen,
die "Sinn-Rationalitaet" in den
Mittelpunkt stellt.
(24) Ebenda, 79.
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