Die Stellung der Nietzsche-Deutung bei der Beurteilung der Rolle und des Schicksals Martin Heideggers im Dritten Reich

Die in unserem Titel aufgenommenen Perspektiven, die einerseits Martin Heideggers "Rolle" und andererseits sein "Schicksal" im Dritten Reich thematisieren wollen, spielen bewusst auf die Ambivalenz von Heideggers Attitüde. War seine "Rolle" in diesem Zeitraum die entscheidende? Spielte er eine "Rolle" in diesem Dritten Reich? Oder spielte er eine "Rolle", die sich deutlich von derjenigen abwich, die er dort wirklich spielen wollte?


Spielte er aber keine Rolle, waere sie in der Tat eher ein Schicksal gewesen, etwas, was er aehnlich wie viele anderen dort erlitt? Nun, zur Klaerung, ob er eine Rolle oder ein Schicksal im deutschen Staat Adolf Hitlers spielte, erschienen neulich viele wichtige Untersuchungen. Die Arbeiten vor allem von Farias und Hugo Ott (1) brachten eine kritische Menge wichtiger Informationen in die öffentliche Diskussion , Materialen, an denen man nicht mehr stillschweigend vorbeigehen kann. Weder Farias, noch Ott schenkten jedoch Heideggers Nietzsche-Vorlesungen bei ihrer Fragestellung grössere Aufmerksamkeit. Dies ist etwas Verstaendliches und Unverstaendliches gleichzeitig. Verstaendlich ist es aus dem Grunde, weil die philosophische Erschliessung, die "Rekonstruktion" der Heideggerschen Nietzsche-Vorlesungen bis jetzt auch in der fach-philosophischen, aber auch in der apologetischen Literatur überhaupt nicht geschah, so dass dadurch unschwer der Schein entstanden sein konnte, dass diese Nietzsche-Vorlesungen bei der Entscheidung der Frage nach Heideggers Einstellung dem Dritten Reich gegenüber nicht von Belang seien (2). Unverstaendlich ist es aber gleichzeitig, weil Heidegger selber in seiner 1961 verfassten "Vorrede" die Nietzsche-Texte als seinen "Denkweg" bezeichnet, der eindeutig wichtiger sei als was ihm vorangeht und was ihm folgte (3). Unverstaendlich ist es auch deshalb, weil Nietzsches Philosophie auf eine sehr deutliche Art das geheime Zentrum nicht nur der philosophischen, sondern der im klaren politischen Sinne genommenen "ideologischen" Diskussionen im Dritten Reich stand, so dass Heideggers schon in ihrem Umfang auffallend intensive Beschaeftigung mit Nietzsche allein aus diesem Grunde mit grosser Wahrscheinlichkeit Stellungnahmen zur politischen Realitaet dieses Reiches enthalten müsste. Nichtsdestoweniger wird diese Unverstaendlichkeit wieder "verstaendlich", wenn man an die sehr verspaetete und bis jetzt noch nicht vollstaendige Bearbeitung der nationalsozialistischen, bzw. faschistischen Nietzsche-Deutung denkt (4).

Um den adaequaten begrifflichen und historischen Rahmen zur Erschliessung von Heideggers Nietzsche-Deutungen zu bestimmen, ist es unvermeidlich, die Bedeutung der Verbindung Heideggers zu Alfred Baeumlers zu rekonstruieren. Baeumler wird somit gleich aus zwei Gründen zur Schlüsselfigur bei der Beurteilung von Heideggers Einstellung zum Dritten Reich. Der eine Grund ist die Einschaetzung der nahen persönlichen Verbindung zwischen Heidegger und Baeumler gerade in der der nationalsozialistische Machtübernahme unmittelbar vorangegangenen Zeit (5). Der zweite Grund der vorigen These stützt sich auf einen Vergleich von Bauemlers Nietzsche-Deutung mit derjenigen Heideggers. Die Interpretation Nietzsches in dieser Zeit gilt uns als der einzig mögliche und gleichzeitig "exakte" Boden, Heideggers philosophische Einstellung zum Dritten Reich auszuweisen. Die Betonung liegt in diesem Falle auf dem Wort "philosophisch". Wohl bekannt ist in dieser Phase der Diskussion über Heidegger, dass waehrend die Problematik um die Rektoratsrede mehr oder weniger als geklaert erscheint und man in dieser Angelegenheit schon auch fast über einen Konsensus reden dürfte (6), wird immer wieder gesagt, die Affaere mit dem Rektorat habe mit der philosophischen Substanz seines Werkes unmittelbar nichts zu tun.

Es ist aber auch notwendig, dass wir nach dem spezifisch Ideologischen im Dritten Reich fragen. In diesem Bereich finden wir auch die verschiedensten unterschiedlichen Stellungnahmen vor. An dem einen Extrem steht die Position, dass der Hitler-Staat keine "eigentliche" systemintegrierende Ideologie hatte, alles, was in diesem Bereich gesagt worden ist, sei letztlich so etwas wie eine sinn- und zusammenhanglose Rhetorik. Am anderen Ende der Meinungen tauchen auch Positionen auf, die schon über eine zusammenhaengende Ideologie des Dritten Reiches sprechen. Das bisher grösste Problem dabei ist, dass man diese umfassende Ideologie bis jetzt mit Begriffen beschrieb, die sich als ungenügend erwiesen, diese geistig-indoktrinaere Realitaet zu beschreiben (7). Uns ist es, dass man diese Suche nach einer umfassenden integrativ-ideologischen Konzeption nicht aufgeben darf - zumal, wie wir es zeigen werden, auch Heidegger's Philosophie im/des Nationalsozialismus mit einem solchen Konzept untrennbar verbunden ist. Karl Löwith's Zeugenschaft gab naemlich zweifelsohne eine Realitaet wieder: "Der Deutsche nimmt den Nationalsozialismus als eine Doktrin, mit der es ihm blutiger Ernst ist; die Italiener betrachtet seinen Faschismus als Mittel zum Zweck und laesst sich als Individuum durch nichts imponieren." (8).

Jenes ideologisch-quasiphilosophische Gebilde, welches in Wahrheit die Rolle dieser integrierenden und umfassenden Ideologie tatsaechlich gespielt hat, ist Alfred Baeumlers Nietzsche-Deutung. Es ist durchaus konsequent, dass Baeumlers Nietzsche-Deutung nur zur umfassenden ideologischen Doktrin des Dritten Reiches werden konnte, weil sie dieses Reich legitimieren konnte. Dieter Grimm schildert die Lage wie folgt: "Die aeltere Juristengeneration, die sich nach 1933 dem Nationalsozialismus anschloss, konnte sich den neuen Staat noch in der Endphase der Weimarer Republik nur als Rechtsstaat mit unabhaengiger Justiz vorstellen. Die jüngeren Befürworter eines totalen Staates hatten diese Position schon vorher aufgegeben. Die Begründung verdankten sie Carl Schmitt. Für ihn war das Legalitaetssystem 'in einen auffaelligen und unabweisbaren Gegensatz zu der Legalitaet eines wirklich vorhandenen, rechtmaessigen Willens' geraten...Dieser wurde aber nicht mehr auf den Weg verfassungsmaessiger Legalisierung verwiesen. Schmitt behauptete vielmehr, dass die Legalitaet als Denkform historisch an den parlamentarischen Gesetzgebungsstaat gebunden und daher mit dessen Zusammenbruch 1930 obsolet geworden sei. Der Staat war damit seiner rechtsstaatlichen Fesseln ledig..." (9). Dieses Beispiel bezieht sich auf die juristische Legitimation, es versteht sich aber von selbst, dass der Umfang der Legitimation breiter als "nur" das Feld des Rechts ist. Alfred Baeumlers Nietzsche-Deutung erfüllte die Funktion der Legitimierung des Dritten Reiches. Das Wesentliche seiner Konzeption hat naemlich einen unmittelbaren Bezug zu der so schwierigen, sogar unlösbaren Problematik der Legitimation: Gaelte es naemlich, dass der Wille zur Macht in dem von Baeumler intendierten Gehalt metaphysich, als umfassendes Seinsgesetz ist, so kann man schon konsequent sagen, dass das Dritte Reich legitim ist. Es kann aus dem Grunde so sein, weil Baeumler den Nietzsche entliehenen Begriff des Willens zur Macht praktisch auf alle Ziele und Überzeugungen der nationalsozialistischen Bewegung abstimmte. Baeumlers Nietzsche-Deutung ist aber nicht nur aus diesem inhaltlichen und systematischen, d.h. IMMANENTEN Grunde die effektivste Legitimation des Dritten Reiches. Sie ist es auch, weil ihr Autor gerade ab 1933 in der Nazi-Hierarchie eben die Position einnahm, welche ihn zur Legitimation direkt befaehigte und ermaechtigte. Baeumler war auch seiner Position nach im Dritten Reich der Mann, dessen legitimatorische Absichten mit der ganzen Autoritaet der Partei unterstützt, bzw. aber auch vervielfaeltigt worden sind. Zu diesem Komplex gehört es aber auch, dass Baeumler als Legitimateur des Dritten Reiches zumindest in philosophischen Kreisen im breiten Ausmass tatsaechlich anerkannt worden ist (10).

Erst diese dreifache Qualifizierung von Baeumlers Nietzsche-Deutung als direkte und effektive politische Legitimation des Dritten Reiches definiert jenen begrifflichen Rahmen, in welchem Heideggers Nietzsche-Deutungen, aber auch seine persönliche Beziehung zu Bauemler mit der hierzu notwendigen Adaequanz untersucht werden dürfte. Bei der Heraufbeschwörung der Zusammenarbeit, sogar Freundschaft zwischen Heidegger und Baeumler darf im Lichte dieser Fakten nicht mehr als zufaellige persönliche Beziehung angesehen werden. Hugo Ott braucht das Bild, dass Baeumler und Heidegger wie zwei Athleten am Startloch sitzen und auf einen guten Start im neuen Reich warten: "Da scharrte so mancher edler Wettkaempfer in den Startlöchern, hoffend, dem schnellsten Start zu erwischen und als erste ins Ziel zu gelangen" (11). Nun, uns scheint, es ging nicht so sehr um einzelne Athleten im Startloch als vielmehr um eine Basketballmannschaft, die es versuchten, den Ball einander in den besten Positionen weiterzuspielen. Wir können in diesem Versuch die ganze Geschichte dieser Beziehung nicht darstellen - die wesentlichen Schwerpunkte erblicken wir in dem Bruch 1934, als es Baeumler letzten Endes doch nicht gelingt, mit Heidegger das deutsche Hochschulwesen praktisch in die Hand zu nehmen und seinem Freund die führende Rolle zu überspielen.

Es könnte scheinen, dass wir nach der Beschreibung der Position von Baeumler in Hitlers Staat jetzt ohne weitere Vorbereitungen direkt zum Vergleich zwischen der Baeumlerschen und der Heideggerschen Nietzsche-Deutung übergehen könnten. Dies können wir aber doch nicht tun, und zwar aus einem Grunde, der weder rein historisch-politisch, noch rein systematisch-philosophisch ist. Dieser Grund ist primaer wissenssoziologisch und gründet sich auf eben die wissenssoziologische-ideologische Qualitaet der das Dritte Reich legitimierenden Nietzsche-Deutung Alfred Baeumlers. Baeumler inauguriert naemlich eine neue wissenssoziologische Qualitaet des Denkens, die wir POSITIVE POLITISCHE METAPHYSIK nannten (12). Die Erschliessung der Bestimmungen der positiven politischen Metaphysik macht erst unsere Darstellung vollstaendig: Baeumler schuf auf Grund Nietzsches eine positive politische Metaphysik und Heidegger bewegt sich bis 1945 im wesentlichen unter den Koordinaten dieses wissenssoziologischen Gebildes. Es geht also vor allem absolut nicht darum, dass Heidegger 'nur' Baeumlers Interpretation übernimmt und eine neue akademische Nietzsche-Deutung liefert, die derselben sehr aehnlich, stellenweise und sehr selten aber kritisch gegen dieselbe ist. Es handelt sich also nicht im wesentlichen um die Aehnlichkeit zweier philosophischer Nietzsche-Deutungen, die unter konkreten historischen Verhaeltnissen in politischen Kontext gestellt worden sind. Es geht letzten Endes darum, dass Baeumler ein neues wissenssoziologisches Gebilde errichtete, welches Heidegger auch übernahm. Dass die Legitimationsfunktion Baeumlers gerade letztlich in ihrer Verwurzelung in der positiven politischen Metaphysik besteht, versteht sich von selbst.

Die positive politische Metaphysik ist vor allem eine wissenssoziologisch klar abgrenzbare Denkweise, die die Legitimationsaufgabe des Dritten Reiches unmittelbar durchführte und dadurch zu einer bis heute nicht klar genug identifizierten welthistorischen Geltung brachte. In dieser ihrer Qualitaet galt die positive politische Metaphysik bestimmt als führende Ideologie Hitler-Deutschlands. Weitere Versuche, beispielsweise einen "Irrationalismus" für die wichtigste Denkweise zu erklaeren, wie dies Georg Lukács mit grosser Wirkung tat, können in einem Vergleich mit der positiven politischen Metaphysik unschwer falsifiziert werden.
Als erster qualifizierender Charakterzug der positiven politischen Metaphysik ist ihre Diesseitigkeit (13). Sie bedeutet, dass die Grundlage der metaphysischen Konstruktion nicht transzendent, d.h. nicht "jenseitig" ist, wie es in den meisten religiös gefaerbten Metaphysiken der Fall gewesen ist. Politisch ist sinngemaess eine positive Metaphysik, wenn die aus der Sphaere des Diesseits genommene Grundlage der metaphysische Konstruktion im breiten Sinne genommen politisch ist. Der zweite, ebenfalls qualifizierende Zug der positiven politischen Metaphysik ist, dass sie als umfassendes Seinsgesetz aufgefasst wird. Diesem Zug können wir den schicksalhaft archaischen, sogar atavistischen Charakter der positiven politischen Metaphysik schon unschwer entnehmen, ein Seinsgesetz naemlich im Kontext neuzeitlicher Rationalitaet und nachkantischen Kritizismus spricht unmittelbar für sich. Zum Teil schon aus den bisher genannten Bestimmungen, zum anderen Teil aber aus anderen determinierenden Gründen entsteht die dreifache negative Einstellung der positiven politischen Metaphysik: sie verfügt über eine deutliche Eigenschaft der Antihistorizitaet (14), der Antiwissenschaftlichkeit (15) und der Eliminierung des Politischen aus dem als Ausfluss der Seinsgesetzlichkeit der positiven politischen Metaphysik interpretierten Weltprozess (16).

Heideggers Nietzsche-Interpretationen befriedigen auch die strengsten Kriterien der so definierten positiven politischen Metaphysik. Ganz wie Baeumler interpretiert er Nietzsche als einen Philosophen des Willens zur Macht und versteht ihn als die diesseitige, positive Grundlage eines Seinsgesetzes. Er versteht den Willen zur Macht innerhalb seiner umfassenden Dimension auch politisch, d.h. führt die Ausdehnung einer positiven Metaphsyik in der Richtung der Politik in aller Klarheit durch (17). Er versteht ferner das diesseitige Prinzip des Willens zur Macht als Seinsgesetz, oder, wie er es oft formuliert, als Gesetz, "Wahrheit des Seins". Ebenso hundertprozentig befriedigen Martin Heideggers Nietzsche-Vorlesungen die erwaehnten, negativen Kriterien der positiven, politischen Metaphsyik. Der ANTIHISTORISCHE Zug kommt sehr oft zum Ausdruck, das Real-Geschehene, das Histotische büsst seine Relevanz im Vergleich zur seinsgesetzartigen Metaphysik in der Regel ein. Die Anti-Wissenschaftlichkeit der Nietzsche-Vorlesungen erscheint ebenfalls vielschichtig, am auffallendsten aber auf dem geradezu schicksalhaften Gebiet der Nietzsche-Philologie. Dass das Terrain der Politik in dem des Metaphysischen in diesen Texten voll und ganz aufgeht, versteht sich schon wie von selbst.
Auf merkwürdige Art zeigt Jean Wahl eine erstaunliche Sensibilitaet für die tiefe Konnexion der metaphyischen und der politischen Einstellung im Dritten Reich: "Der (Heideggers Germanismus - E.K.) liess ihn glauben, letzten Endes hinge alles vom metaphyisch ausgezeichneten Volk ab, das gleichzeitig das Volk in Europas Mitte ist..." (18) Trotz den terminologischen Schwankungen halten wir diese Einsicht Wahls für theoretisch wertvoll, unsere Frage bleibt aber, warum dieser Autor so eine Metaphysik eines Volkes philosophisch als so 'problemlos' ansehen kann, dass er diese "Fragen beiseite lassen" will (19)?

Mit der Einführung, bzw. Klaerung des Begriffes der positiven politischen Metaphysik können wir schon unsere bisherigen Thesen zusammenfassen:

1. Alfred Baeumlers Nietzsche Deutung formuliert eine Konzeption des Willens zur Macht als Seinsgesetzes, welche sich als die wahre politische Legitimationsideologie des Dritten Reiches erwies (20);
2. diese Konzeption darf nicht als eine 'einfache' akademisch-philosophische Interpretation aufgefasst werden, in ihr artikulierte sich eine wissenssoziologisch klar definierbare Denkweise, die der positiven politischen Metaphysik;
3. Martin Heidegger stand Anfang der dreissiger Jahre in freundschaftlicher Beziehung zu Alfred Bauemler und sie erwies sich auch als entscheidend in der ersten Phase der Hitler-Diktatur;
4. Martin Heideggers Nietzsche-Vorlesungen, die er 1961 als seinen wahren "Denkweg" in
dieser Zeit apostrophierte, steht grundsaetzlich im Paradigma der Baeumlerschen Konzeption des Willens zur Macht als Seinsgesetzes.

Unsere letzte These richtet sich schon auf "rein" philosophische Inhalte. Die Frage, wo das national-sozialistische Engagement in der Philosophie Heideggers auszuweisen ist, beantwortet sich von selbst. Die Auffassung eines metaphysischen Prinzips des Willens zur Macht als Seinsgesetzes ist an sich freilich kein Nazionalsozialismus. Sie kann entweder als eine archaische, prae-kritische und in dieser ihrer Qualitaet gewissermassen schon ab ovo "gefaehrliche" Konzeption oder andererseits historisch-philologisch als eine falsche Nietzsche-Auslegung angesehen werden. Bedenkt man aber, dass diese Konzeption von dem damals führenden Ideologien des Dritten Reiches kommt (21), als solche auch sanktioniert wird, sowie dass diese Konzeption den wahren legitimierenden Gedanken dem Dritten Reich liefert, so veraendert sich auch die Beurteilung dessen, wie Heideggers Nietzsche-Auslegung als Metaphysik des Willens zur Macht als Seinsgesetzes beurteilt werden muss. So tun, als ob diese Interpretation durch Zufall in Baeumlers Naehe (sowohl "persönlich", wie auch als Legitimation) gekommen waere, ist eine Naivitaet, die nicht in die Wissenschaft, aber auch nicht in die Moral gehört - in die Moral der Wissenschaft aber doppelt nicht (22).

Heideggers Nietzsche-Deutung steht - wie angedeutet - bis zum Ende des Dritten Reiches im Banne der Baeumlerschen Ansaetze. Dies haben wir mit allem Nachdruck auch als unsere These formuliert. Damit wollen wir aber nicht sagen, dass es auch nicht mehrere, zumeist geringfügige Modifizierungen INNERHALB dieses Paradigmas aufgetreten waeren. Die Bearbeitung dieser Modifizierungen ergibt dann letzten Endes den Spiegel der Veraenderungen in Heideggers Philosophie und Weltsicht in dem besagten Zeitraum.

Die 1935 geschriebene "Einführung in die Metaphysik" widerspricht gleich der Theorie, Heidegger haette sich nach 1933-34 nach der Einsicht in die Irrtümlichkeit der Rektorats-Episode ins Terrain der reinen Philosophie zurückgezogen. Er sucht hier gerade nachzuweisen, dass 'das "Schicksal eines Volkes" ohne Philosophie kaum zu meistern sei. Die erhebliche, Nietzsche betreffende philosophische Bedeutung dieser Arbeit laesst sich wieder nur ins Baeumlersche Paradigma stellen: Er schwört die antimetaphysische Dimension des jungen Nietzsche herauf (vor allem auf Grund des "Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne"), um, trivial gesagt, gegen die antimetaphysische Einstellung Nietzsches selber die metaphysische Einstellung der positiven politischen Metaphysik in Anspruch zu nehmen (23).

Die Nietzsche-Vorlesungen aus den Jahren 1936 und 1937 bleiben auch innerhalb des Paradigmas des Willens zur Macht als Seinsgesetz. Diese Jahre zeigen aber auch revoltierende Züge gegen Baeumler. So einer ist Heideggers Betonung der Ewigen Wiederkehr, die bei Baeumler weitgehend unterschaetzt ist, ein anderer solcher Zug besteht in der Thematisierung der Aesthetik innerhalb Nietzsches Philosophie. Diese beiden Momente lassen sich in der Tat als gewisse explizite Entfernung von Baeumler deuten, wiewohl über die Sprengung des metaphysischen Paradigmas doch überhaupt nicht die Rede sein kann. Ein Beispiel für die letztere These ist, dass die neu eingeführte Ewige Wiederkehr ebenfalls deutliche metaphysische, d.h. seinsgesetzliche Züge annimmt, so dass für Heidegger das neue Problem entsteht, die Beziehung dieser beiden Arten der Metaphysik zu bestimmen (24). Heidegger geht dabei so weit, Baeumler wegen dieser mit der Politik identifizierten Metaphysik (was von dieser Seite aus gesehen identisch mit unserem Begriff der positiven politischen Metaphysik ist) offen anzuklagen (25). Dies alles bedeutet aber nicht - und das betonen wir auch für diese Jahre der Revolte gegen Baeumler, dass er über das Paradigma selber hinausgegangen waere.

1939 dominiert wieder der Wille zur Macht als Seinsgesetz in Heideggers Nietzsche - Vorlesungen. Dies bedeutet eine deutliche Rückkehr zu den Positionen der Jahre 1933 - 1935, gleichzeitig das Zurückgehen der Bedeutung des Gedankens der ewigen Wiederkunft. Sie wird sehr deutlich wieder von der aeusseren Geschichte bewirkt. Die Einsicht in diesen Gedanken soll "künftige Entscheidungen" bestimmen (26), der Gedanke des Willens zur Macht wird als "der einzige Gedanke" Nietzsches genannt (27). In diesem Jahr identifiziert er die Akzeptierung des Gedankens des Willens zur Macht mit derselben des Weltkrieges und betont, dass die "Geschichte über das Seiende" entscheidet' (28). Nicht nur aus persönlichen, sondern auch tieferen strukturellen und philosophischen Gründen muss Heidegger in seinem Verharren im Baeumlerschen Paradigma immer wieder zur Legitimation des Bestehenden, diesmal sogar zu der des Krieges kommen. Zwar auf den ersten Augenblick gewiss mit hermeneutischen Schwierigkeiten, so doch ganz klar identifiziert Heidegger die "Gerechtigkeit" mit dem Willen zur Macht als Seinsgesetz, was sofort aus zwei Gründen aeusserst charakteristisch ist. Einerseits ist es so, dass die Identifizierung des Willens zur Macht als Seinsgesetzes mit der Gerechtigkeit praktisch den konkreten Gehalt des Willens zur Macht vollkommen bejaht, im Klartext die Realitaet im Dritten Reich ist "gerecht". Andererseits gewinnt diese Aeusserung noch eine zusaetzliche Aktualitaet: Mit dem Anfang des Weltkrieges sagt Heidegger damit auch, der Weltkrieg als Manifestierung des metaphysischen Prinzips wird sich als "gerecht" erweisen, den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als den Krieg mitzumachen und so durch ihre Aktivitaet das Seinsgesetz walten zu lassen. Der angesprochene Text lautet so: "Die Gerechtigkeit ist es, worein sich das auf sich selbst stellende Leben gründet. Das Für-wahr-halten empfaengt Gesetz und Regel aus der GERECHTIGKEIT. Sie ist der Wesensgrund der Wahrheit und der Erkenntnis, ist es freilich nur, wenn wie 'die Gerechtigkeit' im Sinne Nietzsches metaphysisch denken und zu begreifen suchen, inwiefern sie die Seinsverfassung des Lebendigen, d.h. des Seienden im Ganzen meint." (29).

In den Nietzsche-Vorlesungen des Jahres 1940 erscheint als das vielleicht wichtigste Element der "Nihilismus". Dieser Nihilismus erscheint vom Komplex der politischen positiven Metaphysik verhaeltnismaessig unabhaengig und will eine Haltung begründen, die den als metaphysisch gedeuteten Krieg zu ertragen hilft. Der Krieg ist freilich noch metaphysisch, diese Einsicht ist notwendig, um ihn bewusst zu führen. Die Metaphysik legitimiert wieder das Bestehende, die Zielsetzung einer bewussten Kriegsführung verraet wieder den sich mit seinem Regime identifizierenden Philosophen: "Nur wenn das beginnende Zeitalter ohne Vorbehalt und ohne Verschleierung auf diesen Grund (die philosoohische Grundlehre der Metaphysik - E.K.) zu stehen kommt, vermag es den 'Kampf um die Erdherrschaft' aus jener BEWUSSTHEIT zu führen, die dem Sein entspricht, das dieses Zeitalter traegt und durchwaltet." (30) Die Einsicht in diese metaphysische Wirklichkeit des Krieges induziert ihrerseits den vorhin schon erwaehnten dezisionistisch gefaerbten Nihilismus, weil der Kriegsführende an keine obersten Werte mehr glaubt. Dieses Moment scheint im ersten Augenblick sehr nüchtern und objektiv zu sein - dieser Krieg vertritt keine Ziele der menschlichen Gattung und kann mit oberster Wertsetzung kaum in Verbindung gebracht werden. In Wahrheit ist diese Einsicht in die "Wertlosigkeit" des Krieges rüstet die Hörer aus, diesen Krieg TROTZDEM mitzumachen, da er eben metaphysisch ist, daher die Notwendigkeit des dezisionistischen Charakters: "Der Kampf um die Weltherrschaft und die Ausgestaltung der ihn tragenden Metaphysik bringen ein Weltalter der Erde und der geschichtlichen Menschentums zur Vollendung; denn hier verwirklichen sich aeusserste Möglichkeiten der Weltbeherrschung und des Versuches, den der Mensch unternimmt, rein aus sich über sein Wesen zu entscheiden." (31). Man muss also "rein aus sich selbst über sein Wesen entscheiden", mit anderen Worten, die "aeussersten Möglichkeit der Weltbeherrschung" auch ohne eigene gültige Wertvorstellungen zu erkaempfen. Wieder mit anderen Worten: Man muss für die Weltherrschaft kaempfen, auch wenn man mit diesem Kampf keine positiven Wertvorstellungen verbinden kann (deshalb geht es um "Nihilismus"), weil dieser Kampf vom Willen zur Macht als Seinsgesetz bestimmt ist. Diese Auesserung - und sie ist nur ein einziges Beispiel - als Zeichen eines "inneren Widerstandes und innerlicher Revolte" gegen das Dritte Reich zu interpretieren, waere gewiss forciert. Ebenfalls 1940 ist das Jahr, als Heidegger selbst seinen Wahrheitsbegriff der alethea veraendert, und zwar zugusten einer Erhaertung des Gedankens des Willens zur Macht (32). Wir wollen hier dieses Moment nicht weiter erörtern, als Symptom ist es aber eine weitere Bestaetigung der Rückkehr Heideggers zu den Positionen der Jahre 1933-1935.

1941 erscheinen in den Nietzsche-Vorlesungen neue Akzente der Existenzialontologie, selbst der Termin "Existenz" ist in diesem Kontext neu (33), es tauchen auch christliche Momente auf, das Seinsgesetz nimmt christliche Züge an. Dieses Jahr markiert wieder Heideggers Loslösung von einem staerkeren Programm des Willens zur Macht als Seinsgesetzes, welches immer als Indiz seiner Identifizierung mit dem Dritten Reich, bzw. dessen Zielen aufgefasst werden durfte.
1944-46 aendert sich das Bild wieder. Aus dem vom Weltkrieg herausgeforderten Nihilismus wird einer der zweitausendjaehrigen abendlaendischen Philosophie, Probleme wie Sprache und Technik erscheinen als zentrale Momente an Stelle der positiven politischen Metaphysik des Willens zur Macht als Seinsgesetz. Der Bezugsrahmen des Willens zur Macht als Seinsgesetz war früher selbstverstaendlich Deutschland und das Dritte Reich - Heideggers Wendung zum Abendlaendischen ist sonach ein allzu sichtbares Zeichen seiner neuen Situation. Ferner wird der Wille zur Macht kein Seinsgesetz, welches sozusagen "wertlos" und objektiv arbeitet und so gegebenenfalls auch durch den Nihilismus führt - jetzt erscheint das Sein im wesentlichen als Wertkategorie und der gelegentliche Mangel des Wertes erzeugt Nihilismus. Das Sein wird unter Wertkategorien gestellt - gerade 1944-46! Man könnte dazu hinzufügen: Die Welt wird bei ihm WIEDER unter Wertkategorien gestellt. Verwendet man die Modifizierung dieser Philosopheme an die noch durchaus nahe Vergangenheit, so ist der grundsaetzliche Wandel in Heideggers Sicht wieder sichtbar. Dass aber dieser Wandel spontan sich einsetzte und mit der militaerischen Niederlage des Dritten Reiches nichts zu tun haette, können wir uns sehr schwer vorstellen. Die Wirklichkeit des Dritten Reiches wird nicht mehr als Ausfluss eines Willens zur Macht als Seinsgesetzes aufgefasst, sondern Konsequenz einer zweitausendjaehrigen Geschichte des Abendlandes. Die Metaphysik wechselt ihre Basis, sie wird "abendlaendisch": "Das abendlaendische Menschentum wird...allen seinen Verhaeltnissen zum Seienden, d.h. auch zu sich selbst...von der Metaphysik getragen und geleitet. Man weiss nicht, was in der Gleichsetzung von Metaphsyik und Nihilismus grösser ist, die Willkür oder der Grad der Aburteilung unserer ganzen bisherigen Geschichte." (34) Ein weiteres Zeichen dieser Wendung ist ohne Zweifel auch, dass Heidegger in diesen Jahren oft in expliziter Weise versucht, Elemente der Nietzsche-Interpretation mit seinem Hauptwerk "Sein und Zeit" in Verbindung zu bringen, um auf solche Art eben die Kontinuitaet seines Denkweges zu demonstrieren.

In der Einleitung sprachen wir über die "Rolle" und über das "Schicksal" Martin Heideggers im Dritten Reich. Anfangs hatte er eine grosse Rolle gespielt, er sehnte sich aber nach noch grösseren Rollen. Dies hat er auf die Inhalte und die Strukturen der positiven politischen Metaphysik aufgebaut. Spaeter hatte er nicht so sehr eine "Rolle" - er hatte sein "Schicksal" im Dritten Reich, er trennte sich aber auch in diesem Schicksal nicht endgültig von der Metaphysik des Willens zur Macht als positiver politischer Metaphysik.


Anmerkungen:

(1) Das neueste Werk ist Hugo Ott, Martin Heidegger. Unterwegs zu einer Biographie. 1989.
(2) Generell laesst sich bis heute aussagen, dass weder die Heideggerschen Nietzsche-Deutungen, noch ihre wesentlichsten philosophischen Schwerpunkte oder gar deren Einbettung in die Zeitgeschichte in der Forschung adaequat zum Thema geworden sind. Mit grosser Verallgemeinerung bedeutet es etwa, dass in den leitenden Paradigmen nach "Sein und Zeit" unmittelbar und plötzlich die Sprache und die Technik, die zweitausendjaehrige abendlaendische Zivilisation und die planetarische Problematik folgt.
(3) "Die Veröffentlichung möhte, als Ganzes nachgedacht, zugleich einen Blick auf den Denkweg verschaffen, den ich seit 1930 bis zum 'Brief über den Humanismus' (1947) gegangen bin." S. Die "Einleitung" aus dem Jahre 1961, in: Martin Heidegger, Nietzsche. Pfullingen, 196l. Band I. . S. 5. - An diesem Zeitpunkt betont Heidegger die Bedeutung der Nietzsche-Vorlesungen so sehr, dass er diejenigen anderen Vortraege und Texte den Titeln nach anführt, die die Bedeutung der Nietzsche-Vorlesungen NICHT erreichen.
(4) Es geht dabei einerseits um den Stand der Nietzsche-Forschung überhaupt, welche trotz ihrer enorm vielen Einzelergebnissen für die breitere geistige Öffentlichkeit kein leicht verfolgbares Gesamtbild über Nietzsches Philosophie bietet, was mit Selbstverstaendlichkeit nach sich zieht, dass diese Öffentlichkeit sich in aeusserst schwieriger Lage sehen muss, über die Berechtigung oder Nicht-Berechtigung des gegen Nietzsche aufgebrachten Faschismus-Verdachtes Stellung zu nehmen. Andererseits produzierte die Nietzsche-Forschung bis jetzt auch noch nicht genügende Arbeiten, um den politischen Missbrauch Nietzsches allseitig aufzuzeigen. Die Auffassung dieser Arbeit gründet sich auf unsere Arbeit "Nietzsche, Baeumler oder die Möglichkeit einer positiven politischen Metaphysik", Annales Universitatis Scientiarum Budapestiensis de Rolando Eötvös. Sectio Philosophica et Sociologica. Tomus XVI. Budapest, 1982, 157-175.
(5) Ich berufe mich dabei auf Otts Werke, auf mündliche Aeusserungen von Forschern wie Otto Pöggeler, insbesondere aber auf Mitteilungen und Dokumente von Detlef Piecha (Hagen).
(6) Heute gibt es kaum wissenschaftliche Stimmen mehr, die die sog. Rektoratsrede, sowie die damit verbundenen politischen und wissenschaftspolitischen Ansprüche Heideggers nicht als Identifizierung mit dem Dritten Reich ansehen würden. Fraglich blieb aber weiterhin, wie lange dieses Engagement dauerte und noch staerker, ob dieses Engagement philosophische Konsequenzen haette und wenn ja, welche. Unser Versuch, Heideggers Nietzsche-Deutungen in diesem Zusammenhang anzuklopfen, versteht sich als ein Schritt, diese beiden letzteren Fragen zu lösen. Weder Heideggers tatsaechlich schwierige philosophische Problematik und Sprache, noch sein bewusstes Verhalten, die diesbezüglichen Spuren zu verwischen, erleichtern jedoch diese Arbeit.
(7) Wir denken vor allem an Georg Lukács' "Die Zerstörung der Vernunft", bzw. an dessen Irrationalismus-Begriff, den wir als gaenzlich ungeeignet ansehen, diese offiziell-ideologische Realitaet zu begreifen. Darüber am ausführlichsten s. Endre Kiss, "A pozitiv politikai metafizika rekonstrukciója", in: VALÓSÁG, 1989/6. 28-39.
(8) Karl Löwith, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht. Stuttgart, 1986. S.82.
(9) Dieter Grimm, " Die 'Neue Rechtswissenschaft'. Über Funktion und Formation nationalsozialistischer Jurisprudenz". in: Wissenschaft im Dritten Reich. Herausgegeben von Peter Lundgren. Frankfurt am Main, 1985. S. 47.
(10) Wir gründen diese Feststellung auf unsere breit gestreute Lektüre der philosophischen, aber auch der paedagogischen und ideologischen Literatur des Dritten Reiches. Baeumlers Sprache der positiven politischen Metaphysik ist in diesem Material nicht nur weitgehend verwendet und in Anspruch genommen, sondern auch bis zum Ende der Periode auch statistisch weit über jeder anderen möglichen Version nationalsozialistischer Ideologienbildung.
(11) Hugo Ott, Martin Heidegger. Unterwegs zur Biographie, 140.
(12) Frühere Arbeiten des Verf. über die positive politische Metaphysik: "Positive politische Metaphsyik als Grundstruktur faschistischen Denkens", in: Traditionen und Traditionssuche des deutschen Faschismus. Halle/Saale, 1987, "Zum Begriff der positiven politischen Metaphysik", in: Recht - Politik - Geschichte. Wien, 1988 sowie "Im Schnittpunkt von Sozialphilosophie und Sozialpsychologie. István Bibó's Beitrag zur Theorie über den Faschismus", in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Vol. 1988 LXXIV/Heft 1., 1 Quartal, 73-82.
(13) Es ist eine Tatsache von grosser Tragweite, dass der bisher immer "jenseitige", transzendente Gehalt der Metaphysik "diesseitig" wird, was soviel bedeutet, dass jeder politische, soziale Gehalt als metaphyisches Prinzip aufgefasst und angesehen werden kann. So kam es schon früher in bestimmten Sphaeren der Gesellschaft zu einer Metaphysik des "Blutes", der "Rasse", des "Führers" etc. Waehle man den Inhalt, den man eben will, die Kriterien der positiven politischen Metaphysik können auch erfüllt werden.
(14) Nicht aus der Geschichte wird Metaphysik in diesen Nietzsche-Vorlesungen, sondern die Geschichte kann nur optimal werden, wenn sie richtig, d.h. im Zeichen der Metaphysik verstanden und praktisch gestaltet wird (das folgende Beispiel beweist unter anderen auch noch, dass Heidegger sich auch noch 1940 offen mit den nazistischen Kriegszielen identifizierte): "Nur wenn das beginnende Zeitalter ohne Vorbehalt und ohne Verschleierung auf diesen Grund zu stehen kommt, vermag es den 'Kampf um die Erdherrschaft' aus jener höchsten BEWUSSTHEIT zu führen, die dem Sein entspricht, das dieses Zeitalter traegt und durchwaltet." (II, 26l.) - Selbst Jean Wahl, der Verteidiger Heideggers bemerkt diese Eigenschaft seiner Philosophie: "Heideggers Auffassung unterscheidet sich betraechtlich von der Hegels, denn für ihn gibt es nicht Fortschritt, nicht Verfall...' ("L'idée d' étre chez Heidegger", 1951. S. 78.). -
(15) Sei hier die antiwissenschaftliche Tendenz der positiven politischen Metaphsyik am Nietzsche-Philologen Martin Heidegger exemplifiziert! 1936-1937 zieht er beispielsweise den simplen Sinn einer historisch-kritischen Nietzsche-Ausgabe in Zweifel: "Diese historisch-kritische Gesamtausgabe, die jetzt begonnen ist, bleibt in ihrer Anlage zweideutig: 1. Als historisch-kritische Gesamtausgabe, die alles und jedes Auffindbare bringt und vom Grundsatz der Vollstaendigkeit geleitet ist, gehört sie in die Reihe der Unternehmungen des 19. Jahrhunderts. 2. In der Art der biographisch-psychologischen Erlaeuterung und der gleichfalls vollstaendigen Aufspüren aller 'Daten' über das 'Leben' Nietzsches und die Meinungen seiner Zeitgenossen dazu, ist sie eine Ausgeburt der psychologisch-biologischen Sucht unserer Zeit." (I. 18.) - Man braucht dazu gewiss kein Nietzsche-Forscher zu werden, um hinter diesen scheinbar prinzipiellen Einwaenden die generelle Anti-Wissenschaftlichkeit Heideggers zu entdecken: Einerseits geht es um ein Lebenswerk, welches bis Heideggers Zeit nur in bruchstückhafter und gefaelschter Form da war, so dass eine historisch-kritische Gesamtausgabe in diesem Fall eine primaere und gleichzeitig triviale Forderung sein musste. Andererseits sollte allein schon wegen Nietzsches mehrfachen Krankheiten eine nicht einseitige biographisch-psychologische Annaeherung ebenfalls eine Selbstverstaendlichkeit sein.- Gleichzeitig tritt Heidegger gegen die interpretatorische Bedeutung des Nachlasses auf (I,18.), aus Nietzsches "fröhlicher" Wissenschaft laesst er in seiner Analyse die "Wissenschaft" völlig verschwinden und aus dem "Fröhlichsein" wird bei ihm der Satz "incipit tragoedia"! - Ebenfalls offen antiwissenschaftlich ist sein folgender Satz: "Wer Nietzsche ist, erfahren wir niemals durch einen historischen Bericht über seine Lebensgeschichte, auch nicht durch eine Darstellung des Inhaltes seiner Schriften." (I. 473). - Vergegenwaertigen wir es: Es handelt sich doch um einen Philosophen, den man bis Martin Heidegger fast nur gefaelscht und missdeutet hatte. Eine Konsequenz dieser Stellungnahme ist beispielsweise, dass selbst Nietzsches Krankheit eine zufaellige und der ernsthaften Forschung unwürdige Angelegenheit ist (I. 473.). Ist es aber so, dann werden auch die Verfaelschungen der Wahnsinnstexte von ihm direkt legitimiert!
(16) Wieder ein Beispiel aus dem Umkreis Heideggers nehmend, ist leicht einzusehen, dass in den Nietzsche-Vorlesungen über Politik eigentlich überhaupt nicht die Rede ist. Vom "Führer" bis zum "Kampf um die Erdherrschaft" erscheinen politische Fragen ohne Ausnahme als metaphysisch.
(17) Die Auffassung des Willens zur Macht als Seinsgesetz bleibt trotz allen eher geringen Verschiebungen und Modifizierungen der Vorlesungen unveraendert. Als jedoch Heidegger SPAETER schreibt: "Diese Wirklichkeit des Willens zur Macht laesst sich im Sinne Nietzsches auch aussagen durch den Satz: 'Gott ist todt'", veraendert er drastisch und gewiss ganz bewusst seine ursprüngliche Intention (der politischen positiven Metaphysik) - was jedoch überhaupt nicht als Einzelfall gedacht werden kann. Das ist wieder sehr charakteristisch, wie Heidegger aus diesem - wie gesagt - die ursprüngliche Realitaet auf den Kopf stellenden Satz sofort ihn entlastende Konsequenzen zieht. (Das Rektorat 1933/34. Tatsachen und Gedanken. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main. 25.) - Ein aehnliches Beispiel, in dem man auch Heideggers brillante und unausrechenbare Selbstverteidigungsstrategie zu studieren waere, ist, dass er die Einwaende des Ministers Wacker ausführt, die besagen würden, dass man schon aus der Rektoratsrede "Oppositon herausspürte". Einer dieser Einwaende thematisierte, dass die Rede nicht "auf dem Rassegedanken aufgebaut" worden waere. Hier treibt Heidegger ein mutiges und grosszügiges (moralisch aber keineswegs unangefochtenes) Spiel damit, dass Minister Wacker ihn wegen der EINEN Art der politischen Metaphysik (der Rasse) zur Rechenschaft gezogen hat, waehrend er in seiner Rektoratsrede eine ANDERE umfassendere Art der positiven politischen Metaphysik in Anspruch nahm (die politische Metaphysik des Willens zur Macht als Seinsgesetzes). Dieses Beispiel zeigt auch die zaehe und entschlossene Art, wie sich Heidegger meistens am liebsten in den Kreisen der höheren Philosophie verbleibend zu verteidigen wusste, es zeigt aber vielleicht auch die Notwendigkeit der Einführung des Begriffs der positiven politischen Metaphysik in diese Diskussion. Sucht man naemlich immer nur den konkreten Gehalt einer positiven Metaphysik (wie beispielsweise Blut, Rasse usw.), wird es möglich sein, dass mangels solcher konkreter Elemente man die umfassenderen und abstrakteren Arten der positiven Metaphysik überhaupt nicht wahrnimmt und dadurch an der historischen und theoretischen Realitaet mit dem besten Gewissen vorbeigeht.
(18) Jean Wahl, Critique. April 1956, Paris, S. 354.
(19) Ebenda.
(20) Dies gilt mit der Ergaenzung, dass die von Baeumler inaugurierte positive politische Metaphysik sich als faehig erwies, saemtliche andere Arten der politischen positiven Metaphysik als Sammelbecken aufzunehmen. So konnte man innerhalb dieses Paradigmas bald von der Metaphysik des Führers, bald des Blutes, bald der Rasse und so weiter reden, was auch eine gewisse ideologische Elastizitaet ermöglichte.
(21) In anderen Arbeiten zeichneten wir die Hauptlinie der nationalsozialistischen Nietzsche-Rezeption nach, so dass wir beispielsweise über Haertle's gegen Baeumler gerichtete Nietzsche-Buch gut unterrichtet sind. Nichtsdestoweniger halten wir die These aufrecht, dass es letzten Endes doch Baeumler es war, der sich insbesondere in der ersten Haelfte dieses Staates ideologisch als bestimmend erwies.
(22) Damit wollten wir darauf hinweisen, dass oft immer noch die sich moralisch rechtfertigen müssen, die kritisch zum Heidegger dieser Epoche verhalten und nicht die, die affirmativ zu diesem Problem stehen.
(23) Eine solche Darstellung des jungen Nietzsche verraet aufs deutlichste, dass Heidegger um das entscheidende anti-metaphysische Potential Nietzsches durchaus gründlich weiss, um einen Nietzsche, der in seinen Nietzsche-Vorlesungen im Dritten Reich überhaupt nicht in Erscheinung kommt.
(24) "Die Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen gehört mit der Lehre vom Willen zur Macht aufs innigste zusammen. Das Einheitliche dieser Lehre sieht sich selbst geschichtlich als Umwertung aller bisherigen Werte." (Martin Heidegger, Nietzsche. Pfullingen, 1961. Band I, 26.)
(25) Nietzsche, I. 30.
(26) Nietzsche, I. 475.
(27) Nietzsche, I. 477.
(28) Ebenda, I. 477.
(29) Nietzsche, I. 643.
(30) Nietzsche, II.261.
(31) Ebenda.
(32) "Wahrheit wird zur Gerechtigkeit im Sinne der befehlshaften Einschmelzung des Sichbefehlenden in den Drang seiner Überhöhung...Das anfaengliche Wesen der Wahrheit ist in einer Weise verwandelt, dass die Verwandlung einer Wesensbeseitigung...gleichkommt.' (Nietzsche, II. 19.).
(33) Nietzsche, II. 399.
(34) Ein Beispiel: Nietzsche, II. 260.




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