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A)Die Grundprinzipien des Alltagsbewusstseins
1. DAS PRINZIP DER NATÜRLICHEN ANTHROPOMORPHISIERUNG
Die zentrale Operation der natürlichen Anthropomorphisierung
ist die ANALOGIE, wodurch bisher unbekannte
Phaenomene auf schon Bekanntes zurückgeführt
werden kann. Die Staerke dieses permanenten
analogisierenden Verfahrens selbst noch im
modernen Alltagsbewusstsein laesst auf die
entwicklungsgeschichtliche Bedeutung desselben
deutlich genug erinnern. Als eine Bauerin
in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts
darüber nachdenkt, wie die 'Grundstücke'
auf dem Mond verteilt wird, führt sie nur
Operationen durch, die auch die ganze Menschheitsgeschichte
beherrschten. Da die in ihren Einzelheiten
noch nicht bekannten Gegenstaende für das
Alltagsbewusstsein immer überwiegen werden
und das Alltagsbewusstsein für das überwiegende
Grossteil dieser Gegenstaendlichkeit keine
genügenden Studien und keine genügende Zeit
aufbringen kann, bleibt die Bedeutung des
Analogisierens für das Alltagsbewusstsein
unveraenderbar.
2. DAS PRINZIP DES SPONTANEN MATERIALISMUS
Der spontane Materialismus, der auch als
'spontaner Empirismus' bezeichnet werden
kann, gilt als UMFASSENDE Bestimmung des
Alltagsbewusstseins. Zuletzt wurde diese
Kategorie in Georg Lukács' AESTHETIK artikuliert,
wo sie in der 'Einleitung', etwas untergeordnet,
als führende Bezeichnung dazu gedient hat,
die Objektivationen der Wissenschaft und
der Kunst von den Strukturen des Alltags
begründungsmaessig abzugrenzen. Die Grenzen
des spontanen Materialismus sind diejenigen
des Alltagsbewusstseins. Wo diese Haltung
transzendiert, bzw. verlassen wird, wird
auch der Bereich des Alltagsbewusstseins
verlassen. In diesem Sinne ist es, dass ideenmaessig
nicht-materialistische Positionen ebenfalls
als spontaner Materialismus auftreten können.
Das Wesentliche des spontanen Empirismus
besteht darin, dass bei der Bewaeltigung
der Alltagsproblematik die zu lösenden Aufgaben
vor allem KONKRETER, MATERIELLER Natur sind
und in dieser primaeren Sphaere der 'Sorge'
traditionell ideelle Faktoren gewöhnlich
keine unmittelbare Rolle spielen. Der Kern
des spontanen Materialismus besteht in der
These, wonach sich selbst der extremste Berkeley-Anhaenger
mit Notwendigkeit als 'spontaner Empirist'
erweist, wenn er über die Strasse geht. Seine
Annahme, dass das sich auf der Strasse ihm
heranbewegende Auto vielleicht doch 'nicht
existiert', weil es von rein geistiger Natur
ist, gilt in diesem Kontext des Alltags als
nichtig.
3. DAS GROSSVATER-PRINZIP
Die historische Erinnerung des Alltagsbewusstseins
reicht etwa auf zwei Generationen zurückreicht.
Diese Annahme laesst sich sowohl auf empirische
Untersuchungen, wie auch auf eine grosse
Anzahl von Erfahrungen gründen. Es ist durchaus
wahrscheinlich, dass die Geltung dieses Prinzips
auf tatsaechliche, konkrete Interpresonalitaet,
bzw. Kommunikation zurückgeführt werden kann.
Die Tatsache, dass das Alltagsbewusstsein
in allen vierzig Jahren etwa seine eigene
Geschichte vergisst, gibt Material auch zum
weiteren Nachdenken. Dies begründet die Verantwortung
von Institutionen, die sich professionell
mit der Bearbeitung von historischen Materialien
beschaeftigen, sei es wissenschaftlich, künstlerisch
oder publizistisch.
4. DAS PRINZIP DER MONOKAUSALITAET
Das Alltagsbewusstsein lebt in einem Universum,
welches von umfassender Kausalitaet beherrscht
wird. Von der Kausalitaet von magischen Weltbildern
bis zu derjenigen der Religion und der Wissenschaft
bleibt dieses Prinzip erstaunlich unveraendert.
Die führende Eigenschaft des modernen Alltagsbewusstseins
ist die situationsabhaengige MONOKAUSALITAET.
Das moderne Alltagsbewusstsein ist sich zwar
des gleichzeitigen Funktionierens von mehreren
Kausalreihen bewusst, neigt es trotzdem zu
einer monokausalen Bearbeitung der sich stets
erneuernden Frage: 'Warum ist es geschehen?'
Die Tendenz des Alltagsbewusstseins zur Monokausalitaet
manifestiert sich so, dass eine monokausale
Erklaerung 'psychologischer', 'soziologischer'
oder 'philosophischer' Art dabei einzeln
vorherrscht. Es geschah so, WEIL 'die Menschen
so sind', so könnte die Devise der PSYCHOLOGISCHEN
Monokausalitaet in der allersimpelsten Form
lauten. Es geschah so, WEIL 'die soziale
Stellung dieser oder jener Menschen' so ist,
so würde die SOZIOLOGISCHE Monokausalitaet
lauten und letztlich geschah es so, WEIL
die 'philosophischen (eventuell die metaphysichen
oder moralischen) Bestimmungen dieses oder
jenes oder DES Menschen' so sind, so würde
die PHILOSOPHISCHE Monokausalitaet lauten.
Das Prinzip der Monokausalitaet bestimmt
nicht generell die Taetigkeit des Alltagsbewusstseins,
seine Wichtigkeit besteht vielmehr in der
ERKLAERUNG von den Phaenomenen der Lebenswelt.
Das Alltagsbewusstsein geraet immer wieder
in die Situation der Erklaerung des Geschehenen,
in seiner Monokausalitaet ist gewiss auch
ein Stück Denkökonomie. Diese Typen der Monokausalitaet
differenzieren wahrscheinlich die Denkweise
von den einzelnen sozialen Schichten spezifisch
und vermutlich ergibt diese Kategorisierung
die lebensweltliche Grundlage zu den entwickelten
Objektivationen der Psychologie, Soziologie
und der Philosophie.
5. DAS PRINZIP DER RšCKWAERTSGEWANDTEN TELEOLOGISIERUNG
DER VERGANGENHEIT
Das Alltagsbewusstsein verfügt über teleologische
Strukturen, die die schon vergangenen Taten,
Ereignisse oder Prozesse im nachhinein in
teleologische Ordnung aufheben. Das Vergangene
erscheint dabei als der gerade Weg zur Gegenwart.
Das 'Gerade-so-Sein' des Gegenwaertigen erscheint
somit nicht als Ausfluss von Zufaellen, von
widersprüchlichen Aktivitaeten und Intenationen,
sondern als Folge einer (selbstverstaendlich
im nachhinein verfertigten) teleologischen
Kette. In dieser im nachhinein konstruierten
teleologischen Kette erscheint eine grosse
Anzahl von Ereignissen und Momenten, die
die als positiv bewerteten Elemente der Gegenwart
vorbereiteten. Ausser dieser automatisch
legitimierenden Funktion liefert diese Teleologisierung
auch eine wichtige RATIONALISIERUNG sowohl
der einzelnen historischen Prozesse, wie
auch der Gegenwart überhaupt. Durch diesen
rückwaertsgewandten Teleologisierungsprozess
entsteht aber auch noch ein dritter, bestimmender
Zug des Alltagsbewusstseins, namentlich der
stete Hang zur Selbstbestaetigung. Die mentale
Verarbeitung der grossen Weltkriege in unserem
Jahrhundert zeigen, dass waehrend die Sieger
die unendlichen Leiden ohne Schwierigkeit
in diese im nachhinein durchgeführte Teleologisierung
aufnehmen und dadurch ihre Vergangenheit
ohne Schwierigkeiten bewaeltigen konnten,
kaempften die Verlierer mit dem Problem,
diese rückwaertsgewandte Teleologie nicht
sinvoll aufstellen zu können.
6. DAS PRINZIP DER SPONTANEN HARMONISTIK
Sowohl INHALTLICH, wie auch STRUKTURELL laesst
sich sagen, dass das Alltagsbewusstsein HARMONISTISCH
eingestellt ist. Inhaltlich bedeutet diese
Einstellung so viel, dass sich die Gegenstaende
für das Alltagsbewusstsein in eine natürliche
harmonistische Ordnung einfügen lassen. Strukturell
geht es darum, dass die intellektuelle 'Ordnung
der Dinge' auch ein strukturell zusammenhaengendes
und harmonistisches Gebaeude abgibt. Die
rationalisierende und gleichzeitig schematisierende
Funktion dieses Prinzips ist unschwer einzusehen.
Die spontane Harmonistik ist wohl ein archaisches
Überbleibsel im modernen Alltagsbewusstsein.
Die relevante Anwesenheit der modernen Harmonistik
im modernen Bewusstsein meint überhaupt nicht,
dass das moderne Alltagsbewusstsein die Dissonanzen
oder die Konflikte seines Universums nicht
sehen würde. Die Vorstellung über eine harmonistische
Ordnung der Dinge ist oft erstaunlich unabhaengig
von den Tatsachen, die der Harmonistik direkt
widersprechenden Tatsachen relativieren sie
auch nicht. Der Hang des Alltagsbewusstseins
zu spontaner Harmonistik gilt als Grundlage
zur modernen Massenkultur vom Typus Hollywood.
So entsteht die ganze Problematik der gegenseitigen
Bedingtheit des Bedürfnisses des Alltagsbewusstseins
nach spontaner Harmonistik und seiner gleichzeitigen
Manipulierbarkeit durch die Kulturindustrie.
7. DAS PRINZIP DES EIGENEN VORTEILS
Das Alltagsbewusstsein gewaehrt seinem eigenen
Vorteil in Konfliktfaellen klar und offen
Prioritaet. Das Alltagsbewusstsein ist zwar
selbstverstaendlich imstande, sich über seinen
eigenen, partikulaeren Vorteil zu erheben,
in Konfliktfaellen selektiert sein Funktionieren
jedoch stets zugunsten seines eigenen Vorteils.
Ein wegen der unwirtschaftlichen Produktion
seines Bergwerkes auf Arbeitslosigkeit verurteilter
Bergmann vertritt mit unrelativierbarer Selbstverstaendlichkeit
die Einstellung, dass sein Bergwerk nicht
geschlossen werden darf. Dabei beruft er
sich nicht auf sein Recht, zu existieren,
sondern auf das Gemeinwohl. Die öffentliche
Meinung einer modernen Kommunikationsgesellschaft
toleriert dieses Prinzip des eigenen Vorteils,
welches sich auf das öffentliche Wohl beruft,
weitgehend. Trotz der Tatsache also, dass
das angesprochene Bergwerk nicht rentabel
ist, wird die Einstellung des Bergmanns mit
Toleranz aufgenommen, was auch nicht bedeutet,
dass sich diese kommunikative Freiheit als
effektiv genug erweisen würde, die Bergwerke
wirklich zu retten. Das Prinzip des eigenen
Vorteils wird zu einem führenden Charakterzug
des Alltagsbewusstseins, der die
SELEKTIONSPROZESSE desselben dirigiert. Das
Alltagsbewusstsein selektiert so, dass es
Tatsachen aus seinem Umfeld herausliest,
die seinen eigenen Vorteilen dienen, bzw.
es selber bestaetigen. Die Sportler der Sowjetunion
in der Stalin- und Breschnew-Zeit haben beispielsweise
weitgehende und im Westen in dieser Form
damals noch völlig unbekannte soziale Vorteile
genossen. Viele Sportler haben im Westen
für einen solchen Stand der Sportler plaediert,
ohne dass sie auch andere Dimensionen und
Eigenschaften des Sowjetlebens gern für sich
beansprucht haetten. (Eine traurige Aktualitaet
gibt diesem Beispiel das heute oft schockartig
unsichere soziale Schicksal der ehemaligen
Sportheroen in der Sowjetunion.) Zum Prinzip
des eigenen Vorteils gehört auch jene Eigenschaft
des Alltagsbewusstseins, die wir vorhin als
'Selbstbestaetigung' nannten. Diese Eigenschaft
des Alltagsbewusstseins bildet auch die Grundlage
von mehreren höheren geistigen Prozessen.
Für wichtig halten wir die immer wieder katartisch
überraschende Tatsache, dass viele Parteien,
Bewegungen ihre ideologisch-konzeptionellen
Moment durchaus wahllos und oft direkt aus
dem Inventar des Gegners nehmen.
8. DAS PRINZIP DER STETEN
REVOLUTIONIERUNG UND DER GLEICHZEITIGEN AUFRECHTERHALTUNG
DER VERHAELTNISSE
Dieses Prinzip vereinigt zwei, einander scheinbar
widersprechende Eigenschaften des Alltagsbewusstseins.
Einerseits revolutioniert das Alltagsbewusstsein
sein Umfeld pausenlos. Es ist stets auf dem
Wege, seine Alltagsschwierigkeiten und Alltagssorgen
zu vermindern, diese stets zu rationalisieren
und zu erneuern. Diese unaufhörliche Aktivitaet
des Alltagsbewusstseins kann tatsaechlich
REVOLUTIONAER genannt werden. Es gibt kein
noch so rationalisierter Arbeitsprozess,
welcher nicht noch rationaler könnte gestaltet
werden können. Aehnliches gilt für sportliche
Spitzenleistungen, die diese stete revolutionaer-rationalisiserende
Einstellung des Alltagsbewusstseins glaenzend
unter Beweis stellt. Andererseits erscheint
das Alltagsbewusstsein auch als traditionell,
wenn nicht konservativ. Dieser Widerspruch
laesst sich so formulieren, dass das Alltagsbewusstsein
vornehmlich die kurzfristigen und das Alltagsleben
direkt erleichternden Dimensionen der Umwelt
revolutioniert, waehrend es am Bestand seiner
ganzheitlichen Entwürfe der Weltkonstitution
gleichzeitig festhaelt. Das Bauerntum der
Jahrhundertwende, welches sich tatsaechlich
'revolutionierend' in die Modernisierung
seiner Wirtschaft hineingeworfen hat und
wie in einem Rausch eine Anzahl von modernen
Maschinen kaufte, mit denen er dann wenig
anzufangen wusste. Die Tatsache, dass der
meistens als traditionistisch angesehene
Bauer sich fast abenteuerlich und auf eigenes
Risiko sein Umfeld revolutionieren wollte,
kann für die Geltung dieses Prinzips sprechen.
9. DAS PRINZIP DES LINEAREN FORTSCHREITENS
Die Evidenzvorstellung eines linearen Fortschreitens
der historischen Ereignisse gehört ebenfalls
zu den leitenden Prinzipien des Alltagsbewusstseins.
Dieses Prinzip weist gleichzeitig auch darauf
hin, dass die Konzeptionen, bzw. die Elemente
der 'grossen' Philosophie ihre Existenz im
Alltagsdenken mit eigentümlichen und spezifischen
Brechungen fortführen. Das lineare Fortschreiten
in der Akkumulation von Werten ist eine Konzeption,
welche in der Aufklaerung des achtzehnten
Jahrhunderts die Avantgarde der grossen Philosophie
beherrschte. Bei Ausübung dieses Prinzips
kann das Alltagsbewusstsein stets auf tatsaechliche
Sachverhalte hinweisen, seine Selektion jener
Tatsachen, die die These des 'linearen Fotschrittes'
unterstützen, ist gewiss keine forcierte
oder unberechtigte. Die Entwicklung der Produktion,
der Rationalitaet etc. scheinen diese Einsicht
jederzeit problemlos zu bestaetigen. Das
Moment der Selektivitaet erscheint in diesem
Zusammenhang zweifach, immer aber auf einer
höheren Ebene. Erstens will das Alltagsbewusstsein
gewiss die Brüche, Rückfaelle, das Irrationale
und rational Nicht-Kategorisierbare der Ereignisse
nicht deutlich zur Kenntnis nehmen. Dies
bedeutet freilich nicht, dass es diese Seiten
der Realitaet überhaupt nicht wahrnehmen
würde. Zweitens können wir es mit gutem Grund
annehmen, dass das Alltagsbewusstsein so
selektiert, weil es von dieser Einsicht mehr
vitale Unterstützung zur Lösung seiner Hauptaufgabe,
der Meisterung der Schwierigkeiten und Sorgen
des Alltags gewinnen kann. Diese Selektion
führt dann zur Problematik der VERDRAENGUNG
von Inhalten im Alltagsbewusstsein.
10. DAS PRINZIP DES MANGELS AN
SYSTEMATISCHER KRITIK
Die Descartes'sche systematische Kritik ist
im Alltagsbewusstsein unter natürlichen Umstaenden
nicht enthalten. Dies bedeutet nicht, dass
das Alltagsbewusstsein im trivialen Sinne
des Wortes gleich allen Phaenomenen Glauben
schenken würde, dem es sich konfrontiert
sieht. Trotzdem begegnet es den Phaenomenen
nicht mit der Attitüde der systematischen
Kritik. Die Lernfaehigkeit des Alltagsbewusstseins
besteht darin, dass es zwar zunaechst allem
Plausibilitaet schenkt und diese Plausibilitaet
erst dann zurücknimmt, wenn zweifellose,
in den meisten Faellen sogar kathartische
Erlebnisse ihn dazu veranlassen. Eine notwendige
Konsequenz des Mangels an systematischer
Kritik ist die Beeinflussbarkeit, ja auch
die Manipulierbarkeit des Alltagsbewusstseins.
Tatsaechlich schenkt es allem Glauben und
neigt dazu, die Welt unmittelbar so zu nehmen,
wie sie ihm erscheint. Ein Beispiel von theoretischem
Wert scheint uns dabei das Phaenomen der
Volksetymologie zu sein, indem das Alltagsbewusstsein
unmittelbar davon ausgeht, dass das fremde
Wort eine Bedeutung hat, die er aus ihm heraushört.
11. DAS PRINZIP DER BIPOLARITAET VON
NATÜRLICHEM UND KÜNSTLICHEM
Sowohl der Funktion, wie auch der historischen
Existenzweise des Alltagsbewusstseins entstammt
es, dass es das ganze ihm zur Verfügung stehende
gegenstaendliche Universum in zwei Teile
teilt, und zwar auf ein NATÜRLICHES und ein
KÜNSTLICHES. Jenes Universum, in welches
das Alltagsbewusstsein organisch hineingeboren
wird, erscheint ihm als natürlich, unabhaengig
von den einzelnen gegenstaendlichen Bestimmungen
dieses Universums. Das Wesentliche dieses
Prinzips erscheint gerade in dieser Gleichgültigkeit
gegenüber den gegenstaendlichen Bestimmungen.
Was dem einen 'natürlich', dem anderen 'künstlich'
erscheint, ist eine notwendige Konsequenz
der historischen Seinsweise des Alltagsbewusstseins.
Als bestimmende Tatsache des Alltagsbewusstseins
kommt ihm in der Urteilsbildung eine durchaus
wichtige Rolle zu. Welche Denkweise was für
'natürlich' und was für 'künstlich' haelt,
wird nicht zuletzt von diesem Prinzip entschieden,
was durchaus als etwas Ausser- und A-Theoretisches
angesehen werden kann. Was ferner beispielsweise
einem Liberalen 'natürlich' ist, wird von
dem Konservativen als potenziert und besonders
'Künstliches' angesehen und umgekehrt.
12.DAS PRINZIP DER PROBLEMLOSEN VEREINIGUNG
VON VERSCHIEDENEN IDENTITAETEN
Dieses Prinzip summiert den eigentümlichen
EKLEKTIZISMUS des Alltagsbewusstseins. Im
Alltagsbewusstsein mischen sich Gegenstaende,
die von den verschiedensten Identitaeten
gepraegt worden sind. Die Fussball spielenden
Theologen erleben die Ungleichzeitigkeit
von Altem Testament und Abseitsfalle vermutlich
überhaupt nicht. Der afrikanische Stamm,
der jeden Abend mit einer lokalen Fernsehsendung
verbringt, deren einziger Star der Haeuptling
des Stammes ist, erlebt es ebenfalls nicht.
Die Bewohner von Gegenden mit gemischter
Bevölkerung können zwei (gegebenenfalls aber
auch drei) Sprachen, Kulturen und Identitaeten
in sich ebenfalls problemlos vereinigen,
ohne dass man dabei über kognitive Dissonanz
sprechen könnte.
13.DAS PRINZIP DER WERTNEUTRALITAET VON GROSSEN
UMWAELZUNGEN
Jede grosse Umwaelzung in Geschichte und
Gesellschaft stellt das Alltagsbewusstsein
vor gewaltige Mutationsprobleme. Das angesprochene
Prinzip versucht zu erschliessen, warum auch
die POSITIVEN Mutationen mit denselben Adaptationsproblemen
zusammengehen wie die negativen oder gar
die tragischen. Die Wohlstandsproblematik,
die Krisen der plötzlich reich werdenden
Laender gewaehren in diesen merkwürdigen
Zusammenhang einen tiefen Einblick.
B)In der Geschichte der modernen Alltagsbewusstseins,
in dieser Archaeologie des modernen europaeischen
Bewusstseins unterscheiden wir VIER grosse
Etappen, und zwar das Zeitalter des INDIVIDUALISMUS,
des TOTALITARISMUS, des KONSUMS und der POSTMODERNE.
Der wahre idealtypische Zug des INDIVIDUALISTISCHEN
Zeitalters des europaeischen Alltagsbewusstseins
bestand in der Prioritaet des kulturschöpferischen
Individuums. Dieses Zeitalter des Individualismus
bereitete für das Alltagsbewusstsein eine
progressive, nichtsdestoweniger aber auch
eine offen paradoxe Situation. Einerseits
ist es eine historische Tatsache, dass in
dieser Zeit im Prinzip sich JEDES Alltagsbewusstsein
individualisierte, so dass es als Faktum
überhaupt kein Problem der Identifizierung
darstellt. Andererseits ist es aber auch
unzweifelhaft, dass diese Individualisierung
eine Extremsituation für das Alltagsbewusstsein
darstellt. Diese Paradoxie erscheint in dem
heimlichen rituellen Buch des individualistischen
Zeitalters, in Friedrich Nietzsche's ZARATHUSTRA
in voller Transparenz, wo der Untertitel
der philosophischen Dichtung die Widmung
'für alle oder keinen' enthaelt. In der Widmung
wird also - unter dem Blickwinkel des Alltagsbewusstseins
- formuliert, dass dieser Prozess der Individualisierung
im Prinzip für jeden, möglicherweise aber
eher für viele oder einige, vielleicht sogar
für keinen möglich werden wird. Die Vorherrschaft
des Idealismus der schöpferischen Persönlichkeit
erwies sich in dieser Zeit als so hegemon,
dass die weitere Differenzierung schon allein
aus ihm ausgegangen ist. Gerade diese schöpferisch-idealistische
Persönlichkeit rief dann ihre Alternative,
einen 'Individualismus ohne Idealismus',
oder einen ohne emanzipative Dimension auf
den Plan. Ein Individualismus also, der Gattungswerte
verwirklichen wollte, überliess den Raum
einem Individualismus, der seine individuelle
Befriedigung gerade AUF KOSTEN der idealistisch
aufgefassten Gattungswerte zu erzielen meinte.
Auf diese Weise entstand aus einem trivialen
und selbstverstaendlichen Bündnis zwischen
(metaphorisch gesagt) Schönem und Gutem ein
Individualismus, welcher das Schöne AUF KOSTEN
des Guten realisieren wollte. So entstand
die wahre und selbstbewusste, keineswegs
allein ideologisch aufgefasste Aesthetik
der Dekadenz, die die Relation Aesthetik
und Politik wieder neu entstehen liess.
Das Zeitalter des Individualismus verdient
diesen Namen vor allem deshalb, weil es -
in idealtypischer Verallgemeinerung, selbstverstaendlich
- JEDEM ermöglichte, an den emanzipativ-individualistischen
Bewegungen der Zeit teilzunehmen, so dass
die Möglichkeit einer Partizipation an dem
jeweils in seinen Zielen konkretisierten
emanzipativen Individualismus auch SOZIOLOGISCH
UND SOZIAL eine wahrhaft allgemeine war.
Es darf nur scheinbar überraschend sein,
dass der Osten und der Westen Europas gerade
in dieser Zeit, im Zeitalter des Individualismus,
einander geistig am naechsten standen. Es
war gerade der westliche emanzipative Individualismus,
dessen Auswirkungen im Osten den bisher effektivsten
Modernisationsprozess in Gang gesetzt haben,
es waren aber auch die 'östlichen' Formulierungen
des emanzipativen Individualismus (von der
grossen russischen und ost-europaeischen
Literatur und Kunst angefangen bis etwa zu
der eine Mittelstellung einnehmenden Wiener
Moderne), die den westlichen emanzipativen
Individualismus in allen ihren Inhalten,
Gattungen und Abschattungen mit stets neuen
Impulsen versehen haben. Ganz im Gegenteil
zu den gaengigen Klischees also, nach welchen
es die 'Entwicklung' immer im jeweiligen
Heute ihren Höhepunkt erreicht, müssen wir
klar feststellen: 'Ost' und 'West' standen
einander geistig und zivilisatorisch gerade
im Zeitalter des Individualismus am naechsten.
Das Zeitalter des Individualismus war erfüllt
mit Befreiungs- und Emanzipationsprozessen.
Zum Teil erwiesen sich diese aufklaererischen
Impulse für das Alltagsbewusstsein ebenso
als AUESSERLICHE Impulse wie andere Herausforderungen
auch, zum Teil aber stellt diese Periode
für das Alltagsbewusstsein einen Ausnahmefall
dar, indem es im Netz dieser dynamischen
Herausforderungen selber dynamisch geworden
ist und an seiner eigenen Aufklaerung und
Emanzipation aktiv teilgenommen hat.
Das Zeitalter des TOTALITARISMUS schafft
für das Alltagsbewusstsein ganz andere, aber
ebenfalls extreme Bedingungen. Die totalitaere
Herrschaftstruktur erscheint für das Alltagsbewusstsein
als eine nicht in Frage zu stellende und
auch nicht zu bewaeltigende, obwohl eine
klar abzulehnende Realitaet, die gerade durch
die grundsaetzliche Attitüde des spontanen
Materialismus das Alltagsbewusstsein in unlösbare
Schwierigkeiten bringt. Der Totalitarismus
schafft komplett verzerrte soziale Verhaeltnisse,
die als 'Zwang' das Alltagsbewusstsein zwingen,
durch die Realisierung seines spontanen Materialismus
aktiv an den Reproduktionsprozessen des totalitaeren
Systems teilzunehmen. Dies schafft wie selbstverstaendlich
moralisch nur aeusserst schwierig aufzulösende
Probleme, da sowohl das Element des Zwanges,
wie auch jenes der praktischen Beteiligung
am System gleichzeitig auszuweisen ist. Trotzdem
würden wir das Alltagsbewusstsein als solches
nicht als potentiell totalitaer einstellen,
auch wenn es unter bestimmten historischen
Umstaenden seine Neigung, totalitaere Strukturen
zu akzeptieren, an ihnen sogar selber zu
partizipieren, erheblich gross werden kann.
In dieser Etappe der Geschichte des Alltagsbewusstseins
artikuliert sich auch der tiefere Unterschied
der beiden Totalitarismen. Zum linken Totalitarismus,
der das Unbewusste überflüssig macht, ein
Weltbild des vulgaeren Rationalismus hochzieht
und stets mit der gewaltsamen, wenn nicht
eben mörderischen Auslöschung der mit Notwendigkeit
auftretenden 'kognitiven Dissonanzen' zwischen
Propaganda und Realitaet kaempfen muss, gehört
die Politisierung der Aesthetik, in der dieses
System aus Kunst und Literatur für sich ein
einfaches Machtinstrument macht. Zum rechten
Totalitarismus hingegen, welcher das politische
Unbewusstsein im Gegensatz zum linken Totalitarismus
überhaupt nicht ausmerzen will, es vielmehr
auf eine selektive und instrumentelle Weise
mobilisiert, gehört eine 'Aesthetisierung'
der Politik, in welcher sich die ihren rationalen
Zusammenhaengen beraubten politischen Inhalte
mit den instrumentell und selektiv mobilisierten
Inhalten des politischen Unbewussten vermischen
können.
Im Zeitalter des Totalitarismus - und dies
spricht wieder gegen gaengige Vorstellungen,
die sich vornehmlich erst NACH der Errichtung
des Eisernen Vorhanges artikulierten - stand
das Alltagsbewusstsein im Osten und im Westen
auch noch nicht fern voneinander. Der Rückfall
von einer Welt des emanzipativen Individualismus
in eine des Totalitarismus spielte sich im
Osten wie im Westen zwar anders ab und die
europaeische Gesellschaft teilte sich tatsaechlich
je nach Siegern und Verlierern. Trotz diesen
Differenzen erlebten und erlitten aber die
einzelnen europaeischen Gesellschaften die
totalitaere Periode sehr aehnlich. Der Totalitarismus
war auch in dem Sinne ein gesamteuropaeisches
Phaenomen, dass in Laendern, wo eine totalitaere
Ordnung überhaupt nicht oder nur für kürzere
Zeit vorherrschte, dieses Phaenomen ebenfalls
ein vieldiskutiertes und zentrales Objekt
des geistigen Interesses war. In einem anderen
Sinne vertreten wir auch den hier auesserst
relevant werdenden Standpunkt, dass der Totalitarismus
kein spezifisch 'östliches', sondern ein
gesamteuropaeisches Phaenomen ist, so dass
die historisch bekannten totalitaeren Systeme
keine Differenz zwischen 'Ost' und 'West'
schaffen.
Die dritte Periode der europaeischen intellektuellen
Geschichte, die KONSUMGESELLSCHAFT, gestaltet
die Existenzbedingungen für das Alltagsbewusstsein
wieder grundsaetzlich neu. Waehrend das Zeitalter
des Individualismus eine Emanzipation des
Alltagsbewusstseins bewirkte und das des
Totalitarianismus es in ein System von Zwangsumstaenden
hineingepresst hat, baut das Zeitalter des
Konsums ebenfalls auf die grundsaetzliche
Einstellung des spontanen Materialismus,
indem es diese Einstellung auf den Besitz
jener Möglichkeit richtet, sich einen immer
grösseren Kreis von Konsumgütern anzueignen.
Indem die Konsumgesellschaft die soziale
Reproduktion mit dem Zentrum des wirtschaftlichen
Reproduktionsprozesses totalisierend vereinheitlicht,
übt sie gleichzeitig für das Alltagsbewusstsein
eine spezifisch 'verengende', den früheren
Reichtum der geistigen Objektivationen (Kunst,
Moral, Religion, etc.) auflösende Wirkung
aus.
Das Aufkommen der Konsumgesellschaft brachte
eine tiefgehende Kluft zwischen östlichem
und westlichem Alltagsbewusstsein zustande.
Einerseits in dem Sinne, dass waehrend im
Westen das Zeitalter der Konsumgesellschaft
zur Herrschaft gelangt, im Osten der Totalitarismus
sich noch intakt erhalten kann. Andererseits
definieren sich diese beiden gesellschaftlichen
Varianten auch noch als 'Gegenwelten', die
ihre eigene Identitaet aus ihrer Feindschaftsrelation
gegeneinander beziehen. So wird das einfache
Anderssein von Konsum und Totalitarismus
zu einem real-dialektischen Gegensatzverhaeltnis,
welches die Entfernung, wenn nicht direkt
die Fremdheit zwischen Ost und West ins Kritische
wachsen laesst.
Das Alltagsbewusstsein in der Konsumgesellschaft
ist in seinen Wertvorstellungen im wesentlichen
die Negation des Alltagsbewusstseins im Zeitalter
des Individualismus, indem sie das historische
Individuum der allseitigen Emanzipation nicht
mehr zum Ziel setzen kann, es aber auch nicht
will, denn eine der allerwesentlichsten Voraussetzungen
ihrer Entstehung gerade darin besteht, den
eventuellen post-totalitaeren Prozess der
Individualisierung in der Richtung des Massenkonsums
zu lenken.
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