DEUTSCHLAND- UND UNGARNBILDER IM PROZESS DES POST-SOZIALISTISCHEN SYSTEMWECHSELS

Endre Kiss, Budapest

Eine der alles bestimmenden theoretischen Entscheidungen in unserer Jahren mag vielen als Banalitaet vorkommen. Um die gegenwaertigen globalen, aber auch europaeischen Prozesse zu verstehen, draengen sich sowohl dem Theoretiker wie auch dem Publizisten zwei m"gliche und fundamentale intellektuelle Ausgangspunkte auf.


Man kann auf der einen Seite die Prozesse des postsozialistischen Systemwechsels als ein grundsaetzlich SINGULAERES Phaenomen interpretieren, fr welches ausschliesslich einmalige, praezedenzlose und inkommensurable Eigenschaften charakteristisch sein k"nnen. Man kann auf der anderen Seite aber auch davon ausgehen, dass durch diesen postsozialistischen Systemwechsel im Sinne der Singularitaet genommen kein neues Phaenomen auf den Plan getreten ist. Als Untersttzung dieser zweiten Einstellung laesst sich auch eine die eigene Identitaet affirmierende triumphale Attitde anfhren: Was sich abspielte, letztlich der Sieg des Wertsystems des Westens in der Form eines neuen Typus des Liberalismus war ein Sieg des 'Westens' und gerade dadurch drfte nichts qualitativ Neues historisch entstehen, denn was geschah, war nichts wirklich Neues, sondern ein Wiederinkrafttreten des Normalen und des Optimalen (1).
Es ist keine alltaegliche Herausforderung der wissenschaftlichen Routine, diese umfassenden Interpretationsmuster an einer sehr konkreten Problemstellung, namentlich an der Entwicklung der Deutschlandbilder in Ungarn und der Ungarnbilder in Deutschland zu erproben. Noch vor unseren Er"rterungen scheint es notwendig, die eigene Position klarzumachen. Wir geh"ren zu denen, die im Gesamtkomplex des postsozialistischen Systemwechsels ein in historischem Vergleich qualitativ neues Phaenomen erblicken. Die Entscheidung in dieser scheinbar banalen Frage hat Folgen, nicht nur in der mentalen Aufarbeitung dieser Prozesse, sondern auch in Politik und Wirtschaft, die mit Notwendigkeit in ihrem Ausmass die in anderen Situationen legitime und normale Routine in Politik und Wirtschaft wie haushoch berragen (2).
Ganz brisant muss diese Fragestellung des 'Es geschah nichts qualitativ Neues' und des 'Es geht um eine neue und singulaere Situation' gerade in der Relation zwischen Deutschland und Ungarn vorkommen. Denn ein Deutschland, das sich durch diese Ereignisse geradezu bestaetigt erleben durfte, steht in diesem Vergleich einem Ungarn gegenber, welches - v"llig unabhaengig von den einzelnen Interpretationen - in seiner puren Existenz einer in jeder Hinsicht neuen Situation stellen musste.
Die Vorstellungen des einen Staates, Landes und der einen Nation von dem (der) anderen sind mit Selbstverstaendlichkeit von den umfassenden generellen Fragestellungen der Zeit untrennbar verbunden, so dass auch die deutsch-ungarischen Dimensionen etwa auch mit den Diskursformen der (politischen) 'Freiheit', der (wirtschaftlichen) Verschuldung oder der neuen globalen oder europaeischen Kooperationen auf einem Atem genannt werden sollten.
Bei der L"sung unserer eigentlichen Aufgabe erscheinen imagologische Mittel als geboten. Die Imagologie selber, ursprnglich als eine noch junge Teilwissenschaft der literaturwissenschaftlichen Komparatistik von dem flaemischen Wissenschaftler Hugo Dyserinck gegrndet, beschaeftigt sich naemlich gezielt mit der Erforschung und Rekonstruktion des 'Bildes des Anderen' in den einzelnen Nationalliteraturen. Davon ausgehend ist auch eine etwas generalisierende Auffassung der Imagologie m"glich, wo die Darstellung des Anderen und des Fremden etwa nicht nur in den Werken der Belletristik, sondern auch in denen der Publizistik oder gar in der Meinungsbildung des Alltagsbewusstseins und der ™ffentlichkeit untersucht wird (3).
Das imagologisch entstehende Bild ist mit Notwendigkeit aktuell und politisch determiniert (4), es lasst sich jedoch in diesen kurzfristigen und aktuellen Beziehungen ebenso nicht restlos aufl"sen wie es auch im Falle von zahlreichen anderen Objektivationen des Alltagsbewusstseins der Fall ist (5), denn gerade wenn es m"glich waere, wrde die imagologische Sicht einfach sich selber berflssig machen.
Die imagologischen Inhalte bewahren auch noch Spuren von historischen Ereignissen, ganz besonders tief tragen sie jedoch Erinnerungen an gewisse Ereignisse, die in der eigenen Identitaetsbildung eine bedeutendere Rolle gespielt haben. Es heisst auch, dass der Stellenwert der in der Imagologie aufgehobenen einzelnen konkreten Inhalte und Erinnerungen berhaupt nicht gleich ist.
An dieser Stelle wird es unerlaesslich sein, in Krze auch die Phaenomene der 'Extremisierung' der Imagologie zu erwaehnen, die gerade in der deutschen (etwas weniger aber auch in der ungarischen) Geschichte auch generell eine Rolle spielt. Seltener kommt es zu einer 'positiven' Extremisierung der Imagologie (um nur bei unserem Thema zu bleiben: das deutsche 'Wirtschaftswunder' oder 'Ungarn als Vorreiter'). Viel wesentlicher sind in jeder Hinsicht die Phaenomene der 'negativen' Extremisierung, die ja ebenfalls ein historisch langfristiges Phaenomen sein kann (6). Die laengere Vorherrschaft jeder positiven und negativen Extremisierung der Imagologie fhrt dann zu einem aus mehreren Schichten bestehenden imagologischen Bild, welches AB OVO schon mehrere Inhalte in sich schichtweise vereinigt (7).
Die Phaenomene der Extremisierung der Imago-Bildung, bzw. des schichtweise entstehenden imagologischen Bildes sind gnstige Instrumente, um auch den unerlaesslichen PROJEKTIVEN Charakter der Imagobildung zu verstehen. Denn die Fremdbilder stammen zum Teil aus positiven historischen und aktuellen Erfahrungen, sie werden aber gleich instrumentalisiert und auf diesem Wege erscheint das Bild des Anderen stets als eine (in den meisten Faellen nicht einmal nur eindeutige und eindimensionale) Projektion, die im Bild des anderen auch eine im wahren Sinne des Wortes genommen unbewusste Kritik am eigenen Bild mit enthaelt.
Ein weiterer wichtiger Gehalt selbst im projektiven Charakter der Imago-Bildung ist, dass im Laufe dieses vielschichtigen und vielfach unbewussten Prozesses auch Inhalte sich manifestieren, die der aus vielfach bewirkten SPRACHLOSIGKEIT gewisser Gesellschaften anderswie berhaupt nicht artikuliert werden wrden. Die Imagologie bietet somit Bilder, die auf anderen Wegen nicht haetten entstehen k"nnen. Auch ohne eine weitere Analyse laesst sich einsehen, dass dieses Aufbrechen der Sprachlosigkeit in der deutschen und in der ungarischen Imago-Bildung einen erheblichen Stellenwert hat.
Der mit dem Motiv der Aufbrechung der Sprachlosigkeit ergaenzte projektive Charakter der Fremdbildkonstitution mitsamt der Annahme der hinter ihr stehenden positiven historischen und aktuellen Erfahrung ist der ausreichende begriffliche Rahmen, um jede konkrete imagologische Frage adaequat und legitim stellen zu k"nnen.
Ebenfalls ein Komplex der neuen Rahmenbedingungen entsteht durch den bestimmenden Charakterzug, der gleicherweise sowohl den heutigen 'Westen' wie auch den postsozialistischen 'Osten' bestimmt. Im Kontext der neuen GLOBALISATION wird ein Anteil der imagologisch relevanten Eigenschaften wie automatisch geaendert ('Deutschland steht in der ersten Reihe der Globalisierung'). Globalisation heisst aber auch, dass die nationalstaatlichen Sphaeren in ihren ursprnglichen Koordinaten aufgehoben sind. Es kann auch deutsch-ungarische Verhaeltnisse schaffen, die gerade als Bestandteile eines globalisierenden Prozesses nicht mehr im alten (nationalstaatlichen, um die Nation sich herauskristallisierenden) Beziehungen sind.
Das imagologische Verhaeltnis zwischen Deutschen und Ungarn weist in manchen Zgen eine historisch und kulturell stabil begrndete Kontinuitaet auf, die schon geradezu als 'traditionell' genannt werden kann. Der Grundinhalt dieses schon zur Tradition gewordenen Verhaeltnisses ist ein merkwrdiges Nebeneinander von 'Ferne' und 'Naehe', wobei die 'geheimen Dimensionen' der Verteilung und der Proportionen der Ferne und der Naehe seit historischen Zeiten als fast unveraendert geltende stabile Gr"ssen sind.
Die Dimension der 'Ferne' geht auf vielfache zivilisatorische Dimensionen zurck. Man darf nicht vergessen, dass in den verschiedenen Phasen des Mittelalters die Ungarn fr die Deutschen jenes spaet ankommende und nomade Volk verk"rpertem, welches fr sie DAS primaer Fremde war. Dasselbe war aber auch in der anderen Richtung der Fall. Fr die Ungarn verk"rperten die Deutschen schon in vielen unterschiedlichen Etappen des Mittelalters auf der gleichen Weise DAS primaere Europa mit seiner ganzen Lebensweise und mit seinen Wertvorstellungen. Die Dimension der 'Ferne' war und ist also eine unbedingte, die in den wesentlichen Zgen bis heute vorherrscht und bestimmend auch auf die einzelnen individuellen Attitden auswirkt (8).
Neben diesen stahlharten Dimensionen der 'Ferne' ergibt eine imagologische Analyse jedoch auch die Dimension der 'Naehe', deren 'Gesetze', Vorschriften und ebenfalls weitverzweigte unsichtbare Dimensionen in gerade dem Masse bis heute kulturell in Geltung sind. Wir wollen diese Idee an dieser Stelle nicht in der gebhrenden Laenge ausarbeiten (9), erklaeren wir die Dimension der 'Naehe' auch nur andeutungsweise. Auf eine merkwrdige Weise scheinen die Grnde der Dimension der 'Ferne' einfacher durchschaubar zu sein als die der 'Naehe', aus deren Motiven wir zunaechst ebenfalls die Intimitaet des langen historischen Zusammenlebens und die vielen interkulturellen und sozialen Verbindungen hervorheben m"chten. Es ist brigens ein lehrreiches Kapitel der Geschichte der deutsch-ungarischen imagologischen Beziehungen, wie im System der Relationen des realsozialistischen Ungarn und der ebenfalls realsozialistischen DDR sich diese Koexistenz der Dimensionen der 'Ferne' und der 'Naehe' in neuen Formen entwickelt hatte.
Unter einem wissenssoziologischen, imagologischen und sozialpsychologischen Aspekt scheint uns gerade diese zeitberdauernde Konstanz der beiden Grundrelationen und ihre nicht zu bremsende Vitalitaet von Bedeutung zu sein.
In diesem verfestigten Diskurs der Gleichzeitigkeit der 'Ferne' und der 'Naehe' erscheinen auf beiden Seiten der gegenseitigen und auf einander abgestimmten Imagologie zwei fundamentale und integrative Inhalte, die auf eine wohl erkenntliche Weise PROJEKTIV sind (ohne dass wir die Meinung vertreten wollten, die ganzen Konzeptionen seien eben 'nur' projektiv).
Der imagologische 'Inhalt' des bereits traditionalistischen Deutschland-Bildes in Ungarn besteht darin, dass man in Ungarn in den deutschen vor allem ein erfolgreiches und effektives Kollekti vum anschaut, welches seine Pr _




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