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Man kann auf der einen Seite die Prozesse
des postsozialistischen Systemwechsels als
ein grundsaetzlich SINGULAERES Phaenomen
interpretieren, fr welches ausschliesslich
einmalige, praezedenzlose und inkommensurable
Eigenschaften charakteristisch sein k"nnen.
Man kann auf der anderen Seite aber auch
davon ausgehen, dass durch diesen postsozialistischen
Systemwechsel im Sinne der Singularitaet
genommen kein neues Phaenomen auf den Plan
getreten ist. Als Untersttzung dieser zweiten
Einstellung laesst sich auch eine die eigene
Identitaet affirmierende triumphale Attitde
anfhren: Was sich abspielte, letztlich der
Sieg des Wertsystems des Westens in der Form
eines neuen Typus des Liberalismus war ein
Sieg des 'Westens' und gerade dadurch drfte
nichts qualitativ Neues historisch entstehen,
denn was geschah, war nichts wirklich Neues,
sondern ein Wiederinkrafttreten des Normalen
und des Optimalen (1).
Es ist keine alltaegliche Herausforderung
der wissenschaftlichen Routine, diese umfassenden
Interpretationsmuster an einer sehr konkreten
Problemstellung, namentlich an der Entwicklung
der Deutschlandbilder in Ungarn und der Ungarnbilder
in Deutschland zu erproben. Noch vor unseren
Er"rterungen scheint es notwendig, die
eigene Position klarzumachen. Wir geh"ren
zu denen, die im Gesamtkomplex des postsozialistischen
Systemwechsels ein in historischem Vergleich
qualitativ neues Phaenomen erblicken. Die
Entscheidung in dieser scheinbar banalen
Frage hat Folgen, nicht nur in der mentalen
Aufarbeitung dieser Prozesse, sondern auch
in Politik und Wirtschaft, die mit Notwendigkeit
in ihrem Ausmass die in anderen Situationen
legitime und normale Routine in Politik und
Wirtschaft wie haushoch berragen (2).
Ganz brisant muss diese Fragestellung des
'Es geschah nichts qualitativ Neues' und
des 'Es geht um eine neue und singulaere
Situation' gerade in der Relation zwischen
Deutschland und Ungarn vorkommen. Denn ein
Deutschland, das sich durch diese Ereignisse
geradezu bestaetigt erleben durfte, steht
in diesem Vergleich einem Ungarn gegenber,
welches - v"llig unabhaengig von den
einzelnen Interpretationen - in seiner puren
Existenz einer in jeder Hinsicht neuen Situation
stellen musste.
Die Vorstellungen des einen Staates, Landes
und der einen Nation von dem (der) anderen
sind mit Selbstverstaendlichkeit von den
umfassenden generellen Fragestellungen der
Zeit untrennbar verbunden, so dass auch die
deutsch-ungarischen Dimensionen etwa auch
mit den Diskursformen der (politischen) 'Freiheit',
der (wirtschaftlichen) Verschuldung oder
der neuen globalen oder europaeischen Kooperationen
auf einem Atem genannt werden sollten.
Bei der L"sung unserer eigentlichen
Aufgabe erscheinen imagologische Mittel als
geboten. Die Imagologie selber, ursprnglich
als eine noch junge Teilwissenschaft der
literaturwissenschaftlichen Komparatistik
von dem flaemischen Wissenschaftler Hugo
Dyserinck gegrndet, beschaeftigt sich naemlich
gezielt mit der Erforschung und Rekonstruktion
des 'Bildes des Anderen' in den einzelnen
Nationalliteraturen. Davon ausgehend ist
auch eine etwas generalisierende Auffassung
der Imagologie m"glich, wo die Darstellung
des Anderen und des Fremden etwa nicht nur
in den Werken der Belletristik, sondern auch
in denen der Publizistik oder gar in der
Meinungsbildung des Alltagsbewusstseins und
der ™ffentlichkeit untersucht wird (3).
Das imagologisch entstehende Bild ist mit
Notwendigkeit aktuell und politisch determiniert
(4), es lasst sich jedoch in diesen kurzfristigen
und aktuellen Beziehungen ebenso nicht restlos
aufl"sen wie es auch im Falle von zahlreichen
anderen Objektivationen des Alltagsbewusstseins
der Fall ist (5), denn gerade wenn es m"glich
waere, wrde die imagologische Sicht einfach
sich selber berflssig machen.
Die imagologischen Inhalte bewahren auch
noch Spuren von historischen Ereignissen,
ganz besonders tief tragen sie jedoch Erinnerungen
an gewisse Ereignisse, die in der eigenen
Identitaetsbildung eine bedeutendere Rolle
gespielt haben. Es heisst auch, dass der
Stellenwert der in der Imagologie aufgehobenen
einzelnen konkreten Inhalte und Erinnerungen
berhaupt nicht gleich ist.
An dieser Stelle wird es unerlaesslich sein,
in Krze auch die Phaenomene der 'Extremisierung'
der Imagologie zu erwaehnen, die gerade in
der deutschen (etwas weniger aber auch in
der ungarischen) Geschichte auch generell
eine Rolle spielt. Seltener kommt es zu einer
'positiven' Extremisierung der Imagologie
(um nur bei unserem Thema zu bleiben: das
deutsche 'Wirtschaftswunder' oder 'Ungarn
als Vorreiter'). Viel wesentlicher sind in
jeder Hinsicht die Phaenomene der 'negativen'
Extremisierung, die ja ebenfalls ein historisch
langfristiges Phaenomen sein kann (6). Die
laengere Vorherrschaft jeder positiven und
negativen Extremisierung der Imagologie fhrt
dann zu einem aus mehreren Schichten bestehenden
imagologischen Bild, welches AB OVO schon
mehrere Inhalte in sich schichtweise vereinigt
(7).
Die Phaenomene der Extremisierung der Imago-Bildung,
bzw. des schichtweise entstehenden imagologischen
Bildes sind gnstige Instrumente, um auch
den unerlaesslichen PROJEKTIVEN Charakter
der Imagobildung zu verstehen. Denn die Fremdbilder
stammen zum Teil aus positiven historischen
und aktuellen Erfahrungen, sie werden aber
gleich instrumentalisiert und auf diesem
Wege erscheint das Bild des Anderen stets
als eine (in den meisten Faellen nicht einmal
nur eindeutige und eindimensionale) Projektion,
die im Bild des anderen auch eine im wahren
Sinne des Wortes genommen unbewusste Kritik
am eigenen Bild mit enthaelt.
Ein weiterer wichtiger Gehalt selbst im projektiven
Charakter der Imago-Bildung ist, dass im
Laufe dieses vielschichtigen und vielfach
unbewussten Prozesses auch Inhalte sich manifestieren,
die der aus vielfach bewirkten SPRACHLOSIGKEIT
gewisser Gesellschaften anderswie berhaupt
nicht artikuliert werden wrden. Die Imagologie
bietet somit Bilder, die auf anderen Wegen
nicht haetten entstehen k"nnen. Auch
ohne eine weitere Analyse laesst sich einsehen,
dass dieses Aufbrechen der Sprachlosigkeit
in der deutschen und in der ungarischen Imago-Bildung
einen erheblichen Stellenwert hat.
Der mit dem Motiv der Aufbrechung der Sprachlosigkeit
ergaenzte projektive Charakter der Fremdbildkonstitution
mitsamt der Annahme der hinter ihr stehenden
positiven historischen und aktuellen Erfahrung
ist der ausreichende begriffliche Rahmen,
um jede konkrete imagologische Frage adaequat
und legitim stellen zu k"nnen.
Ebenfalls ein Komplex der neuen Rahmenbedingungen
entsteht durch den bestimmenden Charakterzug,
der gleicherweise sowohl den heutigen 'Westen'
wie auch den postsozialistischen 'Osten'
bestimmt. Im Kontext der neuen GLOBALISATION
wird ein Anteil der imagologisch relevanten
Eigenschaften wie automatisch geaendert ('Deutschland
steht in der ersten Reihe der Globalisierung').
Globalisation heisst aber auch, dass die
nationalstaatlichen Sphaeren in ihren ursprnglichen
Koordinaten aufgehoben sind. Es kann auch
deutsch-ungarische Verhaeltnisse schaffen,
die gerade als Bestandteile eines globalisierenden
Prozesses nicht mehr im alten (nationalstaatlichen,
um die Nation sich herauskristallisierenden)
Beziehungen sind.
Das imagologische Verhaeltnis zwischen Deutschen
und Ungarn weist in manchen Zgen eine historisch
und kulturell stabil begrndete Kontinuitaet
auf, die schon geradezu als 'traditionell'
genannt werden kann. Der Grundinhalt dieses
schon zur Tradition gewordenen Verhaeltnisses
ist ein merkwrdiges Nebeneinander von 'Ferne'
und 'Naehe', wobei die 'geheimen Dimensionen'
der Verteilung und der Proportionen der Ferne
und der Naehe seit historischen Zeiten als
fast unveraendert geltende stabile Gr"ssen
sind.
Die Dimension der 'Ferne' geht auf vielfache
zivilisatorische Dimensionen zurck. Man
darf nicht vergessen, dass in den verschiedenen
Phasen des Mittelalters die Ungarn fr die
Deutschen jenes spaet ankommende und nomade
Volk verk"rpertem, welches fr sie DAS
primaer Fremde war. Dasselbe war aber auch
in der anderen Richtung der Fall. Fr die
Ungarn verk"rperten die Deutschen schon
in vielen unterschiedlichen Etappen des Mittelalters
auf der gleichen Weise DAS primaere Europa
mit seiner ganzen Lebensweise und mit seinen
Wertvorstellungen. Die Dimension der 'Ferne'
war und ist also eine unbedingte, die in
den wesentlichen Zgen bis heute vorherrscht
und bestimmend auch auf die einzelnen individuellen
Attitden auswirkt (8).
Neben diesen stahlharten Dimensionen der
'Ferne' ergibt eine imagologische Analyse
jedoch auch die Dimension der 'Naehe', deren
'Gesetze', Vorschriften und ebenfalls weitverzweigte
unsichtbare Dimensionen in gerade dem Masse
bis heute kulturell in Geltung sind. Wir
wollen diese Idee an dieser Stelle nicht
in der gebhrenden Laenge ausarbeiten (9),
erklaeren wir die Dimension der 'Naehe' auch
nur andeutungsweise. Auf eine merkwrdige
Weise scheinen die Grnde der Dimension der
'Ferne' einfacher durchschaubar zu sein als
die der 'Naehe', aus deren Motiven wir zunaechst
ebenfalls die Intimitaet des langen historischen
Zusammenlebens und die vielen interkulturellen
und sozialen Verbindungen hervorheben m"chten.
Es ist brigens ein lehrreiches Kapitel der
Geschichte der deutsch-ungarischen imagologischen
Beziehungen, wie im System der Relationen
des realsozialistischen Ungarn und der ebenfalls
realsozialistischen DDR sich diese Koexistenz
der Dimensionen der 'Ferne' und der 'Naehe'
in neuen Formen entwickelt hatte.
Unter einem wissenssoziologischen, imagologischen
und sozialpsychologischen Aspekt scheint
uns gerade diese zeitberdauernde Konstanz
der beiden Grundrelationen und ihre nicht
zu bremsende Vitalitaet von Bedeutung zu
sein.
In diesem verfestigten Diskurs der Gleichzeitigkeit
der 'Ferne' und der 'Naehe' erscheinen auf
beiden Seiten der gegenseitigen und auf einander
abgestimmten Imagologie zwei fundamentale
und integrative Inhalte, die auf eine wohl
erkenntliche Weise PROJEKTIV sind (ohne dass
wir die Meinung vertreten wollten, die ganzen
Konzeptionen seien eben 'nur' projektiv).
Der imagologische 'Inhalt' des bereits traditionalistischen
Deutschland-Bildes in Ungarn besteht darin,
dass man in Ungarn in den deutschen vor allem
ein erfolgreiches und effektives Kollekti
vum anschaut, welches seine Pr _
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