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Kant und Hegel (es geht in diesem Kontext
um die ganze Entwicklunslinie Fichte-Schelling-Hegel)
erarbeiteten naemlich je einen philosophischen
Diskurs, der das Philosophische über die
Sphaere des Alltagsbewusstseins hinaus verlegte,
indem Kant durch seinen durchgehenden Kritizismus
mit seinem unaufhörlichen Fragen nach dem
'Wie ist dieser oder jener Gegenstand möglich?'
das Alltagsbewusstsein in der Richtung einer
methodisch bis ins Letzte gesaeuberten Einstellung
transzendierte, waehrend Hegel das grundsaetzlich
Philosophische als unmittelbare und per definitionem
erfolgende Überwindung des Alltagsbewusstseins
bestimmte.
Die Konsequenzen dieser zweifachen Ablehnung
der Strukturen des Alltagsbewusstseins als
bislang mit Einschraenkungen anerkannter
Grundlage der Philosophie sind unermesslich.
Diese Entzweiung des Philosophischen und
des funktionierenden Alltagsbewusstseins
bildete den sachlichen Hintergrund einer
Disziplin 'Philosophie', die sich der Pflege
von Denkstrukturen gewidmet war, die sich
vom Alltagsbewusstsein, sowie in den meisten
Faellen auch von szientistischen Denkformen
unterschied (3).
Die philosophischen Anfaenge Schopenhauers
sind vor allem dadurch charakterisiert, dass
er die in seiner Jugend Gestalt annehmende
philosophische Entwicklung in diesem Zusammenhang
im wesentlichen nicht voll verstand. Er arbeitet
eine Kant-Interpretation aus, die die kritizistische
Potenz überhaupt nicht zu erschliessen weiss.
Bei Hegels Interpretation bringt er nicht
einmal mehr die Mühe auf, die er im Falle
Kants noch tut. Die Gründe dieser zweifachen
Ignoranz ist in ihrer Grundmotivation gleich,
er reflektiert je eine neue Grenze, je eine
neue verborgene Dimension nicht. Unsere Auffassung
stellt die Diskursproblematik in der Form
in den Mittelpunkt, dass darin das (zumindest
für die Anfaenge Schopenhauers charakteristische)
Autodidaktentum des jungen Denkers stark
hervorgehoben wird. Für uns gehen zumindest
die Wurzeln dieser zweifachen Ignoranz also
auf die Tatsache zurück, dass Schopenhauer
nicht in der richtigen Zeit das Gymnasium
besuchte und dadurch seine denkerischen Impulse
lange in einem mehr oder weniger 'wilden'
Zustand artikulieren konnten. Für uns ist
dieser Aspekt jedoch nur als ein ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGISCHER
von Bedeutung, wir erheben aus diesem Grunde
keinen Anspruch, ihn bei weiteren Interpretationsproblemen
in Anspruch zu nehmen. (4)
Die Grundpositionen Schopenhauers stellen
somit den wichtigsten Versuch in der ersten
Haelfte des neunzehnten Jahrhunderts dar,
Standpunkte des Alltagsbewusstseins in der
Philosophie zur Geltung zu bringen. Nun müssen
wir an dieser Stelle zwei Punkte klaeren.
Einerseits ist es so, dass die unmittelbaren
Einsichten des Alltagsbewusstseins eines
Zeitalters viele Elemente von früheren philosophischen
Gehalten enthalten, die ihren das Alltagsbewusstsein
transzendierenden Charakter schon laengst
einbüssten. So - um ein wichtiges Beispiel
bei Schopenhauer zu nennen - gelten seine
Leibniz-Wolffschen theoretischen Einsichten
in der ersten Periode des neunzehnten Jahrhunderts
als Gehalte, die schon restlos in der Sphaere
des Alltagsbewusstseins aufgingen. Andererseits
wollen die Qualifizierungen 'Inhalte des
Alltagsbewusstseins' saemtliche Bewusstseinselemente
umfassen, die für dieses Bewusstsein plausibel
und ohne weitere Begründung einsichtig sind.
In diesem Sinne kann eine 'metaphysische'
Position auch zum Sektor des Alltagsbewusstseins
gehören.
Die Tatsache zu kritisieren, dass Schopenhauer
weder Kants, noch Hegels Transzendierung
des Alltagsbewusstseins mitvollzog, ist jetzt
nicht unsere Absicht. Im ganzen kann damit
Schopenhauer vor dem Vorwurf mangelnder philosophischer
Kohaerenz nicht in Schutz genommen werden.
Unser Ziel in dieser Arbeit ist es, die Konsequenzen
dieser Tatsache bei der Analyse der Religionsphilosophie
Schopenhauers zu verfolgen. Ein komplettes
philosophisches System vom Standpunkt des
Alltagsbewusstseins gilt als extrem reiche
Fundgrube von Gehalten des Alltagsbewusstseins
des neunzehnten Jahrhunderts. Andererseits
eröffnen sich philosophische Perspektiven,
von denen aus gesehen diese Annaeherung manchmal
auch bleibende Ergebnisse zu zeitigen vermag
(was die Legitimation dieser Methodik vor
allem in Hinsicht auf Kohaerenz selbstverstaendlich
nicht im nachhinein wieder herstellen kann).
Kants beide Einstellungen zu diesem Gebiet
(Ablehnung der Gottesbeweise, sowie die durch
eine auf die Begründbarkeit der Moral aufgebaute
Restauration der Gottesidee) führen ausserhalb
des Reviers des Alltagsbewusstseins, Hegels
Einstellung zu ihr wird durch seine spezifisch
philosophische Historisierung dieses Phaenomens
ebenfalls mit einer direkten Negation desselben
gleich. Auf solche Weise gewinnt der Schopenhauersche
Ansatz - gerade WEGEN seines Abweichens von
den beiden wichtigsten Wegen der philosophischen
Diskursentwicklung - eine ausgezeichnete
Bedeutung in der Bearbeitung der Religion.
Auch aus diesem Grunde ist es kein Wunder,
dass in seiner Philosophie eine Vielfalt
von Perspektiven artikuliert wird, die alle
die Religion thematisieren.
Sowohl werkgeschichtlich wie auch immanent
gilt der Dialog des Philothetes und des Demopheles
in PARERGA UND PARALIPOMENA (5) als einer
der wichtigsten Gesamtausserungen Schopenhauers
über die Problematik der Religion. Die charakteristischste
(und in der bisherigen Litratur in dieser
Form kaum problematisierte) Eigenschaft dieses
Dialoges besteht darin, dass sich der Philosoph
Arthur Schopenhauer so vollkommen mit BEIDEN
Standpunkten identifizieren kann (6). Damit
- und es ist auch in anderen inhaltlichen
Zusammenhaengen der Fall - reproduziert er
den wissenssoziologischen Stand des bürgerlichen
Normalbewusstseins im neunzehnten Jahrhundert.
Er macht sich also einerseits die radikal-aufklaererische
Position des Philolethes zu eigen, wonach
Religion eine 'falsche' Bewusstseinsform'
und dementsprechend im Interesse der Menschheit
zu überwinden sei. Er macht sich aber auch
die andere Position, die des Demopheles ebenfalls
zu eigen, wonach die Religion als 'Metaphysik
des Volkes' eine Notwendigkeit sei. Zwischen
diesen beiden Standpunkten laesst er dann
keine echte Vermittlung zustandebringen,
aus dieser Konfrontation entsteht vielmehr
eine breite Facette der Auseinandersetzung.
Keine Frage, dass diese Gleichzeitigkeit
jenes so entscheidende Kohaerenzproblem extrem
zuspitzt, welches auch für andere Sektoren
dieser Philosophie so charakteristisch ist.
Diese Inkohaerenz gewinnt aber an wissenssoziologischer
und historischer Relevanz, was sie an philosophischer
Immanenz einbüssen muss.
Auf die generelle aufklaererische Ablehnung
der Religion seitens Philolethes greift Demopheles
gleich zu schweren Kanonen: die Religion
ist aus anthropologischen Gründen notwendig,
und zwar weil 'der Mensch...ursprünglich
für nichts Anderes Sinn (hat), als für die
Befriedigung seiner physischen Bedürfnisse,
und danach für etwas Unterhaltung und Kurzweil.'
(7) Er nennt hier die Religion 'Metaphysik
des Volkes', wodurch er nicht nur eine wichtige
begriffsgeschichtliche Leistung vollbringt,
sondern auch zu der Entfaltung des Begriffs
der sogenannten positiven Metaphysik beitraegt
(8). Diese anthropologische Begründung bringt
bei ihm aber auch wissenssoziologische Früchte,
indem er in diesem Zusammenhang folgendes
feststellt: 'Die verschiedenen Religionen
sind eben nur verschiedene Schemata, in welchem
das Volk die ihm an sich selbst unfassbare
Wahrheit ergreift...' (9). Zu der Anthropologie
und Wissenssoziologie gesellt sich aber bei
Schopenhauer-Demopheles bald auch die Semiotik,
indem die Religion bald als Allegorie (10),
bald als Symbol (11) der wirklichen, wahren
Wahrheit fungiert. Zwar durchschaut Schopenhauer-Philolethes
die grundsaetzliche Schwaeche dieser Position,
indem er mit dem Aufruf 'Keine andere Metaphysik'
(12) auf die Inkoehaerenz und dadurch Immoralitaet
dieses Standpunktes hinweist, vermag er letzten
Endes nichts der anthropologischen Konzeption
seines Widerparts entgegenzustellen und deshalb
nimmt er dessen Einstellung an, waehrend
er 'im Prinzip' seiner positiv-aufklaererischen
Bekenntnis durchaus treu bleibt. Gegen die
argumentativen Handgreiflichkeiten des Schopenhauer-Demopheles
kann er bloss etwas Zukünftig-Utopisches
ins Spiel setzen: 'Indessen wollen wir die
Hoffnung nicht aufgeben, dass die Menschheit
dereinst auf den Punkt der Reife und Bildung
gelangen wird, wo sie die wahre Philosophie
einerseits hervorzubringen und andererseits
aufzunehmen vermag.' (13). Und weil die Berufung
auf die Zukunft für das Dilemma der Gegenwart
nicht allzu viel abgibt, manövriert sich
Schopenhauer-Philolethes doch in die Position
der Anerkennung der Wahrheit seines Gegners
hinein, auch wenn er es nicht vergisst, mit
der These 'Kein Irrtum ist unschaedlich'
die Aufmerksamkeit auf die praktischen und
negativen Konsequenzen dieses Ergebnisses
zu lenken.
Allein auf Grund dieses gewiss grundlegenden
Dialoges waere es eine kaum lösbare Aufgabe,
Schopenhauers Einstellung zur Religion zu
definieren, weil man eben sowohl Philolethes,
als auch Demopheles mit dem Philosophen selber
identifizieren müsste. So waere dieser Dialog
nichts mehr als ein Katalog, sogar eine Enzyklopaedie
der Auffassung des zur Philosophie erhobenen
Alltagsbewusstseins über die Religion. Für
so perspektiven- und inhaltsreich wir diesen
Dialog auch halten, könnte er keine profilierte
Einstellung zur Religion vermitteln.
Um Schopenhauers Einstellung zur Religion
noch intensiver erkennen zu können, müssen
wir uns jetzt eine weitere Perspektive derselben
vergegenwaertigen. Über das Alltagsbewusstsein
hinaus macht Schopenhauer auch die die Praxis
regulierende Rolle der Religion zu seinem
philosophischen Thema. Diese können wir als
eine der legitimen Vorfahren der Max Weberschen
Idee der von den Religionen ausgehenden Rationalisierung
auffassen. Es gehört zu den merkwürdigsten
Eigenschaften des Dialogs, dass diese Einsicht
von dauerhaftem theoretischem und sachlichem
Gewicht NICHT von dem engagierten Aufklaerer
Philolethes, sondern von dem bewussten Pragmatiker
Demopheles stammt: '...so zeigt sie (die
Religion - E.K.)...von der moralischen Seite
sich als das alleinige Lenkungs-, Baendigungs-
und Besaenftigungsmittel dieser Rasse vernunftbegabter
Thiere, deren Verwandtschaft mit den Affen
die mit dem Tiger nicht ausschliesst.' (14)
Dass 'Lenkung', 'Baendigung' und 'Besaenftigung'
zur Praxis der alltaeglichen Rationalisierung
gehören, braucht vielleicht nicht lange ausgewiesen
zu werden. An diesem Punkt kommt aber auch
Schopenhauers Schwaeche im systematisierten
soziologischen und politologischen Denken
besonders sensibel zur Geltung (15). Haette
er diese Disziplinen mehr in seiner philosophischen
Reserve, so haette er auch diesen Gedanken
der religiösen Rationalisierung der alltaeglichen
Lebenspraxis in soziologisch-politologischen
Dimensionen mehr anwenden können.
Auf Grund des Dialoges von Philolethes und
Demopheles liesse sich jene Aeusserung Schopenhauers
sicherlich überhaupt nicht bewahrheiten,
die für unsere Fragestellung allein schon
durch ihre Existenz von zentraler Bedeutung
ist. An einer Stelle nennt er naemlich seine
eigene Philosophie als neuen Christentum
(16), er deutet in einem Zuge sogar auch
an, dass diese Philosophie letztlich als
die einzige, legitime, weil zeitadaequate
Nachfolgerin dieser Religion gelten muss.
Sicherlich baut er diese Feststellung nicht
auf den Dialog von Philolethes und Demopheles,
aber auch nicht auf die an sich fruchtbare,
nichtsdestoweniger aber unter begrenzten
Rahmen verbleibende Idee der von der Religion
gesteuerten Rationalisierung der Alltagspraxis.
Könnte es der Fall sein, dass Schopenhauer
diese Selbst-Interpretation ohne einen gravierenden
Grund geliefert haette? Nun, dem ist es nicht
so. Den Grund dieser Einschaetzung findet
man aber nicht in dieser oder jener These,
sondern in einer generellen Einstellung dieser
Philosophie. Schopenhauer ist naemlich der
einzige Philosoph der Neuzeit, der das notwendige
und unausweichliche innerweltliche Leiden
des Menschen in den Mittelpunkt seines Denkens
stellt. Dieses fundamentale Ernstnehmen des
Leidens führt bei ihm in der Tat zu einer
Auffassung der Kreatürlichkeit, die zweifelsohne
als quasi-christlich aufgefasst werden kann,
aber auch. Somit besteht in diesem Falle
auch kein Widerspruch zwischen den voneinander
so fernstehenden Perspektiven dieser Philosophie:
Das Christentumbild des Dialoges 'Über Religion'
schliesst den soeben genannten quasi-christlichen
Charakter überhaupt nicht aus. Sowohl die
Perspektive von Philolethes wie auch die
von Demopheles lassen sich mit der Auffassung
des Menschen als Kreatur ohne grössere Schwierigkeiten
in Übereinstimmung bringen. So oft (und so
berechtigt) es also im Falle Schopenhauers
um philosophische Inkoehaerenz die Rede sein
muss (17), so kann es in diesem Falle von
Inkohaerenz nicht die Rede sein.
Schopenhauers philosophische Thematisierung
des Leidens liess sich aus mehreren historischen
und systematischen Perspektiven mit gleichem
Recht untersuchen. Hier möchten wir drei
wichtige Perspektiven aus ihnen auswaehlen.
Zunaechst muss erwaehnt werden, dass das
Leiden aus vielen und heterogenen Grnden
in den wichtigsten Tendenzen der Zeit so
gut wie verschwunden ist. Der breite Strom
der Aufklaerung erhob es in die politische
Sphaere, bei Kant und Hegel wurde es zum
Opfer der sprunghaft gestiegenen philosophischen
Distanz, der neu eingesetzten philosophischen
Eliminierung der Unmittelbarkeit (18). Diese
Verschiebungen lassen die strukturelle Position
Schopenhauers in der Thematisierung des Leidens
als einmalig erscheinen.
Eine weitere entscheidende Perspektive im
Schopenhauerschen Leid-Problematik ist die
der philosophischen Identifizierung. Einerseits
identifiziert sich der Mensch des modernen
Zeitalters in den Grundstrukturen seiner
Attitüde auch schon in der Alltagspraxis,
d.h. in der von der Philosophie aus gesehenen
Vor-Phase zumeist mit dem Erfolg- und Siegreichen,
mit dem Nicht-Leidenden also. Dies bildet
einen entscheidenden, nichtsdestoweniger
aber gewiss nicht untranszendierbaren Rahmen
auch für die philosophische Fragestellung.
Gewiss kann man der gesamten Philosophie
des neunzehnten (und des zwanzigsten) Jahrhunderts
nicht vorwerfen, dass sie keine Affinitaet
zum Leiden gezeigt haette. Der generelle
und von dem erwaehnten Rahmen nicht unabhaengige
Unterschied zu Schopenhauer besteht darin,
dass bei ihnen das (wie immer auch beschaffene)
Leid zwar wahrgenommen, es aber gleich als
Element eines grösseren, vor allem wirtschaftlichen
oder politischen Komplex aufgearbeitet worden
ist. Nun wissen wir, dass es bei Schopenhauer
nicht der Fall war. Schopenhauers philosophisches
Festhalten am Problem des Leides bedeutet
aus diesen Gründen also eine weitgehende
Identifizierung mit dem Menschen als Leid-Wesen.
Ohne dass wir jetzt den leidenden Menschen
soziologisch weiter definieren wollten, bedeutet
es ausser einem Festhalten an eine Entscheidung
für konkrete Menschen, die gerade in ihrer
Qualitaet als Leidende von den führenden
anderen philosophischen Strömungen weitgehend
(und wie wir es sahen, aus diesen oder anderen
Gründen auch notwendig) vernachlaessigt worden
sind. Dadurch befriedigt Schopenhauers Philosophie
eine Forderung, die am klarsten Elias Canetti
aufgestellt hat: 'Zu den unheimlichsten Phaenomenen
menschlicher Geistesgeschichte gehört das
Ausweichen vor dem Konkreten. Es besteht
eine auffallende Tendenz, erst auf das Fernste
loszugehen und alles zu übersehen, woran
man sich in naechster Naehe unaufhörlich
stösst.' (19)
Das Leiden als das Konkrete, dem man nicht
ausweicht - dies waere also der Gedanke,
den wir bei Schopenhauers Selbsteinschaetzung,
seine Philosophie waere DIE eigentliche neue
Religion, als die legitime Grundlage ansehen
würden. Wir würden an dieser Stelle Ludwig
Marcuse's Gedanken umkehren: Die 'grossen
Pessimisten' berufen nicht auf die Tatsache
des Leides, vielmehr werden sie 'grosse Pessimisten',
weil sie das Faktum des Leides für das Bestimmende
halten (20). Schopenhauer nimmt das Leiden
als fundamentale 'condition humaine' so ernst,
dass er das Sich-Wohlbefinden als NICHT-LEIDEN,
d.h. Abwesenheit des Leidens definiert, dadurch
'dem Leiden die positive Bedeutung..., dem
Wohlsein die negative (zugeschrieben wird)'.
(21)
Anmerkungen:
(1) Anschauung-Alltagsbewusstsein - Schopenhauer
selber formuliert es in vollkommener Unmissverstaendlichkeit
so: 'Der Charakter der Welt würde Falschheit
sein, wenn mit der Anschauung des Dinges
die eigentliche Erkenntnis seines Wesens
nicht vollendet waere.' (Zitiert in Arnold
Gehlens wichtiger Studie 'Die Resultate Schopenhauers',
in: Theorie der Willensfreiheit und frühe
philosophische Schriften. Neuwied und Berlin,
1965. S. 312.) -Noch vollstaendiger ist aber
vielleicht die folgende Bestimmung: 'Die
ANSCHAUUNG nun aber ist es, welcher zunaechst
das eigentliche und wahre Wesen der Dinge,
wenn auch noch bedingter Weise und offenbart.
Alle Begriffe, alles Gedachte, sind ja nur
Abstraktionen, mithin Teilvorstellungen aus
jener, und bloss durch Wegdenken entstanden.
Alle tiefe Erkenntnis, sogar die eigentliche
Weisheit, wurzelt in der ANSCHAULICHEN Auffassung
der Dinge...' (Die Welt als Wille und Vorstellung.
Achte Auflage. Herausgegeben von Julius Frauenstaedt.
Leipzig, 1891. Band II.,S. 431.
(2) S. dazu Endre Kiss, 'A mindennapi tudat
tizenh rom alapelve' (Die dreizehn Grundprinzipien
des Alltagsbewusstseins), in: VALÓSÁG, 1986/12.
(3) Ein fast grotesk anmutendes Problem erschien
deshalb in der Geschichte der Philosophie,
als in den 50-er und 60-er Jahren sowohl
der Positivismus, als auch der naturwissenschaftliche
Materialismus auf den Plan trat und beide
ernstzunehmende Schwierigkeiten hatten, sich
als 'Philosophie' zu etablieren, weil beide
mit Denkstrukturen arbeiteten, die mit dem
Alltagsbewusstsein, mit der 'Anschauung',
wenn man will, konform waren.
(4) Dies betrifft im allgemeinen auch die
Verwendbarkeit biographischer Daten bei der
Interpretation der Schopenhauerschen Philosophie.
Hier geht es um zweierlei (man darf wohl
von Fachleuten mit ruhigem Gewissen erwarten,
dass sie zwischen den beiden differenzieren
können). Es geht zum einen um eine generelle
Ablehnung einer reduktionistischen Ableitung
einzelner philosophischer Artikulationen
aus lebensgeschichtlichen Daten. Anderereseits
geht es darum, dass bei Entstehung eines
neuen philosophischen Diskurses, die noch
dazu auch direkt EXISTENTIELL motiviert ist,
relevante lebensgeschichtliche Angaben nur
im Zeichen eines falschen Doktrinaertums
übergangen werden können. Der Fall des Freistaates
'Danzig' oder die Tatsache, dass die Mutter
eben DIE ERSTE im modernen Sinne genommene
emanzipierte Frau war (oder eben EINE DER
ALLERERSTEN von ihnen), sind keine biographischen
Fakten von nur partikularem Interesse, sie
bilden vielmehr sozialgeschichtliche Motivationen,
ohne welche die Interpretation der Willkür
zum Opfer fiele.
(5) 'Über Religion'. in: Parerga und Paralipomena.
Kleine philosophische Schriften. München,
1913 (ursprünglich Berlin, 1851), II. Band.
(6) Sehr charakteristisch ist es, dass selbst
Arnold Gehlen an einer Stelle seines bereits
zitierten Aufsatzes eine wichtige Stellungnahme
des einen Dialogpartners für die endgültige
Schopenhauersche Auffassung haelt: 'Zur Formierung
der Handlungen des einzelnen und des Volkes,
ethisch und politisch, muss die Religion
nicht in Anspruch genommen werden.' (a.a.O.
333.) Dies ist die Auffassung des Aufklaerers
Philolethes, waehrend sein Widerpart, Demopheles,
die Notwendigkeit der Religion gerade auf
dieser Grundlage formuliert. Auf dieses Problem
werden wir bald zurückkommen müssen.
(7) 'Über Religion', S. 351.
(8) S. dazu Endre Kiss, 'Nietzsche, Baeumler
oder über die Möglichkeit einer positiven
faschistischen Metaphysik', in: Annales,
Nr. 16., Jg. 1982. 157-175. - Es ist eine
philosophiegeschichtliche Tatsache, aus der
wir keine stigmatisierende Konsequenz auf
Schopenhauer ziehen wollen, dass Alfred Baeumler
den positiven Metaphysik-Begriff Schopenhauers
tatsaechlich aufarbeitete, um zu seinem Begriff
der positiven politischen Metaphysik zu kommen.
(9) 'Über Religion', S. 351.
(10) Ebenda, S. 357.
(11) Ebenda, S. 360.
(12) Ebenda, S. 352.
(13) Ebenda, S. 364.
(14) Ebenda, S. 368.
(15) Es ist nicht schwierig, eine Unzahl
von Beispielen aus dem Werk Schopenhauer
heranzuführen, in denen diese Unkenntnis
klar erscheint. Zum einen verwendet er anstatt
politisch-soziologischer Kategorien oft rein
psychologische, so charakterisiert er die
menschlichen Grundtriebe als 'Egoismus',
''Bosheit' und 'Mitleid', die alle in politologisch-soziologischem
Sinne völlig neutral sind. Nicht selten kommt
es in seinem Werk auch vor, dass politologisch-soziologisches
Material bei ihm als Rohmaterial zu einer
Psychologie des Allgemein-Menschlichen. -
Nun bedeutet die These von der politischen
und soziologischen Unkenntnis Schopenhauers
einerseits nicht, dass er garantiert keine
einzige wertvolle Aeusserung in dieser Richtung
gemacht haette, aber auch - andererseits
- nicht, dass diese Aeusserungen ohne weitere
Reflexionen als geschlossenes politisches
Weltbild interpreatiert werden könnten.
(16) 'Bei mir hingegen ist der Wille, oder
das innere Wesen der Welt...gleichsam der
gekreuzigte Heiland...' (Die Welt als Wille
und Vorstellung, Band II. S. 741.) - S. dazu
auch Kuno Fischer, Schopenhauers Leben, Werke
und Lehre. Zweite neu bearbeitete und vermehrte
Auflage. Heidelberg, 1989. S. 456.
(17) Die Beurteilung des Kohaerenzproblems
vom Verfasser dieser Zeilen s. eingehender
'Über Schopenhauers philosophischen Diskurs'.
In: Materialien der Tagung der Österreichischen
Schopenhauer-Gesellschaft (Innsbruck, 1988),
sowie Friedrich Nietzsches reife philosophische
Kritik an Schopenhauer. Elf Thesen über die
Kritik der Metaphysik. in: Schopenhauer,
Nietzsche und die Kunst. Schopenhauer-Studien,
Band 4. Wien, 1991. 111-115.
(18) Es geht nicht darum, dass Kant oder
Hegel keine expliziten Stellungnahmen zum
Problem des Leidens getan haetten. Es geht
uns hier um die Heraufbeschwörung dessen,
wie die jeweils anders geartete philosophische
Vermittlung dieses Problem nicht in der ursprünglich-konkreten
Form laesst und sie dem unmittelbar-pragmatischen
Zugriff entzieht.
(19) Elias Canetti, 'Macht und Überleben',
in: Das Gewissen der Worte. Essays. Stuttgart,
1976. S. 23.
(20) Ludwig Marcuse, Umgang oder Übergang.
München, 1959. S. 207.f.
(21) Kuno Fischer, Schopenhauers Leben, Werke
und Lehre, S. 435.
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