„The proof of the pudding is in the eating“
Klasse, Klassenbewußtsein und die Frage nach der gesellschaftlich notwendigen Form der Vermittlung
Von Barbara Eder
„Jetzt spiegelt sich der gesellschaftliche Kampf
in einem ideologischen Kampfe um das Bewußtsein,
um Verhüllung oder Aufdeckung des Klassencharakters der Gesellschaft.
Aber die Möglichkeit des Kampfes weist bereits auf die dialektischen Widersprüche,
auf die innere Selbstauflösung der reinen Klassengesellschaft hin.“[i]
„Wer wird die Welt verändern? Die, denen sie nicht gefällt!“[ii]
Eine grundlegende Kategorie, die einst als Indikator zur Bestimmung der gesellschaftlichen Position ganzer Gruppen diente, scheint heute weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Es war die Kategorie der sozialen Klasse, durch die innerhalb einer marxistisch orientierten Wissenschaft von der Gesellschaft die Lebensverhältnisse von Kollektiven bezeichnet werden konnten, die in Absehung von wesensmäßigen Eigenschaften und moralischen Attributionen durch ihre Stellung im Produktionsprozess charakterisiert wurden. Jene mit dem Insistieren auf einem Primat des Ökonomischen im Bereich der Lebensführung verknüpfte Klassenkategorie ist mit der Dominanz von Schichttheorien seit Beginn der 1970er Jahre am sozialwissenschaftlichen Horizont indes nur mehr bedingt auffindbar (vgl. Geißler 1996). Schichtmodellen liegt nicht nur ein wesentlich harmonischeres Bild von sozialer Ungleichheit zugrunde, sondern auch die weitgehende Vernachlässigung von Ansätzen zur Erklärung jener gesellschaftlichen Antagonismen, die zur Spaltung von Gesellschaft gegen Ende des 19. Iahrhunderts in die Interessen von lohnabhängigen ArbeiterInnen und kapitalbesitzenden ProduktionseigentümerInnen führte.
Selbst wenn es andere Teilungen sind, die zum klassischen Hauptwiderspruch von Kapital und Lohnarbeit hinzugetreten sind, so wird der Skandal einer nach wie vor auf ökonomischer Ungleichverteilung beruhenden Gesellschaftsordnung nur mehr selten moniert (vgl. Kreckel 1998). Stattdessen wird von einer angeblich ,neuen’ und transversal zur Klassenlage stratifizierten Prekarität als Lebens- und Berufsrisiko gesprochen, die – anders als Statistiken zur Klassenmobilität dies belegen – schichtindifferent konstatiert wird.[iii] Der als temporär angenommene Seinszustand des/der „Prekären“ wird zudem nicht selten mit der Möglichkeit eines munteren Auf und Ab entlang der Stufenleiter einer „Multioptionsgesellschaft“ (Pongs/Gross 1999) assoziiert, die unter den Bedingungen des Vorhandenseins bestimmter kognitiver Ressourcen der Individuen Aufstiege und Quereinstiege jederzeit zulässt.[iv] In Kontrast zur euphorischen Flexibilisierungsrhetorik der ersten Generation von Ich-AGs und ,kreativen’ Online-ProletarierInnen bedeutet Prekarität realiter die Widerruflichkeit des Lohns aufgrund von Zeitarbeit oder nach ,Werk’ abgerechneten Tätigkeiten, wechselnde, unsichere Dienstverhältnisse ohne rechtliche Absicherung und dem damit einhergenden Verlust des Anspruchs auf Sozialleistungen sowie verstärkter Druck infolge von flexiblen Identifizierungen, die sich an der jeweils am Markt nachgefragten Tätigkeit orientieren.
Prekarität ist eine strukturelle Reaktion auf die seit den 1980er Jahren andauernde Krise des Wohlfahrtsstaates und manifestiert sich makrostrukturell in der Destabilisierung von Positionen am Arbeitsmarkt infolge der rechtlichen und ökonomischen Grundlegungen für atypische Beschäftigungsverhältnisse. Aufgrund ihrer erhöhten ökonomischen Vulnerabilität machen Prekäre zwangsläufig die Erfahrung von gesellschaftlicher Randständigkeit und sozialer Stigmatisierung, die sich in Armut, sozialer Ausschließung, dem Defizit an Anerkennung und dem Erleben starker Hierarchien infolge der dem Erwerb zugrunde liegenden Ausbeutungsverhältnisse manifestiert. Dimensionen gefühlter Unsicherheit erstrecken sich indes bereits weit in die Mittelschichtsmilieus hinein. Historisch betrachtet bedeutet Prekarität die Wiederkehr des modernen Tagelöhertums. Ohne Ankoppelung des Konzepts der Prekarität an den Bereich der soziologischen Ungleichheitsforschung lanciert der Prekaritätsdiskurs Christoph Reinprecht zufolge indes jenes durch neoliberale Ideologen forcierte „Leitbild individualisierter Selbstoptimierung“ (Reinprecht 2008, 13).
Die mit der Prekarisierung von Lebens- und Arbeitsverhältnissen einhergehende „Refeudalisierung sozialer Ungleichheit“ (Reinprecht 2008) wird medial und politisch nur bedingt als Folgewirkung einer veränderten ökonomischen Situation infolge der kapitalistischen Entwicklung begriffen; eher wird Prekarität als Ausdruck eines sich im Lebensstil manifestierenden Bewußtseinszustandes begriffen, der mit neuen Freiheiten und anderen Risken einhergeht (vgl. Meschnig/Stuhr 2003). Infolge der Ausblendung des Sachverhalts, dass wir in einer ökonomisch nivellierten und folglich ,nach oben’ gefahrenen Klassengesellschaft leben, in der Klasse, Geschlecht und nationale Zugehörigkeit nach wie vor Einkommensverhältnisse und Lebenschancen bestimmen, wird die Wiederkehr der Prekarität nicht etwa zum Impetus für gesellschaftliche Egalisierungsforderungen heran-gezogen; stattdessen wird eine ,neue’ Unterschicht entdeckt, in der die seitens der Mittelschicht befürchtete – und durchaus reale – Angst vor dem eigenen Abstieg eine Projektionsfläche ex negativo erhält.
Den Gründen dafür, dass in bürgerlichen Medien ebenso wie in der BILDZeitung keine oder falsche Schlüsse über die sich im zunehmendem Auseinanderdriften von Ober- und ,Unterschicht’ manifestierende Verfasstheit von Gesellschaft gezogen wurden, wird im folgenden Text nachgegangen. Sozialwissenschaft wird in diesem Zusammenhang als Bestandteil des gesellschaftlichen Subsystems Wissenschaft aufgefasst, das mit dem Verlust des Anspruchs auf Ideologiekritik die Deutungsmacht über Ursachen und Entstehung sozialer Ungleichheit weitgehend eingebüßt hat. Mit dem Verschwinden der nochmals in Abgrenzung von der Kategorie der Klasse definierten Klassenbewußtseins aus dem sozial-wissenschaftlichen Inventar wird nicht länger der Anspruch auf Überwindung der bestehenden Klassenherrschaft gestellt. Die epistemologische Herangehensweise bei der Rekonstruktion der Absenz einer vormals geschichtsmächtigen Denkkategorie ist eine historisch-genealogische, die mit einer Kritik an der dominanten und aus diesem Grund zur Selbstneutralisierung tendierenden Ideologie des Neoliberalismus einhergeht.
„Eine Klasse für sich?“ – Zur medialen Modellierung sozialer Ungleichheit
Strukturell betrachtet sind Deutschland und Österreich Gesellschaften mit starker nach Geschlecht stratifizierter ökonomischer Ungleichverteilung. 1 Prozent der statistisch verzeichneten EinwohnerInnen der Bundesrepublik Deutschland verfügt über 23 Prozent des gesamten Vermögens in Deutschland, dem reichsten Zehntel gehören sogar 61,1 Prozent davon und das gesamte Betriebsvermögen aller BundesbürgerInnen befindet sich in den Händen von 4 Prozent, zu denen laut sozioökonomischen Panel aus dem Jahr 2007 ebenso Kleinstbetriebe wie FriseurInhaberInnen und MetzgermeisterInnen gezählt wurden. Im oberen Einkommensdrittel werden 35,8 Prozent aller Einkünfte eingenommen, während im unteren Drittel nur Schulden gemacht werden (vgl. Herrmann 2012, 33ff.). Ebenso signifikant ist die Korrelation von niedrigem Einkommen und Lebenserwartung: Nur 79 Prozent der GeringverdienerInnen erreichen überhaupt das Rentenalter, bei einkommensstarken Personen sind es hingegen 91 Prozent (ibid., 175). Der Empfang von staatlichen Trasnferleistungen ist infolge des Zur-Verfügung-Stehens am Arbeitsmarkt mit Zwangsvermittlungen und dem verstärkten Druck, Finanzen offenzulegen, verbunden, während Personen, deren Nettoeinkommen das von 18 000 Euro jährlich übersteigt, nicht einmal mehr im Mikrozensus erfasst werden und ihre Einkommenslage folglich nicht in diesem Maße transparent machen müssen (ibid., 29).[v] Berücksichtigt man zudem die „feinen Unterschiede“ im Hinblick darauf wie welche Arbeit von wem verrichtet wird, dann wird man diesbezüglich starke Differenzen vorfinden: Während körperlich harte und gesundheitsschädigende Tätigkeiten im Produktionsbereich an ,Unterschichtsangehörige’ mit zumeist migrantischem Hintergrund ausgelagert werden, zelebrieren Angehörige der Mittelschicht ihre Arbeit indes als „Performance“, die zwar „anstrengend“ ist, weil sie den sozialen Konventionen nach so repräsentiert werden muss, aber nicht primär auf die Erledigung einer Aufgabe abzielt: Vielmehr geht es bei einem Einkommen von 2000 Euro aufwärts um die Darstellung von Arbeit im Kreislauf des Systems von Erschöpfung und konsumptiver Belohnung, die zum Zweck der Selbstlegitimation mit einem biografischen Mythos ausgestattet wird. Während ,oben’ delegiert und damit auch mit der Verrichtung einer Tätigkeit durch andere spekuliert werden kann, ist die im unteren Klassendrittel verrichtete Arbeit Teil einer „symbolische[n] Politik“[vi] (Seeßlen / Metz 2011, 262) der Vernichtung.
Folgt man indes den Selbstbeschreibungen der im Hinblick auf ihre Klassenzugehörigkeit Befragten, dann zählen sich mit einigen Ausnahmen nahezu alle – von Erwerbslosen bis hin zu SpitzenverdienerInnen – zur sogenannten Mittelschicht. Obgleich sich satte 25 Prozent der Befragten weit unterhalb der ökonomischen Kriterien befinden, durch die die Zugehörigkeit zur Mittelschicht bestimmt wird, verorten sich nur 3 Prozent unterhalb dieser Skala. Als reich gilt abseits eines klar definierten Einkommens immer der/die, die einige 100 Euro mehr als man selbst verdient – dies gilt auch in Bezug auf die Selbsteinschätzung, die MilliardärInnen von sich haben (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2008). Selbstbeschreibung und Fremddefinition driften diesen Befunden zufolge stark auseinander. Dies mag auch auf das Stigma der ,Unterschichten’-Attribution und den damit einhergehenden Konnotationen einhergehen: Klassenzugehörigkeit wird nicht länger als produktiver Faktor im Prozess der Bildung einer „Klasse für sich“ aufgefasst, sondern vielmehr als schambesetzte Fremddefinition wahrgenommen. Dies ist auch darauf zurück zuführen, dass Armut als Resultat eines selbstverschuldeten Elends im Neoliberalismus gilt und es infolgedessen keine klassenadressierenden Formen von Politik im Sinne einer „Option für die Armen“ mehr gibt.
Im Hinblick auf die Desavouierung klassenmäßiger Verfaßtheiten hat das vormalige Leitmedium Fernsehen als Paralleldiskurs zum sozialwissenschaftlichen Differenz-management ein paradoxes Wissen um eine sogenannte ,neue’ Unterschicht etabliert, die als wandelnde Visiotype den Weberschen Idealtypus beerbt hat. Bei der ,neuen’ Unterschicht handelt es sich um eine durch spefizische Bildpolitiken unterstützte Erfindung, die in Zeiten der Ausweitung neoliberaler Regierungstechnologie Vorstellungen wie jene von ,Eigenverantwortlichkeit’ und Leistungsfähigkeit mit dem Zweck der ideologischen Legitimation des Rückzugs des Sozialstaates in umgekehrter Weise darstellen soll. Über die dazugehörigen Bilder sowie die damit einhergehende Form der negativen Spiegelung, die stets mit einem „delegierten Genießen“ (Žižek) einhergeht, schreiben Seeßlen und Metz:
„Die entfesselte Dummheit des Neoliberalismus erzeugt den Menschen, der zugleich Tier und Maschine werden will. Oder Haustier und Ware, wie man es nimmt. Alles, was tröstet, ohne anzustrengen, denken wir dem Insassen der neuen Unterschicht zu: Schnelles, fettes und fettmachendes Essen, Alkohol und Nikotin, Entertainment der herbsten wie der sentimentalsten Art, ,animalischen’ Sex, Kinder und Haustiere. Dieser Mensch, sehen wir ihn uns beim Gang zum Gratisladen an, wird den Dingen, die er sich zum Trost hält, selbst immer ähnlicher, ein wandelnder Schokoriegel in obszöner Kleidung, der verzweifelt versucht, noch blöder zu gucken als sein Hund, qualmend und überschwappend wie ein Bierglas. Aber halt! Was geschieht da zwischen Blick und Bild? Der Anteil der realen Menschen, die sich nach diesem Bild verhalten, ist eher gering.“ (Seeßlen / Metz 2011, 99)
Im Anschluß an die Entdeckung ,neuer Unterschichten’ wurde der diesem Umstand zugrundeliegende Skandal systematisch erzeugter Ungleichheit vornehmlich unter Rückgriff auf Bilder, die der Plausibilisierung der ,wesensmäßigen’ Existenz der dazugehörigen Schicht dienen, decouvriert. Anstelle einer politisch notwendigen Recodierung der Klassenkategorie bedienten sich weite Teile der bürgerlichen Presse neoliberaler Deutungsmuster zur Erklärung der Lage der ,Anderen’. Die Lage der ,Unteren’ wurde als Resultat eines „selbstverschuldeten Ausschluss[es]“[vii] interpretiert, während die eigenen ökonomischen Privilegien, die zumeist durch Vererbung und geschickte Heiratspolitik über Generationen in ein und derselben Familie bleiben, durch Gesten und Rhetoriken der „Selbstdistinktion“[viii] verteidigt werden. Diesbezügliche Argumente reichen seit Max Webers Studien zum modernen UnternehmerInnentum von religiös imprägnierten Formen der Statusverteidigung – etwa die „Gottgewolltheit“[ix] des eigenen Besitzes –, dem damit zusammenhängenden „Berufsethos“[x], dem bedingungslosen „Willen zur Leistung“[xi] oder aber einem Instistieren auf eine aus der genetischen Veranlagung deduzierbare „intellektuelle Überlegenheit“, die insbesondere die Angehörigen einer sich neuerdings als „national“ definierenden Elite ins Feld führen, die die ökonomische Fundiertheit des gesellschaftlichen Seins als Epiphänomen von Kultur und kultureller Zugehörigkeit interpretieren.[xii] In Einklang mit der herrschenden Ideologie scheint laut Auskunft ihrer ProfiteurInnen die „unsichtbare Hand des Marktes“ mehr Distributions-gerechtigkeit zu kennen als staatlich verordnete Instrumente zum Austarieren sozialer Ungleichheit.
Medial erzeugte Bilder wie jene von chipsmümmelnden Kindern, vollalkoholisierten HundebesitzerInnen und anderen als anarchisch desubjektiviert dargestellten LeistungsempfängerInnen, die nur mehr als Wartenummern am Arbeitsamt existieren, werden vornehmlich dort distribuiert, wo der „nicht-dumme Proletarier“ ebenso wie „der kluge Kolonialisierte“ nach wie vor „die größte Gefahr für die Zentren von Macht und Reichtum, gleichgültig ob sie sich in Form der Emanzipation oder der Revolte zeigte“, darstellt (Seeßlen / Metz 2011, 96). Es gibt folglich eine überhistorische Fortdauer jenes Gefahrenmoments, das hundert Jahre früher noch mithilfe einer genuinen und zumeist der staatlichen Zensur[xiii] überführten Bildpolitik zum Ausdruck gebracht werden konnte. In Abgrenzung von der sozialpartnerschaftlichen Ästhetik in Fritz Langs metropolis, (D 1927), in dem die für die Stellung im Produktionsprozess signifikante und durch Personifikation dargestellte Kluft zwischen Hand- und Kopfarbeit mithilfe einer Beschwörung der integrativen Kräfte des Herzens nur vermeintlich überwunden werden kann, gab es nahezu zeitgleich Bilder vom autonomen Lebensentwurf der sozialistisch eingestellten Tochter einer verpfändeten ProletarierInnenfamilie, die in der Erwerbslosen-Siedlung „Kuhle Wampe“ am Stadtrand von Berlin ihrer vormaligen Hoffnung auf Arbeit einen symbolischen Ausdruck verliehen hat. Auf einem Grabstein im Eingangsbereich zur Kommune befindet sich in Reaktion auf die Einsicht, dass es in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit keine Arbeit gibt, die Inschrift „Hier haben wir unsere letzte Hoffnung auf Arbeit begraben.“[xiv]
Die Bezeichnung „Unterschicht“ ist heute nicht viel mehr als ein Signum jener Gespenstigkeit, die semantisch noch Remineszenzen an den topografischen Aufenthaltsort einer verfemten sozialen Gruppe erweckt. Die auch mit terminologischen Mitteln in ihrer wehrhaften Funktion unsichtbar gemachte „Unterschicht“, deren Lebensbedingungen Emil Kläger und Max Winter um 1900 noch mit sozialkritischem Impetus in den Tiefen der Wiener Kanalisation nachspürten, wird unter dem heutigen Druck journalistischer Mitteilbarmachung weder das Potenzial zugebilligt, Geschichte zu haben noch zum exemplarischen Subjekt derselben werden zu können (vgl. Kläger 1908 und Winter 1905). Die gängige Praxis einer empirizistischen Stagnation im apperzeptiv-empirizistischen Apriori mit anschließender Sortierung der Sozial-Szenen im Modus klassifizierenden Ordnens ist insbesondere dort bedenklich, wo an den der Entstehung einer Schicht der Unteren nicht länger Kritik geübt werden soll. Der Preis einer Abkehr vom historischen Materialismus ist jedoch nur vermeintlich jener der ,Ideologiefreiheit’: „[W]ährend der dialektische Materialismus eine Form der Ideologie „Wissenschaft“ nannte, nennt der Neoliberalismus/ Neopositivismus eine reduzierte Form der Wissenschaft ,Ideologie’“ (Kiss 2011, 14).
Das notwendig eingebildete Bewußtsein –
Georg Lukács, Herr Dübel und die Frage nach der gesellschaftlichen Vermittlung von Klassenbewußtsein
Georg Lukács, der die Klassenkategorie stets in strikter Differenz von jeglicher Form der empirschen „Meinungsforschung“ (Lukács 1967a, 18) bestimmte, hätte jenes im Film kuhle Wampe oder Wem Gehört die Welt (D 1932) durch die sozialistische Tochter der ArbeiterInnenfamilie Bönicke sukzessive entwickelte und heute weitgehend vergessene Klassenbewußtsein auch auf das Fehlen adäquater Instrumente der „Vermittlung als methodische[n] Hebel zur Überwindung der bloßen Unmittelbarkeit der Empirie“ (Lukács 1967b, 286) zurückgeführt. Folglich gibt es einen Zusammenhang zwischen Klassenbewußtsein und jenen gesellschaftspolitischen Instanzen, die bei Lukács nicht nur Instrumente der Vermittlung, sondern gleichsam solche zur Formierung von Klassenbewußtsein sind. Der zu vermittelnde Erkenntnisinhalt – das Klassenbewußtsein – wirkt somit in doppelter Weise auf das das erkennende Subjekt zurück, das dadurch zugleich Subjekt der Erkenntnis ist. In strikter Abkehr von jeglicher transzendental-idealistischen Bestimmung schreibt Lukács über das Verhältnis von Unmittelbarkeit und Vermittlung:
„Das Hinausgehen über die Unmittelbarkeit der Empirie und ihre ebenso bloß unmittelbaren rationalistischen Spielregeln darf sich also zu keinem Versuch, über die Immanenz des (gesellschaftlichen) Seins hinauszugehen, steigern, wenn dieses falsche Transzendieren nicht die Unmittelbarkeit der Empirie mit all ihren unlösbaren Fragen in einer philosophisch sublimierten Weise noch einmal fixieren und verewigen soll. Das Hinausgehen über die Empirie kann im Gegenteil nur soviel bedeuten, daß die Gegenstände der Empirie selbst als Momente der Totalität, d. h. als Momente der sich geschichtlich umwälzenden Gesamtgesellschaft erfaßt und verstanden werden. [...] Diese kann aber erst infolge des Aufgebens der falschen Einstellung des bürgerlichen Denkens an den Gegenständen zum Vorschein kommen und ins Bewußtsein gehoben werden. Denn die Vermittlung wäre unmöglich, wenn nicht bereits das empirische Dasein der Gegenstände selbst ein vermitteltes wäre, das nur darum und insofern den Schein der Unmittelbarkeit erhält, als einerseits das Bewußtsein der Vermittlung fehlt, andererseits die Gegenstände (eben deshalb) aus dem Komplex ihrer wirklichen Bestimmungen gerissen und in eine künstliche Isolation gebracht worden sind.“ (Lukács 1967b, 287)
Infolge des Unsichtbarmachens des Prozesses der Vermittlung selbst suggerieren die Medien der „Unterschicht“ indes nicht nur falsche Authentizität oder zusammenhanglose Beliebigkeit, sondern bringen das eigentliche Movens des historischen Prozesses durch Passivierung und Stigmatisierung zum Schweigen. Anstelle der Übernahme des aus sozialistischer Perspektive epistemologisch privilegierten und infolgedessen objektiven Standpunktes eines neuen, wesentlich inhomogener als zuvor bestimmten Proletariats, dem anno dazumal „die objektive Erkenntnis des Wesens der Gesellschaft“ (Lukács 1967b, 267) infolge des Zusammenfallens von Geschichte und Genesis möglich war, erfolgt Vermittlung heute stets von oben herab. Andernfalls wäre ein (w)ehrhafter Proletarier namens Herr Dübel, der als „Arbeitslos-und-Spaß-dabei“-Darsteller[xv] im deutschen Talk-TV Karriere machte, in Reaktion auf die von ihm verlautbarte Großzügigkeit, durch das eigene Ausscheiden aus dem Produktionsprozess die Arbeitsplätze anderer zu sichern, nicht pathologisiert und anschließend im Arbeitslager von RTL ,resozialisiert’ worden, wo man ihn mit sozialsadistischem Distinktionsgewinn beim unentgeltlichen Reifenwechsel ebenso beobachten konnte wie bei der unbezahlten Beseitigung von tierischen Exkrementen. Lukács zufolge gibt es „eine klassenmäßig bestimmte Unbewußtheit über die eigene gesellschaftlich-geschichtliche ökonomische Lage“ (Lukács 1920, 128), deren Bewußtwerdung indes weder mit der Sendung von Sequels zur televisuellen Zwangsarbeit einhergehen kann noch durch die falschen Folgerungen, die zur Erklärung der bestehenden Klassenherrschaft herangezogen werden. Ist es etwa doch jene kritische Sozial- und Geschichtswissenschaft, die zu selbiger Aufklärung derzeit beiträgt und der Lukács eine hegemoniale Funktion im Prozess dieser Erkenntnis zubilligte?
Unter Rückgriff auf die Vorstellung einer notwendigen Überwindung der bestehenden Klassengesellschaft könnte der Befund ökonomischer Ungleichheit nicht nur zum Ausgangspunkt für politische Bewegungen werden, sondern auch zum genuinen Gegenstandsbereich der gegenwärtigen Sozialwissenschaft. Im Zuge der Aufspaltung der Sozialwissenschaft in einen qualitativen und einen quantitativen Bereich der Forschung – wobei letzterer zunehmend von StatistikerInnen mit volkswirtschaftlichem oder mathematischen Ausbildungshintergrund abgedeckt wird[xvi] – erfolgt seitens der Soziologie indes ein breites Angebot zur Beschreibung von Identitäten im Modus maximaler Ausdifferenziertheit.[xvii] Während der fordistischen Periode des Wohlfahrtsstaates wurde etwa eine Form der Gegenwartsbeschreibung favorisiert, die die sich im Lebensstil manifestierenden „feinen Unterschiede“ in Abgrenzung vom Insistieren auf eine nach Klassen geteilte Gesellschaft stark aufwertete. Im Zuge der historischen Ausnahmesituation der kapitalistischen Entwicklung im Europa der 1960er und 70er Jahre sprach man in euphemistischer Antizipation des Soll-Zustandes nicht länger von sozialer Exklusion im Sinne der Konstatierung eines „harten“ Ausschlusses von Personengruppen von zentralen Institutionen der ökonomischen Reproduktion innerhalb der Gesellschaft, sondern vielmehr von Prozessen temporärer Ausschließung.[xviii] Erst zu Beginn der 1990er setzte eine erneute Gewichtung des ökonomischen Fundaments identitätsbedingter Exponiertheiten ein: Durch Neue Soziale Bewegungen wie etwa die Zweite Frauenbewegung und die Queere Bewegung inspiriert, fand die Kategorie der Klasse starke Berücksichtigung im Rahmen des aus feministischen und (post-)kolonialistischen Ansätzen hervorgegangenen „Intersektionalitäts-paradigmas“. Die Mannigfaltigkeit von Unterdrückungs- und/oder Ausbeutungsverhältnissen sollte unter Rückgriff auf den wechselnden Bedingungs- und Verweiszusammenhang von Geschlecht, Rasse und Klasse erneut beschrieben werden können.[xix]
Als reduktionistische Kategorie im Zusammenspiel mit anderen Faktoren wird soziale Klasse ebenso im Rahmen der postoperaistischen Theorie modelliert. Toni Negri und Michael Hardt führen den Verlust von Klassenbewußtsein auf die Veränderungen zurück, die der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts auf seinem Weg hin zum „kognitiven Kapitalismus“ durchlaufen hat. Seit Beginn der 1970er Jahre stellten die AutorInnen eine zunehmende Ausdehnung der Produktion auf vormals nicht-produktivierbare Bereiche des Lebens fest, die zur Veränderung des Fundaments eines möglichen Klassenkampfes – „Biopolitik ist Klassenkampf im erweiterten Sinn“ (Negri 2007, 28) – führten. Bisher unverwertet gebliebenen Tätigkeiten im Sinne eines „uneingelöste[n] Vermögens, eine[r] blockierten Potenzialität“ (ibid., 30.) werden im Empire durch das transnational operierende Kapital angeeignet und urbar gemacht. Infolge der Ausrichtung von gegenwärtigen Regimen der Akkumulation auf die Produktivierung des Lebens (bios) selbst kann es kein Außen des Verwertungsprozesses mehr geben. Formen von „affektiver Arbeit“, die bei Marx und Engels nicht Bestandteil der Sphäre der Wertschöpfung waren, sind im Empire ebenso Teil des kapitalistischen Produktionsprozesses wie jene von Erwerbslosen, Reproduktions-arbeiterInnen und „Arme[n]“, denen Negri und Hardt ein nicht näher definiertes „Tätigsein“ im Sinne eines „uneingelöste[n] Vermögens, einer blockierten Potenzialität“ (ibid.) zuschreiben. Insbesondere jene durch die viktimisierende Anrufung als „Lumpenproletariat“ definierte Klasse, deren Tätigkeit nicht auf die unmittelbare Produktion von Mehrwert ausgerichtet ist, sind bei Negri und Hardt „nicht nur Ausgeschlossene“, sondern „exemplarische[n] Subjekte[n] der Ausbeutung“ (ibid.).
Im Hinblick auf Tradition und Geschichte einer vormals homogen gedachten Kategorie reicht der mit dem Insistieren auf der Möglichkeit einer ,reinen’ Empirie einhergehende Deutungsverzicht ebenso wenig zur Neukonstitution des Klassenstandpunktes unter veränderten politischen Vorzeichen aus wie jene subjektlose Politik der Inklusion, die Negri und Hardt – wenngleich vor dem Hintergrund einer angestrebten Überwindung des Empire – mit dem Ziel der Mobilisierung aller, die ihre Arbeit als ausgebeutete darzustellen vermögen, propagieren. Obgleich infolge der gesellschaftlichen Transformation am Übergang vom Fordismus zum Postfordismus Prozesse der Klassenformierung durch die Veränderung des Stellenwerts der Lohnarbeit erschwert wurden, bleibt dennoch danach zu fragen inwieweit jene Klasse, die Georg Lukács in ganz und gar konstruktivistischem Sinne einer Bewußtwerdung „das Proletariat“ nannte und diese infolge der durch den Widerspruch zwischen Kapital und Lohnarbeit konstant vorangetriebenen Entwicklung eines Klassenbewußtseins mit der Funktion betraute „identisches Subjekt-Objekt der Geschichte“ (Lukács 1967a, 24) zu werden, heute tatsächlich verschwunden ist. Wie sinnvoll ist ein Festhalten an Begriffen wie „dem Vorindividuellen“[xx] in Anbetracht des damit einhergehenden Verlustes einer vormals geschichtsmächtigen Kategorie? Welches Problem der Vermittlung liegt diesem Verlust zugrunde? Und wie müssten jene Instanzen der Vermittlung von proletarischem Klassenbewußtsein heute beschaffen sein, als deren zentrales Instrument Georg Lukács die Geschichtswissenschaft erkannte?
Zum Verhältnis von bürgerlicher Wissenschaft und wehrhaften Klassen
Die Sozialwissenschaft der Gegenwart mag zwar ein Instrument zur empirischen Feststellung von Klassenzugehörigkeit im Sinne einer Fremddefinition sein; keineswegs aber ist sie ein Organ der Vermittlung von Klassenbewußtsein. Sucht man nach den tieferen Ursachen dieses Umstands, dann beginnt der epistemische Bruch mit einer politisch revolutionär gesinnten Begriffsbildung bereits mit den Anfängen der modernen Lehre von Gesellschaft. Wo zur Mitte des 19. Jahrhundert noch in Reaktion auf die wachsende Armut von sich konstituierenden gefährlichen Klassen die Rede war, ersetzte die im Entstehen begriffene Soziologie ihr begriffliches Instrumentarium in bewußter Abgrenzung von der Disziplin der politischen Ökonomie um Begriffe wie Macht, Charisma und Beruf(-sethos).[xxi] Dieselbe Sozialwissenschaft, die zu diesem Zeitpunkt noch an den Fundamenten einer im Entstehen begriffenen Wissenschaft arbeitete, sollte im ausgehenden 21. Jahrhundert die marxistische Mitgift einer klassenmäßigen Geteiltheit der Gesellschaft und den sich daraus ergebenden Antagonismen nicht einmal mehr erinnern. Der Auszug der Kategorie des Klassenbewußtseins im Sinne eines generationenübergreifenden Bewußtseins bewirkt infolge des Verkennens der dialektischen Widersprüche, die die historische Wirklichkeit vorantreiben, ein Erstarken von Geschichte im Raum einer geschichtslosen Gegenwart, die von bürgerlicher Seite[xxii] her als Geschichte des siegreichen Parts – des Kapitalismus – strategisch recodiert werden kann.
Wenngleich die Remineszenz an jene sozialistische Hoffnung politischer Natur ist, die mit dem aus einer bestimmten Form des gesellschaftlichen Seins erwachsenden Bewußtsein stets auch ein Bewußtsein adressierte, das die Überwindung der bestehenden „Klassenherrschaft“ herbeiführen sollte, so wird Klasse infolge einer weitgehenden Pragmatisierung sozialwissenschaftlicher Denkkategorien zum Ergebnis des deskriptiv feststellbaren Sachverhalts eines monatlichen (Nicht-)Verdienstes. Endre Kiss zufolge ist dies auch auf jene die Gegenwart der Sozial- und Geisteswissenschaften bestimmende Symmetrie von Neoliberalismus und Postmoderne zurück zuführen, die eine fundamentale Umgruppierung der für den Prozess der Wissensgenerierung relevanten Episteme bedingt. Die Regulation von Begriffsbildungen erfolgt entlang eines neopositivistischen Settings, das Multiperspektivik gerade deshalb zur forschungslogischen Prämisse erklärt, weil dadurch „die grenzenlos und absolute Kritik mit der vollkommen garantierten Wirkungslosigkeit“ (Kiss 2011, 13) friktionsfrei in Einklang miteinander gebracht werden können. Die neoliberale Überführung neopositivistischer Prämissen in den Bereich der Erkenntnissphäre führt zur argumentativen Zernierung jener Ideologeme, die unter der Voraussetzung einer vermeintlichen Neutralisierung im Bereich der Wertsphäre die Dominanz des „neopositivistischen Neoliberalismus“ (ibid., 2) bewirken.[xxiii] Infolge der bewußten Ausklammerung jener partialen Perspektive, die das Realitätsbewußtsein des Erkenntnissubjekts überhaupt erst hervorbringt, kann in der Postmoderne eine „virtuelle Ideologie“ distribuiert werden, die „nach einer Einübung in die Differenzlogik, die auch Missionierung genannt wird, wie von allein entsteht.“ (ibid., 15) Die diesem Prozess vorausgehende idealistische Annahme der Existenz von Objekten im Bewußtseins führt nicht etwa dazu, dass in Abgrenzung von der materialistisch konzeptionierten Weltauffassung Bewußtsein von oder über etwa entstehen kann; vielmehr führt dies zur Rehabilitierung der Annahme einer Erkennbarkeit jenes „Ding-an-sich-Charakters“[xxiv] von Wirklichkeit, welcher historisch betrachtet immer dann beschworen wurde, wenn das Insistieren auf „das Unbewußte wie auch das strukturell Isomorphe im ursprünglichen Paradigma“ (Kiss 2011, 15) die selbstreflexive, kommunikativ hergestellte und standortgebundene Herkunft von Wissen nahe legte.
Friedrich Engels zufolge kann Klassenbewußtsein jedoch auch in Absehung von adäquaten Instanzen der Vermittlung als jähe, unvorhersehbare und praxeologische Manifestation zutage treten. Um 1892 hatte Engels dafür eine allgemeinverständliche Metapher in Modus pragmatisch orientierten, proletarischen Denkens gefunden. Daraufhin befragt, ob mit der Erkenntnis der eigenen Klassenzugehörigkeit zwangsläufig die Herstellung eines Klassenbewußtseins einherginge, antwortete dieser, dass das Essen selbst der Beweis für die Existenz eines Puddings sei – „The proof of the pudding is in the eating. Man prüft den Pudding, indem man ihn ißt.“ (Engels 1892, 296). Folgt man diesem dezenten Hinweis, dann zeigt Klassenbewußtsein sich heute auch dort, wo dieses dem modus operandi der dazugehörigen Metapher sich nur in versteckter Form präsentieren kann. Diese Annahme sollten wir zum Ausgangspunkt für eine Lesart von gegenwärtigen und gewesen Kämpfen um ökonomische Verteilung nehmen, die noch im Latenzbereich jenes Klassenbewußtseins ausgefochten wurden und werden, das im Zuge von Bankenkrisen im „Lumpenproletariat der Finanzaristokratie“[xxv] erneut einen Antagonisten erhält. Obgleich damit die Konstitution einer einheitlichen, homogenen und überhistorischen Klasse für sich noch nicht verbunden ist, tragen die gegenwärtigen Enthüllungen des „ökonomisch Unbewußten“ zu diesem Prozess indirekt bei. Noch hat dies gute Gründe: „the revolution will not be televised“ – yet. Wir wissen warum.
[ii] Ausspruch einer jungen Erwerbslosen gegen Ende von Slátan Dudows Film kuhle Wampe oder Wem Gehört die Welt (D 1932).
[iii] Einem diesbezüglichen Trugschluss ist ebenso Pierre Bourdieu aufgesessen, der ungeachtet des höheren Vulnerabilitätsrisikos im Bereich der unteren sozialen Schichten aus Gründen der höheren Mobilisierbarkeit politischer AktivistInnen davon sprach, dass Prekarität „überall sei“ und auch alle betreffen würde (vgl. Bourdieu 1998).
[iv] Zu diesem euphemistischen Bild exemplarisch Friebe/Lobo 2006, die mit „Wir nennen es Arbeit“ die kreationistische Vorstellung von einer sich aus autonomen WissensproduzentInnen rekrutierenden „digitalen Boheme“ forcierten. Die AktivistInnen der Euro-Mayday-Bewegung erkannten bereits sehr früh, dass er nur bedingt sinnvoll ist von Luxusprekarisierten wie der „kreativen Klasse“, den „intellos precaires“ oder der „digitalen Boheme“ zu sprechen, vgl. diebszüglich das Manifest „Prekär, Prekarisierung, Prekariat. Bedeutungen, Fallen und Herausforderungen eines komplexen Begriffs, und was das mit Migration zu tun hat“ des Frassantio- Netzwerks (2005).
[v] Die in diesem Absatz genannten Zahlen stammen aus Herrmann 2011, die sich auf aktuelle Erhebungen und Wochenberichte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bezieht.
[vi] Georg Seeßlen und Markus Metz (2011, ibid.) schreiben im Hinblick auf die klassenmäßige Verteilung von Arbeit: „Arbeit ist totale Unterwerfung, Arbeit „da unten“ ist nicht Teil des Diskurses der Produktivität, sondern Teil des Diskurses der Macht (und schon damit ist Arbeit hier Teil des Todes.“
[vii] Zur soziologischen Hypothese des „selbstverschuldeten Ausschlusses“ exemplarisch Bude/Lantermann 2006.
[viii] Pierre Bourdieu zeigt in seinen sozialen Analysen auf welche Weise ein rhetorischer Stil, eine bestimmte Mode oder eine ästhetische Eigenart als „strategische[s] Mittel zur Darstellung von Distinktion“ systematisch eingesetzt wird (Bourdieu 1987, 120) Der Effekt der Anwendung bestimmter Strategien der Distinktion wirkt sich zugunsten eines sozialen Benefits der Akteure aus (ebd. 50, 519, 528). Sogenannte ,Distinktionsgewinne’, also spezifische Merkmale sozialer Unterscheidung, sind mit Anerkennungen ebenso verbunden wie diese als Riten der Zugehörigkeit und als diskursive Wiederholungsmechanismen zur Versicherung der eigenen Identität verstanden werden können (ibid. 346,440).
[ix] Max Weber zufolge legitimierte das moderne bürgerliche UnternehmerInnentum seine im „Bewußsein, in Gottes voller Gnade zu stehen und von ihm sichtbar gesegnet zu werden“ (Weber [1904/05] 1996, 150). Der calvinistischen Prädestinationslehre und ihrem Dogma der Gnadenwahl liegen die Ursprünge dieser „Überbietung der innerweltlichen Sittlichkeit“ (ibid., 80) zugrunde, auf deren ideengeschichtliche Entstehung aus Platzgründen hier leider nicht näher eingegangen werden kann.
[xi] Dieses Argument wird vor allem von neoliberalen Polit-Technokraten zur besseren Selbststeuerung forciert, vgl. exemplarisch Nolte 2004.
[xii] Ein Formenkatalog an rhetorischen Gemeinplätzen, durch die Reichtum zum Epiphänomen genetischer Dispositionen erklärt wird, findet sich exemplarisch in Sarrazin 2010. Intelligenzleistung, kulturelle Zugehörigkeit und ökonomische Prosperität werden darin in Bezug zueianander gesetzt und biologisch zum Zweck imperialer Vormachtsansprüche begründet.
[xiii] Insbesondere die Selbstmord-Szene eines jungen Arbeiters in kuhle Wampe oder Wem Gehört die Welt, der seine Uhr – das einzige, was er besitzt – ablegt, bevor er sich aus dem Fenster stüzt, wurde seitens der Zensurbehörde aufgrund möglicher Nachahmungseffekte als bedenklich eingestuft. Realiter verhält es sich indes umgekehrt: Brecht, der am Drehbuch beteiligt war, nahm für diese das gehäufte empirische Vorkommen von Selbstmorden ehemaliger ArbeiterInnen zum Vorbild.
[xiv] kuhle Wampe oder Wem Gehört die Welt, D 1932, R: Slátan Dudow, 2. Drittel des Films.
[xv] Mit Songs wie „Arbeitslos-und-Spaß-dabei“ und Sprüchen wie „Man soll sich doch so wenig Arbeit machen, wie’s nur geht“ avancierte Arno Dübel im Jahr 2010 zum prominentesten Erwerbslosen Deutschlands. In einschlägigen Talksshows sowie im Rahmen der Skandalisierung durch BILD wurde der Hamburger Fussballfan infolge wachsender Popularität durch dieselben Medien denunziert, die ihm anfänglich die Aufmerksamkeit eines Stars verliehen. Die dazugehörigen Darstellungen erschöpften sich in platten Einleitungen – „Dübel ist Kettenraucher, sitzt den ganzen Tag auf seinem Sofa und sieht fern“ – und kulminierten in tele-visionären Formen der Vermittlung im Rahmen des Sequels „Arno in der Welt der Werktätigen“. Mit Blick auf den zeitlichen Abstand in der Spannweite von Aufstieg und Fall vgl. „Der Fall Arno Dübel – Seit 30 Jahren arbeitslos“ im Talkformat „Menschen bei Maischberger“/ ARD (http://www.youtube.com/watch?v=pypwopo3BD0) und die Beschäftigungsmaßnahmen zu späterem Zeitpunkt durch die Medienmeute von RTL unter http://video.google.com/videoplay?docid=-1683994911592903656#
[xvi] Der Hiatus zwischen Theorie, Empirie und Sozialpolitik manifestiert sich innerhalb der Sozialwissenschaften ebenso in der wissenschaftlichen Arbeitsteilung: Im Gegensatz zu „kapitalistischen Theorieunternehmern“ kommt den „proletarische[n] Hypothesentester[n]“ im Forschungsprozess die Aufgabe zu, in verifikatorischer Absicht Zahlen und Daten den Lücken einer ,großen’ Theorie supplementieren (Glaser/Strauss 1998: 20).
[xvii] Dies ist darauf zurück zuführen, dass im sogenannten „postideologischen Zeitalter“ eine Renaissance der marxistisch besetzten Kategorie der sozialen Klasse ebenso wenig angebacht erscheint wie daraus erwachsende Antworten auf Fragen der Distributionsgerechtigkeit, die zumeist in den Zuständigkeitsbereich der Sozialpolitik verwiesen werden. Zum anderen ist dieser Umstand auf die ideologievermittelnde Funktion einer sich nicht länger als kritisch verstehenden Wissenschaft zurückzuführen, die aufgrund der Kriterien für die Vergabe von Fördermitteln Ergebnisse zugunsten der Plausibilisierung neoliberaler Argumentationsstrukturen modelliert. Einen symbolischen Ausdruck erhält dies unter anderem in Form von jenen positivistisch orientierten Methodenpostulaten, in denen die apodiktische Forderung nach einer theoriefreien und möglichst unvoreingenommenen ,tabula rasa’-Haltung bei der Annäherung an den Forschungsgegentand forciert wird. Dies kulminiert in der wissenschaftstheoretischen Mystifizierung jenes fingierten Nullpunkts, von dem aus die ForscherIn einen Sachverhalt ex nihilo und folglich „ideologiefrei“, aber dennoch analog eines ebenso „ideologiefreien“ Common Sense, erfassen solle. Für diese Zugangsweisen stehen beispielsweise die wissenschaftstheoretischen Positionen der hermeneutischen Soziologie. Dort wird davon ausgegangen, dass theoretische Vorkenntnisse die Strukturierungsleistungen des Feldes verdecken anstatt ihrer wissenschaftlichen Entdeckung förderlich zu sein. (vgl. Schröer 1997) Gerade weil es jedoch keine unvoreingenommene Beobachtung des Sozialen geben kann, sind Wissensbestände stets so tief in die Praxis der Wissensgenerierung einbettet, dass Wahrnehmung und die auf Theorie abzielende Interpretation von Daten im Idealfall nicht voneinander isolierbar ist.
[xviii] Für die Kategorie Race im Kontext von räumlicher Exklusion und Ghettoisierung vgl. exemplarisch Wacquant 2007.
[xix] Ein richtungsweisender Versuch, Intersektionalität erneut in methodischer und theoretischer Hinsicht fruchtbar zu machen, findet sich in Hess, Sabine; Nikola Langreiter, Elisabeth Timm 2011 sowie im Kontext der Multitude-Diskussion Von Osten 2007.
[xx] Postoperaistische AutorInnen wie Paulo Vrno und Mauricio Lazzarato brachen am Vorabend von 1968 mit der Vorstellung einer orthodoxen Genese des Subjekts von Kämpfen und Konflikten aus dem Bereich der ökonomischen Basis. In der Mutidude verflüchtigt die ArbeiterInnenklasse, die unter der historischen Bedingung der Objektivierung, d.h. der Univeralisierung des eigenen proletarischen Standpunktes zum Synonym für Klasse schlechthin, im metaphysischen Substrat jenes General Intellect, der die Diversität der Vielen und die Spaltungen, die die Individuuen durchziehen, Negri und Hardt zufolge repräsentieren soll. Unter Rückgriff auf das „Vorindividuelle“ versucht Vrno Individuen erneut als vergesellschaftete zu denken, diese und nicht etwa das Kollektiv werden infolgedessen zum Ausgangspunkt seiner Theorie (vgl. Vrno 2007, 37ff.). Die AkteurInnen im Empire sind folglich nicht länger RepräsentantInnen einer Klasse mit dem dazugehörigen Bewußtsein, sondern Bestandteil eines begrifflich nicht distinkt bestimmten „Vorindividuellen“, das aus multiplen, in der Menge miteinander verbundenen Subjekten der Ausbeutung besteht.
[xxi] Parallel dazu entstand im Bereich der Philosophie ein diffuser und unter dem Etikett der „Lebensphilosophie“ vermarkteter Korpus an Weltanschauungsliteratur, der in Verwerfung der Mühsehlichkeiten einer Hegelschen Dialektik das Unbehagen der deutschen Bourgeoisie kanalisieren sollte, die im preußischen Staat Bismarcks ihren Glauben an den unbegrenzten Aufstieg des Kapitalismus nicht ausreichend gespiegelt sah. (Vgl. Lukács 1983, 355f.)
[xxii] Infolge des Verkennens der dialektischen Widersprüche, die den Fortgang von Geschichte ebenso wie den revolutionären Bruch bedingen, kann es für den bürgerlichen Geschichtsschreiber Geschichte gar nicht geben. Dasein und Sosein sind miteinander identisch und führen infolge des auf diese Weise erzeugten Eindrucks vermeintlicher Unmittelbarkeit zu einer Selbstaufhebung von Geschichte. In ironischer Parodie der historistischen Geschichtsbetrachtung schreibt Marx über die Ansicht der dazugehörigen HistorikerInnen im „Elend der Philosophie“: „Somit hat es Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr“ (Marx 1847, 139). Georg Lukács zufolge vertreten auch sozialdemokratische HistorikerInnen ein derartiges Geschichtsbild: „ Dieses Zerfallen der dialektisch-praktischen Einheit in ein unorganisches Nebeneinander von Empirismus und Utopismus, von Kleben an den „Tatsachen“ (in ihrer unaufgehobenen Unmittelbarkeit) und von gegenwarts- und geschichtsfremdem leeren Illusionsimus zeigt in zunehmendem Maße die Sozialdemokratie.“ (Lukács 1967b, 336).
[xxiii] Die Trennnung in disziplinäre Zuständigkeitsbereiche ist Endre Kiss zufolge ebenso eine Finte, um über den fundamental ideologischen Gehalt des Ganzen hinwegzutäuschen: „Weil aber die neuen Komplexe in ihrem imperialen Charakter bis zuletzt legitimatorische philosophische, sogar auch ebenso legitimatorische wissenschaftslogische Eigenschaften bewahren, geht ihnen das Philosophische für keinen Augenblick ab. Das Philosophische, das Politische und das Organisatorische erscheint in ihrem Fall in einer neuen und homogenen Einheit.“ (Kiss 2011, 10)
[xxiv] Diese Position impliziert nicht etwa die Rückkehr zu einer möglichen Objektivität, sondern vielmehr einen allumfassenden Relativismus: „Denn die Annahme, dass die Umwandlung des unmittelbar Gegebenen in wirklich erkannte (nicht nur unmittelbar bekannte) und darum wirklich objektive Wirklichkeit, also die Wirkung der Vermittlungskategorie am Weltbild nur etwas „Subjektives“, nur eine „Bewertung“ der dabei „gleichbleibenden“ Wirklichkeit sei, heißt soviel, wie der objektiven Wirklichkeit wieder einen Ding-an-Sich-charakter zuzusprechen. Freilich behauptet jene Art von Erkenntnis, die diese „Wertung“ als bloß „Subjektives“, als das Wesen der Tatsachen nicht berührendes auffaßt, gerade zu der tatsächlichen Wirklichkeit vorzudringen. Ihre Selbsttäuschung liegt darin, daß sie sich zu der Bedingtheit ihres eigenen Standpunktes (und besonders zu dessen Bedingtheit durch das ihm zugrundeliegende gesellschaftliche Sein) unkritisch verhält.“ (Lukács 1967b, 267)
[xxv] Marx, der mit dem gehassten und ihrer politischen Wetterwendigkeit wegen gegeißelten Klasse des Lumpenprolerariats eine abwertende Bezeichnung für die Schicht, die sich aus den Abfällen der anderen ernährt und ihre einzigen Regelmäßigkeiten im Aufenthalt in Kneipenbesuchen und Brandtweinstuben hat, hatte dieser bei Benjamin (1939) als konspirative Bohéme rekonfigurierten Schicht mit der Darstellung der Finanzaristokratie in „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850“ ein gesellschaftlich nach ,oben’ gefahrenes Pendant gegenüber gestellt. Dort heißt es: „Die Finanzaristokratie, die in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft.“ (Marx 1850, 126, Kursivierung im Original).
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„Arno Dübel – Sein letzter Auftritt?“ / Bild TV 2010.
Online unter http://www.youtube.com/watch?v=1bsH7caoJ1I&feature=related
„Arno Dübel – Deutschlands frechster Arbeitsloser“ / Bild TV 2010.
Online unter http://www.youtube.com/watch?v=sIE4hNDbHt4
Online unter http://video.google.com/videoplay?docid=-1683994911592903656#
További információk: http://www.pointernet.pds.hu/kissendre
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