Interpretationen über Nietzsche, Heidegger und den "Willen zur Macht"

(Ein Dialog mit Wolfgang Müller-Lauter)

Endre Kiss, Budapest

Wolfgang Müller-Lauter publizierte kürzlich eine gründliche und auf umfassende Aussagen Anspruch erhebende Arbeit über die philosophisch durchgearbeitete Rezeptionsgeschichte von Friedrich Nietzsches aus dem Nachlass zusammengestellter Kompilation "Wille zur Macht" (NIETZSCHE - STUDIEN, Band 24, Jg. 1995, 223-260).



Dieser extrem komplexe und in der Forschung lange nicht adaequat erforschte Gegenstand berührt sich in nicht wenigen Punkten mit den Arbeiten des Verfassers dieses Dialogbeitrags und Müller-Lauter signalisiert auch auf explizite Weise seine unterschiedliche Meinung. Auf diese Momente möchten wir reagieren. Wir tun es jedoch im Bewusstsein dessen, dass Müller-Lauter und der Verf. dieser Zeilen in einer Reihe von durchaus bestimmenden Fragen von aehnlicher Auffassung sind. Diese Punkte des konzeptionellen Einverstaendnisses werden in Müller-Lauters Text ebenso klar deutlich, wie in diesem Beitrag zu dem Dialog. Erfreulicherweise waren die heraufbeschwörten Ideen und Arbeiten Müller-Lauter die ganze Zeit bekannt, so dass diese Reaktion auf diese neueste Arbeit Müller-Lauters auch als ein Teil dieser langen Diskussion aufgefasst werden dürfte. Müller-Lauters Argumentation steht mit zwei Arbeiten des Verfassers in Berührung. Die Erwaehnung dessen ist notwendig, um die hier als eine Einheit scheinenden Probleme richtig auseinanderzunehmen.

Müller-Lauters umfassende und auf Vollstaendigkeit zielende Arbeit über die philosophische Rezeption der Kompilation "Wille zur Macht" setzt sich mit vollem Recht mit Baeumlers Nietzsche-Rezeption auseinander, die diese Kompilation exzessiv in den Mittelpunkt stellt. Eine Arbeit aehnlicher Thematik war von mir ("Nietzsche, Baeumler oder die Möglichkeit einer positiven politischen Metaphysik", ANNALES UNIVERSITATIS SCIENTIARUM BUDAPESTIENSIS DE ROLANDO EÖTVÖS. Sectio Philosophica et Sociologica. Bd. 16. Budapest, 1982. 157-175, siehe ferner u.a. auch einen exzellenten Auszug aus dem Gedankengang dieser Arbeit: INFORMATION PHILOSOPHIE, 1994/3.). Mir scheint, dass in den einzelnen Problemen der Nietzsche-Interpretation von Alfred Baeumler trotz einigen Akzentverschiebungen kein wesentlicher Unterschied zwischen uns besteht.

Wolfgang Müller-Lauters Hinweis auf meine Auffassung bezieht sich jedoch nicht ausschliesslich auf meine Baeumler-Interpretation (um so weniger konnte es der Fall gewesen sein, weil er in vielem mit meinen Thesen einverstanden war), sondern auf meine Darstellung von Baeumlers Einfluss auf Heideggers Nietzsche-Deutung (s. "Rolle und Schicksal Heideggers im Dritten Reich", in: ZUR PHILOSOPHISCHEN AKTUALITAET HEIDEGGERS. Band 1. Frankfurt am Main, 1991. 425-440). Charakteristisch für die korrekte und freundliche Einstellung Müller-Lauters ist, dass er selbst in einem polemischen Kontext eine Reihe von Momente nennt, die Baeumlers "nicht unbedeutenden Einfluss auf sein (Heideggers - E.K.) Herangehen an Nietzsche unverkennbar" machen (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 232), er gibt eine lange Reihe von philosophisch wichtigen Momenten an, die "durchaus Entsprechungen in Heideggers Gesinnung fanden" (a.a.O.), er haelt die "zeitweilige Gemeinsamkeit der beiden Philosophen" für eine relevante Tatsache, über die man nicht so sehr "verwundert" werden, sondern die man eben als Faktum endlich zur Kenntnis nehmen sollte (a.a.O.).

Waehrend also Müller-Lauter auf der einen Seite feststellt, Baeumlers Einfluss auf Heidegger sei in der bisherigen Forschung "unterschaetzt" worden ("sein Einfluss war nicht unbedeutend auf Heidegger"), behauptet er auf der anderen Seite explizit, ich "überschaetze" diesen Einfluss (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O.), von dem aber er auch an dieser Stelle auf korrekte Weise behaupten muss, dass dieser Einfluss "sonst unbeachtet geblieben" war (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O.). Dieses "sonst" muss ich ohne Zweifel so auslegen, dass damit Müller-Lauter meiner 1982 erschienenen Arbeit über Baeumlers Nietzsche-Deutung Anerkennung zuteilt.

So gestaltet sich unsere Diskussion um die Feststellung eines MASSES, jenes der eventuellen UNTERSCHAETZUNG und der ebenfalls möglichen ÜBERSCHAETZUNG dieses Einflusses. Zu der Naehe der Ausgangspositionen der Diskussion ist ebenfalls charakteristisch, dass Müller-Lauter wieder korrekterweise zugibt, ich "könne auch nicht von Heideggers Distanzierung gegenüber Baeumler absehen" (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 232, Fussnote 36).

Die Diskussion findet dadurch also ihren endgültigen Gegenstand in der Interpretation des AUSMASSES und der GRÜNDE von Heideggers Distanzierung von einer von Baeumlers beeinflussten Position Heideggers über Nietzsche, deren Existenz und Beschaffenheit wir beide als faktischen Tatbestand ansehen. Die Brisanz dieser Diskussion besteht darin, dass sowohl das AUSMASS wie auch die GRÜNDE oder andere zeitliche oder soziale Umstaende dieser Distanzierung entscheidende, wenn auch nicht endgültige Gesichtspunkte zum Verhalten Martin Heideggers im Dritten Reich liefern könnten.

Den "Hauptpunkt des Gegensatzes" zwischen Heidegger und Baeumler findet Müller-Lauter in "Heideggers entschiedener Zurückweisung von Baeumlers Auffassung der Wiederkunftlehre" (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 234.). Selbst dieser Punkt bedeutet jedoch keinen reinen Streitfall zwischen Müller-Lauter und mir, den ich betone über die Jahre 1936 und 1937, dass Heidegger die Bedeutung der Ewigen Wiederkehr, "die bei Baeumler weitgehend unterschaetzt ist", hervorhebt ("Rolle und Schicksal Heideggers im Dritten Reich", a.a.O. 436.). Ich formuliere in einem der darauffolgenden Saetze, worin Müller-Lauter mit mir übereinstimmt und worin es nicht der Fall ist. Der erste Teil dieses Satzes lautet so: "Diese beiden Momente (unter denen das eine die Differenz in der Beurteilung der Idee der Ewigen Wiederkunft ist - E.K.) lassen sich in der Tat als gewisse explizite Entfernung von Baeumler deuten..." ("Rolle und Schicksal Heideggers im Dritten Reich", a.a.O. S. 436). Darin sind wir also der gleichen Auffassung (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 234). Die Differenz besteht im zweiten Teil desselben Satzes: "...wiewohl von einer Sprengung des metaphysischen Paradigmas überhaupt nicht die Rede sein kann ("Rolle und Schicksal Heideggers im Dritten Reich", a.a.O. 436).

Das ist der Punkt, wo Müller-Lauters anderes Urteil wirklich einsetzt. Nicht nur in einer Reihe von Einzelargumenten, sondern auch generell will er nachweisen, dass durch diese Konfrontation Heidegger nicht nur Baeumlers Nietzsche-Interpretation, sondern auch die durch diese Interpretation hergestellte politisch-philosophische Einstellung hinter sich laesst.

Es ist vielleicht nicht überflüssig, wenn an dieser Stelle wieder betont wird, dass zwischen Müller-Lauter und mir keineswegs die Beurteilung der einzelnen Motive der Nietzsche-Interpretation der Gegenstand der Diskussion ist. Denn ich registriere auch zahlreiche Verfremdungs- und Entfernungsmomente, die in der Heideggerschen Nietzsche-Interpretation nur als Positionen gegen Baeumler gedeutet werden können (etwa: "Rolle und Schicksal Heideggers im Dritten Reich", a.a.O. 436, 439), deshalb verstehe ich nicht ganz, warum Müller-Lauter kritisch beanstandet, wenn ich über einige Entfremdungs- und Entfernungsmomente bei Heidegger als "Revolte" gegen Baeumler rede (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 232.)!

Worum es Müller-Lauter geht, formuliert er auch explizit (NIETZSCHE-STUDIEN, 233, Fussnote 43), indem er sich kritisch dagegen auflehnt, dass die tatsaechlichen Meinungsverschiedenheiten in der Beurteilung Nietzsches in ihrem Ausmass die Grenze erreichen, dass Heidegger das "Paradigma" Bauemlers hinter sich laesst.

Diese Meinungsverschiedenheit besteht also, allerdings ist sie nicht so sehr (wie es scheint), eine Verschiedenheit der Auslegung auf gemeinsamer heuristischer Basis, vielmehr eine Verschiedenheit des heuristisch verfolgten Ansatzes.

Ich gebe gerne zu, ich behandle Baeumlers Nietzsche-Interpretation im Sinne Kuhns als ein "Paradigma". Hier stellt sich also eine neue Frage: Woher nehme ich und worauf gründe ich dieses "Paradigma"?

Müller-Lauter betont durchaus korrekt, dass ich zu diesem Ergebnis aufgrund einer "wissenssoziologisch-ideologiekritischem Aspekt" gekommen bin (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 232). Das bedeutet aber mit Selbstverstaendlichkeit auch, dass ich auch die Unterschiede zwischen Heideggers und Baeumlers Nietzsche-Interpretationen IN DIESER ARBEIT AUSSCHLIESSLICH vor dem Horizont dieses wissenssoziologisch-ideologiekritischen Ansatzes beurteile, so dass die bereits heraufbeschwörte These von der Heideggerschen "Zurückweisung von Baeumlers Auffassung der Wiederkunftslehre" für diese Beurteilung nur dann relevant werden kann, wenn Heidegger sich dadurch auch von der Interpretation Nietzsches als positiver (und politischer) Metaphysiker entfernt haette. Baeumlers "Paradigma", das Müller-Lauter auch noch an einer anderen Stelle kritisch vermerkt (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 233, Fussnote 43), gründet sich in meinem Versuch weder auf politische Attribuation, noch auf rein philosophischer Hermeneutik. Dieses "Paradigma", dem Heidegger nicht treu blieb (wie Müller-Lauter meint) oder treu blieb (wie ich es meine) ist in reiner disziplinaerer Form von wissenssoziologischer und ideologiekritischer Natur.

Auf eine solche Überlegung gründeten wir die These, dass die unterschiedliche Beurteilung der Lehre der Ewigen Wiederkunft kein (in diesem Sinne kein) Austreten Heideggers aus dem Paradigma Baeumlers bedeuten kann. Zunaechst deshalb nicht, weil sich Heidegger - und das haben wir in der Arbeit "Rolle und Schicksal Heideggers im Dritten Reich" in relativer Ausführlichkeit ausgewiesen - spaeter und bis 1945 zur Privilegisierung der Konzeption des "Willens zur Macht" oft wiederkehrt (a.a.O. 436, 437). Man muss aber auch noch in Betracht ziehen, dass selbst die Konzeption der "Ewigen Wiederkunft" auch als eine konkretisierte Form der "positiven, politischen Metaphysik" aufgefasst werden kann, so dass Heideggers "Zurückweisung von Baeumlers Auffassung der Wiederkunftslehre" eben noch keinen paradigmatischen Bruch mit der Auffassung der "positiven, politischen Metaphysik" mit sich bringt.

In diesem Sinne waere eine für diese Arbeit relevante Gegendarstellung die, welche die von mir wissenssoziologisch-ideologiekritisch herausgearbeiteten Grundbegriffe wie etwa die der positiven politischen Metaphysik in Zweifel zieht. Müller-Lauter tut es nicht. Er nennt sogar die Essenz der Heideggerschen Nietzsche-Deutung an mehreren Stellen "Metaphysik". Es heisst, dass er mit dem wesentlichsten Ergebnis meiner Untersuchung aufgrund der eigenen, d.h. nicht wissenssoziologisch-ideologiekritischen Untersuchungen, einverstanden ist.

Ob jemand generell mit der Interpretation von Nietzsches Philosophie als "Metaphysik" einverstanden ist oder nicht, gilt als eine andere Frage und eine andere Diskussion. Sie sind aber nicht mehr identisch mit der Frage der Relation Heidegger-Baeumler in der Nietzsche-Diskussion des Dritten Reiches. Es waere für uns eine Ehre, über dieses allerwesentliche Problem aller Interpretationen einmal auch ohne Heidegger und seine Interpretation weiter zu diskutieren. Denn ob wissenssoziologisch-ideologiekritisch, ob hermeneutisch-interpretativ begründet, herrschte zwischen den Teilnehmern des Dialoges kein Zweifel darüber, dass Heideggers (wie Baeumlers) Nietzsche-Interpretation eine metaphysische war. Denn alle diese Probleme haben auch eine direkte, d.h. von Baeumler und Heidegger unabhaengige Bedeutung in der Interpretation von Friedrich Nietzsches Philosophie.




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