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Dieser extrem komplexe und in der Forschung
lange nicht adaequat erforschte Gegenstand
berührt sich in nicht wenigen Punkten mit
den Arbeiten des Verfassers dieses Dialogbeitrags
und Müller-Lauter signalisiert auch auf explizite
Weise seine unterschiedliche Meinung. Auf
diese Momente möchten wir reagieren. Wir
tun es jedoch im Bewusstsein dessen, dass
Müller-Lauter und der Verf. dieser Zeilen
in einer Reihe von durchaus bestimmenden
Fragen von aehnlicher Auffassung sind. Diese
Punkte des konzeptionellen Einverstaendnisses
werden in Müller-Lauters Text ebenso klar
deutlich, wie in diesem Beitrag zu dem Dialog.
Erfreulicherweise waren die heraufbeschwörten
Ideen und Arbeiten Müller-Lauter die ganze
Zeit bekannt, so dass diese Reaktion auf
diese neueste Arbeit Müller-Lauters auch
als ein Teil dieser langen Diskussion aufgefasst
werden dürfte. Müller-Lauters Argumentation
steht mit zwei Arbeiten des Verfassers in
Berührung. Die Erwaehnung dessen ist notwendig,
um die hier als eine Einheit scheinenden
Probleme richtig auseinanderzunehmen.
Müller-Lauters umfassende und auf Vollstaendigkeit
zielende Arbeit über die philosophische Rezeption
der Kompilation "Wille zur Macht"
setzt sich mit vollem Recht mit Baeumlers
Nietzsche-Rezeption auseinander, die diese
Kompilation exzessiv in den Mittelpunkt stellt.
Eine Arbeit aehnlicher Thematik war von mir
("Nietzsche, Baeumler oder die Möglichkeit
einer positiven politischen Metaphysik",
ANNALES UNIVERSITATIS SCIENTIARUM BUDAPESTIENSIS
DE ROLANDO EÖTVÖS. Sectio Philosophica et
Sociologica. Bd. 16. Budapest, 1982. 157-175,
siehe ferner u.a. auch einen exzellenten
Auszug aus dem Gedankengang dieser Arbeit:
INFORMATION PHILOSOPHIE, 1994/3.). Mir scheint,
dass in den einzelnen Problemen der Nietzsche-Interpretation
von Alfred Baeumler trotz einigen Akzentverschiebungen
kein wesentlicher Unterschied zwischen uns
besteht.
Wolfgang Müller-Lauters Hinweis auf meine
Auffassung bezieht sich jedoch nicht ausschliesslich
auf meine Baeumler-Interpretation (um so
weniger konnte es der Fall gewesen sein,
weil er in vielem mit meinen Thesen einverstanden
war), sondern auf meine Darstellung von Baeumlers
Einfluss auf Heideggers Nietzsche-Deutung
(s. "Rolle und Schicksal Heideggers
im Dritten Reich", in: ZUR PHILOSOPHISCHEN
AKTUALITAET HEIDEGGERS. Band 1. Frankfurt
am Main, 1991. 425-440). Charakteristisch
für die korrekte und freundliche Einstellung
Müller-Lauters ist, dass er selbst in einem
polemischen Kontext eine Reihe von Momente
nennt, die Baeumlers "nicht unbedeutenden
Einfluss auf sein (Heideggers - E.K.) Herangehen
an Nietzsche unverkennbar" machen (NIETZSCHE-STUDIEN,
a.a.O. 232), er gibt eine lange Reihe von
philosophisch wichtigen Momenten an, die
"durchaus Entsprechungen in Heideggers
Gesinnung fanden" (a.a.O.), er haelt
die "zeitweilige Gemeinsamkeit der beiden
Philosophen" für eine relevante Tatsache,
über die man nicht so sehr "verwundert"
werden, sondern die man eben als Faktum endlich
zur Kenntnis nehmen sollte (a.a.O.).
Waehrend also Müller-Lauter auf der einen
Seite feststellt, Baeumlers Einfluss auf
Heidegger sei in der bisherigen Forschung
"unterschaetzt" worden ("sein
Einfluss war nicht unbedeutend auf Heidegger"),
behauptet er auf der anderen Seite explizit,
ich "überschaetze" diesen Einfluss
(NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O.), von dem aber
er auch an dieser Stelle auf korrekte Weise
behaupten muss, dass dieser Einfluss "sonst
unbeachtet geblieben" war (NIETZSCHE-STUDIEN,
a.a.O.). Dieses "sonst" muss ich
ohne Zweifel so auslegen, dass damit Müller-Lauter
meiner 1982 erschienenen Arbeit über Baeumlers
Nietzsche-Deutung Anerkennung zuteilt.
So gestaltet sich unsere Diskussion um die
Feststellung eines MASSES, jenes der eventuellen
UNTERSCHAETZUNG und der ebenfalls möglichen
ÜBERSCHAETZUNG dieses Einflusses. Zu der
Naehe der Ausgangspositionen der Diskussion
ist ebenfalls charakteristisch, dass Müller-Lauter
wieder korrekterweise zugibt, ich "könne
auch nicht von Heideggers Distanzierung gegenüber
Baeumler absehen" (NIETZSCHE-STUDIEN,
a.a.O. 232, Fussnote 36).
Die Diskussion findet dadurch also ihren
endgültigen Gegenstand in der Interpretation
des AUSMASSES und der GRÜNDE von Heideggers
Distanzierung von einer von Baeumlers beeinflussten
Position Heideggers über Nietzsche, deren
Existenz und Beschaffenheit wir beide als
faktischen Tatbestand ansehen. Die Brisanz
dieser Diskussion besteht darin, dass sowohl
das AUSMASS wie auch die GRÜNDE oder andere
zeitliche oder soziale Umstaende dieser Distanzierung
entscheidende, wenn auch nicht endgültige
Gesichtspunkte zum Verhalten Martin Heideggers
im Dritten Reich liefern könnten.
Den "Hauptpunkt des Gegensatzes"
zwischen Heidegger und Baeumler findet Müller-Lauter
in "Heideggers entschiedener Zurückweisung
von Baeumlers Auffassung der Wiederkunftlehre"
(NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 234.). Selbst
dieser Punkt bedeutet jedoch keinen reinen
Streitfall zwischen Müller-Lauter und mir,
den ich betone über die Jahre 1936 und 1937,
dass Heidegger die Bedeutung der Ewigen Wiederkehr,
"die bei Baeumler weitgehend unterschaetzt
ist", hervorhebt ("Rolle und Schicksal
Heideggers im Dritten Reich", a.a.O.
436.). Ich formuliere in einem der darauffolgenden
Saetze, worin Müller-Lauter mit mir übereinstimmt
und worin es nicht der Fall ist. Der erste
Teil dieses Satzes lautet so: "Diese
beiden Momente (unter denen das eine die
Differenz in der Beurteilung der Idee der
Ewigen Wiederkunft ist - E.K.) lassen sich
in der Tat als gewisse explizite Entfernung
von Baeumler deuten..." ("Rolle
und Schicksal Heideggers im Dritten Reich",
a.a.O. S. 436). Darin sind wir also der gleichen
Auffassung (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 234).
Die Differenz besteht im zweiten Teil desselben
Satzes: "...wiewohl von einer Sprengung
des metaphysischen Paradigmas überhaupt nicht
die Rede sein kann ("Rolle und Schicksal
Heideggers im Dritten Reich", a.a.O.
436).
Das ist der Punkt, wo Müller-Lauters anderes
Urteil wirklich einsetzt. Nicht nur in einer
Reihe von Einzelargumenten, sondern auch
generell will er nachweisen, dass durch diese
Konfrontation Heidegger nicht nur Baeumlers
Nietzsche-Interpretation, sondern auch die
durch diese Interpretation hergestellte politisch-philosophische
Einstellung hinter sich laesst.
Es ist vielleicht nicht überflüssig, wenn
an dieser Stelle wieder betont wird, dass
zwischen Müller-Lauter und mir keineswegs
die Beurteilung der einzelnen Motive der
Nietzsche-Interpretation der Gegenstand der
Diskussion ist. Denn ich registriere auch
zahlreiche Verfremdungs- und Entfernungsmomente,
die in der Heideggerschen Nietzsche-Interpretation
nur als Positionen gegen Baeumler gedeutet
werden können (etwa: "Rolle und Schicksal
Heideggers im Dritten Reich", a.a.O.
436, 439), deshalb verstehe ich nicht ganz,
warum Müller-Lauter kritisch beanstandet,
wenn ich über einige Entfremdungs- und Entfernungsmomente
bei Heidegger als "Revolte" gegen
Baeumler rede (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O.
232.)!
Worum es Müller-Lauter geht, formuliert er
auch explizit (NIETZSCHE-STUDIEN, 233, Fussnote
43), indem er sich kritisch dagegen auflehnt,
dass die tatsaechlichen Meinungsverschiedenheiten
in der Beurteilung Nietzsches in ihrem Ausmass
die Grenze erreichen, dass Heidegger das
"Paradigma" Bauemlers hinter sich
laesst.
Diese Meinungsverschiedenheit besteht also,
allerdings ist sie nicht so sehr (wie es
scheint), eine Verschiedenheit der Auslegung
auf gemeinsamer heuristischer Basis, vielmehr
eine Verschiedenheit des heuristisch verfolgten
Ansatzes.
Ich gebe gerne zu, ich behandle Baeumlers
Nietzsche-Interpretation im Sinne Kuhns als
ein "Paradigma". Hier stellt sich
also eine neue Frage: Woher nehme ich und
worauf gründe ich dieses "Paradigma"?
Müller-Lauter betont durchaus korrekt, dass
ich zu diesem Ergebnis aufgrund einer "wissenssoziologisch-ideologiekritischem
Aspekt" gekommen bin (NIETZSCHE-STUDIEN,
a.a.O. 232). Das bedeutet aber mit Selbstverstaendlichkeit
auch, dass ich auch die Unterschiede zwischen
Heideggers und Baeumlers Nietzsche-Interpretationen
IN DIESER ARBEIT AUSSCHLIESSLICH vor dem
Horizont dieses wissenssoziologisch-ideologiekritischen
Ansatzes beurteile, so dass die bereits heraufbeschwörte
These von der Heideggerschen "Zurückweisung
von Baeumlers Auffassung der Wiederkunftslehre"
für diese Beurteilung nur dann relevant werden
kann, wenn Heidegger sich dadurch auch von
der Interpretation Nietzsches als positiver
(und politischer) Metaphysiker entfernt haette.
Baeumlers "Paradigma", das Müller-Lauter
auch noch an einer anderen Stelle kritisch
vermerkt (NIETZSCHE-STUDIEN, a.a.O. 233,
Fussnote 43), gründet sich in meinem Versuch
weder auf politische Attribuation, noch auf
rein philosophischer Hermeneutik. Dieses
"Paradigma", dem Heidegger nicht
treu blieb (wie Müller-Lauter meint) oder
treu blieb (wie ich es meine) ist in reiner
disziplinaerer Form von wissenssoziologischer
und ideologiekritischer Natur.
Auf eine solche Überlegung gründeten wir
die These, dass die unterschiedliche Beurteilung
der Lehre der Ewigen Wiederkunft kein (in
diesem Sinne kein) Austreten Heideggers aus
dem Paradigma Baeumlers bedeuten kann. Zunaechst
deshalb nicht, weil sich Heidegger - und
das haben wir in der Arbeit "Rolle und
Schicksal Heideggers im Dritten Reich"
in relativer Ausführlichkeit ausgewiesen
- spaeter und bis 1945 zur Privilegisierung
der Konzeption des "Willens zur Macht"
oft wiederkehrt (a.a.O. 436, 437). Man muss
aber auch noch in Betracht ziehen, dass selbst
die Konzeption der "Ewigen Wiederkunft"
auch als eine konkretisierte Form der "positiven,
politischen Metaphysik" aufgefasst werden
kann, so dass Heideggers "Zurückweisung
von Baeumlers Auffassung der Wiederkunftslehre"
eben noch keinen paradigmatischen Bruch mit
der Auffassung der "positiven, politischen
Metaphysik" mit sich bringt.
In diesem Sinne waere eine für diese Arbeit
relevante Gegendarstellung die, welche die
von mir wissenssoziologisch-ideologiekritisch
herausgearbeiteten Grundbegriffe wie etwa
die der positiven politischen Metaphysik
in Zweifel zieht. Müller-Lauter tut es nicht.
Er nennt sogar die Essenz der Heideggerschen
Nietzsche-Deutung an mehreren Stellen "Metaphysik".
Es heisst, dass er mit dem wesentlichsten
Ergebnis meiner Untersuchung aufgrund der
eigenen, d.h. nicht wissenssoziologisch-ideologiekritischen
Untersuchungen, einverstanden ist.
Ob jemand generell mit der Interpretation
von Nietzsches Philosophie als "Metaphysik"
einverstanden ist oder nicht, gilt als eine
andere Frage und eine andere Diskussion.
Sie sind aber nicht mehr identisch mit der
Frage der Relation Heidegger-Baeumler in
der Nietzsche-Diskussion des Dritten Reiches.
Es waere für uns eine Ehre, über dieses allerwesentliche
Problem aller Interpretationen einmal auch
ohne Heidegger und seine Interpretation weiter
zu diskutieren. Denn ob wissenssoziologisch-ideologiekritisch,
ob hermeneutisch-interpretativ begründet,
herrschte zwischen den Teilnehmern des Dialoges
kein Zweifel darüber, dass Heideggers (wie
Baeumlers) Nietzsche-Interpretation eine
metaphysische war. Denn alle diese Probleme
haben auch eine direkte, d.h. von Baeumler
und Heidegger unabhaengige Bedeutung in der
Interpretation von Friedrich Nietzsches Philosophie.
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