|
In seiner frühen Fixierung an Schopenhauer
gilt Nietzsche jedoch nicht als Einzelfall,
vielmehr als der in historischer und wissenssoziologischer
Sicht gesehene Durchschnitt (1) seiner Generation
und der nachrevolutionaeren Philosophie überhaupt.
Dies ist gleichbedeutend damit, dass für
ihn in den sensibelsten Jahren seiner geistigen
Entwicklung Arthur Schopenhauer mit Notwendigkeit
als öffentlich breit anerkannter Repraesentant
DES Philosophen gelten musste.
Der blosse Umfang des die Beziehung zwischen
Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer
dokumentierenden Materials haelt die Forschung
unserer Tage sichtbarerweise davor zurück,
sie direkt zu thematisieren, was eine um
so merkwürdigere Tatsache ist, weil die Nietzsche-Forschung
der ersten Jahrzehnte noch weitgehend im
Banne dieser Verbindung stand. Die neue Situation
ist aber zweifellos Ausfluss auch von den
sich verschiebenden Schwerpunkten der Nietzsche-Forschung:
Nietzsches Philosophie löste sich von dieser
Fixierung weitgehend aus und laesst sich
adaeqater und optimaler im Kontext eines
Friedrich Albert Lange oder Eugen Dühring
sinnvoll untersuchen. Das Zentrum der Nietzsche-Forschung
entfernte sich also von dieser Fixierung
an Schopenhauer, ohne dass ein im Lichte
gerade dieser Forschungen radikal "umgewertetes"
Gesamtbild der WIRKLICHEN Beziehung zwischen
Nietzsche und Schopenhauer in Sicht aufgetaucht
waere. Vor diesem Hintergrund machen wir
den Versuch, Nietzsches endgültigen philosophischen
Abschied von Schopenhauer einerseits zu thematisieren
und andererseits in den wichtigsten Zügen
auch philosophisch zu deuten.
Nietzsches endgültige Überwindung Schopenhauers
finden wir im MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES.
Zwar umfasst Nietzsches in der Zeit sich
dynamisch bewegende Schopenhauer-Rezeption
darüber hinaus auch noch zahlreiche weitere
Perspektiven sowie spaetere Hinweise auf
ihn - im wesentlichen hört er ja nie auf,
Schopenhauer zu reflektieren - , enthaelt
dieses Werk die Antwort der reifen Philosophie
Nietzsches auf die ESSENTIELLE Problematik
der Philosophie Schopenhauers zweifellos
enthaelt.
Nietzsches Schopenhauer-Kritik im Ersten
Hauptstück des MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES
laesst sich in zwei Teile zerlegen, deren
Perspektiven einerseits als direkte sachlich-philosophische
Kritik und andererseits als verstehende,
"metaphilosophische" Erklaerung
der Schopenhauerschen Philosophie interpretiert
werden können.
Die Schopenhauer-Kritik gewinnt für Nietzsche
(und für uns) noch zusaetzlich an Bedeutung,
wenn sie zu einer Kritik der Metaphysik ausgebaut
wird. Nietzsche praktiziert diese analytische
Methode auch an anderen Stellen seines Werkes
mit besonderer Vorliebe, in der die Kritik
an einem konkreten anderen Denker mit derselben
an dem rekonstruierten Denktypus wie untrennbar
verbunden ist. Sowohl also in der philosophisch-gegenstaendlichen
Kritik wie auch in den die idealtypische
metaphysische Position wissenssoziologisch
erklaerenden Thesen bleibt Nietzsche weitgehend
am Werk Schopenhauers fixiert, er nimmt aber
die einzelnen Momente aus diesem Werk zum
Anlass, durch sie die idealtypischen Züge
DES metaphysischen Denkens zu kritisieren.
Die philosophisch-gegenstaendliche Kritik
Nietzsches an Schopenhauer, beziehungsweise
an der Metaphysik laesst sich in ELF Thesen
zusammenfassen. Indem wir die einzelnen Thesen
Nietzsches wiedergeben, versuchen wir, selbst
noch dem Wortlaut Nietzsches treu zu bleiben,
womit wir auf diese Art unter Beweis stellen
können, dass die einzelnen Thesen nicht nur
in ihrem Gehalt, sondern auch in ihren Formulierungen
unmittelbar von Nietzsche herkommen - was
in Anbetracht der Veraenderungen der philosophischen
Terminologie von grosser Bedeutung sein dürften
(2).
Die elf Thesen Nietzsches gegen Schopenhauer
(beziehungsweise die Metaphysik überhaupt)
sind die folgenden:
1. Die Metaphysik erklaert das "Entstehen"
nicht. Diese Einsicht laesst sich an mehreren
Stellen des Schopenhauerschen Wrkes verifizieren.
Uns scheint, dass der aktuelle Kontext im
Ersten Hauptstück des MENSCHLICHEN, ALLZUMENSCHLICHEN
insofern richtunggebend ist, dass er eine
Feststellung über das Entstehen des Guten
und des Bösen, d.h. über die genealogische
Problematik der Moral enthaelt. Dies hat
für Schopenhauer die Folge, dass Nietzsche
hier seinen (Schopenhauers) Mangel thematisiert,
den URSPRUNG des Guten, bzw. des Bösen anzugeben.
Zwar findet sich gelegentlich ein genealogisch
ausgerichteter Satz über die Moral im Werk
Schopenhauers (3), kann es sicherlich nicht
verkannt werden, dass ein genereller Zug
der Antihistorizitaet und der Mangel an positiv
genealogischer Sichtweise für Schopenhauers
Philosophie zweifellos charakteristisch ist.
2. Die Metaphysik sieht den Menschen methodisch
nicht HISTORISCH an. Diese These der Kritik
kann unschwer auch als eine verallgemeinernde
Fortführung der ersten aufgefasst werden.
3. Künstler und metaphysisch eingestellte
Menschen produzieren Irrtümer. Die Grundlage
des Arguments liegt zwar in den Tiefen der
philosophischen Konzeption Nietzsches, aber
auch ohne eine gründliche und detaillierte
Erschliessung derselben muss es klar werden,
dass beide Attribute auch auf Schopenhauer
persönlich zutreffen. Nicht nur gilt Schopenhauer
als ein "Metaphysiker" par excellence,
der gerade in dieser seiner Einstellung notgedrungen
Irrtümer produziert (indem er beispielsweise
zugunsten des universalen Geltendmachens
metaphysischen Seinsgesetzes szientistische
Thesen verwirft, bzw. ignoriert), er ist
auch Urheber einer Kunst- und Künstlermetaphysik,
der den Künstler mit jener Wahrheitsfaehigkeit
ausstattet, die Nietzsche in dieser Zeit
schon einzig dem Wissenschaftler, dem positiven
Forscher zuschreibt. Unter diesem Aspekt
produziert der Künstler ebenso notgedrungen
Irrtümer (in einem nicht-trivialen Sinne)
als es mit dem Metaphysiker der Fall gewesen
ist.
4. Die religiösen, moralischen und aesthetischen
Phaenomene bilden nur die Oberflaeche der
wesenhaften Zusammenhaenge der Welt. Die
These liesse sich zwar mit Schopenhauers
Willensmetaphysik vereinen, gegen ihn spricht
aber in expliziter Form die Ablehnung des
Metaphysischen bei Nietzsche. Religion, Moral
und Kunst können also bei ihm GERADE nicht
in einer Metaphysik aufgehoben werden, sie
selber gelten als letzte Reservate metaphysischen
Denkens.
5. Die Metaphysik liest aus dem Buch der
Natur einen doppelten Sinn aus, indem sie
"hinter" den Erscheinungen ein
metaphysisches Wesen voraussetzt. Diese These
trifft auf Schopenhauers Willensmetaphsyik
restlos und idealtypisch zu und kann sogar
mit Sicherheit angenommen werden, dass sie,
als die ERSTE vollgültige neuzeitliche positive
Metaphysik zumindest als eines der wirksamsten
Vorbilder für diese These fungierte.
6. Die Existenz einer (das metaphysiche Weltbild
bekraeftigenden) anderen Welt kann - in aller
Zuspitzung formuliert - empirisch nicht ausgeschlossen
werden. Gesetzt aber den Fall, dass sie existiert,
so wird sich bald zeigen, dass ein wahrhaftes
Erkenntnisinteresse gegenüber der Metaphysik
nicht existiert. Die "reine", unvermittelte
Problematik der Metaphysik interessiert uns,
so Nietzsche, letzten Endes aus vitalen Gründen.
Dieses Argument Nietzsches richtet sich insofern
gegen Schopenhauer, dass es auch dessen (Schopenhauers)
"wahre" (letzten Endes "vitale")
Erkenntnisinteresse an der Metaphysik entlarvt.
Um so merkwürdiger erscheint hinter diesem
Argument die Übernahme des von Schopenhauer
so akzentuiert in den Mittelpunkt gestellten
"metaphysischen Bedürfnisses",
wodurch Metaphysik plötzlich als Produkt
eines (streng genommen "positiven")
Bedürfnisses angesehen wird. Dieses Argument
leugnet also einfach die Existenz dieses
Erkenntnisinteresses ("Bedürfnisses")
der Metaphysik gegenüber (4).
7. Die (formale) Logik beruht auf Voraussetzungen,
denen in der Wirklichkeit nichts entspricht.
Die gegen Schopenhauer gerichtete Seite dieses
Arguments bezieht sich auf die wohlbekannte
Favorisierung der formalen Logik bei Schopenhauer,
die ja auf diese konkrete Art mit der Metaphysik
gut zusammengehen kann (5). Dass metaphyisches
Denken und eine theoretische Favorisierung
der formalen Logik durchaus zwei Seiten derselben
Medaille eines metaphysischen Denkens sein
können, versteht sich in diesem Zusammenhang
wie von selber.
8. Es gibt keinen freien Willen - darin stimmt
Nietzsche mit Schopenhauer überein. Die Begründung
dieser These ist aber grundverschieden von
derselben Schopenhauers. Waehrend die positiven
Motive sich bei ihm durch eine Metaphysik
aufgehoben und systematisiert sind, begründet
Nietzsche dieselbe These auf der genau dem
entgegengesetzten Grundlage. Die einzelnen
real-positiven Motive werden bei ihm in keiner
Metaphysik aufgehoben, sie bilden reale Komplexe,
die vielfach in ihrer Realkausalitaet ineinander
übergehen.
9. Kein gewöhnliches, geschweige denn triviales
Argument gegen Schopenhauer, sondern eine
explizite Verallgemeinerung und eine direkte
Qualifikation dieser Philosophie als Metaphysik
ist die Aussage dessen, dass diese metaphysische
Struktur zumindest idealtypisch von RELIGIÖSEM
URSPRUNG ist: "...auch in unserem Jahrhundert
bewies Schopenhauer's Metaphysik, dass auch
jetzt der wissenschaftliche Geist noch nicht
kraeftig genug ist: so konnte die ganze mittel-alterliche
christliche Weltbetrachtung und Mensch-Empfindung
noch einmal in Schopenhauer's Lehre, trotz
der laengst errungenen Vernichtung aller
christlichen Dogmen, eine Auferstehung feiern."
(6)
10. Schopenhauers Philosophie und DIE Metaphysik
sind identisch gesetzt auch in der generellen
Kritik eines Denkens, welches mit Optimismus
und Pessimismus arbeitet. Nietzsche weist
nach, dass schon diese Fragestellung selbst
metaphysischen Ursprunges ist.
11. Nicht die Welt als Ding an sich, sondern
sie als Vorstellung ist reich, bedeutungsreich
etc. Die gegen Schopenhauer gerichtete Spitze
des Arguments bewahrheitet sich, wenn man
an Schopenhauers Willen als "Ding an
sich" denkt. In direktem Gegensatz dazu
legt Nietzsche das Schwergewicht des allgemeinen,
aber auch des philosophischen Interesses
auf jenen Sektor, der bei Schopenhauer eben
das Phaenomen ist.
Die elf, in thesenhafter Form leicht subsumierbaren
Aussagen Nietzsches gegen Schopenhauer ergeben
das Gerüst einer kohaerenten philosophischen
Konzeption sowohl im Kritisch-Negativen,
wie auch im Konstitutiv-Positiven. Transformiert
man naemlich die einzelnen Thesen in Saetze
höheren Abstraktionsgrades, so erweist sich
Schopenhauers Denken
a) als unhistorisch;
b) die Objektivationen Religion, Moral und
Aesthetik erweisen sich als inauthentisch
und historisch überholt auf einer Basis der
die Wissenschaftlichkeit streng reflektierenden
philosophischen Sicht;
c) die sich sowohl in Schopenhauer, wie auch
in jeder metaphysischer Denkart artikulierende
Vorstellung von "zwei Welten" wird
entlarvt und abgelehnt;
d) auch die formalen Grundlagen des (metaphysischen)
Denkens werden relativiert (Beispiel: Logik);
e) schon die einfache und scheinbar sogar
selbstverstaendliche Fragestellung von Optimismus
und Pessimismus wird als illegitim, weil
überholt beseitigt;
f) die szientistisch motivierte Ablehnung
des freien Willens löst das Individuum aus
einer metaphysischen Fixierung aus, deren
Sinn offen oder verdeckt moralisch war;
g) von einer höheren wissenssoziologischen
Ebene wird auch das autochthone Erkenntnisinteresse
an metaphyischen Fragestellungen in Zweifel
gezogen.
Die Transformation der aus der Schopenhauer-Kritik
Nietzsches gewonnenen sachlichen Argumente
in eine einheitlichere philosophische Sprache
und Anschauung führt somit zur Rekonstruktion
eines kohaerenten philosophischen Ansatzes
von Friedrich Nietzsche.
Nietzsche begnügt sich jedoch in diesem seiner
Texte nicht einer sachlich-theoretischen
Kritik, er will Schopenhauer (und den metaphysischen
Standpunkt) auch VERSTEHEN. Er führt in diesem
Zusammenhang vier Einsichten an, aus denen
zwei im wesentlichen den selben Gehalt artikulieren.
Sie ERKLAEREN die auch für Schopenhauer charakteristische
metaphysische Einstellung durch den bewussten
(oder eben unbewussten) Willen des metaphyisch
denkenden Philosophen, sich selber als "wesenhaft"
erscheinen zu lassen, seiner eigenen Existenz
"Tiefe" und "Bedeutung"
zu verleihen. Ohne Zweifel geht es dabei
um ein nicht-immanentes, sondern aeusserliches
Motiv, welches geradezu geeignet ist, von
dieser höheren wissenssoziologischen, erklaerenden,
gleichzeitig aber entlarvenden Warte aus
erschlossen zu werden. Ein zweites, von Nietzsche
genanntes Motiv ist, dass der Metaphysiker
schwer ertraeglichen, "unangenehmen"
Momenten des Daseins eine hohe Bedeutung
verleihen kann, womit man - könnten wir diesen
Gedankengang an dieser Stelle noch fortführen
- von der unmittelbaren Last derselben befreit
wird. Und letztlich weist Nietzsche auf den
Ursprung der Metaphysik aus dem Traume hin,
wodurch die archaischen Überbleibsel des
metaphysischen Bewusstseins an den Tag gelegt
werden können (7).
Unsere These ist es, dass die reife Kritik
Nietzsches an Schopenhauer eine wahre philosophische
Wendung gewesen ist, die als solche ihrerzeit
nicht zur Kenntnis genommen worden ist. Uns
bleibt nichts anderes übrig, als die philosophischen
Ansaetze dieser Wendung wieder in Griff zu
bekommen und ihre Werte nicht nur historisch
zu rekonstruieren, sondern auch in die Diskussion
unserer Tage aufzunehmen.
Anmerkungen:
(1) S. Endre Kiss, "Két fontos évtized".
in: Világosság, 1988/3. Diese Arbeit befasst
sich mit der Rekonstruktion der Hauptlinien
der Philosophie in den 50-er und 60-er Jahren
des vorigen Jahrhunderts, in der sich der
junge Nietzsche - auch in seiner Fixierung
auf Schopenhauer als DEN einzig zeitgemaessen
und plausiblen Philosophen - als typischer
Vertreter seiner Generation erweist.
(2) Da Nietzsches theoretische Sprache durchaus
fern von der unsrigen steht, besteht gesteigert
die Gefahr, dass die Interpretation durch
sprachliche Transpositionen arbeitet. Aus
diesem Grunde lag es uns viel daran, womöglich
die ursprünglichen Begriffe und Wendungen
in unsere Rekonstruktion einzuarbeiten. Dieses
Problem war und ist für die Nietzsche-Interpretation
von genereller Bedeutung, die sprachliche
Ferne Nietzsches von der bald sich herauskristallisierenden
neuen philosophischen Terminologie hat es
AUCH veraendert, dass viele seiner neuen
theoretischen Ansaetze gleich als solche
verstanden werden.
(3) S. beispielsweise über die Genesis des
Gottesbewusstseins Arthur Schopenhauer, Saemtliche
Werke. Fünfter Band. Leipzig, 1938. S.120.
(4) Da die positivistische Begründung der
Metaphysik durch "Bedürfnis" und
die logische Begründung derselben die mangelnde
Kohaerenz bei Schopenhauer deutlich signalisieren,
so spitzt diese Nietzschesche Kritik auch
das Kohaerenzporblem bei dem Frankfurter
Philosophen deutlich zu.
(5) Ein entscheidendes Beispiel bei Schopenhauer
für die von Nietzsche bekaempfte Einstellung:
"Vollkommen reine Vernunfterkenntnis
gibt es sogar keine andere, als die vier
Saetze, welchen ich metalogische Wahrheit
(!) beigelegt habe..." (Die Welt als
Wille und Vorstellung, Band I. S. 59.)
(6) Friedrich Nietzsche. Saemtliche Werke.
Kritische Studienausgabe. Berlin - New York,
1967 - 1977. Band 2. S. 47.
(7) Wir wollen selbstverstaendlich nicht
den Standpunkt vertreten, dass Nietzsches
Traum-Argumentation ausschliesslich auf Schopenhauer
zurückgeht. Zu beherzigen bleibt jedoch zum
Beispiel Schopenhauers folgendes Fragen:
"...wir haben Traeume; ist nicht etwan
das ganze Leben ein Traum? - oder bestimmter:
gibt es ein sicheres Kriterium zwischen Traum
und Wirklichkeit?" (Die Welt als Wille
und Vorstellung, Band I. S. 19.)
|