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Abgesehen von den ernsthaften und in der
Forschungspraxis wohl kaum bewaeltigbaren
Schwierigkeiten der Pathologie, entsteht
die beispiellose Schwierigkeit von Nietzsches
politischer Hermeneutik durch die Gleichzeitigkeit
einer ursprünglich a-politischen, bürgerlich-idealistisch
gepraegten geistigen Kultur der Innerlichkeit,
sowie einer mit der Zeit immer feiner werdenden,
methodisch durchaus bewusst untermauerten
Analytik auch der politischen Wirklichkeit.
Dazu gesellt sich jenes Problem, was wir
im spaeteren ("positiv") als das
des Standortes, mit anderen Worten ("negativ")
als die politische Heimatlosigkeit Nietzsches
in seinem Land und in seiner Zeit identifizieren
werden.
Friedrich Nietzsches perspektivenreiche Beurteilung
der Französischen Revolution spielte nicht
nur in einem Fall und in einem Zeitalter
des Rezeptionsprozesses eine unmittelbar
qualifizierende Rolle. Bei Alfred Baeumler
und der von ihm inaugurierten Linie der nationalsozialistischen
Nietzsche-Deutung versuchte im Zeichen der
politischen-positiven Metaphysik daraus ebenso
unmittelbar Nutzen zu ziehen wie in seiner
Die Zerstörung der Vernunft Georg Lukács,
der in ihr die direkte Mitte, die wesentlichste
Aussage von Nietzsches Philosophieren zu
eruieren meinte. Seitdem ist in der Nietzsche
- Forschung vieles geschehen. Die prinzipiell
anderen Möglichkeiten der Forschung bedeuten
aber noch lange nicht, dass die zum Teil
archaisch-zurückgebliebenen, zum Teil aber
avantgardistisch-modernen politischen Reflexionen
des positivistischen Analytikers Nietzsche
schon als erschlossen gelten könnte.
Die spezifische Schwierigkeit einer Rekonstruktion
von Nietzsches politischer Philosophie laesst
sich auch anders darstellen: In seinem Menschliches,
Allzumenschliches kommt er nach seiner a-politischen
und a-szientistischen Jugend zu einer umfassenden
philosophischen Konzeption des methodenkritischen
Positivismus, die wir als seine "eigentliche"
philosophische Leistung ansehen und monographisch
bearbeitet haben. Diese Konzeption ist ihrerseits
wieder nicht "politisch", ja gerade
die objektivationstheoretischen Abgrenzungen
zwischen Politik und Moral, Politik und Wissenschaft,
etc. kommen in diesem Werk zum Ausdruck.
Das Politische wird somit auch zu keinem
konzeptionellen Inhalt des Menschliches,
Allzumenschliches, es wird aber Gegenstand
einer methodenkritisch geschulten positivistischen
Analytik. Dadurch reproduziert sich das Grundproblem
jeder Nietzsche-Rekonstruktion, welches vor
allem in der Entscheidung besteht, ob die
einzelnen positivistisch-analytischen Einsichten
schon Teile von Nietzsches Philosophie seien,
ob also dieser oder jener Satz Nietzsches
ohne seinen Einbau in einen breiteren philosophischen
Zusammenhang als endgültige Aussage bewertet
werden dürfte. Das konkrete Problem der Interpretation
der Französischen Revolution erscheint bei
Nietzsche vor allem in den achtziger Jahren.
Das bedeutet, dass wir nach der Rekonstruktion
seiner Aussagen die grosse umfassende philosophische
Konzeption der spaeten siebziger Jahre mit
Notwendigkeit mitreflektieren müssen.
Dass der überwiegende Grossteil von Nietzsche-Texten,
die sich mit der Französischen Revolution
befassen, wie erwaehnt, aus der zweiten Haelfte
der achtziger Jahre stammt, wirft selbstverstaendlich
das Problem der pathologischen Entwicklung
Nietzsches auch auf. Es besteht kein Zweifel,
dass die Konsequenzen dieses pathologischen
Verfalls, d.h. die Verzerrung der Perspektiven,
die sich ins Masslose steigernde Überschaetzung
der eigenen historischen Leistung, die immer
starrere Fixierung auf Feindbilder auch in
dieser Thematik deutlich zum Ausdruck kommen.
Doch erscheint das Phaenomen der Revolution
im wesentlichen in einer so breiten wissenssoziologischen
Verallgemeinerung, dass Nietzsches Grundeinstellung
auch noch in dieser verzerrten Form ohne
Schwierigkeiten transparent wird.
Allerdings muss man auch hier mit grosser
Sorgfalt und Geduld die pathologisch motivierten
Grenzüberschreitungen Nietzsches von der
Essenz seiner Pozition zu trennen wissen.
Für die Forschung bleibt kein anderer Weg,
da die langsame pathologische Abfaerbung
in allen Problembereichen sich kund tut,
mit denen sich Nietzsche in jener Zeit beschaeftigt.
Entweder müsste man also auf die Erschliessung
jener Konzeptionen völlig verzichten oder
müsste man selbst noch die sichtbar pathologischen
Aeusserungen als authentisch beschreiben.
Der Ausweg aus dieser extrem schwierigen
hermeneutischen Position kann nur sein, dass
der Forscher in Kenntnis der früheren Thematisierungen
derselben Problematik mit hoher wissenschaftlichen
Ethik die Wahl unter den einzelnen Aeusserungen
trifft.
Nietzsches Darstellung der Französischen
Revolution laesst sich allein in einem Rahmen
rekonstruieren, der aus den folgenden Momenten
zusammengesetzt, bzw. motiviert ist:
- Friedrich Nietzsche, darin Sohn seiner
Nation, Familie und Generation, hat einen
entscheidend apolitischen Bildungsgang, bearbeitet
das moderne politische Geschehen lange ausschliesslich
unter kulturphilosophischen und nicht zeitgenössisch-politischen
Aspekten. Als Beispiel dafür könnte sein
ganzes Frühwerk gelten, in dem er von dem
Krieg gegen Frankreich ein Deutschland erstehen
lassen will, welches zu einem neuen Griechenland
werden wird. Dies zeigt, wie fern das Weltbild
des jungen Nietzsche von jenen Komplexen
stand, die man damals und heute als politische
nannte, bzw. nennen würde. Diese umfassende
Tendenz erscheint im Werk des frühen Nietzsche
auch in expliziter Form, in aller Deutlichkeit
grenzt er die "Politik" von der
Philosophie ab, die er mit der gewöhnlichen
Politik identisch sieht: "Jede Philosophie,
welche durch ein politisches Ereignis das
Problem des Daseins verrückt oder gar gelöst
glaubt, ist eine Spaass- und Afterphilosophie."
(1);
- in seiner Laufbahn, insbesondere nach der
Enststehung
seiner philosophischen Methode einer kritisch
- positivistischen Analytik (2) bezieht Nietzsche
Positionen, die (unter vielen anderen Gegenstandsbereichen)
auch die aktuelle Politik Deutschlands und
Europas, sowie das Politische überhaupt thematisieren.
Unter diesen Stellungnahmen gibt es viele,
die einen grossen philosophischen Wert aufweisen;
- Nietzsches politische Feststellungen, Thesen
werden gekennzeichnet
auch von einer qualitativ-entscheidenden
Tatsache. Wissenschaftslogisch gesehen gilt
eine Aussage als "politisch" nicht
nur, wenn das Objekt derselben in der Sphaere
des Politischen liegt, sondern auch, wenn
der Autor derselben Aussage eine (mehr oder
weniger identifizerbare) Stellung im politischen
Raum besitzt. Nun fehlt gerade dieser Zug
Nietzsches Stellungnahmen. Er war nicht einfach
ein "freischwebender Intellektueller"
im Sinne Karl Mannheims (3), er war ein "politisch
Heimatloser". Diese Arbeit ist nicht
lang genug, um Nietzsches politische Heimatlosigkeit
und seine damit tief verbundene und wissenssoziologisch
qualifizierende politische Positionslosigkeit
im konkreten politischen Raum seiner Zeit
nachzuweisen. Wir müssen uns damit begnügen,
den folgenden Text als pars pro toto-Beweis
für diese entscheidende Tatsache heraufzubeschwören.
Der Wert dieses Textes besteht darin, dass
Nietzsche in ihm zu jeder wichtigeren politischen
Richtung seiner Zeit explizit und politisch-konkret
Stellung nimmt. Diese Stellungnahme und gleichzeitige
Selbstcharakterisierung lautet wie folgt:
"Es fehlt unter den Europaeern von Heute
nicht an solchen, die ein Recht haben, sich
in einem abhebenden und ehrenden Sinne Heimatlose
zu nennen, ihnen gerade sei meine geheime
Weise und gaya scienza ausdrücklich an's
Herz gelegt! Denn ihr Loos ist hart, ihre
Hoffnung ungewiss, es ist ein Kunststück,
ihnen ein Trost zu erfinden - aber was hilft
es! Wir Kinder der Zukunft, wie vermöchten
wir in diesem Heute zu Hause zu sein! Wir
sind allen Idealen abgünstig, auf welche
hin Einer sogar in dieser zerbrechlichen
zerbrochnen Uebergangszeit noch heimisch
fühlen könnte; was aber deren 'Realitaeten'
betrifft, so glauben wir nicht, dass sie
Dauer haben... Wir 'conservieren' Nichts,
wir wollen auch in keine Vergangenheit zurück,
wir sind durchaus nicht 'liberal', wir arbeiten
nicht für den 'Fortschritt', wir brauchen
unser Ohr nicht erst gegen die Zukunfts-Sirenen
des Marktes zu verstopfen - das, was sie
singen, 'gleiche Rechte' , 'freie Gesellschaft',
'keine Herrn mehr und keine Knechte', das
lockt uns nicht! - wir halten es schlechterdings
nicht für wünschenswert, dass das Reich der
Gerechtigkeit und Eintracht auf Erden gegründet
werde (weil er unter allen Umstaenden das
Reich der tiefsten Vermittelmaessigung und
Chineserei sein würde), wir freuen uns an
Allen, die gleich uns die Gefahr, den Krieg,
das Abenteuer lieben, sie sich nicht abfinden,
einfangen, versöhnen und verschneiden lassen...Die
'Religion des Mitleidens', zu der man uns
überreden möchte - oh wir kennen die hysterischen
Maennlein und Weiblein genug, welche heute
gerade diese Religion zum Schleier und Aufputz
nötig haben! Wir sind keine Humanitarier;
wir würden uns nie zu erlauben wagen, von
unsrer 'Liebe zur Menschheit' zu reden -
dazu ist Unsreins nicht Schauspieler genug!
Oder nicht Saint-Simonist genug, nicht Franzos
genug...Nein, wir lieben die Menschheit nicht;
andererseits sind wir aber auch lange nicht
'deutsch' genug, wie heute das Wort 'deutsch'
gang und gaebe ist, um dem Nationalismus
und dem Rassenhass das Wort zu reden, um
an der nationalen Herzenskraetze und Blutvergiftung
Freude haben zu können, derenthalben sich
jetzt in Europa Volk gegen Volk wie mit Quarantaenen
abgrenzt...Wir sind, mit Einem Worte...gute
Europaeer, die Erben Europa's..."(KSA,
3, 628-630).
Weil wir, wie bereits ausgesagt, das in diesem
Zitat enthaltene Gesamtbild für das ganze
Denken Nietzsches für charakteristisch halten,
müssen wir auch seine Reflexion der Französischen
Revolution in diesen Zusammenhang einordnen,
sie als eine Position zu verstehen, deren
Autor keinen politischen Standort in seiner
Zeit und in seinem Land hat.
Friedrich Nietzsche untersucht die Französische
Revolution konsequent unter zwei führenden
Aspekten, die einander disziplinaer-thematisch
nicht sehr nahe stehen, ja, in gewissen Zügen
einander sogar entgegengesetzt sind. Der
erste Aspekt ist, dass die Französische Revolution
es war, die Napoleon ermöglichte (KSA, 12,
471). Darin sieht Nietzsche mit Vorliebe
auch noch eine Bestaetigung dieses historischen
Ereignisses. Der andere Aspekt ist wissenssoziologisch
durchaus breit angelegt: Ganz allgemein formuliert,
erblickt Nietzsche in der Geistigkeit der
Französischen Revolution eine Einstellung,
die inhaltlich, strukturell und in ihren
Konsequenzen sowohl als eine Fortsetzung
des Christentums, wie auch als eine Vorwegnahme
des - übrigens nach dem Muster des Christentums
vorgestellten - Sozialismus ist. Waehrend
der erste leitende Aspekt (Napoleon) zunaechst
pragmatisch und erst spaeter ideologiekritisch
ist, erweist sich der zweite nicht einfach
nur ideologiekritisch, sondern wird nur verstaendlich,
wenn man dazu die Perspektivenkomplexitaet
der ganzen Nietzscheschen praktischen Philosophie
mit hinzudenkt. Gerade die breite wissenssoziologische
Allgemeinheit dieser Auffassung erlaubt es
naemlich nicht, ihre Thesen kurzgeschlossen
zu beurteilen. Im ganzen Oeuvre Nietzsches
gibt es im wesentlichen keine weiteren Perspektiven
zur Franz"sischen Revolution, obwohl
es - zumindest prinzipiell - von seinen eigenen
philosophischen Problemen ausgehend auch
noch eine gr"ssere Anzahl von M"glichkeiten
da waere, von praxis-philosophischen Momenten
bis zur Robespierre's Problematik eines h"chsten
Wesens in einer Welt, wo Gott schon tot ist.
Bedeutet es, dass damit die Franz"sische
Revolution nur an der Peripherie von Nietzsches
Philosophie erscheint? Keineswegs. So viel
ist aber schon klargeworden, dass wir in
diesem Fall rein disziplinaer nicht mit einem
direkten, politischen, sondern einen mehrfach
indirekten, wissenssoziologischen Ansatz
zu tun haben.
Entscheidend fr Nietzsches Sicht der Franz"sischen
Revolution ist es, dass er sich im Besitz
seines vollen philosophischen Weltbildes
dieser historischen Wendung zuwendet. In
dieser Zuwendung vereinen sich voneinander
untrennbare Momente:
- eine reife philosophische Konzeption des
kritischen Positivismus, welcher ein System
von Konsequenzen fr die Umwertung der Werte,
fr die bewusste Gestaltung der menschlichen
Identitaet und anderer Probleme beinhaltet,
die vom positivistisch-szientistischen Zentrum
der Philosophie nicht systematisch gefolgert
werden k"nnen, sowie ein erstaunlicher
Umfang positiven genealogisch-historischen
Wissens, der ihn in seiner Urteilsbildung
durchaus stark leitet;
- Nietzsches positives Pers"nlichkeitsideal,
welches zwar von Zeit zu Zeit neuformuliert
wird, weist bereits entscheidende konstante
Zge (Kritik, historische Tatfaehigkeit,
Verk"rperung von Gattungswerten, Faehigkeit,
seinen Standpunkt auch in heroischer Einsamkeit
durchzusetzen etc.) auf - aus dem Komplex
der Franz"sischen Revolution gehört
die Gestalt Napoleons und zwar in dem vorhin
schon erwaehnten Sinne hierzu;
- Kritik einer ideologiekritisch rekonstruierten
Einstellung, deren
gemeinsame Züge Nietzsche sowohl im Christentum,
wie auch in Rousseau und dem Sozialismus
erblickt. Zusammenfassend gesagt sieht Nietzsche
in dieser Attitûde einen theoretischen wie
praktischen Feind seines Menschenideals und
konzipiert seine Umwertung der Werte als
einen Kampf, der im wesentlichen gegen diese
Einstellung gerichtet ist.
-Die kaempferische Einstellung Nietzsches
gegen den ideologiekritischen Komplex Christentum-Rousseau-Sozialismus
lag freilich schon früher gedanklich fertig
vor, sie ging also seiner Anwendung an die
Französische Revolution deutlich voraus.
Der folgende Text zeigt ganz beispielhaft,
wie und auf welcher Grundlage diese Isomorphie-Relation
unter diesen Denkarten bei Nietzsche entsteht:
"Versteckte Formen des Cultus des christlichen
Moral-Ideals. -
Der weichliche und feige Begriff 'Natur',
der von den Naturschwaermern aufgebracht
ist (- abseits von allen Instinkten für das
Furchtbare, Unerbittliche und Cynische auch
der 'schönsten' Aspekte) eine Art Versuch,
jene moralisch-christliche 'Menschlichkeit'
aus der Natur herauszulesen, - der Rousseausche
Naturbegriff, wie als ob =Natur=, Freiheit,
Güte, Unschuld, Billigkeit, Gerechtigkeit,
Idyll sei...immer Cultus der christlichen
Moral im Grunde...und nun das ganze socialistische
Ideal: nichts als ein tölpelhaftes Missverstaendnis
jenes christlichen Moral-Ideals" (KSA,
12, 272.).
So kommen wir zum offen paradoxen Schluss,
dass die Französische Revolution Nietzsche
überhaupt nicht um ihrer selbst willen interessierte,
sondern als eine Station in der historischen
Entwicklung einer Einstellung, die er - als
logische Konsequenz seiner ganzen Philosophie
- als seine grösste Feindin ansah. So erwies
sich dieses grösste Ereignis seines Jahrhunderts
für den Denker des naechsten Dezenniums bloss
als Epiphaenomen: "Fortsetzung des Christentums
durch die Französische Revolution. Der Verführer
ist Rousseau..." (KSA, 11, 61.)
Wenn man die Ausrichtung von Nietzsches Interesse
im Kampf für seine Ideale und gegen die in
immer neuen Formen wiedererstehenden in ideologiekritischer
Perfektion rekonstruierten christlichen Einstellungen
benennen soll, so geht man nicht fehl, wenn
man den unmittelbaren Rahmen als kulturphilosophisch
identifiziert ("Rousseau...ist ganz
in der christilichen Bewegung...Sein Gegenstück
Napoleon - antik, Menschen-Veraechter."
KSA, 11, 48.) Nietzsches ganzer diesbezüglicher
Gedankenkreis ist von seinen Vorstellungen
über die Zukunft der Kultur, der Zivilisation
untrennbar, waehrend die beiden Momente (Mensch
und Zivilisation) völlig ineinander übergehen.
Der neue Mensch wird konzipiert, damit eine
positive Vorstellung der Zivilisation ersteht
und die negativen Visionen über sie nicht
Wirklichkeit werden, waehrend die neue Zivilisation
ihrerseits da sein muss, damit der neue Mensch
Wirklichkeit wird und die sich auf ihn bezogenen
negativen Visionen weichen. In diesem Zusammenhang
entsteht das Bild der Französischen Revolution
als Folge eines einmaligen Erfolges von Rousseau's
Denken, dessen Revolte gegen die "vornehmen"
Werte in ihrer christlichen Ausrichtung diesmal
zum vollen Durchbruch kam. Diese durchaus
komplizierte Situation wird dadurch auch
noch komplizierter, dass sich Nietzsche Rousseau
gegenüber in einer durchaus gespaltenen Lage
befinden muss. Das idealtypisch "Christliche"
an ihm löst seine unaufhörlichen Attacken
aus, waehrend er für die Verwirklichung seines
(d.h. Nietzsches selbst) Ideals ebenso gerne
selbst die Triebstrukturen auf Rousseau's
Niveau mobilisieren würde. Kein Zufall, dass
er eine besondere Aufmerksamkeit jenem berühmten
Streit widmet, den Rousseau mit Voltaire
über die Beurteilung der bisherigen menschlichen
Zivilisation ausgefochten hat (KSA 12, 447.).
Als sein Ziel notiert er: "Kritik beider
Standpunkte in Hinsicht auf den Wert der
Zivilisation" (ebda). Er identifizert
sein eigenes Problem mit diesem Streit auch
an einer anderen Stelle desselben Textes
ausdrücklich: "Die unerledigten Probleme,
die ich neu stelle: das Problem der Zivilisation,
der Kampf zwischen Rousseau und Voltaire
um 1760" (ebda). Nietzsche ist in gewisser
Hinsicht wieder zwischen den beiden Mitstreitern:
Er bekaempft Rousseau's idealtypisch christliche
Menschen- und Naturauffassung, weil sie mit
heutigem Sprachgebrauch "ideologisch"
sind und mit jener Realitaet keine Rechnung
tragen, die er selber als Ausfluss seines
Menschenbildes als gesichert ansehen muss.
Nietzsche verurteilt in Rousseau auch sein
- wie er es so sieht - ausgepraegtes und
qualifizierendes Ressentiment. Hinter dieser
Verurteilung steht aber auch ein zwar nicht
ausgesprochenes, jedoch deutlich rekonstruierbares
Urteil: Rousseau's Ressentiment ist in Nietzsches
Augen eine Auflehnung gegen eine und sei's
schlechte Realitaet, die aber selber keine
neuen Gattungswerte vertritt, ja, sich sogar
in seiner Auflehnung gegen die bereits angehaeuften
Gattungswerte der Menschheit destruktiv verhaelt.
Damit geht zusammen, dass Nietzsche in Rousseaus's
Art der Revolte immer auch eine gegen die
'h"here' Menschen erblickt und verallgemeinert
diesen Zug auch auf das Christentum, den
Sozialismus und die Franz"sische Revolution
(KSA, 11, 245 , oder KSA, 12, 453.). Rousseau's
in dieser wissenssoziologischen Verallgemeinerung
interpretierter Mensch verhindert in seinem
Rekurs auf das Christentum den wahren historischen
Fortschritt der Gattung (KSA, 12, 456.).
Die Revolte t"tet den so schwierigen
'natrlichen' Gang der menschlichen Emanzipation.
Die Bedeutung der Ausaeinandersetzung zwischen
Voltaire und Rousseau ist aus diesem Grunde
fr Nietzsche von einem nicht zu ersetzenden
Wert. Rousseau's von Nietzsche als ressentimentsgeladen
angesehene Revolte richtet sich naemlich
gerade gegen einen Voltaire, der eben jene
angehaeuften Werte in exemplarischer Form
verk"rpert.
Der im ganzen Lebenswerk Nietzsches wohl
wichtigste Text, in dem diese merkwrdige
Isomorphie unter den genannten Denkrichtungen
von dem Christentum bis zum Sozialismus auf
Grund wesenseigener Gemeinsamkeiten ausgesagt
wird, ist der 'Meine fnf 'Neins'' (KSA,
12, 453.), in dem (1) das Schuldgefhl, die
Vermoralisierung aller bisherigen Philosophie,
(2) das latente Christentum, (3) Rousseau's
18. Jahrhundert, (4) die Romantik, sowie
(5) die šberherrschaft der Heerden-Instikte
als jene fnf Erscheinungen erscheinen, die
er auf Grund ihrer tiefen Entsprechung gleich
bekaempft. Alle fnf Phaenomene sind in ideologiekritischer
Allgemeinheit gehalten, k"nnen also
mit keinem Recht als politische Urteile qualifiziert
werden. Dies bedeutet aber auch, dass die
Franz"sische Revolution in der entscheidenden
Mehrheit der Aeusserungen auch nicht als
politisches Ereignis, sondern als Symptom
des geistigen Flusses angesehen und beurteilt
wird. Das einmalige historische Phaenomen
erscheint also als Illustration und konkretes
Beispiel einer welthistorisch konzipierten
geistigen Bewegung. Ebenso gewiss ist es
aber auch, dass diese Auslegung vielen Facetten
der grossen Revolution nicht gerecht wird.
Der Wert dieser Interpretation besteht in
grösserem Ausmass eben darin, dass Nietzsche
im Kampf zwischen Rousseau und Voltaire eine
der wichtigsten Fragen, wenn eben nicht die
wichtigste Frage seiner spaeten Philosophie
wieder entdeckt. Und dies macht seine Ansichten
über die Französische Revolution für die
Philosophie schon durchaus wertvoll. Es versteht
sich aber von selbst, dass sowohl Nietzsches
neu formuliertes Interesse für die Zivilisation,
wie auch seine Einstellungen auf derselben
Höhe der wissenssoziologischen Verallgemeinerung
verstanden und interpretiert werden müssen
wie sie bei Nietzsche formuliert sind.
Endlich kommen wir kurz darauf zurück, was
wir im Anfang unserer Arbeit über die prinzipiellen
Interpretationsprobleme Nietzsches sagten.
Im Falle der Französischen Revolution haben
wir sozusagen "Glück", weil wir
unsere aufgrund der Dokumente der achtziger
Jahre entstandene Rekonstruktion mit einer
sehr wichtigen Aeusserung der siebziger Jahre
vergleichen können. Der Text aus Menschliches,
Allzumenschliches besagt folgendes: "Es
gibt politische und soziale Phantasten, welche
feurig und beredt zu einem Umsturz aller
Ordnungen auffordern, in dem Glauben, dass
dann sofort das stolzeste Tempelhaus schönen
Menschenthums gleichsam von selbst sich erheben
werde. In diesen gefaehrlichen Traeumen klingt
noch der Aberglaube Rousseau's nach, welcher
an eine wundergleiche, ursprüngliche, aber
gleichsam verschüttete Güte der menschlichen
Natur glaubt und den Institutionen der Cultur,
in Gesellschaft, Staat, Erziehung, alle Schuld
jener Verschüttung beimisst. Leider weiss
man aus historischen Erfahrungen, dass jeder
solche Umsturz die wildesten Energien als
die laengst begrabenen Furchtbarkeiten und
Maasslosigkeiten fernster Zeitalter von Neuem
zur Auferstehung bringt: dass also ein Umsturz
wohl eine Kraftquelle in einer mattgewordenen
Menschheit sein kann, nimmermehr aber ein
Ordner, Baumeister, Künstler, Vollender der
menschlichen Natur. - Nicht Voltaire's massvolle,
dem Ordnen, Reinigen und Umbauen zugeneigte
Natur, sondern Rousseau's leidenschaftliche
Thorheiten und Halblügen haben den optimistischen
Geist der Revolution wachgerufen, gegen den
ich rufe: 'Ecrasez l'infame!' Durch ihn ist
der Geist der Aufklaerung und der fortschreitenden
Entwickelung auf lange verscheucht worden:
sehen wir zu - ein Jeder bei sich selber
- ob es möglich ist, ihn wieder zurückzurufen!"
(KSA, 2, 299). Dieser Text der spaeten siebziger
Jahre ist in seinem Inhalt mit den spaeteren
Aesserungen nicht nur im wesentlichen identisch,
er artikuliert auch den der Pathologie nicht
verfallenen Denker deutlicher. Sein Hinweis
auf die "historischen Erfahrungen"
ruft den positivistischen Genealogen Nietzsche
in Erinnerung, die Kritik an der "verschütteten
Güte der menschlichen Natur" stammt
aus dem positiven Forscher der Anthropologie,
der seine Auffassungen auf sein sehr tiefes
historisches Wissen gründet. Das Vorziehen
eines "ordnenden", "bauenden",
"kunstvollen" Fortschritts basiert
auf einer expliziten Argumentation, die sich
neben historischen Erfahrungen auf gesamtmenschliche
Gesamtinteressen beruft. Das Allerwesentlichste
aber ist, dass Nietzsche seine Position auf
den "Geist der Aufklaerung" und
auf die "fortschreitende Entwickelung"
beruft. Die pathologische Verzerrung der
achtziger Jahre trübte die grundsaetzlich
aufklaererische Attitûde Nietzsches sicherlich
stark, wir können uns aber schon aufgrund
eines einfachen Vergleiches von Nietzsches
Positionen über die Französische Revolution
klarmachen, dass seine wesentlichen Akzente
sich nicht aenderten.
Anmerkungen:
Die Nietzsche-Texte zitieren wir aus der
Kritischen Studienausgabe (KSA), deren Angaben
die folgenden sind: Friedrich Nietzsche,
Saemtliche Werke. Kritische Studienausgabe
in 15 Baenden. Herausgegeben von Giorgio
Colli und Mazzino Montinari. Berlin - New
York, 1967-1977.
(1) "Schopenhauer als Erzieher".
In: KSA, Band 1. 365.
(2) S. Endre Kiss, Friedrich Nietzsche filozófiája.
Budapest, 1993.
(3) Uns scheint, dass gerade der Fall Nietzsche
einer werden könnte, welcher Karl Mannheims
wissenssoziologische Konzeption mit Notwendigkeit
erweitern würde. Bei ihm geht es naemlich
nicht darum, dass ein Denker keine konkrete
tragende soziale Gruppe aufweisen kann, die
er artikuliert, sondern darum, dass ein Denker
politische Reflexionen formuliert, waehrend
er sich von jeder waehlbaren politischen
Alternative seiner Zeit distanziert. Der
freischwebende Intellektuelle weiss oft nicht
darum, wen er artikuliert. Nietzsche distanziert
sich von saemtlichen politischen Alternativen
seiner Zeit bewusst, wiewohl seine undefinierbare
soziale und politische Stellung nicht von
seiner Willensentscheidung motiviert wird.
(4) Diese Einstellung dem ganzen Bereichd
des Politischen gegenüber spricht eine Stelle
des Zarathustra wie folgt aus: "Dort,
wo der Staat aufhört, da beginnt erst der
Mensch, der nicht überflüssig ist".
(KSA, 4, 63.) - Eine Bemerkung zum Terminus
"Versklavung": Nietzsche gebraucht
dieses Wort, aber auch das des "Sklaven"
und die anderen Ableitungen auf einer so
breiten Palette, womit er die verschiedensten
Abarten des nicht-authentischen Lebens bezeichnen
will, dass es (nicht einmal in Gedanken,
wie es ja thematisch wird) eindeutig mit
einer politischen Einrichtung einer neuen
Sklaverei identifiziert werden kann.
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