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Wir haben allen Grund, die Hand des werten
englischen Diplomaten und Historikers in
jeder virtuellen Weise zu drücken. Niemand
lieferte bis jetzt das unübertrefflich klassische
Beispiel dafür, wie man "in der Realitaet"
über Nietzsche denkt. Erstens ist die Ausgangsthese
einfach absurd: Nietzsche erweist sich als
gleich stark, wenn nicht eben noch effektiver
in Mussolinis Entscheidung als der persönliche
Besuch des Führers bei dem Duce kurz vor
dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs! So oft
wir über die soziale Kontingenz der Philosophie
klagt, diese Wirksamkeit kann niemanden trösten.
Nietzsches vermeintliche Anteil an dieser
Entscheidung von Mussolini wird mit Argumenten
überhaupt nicht belegt. Ganz relevant wird
es freilich in dem Kontext der Biographie,
in welcher jede Zeile des Duce mit sorgfaeltiger
und gewissenhafter Argumentation untermauert
ist. Und die wirkliche Krone in diesem einmaligen
Beispiel ist die Bemerkung: "Es ist
behauptet worden…" Dies ist die wirkliche
Krone und dafür müssen wir Sir Ivone wirklécih
dankbar sein! Redet man über Nietzsche, so
ist es genug, wenn man auf Behauptungen hinweist.
Sollte man aber an die extremen Schwierigkeiten
der Nietzsche-Hermeneutik, an die lange Reihe
der Nietzsche-Faelschungen, sowie an die
grose Anzahl philosophisch bis heute nicht
rekonstruierter Nietzsche-Konzeptionen denken,
so schrumpft die Anzahl derer, die über Nietzsche
im Italien der spaeten dreissiger Jahre eine
begründete und verantwortliche Meinung bilden
konnten, ins Minimale. Die Wahrscheinlichkeit
dessen, dass diese wenige Leute in diesem
Umfeld Mussolinis Entscheidung über die Einleitung
der Judenverfolgungen kommentiert haben mochten,
ist eindeutig gering.
Auf den ersten Augenblick erscheint vielleicht
als überraschender Interpretationsvorschlag,
wenn Friedrich Nietzsche für ein Aufklaerungsdenken
in Anspruch genommen werden wird.
Seit zweihundert Jahren gehört es zur Seriositaet
eines philosophischen Ansatzes, die philosophische
Definition der Aufklaerung mit derjenigen
Kants in Angriff zu nehmen, die folgendermassen
lautet: "Aufklaerung ist der Ausgang
des Menschen aus seiner selbst verschuldeten
Unmündigkeit". Wie es aber auch im Falle
anderer Definitionen von grosser Tragweite
nicht ganz selten der Fall ist, macht auch
Kants Definition der Aufklaerung es nicht
wirklich leicht, dieses Phaenomen zu bestimmen.
Problematisch scheint zunaechst, dass der
zu erreichende Stand der Mündigkeit trotz
ihren annehmbaren positiven Werten nicht
identisch mit einem Prozess der Aufklaerung
sein kann. Damit haengt es auch zusammen,
dass beispielsweise der Zustand der "Unmündigkeit"
nicht restlos mit demselben des "Unaufgeklaertseins"
zusammenfaellt. Nicht zuletzt haben wir unsere
Probleme auch mit dem Element des "Selbstverschuldetseins"
im Zustand der Unmündigkeit, da diese Attribution
schon ein klares Werturteil in sich enthaelt,
welches sich von anderen Definitionsversuchen
der Aufklaerung bei der Beurteilung eines
hypothetisch angenommenen Urzustandes der
Menschheit deutlich unterscheidet.
Aufklaerung ist in positivem Sinne eine Praxis,
und zwar eine sehr konkrete und vielschichtige.
Aufklaerung ist keine selbstaendige Philosophie,
weder eine philosophische Konzeption noch
ein philosophisches System, auch wenn ihre
Inhalte wegen im breitesten Sinne formulierter
historischer Gründe meistens auf eine gewisse
philosophische Richtung hinweisen. Aufklaerung
ist aber auch keine selbstaendige, autochthone
Ideologie, auch wenn sie ebenfalls wegen
historischen und vor allem sozialen Gründen
ideologische Formen annimmt. Aufklaerung
ist somit eine sehr seltene und eigenartige,
gleichzeitig intellektuell-geistige und soziale
Praxis. Niemand kann sich selber aufklaeren.
Man wird aufgeklaert, indem er dieser Praxis
von anderen teilhaftig gemacht wird.
Aufklaerung ist also eine spezifische Praxis,
die von bewussten Protagonisten willentlich
ausgeführt wird, die die Meinungen, Ansichten,
Urteile der anderen veraendern wollen. Dies
ist aber beinahe das genau Kontraere dessen,
was Kant in seiner Definition vertreten hat.
Es geht hier nicht darum, dass der Mensch
aus eigener Kraft aus seiner Unmündigkeit
heraustritt, es heisst, dass der Mensch in
einen breiten sozialen und intellektuellen
Prozess aufgenommen wird. Selbstverstaendlich
kann in diesem Zusammenhang auch über kein
"Selbstverschuldetsein" auch die
Rede sein.
Eine Aufklaerung ist also eine umfassende
soziale Praxis, die letztlich auf die Veraenderung
der ganzen bisherigen Praxis grundsaetzlich
gerichtet ist. Aufklaerung ist Einsicht in
die Notwendigkeit, dass eine Veraenderung
der ganzen sozialen Praxis durch die Veraenderung
der "Meinungen", Einstellungen,
Werturteile etc. nicht nur herbeigeführt
werden kann, sondern so auch herbeigeführt
werden muss.. Jede Aufklaerung sieht im Bewusstsein
ihrer Zeit das fleischgewordene 'falsche'
Bewusstsein und steckt sich dementsprechend
das Ziel, dieses Bewusstsein zu veraendern.
Handelt man so, ist man in jeder historischen
Epoche ein Aufklaerer.
Fasst man diese Bestimmungen deer Aufklaerung,
bzw. der aufklaererischen Position auch als
Kriterien jeder Aufklaerung auf, so kann
Friedrich Nietzsche ein aufklaererischer
Philosoph genannt werden. Seine, den vorgeführten
Kriterien voll entsprechende Aufklaerung
muss nur selbstverstaendlich im Kontext seiner
Zeit, d.h. des dritten Drittels des neunzehnten
Jahrhunderts gedeutet werden.
Bei der Kategorisierung Friedrich Nietzsches
als Aufklaerer muss gleich ins Bewusstsein
gerufen werden, dass beiweitem nicht ein
Phaenomen wie Nietzsche allein als neuer
Aufklaerer genannt sein soll. Immer neuere,
kleinere, aber auch grössere Wellen der Aufklaerung
traten auf, wie beispielsweise die mit Josef
Popper-Lynkeus und Ernst Mach zu charakterisierenden
Welle der sogenannten "zweiten"
Aufklaerung Österreich-Ungarns. Wie jeder
wirklichen Aufklaerung, gehört auch zu Nietzsches
Aufklaerung ein "ökumenischer"
Zug, in welchem die gesamtmenschliche Dimension
des aufklaererischen Ansatzes artikuliert
wird. Der aufklaererische Ansatz ist auch
bei Nietzsche zwar immer konkret, er ist
aber auch immer gesamtmenschlich-ökumenisch,
er betrachtet den Menschen als einen Teil
dieser Gesamtmenschlichkeit, haelt aber auch
einen positiven Zustand, den Zustand eben
des "richtigen" Bewusstseins vor
Augen, der eine gesamtmenschliche Option
darstellt. Dies zu betonen ist nicht nur
wichtig, damit Friedrich Nietzsches ökumenischer
Ansatz klar wird, sondern auch aus dem Grunde,
weil viele spaeteren Ansaetze, die zwar aufklaererisch
scheinen, mangels dieses ökumenischen Bezuges
doch nicht vollgültig aufklaererisch angesehen
werden können. So beispielsweise kann das
Phaenomen des Kulturkampfes, welches zwar
in buchstaeblichem Sinne gegen die Kirche
gerichtet worden ist, aus dem besagten Grunde
nicht als aufklaererisch angesehen werden.
Ebenfalls sind bei weitem nicht alle radikale
politische Ansaetze aufklaererisch, deren
Gegner ihrerseits "Gegner der Aufklaerung"
sind
Die vorhin skizzenhaft beschriebene Interpretation,
was eigentlich Aufklaerung sei, schreibt
es geradezu vor, dass man kurz zu Aufklaerungsinterpretationen
Stellung nimmt, die nicht so sehr das historische
Phaenomen "Aufklaerung" beschreiben
oder es zu verallgemeinern suchen, vielmehr
dieses Phaenomen in eigene theoretische Konstruktionen
aufzuheben suchen, um damit meistens direkt
einen universalhistorischen Versuch zu machen,
die Moderne, zumindest das Wesen der Neuzeit
zu rekonstruieren. Sollte es um die "Entzauberung
der Welt" Max Webers, die "Dialektik
der Aufklaerung" Horkheimer-Adornos
oder das "Projekt der Moderne"
Jürgen Habermas' gehen, so steht es fest,
dass alle diese Konzeptionen (und auch diejenigen,
die jetzt nicht erwaehnt worden sind) selbstaendige
Konstruktionen darstellen, die unabhaengig
von ihrer möglichen positiven oder negativen
Beurteilung keine Alternative zu dem von
uns vorhin umrissenen Bild der Aufklaerung
als einer spezifischen Praxis stellen können.
Für die eigenen Belange der Nietzsche-Forschung
ist diese Feststellung von grosser Wichtigkeit.
Erstens deshalb, weil man Nietzsches angenommene
Aufklaerung unter diesen möglichen Alternativen
kategorisieren muss. Zweitens ist es aber
auch deshalb so, weil gerade diese (und die
aehnlichen) selbstaendigen Konstruktionen
Nietzsches Aufklaerung oft für sich reklamieren.
Im Lichte dieser Problematik soll gesagt
sein, dass Friedrich Nietzsche ein Aufklaerer
im ursprünglichen Sinne der Aufklaerung (die
spezifische Praxis vom "falschen"
zum "richtigen" Bewusstsein) ist
und ganzheitlich von keiner der hier angesprochenen
Aufklaerungsalternativen in Anspruch genommen
werden kann.
Im Mittelpunkt der Nietzscheschen Aufklaerung
steht eine Neudefinition der ökumenischen
Situation des Menschen in einer Zeit, in
der "Gott tot ist". Dass Nietzsches
Ausgangspunkt auch schon hier von dem der
klassischen Aufklaerung unterschiedlich ist,
zeigt seine wichtige Bemerkung, die geeignet
ist, seine Position auch noch in anderen
möglichen Vergleichen klar zu umreissen.
Die neue "condition humaine" des
"Gott ist tot" bringt die als Gattung
universal und einheitlich vorgestellte Menschheit
in zweierlei unmittelbar bedrohende Gefahren.
Es geht sogar um Gefahren, die nicht unabhaengig
von einander auftreten, vielmehr weitgehend
aufeinander abgestimmt, nach dem Muster der
Reflexionsbegriffe stets wechselseitig voneinander
abhaengig sind. Im Laufe der Formulierung
dieser beiden, gleichzeitigen und sich wechselseitig
aufeinander beziehenden Gefahren entstehen
die Umrisse jenes Begriffs der Aufklaerung,
der von Nietzsche formuliert und vertreten
worden ist.
Die erste grosse Gefahr für die Gattung Mensch
ist eine, die man mit dem Begriff des "nicht-adaequaten",
nicht "wirklichkeitstreuen" Bewusstseins
umschreiben könnte. Denn das Festhalten an
falschen Bewusstseinsformen ist nach Nietzsche
seit seiner frühen Jugend eine unmittelbare
und drohende mentale Gefahr. Es gehört zu
der Annahme dieser These zweifellos auch
die Annahme einiger Voraussetzungen, ohne
die sie nicht gedacht werden kann. Für Nietzsche
ist es also eine direkte und das Individuum
wie die Gattung gleich unmittelbar bedrohende
Gefahr, wenn die Menschheit nicht eiligst
Bewusstseinsgebilde entwickelt, die die den
Menschen umgebenden Realitaet "adaequat"
widerspiegeln. Selbstverstaendlich kann man,
wie es in der Geschichte der grossen philosophischen
Tradition tatsaechlich der Fall gewesen ist,
über diese Grundvoraussetzung der ganzen
Nietzscheschen Aufklaerungskonzeption völlig
anderer Meinung sein. Es ist jedoch nicht
unser Amt, an dieser Stelle diese Alternative
positiv in dieser oder jener Richtung zu
entscheiden. Es genügt uns, dass Nietzsche
selber vollkommen überzeugt von dieser mentalen
Gefahr war und diese Einsicht ihn in einer
im wahren Sinne des Wortes genommenen steten
Alarmbereitschaft gehalten hatte.
Nietzsches Einschaetzung der Gefahr eines
falschen Bewusstseins ergibt aber auch eine
vielsagende Parallele zu den Konzepten der
grossen Aufklaerung. Dem Aufklaerer des achtzehnten
Jahrhunderts ging es naemlich noch überhaupt
nicht um eine Gefahr des "falschen"
Bewusstseins, ihm ging es vielmehr um das
Zurückgehaltenwerden, bzw. das Ausgeschlossensein
des "noch falschen" Bewusstseins
von jenen emanzipativen Inhalten, die zu
einem richtigen Bewusstsein fhren sollten.
Es ging noch also nicht um eine mit Sicherheit
zu prognostizierende mentale Gefaehrdung,
vielmehr ging es noch um seine illegitim
aufgezwungene "Unmündigkeit".
Besteht also die eine die Aufklaerungsskonzeption
Nietzsches motivierende grosse Gefahr darin,
dass eine nicht aufgeklaerte Menschheit durch
ihr falsches Bewusstsein unmittelbar mental
beschaedigt wird, entsteht die andere, ebenso
grosse Gefahr in einem - in historischen
Massstaeben gesehenen - plötzlichen Verlust
der Kontinuitaet der eigenen individuellen
oder kollektiven Existenz, mit anderem und
aktuellerem Terminus ausgedrückt, der Identitaet.
Einerseits ist es so, dass wir nicht nur
können, wir müssen sogar diejenigen Inhalte
hinter uns lassen, die ihre Wahrheit bereits
eingebüsst haben. Diejenigen Inhalte und
Werte aber, die wir hinter uns lassen müssen,
sind andererseits unveraeusserlicher Teil
unserer Identitaet. Ein plötzlicher Verlust
derselben gefaehrdet uns nicht weniger als
es das falsche Bewusstsein - von gerade der
entgegengesetzten Richtung aus - tut.
Zwischen diesen beiden Gefahren kann das
Individuum wie die Gattung nur weiterleben,
wenn sie eine neue und bewusste Praxis in
Angriff nimmt. Diese beiden Voraussetzungen
markieren die Grenzen der Aufklaerungskonzeption
Friedrich Nietzsches. Diese Aufklaerung besteht
aus den beiden Elementen, die sich aus der
verdoppelten und gleichzeitigen, miteinander
stets verbundenen Gefahren ergeben. Einerseits
muss Individuum wie Gattung sich von jedem
falschen Bewusstsein frei machen (darin -
etwa auch in der Formulierung, dass es hier
um eine stete Kritik jeder Metaphysik geht
- ist Nietzsches Aufklaerung der grossen
Aufklaerung des achtzehnten Jahrhunderts
nicht unaehnlich). Andererseits muss Individuum
wie Gattung in ihrer bewussten, in diesem
Sinne genommenen "aufklaererischen"
Praxis auch bewusst um ihre Identitaet kaempfen.
Dadurch entsteht eine Aufklaerung, die in
ihrem Wesen ebenfalls eine bewusste Praxis
ist, die dieses doppelte Ziel vor sich hat.
Diese neue Aufklaerung hat ursprünglich kein
Feindbild, denn ihre Zielsetzungen werden
als so weitgehend gemeinnützig verstanden,
dass der Begriff des Feindbildes wie sich
selbst aufhebt. Kontraere Position entstehen
bei Nietzsche dann, wenn er Attitüden zu
entdecken meint, die sich bewusst am falschen
Bewusstsein festhalten wollen.
Viele warten vielleicht von einer umfassenden
Nietzsche-Deutung, dass sie die Provokation
in den Mittelpunkt stellt. Diese Erwartung
geht aber auch noch weiter. Sie erwartet
nicht nur eine Provokation, sie erwartet
eine Provokation mit ganz bestimmten Richtung.
Stanislaw Jerzy Lec schrieb: "In der
Hölle ist der Teufel der positive Held."
Die genannte Erwartung rechnet mit einer
Nietzsche-Provokation, die diabolisch. In
seiner Vision erscheint ein Nietzsche, der
der philosophische Mephistopheles ist, ein
Denker, der zwar gegen alle heiligen Werte
losgeht, insgeheim aber wegen der nur von
ihm ausgesagten Wahrheiten respektiert, zeitweilig
sogar geliebt worden ist. Vergessen wir aber
nicht, dass Faust auch provoziert. Er setzt
sein Leben aufs Spiel, um zu erkennen, was
vor ihm noch kein Mensch erkannt hat. Vergessen
wir aber auch nicht, dass die Nietzschesche
Aufklaerung auch eine Provokation ist. Zwischen
dem Schylla des überholten Bewusstseins und
dem Charybdis der Identitaetsverlust durchzufahren,
verlangt den neuen Ulysses unserer Tage.
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