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Die Existenz einer sehr frühen Philosophie
Nietzsches wird in einer berühmten Aeusserung
des Philosophen sehr deutlich gemacht: "Insofern
sind alle meine Schriften, mit einer einzigen,
allerdings wesentlichen Ausnahme, zurück
zu datieren...eine sogar, wie die drei ersten
Unzeitgemaessen Betrachtungen, noch zurück
hinter die Entstehungs- und Erlebniszeit
eines vorhergehenden Buches..." (3)
und ferner... "Als ich sodann meine
Ehrfurcht vor Arthur Schopenhauer zum Ausdruck
brachte, war ich für meine eigene Person
schon mitten in der moralischen Skepsis..."
(4).
Die neue Qualitaet im Denken des sehr jungen
Nietzsche möchten wir am Beispiel des "Fatum
und Geschichte" aufzeigen (5).
Diese Arbeit stellt nicht nur eine Reform,
vielmehr eine Wendung in der Philosophie
dar. Sie enthaelt im wörtlichen Sinne eine
"neue Vision" der Welt. Nicht allein
die Tatsache der faktischen Entstehung einer
neuen philosophischen Vision in der gedanklichen
Werkstatt des Pforta-Schülers ist also eine
scheinbar seltsame Erscheinung. Erstaunlich
ist es auch, dass in diese neue Konzeption
in einer so frühen Zeit die meisten sprungartigen,
wenn nicht gar revolutionaeren Veraenderungen
der Rahmenbedingungen des philosophischen
Denkens jener Zeit mit Erfolg integriert
werden (6).
Dass sowohl die Tatsache wie auch die selbst
für den Denker aktuell noch nicht in jeder
Hinsicht einzuschaetzenden Konsequenzen der
neuen Vision vor dem jungen Nietzsche beresits
klar gewesen sein sollten, zeigen die expliziten
Reflexionen über die Existenz dieser neuen
Denkweise. Ein Beispiel: "Es ist vollends
eine Vermessenheit, philosophische Probleme
lösen zu wollen, über die ein Meinungskampf
von mehreren Jahrtausenden geführt ist..."
(7). Dieses Zitat spricht eine Sprache, die
klarer nicht haette ausfallen können. Das
Erstaunen ergreift den jungen Autor selbst,
und zwar sozusagen in statu nascendi. Die
Legitimitaet seines eigenen Versuchs wird
immer vor ihm selber unsicher, die unerwarteten
Ansprüche der eigenen Vision schockieren
ihn (8).
Nietzsches neue philosophische Vision in
"Fatum und Geschichte" umreisst
die Linien einer neuen Philosophie, die in
ihrer Totalitaet die spaeteren Varianten
seiner Philosophie holistisch antizipieren.
Der Kontext dieser neuen Philosophie wird
zunaechst von der Tatsache der Existenz neuer
Rahmenbedingungen gekennzeichnet. Die erste
derselben ist der Zustand eines geistigen
Universums, welches nicht mehr von dem Christentum
bestimmt wird. Alle Interpretationen, die
dies nicht sehen, gehen mit Notwendigkeit
fehl und schwören dadurch einen Konflikt
mit dem Christentum herauf, den es beim jungen
Nietzsche nicht mehr gab. Für den jungen
Nietzsche ist das Christentum historisch
delegitimiert (9). Als Essenz dieser neuen
Situation erscheint in "Fatum und Geschichte"
die folgende These: "...eine neue Weltperiode
bricht an" und der Mensch "in sich
und für sich jenes Zentrum sucht, welche
einzige Bedeutsamkeit Geschichte und Naturwissenschaft...haben
können" (10). Die neue philosophische
Vision entwirft in diesem Zusammenhang tatsaechlich
eine "neue Stellung des Menschen im
Kosmos", der Mensch lebt in einer "neuen
Weltperiode" und sucht sich in der neuen
Situation ein neues Zentrum. Dieselbe neue
Situation wirkt schon bei dem sehr jungen
Nietzsche "umwertend", das neue
Umfeld der Fragestellung veraendert die grundsaetzlichen
Konditionen der Menschheit: "Nur christliche
Anschauungsweise vermag derartigen Weltschmerz
hervorzubringen, einer fatalistischen liegt
es sehr fern...Dass Gott Mensch geworden
ist, weist nur darauf hin, dass der Mensch
nicht im Unendlichen seine Seligkeit suchen
soll, sondern auf der Erde seinen Himmel
gründe; der Wahn einer überirdischen Welt
haette die Menschengeister in eine falsche
Stellung zu der irdischen Welt gebracht..."
(11). Nietzsches neue philosophische Vision
registriert also eine neue condition humaine
des Menschen, bzw. der Menschheit, die eine
vollstaendige Neuorientierung notwendig macht.
Die allerunmittelbarste Konsequenz dieser
Einsicht ist das Verwerfen der Fragestellung
Optimismus oder Pessimismus in der Lebensauffassung
und Lebensgestaltung, eine Umwertung des
Fatalismus, der zu einer neuen Lebensbejahung
führen soll.
Friedrich Nietzsches neue philosophische
Vision des "Fatum und Geschichte"
ist gleichzeitig auch ein Produkt eines veraenderten
Status der Wissenschaften (12). Dieser neue
Zustand wird zum selbstverstaendlichen und
evidenten Ausgang des ganzen Gedankenganges
gewaehlt. Fast hymnisch, jedoch aber nicht
so sehr visionaer als rational-diskursiv
drückt sich Nietzsche die veraenderten Perspektiven
so aus: "Geschichte u. Naturwissenschaft,
die wundervollen Vermaechtnisse unsrer ganzen
Vergangenheit, die Verkünderinnen unsrer
Zukunft, sie allein sind die sicheren Grundlagen,
auf denen wir den Thurm unsrer Spekulation
bauen können" (13). Diese beiden "sicheren
Grundlagen", die Nietzschesche Addition
von Naturwissenschaft und Geschichte (günstiger
waere sie schon in dieser frühen Phase "Genealogie"
zu nennen) ergeben einen rein, obwohl nicht
in gewöhnlichem Sinne genommenen, szientistischen
Standpunkt. Eine Folge diese Einsicht in
den neuen Stand der Wissenschaften bei Nietzsche
ist seine selbstverstaendliche Bereitschaft,
im wörtlichen Sinne jede Frage neu zu stellen.
Dass diese spontane und evidente Bereitschaft
des sehr jungen Denkers nicht nur eine "Vorwegnahme",
sondern schon eine Realisierung des philosophischen
Programms der "Umwertung" ist,
dürfte sich von selbst verstehen. Denn Fragen,
die die Menschheit unter diesen neuen Konditionen
neu definieren wollen ("Wissen wir doch
kaum, ob die Menschheit selbst nicht nur
eine Stufe, eine Periode im Allgemeinen,
im Werdenden ist..." (14), sind in diesem
Falle in jedem Sinne gaenzlich neue Fragen,
die der junge Denker unter den gegebenen
Voraussetzungen in dieser Form zum ersten
Mal gestellt haben dürfte.
Die dritte bestimmende Qualitaet des neuen
philosophischen Ansatzes erscheint in einer
ganz neueartigen philosophischen Attitüde.
Die bereits von mehreren Richtungen festgestellte
neue Weltsituation erscheint als eine Welt
zeigt, der "noch grosse Umwaelzungen
bevorstehen, wenn die Menge erst begriffen
hat, dass das ganze Christentum sich auf
Annahmen gründet" (15). Jeder Kenner
Nietzsches weiss, dass dieser Zug unveraendert
bis zum Ende in seinem Werk erhalten bleibt.
Diese Einstellung verleiht Nietzsches ganzem
Denken einen eigentümlich prometheischen
Charakter, der ja der tiefste identitaetsbildende
Zug seines Denkens ist (16).
Diese neue Attitüde ist diejenige eines universalgeschichtlichen
Denkers (17), der die möglichen verschiedenen
Dimensionen dieses Denkens auf eine - man
dürfte wohl so nennen - "ganz"
neue Weise integriert. Einerseits kommt er
zur Universalgeschichte, als zu einer logischen
Konsequenz der historischen Situation (deren
Elemente sich aus den sich sprungartig aendernden
Rahmenbedingungen wie spontan ergeben). Andererseits
nimmt er die für das Normalbewusstsein sich
ergebenden gewaltigen methodischen Schwierigkeiten
mit Bestürzung zur Kenntnis (18). Eine dritte
Facette der neuen Nietzscheschen Auffassung
entsteht durch die ökumenische Aktualisierung
der universalgeschichtlichen Konzeption selber
("es stehen noch grosse Umwaelzungen
bevor"). Für Nietzsche ist von der Gegenwart
an das Schicksal des Menschen (auch des Einzelnen)
mit demselben der Weltgeschichte untrennbar
verbunden, womit aber auch eine neue Alternative
des existentiellen Denkens entsteht (19).
Eine vierte Dimension dieses neuen universalgeschichtlichen
Entwurfes eröffnet sich ursprünglich aus
den Reaktionsmöglichkeiten auf die neue Ausgangssituation,
die sich aus der vorhin heraufbeschwörten
Berührung der neuen universalgeschichtlichen
Situation der Menschheit mit der spezifischen
existentiellen Dimension ergeben sollten.
Diese "Reaktion" auf diese Herausforderung
ist im wesentlichen eine neue Vereinigung
des "Fatums" und des "freien
Willens" (20). Diese Konzeption vermittelt
die (unter anderen rein szientistischen und
etwas allgemeiner "desanthropomorphen")
Einsicht in die Universalgeschichte mit der
partikularen ("existentiellen")
Notwendigkeit, die Sinnfrage (21) und nicht
weniger die Problematik des "freien"
Willens (22).
Nietzsches Lösung der neuen, menschheitlichen
Praxis, die als eine Vermittlung von (desanthropomorph
angesehener) Universalgeschichte und einer
neuen Auffassung der "Bejahung"
des Seins konzipiert ist, erscheint in Rudolf
Kreis' Interpretation als "Blitz visionaerer
Weisheit" (23). Es ist kein Zufall in
der Interpretation des ganz jungen Nietzsche,
dass auch diese korrekte Analyse einen Ansatz
als "visionaer" anschaut, der auf
seine neue Weise eine universalgeschichtliche,
und als solche eher diskursive und erst nur
in der tiefsten Essenz "visionaere"
Konzeption ausarbeitet (24).
An dieser Stelle erscheint aber ein Problem,
welches auch für den spaeteren Nietzsche
stets von der grössten Wichtigkeit blieb.
Es geht um die Sprache, um die Möglichkeiten
Nietzsches, seine neuen Ansaetze in einem
sprachlichen Vakuum zwischen der Sprache
des klassischen Idealismus und der "modernen"
Denkweisen zu artikulieren. Deshalb ist es
von grosser Tragweite, wie sehr auch schon
dieser sehr junge Nietzsche die Schwierigkeiten
der sprachlichen Artikulation thematisch
macht. Ein Beispiel: "Auch versuchte
ich einmal, so einfach wie möglich zu schreiben,
aber bald liess ich es sein...Man muss überhaupt
bei dem Schreiben eines Werkes vorzüglich
die Gedanken zu berücksichtigen; eine Nachlaessigkeit
im Stil verzeiht man eher, als eine verwirrte
Idee...Gleicht hierin die Poesie nicht der
modernen Musik? Ebenso wird hieraus alsbald
eine Zukunftspoesie werden" (25).
Der junge Nietzsche hatte das evidente Bewusstsein,
im Besitz einer neuen und originellen philosophischen
Vision zu sein. Wir wollten nachweisen, dass
er dieses Gefühl überhaupt nicht ohne Grund
hatte. In dieser Beleuchtung erscheinen die
selbstreflexiven Meditationen des Pfortaschülers
Friedrich Nietzsche als durchaus berechtigt:
"Denn wie vermöchte man die Autoritaet
zweier Jahrtausende, die Bürgschaft der geistreichsten
Maenner aller Zeiten durch die Resultate
jugendlichen Grübelns vernichten, wie vermöchte
man sich mit Fantasien und unreifen Ideen
über alle jene in die Weltgeschichte tief
eingreifenden Wehen und Segnungen einer Religionsentwicklung
hinwegsetzen?" (26)
Um nichts weniger hat die spaetere Entwicklung
auch den Satz bestaetigt, den der junge Mann
im Augenblick der Bewusstwerdung der Tragweite
seiner Vision wie automatisch und mit charismatischer
Evidenz aussagt: "Ein solcher Versuch
ist nicht das Werk einiger Wochen sondern
eines Lebens..."(27)
ANMERKUNGEN:
(1)Die rekonstruktive Aufmerksamkeit auf
die Schriften des ganz jungen Nietzsche unter
philosophischem Aspekt war bis in die letzte
Zeit hinein gering, was sicherlich auch mit
den generellen Trends der einzelnen Phasen
der Nietzsche-Interpretation zusammenhaegt.
Eine starke Suggestion fü das Ernstnehmen
dieser sehr frühen Philosophie ging von Karl
Schlechta aus (vor allem: Karl Schlechta
und Anni Anders, Friedrich Nietzsche. Von
den verborgenen Anfaengen seines Philosophierens.
Stuttgart - Bad Canstatt, 1962). Er kommt
auch nicht nur zur These, die auch in diesem
Versuch voll vertreten wird ("..so ergibt
sich..., dass Nietzsche nach seiner eigenen
Erinnerung in der hier infrage stehenden
Zeit 'im Hintergrunde' mit anderen Dingen
beschaeftigt war, als die von ihm in eben
dieser Zeit veröffentlichten Schriften erscheinen
lassen..."(a.a.O. 11.), er verallgemeinert
diesen Ansatz in einer Richtung aus, die
auch innerhalb der Fragestellung dieser Arbeit
eine Antwort erfordert ("...ob wir in
der Tat zweierlei Nietzsche vor uns haben,
einen offiziellen und einen inoffiziellen,
einen bekannten und einen unbekannten..."
(a.a.O. 14.). - Eine neue Dimension in der
Erforschung der Entwicklungsgeschichte bedeutet
Hermann Josef Schmidts monographischer Versuch,
Nietzsches Jugend mit dem Anspruch der Vollstaendigkeit
zu rekonstruieren.
(2)Es ist bis heute so, dass ein fünfzehnjaehriges
Maedchen zwar Schachweltmeisterin werden
kann, waehrend eine philosophische Vision
desselben fünfzehnjaehrigen Maedchens mit
einer Reihe der sozialen Probleme zusammengehen
würde. Es ist durchaus lehrreich, dass der
junge Nietzsche in dem hier im Mittelpunkt
stehenden "Fatum und Geschichte"
die unerhörte Einmaligkeit, die extreme Singularitaet
der eigenen Situation wiederholt stark selber
artikuliert. Ein Beispiel: "Sich in
das Meer des Zweifels hinauszuwagen, ohne
Kompass u(nd) Führer ist Thorheit und Verderben
für unentwickelte Köpfe; die Meisten werden
von Stürmen verschlagen, nur sehr wenige
entdecken neue Laender." ("Fatum
und Geschichte", MP II, 18, S. 2. Zeilen
3-6.).
(3)Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches.
Zweiter Band. In: Saemtliche Werke. Kritische
Studienausgabe, Band 2. S. 369.
(4)Ebenda, S. 370.
(5)S. zunaechst Werner Ross, Der aengstliche
Adler. München, 1984 (erste Ausgabe 1980)
Ross widmet keine allzu intensive Aufmerksamkeit
der Beschreibung von Nietzsches Pfortaer
Zeit. Um so wichtiger ist, dass der die Arbeit
"Fatum und Geschichte" als einen
Entwurf ansieht, dessen Gedanken "das
Programm seines Lebens und seines Kampfes
vollstaendig enthalten" (S. 98-99),
der (so merkwürdig wie ein "Basaltkegel
aus dem Flachland des Pennalerlebens herausragt"
(S. 64). Wie aber aus der Darstellung klar
hervorgeht, erachtet Ross dieses Manuskript
als eine Antizipation der tiefsten Gravitation
des Nietzscheschen Werkes, wie er es formuliert,
die er "Gegenrezept der Weltrevolution
durch den Willen nennt" (S. 65). Schade,
dass Ross diese Nietzscheschen Gedanken analytisch
überhaupt nicht weiter erschliesst, so dass
seine These in expliziter Form in dieser
Arbeit direkt nicht diskutiert werden kann.
Denn der wirkliche Gehalt der von ihm mit
Recht rekonstruierten Idee führt zu einer
"Kritik der Weltgeschichte", die
in unserer Ausführung sowohl im post-christlichen,
wie auch im politischen Kontext ihre Darstellung
finden wird. - Jorgen Kjaer (in: Nietzsche.
Die Zerstörung der Humanitaet durch "Mutterliebe".
Opladen, 1990.) widmet dem "Fatum und
Geschichte" (durch zwei andere Arbeiten
sogar zum "Fatum und Geschichte"-Komplex
ergaenzt) eine noch intensivere Aufmerksamkeit.
Das Problematische bei Kjaers Darstellung
ist nicht seine überzogene Psychologisierung,
vielmehr seine Ignoranz jenen neuen philosophischen
Artikulationen gegenüber, die in dieser Arbeit
als "neue philosophische Vision"
in den Mittelpunkt gestellt wird. Auf diese
Weise erscheint der ganze Gedankengang des
"Fatum und Geschichte" als eine
ausschliessliche Auseinandersetzung mit dem
Christentum: "Die Probleme, die Nietzsche
in 'Fatum und Geschichte' schildert, indizieren
retrospektiv, in welchem Ausmass Nietzsche
als Kind das christliche Weltbild internalisiert
hat und welche Macht es noch über seinen
Geist und seine Seele hat" (Kjaer, 110).
Diese scheinbar so plausible Lösung erweist
sich auch im Falle Kjaers als theoretische
Fata Morgana, denn für Nietzsche - und dies
wird im Text unserer Darstellung ausführlich
dargestellt - erscheint das Christentum als
delegimiert. Seine Auseinandersetzung mit
ihm ist auch deshalb nicht mehr existentiell-psychologisch,
wie Kjaer dies auch noch mit kritischen Untertönen
vertritt, sondern ökumenisch, ihm geht es
nicht um seine eigene Existenz, vielmehr
um die Existenz der Menschheit in der neuen
welthistorischen Phase. Er visioniert nicht
für sich, vielmehr für die Menschheit "grosse
Erschütterungen, die bevorstehen". Von
diesem Ansatz folgt dann Kjaers zweiter Fehlschluss
nicht ohne Logik, indem er die Anvisierung
der Nietscheschen Konzeption von der neuen
Stellung des Menschen psychologisch abkürzend
folgendermassen reduziert: "...die überschwengliche
Vision ist Ausdruck archaisch-narzi3tisch-infantiler
Omnipotenzvorstellungen, die aus dem Unbewussten
eruptiv hervorquellen' (Kjaer, 119.)
(6)Zur Rezeption der zeitgenössischen gedanklichen
Strömungen in Pforte gehört auch die folgende
Komponente: "Ich habe zu allem geschwiegen;
auch Schweigen ist eine Antwort und sie sollen
dort sehen, dass ich in Pforta schweigen
gelernt habe..." ("Aus meinem Leben",
Pforta, 7. August, 1859, in: Friedrich Nietzsche,
Werke, III. Herausgegeben von Karl Schlechta.
Frankfurt am Main - Berlin - Wien, 1976 (Nachdruck
der 6., durchgesehene Auflage). - Ebenfalls
der Text des "Fatum und Geschichte"
enthaelt den entscheidenden Hinweis, dass
für den jungen Nietzsche im Kontext der universalgeschichtlichen
Fragestellung die Hegelsche Lösung zumindest
aus Hörensagen bekannt war ("Fatum und
Geschichte", a.a.O. S. 4. Zeilen 3-6.)
- Dass er auch den Materialismus-Diskussion
in Pforta rezipiert, zeigt der Brief an Raimund
Granier (Gorenzen, 28. Juli 1862), S. Friedrich
Nietzsche, Briefe (Junius 1850 - September
1864), a.a.O. S. 216. - Über alle weitere
Rezeptionsvorgaenge beim jungen Nietzsche
s. Endre Kiss, Friedrich Nietzsche filozófiája.
Budapest, 1993.
(7)"Fatum und Geschichte", a.a.O.
S. 1. 25-28 Zeilen.
(8)Schwindellerregend wird für den jungen
Denker, wie er nach seinen die früheren Fragestellungen
"delegitimierenden" Ansaetzen zu
seiner eigenen Legitimation kommt. An mehreren
Stellen dieser Arbeit wollten wir systematisch
darauf hinweisen, dass diese Reflexion durch
den ganzen Text des "Fatum und Geschichte"
hindurchzieht. Ein weiteres Beispiel aus
"Fatum und Geschichte": "Ein
solcher Versuch ist nicht das Werk einiger
Wochen, sondern eines Lebens" (a.a.O.
1, Zeilen, 17-18.)
(9)Die genaue Art und Weise dieser Delegitimierung
laesst sich erst auf dem Wege der Rekonstruktion
des ganzen Werkes des jungen Nietzsche bewerkstelligen.
Aehnliches bezieht sich auf die Eruierung
der Gründe dieses Delegitimierungsprozesses.
Wie es in der philosophischen Monographie
steht, so sieht der Verfasser dieser Zeilen
beim jungen Nietzsche, dass seine Delegimitation
des Christentums eine Reaktion auf die sprungartig
anders gewordenen philosophischen Rahmenbedingungen
war (s. E.Kiss, Friedrich Nietzsche filozófiája,
a.a.O.). Selbst "Fatum und Geschichte"
enthaelt jedoch zahlreiche Belege dafür.
Schon der erste Satz sagt folgendes aus:
"Wenn wir mit freiem, unbefagenen Blick
die christliche Lehre und Kirchengeschichte
anschauen könnten, so würden wir manche den
allgemeinen Ideen widerstrebende Ansichten
aussprechen müssen" (A.a.O. S.1. Zeilen
3-5).
(10)"Fatum und Geschichte", 4.
Zeile 2. und S. 5. Zeilen 3-4.
(11)Nietzsches in Fragmentform erhalten gebliebener
Brief an G. Krug und W. Pinder an Naumburg
(Fragment), Pforta, 27. April, 1862. in:
Friedrich Nietzsche, Briefe. Juni 1850 -
September 1864. Berlin - New York, 1975.
S. 200 - 201.
(12)Durchaus gründlich wird dieser neue Status
der Wissenschaften in Friedrich Nietzsche
filozófiája dargestellt (a.a.0.)
(13)"Fatum und Geschichte", a.a.O.
S. 2, Zeilen 11-14.
(14)Ebenda, a.a.O. S. 3. Zeilen 23-26.
(15)Ebenda, S. 2. Zeilen 20-23.
(16)An dieser Stelle soll es nur ein Hinweis
bleiben, dass Prometheus der geheimen Grundorientation
des Nietzscheschen Denkens am naechsten kommt.
Nicht das Schöpferisch-Titanenhafte ist aber
der hier führende Zug, vielmehr die universale,
ökumenisch zu nennende Verantwortung für
die ganze Gattung "Mensch", über
Linien wie eben die "schenkende Tugend"
ganz zu schweigen.
(17)Es ist von grosser Tragweite, dass der
junge Nietzsche des "Fatum und Geschichte"
die Kategorie der "Universalgeschichte"
auch tatsaechlich gebraucht: "Die höchste
Auffassung von Universalgeschichte ist für
den Menschen unmöglich; der grosse Historiker
aber wird ebenso wie der grosse Philosoph
Prophet..." (A.a.O. S. 5. Zeilen 11-12.)
(18)"Die höchste Auffassung von Universalgeschichte
ist für den Menschen unmöglich..." (die
Stelle s. unter Anmerkung 17)). Dieser Gedanke
müsste in einer etwas umfangreicheren Arbeit
mitsamt seinen Ergaenzungen selbstaendig
und explizit analysiert werden. So können
wir nur unsere These über die Interpretation
dieses Satzes kurz andeuten. Der Satz fasst,
wie wir es meinen, den starken Konflikt einer
(von dem jungen Nietzsche stets bekaempften)
"anthropomorphen" Einstellung (die
ja die Universalgeschichte schon wegen ihrer
anthropomorphen Fixierung nicht "auffassen"
kann) und einer desanthropomorphen Einstellung,
die aber im Falle der Universalgeschichte
auf rein diskursive Weise auch nicht möglich
ist ("der grosse Historiker wird Prophet").
(19)Der systematische Ort dieser neuen Auffassung
der Universalgeschichte wird einsichtig,
wenn man sie einerseits mit Hegel (Universalgeschichte
ohne nennenswerte existentielle Dimension)
und andererseits mit Kierkegaard (Existentialismus
ohne universalgeschichtliche Dimension) vergleicht.
(20)Im Text des "Fatum und Geschichte"
wörtlich: "...der freie Wille (kann)
nichts als die höchste Potenz des Fatums
(sein)" (A.a.O. S. 7. Zeilen 15-16.)
(21)Die Konkretisierung der "Sinnfrage"
ist im gegebenen historischen und geistigen
Raum bedeutet die Problematik des (von Schopenhauer
in diesen Jahren extrem aktualisierten) Dilemmas
zwischen "Optimismus" und "Pessimismus".
Nur kurz sei noch darauf hingewiesen, dass
nicht wenige universalgeschichtliche Konzeptionen
jener Jahre entweder direkt zu "pessimistischen"
Konsequenzen führen oder auf die "Bejahung"
keinen Anspruch erheben.
(22)Es kann kein Zweifel darüber bestehen,
dass der junge Nietzsche auch in diesem Zusammenhang
neue Bahnen eröffnet. Denn jegliche Universalgeschichte
(geschweige denn die, die sogar noch naturhistorische
oder naturwissenschaftliche Elemente in sich
aufnahmen) vertrat in der Fragestellung des
"freien Willens" eine negative
Antwort.
(23)Rudolf Kreis, Der Nietzsche-Mythos vom
Erdenreich. Gegen Gottesmord und Erdzerstörung.
Frankfurt am Main - Bern - New York - Paris,
1991. S. 112.
(24)S. weiterhin Kreis: "So wird Geschichte...zu
einem das Fatum des ganzen Prozesses negativ
erfüllen müssenden Fatalismus...Statt unser
eigentliches Fatum zu erkennen und bejahend
zu ergreifen, wirken wir ihm entgegen..."
(Kreis, 113).
(25) "Aus meinem Leben", in: Friedrich
Nietzsche Werke, Band III. Herausgegeben
von Karl Schlechta. Frankfurt am Main - Berlin
- Wien, 1976 (Nachdruck der 6., durchgesehene
Auflage), S. 743.
(26)"Fatum und Geschichtde", a.a.O.
S. 1. Zeilen 19-24.
(27)Ebenda. - Der junge Nietzsche hat jedoch
das "Werk eines Lebens" schon in
Pforta in aller Intensitaet angefangen. Ende
Maerz - Anfang April datiert finden wir einen
Brief an Pinder, in dem er diese bewusste
und konzentrierte Anstrengung klar beim Namen
nennt: "...schicke mir jetzt einmal
irgend ein Thema zu einer Deutschen Arbeit...Ich
denke, in den freien Tagen nach den Examen
wird schon etwas freie Zeit dazu sein und
ich muss in so etwas in der Übung bleiben.
Ich komme sonst zu sehr heraus." (Friedrich
Nietzsche, Briefe. Kritische Gesamtausgabe
I/1. Herausgegeben von Giorgio Colli und
Mazzino Montinari. Berlin - New York, 1971.
S. 56.
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