Friedrich Nietzsche und seine Aufklaerung

Endre Kiss, Budapest

Auf den ersten Augenblick mag es als überraschender Interpretationsvorschlag vorkommen, wenn Friedrich Nietzsche nicht nur als Vertreter einer grossen und im Naeheren nicht definierten Aufklaerung, sondern als Repraesentant einer selbstaendigen und kreativen Aufklaerungsphilosophie interpretiert wird. Die Geschichte der von philologischen und historischen Zufaellen, unbewussten, aber auch manipulativ-bewussten Missverstaendnissen gezeichneten Rezeption des Denkens von Nietzsche erweist sich auch noch heute, am 150 Geburtstag des Philosophen als ein gewaltiges Hindernis der Aufnahme dieses Denkens. Gleichzeitig emanzipierte sich stillschweigend die Rezeptionsgeschichte zu einer selbstaendigen Disziplin.


Sowohl der reale Sozialismus, wie auch der real existierende Nationalsozialismus schöpfte beispielsweise entscheidende Legimitationen aus Nietzsche-Interpretationen, die für diese Zielsetzungen entsprechend vorbereitet waren.
Es ist erstaunlich, wie wenig die brutale Tatsache dieser entscheidenden Instrumentalisierungen Nietzsches der internationalen philosophischen Zunft überhaupt zum Bewusstsein gekommen ist. Etwas künstlich UND naiv erscheint naemlich eine Attitüde, die verspielt so tut, wie als ob die tatsaechlich Geschichte machenden und faelschenden Interpretationen eines Georg Lukács oder eines Alfred Baeumler im Rahmen einer herrschaftsfreien Kommunikation oder gar eines aufrichtigen Erkenntnisinteresses entstanden waeren. Man dar selbstverstaendlich keine Interpretation mit der Annahme einer möglichen Faelschung lesen, man darf jedoch auch nicht naiv sein, darüber ganz zu schweigen, dass die beidersetigen Erben dieser beiden instrumentalisierten und faelschenden Nietzsche-Deutungen von allen anderen sogar noch erwarten, dass diese mit einer exzessiven Naivitaet diese Konzeptionen als ehrliche Interpretationsansaetze aufnehmen. Es ist, wie wenn ein Bankraeuber von den Untersuchungsrichtern nicht nur erwarten würde, dass seine Aktivitaet nicht wahrgenommen, sondern auch dass sie als gemeinnützige Arbeit angesehen werde.
Dass die nationalsozialistische Nietzsche-Deutung vor allem auf Alfred Baeumlers Buch, sowie dass dieses Buch auf eine verschlüsselte Weise ein umfassendes System der Legitimation für das Dritte Reich lieferte, erschien in der Literatur erst Anfang der achtziger Jahre. Dass Martin Heideggers Nietzsche-Interpretation von jener Zeit von dieser legitimatorischen Interpretationen überhaupt nicht so fern standen, vielmehr eine selbstaendige Version derer abgaben, ist ebenso eine Konzeption der letzten Jahre. Wenn möglich, so steht es mit der stalinistischen Instrumentalisierung der Nietzsche-Deutung noch schlimmer. Vor allem deshalb, weil jene westliche linke und kritische Intelligenz, die 1968 und spaeter vor allem die Lukács'sche Fassung der stalinistischen Missinterpretation übernommen hat, die damit den Prozess der Vergangenheitsbewaeltigung vervollstaendigen wollte. Die von Lukács interpretierte Nietzsche erschien ihr in diesem Kontext tatsaechlich als die ideale Fleischwerdung all jener Tendenzen, die zum Nationalsozialismus geführt hatten. Dass dabei Nietzsche als Autor im wesentlichen überhaupt nicht neu gelesen wurde, erscheint heute wieder als eine erstaunliche Tatsache. Walter Benjamin's These von der faschistischen Aesthetisierung der Politik erschien für diese Interpretation als ausreichende Munition, Nietzsche nicht nur zu verstehen, sondern auch zu verurteilen. Es darf ferner auch nicht unerwaehnt bleiben, dass die wahren Autoritaeten der Frankfurter Schule, die ja nicht nur mit Georg Lukács' Stalinismus ('erpresste Versöhnung'), sondern auch (was viel schwieriger wiegt), mit der Philosophie Nietzsches vertraut waren, Nietzsche vor dieser absoluten geistigen Diabolisierung (er verkörperte die 'wahren' und 'tieferen' Tendenzen des Hitler-Staates) auch nicht in Schutz genommen hatten. Und die hier anvisierte westliche linke Intelligenz hatte - darüber hinaus - keine Ahnung (ausser anderen wichtigen Details) auch über die legitimierende Funktion der stalinistischen Nietzsche-Deutung im Block des realen Sozialismus. Sie hatte keine Ahnung, welche gewaltige soziale UND politische Rolle diese Nietzsche-Interpretation für eine Kulturpolitik des 'sozialistischen Realismus' hatte ('jede spaetbürgerliche Kultur führt in den Nazismus, hinter Rilke steht Streicher'), sie hatte aber auch darüber keine Ahnung, wie DIE ZERSTÖRUNG DER VERNUNFT von Georg Lukács für jene Generation ursprünglich bürgerlicher Intellektuellen (denn auch in Ost-Europa gab es Bürgerliche vor dem realen Sozialismus) das Bewusstsein vom Ende jeder anderen, d.h. nicht realsozialistischen Kultur und Existenz suggerierte und dadurch die Identifizierung mit dem neuen System ermöglichte. Mit gewisser Notwendigkeit stellt sich hier aber auch die Frage nach der Möglichkeit dessen, wie und vor allem warum ein metapolitischer Denker nicht nur politisch gefaelscht, sondern auch auf diese Weise so vielschichtig legitimatorisch eingesetzt werden konnte.
Seit zweihundert Jahren gehört es zur Seriositaet der spezifisch philosophischen Fragestellung, die Definition der Aufklaerung mit derjenigen Kants zu identifizieren: "Aufklaerung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit' (1). Wie es aber auch im Falle anderer Definitionen von grosser Berühmtheit nicht selten der Fall ist, bleibt auch diese problematisch. Zunaechst kann der anvisierte Stand der Mündigkeit trotz ihren positiven Qualitaeten nicht identisch mit der als PROZESS vorgestellten Aufklaerung sein. Die dabei zu erzielende Mündigkeit erweckt den Eindruck einer Endgültigkeit, die als Endpunkt keiner weiteren und steten aufklaererischen Einstellung bedarf. Damit kann es zusammenhaengen, dass auch ein Zustand der "Unmündigkeit" nicht restlos mit dem des "Unaufgeklaertseins" zusammenfaellt. Der Unmündige ist ferner nicht identisch mit dem Nicht-Aufgeklaerten. Denkt man an den klugen und einsichtsvollen "Wilden", der gerade im Jahrhundert der grossen Französischen Aufklaerung eine der populaersten Gestalten der Aufklaerungsliteratur war, so faellt es schwer den Eingeborenen mit klarem Verstand als Nicht-Aufgeklaerten anzusehen, er war doch ein fleischgewordenes Argument FÜR die Aufklaerung. Er war aber ein fleischgewordenes Aufklaerungsargument gerade in seinem "natürlichen", das heisst "unmündigen" Zustand!
Die Kantsche Identifizierung der Unmündigkeit mit dem Unaufgeklaertsein funktioniert aber auch in der anderen Richtung nicht. Die Mündigkeit faellt wiederum nicht selbstverstaendlich mit dem Aufgeklaertsein zusammen. Um es AD ABSURDUM zu treiben, hat beispielsweise die wirkliche und die literarische Gestalt von Marquis De Sade viele Elemente der Mündigkeit auf sich, ohne dass man sagen dürfte, er sei 'aufgeklaert'. Wir haben unsere Probleme ferner aber auch mit dem Attribut des 'Selbstverschuldetseins'. Es ist zunaechst überhaupt nicht die Aufgabe des Philosophen, den Nicht-Aufgeklaerten durch die Art und Weise der Genealogie seines Zustandes zu qualifizieren. Diese genealogische Qualifizierung der Unmündigkeit ist jedoch auch auf eine sich selbst widersprechende Weise anti-aufklaererisch. Der von der grossen Aufklaerung visionierte Naturzustand involviert nicht, dass der Mensch seine Unmündigkeit selber verschuldete. Dies ist aber auch noch mehr als anti-aufklaererisch. Durch die Einbeziehung des Selbstverschuldetseins können wir auch in der Theologie landen, die die genaue Antipode der Aufklaerung ist.
Die Aufklaerung ist kein einmaliger singulaerer Austritt der Menschheit aus einem Zustand in einen anderen, sie ist im positiven Sinne eine Praxis, und zwar eine sehr konkrete und vielschichtige. Die Aufklaerung ist aber auch keine selbstaendige Philosophie. Sie es sie nicht, weder in dem Sinne, als ob sie eine selbstaendige Konzeption, noch in dem anderen Sinne, als ob sie ein kohaerent einander bedingendes Konglomerat von Ideen waere. Es war eher das System der im breitesten Sinne aufgefassten Rahmenbedingungen, die Wirkung der wichtigsten feindlichen und rivalen Strömungen, die die Aufklaerung im achtzehnten Jahrhundert, aber auch spaeter einer kohaerenten philosophischen Konzeption aehnlich gemacht haben. Daher ergibt sich auch die Schwierigkeit der Kategorisierung einzelner philosophischer Konzepte auf ihre aufklaererischen Gehalte hin. Die Aufklaerung ist aber nicht nur nicht eine selbstaendige Philosophie, sie ist auch nicht eine selbstaendige Ideologie oder Weltanschauung. Sie ist auch dann keine selbstaendige Ideologie, wenn sie stets in ideologische Auseinandersetzungen geraet. Philosophische (manchmal auch nicht-philosophische) Elemente werden im Strome der lebendigen und praktizierten Aufklaerung "ideologisch". Es wird aus unseren Überlegungen hervorgehen, dass der aufklaererische Prozess in einem Sinne, in seiner bewussten Veraenderung von Wertvorstellungen, einen ideologischen Keim stets in sich traegt, ohne dass die Aufklaerung aus diesem Grunde eine konkrete und bestimmte Ideologie waere.
Die Aufklaerung ist eine eigenartige soziale Praxis. Sie ist weder eine selbstaendige Philosophie, noch eine selbstaendige Ideologie oder - um es auch kurz zu erwaehnen - keine selbstaendige Politik. Sie ist eine eigenartige Praxis, die zumindest zwei Partner voraussetzt. Niemand ist imstande, sich selbst aufzuklaeren. Niemand kann, wie Münchhausen, sich selbst an eigenen Haaren zur Aufklaerung erheben. Man kann weder zufaellig aufklaeren, noch zufaellig aufgeklaert werden. Sie setzt beiderseits eine entsprechende, auf die Aufklaerung gerichtete Intention voraus. Die Aufklaerung ist institutionell, sie setzt gewisse Institutionalitaet voraus (2), es liegt jedoch etwas Perverses in der Idee, wenn fest bestehende Instituionen selber Aufklaerungsprozesse starten, bzw. lancieren, auch wenn das Phaenomen des sogenannten "aufgeklaerten" Absolutismus ein wichtiger Bestandteil der europaeischen Entwicklung war.
Eine der allerwesentlichsten Voraussetzungen jeder Aufklaerung ist die Annahme, dass der Mensch ein Wesen ist, welches von seinen Meinungen, Einsichten, Überzeugungen, Wertvorstellungen geleitet ist. Ohne diese Annahme des HOMO IDEOLOGICUS gibt es keine Aufklaerung und kann sie auch nicht geben. Mit anderen anthropologischen Voraussetzungen schliesst sich kein freier Raum für aufklaererische Aktivitaeten. Der wirklich klassische Vertreter der Aufklaerer aller Zeiten, Voltaire, bringt diesen Tatbestand auf die praechtige Formel: "...l'opinion est la reine des hommes" (3).
Aufklaerung ist somit ein bewusster, dezisiv geplanter Prozess, waehrend welches der eine Partner, der Aufklaerer bewusst die Meinungen, Einsichten, Überzeugungen, Werturteile des anderen Partners, des Aufzuklaerenden veraendern will. Er schafft für diese Zielsetzung auch entsprechende Institutionen, die von der Natur der politischen und sozialen Einbettung dieser Institutionen in der Mehrheit als "Gegeninstitutionen" funktionieren. Fasst man diese Elemente zusammen, so laesst sich feststellen, dass diese Aufklaerung in nicht nur einem Sinne das Gegenteil dessen vor Augen führt, was Kant unter "Aufklaerung" verstanden hatte. Es geht hier nicht darum, dass der Mensch aus dem Zustand der Unmündigkeit aus eigener Kraft heraustritt. Es geht darum, dass der Mensch in eine breite und dezisiv aufgefasste soziale Praxis aufgenommen wird, selbstverstaendlich kann man hier über "Selbstverschuldetsein" auch nicht die Rede sein. Die Aufklaerung richtet sich im Prinzip auf die Veraenderung der ganzen sozialen Praxis, sie tut es aber auf dem Wege der Veraenderung von Meinungen, Wertvorstellungen und anderer Einsichten.
Man könnte es auch so formulieren, dass die Aufklaerung die Werte "umwertet". Das Auftauchen dieser praegnanten Formulierung von Friedrich Nietzsche ist freilich alles andere als ein Zufall. Denn - wie wir es bald unter Beweis stellen möchten - Nietzsche war ebenfalls ein Aufklaerer.
Diess ist aber auch mit einer wissenssoziologischen Ausdehnung und gleichzeitig auch mit einer wissenssoziologischer Konkretisierung der Fragestellung gleich. Dadurch erhaelt aber auch die ursprünglich ideengeschichtliche und philosophische Fragestellung einen Zugang zu den aktuellen wissenssoziologischen Diskussionen.
Die Aufklaerung, indem sie ihre Mission so versteht, nimmt also den Kampf gegen das "falsche" Bewusstsein auf und kaempft für ein "richtiges", eigentlich für DAS "richtige" Bewusstsein. Der im Umfeld der Marxismus-Diskussionen aufgekommene Begriff des falschen Bewusstseins kann ohne weiteres in diesem Kontext benutzt werden, auch wenn wir nicht auf die Genese dieses Begriffes selbst eingehen möchten, was ja ebenfalls eindeutig in die Strömungen der Aufklaerung führen würde. Es faellt auf, dass die Marxsche (und im wesentlichen auch die Hegelsche) Tradition in ihrer Bekaempfung des falschen Bewusstseins keinen Begriff des richtigen Bewusstseins aufbaut. Darin erscheint ein wesentlicher Unterschied zwischen Aufklaerung und universaler Geschichtsphilosophie. Jede Aufklaerung hat ein klares Konzept über das "richtige" Bewusstsein, denn es versteht sich von selber, dass ohne ein solches Konzept sein ganzes Programm zusammenbrechen würde.
An diesem Punkt können wir auf unsere früheren Definitionen rekurrieren. Die Aufklaerung wird Philosophie, Ideologie und Politik, wenn sie ihren Kampf gegen das falsche und für die richtige Bewusstsein beginnt. Es ist schier unvermeidlich, dass sie sich in solche Kaempfe verwickelt und dadurch sich als dieses oder jenes "Subsystem" (Philosophie, Ideologie, etc.) profiliert, ohne ursprünglich selber eines dieser Subsysteme gewesen zu sein.
Zur Bestimmung der Aufklaerung gehört aber auch jene einerseits triviale, andererseits aber weitreichende Tatsache, dass die Zielgruppe der Aufklaerung, die, die aufgeklaert werden sollten, Vertreter des ALLTAGSBEWUSSTSEINS sind. Dies unterscheidet sie wieder von einer neuen und anderen Richtung von den vorhin erwaehnten Subsystemen (Philosophie, Ideologie, etc). Sie dehnt somit den Aktionsradius der Bekaempfung des falschen Bewusstseins, die (mit anderen Worten, aber an dieser Stelle ohne Definition) der Metaphysik aus. Sie ist eine zur sozialen Praxis gemachte Kritik des falschen Bewusstseins, eine zur sozialen Praxis gemachte Kritik der Metaphysik, eine Philosophie zur Massenbewegung gemacht. Daraus würde sich aber auch eine andere Definition der Aufklaerung ergeben. Immer, wenn Alltagsbewusstsein und Metaphysik gemeinsam kritisiert werden, ersteht Aufklaerung. Jede Kritik der metaphysischen Elemente des Alltagsbewusstseins ist aufklaererisch. Durch die Kritik des Alltagsbewusstseins als eine Kritik der Metaphysik ersteht immer wieder Aufklaerung.
Friedrich Nietzsches Philosophie befriedigt voll und ganz die von uns aufgestellten Kriterien der Aufklaerung. Seine Aufklaerung muss selbstverstaendlich als eine unter den Bedingungen des neunzehnten Jahrhunderts verstanden werden. Es ist nicht gerade eine erfreuliche Tatsache, dass im philosophischen Geschichtsbewusstsein sowohl die Erinnerung an die sich stets erneuernden Aufklaerungswellen, wie auch im konkreten die Erinnerung an die entscheidenden Aufklaerungsbestrebungen der zweiten Haelfte des neunzehnten Jahrhunderts so gut wie überhaupt nicht aufzufinden sind. Mangels der zeitgenössischen Phaenomene der sogenannten "Zweiten Aufklaerung" erscheint Nietzsche freilich wieder nicht ganz adaequat und wir können uns dessen gewiss sein, dass diese nicht ganz adaequate Position schon in den spaeten Aufklaerungswellen zu neuen Nietzsche-Legenden führen wird.
Nietzsches Aufklaerung verdient auch aus jenem Grunde ein besonderes Interesse, weil sich in seiner Zeit die grossen Strömungen der grossen Aufklaerung bereits unter vielen grossen Richtungen dividiert. Friedrich Nietzsches grosse Aufklaerungskonzeption ist Produkt einer Zeit, als ein philosophischer Atheismus Ludwig Feuerbachs, ein naturwissenschaftlicher Materialismus Ludwig Büchners, die kritische Kritik eines Bruno Bauer, der Anarchismus eines Stirner laengst geboren waren. Erbe der Aufklaerung wird dann auf seine Weise der historische Materialismus eines Franz Mehring, der Marxismus, der bürgerliche Radikalismus, der Positivismus. Unter diesem Aspekt erscheint also Nietzsches Aufklaerung als eine neue und umfassende Gesamtkonzeption bereits im Kontext von zahlreichen neuen Richtungen, die einzelne Elemente der Aufklaerung weiter entwickelten. Daher ergeben sich auch manche ganz besondere KONFLIKTE zwischen Nietzsches Aufklaerung und anderen, einigermassen aufklaererischen Richtungen. Nietzsches Kritik am Sozialismus seiner Zeit, die von Georg Lukács so langfristig verzerrt worden ist, ist ein klassisches Beispiel einer Kritik der Nietzscheschen ökumenischern Aufklaerung. Nicht viel anders steht es mit der von Baeumler langfristig pervertierten Kritik Nietzsches am Liberalismus. In beiden Faellen haben wir es mit einem Konflikt von aufklaererischen Inhalten untereinander.
Jede Aufklaerung, allein weil sie sich an "alle", an das Alltagsbewusstsein richtet und seine Intention im Prinzip auf die Aufklaerung aller orientiert, hat ein gesamtmenschlich-ökumenischer Zug, der viel mehr Aehnlichkeit mit der gesamtmenschlichen Einstellung der grossen Religionen als mit der wachsenden soziologischen und intellektuellen Dividierung der modernen bürgerlichen Gesellschaft aufweist. Es ist durchaus wichtig, dass ein ökumenischer Zug beim jungen Nietzsche schon vor seiner expliziten Aufklaerungsperiode vorhanden ist. Diese Tatsache kann - auf den ersten Augenblick vielleicht auf paradoxe Weise - aufgrund historischer Forschungen klar identifiziert werden und sie beruht auf Nietzsches Aneignung der ökumenischen Dimension der klassischen deutschen Philosophie in einer historischen Periode (die 50er und 60er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts), als diese Rezeption aus historischen und philologischen Gründen schon eher die Ausnahme als die Regel war.
Dieser ökumenische Zug ist in nicht wenigen Kontexten das wahre Kriterium der Aufklaerung, zum Teil aus dem Grunde, weil in der zweiten Haelfte des neunzehnten Jahrhunderts scheinbar aufklaererische Momente schon ohne diesen ökumenischen Zug artikuliert worden sind. Genau in der Zeit der Zweiten Aufklaerung kaempfte man den sogenannten "Kulturkampf" aus, der - scheinbar - wegen ihrer antireligiösen und antikirchlichen Einstellung vielleicht selber "aufklaererisch" erscheinen könnte. In diesem Fall (und in allen anderen Faellen auch) erscheint der ökumenische Zug als das wahre Kriterium des aufklaererischen Charakters, denn ohne diese Dimension unter keinen Umstaenden "aufklaererisch" genannt werden kann. Wir kennen auch viele andere Strömungen, wie beispielsweise viele radikale, politische Ansaetze, die ihre Gegner in den Gegnern der Aufklaerung erblicken, indem sie selber jedoch nicht ökumenisch und aus diesem Grunde nicht aufklaererisch sind.
Friedrich Nietzsches Philosophie ist von ihren Konstruktionsprinzipien her ein "Perspektivismus". Dieser strukturelle Zug macht es auch in der Analyse des Nietzscheschen Aufklaerismus durchaus schwierig, aus der Vielfalt der (aufklaererischen) Perspektiven zu waehlen, denn jede Selektion aus dieser Vielfalt bedeutet eine Reduktion des gedanklichen Reichtums der Nietzscheschen Aufklaerung selber (4). Deshalb ist es nur möglich, scheinbar willkürlich nur die wichtigsten "Perspektiven" aus seiner Philosophie für die Rekonstruktion seiner spezifischen Aufklaerung hervorzuheben. Für Nietzsches Aufklaerung - nicht anders als für seine ganze Philosophie - ist die Idee des "Gott is tot" überhaupt nicht mehr eine neue theoretische Einsicht, die weitreichende philosophische oder systematische Konsequenzen haben müsste. Dies würde heissen dass in Nietzsches Philosophie (und Aufklaerung) etwa dem philosophischen Atheismus eines Ludwig Feuerbach oder dem philosophischen Materialismus eines Ludwig Büchner entsprechen würde. Dies können wir auch in indirekter Weise klar einsehen. Auf diese Weise wird es klar, dass Nietzsches Philosophie für uns überhaupt kein Interesse gehabt haette, wenn er aus "Gott ist tot" nur die Konsequenzen gezogen haette, die Feuerbach, Büchner und die anderen gezogen haben.
Der Zustand des "Gott ist tot" ist eine neue "condition humaine" der Menschheit. Als "condition humaine" ist es ein allgemeiner, analytisch nur aeusserst schwer aufzulösender Zustand. In dieser "condition humain" wird aber auch die ganze ökumenische Dimension von Nietzsches Philosophie lebendig, sie betrifft DIE Menschheit in ihrer ökumenischen Ganzheit.
Diese condition humaine ist einerseits eine Befreiung, sie bringt andererseits aber auch zwei grosse Gefahren für dieselbe ökumenisch gedachte Ganzheit der Menschen. Die beiden Gefahren sind voneinander nicht unabhaengig, sie sind vielmehr etwa in dem Sinne aufeinander abgestimmt, dass wenn die eine Gefahr nicht eintreten würde, die andere Gefahr mit um so gröserer Sicherheit eintritt.
Die erste gewaltige Gefahr in der neuen "condition humaine" besteht in den zahlreichen möglichen Formen des nicht mehr adaequeten, des "falschen" Bewusstseins. In dieser Fragestellung laesst sich diejenige der klassischen Aufklaerung unschwer entdecken. Gleichzeitig erscheint auch schon in diesem Zusammenhang die qualitative Differenz zwischen der grossen Aufklaerung und Nietzsche. Waehrend für den "mainstream" der grossen Aufklaerung das falsche Bewusstsein mit Aberglaube, Zurückgebliebensein identisch war, die für beide Seiten vor allem eine interessendiktierte und politische Angelegenheit war (für die Herrschenden das politische Interesse der Aufrechterhaltung ihrer Macht, für die Aufzuklaerenden die Möglichkeit, die Welt adaequat zu verstehen und dadurch sich auch politisch zu emanzipieren), erscheint die von der neuen "condition humaine" diktierte Gefahr des falschen Bewusstseins als eine MENTALE Gefahr, die auf ihre Weise psychologische und
wissenssoziologische Elemente vereint. Das falsche Bewusstsein ist für Nietzsche also eine Gefahr für das Individuum, aber eine noch grössere Gefahr für die ökumenisch aufgefasste Menschheit. Diese mentale (d.h. gleichzeitig sozialpsychologische und wissenssoziologische) Gefahr ist Nietzsches tiefste Überzeugung, die man als Voraussetzung eventuell auch nicht teilen kann. Die Teilung dieser Evidenz erleichtert das adaequate Verstaendnis dieser Konzeption, auch im Falle der Nicht-Teilung der Konzeption kann man Nietzsches Aufklaerung adaequat nachvollziehen, allerdings nur so, dass man sich im vorhinein diese sachliche Einsicht in diese Gefahr nachvollzieht. Dadurch gewinnt diese Philosophie (und diese Aufklaerung) die Sensibilitaet für die Prognostizierung von ökumenischen Gefahren, diesen "Sturmvogel"-Charakter Nietzsches, der für die unmittelbare Rezeption von Maxim Gorki bis Endre Ady von der grössten Bedeutung war.
Diese Gefahr ist die eines inadequaten Bewusstseins, welches letztlich die Realitaet nicht so erkennt wie sie wirklich ist (5). Ein nicht-adaequetes Bewusstsein, von welcher Richtung und von welchem Inhalt auch immer, bereitet für jedes Subjekt eine direkte Gefahr des inadaequaten Denkens und des inadaequaten Handelns. Diese Auffassung signalisiert wieder einen deutlichen Unterschied zur Aufklaerung des achtzehnten Jahrhunderts. Für die Hauptlinie der klassischen Aufklaerung war das falsche Bewusstsein letztlich ein tief ungerechtes politisches und soziales Nachteil, der die psychische, mentale und sozialanthropologische Identitaet der noch Nicht-Aufgeklaerten überhaupt nicht gefaehrdet.
Die Natur der "Gefahr" ist also eine deutlich andere. Bei Nietzsche ist dies aber überhaupt nicht die einzige Gefahr. Die andere, mit der ersten reflexiv verbundene Gefahr wird bei Nietzsche durch sein ganzes Lebenswerk so artikuliert. Sie gefaehrdet eine Menschheit als analytisch kaum weiter zu erschliessende existentielle Katastrophe, die die Wendung von dem falschen in das richtige Bewusstsein tatsaechlich ausführt, durch diese Wendung aber plötzlich und unerwartet seine Identitaet verliert. Der Vollzug des allerwichtigsten Schrittes, das Entkommen von einer tatsaechlichen vernichtenden Gefahr führt direkt in eine andere, ebenfalls vernichtende Gefahr, des Verlustes der individuellen und - was noch wichtiger ist - der ökumenischen Identitaet der Menschheit. Denn die höchsten Werte, die die Gattung "Mensch" durch ihre Geschichte herangebildet hatte, wurden Werte, die von dem Christentum kaum zu trennen sind. Sie sind gleichzeitig unveraeusserlicher Teil unserer Identitaet und die allergrösste Gefahr für unsere mentale Gesundheit (in einem Sinne, der individualpsychologische, sozialpsychologische, wissenssoziologische, wertphilosophische und andere Dimensionen auf seine spezifisch-nietzscheanische Weise vereinigt). Diese zweite Gefahr ist - so spezifisch und persönlich nietzscheanisch sie auch ist - auch in der grossen Aufklaerung thematisch, allerdings nicht in "mainstream", sondern bei dem bedeutendsten inneren Kritiker der ganzen Strömung, Jean-Jacques ROUSSEAU. Er artikulierte am lautstarksten und leidenschaftlichen die mit jeder Aufklaerung verbundene Gefahr des individuellen und kollektiven Identitaetsverlustes. Diese typologische Aehnlichkeit zwischen Rousseau und Nietzsche wirft eine Anzahl weiterer Fragen an, zumal wenn wir uns Nietzsches leidenschaftliche Attacken auf Rousseau vergegenwaertigen. Denn indem in der überwiegenden Mehrheit der Kontexte Nietzsche sich mit Voltaire und auf höchst dezidierte Weise GEGEN Rousseau engagierte, trifft er sich in dieser in der Konstitution seiner Aufklaerung so bestimmenden zweiten Gefahr eben mit Rousseau überein.
Zwischen diesen beiden, mit einander in reflexiver Verbindung stehenden und gleich extremen Gefahren soll sowohl der Einzelne ("der freie Geist") wie auch die ganze Menschheit ("ökumenisch") ihren Ausweg suchen. Unter solchen Umstaenden sollen sie ihre neue Praxis (die als Praxis der Definition jeder Aufklaerung entspricht) ausbauen.
Nietzsches neue Aufklaerung hat unmittelbar kein Feindbild. Andererseits kann sie tausende Feinde haben, die als Faktoren auftreten, die die beiden grossen Gefahren unterstützen. Das heisst auch, dass die neuen Feindbilder kontextuell, situativ und strukturell sind, keine festen und bestehenden Grössen und Inhalte also. So kann im Prinzip alles zum Feindbild der Nietzscheschen Aufklaerung gehören, was zum falschen Bewusstsein oder was zum plötzlichen Verlust der Identitaet, d.h. der im Laufe der ökumenischen Entwicklung akkumulierten Gattungswerte führt. Anders formuliert: So bekommt die Nietzschesche Aufklaerung den Charakter der Kritik der Metaphysik und der Pflicht, neue Identitaetsmuster aufzubauen. Mit anderen Worten. Nietzsches Aufklaerung besteht aus den Elementen der kritischen Umwertung der Werte und einer Konzeption des Übermenschen.
Die Beschaffenheit der Aufklaerung Nietzsches erklaert es auch, warum auch seine Aufklaerung kein zusammenhaengendes System und keine zusammenhaengende Ideologie. Es verursacht aber auch gerade deshalb die extrem schwierige Demonstrierbarkeit dieser Aufklaerung.
Gemaess seinen neuen, szientistischen Koordinaten befasst sich Nietzsches Aufklaerung aber nicht nur mit dem Aufweisen von falschen Bewusstseinsformen und ihre Kritik, sondern auch mit dem Hinterfragen der Gründe und Motive derselben. So wird bei ihm das PAR EXCELLENCE positivistische Element des Bedürfnisses relevant, womit sich die Beschreibung und die Kritik an den falschen Bewusstseinsformen gleich in eine konkrete analytische Aufgabe verwandelt.
Friedrich Nietzsches Aufklaerung, so wie wir sie kennenlernten, ist von Grund aus METAPOLITISCH. Metapolitisch ist so schon infolge ihrer ökumenischer Ausrichtung, die nicht einmal in die breitesten Rahmen der gerade in jener Zeit entstehenden grossen politischen Richtungen (Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus) aufgehen kann. Diese metapolitische Velleitaet bringt Nietzsche in zahlreiche und vielschichtige Konflikte mit JEDER politischen Artikulation seiner Zeit. Diese Konflikte aber waren keine politischen Auseinandersetzungen, vielmehr die Konflikte zwischen Politik und Metapolitik, die nicht nur eigens ihrer Natur nach erkannt, sondern auch nach ihrem seltenen theoretischen Nutzen gewürdigt werden sollten.

ANMERKUNGEN:

(1) "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklaerung?", in: Immanuel Kant, SCHRIFTEN ZUR ANTHROPOLOGIE, GESCHICHTSPHILOSOPHIE, POLITIK UND PAEDAGOGIK 1. Werkausgabe, Band XI. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel. Frankfurt am Main, 1968. 53.
(2) Diese Problematik führt zum soziologischen Komplex der sogenannten Gegeninstitutionen, die immer am Rande der Legalitaet zwischen "legitimen" Institutionen und der freien "zivilen" Organisationen und Aktivitaeten stehen.
(3) S. LA DICTIONNAIRE PHILOSOPHIQUE. Paris, 1967. 347.
(4) Die hier folgende Rekonstruktion der Aufklaerung Friedrich Nietzsches beruht auf den Analysen der Nietzsche-Monographie des Verfassers (Endre Kiss, FRIEDRICH NIETZSCHE FILOZÓFIÁJA. Budapest, 1993.), die ihrerseits auf eine Rekonstruktion des MENSCHLICHES - ALLZUMENSCHLICHES beruhen.
(5) An dieser Stelle wird sichtbar, dass hinter Nietzsches Aufklaerung der wissenschaftliche Anspruch des Positivismus ("die Welt sehen, wie sie ist") auf die Ebene der nicht-wissenschaftlichen Bereiche (Kunst, Moral, etc) steht. Daher seine exzellente Bedeutung auch für die Geschichte des Positivismus überhaupt.




powered by