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Wie die meisten grossen Werke Hermann Brochs,
zeigt auch der Hofmannsthal-Essay fast genau
in jedem aufeinanderfolgenden Jahrzehnt der
Rezeption stets andere wertvolle Facetten
Leser und Forscher Hermann Brochs haben allen
Grund, sich über diesen Opus sehr zu freuen.
Denn der in der amerikanischen Emigration
lebende Dichter und Denker, der seine Energien
im wesentlichen (oft in versteckter Weise)
seinen philosophischen Arbeiten, etwas weniger
seinen politologischen oder massenpsychologischen
Arbeiten widmen wollte, haette es aus eigener
Entscheidung gewiss nicht mehr vorgehabt,
eine so extrem komplexe und virtuos vielschichtige
Arbeit über die Wiener Kultur und Gesellschaft
der Vorkriegszeit in seinem Leben noch zu
verfassen.
Der zur literarischen Anekdote gewordene
Zufall gewordene Auftrag, eine in jeder Hinsicht
vollkommen "normale" Einleitung
zu einer in jeder Hinsicht vollkommen "normalen"
amerikanischen Novellensammlung von Hugo
von Hofmannsthal zu schreiben, gab dem Denker
und Dichter einen in nicht nur einem Sinne
des Wortes "einmaligen" Anlass,
sich mit dem "fin de siecle - Österreich"
oder wie es heute schon viel gewohnter klingt,
mit dem "fin de siecle - Wien"
von dieser einmaligen historischen und geographischen
Warte aus komplex und systematisch auseinanderzusetzen.
Der Autor des Hofmannsthal-Essay ist ein
Romancier, der zwar zu dieser Zeit sowohl
in Amerika, wie auch auf dem alten Kontinent
als "unbekannt" gilt, diese Unbekanntheit
ist jedoch vielmehr eine Folge des neuen
Weltunterganges, der ein ganzes Universum
von und Nicht-Wiener Moderne in zeitweilige
Vergessenheit versinken liess. Diese Unbekanntheit
ist somit ein ganz spezifischer und vorlaeufiger
Mangel an der bereits verdienten aktuellen
Bekanntheit, zu der Broch kurz vor seiner
Emigration als deutschsprachiger Joyce, als
Verfasser der "Schlafwandler"-Trilogie
gekommen ist. Der Autor des Hofmannsthal-Essays
hat somit eine zweifache Identitaet. Sowohl
als unbekannter Klassiker wie auch als bekannter
Emigrant entwirft er seine Analyse von seiner
geistigen Heimat. Wohl ist gerade diese schillernde
und extrem vielschichtige perspektivistische
auktoriale Position, die diesen Essay so
über jedem Aussmass kreativ und produktiv
gestalten liess.
Der Verfasser des Hofmannsthal-Essays ist
aber nicht nur ein (aktuell unbekannter)
Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern
auch ein Philosoph mit selten hohen Ansprüchen.
Seine Auseinandersetzung mit Österreich-Ungarn,
bzw. mit Wien ist auf dieser Grundlage also
auch philosophisch ein vielfach frequentierter
Gegenstand, der eine seltene historische
und soziologische Konkretisierung von Brochs
auf Wertphilosophie gegründeter Geschichtsphilosophie
ermöglicht.
Es ist aber nicht nur die Identitaet des
Autors, der eine schillernde und extrem reiche
ist, auch die Identitaet des Gegenstandes
ist alles andere als selbstverstaendlich.
Denn "Österreich", "Österreich-Ungarn"
oder die "Wiener Kultur" sollte
in vielen verschiedenen Perioden selbst vor
ihren eigenen Vertretern und Repraesentanten
als ein nicht immer ganz klar definiertes
oder definierbares Phaenomen erscheinen.
Für den jungen Broch, einen einmaligen Avantgardisten
der zweiten Welle der europaeischen Moderne,
war die Wiener Kultur Gegenstand von Kritik
und Ablehnung. Spaeter, nach dem Zusammenbruch
1918-1919, erschien selbst die selbstaendige
Existenz eines kleinen österreichischen Staates
für viele als eine Unmöglichkeit. So dezidierte
und bewusste Vertreter des spaeteren geistigen
Österreichertums wie manchen Austromarxisten
oder Robert Musil setzten sich in dieser
frühen Periode für den Anschluss (allerdings
mit einem sozialdemokratisch vorgestellten
Deutschland) ein. Dazu gesellt sich noch,
dass die Brochsche Grundproblematik im Denken
und Dichten (konkret gesagt: seine Wertphilosophie)
gerade in dieser Periode des Zusammenbruchs
reif geworden ist. Diese Problematik war
aber alles andere als eine "österreichische",
sie war eine ökumenisch-gesamtmenschliche
Problematik des negativen Universalismus.
Österreich figurierte, wie auch früher schon
nicht selten, als "Versuchstation"
von politischen und geistigen Prozessen.
In diesem Sinne laesst sich die Auffassung
vertreten, dass der österreichische Zusammenbruch
ein Vorbild für Brochs Wert- und Geschichtsphilosophie
war.
Die merkwürdige Mischung von Intimitaet und
Fremdheit in der Relation zwischen Broch
und Österreich hörte aber auch noch spaeter
nicht auf. Broch wehrte sich nicht selten
dagegen, dass in dem Werbungsmaterial der
Schlafwandler-Trilogie die Tatsache seines
Österreichertums besonders akzentuiert wird.
Er hatte Angst, dass dadurch im Leser der
Eindruck der Provinzialitaet erweckt werden
dürfte. Dieselbe Logik verfolgt Broch aber
auch in seinen kurzen Rezensionen und Gutachten
über Robert Musil, wo er diesen, wohlgemerkt,
seinen bekannt-berüchtigten Widersacher,
in seinem Interesse vor der Etikette des
geistigen Österreichertums mehrfach in Schutz
nimmt. Nimmt man zu all diesen Elementen
der Relation Broch-Österreich auch noch die
bis heute auch nur unvollkommen vorstellbare
traumatische Erfahrung des Anschlusses und
die jener Todesangst, die unmittelbar zur
Entstehung des Vergil-Romans geführt hatte,
kann es vielleicht schon klar werden, wie
unwahrscheinlich es im wesentlichen schien,
dass sich der alternde und immer noch vor
seinen gewaltigsten Plaenen stehende Dichter
und Denker zwischen New Haven und New York
einmal noch die Mühe geben wird, das ehemalige
Österreich-Ungarn zum Gegenstand seiner philosophisch-historisch-psychologisch-kunsttheoretisch
motivierten Analyse zu machen.
Hermann Brochs Analyse des untergegangenen
Österreich-Ungarn geht ein breites europaeisches
Panorama der Jahrhundertwende voraus, die
als eine gesamteuropaeische geistige Krise
erscheint. Das breite Bild der europaeischen
Krise, die auch mit demselben der europaeischen
Moderne identisch ist, baut sich auf die
Tatsache des Wertvakuums auf, welches durch
den Verlust des ehemals vorherrschenden Zentralwertes
hervorgerufen worden ist.
Es folgt der genuinen Logik der Brochschen
Auffassung des Wertvakuums und seiner Interpretation
des negativen Universalismus, wenn der Hofmannsthal-Essay
eine imposante Reihe von Analysen enthaelt,
die die einzelnen Subsysteme beleuchten,
waehrend diese Subsysteme stets aufeinander
bezogen werden, im Kontext von einander erschlossen
sind und ihr Miteinander eine Einheit des
sozialen und des historischen Seins abgibt.
Was im Zerfall-Essay in idealtypischer Verallgemeinerung
aber als Zeitdiagnose im Mittelpunkt stand,
erscheint unter den konkreten historischen
Kulissen des Hofmannsthal-Essays als konkrete
Analyse konkreter Subsysteme. So erscheint
beispielsweise der Börsenkrach des Jahres
1873 als charakteristische Tatsache des "Wirtschaftlichen",
die Tatsache sozialen Ungleichheit als charakteristische
Tatsache des "Moralischen", das
Aufkommen neuer naturwissenschaftlicher Einsichten
als charakteristische Tatsache des "Szientistischen",
die Rekrutierung von Arbeiterparteien oder
das Aufkommen des Imperialismus als charakteristische
Tatsachen des "Politischen". Der
radikale und durch nichts gehemmte Kampf
der einzelnen Subsysteme gegeneinander wird
im Hofmannsthal-Essay zur Grundlage einer
sozialwissenschaftlich fundierten Geschichtsbetrachtung.
Broch geht bei der Konzipierung seiner Theorie
vom Zerfall der Werte auf Friedrich Nietzsche
zurück. Allerdings ist es eine eher verborgene
Linie der Nietzsche-Rezeption, eine Linie,
die in der sichtbaren Entwicklung der Wert-
und Geschichtsphilosophie eher mit den Namen
Max Weber, Max Scheler, Georg Simmel assoziiert
worden ist. Diese hervorragende Protagonisten
des sozialwissenschaftlichen und des methodischen
Denkens haben die ursprünglichen Nietzscheschen
Initiativen ins Sozialwissenschaftliche transformiert
(2). Dies führte aber auch dazu, dass durch
diese Transponierung auch nicht genügend
klar geworden ist, in welchem Anteil hinter
diesen Konzeptionen der Beschreibung der
modernen Welt als Schauplatz des unbarmherzigen
Kampfes der einzelnen Subsysteme (bei Broch,
aber auch Weber und Scheler noch: "Wertsysteme")
gegeneinander immer noch Nietzsche als Pate
steht.
Gerade im Hofmannsthal-Essay formuliert Broch
eine seiner bedeutendsten Auffassungen über
die Bedeutung Friedrich Nietzsches. In seiner
Wagner-Kritik werden Nietzsches wesentlichsten
Züge für Broch erfassbar: "Nietzsche
freilich, von dem der gewichtigste, ja der
einzig gewichtige Angriff (auf Wagner - E.K.)
herstammte, schaute tiefer, denn er war Nietzsche,
und er durchschaute Wagner, denn er durchschaute
die Epoche, durchschaute sie mit Hass und
Verachtung, denn er schaute in ihr Vakuum.
Und waehrend er in seinem Werk, das er durchaus
als ethisches und im letzten metapolitisches
Kunstwerk, also als vollgültige Repraesentanz
der Epoche betrachtete, diese zu aeusserster
Klarheit erhob, auf dass dereinst kraft solcher
Klarheit das Vakuum überwunden werden möge,
sah er - mit vollem Fug - in dem mit aehnlichen
Repraesentanzansprüchen auftretenden Wagnerschen
Werk das genaue Gegenteil zu dem seinen;
nichts von den veraechtlichen und hassenswürdigen
Zügen der Epoche wird hier bekaempft, nichts
von ihrer Dumpfheit, ihrer spezifisch deutschen
Dumpfheit wird zur Klarheit gebracht...Für
Nietzsche war daher Wagner nicht ein Zusammenfasser
der Epoche, sondern einer ihrer sie bedienenden
Teile, ein ins Gigantische geratener Kleinkünstler,
ein blosser Opernkomponist, der sich zu einem
Bruch mit der grossen Operntradition erfrechte..."
(3). Dieser Gedankengang gewaehrt einen Einblick
sowohl in die gedankliche Werkstatt Brochs,
wie auch in seine Nietzsche-Deutung. Er betrachtet
das Wertvakuum als einen komplexen und holistischen
Weltzustand, der vom Chaos der einander bekaempfenden
Subsysteme gepraegt ist. Er verlangt von
jedem Intellektuellen eine dementsprechende
Verhaltensweise, und zwar eine Kritik dieses
Zustandes (die Nietzsche ausübte). Die Nichtausübung
dieser Aufgabe erwies sich als Wagners folgenschwere
Schuld. Etwas verallgemeinernd formuliert
Broch dieses Urteil, in welchem Nietzsches
einmalige und normbildende Qualitaet in der
Diagnose dieses Zustandes explizit hervorgehoben
wird: "Nietzsche wusste um den Mechanismus
der Epochen-Überlagerung und des Wert-Vakuums
(deren beider Zusammenhalt sich fast wie
ein historisches Gesetz anlaesst), und er
wusste um die darin schlummernden unheimlichen
Konsequenzen, wusste es umsomehr, als er
das unheilschwangere Deutschland dabei vor
Augen hatte..." (4).
Broch hatte ein sehr plastisches und vielschichtiges
Nietzsche-Bild, das grösste Raetsel im Nicht-Folgen
der Nietzscheschen Attitüde wurde in dieser
Arbeit anfangs auch schon angesprochen.
Die wichtigste Idee Nietzsches bei der Konzipierung
von Brochs Wertphilosophie entstammt einem
frühen Nietzsche-Werk, dem Schopenhauer als
Erzieher .
Es ist anzunehmen, dass schon der junge Broch
auf diesen Nietzsche-Opus aufmerksam geworden
ist. Dies passt genau in jenen intellektuellen
Rahmen hinein, in welchem die philosophische
Entwicklung des jungen Hermann Broch spielte
und wo Arthur Schopenhauer eine ausgezeichnete
Rolle gespielt hatte. Es versteht sich von
selbst, dass diese Schopenhauer-Rezeption
eine sehr eigentümliche und unter philosophischem
Aspekt alles andere als eine routinemaessige
war. Führende Koordinaten dabei waren zum
einen, dass Schopenhauer in der eigentümlichen
intellektuellen Welt der zweiten Welle der
europaeischen Moderne eine intensive Rolle
gespielt hat, eine Rolle, die mit den spontanen
und eigenen Potenzen seiner ursprünglichen
Philosophie kaum genügend geklaert werden
dürfte. Denken wir beispielsweise nur an
den Zug der Substantialisierung der eigenen
Existenz, von wo dann in der Richtung der
positiven Metaphysik Schopenhauerischer Provenienz
schon viele Wege führen können, in der frequentiertesten
Form so, wie es der in dieser Hinsicht sehr
repraesentative Béla Balázs tat. Er schwörte
bei der Begründung der Thematisierung seiner
eigenen lebensmetaphysischen Problematik
Schopenhauers Satz vom "metaphysischen
Bedürfnis" ohne viel Nachdenken heraus.
Vergegenwaertigt man sich die Entwicklung
des jungen Hermann Broch, so muss gleichzeitig
gesagt werden, dass er sich viel intensiver
auf Arthur Schopenhauer fixiert war als seine
Zeitgenossen. Uns scheint, dass die Beantwortung
dieser Frage von allem eine soziologische
Annaeherung verlangt. Es war Hermann Brochs
langer geistiger Weg vom intellektuellen
Aussenseitertum ins Zentrum der intellektuellen
Geschehnisse, der die Rolle Schopenhauers
in dieser Entwicklung so übermaessig aufgewertet
hatte. Mit einer gewissen Übertreibung laesst
sich sogar sagen, dass das Weltbild des jungen
Hermann Broch bis etwa 1913-1914 im grössten
Ausmass eben von Schopenhauer beeinflusst
worden ist und alle andere relevante Bezugspersonen
von Kant bis Chamberlain sowie von Weininger
bis Nietzsche für ihn erst durch diese Optik
richtig verstanden werden konnten. Ein durch
Schopenhauer gesehene Kant oder gar Nietzsche
war in den Reihen der damaligen jungen Intelligenz
alles andere als ein marginales Phaenomen.
Das Eigenartige dieser Rezeption ist, dass
der junge Broch, der spaeter eine so exzellente
Einsicht in Nietzsches Philosophie haben
wird (und ihr trotzdem nicht folgt), auf
Schopenhauer fixiert, auf eine Dimension
bei dem jungen Nietzsche trotzdem aufmerksam
wird, die im seriösen Denken kaum von jemand
anderem ernsthaft wahrgenommen worden ist.
Durch das Werk des jungen Nietzsche zieht
sich eine Zweiheit von einer fundamentalen
positiven neuen philosophischen Einsicht,
bzw. einem kulturkritisch-kulturschöpferischen
Ansatz, der einerseits von einer universalen
Verantwortung des Denkers für die Menschheit
und andererseits von einem aktuellen "prophylaktischen"
Gefühl der Angst um sie geleitet ist. Diese
Dualitaet des immanent-philosophischen Ansatzes
und des ökumenischen Kulturheroismus ist
aber für das ganze Werk der reifen Hermann
Broch ebenfalls charakteristisch, obwohl
gerade der ökumenisch-menschheitliche Pathos
es war, der für den jungen Broch im Werk
Carl Dallagos so unertraeglich schien.
Innerhalb dieser Aehnlichkeit erscheinen
aber in beiden Zusammenhaengen auch die gravierenden
Unterschiede zwischen Nietzsche und Broch.
Waehrend Nietzsches Philosophie ein kritizistischer
Positivismus ist, der in der Richtung der
ökumenisch-gesamtmenschheitlichen Fragestellung
ausgedehnt wird (5), erweist sich Brochs
eigene philosophische Konzeption letztlich
als ein Versuch, den philosophischen Apriorismus
im Rahmen eines vollkommen neuen philosophischen
Diskurses wieder in seine Rechte einzusetzen.
Und waehrend Nietzsche im Zustand des "Gott
ist tot" einen schöpferischen Kulturheroismus
vorschlaegt, plaediert Broch im Zustand des
negativen Universalismus für ein neues Ganzes.
Gerade die kulturkritisch-kulturschöpferischen
Optionen sind also sehr unterschiedlich:
Bei Nietzsche der kritizistisch-kaempferische
freie Geist, der durch seine schöpferischen
Akte die menschliche Gattung neu definiert,
bei Broch eine neue Totalitaet, der dem negativen
Universalismus, dem Schlafwandeln, der neuen
Einsamkeit ein Ende setzt. Und trotzdem berühren
sich diese beiden Konzeptionen (unter anderen
auch) in einem Punkt, der die Diagnose der
Moderne betrifft.
Die Vision, welche der junge Broch von dem
jungen Nietzsche übernimmt, entwirft ein
Bild der Moderne, welche mit gewaltiger Kraft
die ganze Zivilisation, unter welcher die
europaeische Zivilisation verstanden wird,
mit Erschütterung bedrohen. Der moderne Staat,
wie dies zu betonen Nietzsche am Beispiel
des deutschen Staates nicht müde wird (6),
entwickelt sich nicht kulturschöpferisch
und traegt dadurch auch selber zu den tatsaechlich
erschütternden Komponenten der Moderne bei.
Die Menschen in allen ihren Bestimmungen
fallen aus ihren substantiellen Bindungen
heraus und haben in historischer Dimension
weder Zeit, noch Instrumente, in funktionierende
neue substantielle Bindungen einzugehen.
Nietzsches zentrale, im ganzen Schopenhauer
als Erzieher trotzdem etwas versteckte Metapher
über diesen neuen Zustand ist die der "Atomisierung",
des "atomistischen Chaos": "...jedenfalls
befinden wir uns jetzt noch im eistreibenden
Strome des Mittelalters; es ist aufgethaut
und in gewaltige verheerende Bewegung gerathen.
Scholle türmt sich auf Scholle, alle Ufer
sind überschwemmt und gefaehrdet. Die Revolution
ist gar nicht zu vermeiden und zwar die atomistische..."
(7).
Die Bedeutung des "atomistischen Chaos"
deckt sich in grossem Ausmass damit, was
Hermann Broch spaeter als Zustand des "Zerfalls
der Werte" diagnostizieren wird. Sowohl
die Konzeption des jungen Nietzsche, wie
auch die von Hermann Broch laesst sich auf
zweierlei Weise beurteilen. Die Diagnose
des "atomistischen Chaos", bzw.
des "Zerfalls der Werte" laesst
sich einerseits so deuten, dass die Diagnose
des Atomisiertseins, bzw. des Zerfalls schon
in ihrer klaren Form zumindest einen indirekten
Aufruf zur Herstellung einer neuen Totalitaet
involviert und auf diesem Wege der Verdacht
des geistigen und nicht nur geistigen Totalitarismus
heraufbeschwört wird. An mehreren Stellen
unserer Arbeiten haben wir wiederholt darauf
hingewiesen, dass die wahre Deutung dieser
Metapher nicht die Sehnsucht nach einer neuen
Totalitaet, vielmehr eine Vision der einander
unbarmherzig bekaempfenden Wertsysteme, bzw.
Subsysteme ist. Dies erscheint bei Nietzsche
auf die folgende Weise: "Wer wird nun,
bei solchen Gefahren unserer Periode, der
Menschlichkeit, dem unantastbaren heiligen
Tempelschatze, welchen die verschiedensten
Geschlechter allmaehlich angesammelt haben,
seine Waechter- und Ritterdienste widmen?"
(8). Nietzsches folgender Satz dürfte auch
in der Schlafwandler-Trilogie stehen: "Wer
wird das Bild des Menschen aufrichten, waehrend
Alle nur den selbstsüchtigen Wurm und die
hündische Angst in sich fühlen und dergestalt
von jenem Bilde abgefallen sind, hinab in's
Thierische oder gar in das starr Mechanische?"
(9).
Nicht nur im Faktischen der Diagnose stimmt
der junge Nietzsche und Broch überein, sondern
auch in den par excellence "metapolitischen"
Dimension der ganzen Konzeption. Die weitverzweigte
Problematik der metapolitischen Beschaffenheit
einer geschichtsphilosophischen Konzeption
kann auch hier nicht ganz eingehend erörtert
werden. Wir müssen diese Dimension jedoch
an jeder Stelle betonen, an denen damit gerechnet
werden kann, dass dieser nicht erkannte metapolitische
Charakter zu grellenden Missinterpretationen
der betreffenden Denker führen kann, wie
es auf eine jedermann sehr gut bekannte Weise
mit Nietzsche der Fall gewesen ist (10).
Der Hofmannsthal-Essay ist also auch aus
diesem Grunde ein einmaliges Unternehmen,
dass er im wesentlichen eine Gesamtdarstellung
der Moderne, der politischen und sozialen
Beschaffenheit und Struktur der Jahrhundertwende
auf der Grundlage einer Zeitdiagnose macht,
in welcher die Konzeption des jungen Nietzsche
über den "atomistischen Chaos"
mit derselben des "Zerfalls der Werte"
sich vermischt. Das heisst auch so viel,
dass die einzelnen Wertsysteme von Anfang
an getrennt auftreten und in ihrem wirklichen
Kampf gegeneinander dargestellt sind. Von
Anfang an beherrscht also kein einzelnes
Wertsystem die Darstellung. Brochs Bewegung
zwischen dem Politischen, dem Historischen,
dem Ethischen und dem Asthetischen zeigt
es auch, dass dieser Ausgang auch rein methodische
und sachliche, wissenschaftliche Vorteile
bringen kann.
Ganz gewiss wirkt Broch einmalig in seiner
Darstellung der Moderne (und Österreich-Ungarns)
darin, dass er den ganzen Prozess der Moderne
-aufgrund seines Ausganges - als Kampf zwischen
dem "l'art pour l'art" des Künstlers
und dem "business is business"
des Bürgers beschreibt. Eine Schlüsselrolle
faellt in der Analyse dem Naturalismus zu,
welcher sich mit der Darstellung der sozialen
Problematik auseinandersetzt. Das Theater
verschliesst sich aber vor der Thematisierung
von ethisch-politischen Konflikten, es fixiert
sich auf die Thematisierung von sozialem
Erfolg oder Misserfolg, was die Rolle des
"Schicksals" und der "dramaturgischen
Wahrheit" übernimmt. Mit dieser Auffassung
weist aber auch die Gattung der Oper eine
Isomorphie auf. Beide Gattungen befriedigen
die Dekorationslust des Bürgertums in der
zweiten Haelfte des neunzehnten Jahrhunderts.
Dieser Anspruch auf Dekorativitaet ist aber
kein naiver Anspruch mehr, er ist ein rationaler
Anspruch und als solcher anti-ethisch und
inadaequat. Er flieht vor der Darstellung
der sozialen Problematik. Bei der Analyse
von Brochs Plaedieren für die Darstellung
der sozialen Problematik erscheinen jedoch
wieder Möglichkeiten, Broch misszuverstehen.
Er erachtet die Darstellung der sozialen
Problematik nicht als "politische",
sondern als "moralische" Pflicht,
als "ethische" Notwendigkeit in
dem neuen Weltzustand des negativen Universalismus.
Selbst die Entstehung der Moderne haengt
mit dieser Grundproblematik zusammen. Die
Abkehr von der (bürgerlichen) Dekorativitaet
erscheint in der Malerei des französischen
Impressionismus und in der neuen französischen
Poesie der Moderne. Die damit verknüpften
Analysen Hermann Brochs zielen auf die medialen
Revolutionen in dieser Abkehr von der (bürgerlichen)
Dekoration. Der Künstler bekaempft den Bürger,
seine Logik ist aber eine aehnliche Logik,
wie die des Bürgers: "Eine l'art pour
l'art hat es immer gegeben. Jeder ehrliche
Künstler, ja sogar jeder ehrliche Handwerker
war und ist ihm verpflichtet, und es ist
nichts Mystisches daran zu finden. Im Gegenteil,
es ist eine durchaus rationale Haltung, und
es hat im 19. Jahrhundert - nicht unaehnlich
dem ihm logisch und sozial verwandten business
is business - womöglich noch an Rationalitaet
gewonnen, besonders seit der Kunst die Ausrichtung
auf einen religiös-kirchlichen Zentralwert
genommen worden war" (11).
Die Relation der aehnlich Gesinnten, des
Bürgers und des Künstlers, ist nichtsdestoweniger
feindlich, es ist sogar die der "Vergewaltigung".
Der Bürger fühlt sich bei der sozialen Darstellung
des Naturalismus nicht verantwortlich. Er
weiss nicht darum, dass das Elend von ihm
ausgeht. Der Impressionismus stellt nicht
dar, was er wirklich tut, der Impressionismus
artikuliert, wie er die Wirklichkeit und
sich selber gerne sehen möchte. Durch diese
Entlarvungsfunktion erklaert Broch den gegen
die impressionistische Malerei ausgebrochenen
Widerstand.
Nach einem Vergleich mit Berlin und nachher
mit Paris faengt Broch seine Wien-Analyse
an. Er verfolgt die Geschichte der Barockmonarchie
seit den Anfaengen. Dieser Ausgang von der
Genese der Barockmonarchie im Falle einer
Einleitung zu einem Erzaehlungsband Hofmannsthals
gab nicht selten Grund, über dieses Unternehmen
ironisch zu laecheln (Broch selber war dabei
auch keine Ausnahme). Das Spezifische der
österreichischen Entwicklung macht jedoch
Broch recht (12).
Die höfisch-monarchischen Elemente der Barockmonarchie
verwandelten sich immer staerker in leere
Schemen und bestanden in Wien viel staerker,
weil es in Wien keine soziale Umwaelzung
sich abspielte, die sich mit der französischen
haette gemessen werden können. Dieses Beispiel
zeigt vollkommen klar, wie konsequent Broch
auf die genannten Grundlagen seine Interpretation
der Moderne aufbaut. Der Grund der Entstehung
der Barockdramaturgie im neunzehnten Jahrhundert
ist nicht der, dass sie den Dekorationswunsch
des Bürgers befriedigt, sie entsteht, weil
sie als Habsburg-Residuum in diesem Reich
historisch-soziologisch relevant ist. Rationalitaet
und Hedonismus erweisen sich hier nicht als
"ideologische" Grössen, sie erscheinen
als Konsequenzen komplexer kultursoziologischer
Zusammenhaenge.
Nach 1848, aber auch nach 1873 erscheint
in der Analyse Hermann Brochs der österreichische
Staat als ein Skelett, an dem niemand mehr
wirklich glauben konnte. Diese Sicht stimmt
mit der Beurteilung jener Generation überein,
der Broch auch zugehört hatte. Wie bei Werfel
und Roth, erscheint auch in dem Hofmannsthal-Essay
die Gestalt von Franz Joseph I in mythologischer
Beleuchtung. Im Gegensatz aber zu vielen
anderen Interpretationen, erscheint der Kaiser
bei Broch nicht als eine tragische Figur,
deren Tragik aus dem "griechischen Übermass"
der Schicksalschlaege, vielmehr aus dem bewussten
Aufsichnehmen der abstrakten, absoluten Einsamkeit
stammte. Im Gegensatz dieses abstrakten und
gespenstisch werdenden Staates erscheint
in Brochs Darstellung eine von der Politik
abgekehrte, aesthetisch-hedonistische Gesellschaft,
die die sozialen Klassen in einer spezifischen
"Stil-Demokratie" zusammenfasste.
Der Konflikt der Subsysteme "Ethik"
- "Aesthetik" wird an dieser Stelle
zum zentralen Motiv von Brochs Österreich-Bild.
Diese Konzeption, die unter anderen auch
die Impressisonismus-Konzeption dieses Versuchs
wieder in eine neue Beleuchtung stellt, ersteht
jedoch vor dem Horizont von Brochs Geschichts-
und Wertphilosophie, im Zusammenhang der
neuen Einsamkeit und des negativen Universalismus.
Es ist durchaus legitim, dass das Lebenswerk
Hugo von Hofmannsthals letztlich als ein
Mythos erscheint, der in diesem zweifachen
Vakuum das Problem Österreich neuzuformulieren
sucht. Eine Verbindung dieser Konzeption
mit der Auffassung dieses Versuchs von der
Moderne versichert die Tatsache, dass diese
Mythen über Österreich mit der Attittüde
der zweiten Welle der europaeischen Moderne
insofern zusammengehen, dass all das, was
als "Substantialisierung der eigenen
Existenz" kategorisiert worden ist,
durchaus stark artikuliert wird (13).
Auf Grund dieser Elemente laesst sich schon
die philosophische Konsequenz dieser Analyse
der Moderne und dadurch auch dieser wohl
einmaligen Nietzsche-Interpretation klar
rekonstruieren.
Bei Hermann Broch erscheint eine Moderne,
in deren Mittelpunkt der Bürger als Vertreter
neuzeitlicher Rationalitaet steht. Diesen
Zusammenhang verallgemeinert Broch so, dass
er ihn mit jeder einzelnen möglichen Alternative
der Moderne-Interpretationen konfrontiert
und alle möglichen Erklaerungen in dieser
These aufgehen laesst. Diese zur Herrschaft
gekommene Rationalitaet kennt keine emanzipativen
Dimension. Dadurch ist sie gerade als Verwirklichung
der Moderne gleichzeitig auch eine Negation
derselben. Von dieser Warte aus sieht der
vorhin angesprochene Zerfall der Werte und
die Verselbstaendigung der einzelnen Subsysteme
schon plastischer aus. Denn eben der "gemeinsame"
Mangel an gemeinsamen emanzipativen Gehalten
verfremdet die einzelnen Wertsysteme so tödlich
voneinander. Schon an dieser Stelle ist es
klar, dass Brochs Konzeption wichtige Aehnlichkeiten
mit der "Dialektik der Aufklaerung"
von Horkheimer und Adorno aufweist, weitergehende
gemeinsame Züge mit Hannah Arendt werden
noch bald thematisert.
Aus diesen Voraussetzungen folgt, dass die
Moderne zwar durch den Kampf des Bürgers
und des Künstlers zutiefst gepraegt ist,
allerdings so, sie aber - gerade unter den
angedeuteten Voraussetzungen - überhaupt
nicht sich voneinander unterscheidenden Grundprinzipien
vertreten. Sie sind selbst
in dieser kaum zu steigernden Feindschaft
einander am aehnlichsten.
Hier erscheint ein theoretisch vielsagender
gemeinsamer Zug mit Hannah Arendts politischer
Philosophie. Denn wie Broch der Bürger und
der Künstler, macht bei Arendt der Pariah
und der Parvenu die eigentliche Geschichte
der Moderne aus. Eine weitreichende und vielsagende
Aehnlichkeit ist, dass die von der neuzeitlichen
Rationalitaet gepraegte tödliche Auseinandersetzung
zwischen dem Pariah und dem Parvenu auf die
gleiche Weise ohne eine Spur der Emanzipation
da steht, wie es mit Hermann Brochs Bürger
und Künstler der Fall ist. Ihre tödliche
Auseinandersetzung wird gerade dadurch qualitativ
bestimmt, dass beide dieselbe Rationalitaet,
nichtsdestoweniger aber keine Emanzipation
vertreten! Hinter den beiden Theoremen steht
aber auch der weitere konstitutive Zug, dass
beide von dem Hegel-Kojeveschen Kampf für
die Anerkennung gepraegt sind, was wieder
nachweist, wie produktiv die Herr-Knecht-Problematik
in der universalgeschichtlicher Deutung der
Gegenwart ins Spiel gebracht werden kann.
Diese Naehe wird dadurch nur noch erhöht,
dass beide Theorien auch jüdische Geschichte,
bzw. jüdische Emanzipation zu erschliessen
suchen, bei Hannah Arendt auf eine unmittelbare,
bei Hermann Broch auf eine vermittelte Weise.
Hermann Broch baut die ganze Linie der Argumentation
konsequent aus (womit er seine Ausgangsthese
auch tatsaechlich mit jeder Alternative eingehend
konfrontiert). Angefangen wird die Argumentation
mit der Rationalitaet des Bürgers (des Bourgeois)
ohne jeglichen emanzipativen Gehalt. Fortgesetzt
wird diese Argumentation dadurch, dass der
bürgerliche Hedonismus gerade auf der Linie
der Rationalitaet keine Alternative der Rationalitaet
(auf Brochs Sprache: der radikalen Herrschaft
eines einzigen Subsystems) darstellt. Der
aus der Mischung von Rationalitaet ohne Emanzipation
und Hedonismus entstehende Un-Stil ist für
das Wert-Vakuum charakteristisch, er ist
seine Realisierung. Auf dieser Linie erscheint
das Phaenomen des Kitsches wie eine konsequente
Entwicklung.
Hedonismus und Kitsch sind gleichzeitig auch
Dekorationen, die selbstverstaendlich des
Wert-Vakuums selbst, das eine Tatsache darstellt,
die sich leicht verdecken laesst. An dieser
Stelle tritt der Künstler auf, der - und
darin liegt der wesentlichste singulaere
Zug der Brochschen Auffassung über die Moderne
- aus Gründen, die wir bereits nannten, keine
wirkliche Alternative zur bürgerlichen Rationalitaet
und zum Wert-Vakuum darstellt, denn er ist
auch zutiefst der radikalen Logik seines
Subsystems, naemlich des "L'art pour
l'art" verpflichtet. Uns scheint diese
Logik der Deutung sehr schlüssig zu sein
und wir sind überzeugt, sie ist eine der
markantesten Interpretationen der Moderne
überhaupt. Für die Nietzsche-Deutung von
Hermann Broch ist es aber auch die Tatsache
von der grössten Bedeutung, mit welcher Konsequenz
er diese Logik ausbaut, auf wie solide Fundamente
er seine Nietzsche- (und Wagner-) Deutung
aufzubauen bestrebt war.
Mit dieser Konzeption gibt Broch dem Begriff
des Stils (Zeitstils, etc.) eine radikal
neue Bedeutung. Durch die bürgerliche Rationalitaet
gewinnt dieser Stilbegriff eine merkwürdige
wissenssoziologisch zu nennende Ausdehnung.
Durch die Rationalitaet wird er faehig sein,
das Aesthetische und das Soziologische zu
integrieren, ohne dass dabei das eine oder
das andere zu kurz kommen wird. Gleichzeitig
verfügt dieser Stil-Begriff eine ganze Reihe
neuer heuristischer Möglichkeiten. Es ist
charakteristisch für Hermann Brochs schöpferischen
Eklektizismus, dass er die Koexistenz und
den Übergang der einzelnen Formen derselben
Rationalitaet (von Rationalitaet zur Dekoration,
vom "l'art pour l'art" zum Kitsch)
nicht selten als Hegelschen Umschlag beschreibt,
was nicht nur logisch eine produktive Methode
ist, sondern auch der wirklichen historischen
Dynamik entsprechen kann.
Diese komplexe Deutung der Moderne (Gesamtdeutung
der Gesamtmoderne) ist es, die die Nietzsche-Deutung
begründet. Damit gibt Broch einen Gesamtrahmen
dafür ab, was instinktiv schon weit und breit
allgemein gefühlt und erlebt worden ist:
die Nietzsche-Wagner-Kontroverse versinnbildlicht
die wesentlichsten aesthetischen und politischen
Alternative der Moderne.
Vor diesem Horizont muss die die Kunst kritisch
und emanzipativ sein, denn in jedem anderen
Fall bleibt er im Werte-Vakuum befangen.
Bei Wagner steht es laut Nietzsche aber noch
schlimmer. Er verwirklicht naemlich nicht
nur die eigene Rationalitaet der Kunst neben
der eigenen Rationalitaet des Bürgers, er
transformiert die Rationalitaet der Kunst
in einer apologetischen Richtung. Er opfert
die eigene Logik der Kunst auf dem Altar
des Bürgers. Er geht aber auch noch weiter.
Er schwört den Bürger (Bildungs- und Kunstphilister)
in der Maske der Kunst und der Moderne herauf.
Was er tut, ist ein Dreifaches: Mangel an
Emanzipation, Aufgeben der eigenen Logik
der Kunst, apologetische Dienste dem Wagner-Philister.
Die in dieser Arbeit bereits zitierten Texte
Brochs über Nietzsche gaben und geben uns
ausreichende Einsicht in die Tatsache, wie
klar Broch Nietzsches Sonderbedeutung verstanden
hat. Dies ist ein einmaliger Augenblick in
der Geschichte der Nietzsche-Rezeption. Denn
es geht Broch nicht darum, das Phaenomen
Wagner wegen des Hitler-Regimes auf irgend
eine Weise schuldig zu machen. Worum es bei
ihm geht, Friedrich Nietzsche als einen Denker
aufzuweisen, der von dieser Geschichte gerade
voll und aktuell bestaetigt worden ist. Dies
ist wohl einer schönsten Anerkennungen, die
Friedrich Nietzsche in seiner tragisch zu
nennenden Rezeptionsgeschichte zuteil geworden
sind.
Als Summa der Summa dieser Analyse erscheint
dann Hermann Brochs kurze Überlegung darüber,
ob Nietzsches Werk vom Faschismus-Verdacht
freigesprochen werden kann oder nicht. Am
Ende unseres Gedankenganges würde man denken,
der einzige Philosoph, der das Wesentliche
der Gesamtmoderne zu jener Zeit durchschaute
(die diesbezüglichen Texte Brochs haben wir
in dieser Arbeit voll zitiert!) vom Verfasser
nur einen Freispruch erhalten kann. Broch
selber scheint sich der Einmaligkeit seiner
Situation voll bewusst zu sein, indem er
beispielsweise mehrfach betont, dass Nietzsches
Beurteilung jedem einzelnen überlassen werden
muss. Trotzdem spricht er Nietzsche von diesem
Verdacht nicht frei, er nennt dabei keine
Argumente (seine ganze Arbeit ist ein gewaltiges
Gegenargument!), er laesst anstatt dessen
im Raum schweben, dass kraft seiner puren
Koexistenz mit Wagner er auch der Anklage
nicht frei werden kann. Dies ist wohl eine
relevante Angelegenheit, auf deren Tiefe
man einmal unbedingt gehen muss. Für ist
jedoch hört an dieser Stelle der wissenschaftliche
Diskurs auf.
ANMERKUNGEN
'
(1)S. "Hofmannsthal und seine Zeit.
Eine Studie" (1947-1948), in: Hermann
Broch, Schriften zur Literatur 1. Kritik.
Kommentierte Werkausgabe, Band 9/1. Frankfurt
am Main, 1975. S. 111-284 und "Hugo
von Hofmannsthals Prosaschriften" (1950),
in: Ebenda, 285-336.
(2)S. Endre Kiss, Friederich Nietzsche filozófiája.
Budapest, 1993. Hier s. auch die weiteren
literarischen Hinweise über diese Verbindung.
(3)"Hofmannsthal und seine Zeit",
141-142.
(4)Ebenda, 144.
(5)Diese kurze Charakterisierung ist eine
Summe der mehrfach erwaehnten Nietzsche-Monographie
des Verfassers Friedrich Nietzsche filozófiája.
Diese Summe dient selbstverstaendlich auch
zur Grundlage mit dem Nietzsche-Broch-Vergleich.
(6)Es versteht sich von selbst, dass Nietzsche
an dieser Stelle die deutsche Problematik
verallgemeinert.
(7)Friedrich Nietzsche, Schopenhauer als
Erzieher. Saemtliche Werke. Kritische Studienausgabe
in 15 Baenden. Baenden. Berlin - New York,
1980. 368. - Broch haette an dieser Stelle
genau das sagen können, was Musil raesonnierte:
"Es gibt Augenblicke grosser Wahrhaftigkeit,
wo ich mir eingestehe, alles, was ich sage,
hat viel besser schon Emerson oder Nietzsche
gesagt...Nun aber 2: Bemerkt das niemand
andrer. 3. Kann nicht zugleich alles Wesentliche
Emerson gesagt haben und Nietzsche".
(Gesammelte Werke, Bd. 7. 900.)
(8)Ebenda.
(9)Ebenda.
(10)Durch diese Akzentuierung des metapolitischen
Charakters mancher philosophischen Konzeptionen
wollen wir keine a- oder antipolitische Haltung
propagieren. Auch eine zielorientierte Analyse
der Scheidung zwischen "politischen"
und "metapolitischen" Sphaeren
steht noch fast gaenzlich aus. Auf ihre Weise
bestaetigen das "Politische" und
das "Metapolitische" als zwei Subsysteme
die Brochsche These über den anarchischen
Kampf der einzelnen Subsysteme. - Es ist
eine vollkommen neue Dimension dieser Fragestellung,
dass die ganze Denkweise der Wiener Moderne,
gerade infolge ihrer kulturkritischen Attitüde,
ebenfalls "metapolitisch" war.
Waehrend des Zusammenbruchs, bzw. der Wiener
Raeterepublik wurde, wie einige Hinweise
in dieser Arbeit dies auch formulierten,
gerade diese metapolitische Attitüde realpolitisch.
Der in der Wiener Raeterepublik eine bestimmende
Rolle spielende Franz Blei schreibt beispielsweise
1916 folgende Verklaerung der Metapolitik:
"Nicht mit einer Politik ist die Politik
zu bekaempfen, nicht mit einer Partei die
Parteien: das hiesse das Übel mit einem Übel
heilen wollen. Der katholische Gedanke muss
seine Universalitaet wiedergewinnen, um die
Gemeinschaft Europa zu etablieren..."
(Menschliche Betrachtungen zur Politik. München,
1916. 159.)
(11)"Hofmannsthal und seine Zeit",
123.
(12)Es gibt zahlreiche zusammenfassende Arbeiten
über die intellektuelle Geschichte des Habsburgerreiches,
die diese bei Broch hervorgehobene Eigenschaft
bestaetigen können, so beispielsweise William
M. Johnston, The Austrian Mind (1972), oder
Endre Kiss, Der Tod der k.u.k. Weltordnung
in Wien (1986).
(13)Es ist in der ersten Linie keine thematische
Frage, d.h. haengt nicht unbedingt davon
ab, ob ein bestimmtes Hofmannsthal-Werk ein
österreichisches Thema aufarbeitet oder nicht.
Eine weitere Analyse könnte zeigen, dass
Hofmannsthals bestimmende Identifizierung
mit der zweiten Welle der europaeischen Moderne
durch seine - abgekürzt gesagt - substantialisierende,
quasi-metaphysische Strukturen der in Frage
stehenden Mythologisierung Österreichs zugutekam.
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