LUKÁCS, NIETZSCHE ODER DER HERVORRAGENDSTE STALINISTISCHE PROZESS DER PHILOSOPHIE

Endre Kiss, Budapest

Georg Lukács' beispiellose Attacke gegen Friedrich Nietzsche erwies sich im Laufe der aufeinanderfolgenden Jahrzehnte selber als Gegenstand verschiedener und stets wechselnder hermeneutischer Positionen. Unmittelbar nach 1945 galt sie als Bestaetigung der nationalsozialistischen Nietzsche-Exegeten ebenso wie der Stein des Anstosses in den Augen der sachbezogenen und humanistischen Nietzsche-Leser, unter ihnen von vielen Opfern des sich scheinbar auf Nietzsche berufenden Nationalsozialismus.


Um 1968 wurde die ganze Konzeption der DIE ZERSTÖRUNG DER VERNUNFT als authentisches Dokument eines in den historischen Auseinandersetzungen sich bewaehrenden Marxismus interpretiert, wobei die allseitig als falsch sich erweisende Urteilsbildung über Nietzsche keineswegs als ausreichender Grund für eine eventuelle Zurücknahme des angedeuteten anerkennenden Urteils anzusehen war. Heute draengt sich jedoch die Frage auf, welche neuen intellektuellen Dimensionen die ganzen Prozesse des Jahres 1968 angenonommen haetten, wenn die damalige Linke den intellektuellen Mut gehabt haette, sich in Sachen Nietzsche gegen den Stalinismus zu wenden.
Im Laufe der Entstehung und dann der Bekanntwerdung der Ergebnisse der neuen Nietzsche-Forschung büsste Lukács' stalinistischer Prozess Schritt für Schritt an Bedeutung ein und fand seinen wohl verdienten und berechtigten Platz neben Alfred Baeumler. Am Ende dieses Prozesses erscheint Lukács' historisch so bedeutsamer Angriff einerseits als historisches Dokument und andererseits als das wohl interessanteste Werk einer stalinistischen "Philosophie". Das Wort "Philosophie" verdient eine Erklaerung. Selbst "Philosophie" als Gattung ist aeusserst selten im Meer des stalinistischen Schrifttums. Denn diese Ideologie wandte sich nur aeusserst selten an die Intellektuellen und befasste sich ebenfalls nur aeusserst selten mit den "letzten" Fragen der hohen Philosophie. Die Ideologie - und diese Tradition geht bis in die frühesten Zeiten der Ersten und der Zweiten Internationale zurück - richtete sich naemlich einerseits an die Arbeiter und andererseits die verschiedenen Schichten der Funktionaere und anderen Würdentraeger der Parteien und der Gewerkschaften, so dass eine offene, direkte und systematische Auseinandersetzung mit einer solchen intellektuellen Grösse wie Nietzsche praktisch beispiellos in der stalinistischen Literatur da stand - allerdings ist das einzige ihm ebenbürtige Werk, Lenins MATERIALISMUS UND EMPIRIOKRITIZISMUS ist noch entscheidender in der Geschichte der stalinistischen Philosophie gewesen. Georg Lukács' Werk ist also auch noch aus diesem Grunde ein singulaeres. Es ist freilich wieder eine andere Frage, dass das primaere Interesse für die spezifisch stalinistische Philosophie erstaunlich gering ist, denn zwischen einer Apologie und einer Verdammung des Marxismus die eigentliche Philosophie des Stalinismus in den meisten Faellen nicht einmal namentlich genannt, geschweige denn ausführlich analysiert wird. So wird dieses Problem in jenen philosophischen Werken Gustav A. Wetters nicht thematisiert, von denen man damals sagte, sie seien die Interpretationen des Sowjetmarxismus, auf welche auch von der "anderen Seite" geantwortet wird. War es mit dem Stalinismus der Fall, so darf man sich nicht darüber wundern, dass der Komplex Nietzsche-Lukács-Nationalsozialismus in der "westlichen" Geschichte der Sowjetideologie nur in dem seltensten Fall thematisch wird. Anstatt dessen erschien dieser Komplex lange Zeit im innersten und wohlbehüteten Bereich der Philosophie selber als eine ernstzunehmende Interpretation. Wir können diese Tatsache um so eindeutiger bedauern, weil Lukács' Interpretation wohl das differenzierteste und wegen ihres Gegenstandes die Sphaere des trivialen dialektischen und historischen Materialismus am eindeutigsten verlassende Werk des philosophischen Stalinismus oder des Stalinismus als Philosophie war und ist. Es bedeutet in unseren Augen aber auch, dass dieses Werk gerade in seiner Singularitaet die meisten relevanten Informationen über den Stalinismus in der Philosophie enthaelt.
Sollte Georg Lukács's Nietzsche-Interpretation auch noch singulaer in der Geschichte der stalinistischen ideologischen Literatur da stehen, es darf kein Zweifel über den wahren Charakter seiner Argumentation bestehen. Diese Argumentation ist eine bewusst falsche, gleichzeitig ab er auch faelschende Argumentation, deren Zweck darin besteht, die Philosophie Nietzsche in aller Eindeutigkeit als wahre und legitime Begründung des Nationalsozialismus auszugeben. Unter den konkreten Rahmenbedingungen dieser Argumentation hiess es aber auch gleich, dass diese Einstellung mit einem wirkkraeftigen Automatismus mit der Bejahung der offiziellen nationalsozialistischen Nietzsche-Interpretation identisch sein sollte. Diese Zielsetzung dürfte aber nur um den Preis eines in jeder Hinsicht klassischen geistigen stalinistischen Prozesses verwirklicht werden, eines Prozesses, den man im realsozialistischen Raum in der poststalinistischen Zeit als "Konzeptionsprozesse" (im westlichen Jargon etwas ungenauer: "Schauprozesse") benannt hat. Es besteht also kein Zweifel darüber, dass Georg Lukács' Nietzsche-Kritik ein geistiger "Konzeptionsprozess" war. Um aber zum wahren Wesen dieses Konzeptionsprozesses zu gelangen, soll auch noch zu dieser Definition sein extremes Ziel hinzugefügt werden. Jeder Konzeptionsprozess wollte den "Verantwortlichen" oder den "Schuldigen" eines sozialen oder politischen Übels herausstellen und zum mehrfachen Tode bestrafen (wie es in jedem solchen Prozess tatsaechlich auch der Fall gewesen ist). Lukács' Ziel wollte aber ferner auch noch eine nie existierende Anklage an einen Philosophen delegieren. Er wollte einen Philosophen in seiner "Konzeption" erschaffen, der intellektuell in jeder Hinsicht hinter eines mörderischen Regimes als Kreator steht. Ausser den vielen früher benannten Singularitaeten erscheint dieser Zug als bestimmend bei der Rekonstruktion von Lukács' Nietzsche-Interpretation. Es geht also nicht nur um die Falschheit und die Faelschung, auch nicht nur um den klaren Konzept eines "Konzeptionsprozesses", sondern über die Absicht, einen wahren, DEN GRÖSSTEN philosophischen "Teufel" auf die Welt zu bringen, dessen Qualitaeten die Tatsache charakterisiert, dass er das nationalsozialistische System nicht nur vorwegnahm, sondern in jedem wichtigen Detail auch tatsaechlich erdachte.
Im Falle der Lukács'schen Nietzsche-Interpretation kann man auf dieser Grundlage für keinen Augenblick vergessen, dass der "Konzeptionsprozess" eine nicht nur faelschende, marginalisierende und disqualifzierende, sondern auch eine KRIMINALISIERENDE Funktion und Zielsetzung hatte. Dies heisst im Klartext, dass Lukács Nietzsche tatsaechlich kriminalisieren wollte und es auch tatsaechlich tat, und zwar nicht nur im philosophischen, sondern auch im politischen Sinne. Auch wenn die eigenen Dimensionen der Kriminalisierungsabsicht nicht in jedem konkreten Kontext in expliziter Form aufgewiesen werden können, darf diese in der Geschichte der Philosophie, der philosophischen Interpretation, der Wissenssoziologie
und der Wissenschaftsgeschichte so beispiellose Absicht für keine Sekunde ausser acht gelassen werden. Kein Wunder, dass es dem spaeteren Marxismus bis heute ein unmögliches Unternehmen ist, dieser Nietzsche-Kritik realitaetsgemaess ins Auge zu schauen. Der Grund für dieses beispiellose Unternehmen der Kriminalisierung eines der grössten Philosophen ist scheinbar einfach und durchsichtig. Es liesse sich ohne weiteres feststellen, dass in der Gleichzeitigkeit eines Weltkrieges und einer extrem scharfen ideologischen Auseinandersetzung DIESE Freund-Feind-Verhaeltnis eine wie automatische Folge dieser wohl weltgeschichtlich zu nennenden Auseinandersetzung gewesen ist. In diesem Fall würde nur diejenige Frage im Raum bleiben, ob Lukács selber an seiner eigenen Auffassung glaubte oder er tat es vielleicht auch nicht. Würde er an seine eigene Auffassung tatsaechlich nicht geglaubt haben, so liesse sich selbst noch diese Attitüde durch die Pflichtleistung retten. Lukács' Unternehmen der Kriminalisierung war aber weit ambitiöser als es sich denken laesst. Die Frage, ob er an seiner eigenen Konzeption tatsaechlich glaube oder nicht, laessst sich eindeutig beantworten. Es genügt, auch nur einen Augenblick auf die direkten und indirekten Nietzsche-Interpretationen des "jungen" Lukács zu werfen, dass man die reinste hermeneutische Unmöglichkeit des gleichzeitigen Bestehens der beiden Interpretationen ohne jegliche Schwierigkeiten wahrnimmt. Nach dem Wegfall der Hypothese der Authentizitaet dieser Kritik wartet nur noch die Problematik ihrer eigentlichen Zielsetzung auf ihre Auflösung. Und diese Zielsetzung war mehr und ambitiöser als die Erfüllung einer ausserordentlichen Pflicht um einer guten Sache willen. Lukács wollte naemlich nicht nur nachweisen, dass - woran er übrigens nicht glaubte - Friedrich Nietzsche auf irgend einer Grundlage ein Vorlaeufer des Nationalsozialismus war, er wollte mit dem ganzen DIE ZERSTÖRUNG DER VERNUNFT nachweisen, dass die spaetbürgerliche Kultur selbst IN TOTO in ihren schönsten Blüten im wesentlichen identisch mit Adolf Hitlers deutschem Nationalsozialismus ist.
Es ist geboten, die Charakterisierung der extremen KRIMINALISIERUNG im Falle der Lukács'schen Kritik beim Worte zu nehmen. Man dürfte sich heute höchstens darüber wundern, wie es überhaupt möglich gewesen sein sollte, diese exzessive intellektuelle Kriminalisierung als "normale" philosophische Interpretation wahrzunehmen und akademisch ernsthaft auch zu diskutieren. Die Massstaebe der in Frage stehenden Kriminalisierung sollen selbstverstaendlich vor dem Horizont des Stalinismus, sowie des internationalen Marxismus der Zeit festgestellt werden. Ein eventueller Vergleich Nietzsches mit Hegel oder der Aufklaerung erscheint in diesem Zuge der Kriminalisierung als eine Geschichtsfaelschung, die man im Interesse des amerikanischen Imperialismus verübt. Die vermeintliche Mythisierung der Geschichte bei Nietzsche ist das Zeichen eines naeher nicht bestimmten agressiven Imperialismus. Betrachtet man nur den scheinbar so harmlosen Spruch über das Zentrum von Nietzsches Philosophie als die Bekaempfung des "Sozialismus", so muss man sich klar vergegenwaertigen, dass jede Absicht oder jeder Tat der Bekaempfung dieses Systems in der betreffenden Zeit und in den betreffenden Laendern mit einem Hochverrat identisch war, den man nur mit den allergrössten und den allerkonkretesten Strafen zu vergelten hatte. Man kann sich wohl erdenken, was unter diesem Aspekt Nietzsches vermeintlicher Dienst an der konsequent imperialistischen Moral der Bourgeoisie bedeutete. Ist es Nietzsche tatsaechlich gelungen, die mit dem Kapitalismus unzufriedenen Intellektuellen von ihrer natürlichen Annaeherung an den Sozialismus wegzubringen, so hat man nur die einzige Aufgabe, die die zahllosen tatsaechlichen Opfer der "Konzeptionsprozesse" in dieser Zeit tatsaechlich zu lösen hatten, und zwar die, darüber nachzudenken, was für riesige (oder wie viele) Strafen man aufgrund einer Mathematik der Sünden für so gewaltige Vergehen bekommen kann.
Es ist nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Philosophie eine Unmöglichkeit, jeden Faden und jeden Zusammenhang eines "Konzeptionsprozesses" klar zu machen und zu rekonstruieren. Dies wohl einsehend, teilen wir im folgenden die Lukács'sche Argumentation in zwei Teile. Einerseits konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit auf Probleme und Interpretationselemente, die einen sachlich begründeten, philosophischen Sinn haben (auch wenn selbst diese Elemente "selektiv" ausgewaehlt worden sind und selbst Teil der "Konzeptionsprozesses" sind). Nachher versuchen wir die effektiven Faelschungen und Verdrehungen in einer bestimmten typologischen Ordnung zu thematisieren.
Dieser - wie gesagt - extrem kriminalisierende Konzeptionsprozess instrumentalisiert zunaechst einige Operationen, die man mit Recht gleich als bewusste "Faelschung" bezeichnen muss. Ohne die Funktion derselben im einzelnen zu beschreiben, soll etwa auf die Tatsache hingewiesen werden, wie Lukács das Erscheinungsjahr der Nietzsche-Interpretation von Alfred Baeumlers FRIEDRICH NIETZSCHE - DER PHILOSOPH UND POLITIKER bewusst verschweigt, um dieses Werk mit grösserem Grund als die "offizielle" Einstellung des Dritten Reiches in den Raum stellen zu können. Auf aehnliche Absichten laesst sich Lukács' Schweigen über Haertle's beim Parteiverlag publizierten FRIEDRICH NIETZSCHE UND DER NATIONALSOZIALISMUS erklaeren, der 1937 in der Form eines richtigen Parteidekretes "Richtiges" und "Unrichtiges" in Nietzsche trennt und dadurch der zentralen Position des von Baeumler interpretierten Nietzsches im ideologischen Universum des Hitlerstaates ein Ende setzt. Zu diesen Zügen der allseitigen Kriminalisierung gehören einige allgemeine Begriffstrategien, durch welche Nietzsche generell, d.h. als "mythenbildender", als "nationalistischer", als "reaktionaerer" Denker vorkommt und - ebenso ganz ohne Erklaerung und Argumentation - wenn in ihm "demokratische", "liberale" oder "evolutionistische" Züge aufzufinden waeren, die alle "eigentlich" auf Nietzsches Willen zurückzuführen sind, dem Sozialismus bewusst ein Gegengewicht zu stellen.
Ausser diesen offenen Zügen der bewussten Entstellung von Tatbestaenden existieren in Lukács' Argumentationen zahlreiche weitere und indirektere Strategien, um Nietzsche als tatsaechlichen Vorlaeufer des Nationalsozialismus aufzuzeigen, allerdings beruhen sie schon auf die Elemente der vollzogenen extremen Kriminalisierung, bilden sozusagen den bereits vorbereiteten Kontext für den weiteren Nachweis der selben These. Dadurch entwickelt Lukács eine Strategie, die in dieser Form in der Philosophie noch kaum bekannt war. Indem er Nietzsche in einem konkreten Kontext lange und ausführlich kategorisiert, setzt er in diese Argumentation Nietzsche-Zitate hinein, die dann durch den Kontext wie "von selbst" eine dem Kontext entsprechende konkrete Bedeutung annehmen. Das Problem bleibt nur, dass die neue, kontextbedingte Bedeutung in den meisten Faellen meilenweit von der ursprünglichen und von Nietzsche gemeinten Bedeutung steht. Indem Lukács an einer Stelle Nietzsche's "Barbarismus" lange ausführt, verleiht er einer Nietzscheschen These gegen Wagner die Bedeutung, dass er gegen Wagner nicht von einer antinationalistischen, sondern umgekehrt, von einer imperialistischen Position aus kaempft. Dieses Verfahren setzt Lukács übrigens bei der Erklaerung all jener kritischen Eingriffe Nietzsches ein, die ihn (Nietzsche) als ideologisch, intellektuell oder auch politisch "progressiv" zeigen (Schopenhauer, Bismarck und selbstverstaendlich Richard Wagner). Das Wesentliche dieser Argumentationstechnik besteht also nicht in der Entstellung eines konkreten Zitats, sondern in der - scheinbar als Ausdruck einer authentischen Konzeption erscheinenden - Ausarbeitung einer ausführlichen Position, die dann dem naechstfolgenden Zitat seine "natürliche" Interpretation kontextuell vorschreibt. Neben dieser kriminalisierenden MANIPULATION der Kontextualitaet gebraucht Lukács auch ein durchaus unakzeptables hermeneutisches Verfahren, welches gerade Leser überzeugen kann, die sich nicht ausführlich im Labyrinth des Nietzscheschen philosophischen Perspektivismus auskennen. Dieses Verfahren besteht darin, dass genealogische (d.h. beschreibende, analytische) Gedankengaenge als innerste Absichtserklaerungen und politisch-soziale Optionen gelesen werden. Die ganze genealogische Problematik der Moral, mitsamt den Problemen der Herren- und der Sklavenmoral erscheinen in dieser manipulierten Kontextualitaet und stillschweigender Entstellung der Referenz als Nietzsches eigene politische und moralische Optionen! Denkt man an dieser Stelle daran, wie viele Leser in der Sowjetunion und im Ostblock im voll zensurierten Verlagswesen die Möglichkeit hatten, diese Verschiebung der Referenz adaequat wahrzunehmen!
Aus Georg Lukács' Argumentation in der ZERSTÖRUNG DER VERNUNFT liessen sich einige Elemente als sachlich begründet (wenn auch nicht unbedingt richtig) beschreiben. Es ist beispielsweise durchaus vertretbar, dass 1848 oder 1871 im historischen Schicksal des Bürgertums je eine grosse Wende bereiteten, Es ist auch vertretbar, dass mit dem Ausgang der Hegelschen Philosophie sich die Rahmenbedingungen für alles Philosophieren grundsaetzlich geaendert haben. Es ist ebenfalls vertretbar, dass in diesen Jahrzehnten die Industrialisierung und damit verbunden die Arbeiterbewegung als wichtiger neuer Faktor in Geschichte und Politik angesehen werden muss. Die eine Schwaeche besteht jedoch darin, dass die sachlich haltbaren Elemente der Kritik generelle ideologische Thesen und nicht Ergebnisse einer eigenen Forschungsarbeit sind und als solche kaum etwas mit Nietzsche zu tun haben. Die andere Schwaeche ist somit gerade mit Nietzsche verbunden. Denn eben diese Thesen haetten zu einer tieferen Einsicht über Nietzsche beitragen können. Lukács aber gebraucht selbst die sachlich haltbaren Rahmenkonzeptionen NICHT, um Nietzsche besser zu verstehen, sondern um ihn besser kriminalisieren und marginalisieren zu können. Er macht diese Ansaetze an Nietzsche nicht produktiv. Die historischen Schicksalswenden 1848 und 1871 haetten tiefgehend dazu beitragen können, Nietzsches philosophische Position historisch neu zu bestimmen. Anstatt dessen bedeuten diese Daten für Nietzsche die wie metaphysische Verdammung, dass er in eine dekadente Phase hineingeboren ist (was in den Haenden von Lukács allein als realkausale Grundlage dienen wird, konkrete philosophische Positionen zu beurteilen).
Als sachlich begründete Position kann Lukács' Meinung über den "literarischen" Aphorismus Nietzsches gelten, obwohl es unserer Meinung nach nicht stimmt und Lukács selber keineswegs daran verhindert, Nietzsche an einer anderen Stelle als "systematischen" Denker zu bezeichnen. Als ebenfalls sachlich mögliche (aber letztlich an Nietzsche nicht verifizierte) Positionen kommen die Kategorisierung Nietzsches als Berkeley-Schopenhauer-Anhaengers (als "Irrationalisten" und "Agnostizisten" also), seine Auffassung als a-, wenn nicht eben antihistorischen Denkers, eine mögliche, wenn auch nicht richtige Einstellung erscheint in Lukács' Trennung von Nietzsches Atheismus von den Naturwissenschaften (und ihrer Reflexion) und geradezu bestürzend ist es aus dem Munde eines der Ideologie so verhafteten Denkers, wenn er sagt, Nietzsche teile (fehlerhaft - E.K.) Feuerbachs Fehler und hielte die Veraenderung in den religiösen Vorstellungen der Menschen für das allerentscheidendste Element in der Geschichte.
Keineswegs sachlich motiviert (obwohl scheinbar als "sachlich" vorkommende) Argumentationsstrategie ist Lukács Insistieren auf den generell mythologischen Charakter von Nietzsches Philosophie. Es erscheint als ein Sammelbegriff, der viele verschiedene Momente zusamenfasst. "Mythologisch" denkt sonach Nietzsche, weil er von den politischen, noch mehr aber von den wirtschaftlichen Prozessen seiner Zeit angeblich nichts versteht. Auf der einen Seite erscheint diese Bezeichnung als geradezu kriminalisierende Ausgrenzung, weil die mythologisierende Philosophie Nietzsches dem "richtigen" Wissen des dialektischen und des historischen Materialismus über Politik und Wirtschaft gegenübergestellt wird, was an sich schon Grund für alle mögliche Retorsionen ausmacht. Auf der anderen Seite klingt auch ungewolltes Anerkennen in dieser Bezeichnung mit, denn gerade diese mythologisierende Tendenz erklaert, warum Nietzsche doch manche richtige Tendenzen wahrnahm, OHNE das richtige Wissen des dialektischen und des historischen Materialismus gekannt zu haben. Lukács braucht ferner auch in manch anderen Kontexten keine eingehendere Analyse, die "Mythologie" Nietzsches (vermutlich Zeichen eines ungewollten Respektes vor Ernst Bertram's Interpretation) erweist sich als die Nacht, in welcher alle Kühe schwarz sind ("mythologisch" kommt Lukács die "Geschichte" bei Nietzsche ebenso vor wie dessen "Agnostizismus" und "Relativismus").
Ein dem "Mythologisieren" vergleichbares Instrument des intellektuellen Konzeptionsprozesses ist die umfassende Etikettierung der indirekten Apologie Nietzsches. Zur Geschichte dieses Begriffs gehört wohl Hans Günthers Streitschrift gegen die Ideologie des Nationalsozialismus (DER HERREN EIGNER GEIST, Moskau-Leningrad, 1935), in welchem Nietzsches "eigentliche" Leistung als der "eigentliche Trick" eben die "kritische Apologetik" steht. Nun ist der Weg von Hans Günthers "kritischer Apologetik" des Kapitalismus zu dessen "indirekter Apologetik" bei Lukács nicht sehr lang. Die Annahme der "indirekten Apologetik" - ergaenzt durch die stets zur Verfügung stehende Möglichkeit des "Mythologisierens" - setzt Lukács in die Position, dass er jede beliebige Aussage Nietzsches (vor allem natürlich die historischen und politischen, aber weil auch die erkenntnistheoretischen, aesthetischen und die anderen Aussagen auch ideologisch besetzt sind, gilt die These wahrlich für ALLE Aussagen) wirklich beliebig zu kategorisieren. Was kann denn über die Welt gesagt werden, was nicht durch diese zwei Sammelkategorien haetten NICHT aufgefangen werden können?
Lukács, darin auch den amtierenden Richtern der Konzeptionsprozesse gleich, nicht nur entdeckt das WESEN der gegnerischen Aktivitaet, er kategorisiert gleich auch die Gründe und die Motive derselben. Als "Folgerung" dieser vermeintlichen Tatbestaende stellt Lukács fest, dass Nietzsches Hauptanliegen es war, die angesichts der Realitaeten sich zum Sozialismus hinneigenden bürgerlichen Intellektuellen vom Sozialismus fernzuhalten und ihnen neue Scheinziele zu liefern. Dadurch entsteht bei Lukács eine abenteuerliche Soziologie der Inmtellektuellen um die Jahrhundertwende, die unter dem Aspekt des stalinistischen dialektischen und historischen Materialismus gesehen wird. Dadurch werden nicht nur Nietzsches "kriminelle Taten", wahre Zielsetzungen, essentielle Verfahrensweisen, sondern auch seine "wahren" Motive erklaert. Der Angeklagte steht nackt vor uns.
Erst nachher kann die wahre philosophische Essenz einigermassen thematisiert werden, denn es darf kein Zweifel mehr darüber bestehen, dass man es schon mit den philosophischen Positionen eines intellektuell taetigen Kriminellen zu tun hat, die in einem Ausmass stigmatisiert sind, dass ihre Affirmation eine praktische Unmöglichkeit wird. Wer würde beispielsweise die "agnostizistische" und "relativistische" Erkenntnistheorie eines "Feindes des eigenen Systems" mit kritisch unbefangenen Absichten lesen? Wer würde nicht glauben, dass die Thematisierung der genealogischen Aspekte in der Erkenntnistheorie nicht tatsaechlich als "Biologismus" vorkommen? Wer wagte es, nicht zu glauben, dass Nietzsches Griechentum eigentlich ein Ausleben seiner "barbarischen" Triebe gewesen sei? Ist nicht die (grundlose) Anknüpfung Nietzsches an Schopenhauers Irrationalismus ein "harmloses" Unternehmen im Vergleich der anderen "Anklagen"? Wird nicht auch ein Bismarck zum Demokraten, wenn Nietzsche ihn angreift? Ist es nicht voll "plausibel", dass er wenn Nietzsche über "grosse Politik" oder über den "kommenden Krieg" spricht, nicht schon dabei Hitler und seine Taten versteht?
An dieser Stelle sollte nach der Originalitaet der Anklagen gefragt werden. Nun steht es mit der philosophischen Originalitaet auch nicht bewonders gut, denn die grosse philosophische Konzeption, in die Lukács Nietzsche ganz aufheben will, ist (immer noch) Lenins MATERIALISMUS UND EMPIRIOKRITIZISMUS, in welchem gerade die "relativistischen" und "agnostizistischen" philosophischen Richtungen als die wahren Gegnerinnen des dialektischen Materialismus benannt werden. Die aktuellen stalinistischen zitatologischen Vorschriften werden bei Lukács durchgehend eingehalten. Wer würde heute etwa denken, dass selbst die intellektuellensoziologische Konzeption des Werkes einen versteckten zitatologischen Zug aufweist, denn für den wegen seiner sozialdemokratischen Vergangenheit nicht geschützten (und von Lukács anderswo auch direkt tüchtig getadelten) Mehring Nietzsche gerade nicht ein Weg VON, sondern ZUM Sozialismus gewesen ist.
Georg Lukács' intellektuelle Kriminalisierung bestaetigt auch die sogenannte und zu ihrer Zeit aus mehreren Gründen berüchtigte "Sozialfaschismus-These", denn am Beispiel Nietzsches laesst sich exemplarisch zeigen, wie tief die "kommunistische" mit der "nationalsozialistischen" These übereinstimmt. Auf der anderen Seite wird auch George Orwells Wahrnehmung über die "neue Sprache" des Stalinismus ebenfalls bestaetigt. Lukács kategorisiert seine "Praekonzeption" über den Charakter von Nietzsches Philosophie als "sozialer Auftrag" dieser Philosophie. Ist es nicht Orwell? Als Nietzsche eben "Demokrat" ist, verliert er nichts von dem Aristokratismus seiner Jugend. Als Nietzsche Atheist ist, wird sein Atheismus ein Mythos (und es wird nahegelegt, sein Atheismus entstammte einer Kritik des Christentums, der der Humanismus desselben etwa "zu viel" sei). Oder ein weiterer Orwellscher Satz aus Lukács' Feder: Ob Lukács Darwin liebt oder nicht, sein Darwinismus sei bloss ein Anlass, den Sozialismus zu bekaempfen.
Es faellt auf, dass die Philosophie des Stalinismus viel weniger erforscht und interpretiert worden sind wie die Geschichte der nationalsozialistischen "Philosophie" und der Psychologie. Würde es bedeutet haben, dass sie spezifischen philosophischen Komponenten des Stalinismus in den Bewegungen und im politischen System eine geringere Rolle gespielt haetten, wie es mit den rechten bis auf die nationalsozialistischen Bewegungen und Staaten der Fall gewesen ist? Die Philosophie des Stalinismus baut sich im Laufe einer erstaunlich langen Entwicklung aus, in der das Marxsche KAPITAL, der historische Materialismus der Zweiten Internationale, Lenins vernichtende Attacke gegen Mach und die russischen Machisten alle ihren Beitrag lieferten, erwies sich für die historische Forschung bislang als wenig attraktiv, so dass wir im Zuge der Rekonstruktion dieser wohl perfektesten und vielseitigsten philosophischen Konzeption des Stalinismus auf das gründlich ausgearbeitete Paradigma des "Stalinismus als Philosophie" verzichten müssen.
In Lukács' stalinistischem Angriff auf Nietzsche erschienen die führenden Attitüden dieser Philosophie nur in vermittelter Weise. Im Zuge der philosophischen Kriminalisierung funktionierten die stalinistischen Instrumente in der Verdrehung, in der falschen Identifizierung, in der bewussten missverstehenden Absicht, in der Disziplin, die erwartete zitatologische Leistung zu erbringen. All diese Funktionen artikulierten die "Inhalte" dieses Denkens kaum, sie dürften keine Einsicht in die Attitüde der "alleinigen Vertreterin" der Wahrheit der "wissenschaftlichen Weltanschauung" (wie als ob eine solche Konstruktion nicht ab ovo ein Widerspruch in sich waere) bieten, die in jeder konkreten Fragestellung im Anfang schon bereits im unbestrittenen Besitz der Wahrheit ist und ihre Konkurrentinnen mit politischen Kategorisierungen von kriminalisirendem Ausmass bekaempft. Dieses Denken des Stalinismus erwies sich in klarer Form als "welthistorisches" Optimum des Denkens und liess jedem Einzelnen (sei er ein professioneller Denker oder nicht) die Möglichkeit zu, sich mit diesem welthistorischen Optimum zu identifizieren. Dass man für diese Identifizierung einen unglaublich hohen Preis zahlen musste, versteht sich unveraendert von selber.



L ITERATUR:

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