|
Um 1968 wurde die ganze Konzeption der DIE
ZERSTÖRUNG DER VERNUNFT als authentisches
Dokument eines in den historischen Auseinandersetzungen
sich bewaehrenden Marxismus interpretiert,
wobei die allseitig als falsch sich erweisende
Urteilsbildung über Nietzsche keineswegs
als ausreichender Grund für eine eventuelle
Zurücknahme des angedeuteten anerkennenden
Urteils anzusehen war. Heute draengt sich
jedoch die Frage auf, welche neuen intellektuellen
Dimensionen die ganzen Prozesse des Jahres
1968 angenonommen haetten, wenn die damalige
Linke den intellektuellen Mut gehabt haette,
sich in Sachen Nietzsche gegen den Stalinismus
zu wenden.
Im Laufe der Entstehung und dann der Bekanntwerdung
der Ergebnisse der neuen Nietzsche-Forschung
büsste Lukács' stalinistischer Prozess Schritt
für Schritt an Bedeutung ein und fand seinen
wohl verdienten und berechtigten Platz neben
Alfred Baeumler. Am Ende dieses Prozesses
erscheint Lukács' historisch so bedeutsamer
Angriff einerseits als historisches Dokument
und andererseits als das wohl interessanteste
Werk einer stalinistischen "Philosophie".
Das Wort "Philosophie" verdient
eine Erklaerung. Selbst "Philosophie"
als Gattung ist aeusserst selten im Meer
des stalinistischen Schrifttums. Denn diese
Ideologie wandte sich nur aeusserst selten
an die Intellektuellen und befasste sich
ebenfalls nur aeusserst selten mit den "letzten"
Fragen der hohen Philosophie. Die Ideologie
- und diese Tradition geht bis in die frühesten
Zeiten der Ersten und der Zweiten Internationale
zurück - richtete sich naemlich einerseits
an die Arbeiter und andererseits die verschiedenen
Schichten der Funktionaere und anderen Würdentraeger
der Parteien und der Gewerkschaften, so dass
eine offene, direkte und systematische Auseinandersetzung
mit einer solchen intellektuellen Grösse
wie Nietzsche praktisch beispiellos in der
stalinistischen Literatur da stand - allerdings
ist das einzige ihm ebenbürtige Werk, Lenins
MATERIALISMUS UND EMPIRIOKRITIZISMUS ist
noch entscheidender in der Geschichte der
stalinistischen Philosophie gewesen. Georg
Lukács' Werk ist also auch noch aus diesem
Grunde ein singulaeres. Es ist freilich wieder
eine andere Frage, dass das primaere Interesse
für die spezifisch stalinistische Philosophie
erstaunlich gering ist, denn zwischen einer
Apologie und einer Verdammung des Marxismus
die eigentliche Philosophie des Stalinismus
in den meisten Faellen nicht einmal namentlich
genannt, geschweige denn ausführlich analysiert
wird. So wird dieses Problem in jenen philosophischen
Werken Gustav A. Wetters nicht thematisiert,
von denen man damals sagte, sie seien die
Interpretationen des Sowjetmarxismus, auf
welche auch von der "anderen Seite"
geantwortet wird. War es mit dem Stalinismus
der Fall, so darf man sich nicht darüber
wundern, dass der Komplex Nietzsche-Lukács-Nationalsozialismus
in der "westlichen" Geschichte
der Sowjetideologie nur in dem seltensten
Fall thematisch wird. Anstatt dessen erschien
dieser Komplex lange Zeit im innersten und
wohlbehüteten Bereich der Philosophie selber
als eine ernstzunehmende Interpretation.
Wir können diese Tatsache um so eindeutiger
bedauern, weil Lukács' Interpretation wohl
das differenzierteste und wegen ihres Gegenstandes
die Sphaere des trivialen dialektischen und
historischen Materialismus am eindeutigsten
verlassende Werk des philosophischen Stalinismus
oder des Stalinismus als Philosophie war
und ist. Es bedeutet in unseren Augen aber
auch, dass dieses Werk gerade in seiner Singularitaet
die meisten relevanten Informationen über
den Stalinismus in der Philosophie enthaelt.
Sollte Georg Lukács's Nietzsche-Interpretation
auch noch singulaer in der Geschichte der
stalinistischen ideologischen Literatur da
stehen, es darf kein Zweifel über den wahren
Charakter seiner Argumentation bestehen.
Diese Argumentation ist eine bewusst falsche,
gleichzeitig ab er auch faelschende Argumentation,
deren Zweck darin besteht, die Philosophie
Nietzsche in aller Eindeutigkeit als wahre
und legitime Begründung des Nationalsozialismus
auszugeben. Unter den konkreten Rahmenbedingungen
dieser Argumentation hiess es aber auch gleich,
dass diese Einstellung mit einem wirkkraeftigen
Automatismus mit der Bejahung der offiziellen
nationalsozialistischen Nietzsche-Interpretation
identisch sein sollte. Diese Zielsetzung
dürfte aber nur um den Preis eines in jeder
Hinsicht klassischen geistigen stalinistischen
Prozesses verwirklicht werden, eines Prozesses,
den man im realsozialistischen Raum in der
poststalinistischen Zeit als "Konzeptionsprozesse"
(im westlichen Jargon etwas ungenauer: "Schauprozesse")
benannt hat. Es besteht also kein Zweifel
darüber, dass Georg Lukács' Nietzsche-Kritik
ein geistiger "Konzeptionsprozess"
war. Um aber zum wahren Wesen dieses Konzeptionsprozesses
zu gelangen, soll auch noch zu dieser Definition
sein extremes Ziel hinzugefügt werden. Jeder
Konzeptionsprozess wollte den "Verantwortlichen"
oder den "Schuldigen" eines sozialen
oder politischen Übels herausstellen und
zum mehrfachen Tode bestrafen (wie es in
jedem solchen Prozess tatsaechlich auch der
Fall gewesen ist). Lukács' Ziel wollte aber
ferner auch noch eine nie existierende Anklage
an einen Philosophen delegieren. Er wollte
einen Philosophen in seiner "Konzeption"
erschaffen, der intellektuell in jeder Hinsicht
hinter eines mörderischen Regimes als Kreator
steht. Ausser den vielen früher benannten
Singularitaeten erscheint dieser Zug als
bestimmend bei der Rekonstruktion von Lukács'
Nietzsche-Interpretation. Es geht also nicht
nur um die Falschheit und die Faelschung,
auch nicht nur um den klaren Konzept eines
"Konzeptionsprozesses", sondern
über die Absicht, einen wahren, DEN GRÖSSTEN
philosophischen "Teufel" auf die
Welt zu bringen, dessen Qualitaeten die Tatsache
charakterisiert, dass er das nationalsozialistische
System nicht nur vorwegnahm, sondern in jedem
wichtigen Detail auch tatsaechlich erdachte.
Im Falle der Lukács'schen Nietzsche-Interpretation
kann man auf dieser Grundlage für keinen
Augenblick vergessen, dass der "Konzeptionsprozess"
eine nicht nur faelschende, marginalisierende
und disqualifzierende, sondern auch eine
KRIMINALISIERENDE Funktion und Zielsetzung
hatte. Dies heisst im Klartext, dass Lukács
Nietzsche tatsaechlich kriminalisieren wollte
und es auch tatsaechlich tat, und zwar nicht
nur im philosophischen, sondern auch im politischen
Sinne. Auch wenn die eigenen Dimensionen
der Kriminalisierungsabsicht nicht in jedem
konkreten Kontext in expliziter Form aufgewiesen
werden können, darf diese in der Geschichte
der Philosophie, der philosophischen Interpretation,
der Wissenssoziologie
und der Wissenschaftsgeschichte so beispiellose
Absicht für keine Sekunde ausser acht gelassen
werden. Kein Wunder, dass es dem spaeteren
Marxismus bis heute ein unmögliches Unternehmen
ist, dieser Nietzsche-Kritik realitaetsgemaess
ins Auge zu schauen. Der Grund für dieses
beispiellose Unternehmen der Kriminalisierung
eines der grössten Philosophen ist scheinbar
einfach und durchsichtig. Es liesse sich
ohne weiteres feststellen, dass in der Gleichzeitigkeit
eines Weltkrieges und einer extrem scharfen
ideologischen Auseinandersetzung DIESE Freund-Feind-Verhaeltnis
eine wie automatische Folge dieser wohl weltgeschichtlich
zu nennenden Auseinandersetzung gewesen ist.
In diesem Fall würde nur diejenige Frage
im Raum bleiben, ob Lukács selber an seiner
eigenen Auffassung glaubte oder er tat es
vielleicht auch nicht. Würde er an seine
eigene Auffassung tatsaechlich nicht geglaubt
haben, so liesse sich selbst noch diese Attitüde
durch die Pflichtleistung retten. Lukács'
Unternehmen der Kriminalisierung war aber
weit ambitiöser als es sich denken laesst.
Die Frage, ob er an seiner eigenen Konzeption
tatsaechlich glaube oder nicht, laessst sich
eindeutig beantworten. Es genügt, auch nur
einen Augenblick auf die direkten und indirekten
Nietzsche-Interpretationen des "jungen"
Lukács zu werfen, dass man die reinste hermeneutische
Unmöglichkeit des gleichzeitigen Bestehens
der beiden Interpretationen ohne jegliche
Schwierigkeiten wahrnimmt. Nach dem Wegfall
der Hypothese der Authentizitaet dieser Kritik
wartet nur noch die Problematik ihrer eigentlichen
Zielsetzung auf ihre Auflösung. Und diese
Zielsetzung war mehr und ambitiöser als die
Erfüllung einer ausserordentlichen Pflicht
um einer guten Sache willen. Lukács wollte
naemlich nicht nur nachweisen, dass - woran
er übrigens nicht glaubte - Friedrich Nietzsche
auf irgend einer Grundlage ein Vorlaeufer
des Nationalsozialismus war, er wollte mit
dem ganzen DIE ZERSTÖRUNG DER VERNUNFT nachweisen,
dass die spaetbürgerliche Kultur selbst IN
TOTO in ihren schönsten Blüten im wesentlichen
identisch mit Adolf Hitlers deutschem Nationalsozialismus
ist.
Es ist geboten, die Charakterisierung der
extremen KRIMINALISIERUNG im Falle der Lukács'schen
Kritik beim Worte zu nehmen. Man dürfte sich
heute höchstens darüber wundern, wie es überhaupt
möglich gewesen sein sollte, diese exzessive
intellektuelle Kriminalisierung als "normale"
philosophische Interpretation wahrzunehmen
und akademisch ernsthaft auch zu diskutieren.
Die Massstaebe der in Frage stehenden Kriminalisierung
sollen selbstverstaendlich vor dem Horizont
des Stalinismus, sowie des internationalen
Marxismus der Zeit festgestellt werden. Ein
eventueller Vergleich Nietzsches mit Hegel
oder der Aufklaerung erscheint in diesem
Zuge der Kriminalisierung als eine Geschichtsfaelschung,
die man im Interesse des amerikanischen Imperialismus
verübt. Die vermeintliche Mythisierung der
Geschichte bei Nietzsche ist das Zeichen
eines naeher nicht bestimmten agressiven
Imperialismus. Betrachtet man nur den scheinbar
so harmlosen Spruch über das Zentrum von
Nietzsches Philosophie als die Bekaempfung
des "Sozialismus", so muss man
sich klar vergegenwaertigen, dass jede Absicht
oder jeder Tat der Bekaempfung dieses Systems
in der betreffenden Zeit und in den betreffenden
Laendern mit einem Hochverrat identisch war,
den man nur mit den allergrössten und den
allerkonkretesten Strafen zu vergelten hatte.
Man kann sich wohl erdenken, was unter diesem
Aspekt Nietzsches vermeintlicher Dienst an
der konsequent imperialistischen Moral der
Bourgeoisie bedeutete. Ist es Nietzsche tatsaechlich
gelungen, die mit dem Kapitalismus unzufriedenen
Intellektuellen von ihrer natürlichen Annaeherung
an den Sozialismus wegzubringen, so hat man
nur die einzige Aufgabe, die die zahllosen
tatsaechlichen Opfer der "Konzeptionsprozesse"
in dieser Zeit tatsaechlich zu lösen hatten,
und zwar die, darüber nachzudenken, was für
riesige (oder wie viele) Strafen man aufgrund
einer Mathematik der Sünden für so gewaltige
Vergehen bekommen kann.
Es ist nicht nur in der Geschichte, sondern
auch in der Philosophie eine Unmöglichkeit,
jeden Faden und jeden Zusammenhang eines
"Konzeptionsprozesses" klar zu
machen und zu rekonstruieren. Dies wohl einsehend,
teilen wir im folgenden die Lukács'sche Argumentation
in zwei Teile. Einerseits konzentrieren wir
unsere Aufmerksamkeit auf Probleme und Interpretationselemente,
die einen sachlich begründeten, philosophischen
Sinn haben (auch wenn selbst diese Elemente
"selektiv" ausgewaehlt worden sind
und selbst Teil der "Konzeptionsprozesses"
sind). Nachher versuchen wir die effektiven
Faelschungen und Verdrehungen in einer bestimmten
typologischen Ordnung zu thematisieren.
Dieser - wie gesagt - extrem kriminalisierende
Konzeptionsprozess instrumentalisiert zunaechst
einige Operationen, die man mit Recht gleich
als bewusste "Faelschung" bezeichnen
muss. Ohne die Funktion derselben im einzelnen
zu beschreiben, soll etwa auf die Tatsache
hingewiesen werden, wie Lukács das Erscheinungsjahr
der Nietzsche-Interpretation von Alfred Baeumlers
FRIEDRICH NIETZSCHE - DER PHILOSOPH UND POLITIKER
bewusst verschweigt, um dieses Werk mit grösserem
Grund als die "offizielle" Einstellung
des Dritten Reiches in den Raum stellen zu
können. Auf aehnliche Absichten laesst sich
Lukács' Schweigen über Haertle's beim Parteiverlag
publizierten FRIEDRICH NIETZSCHE UND DER
NATIONALSOZIALISMUS erklaeren, der 1937 in
der Form eines richtigen Parteidekretes "Richtiges"
und "Unrichtiges" in Nietzsche
trennt und dadurch der zentralen Position
des von Baeumler interpretierten Nietzsches
im ideologischen Universum des Hitlerstaates
ein Ende setzt. Zu diesen Zügen der allseitigen
Kriminalisierung gehören einige allgemeine
Begriffstrategien, durch welche Nietzsche
generell, d.h. als "mythenbildender",
als "nationalistischer", als "reaktionaerer"
Denker vorkommt und - ebenso ganz ohne Erklaerung
und Argumentation - wenn in ihm "demokratische",
"liberale" oder "evolutionistische"
Züge aufzufinden waeren, die alle "eigentlich"
auf Nietzsches Willen zurückzuführen sind,
dem Sozialismus bewusst ein Gegengewicht
zu stellen.
Ausser diesen offenen Zügen der bewussten
Entstellung von Tatbestaenden existieren
in Lukács' Argumentationen zahlreiche weitere
und indirektere Strategien, um Nietzsche
als tatsaechlichen Vorlaeufer des Nationalsozialismus
aufzuzeigen, allerdings beruhen sie schon
auf die Elemente der vollzogenen extremen
Kriminalisierung, bilden sozusagen den bereits
vorbereiteten Kontext für den weiteren Nachweis
der selben These. Dadurch entwickelt Lukács
eine Strategie, die in dieser Form in der
Philosophie noch kaum bekannt war. Indem
er Nietzsche in einem konkreten Kontext lange
und ausführlich kategorisiert, setzt er in
diese Argumentation Nietzsche-Zitate hinein,
die dann durch den Kontext wie "von
selbst" eine dem Kontext entsprechende
konkrete Bedeutung annehmen. Das Problem
bleibt nur, dass die neue, kontextbedingte
Bedeutung in den meisten Faellen meilenweit
von der ursprünglichen und von Nietzsche
gemeinten Bedeutung steht. Indem Lukács an
einer Stelle Nietzsche's "Barbarismus"
lange ausführt, verleiht er einer Nietzscheschen
These gegen Wagner die Bedeutung, dass er
gegen Wagner nicht von einer antinationalistischen,
sondern umgekehrt, von einer imperialistischen
Position aus kaempft. Dieses Verfahren setzt
Lukács übrigens bei der Erklaerung all jener
kritischen Eingriffe Nietzsches ein, die
ihn (Nietzsche) als ideologisch, intellektuell
oder auch politisch "progressiv"
zeigen (Schopenhauer, Bismarck und selbstverstaendlich
Richard Wagner). Das Wesentliche dieser Argumentationstechnik
besteht also nicht in der Entstellung eines
konkreten Zitats, sondern in der - scheinbar
als Ausdruck einer authentischen Konzeption
erscheinenden - Ausarbeitung einer ausführlichen
Position, die dann dem naechstfolgenden Zitat
seine "natürliche" Interpretation
kontextuell vorschreibt. Neben dieser kriminalisierenden
MANIPULATION der Kontextualitaet gebraucht
Lukács auch ein durchaus unakzeptables hermeneutisches
Verfahren, welches gerade Leser überzeugen
kann, die sich nicht ausführlich im Labyrinth
des Nietzscheschen philosophischen Perspektivismus
auskennen. Dieses Verfahren besteht darin,
dass genealogische (d.h. beschreibende, analytische)
Gedankengaenge als innerste Absichtserklaerungen
und politisch-soziale Optionen gelesen werden.
Die ganze genealogische Problematik der Moral,
mitsamt den Problemen der Herren- und der
Sklavenmoral erscheinen in dieser manipulierten
Kontextualitaet und stillschweigender Entstellung
der Referenz als Nietzsches eigene politische
und moralische Optionen! Denkt man an dieser
Stelle daran, wie viele Leser in der Sowjetunion
und im Ostblock im voll zensurierten Verlagswesen
die Möglichkeit hatten, diese Verschiebung
der Referenz adaequat wahrzunehmen!
Aus Georg Lukács' Argumentation in der ZERSTÖRUNG
DER VERNUNFT liessen sich einige Elemente
als sachlich begründet (wenn auch nicht unbedingt
richtig) beschreiben. Es ist beispielsweise
durchaus vertretbar, dass 1848 oder 1871
im historischen Schicksal des Bürgertums
je eine grosse Wende bereiteten, Es ist auch
vertretbar, dass mit dem Ausgang der Hegelschen
Philosophie sich die Rahmenbedingungen für
alles Philosophieren grundsaetzlich geaendert
haben. Es ist ebenfalls vertretbar, dass
in diesen Jahrzehnten die Industrialisierung
und damit verbunden die Arbeiterbewegung
als wichtiger neuer Faktor in Geschichte
und Politik angesehen werden muss. Die eine
Schwaeche besteht jedoch darin, dass die
sachlich haltbaren Elemente der Kritik generelle
ideologische Thesen und nicht Ergebnisse
einer eigenen Forschungsarbeit sind und als
solche kaum etwas mit Nietzsche zu tun haben.
Die andere Schwaeche ist somit gerade mit
Nietzsche verbunden. Denn eben diese Thesen
haetten zu einer tieferen Einsicht über Nietzsche
beitragen können. Lukács aber gebraucht selbst
die sachlich haltbaren Rahmenkonzeptionen
NICHT, um Nietzsche besser zu verstehen,
sondern um ihn besser kriminalisieren und
marginalisieren zu können. Er macht diese
Ansaetze an Nietzsche nicht produktiv. Die
historischen Schicksalswenden 1848 und 1871
haetten tiefgehend dazu beitragen können,
Nietzsches philosophische Position historisch
neu zu bestimmen. Anstatt dessen bedeuten
diese Daten für Nietzsche die wie metaphysische
Verdammung, dass er in eine dekadente Phase
hineingeboren ist (was in den Haenden von
Lukács allein als realkausale Grundlage dienen
wird, konkrete philosophische Positionen
zu beurteilen).
Als sachlich begründete Position kann Lukács'
Meinung über den "literarischen"
Aphorismus Nietzsches gelten, obwohl es unserer
Meinung nach nicht stimmt und Lukács selber
keineswegs daran verhindert, Nietzsche an
einer anderen Stelle als "systematischen"
Denker zu bezeichnen. Als ebenfalls sachlich
mögliche (aber letztlich an Nietzsche nicht
verifizierte) Positionen kommen die Kategorisierung
Nietzsches als Berkeley-Schopenhauer-Anhaengers
(als "Irrationalisten" und "Agnostizisten"
also), seine Auffassung als a-, wenn nicht
eben antihistorischen Denkers, eine mögliche,
wenn auch nicht richtige Einstellung erscheint
in Lukács' Trennung von Nietzsches Atheismus
von den Naturwissenschaften (und ihrer Reflexion)
und geradezu bestürzend ist es aus dem Munde
eines der Ideologie so verhafteten Denkers,
wenn er sagt, Nietzsche teile (fehlerhaft
- E.K.) Feuerbachs Fehler und hielte die
Veraenderung in den religiösen Vorstellungen
der Menschen für das allerentscheidendste
Element in der Geschichte.
Keineswegs sachlich motiviert (obwohl scheinbar
als "sachlich" vorkommende) Argumentationsstrategie
ist Lukács Insistieren auf den generell mythologischen
Charakter von Nietzsches Philosophie. Es
erscheint als ein Sammelbegriff, der viele
verschiedene Momente zusamenfasst. "Mythologisch"
denkt sonach Nietzsche, weil er von den politischen,
noch mehr aber von den wirtschaftlichen Prozessen
seiner Zeit angeblich nichts versteht. Auf
der einen Seite erscheint diese Bezeichnung
als geradezu kriminalisierende Ausgrenzung,
weil die mythologisierende Philosophie Nietzsches
dem "richtigen" Wissen des dialektischen
und des historischen Materialismus über Politik
und Wirtschaft gegenübergestellt wird, was
an sich schon Grund für alle mögliche Retorsionen
ausmacht. Auf der anderen Seite klingt auch
ungewolltes Anerkennen in dieser Bezeichnung
mit, denn gerade diese mythologisierende
Tendenz erklaert, warum Nietzsche doch manche
richtige Tendenzen wahrnahm, OHNE das richtige
Wissen des dialektischen und des historischen
Materialismus gekannt zu haben. Lukács braucht
ferner auch in manch anderen Kontexten keine
eingehendere Analyse, die "Mythologie"
Nietzsches (vermutlich Zeichen eines ungewollten
Respektes vor Ernst Bertram's Interpretation)
erweist sich als die Nacht, in welcher alle
Kühe schwarz sind ("mythologisch"
kommt Lukács die "Geschichte" bei
Nietzsche ebenso vor wie dessen "Agnostizismus"
und "Relativismus").
Ein dem "Mythologisieren" vergleichbares
Instrument des intellektuellen Konzeptionsprozesses
ist die umfassende Etikettierung der indirekten
Apologie Nietzsches. Zur Geschichte dieses
Begriffs gehört wohl Hans Günthers Streitschrift
gegen die Ideologie des Nationalsozialismus
(DER HERREN EIGNER GEIST, Moskau-Leningrad,
1935), in welchem Nietzsches "eigentliche"
Leistung als der "eigentliche Trick"
eben die "kritische Apologetik"
steht. Nun ist der Weg von Hans Günthers
"kritischer Apologetik" des Kapitalismus
zu dessen "indirekter Apologetik"
bei Lukács nicht sehr lang. Die Annahme der
"indirekten Apologetik" - ergaenzt
durch die stets zur Verfügung stehende Möglichkeit
des "Mythologisierens" - setzt
Lukács in die Position, dass er jede beliebige
Aussage Nietzsches (vor allem natürlich die
historischen und politischen, aber weil auch
die erkenntnistheoretischen, aesthetischen
und die anderen Aussagen auch ideologisch
besetzt sind, gilt die These wahrlich für
ALLE Aussagen) wirklich beliebig zu kategorisieren.
Was kann denn über die Welt gesagt werden,
was nicht durch diese zwei Sammelkategorien
haetten NICHT aufgefangen werden können?
Lukács, darin auch den amtierenden Richtern
der Konzeptionsprozesse gleich, nicht nur
entdeckt das WESEN der gegnerischen Aktivitaet,
er kategorisiert gleich auch die Gründe und
die Motive derselben. Als "Folgerung"
dieser vermeintlichen Tatbestaende stellt
Lukács fest, dass Nietzsches Hauptanliegen
es war, die angesichts der Realitaeten sich
zum Sozialismus hinneigenden bürgerlichen
Intellektuellen vom Sozialismus fernzuhalten
und ihnen neue Scheinziele zu liefern. Dadurch
entsteht bei Lukács eine abenteuerliche Soziologie
der Inmtellektuellen um die Jahrhundertwende,
die unter dem Aspekt des stalinistischen
dialektischen und historischen Materialismus
gesehen wird. Dadurch werden nicht nur Nietzsches
"kriminelle Taten", wahre Zielsetzungen,
essentielle Verfahrensweisen, sondern auch
seine "wahren" Motive erklaert.
Der Angeklagte steht nackt vor uns.
Erst nachher kann die wahre philosophische
Essenz einigermassen thematisiert werden,
denn es darf kein Zweifel mehr darüber bestehen,
dass man es schon mit den philosophischen
Positionen eines intellektuell taetigen Kriminellen
zu tun hat, die in einem Ausmass stigmatisiert
sind, dass ihre Affirmation eine praktische
Unmöglichkeit wird. Wer würde beispielsweise
die "agnostizistische" und "relativistische"
Erkenntnistheorie eines "Feindes des
eigenen Systems" mit kritisch unbefangenen
Absichten lesen? Wer würde nicht glauben,
dass die Thematisierung der genealogischen
Aspekte in der Erkenntnistheorie nicht tatsaechlich
als "Biologismus" vorkommen? Wer
wagte es, nicht zu glauben, dass Nietzsches
Griechentum eigentlich ein Ausleben seiner
"barbarischen" Triebe gewesen sei?
Ist nicht die (grundlose) Anknüpfung Nietzsches
an Schopenhauers Irrationalismus ein "harmloses"
Unternehmen im Vergleich der anderen "Anklagen"?
Wird nicht auch ein Bismarck zum Demokraten,
wenn Nietzsche ihn angreift? Ist es nicht
voll "plausibel", dass er wenn
Nietzsche über "grosse Politik"
oder über den "kommenden Krieg"
spricht, nicht schon dabei Hitler und seine
Taten versteht?
An dieser Stelle sollte nach der Originalitaet
der Anklagen gefragt werden. Nun steht es
mit der philosophischen Originalitaet auch
nicht bewonders gut, denn die grosse philosophische
Konzeption, in die Lukács Nietzsche ganz
aufheben will, ist (immer noch) Lenins MATERIALISMUS
UND EMPIRIOKRITIZISMUS, in welchem gerade
die "relativistischen" und "agnostizistischen"
philosophischen Richtungen als die wahren
Gegnerinnen des dialektischen Materialismus
benannt werden. Die aktuellen stalinistischen
zitatologischen Vorschriften werden bei Lukács
durchgehend eingehalten. Wer würde heute
etwa denken, dass selbst die intellektuellensoziologische
Konzeption des Werkes einen versteckten zitatologischen
Zug aufweist, denn für den wegen seiner sozialdemokratischen
Vergangenheit nicht geschützten (und von
Lukács anderswo auch direkt tüchtig getadelten)
Mehring Nietzsche gerade nicht ein Weg VON,
sondern ZUM Sozialismus gewesen ist.
Georg Lukács' intellektuelle Kriminalisierung
bestaetigt auch die sogenannte und zu ihrer
Zeit aus mehreren Gründen berüchtigte "Sozialfaschismus-These",
denn am Beispiel Nietzsches laesst sich exemplarisch
zeigen, wie tief die "kommunistische"
mit der "nationalsozialistischen"
These übereinstimmt. Auf der anderen Seite
wird auch George Orwells Wahrnehmung über
die "neue Sprache" des Stalinismus
ebenfalls bestaetigt. Lukács kategorisiert
seine "Praekonzeption" über den
Charakter von Nietzsches Philosophie als
"sozialer Auftrag" dieser Philosophie.
Ist es nicht Orwell? Als Nietzsche eben "Demokrat"
ist, verliert er nichts von dem Aristokratismus
seiner Jugend. Als Nietzsche Atheist ist,
wird sein Atheismus ein Mythos (und es wird
nahegelegt, sein Atheismus entstammte einer
Kritik des Christentums, der der Humanismus
desselben etwa "zu viel" sei).
Oder ein weiterer Orwellscher Satz aus Lukács'
Feder: Ob Lukács Darwin liebt oder nicht,
sein Darwinismus sei bloss ein Anlass, den
Sozialismus zu bekaempfen.
Es faellt auf, dass die Philosophie des Stalinismus
viel weniger erforscht und interpretiert
worden sind wie die Geschichte der nationalsozialistischen
"Philosophie" und der Psychologie.
Würde es bedeutet haben, dass sie spezifischen
philosophischen Komponenten des Stalinismus
in den Bewegungen und im politischen System
eine geringere Rolle gespielt haetten, wie
es mit den rechten bis auf die nationalsozialistischen
Bewegungen und Staaten der Fall gewesen ist?
Die Philosophie des Stalinismus baut sich
im Laufe einer erstaunlich langen Entwicklung
aus, in der das Marxsche KAPITAL, der historische
Materialismus der Zweiten Internationale,
Lenins vernichtende Attacke gegen Mach und
die russischen Machisten alle ihren Beitrag
lieferten, erwies sich für die historische
Forschung bislang als wenig attraktiv, so
dass wir im Zuge der Rekonstruktion dieser
wohl perfektesten und vielseitigsten philosophischen
Konzeption des Stalinismus auf das gründlich
ausgearbeitete Paradigma des "Stalinismus
als Philosophie" verzichten müssen.
In Lukács' stalinistischem Angriff auf Nietzsche
erschienen die führenden Attitüden dieser
Philosophie nur in vermittelter Weise. Im
Zuge der philosophischen Kriminalisierung
funktionierten die stalinistischen Instrumente
in der Verdrehung, in der falschen Identifizierung,
in der bewussten missverstehenden Absicht,
in der Disziplin, die erwartete zitatologische
Leistung zu erbringen. All diese Funktionen
artikulierten die "Inhalte" dieses
Denkens kaum, sie dürften keine Einsicht
in die Attitüde der "alleinigen Vertreterin"
der Wahrheit der "wissenschaftlichen
Weltanschauung" (wie als ob eine solche
Konstruktion nicht ab ovo ein Widerspruch
in sich waere) bieten, die in jeder konkreten
Fragestellung im Anfang schon bereits im
unbestrittenen Besitz der Wahrheit ist und
ihre Konkurrentinnen mit politischen Kategorisierungen
von kriminalisirendem Ausmass bekaempft.
Dieses Denken des Stalinismus erwies sich
in klarer Form als "welthistorisches"
Optimum des Denkens und liess jedem Einzelnen
(sei er ein professioneller Denker oder nicht)
die Möglichkeit zu, sich mit diesem welthistorischen
Optimum zu identifizieren. Dass man für diese
Identifizierung einen unglaublich hohen Preis
zahlen musste, versteht sich unveraendert
von selber.
L ITERATUR:
Baeumler, Alfred, FRIEDRICH NIETZSCHE - DER
PHILOSOPH UND DER POLITIKER. Leipzig, 1931-
Bertram, Ernst, NIETZSCHE. Versuch einer
Mythologie. Berlin, 1918.
Funke, Monika, IDEOLOGIEKRITIK UND IHRE IDEOLOGIE
BEI NIETZSCHE. Stuttgart - Bad Canstatt,
1974.
Günther, Hans, DER HERREN EIGNER GEIST. Zur
Ideologie des National-Sozialismus. Moskau-Leningrad,
1935.
Gystrow, Ernst, Etwas über Nietzsche und
uns Sozialisten, in. SOZIALISTISCHE MONATSHEFTE,
4. Jg. Oktober 1900. 630-640.
Holz, H.H. - Kofler, L., - Abendroth, W.,
GESPRAECHE MIT GEORG LUKÁCS. Reinbek bei
Hamburg, 1967.
Horkheimer, Max, Zum Rationalismusstreit
in der gegenwaertigen Philosophie. in: ZEITSCHRIFT
FÜR SOZIALFORSCHUNG, Jg. III, 1934. 5-6.
Kiss, Endre, Nietzsche, Heidegger und DER
WILLE ZUR MACHT. in. NIETZSCHE-STUDIEN. Internationales
Jahrbuch für die Nietzsche-Forschung. Band
25, 1996. 349-352.
Kiss, Endre, Heidegger's Nietzsche and the
Third Reich. in: E.K. AGAINST METAPHYSICS.
Studies on Positive Metaphysics and Everyday
Consciousness. Cuxhaven-Dartford, 1996. 37-48.
Kiss, Endre, Über die politische Psychologie
des Stalinismus. in. AKTUELLE PROBLEME DER
POLITISCHEN PHILOSOPHIE, Beitraege des 19.
Internationalen Wittgenstein-Symposiums.
Kirchberg am Wechsel, 1996. 190-097.
Kiss, Endre, Die Neukonstitution der philosophischen
Wissenschaften als Nietzsches Lösung des
Bewusstseinproblems. in: DAS BEWUSSTSEIN
- PHILOSOPHISCHE, PSYCHOLOGISCHE UND PHYSIOLOGISCHE
ASPEKTE. Berlin, 1994. 147-161.
Kiss, Endre, Der Philosophie Friedrich Nietzsche
und seine Aufklaerung. in: JAHRESSCHRIFT
DER FÖRDER- UND FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT FRIEDRICH
NIETZSCHE. Band III. Halle-Saale, 1994. 281-288.
Kiss, Endre, Zur Hermeneutik von Nietzsches
politischer Philosophie. in: GESCHICHTE UND
GEGENWART. Jahrgang 10, Nr. 2., Juni 1991.
83-90.
Kiss, Endre, Les debuts de la reception de
Nietzsche parmi les intellectuels juifs hongrois.
in: DE SILS MARIA A JERUSALEM. Les intellectuels
juifs et Nietzsche. Paris, 1991. 201-210.
Kiss, Endre, "Fortsetzung des Christentums".
Friedrich Nietzsches Perspektiven zur Französischen
Revolution. in. SYNTHESIS PHILOSOPHICA, 1989-2.
473-479.
Kiss, Endre, Geschichte und Weltanschauung.
Literaturtheorie bei Franz Mehring und DIE
NEUE ZEIT. in. ANNALES UNIVERSITATIS SCIENTARIUM
DE ROLANDO EÖTVÖS NOMINATAE. Sectio Philosophica
et Sociologica. Tomus XVII. Budapest, 1983.
231-249.
Kiss, Endre, Nietzsche, Baeumler oder die
Möglichkeit einer positiven politischen Matphysik.
in. ANNALES UNIVERSITATIS SCIENTARIUM DE
ROLANDO EÖTVÖS NOMINATAE. Sectio Philosophica
et Sociologica. Tomus XVI. Budapest, 1982.
157-175.
Krummel, Richard Frank, NIETZSCHE UND DER
DEUTSCHE GEIST. Ausbreitung und Wirkung des
Nietzscheschen Werkes im deutschen Sprachraum
bis zum Todesjahr des Philosophen. Ein Schrifttumverzeichnis
der Jahre 1867-1900. Berlin - New York, 1974.
Löhmann, Reinhard, DER STALINMYTHOS. Studien
zur Sozialgeschichte des Personenkultes in
der Sowjetunion (1929-1935). Münster, 1990.
Löwith, Karl, NIETZSCHES PHILOSOPHIE DER
EWIGEN WIEDERKEHR DES GLEICHEN. Stuttgart,
1934.
Lukács, Georg, DIE ZERSTÖRUNG DER VERNUNFT.
Neuwied, 1962. (ungarische Ausgabe: Budapest,
1954).
Lunatscharski, Anatoli, PROFILE DER REVOLUTION.
Frankfurt am Main, 1968.
Mehring, Franz, Aesthetische Streifzüge,
IX. in: DIE NEUE ZEIT, 17. Jg. Band 1. 1899.
569-576.
Mehring, Franz, Friedrich Nietzsche gegen
den Sozialismus. in: DIE NEUE ZEIT, 15. Jg.
Band 1, 1897. 545-549.
Montinari, Mazzino, NIETZSCHE LESEN. Berlin
- New York, 1982.
Taylor, Seth, LEFT WING NIETZSCHEANISM. Berlin
- New York, 1987.
Tönnies, Ferdinand, DER NIETZSCHE-KULTUS.
Eine Kritik. Leipzig, 1987.
Wetter, Gustav A., PHILOSOPHIE UND NATURWISSENSCHAFT
IN DER SOWJETUNION. Reinbek bei Hamburg,
1958.
Wetter, Gustav A., SOWJETIDEOLOGIE HEUTE.
Frankfurt am Main, 1962.
|