KUNST UND ÄSTHETIK: VOM STANDPUNKT DES RICHTIGEN BEWUSSTSEINS

(Zur Begründung des Ästhetischen bei Friedrich Nietzsche)
Endre Kiss, Budapest

"Das Zeitalter, in welches du dich mit Leidwesen geworfen fühlst, preist dich selig dieses Glückes wegen; es ruft dir zu, dass dir jetzt noch an Erfahrungen zu Theil werde, was Menschen späterer Zeit vielleicht entbehren müssen. Missachte es nicht, noch religiös gewesen zu sein; ergründe es völlig, wie du noch einen ächten Zugang zur Kunst gehabt hast. Kannst du nicht gerade mit Hülfe dieser Erfahrungen ungeheuren Wegstrecken der früheren Menschheit verständnisvoller nachgehen?


Sind sie nicht gerade auf dem Boden, welcher dir mitunter so missfällt, auf dem Boden des unreinen Denkens, viele der herrlichsten Früchte älterer Cultur aufgewachsen? Man muss Religion und Kunst wie Mutter und Amme geliebt haben, - sonst kann man nicht weise werden. Aber man muss über sie hinaus sehen, ihnen entwachsen können; bleibt man in ihrem Banne, so versteht man sie nicht" (Kursivierungen, mit Ausnahme der dritten, von E.K.). Diese Konzeption (§ 292 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES), mit den zu ihr wesenhaft gehörenden und aus ihr notwendig ableitbaren Interpretationen und Ergänzungen, gibt Einblick in die wahren Dimensionen der neuen Nietzscheschen Auffassung über die Kunst und die Kultur. Es ist der Ort, wo auch die Umrisse einer systematischen Ästhetik (vielleicht aber eher die einer systematischen "Kunstwissenschaft") bei Friedrich Nietzsche aufgefunden werden sollten.

Diese Auffassung ist ohne Zweifel aus der Essenz einer ganzen neuen philosophischen Konzeption konstituiert worden, die man generell als die zweite Schaffensperiode Nietzsches bezeichnen und deren textuelle Basis man vor allem in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES (selbstverständlich aber überhaupt nicht ausschließlich in diesem Werk) auffinden kann.

Über die generellen philosophischen Konditionen der von der Konzipierung dieser Position an bei Nietzsche entstandenen neuen Kunst sowie über deren ästhetischen, kunst- und kulturtheoretischen Konsequenzen haben wir bereits in anderen Arbeiten unsere Einstellung äußern können. Im folgenden werden wir nicht die kritische, sondern die positive Seite dieser neuen Kunstauffassung ausarbeiten. Es geht uns also hierbei nicht so sehr darum, wie Kultur, Kunst, schöpferische Produktion und ästhetische Rezeption im üblichen Sinne von Nietzsche im Lichte der neuen philosophischen Konzeption kritisch entlarvt werden. Im Mittelpunkt steht jetzt, was für eine Kunst existierte, existiert oder existieren kann, die den neuen intellektuellen und gesamtmenschlichen Forderungen Genüge leistet und auf welche Weisen Nietzsche selber diese Phänomene der Kultur und Kunst reflektiert.

In der Person Nietzsches erscheint ein höchst singulärer Fall in der universalen Geschichte des Denkens. Durch seinen Auftritt erfolgte es das bislang einzige Mal in der Geschichte der Kultur, daß ein Intellektueller des klassischen Altertums und der philosophischen Musikkultur, ein tiefer Kenner und Repräsentant der geistigen Gehalte der klassischen deutschen Philosophie und der deutschen Innerlichkeit eine wahrhaft revolutionäre Wendung in der Wissenschaft nicht nur wahrnimmt und versteht, sondern selber auch die Theorie dazu konzipiert. Wir haben keinen anderen Denker, der als Dichter, Philologe, Musiker, Kritiker und Theoretiker auf dem ganzen Gebiet der klassischen Literatur, Philosophie und Musik selber eine bahnbrechende kritische Wissenschaftstheorie entworfen hätte, deren Spitze, in Form einer Kritik der Metaphysik, sich gerade gegen das philosophische und kulturelle Gesamtgut der klassisch-idealistisch-ästhetischen Tradition richtete.

Es ist eine wahrhaft neue, in dieser Form vielleicht bis heute nicht wiederholte Perspektive, die auf die Kultur gerichtet ist. Diese Perspektive vereint Elemente des absoluten Außens mit einem absoluten Innen. "Absolut" innerlich ist etwa Nietzsches legendäre Verwachsenheit mit der größten Kulturtradition Deutschlands, die in ihm gleichsam inkarniert wird und die er in seiner Jugend in ihrer Gesamtheit von Grund auf erneuern will. "Absolut" äußerlich ist in diesem Zusammenhang beispielsweise die unvergleichliche Novität seines kritizistisch-positivistischen Perspektivismus, der nicht ohne Recht auch "kopernikanisch" genannt werden kann.

Diese neue Sicht zeitigt einige generelle Einsichten in die Daseinsbedingungen der Kultur überhaupt, in denen seine einmalige Perspektive schon unvergleichlich produktiv zur Geltung kommen kann. Unsere heutige Beurteilung leidet daran, daß uns viele dieser generellen Einsichten vor allem durch die genuin aus Nietzsche ausgehende kulturkritische oder kulturphilosophische Literatur schon bekannt vorkommen kann. Dies dürfte
jedoch an der grundsätzlichen Originalität dieser Einsichten überhaupt nichts ändern.

Eine der allerallgemeinsten Positionsbestimmungen (§ 244 in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES) thematisiert das Schicksal der Kultur im Kontext des Schicksals ihrer eigentlichenTrägerschicht; wir werden hier also mit dem ursprünglichen (und deshalb authentischen) Problem der Dekadenz konfrontiert: "Die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Cultur, ist so gross geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist, ja dass die cultivirten Classen der europäischen Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren Familien in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerückt ist. Nun kommt man zwar der Gesundheit jetzt auf alle Weise entgegen; aber in der Hauptsache bleibt eine Verminderung jener Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden Cultur-Last vonnöthen, welche, wenn sie selbst mit schweren Einbussen erkauft werden sollte, uns doch zu der grossen Hoffnung einer neuen Renaissance Spielraum giebt. Man hat dem Christenthum, den Philosophen, Dichtern, Musikern eine Ueberfülle tief erregter Empfindungen zu danken; damit diese uns nicht überwuchern, müssen wir den Geist der Wissenschaft beschwören, welcher im Ganzen etwas kälter und skeptischer macht und namentlich den Gluthstrom des Glaubens an letzte endgültige Wahrheiten abkühlt; er ist vornehmlich durch das Christentum so wild geworden". Die beiden Schlüsselworte "Renaissance" und "Wissenschaft" werden im späteren noch viel deutlicher vorkommen. Der einmalige Wert (und die heute schon nur für Historiker wahrnehmbare Originalität) dieses Textes besteht darin, daß hier wesentliche Grundinhalte, aber auch wesentliche Gründe und Motive einer Kultur und Kunst Gestalt annehmen, die wir antizipierend als eine beschrieben, die jenseits überholter Wertvorstellungen und Attitüden, im Besitz einer vollzogenen epistemologischen Wendung entstehen kann, aber auch entstehen wird.

Eine weiterführende, ebenfalls generelle Perspektive der Kunst- und Kulturauffassung Nietzsches entsteht aus einer verdoppelten intellektuellen Operation, die so selten in Nietzsches gedanklicher Werkstatt ja auch nicht ist (vor allem § 245 in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES). Einerseits funktioniert die aktuelle und gegenwartsbezogene Einsicht, wonach der Mensch durch sein sich akkumulierendes Wissen einen Einblick in die wahren Motive der Kulturentwicklung gewann. Daraus folgt, daß es dem Willen, der Dezision (wenn man will: der Will-kür) der bewußt kulturell Handelnden und der bewußt historisch Denkenden überlassen wird, die wahre Geschichte der Kultur ohne die alten Illusionen wahrzunehmen, die wahren Motivationen der künstlerischen Produktion zu entdecken und von diesem Punkt an schon auch die weitere Produktivität der Kultur auf neue, nicht mehr metaphysische Grundlage zu stellen: "Die Cultur ist entstanden wie eine Glocke, innerhalb eines Mantels von gröberem, gemeinerem Stoffe: Unwahrheit, Gewaltsamkeit, unbegränzte Ausdehnung aller einzelnen Ich's, aller einzelnen Völker, waren dieser Mantel. Ist es an der Zeit, ihn jetzt abzunehmen? Ist das Flüssige erstarrt, sind die guten, natürlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es keiner Anlehnung an Metaphysik und die Irrthümer der Religionen mehr bedarf, keiner Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk? - Zur Beantwortung dieser Frage ist kein Wink eines Gottes uns mehr hülfreich: unsere eigene Einsicht [!] muss da entscheiden. Die Erdregierung des Menschen im Grossen hat der Mensch selber in die Hand zu nehmen, seine 'Allwissenheit' muss über dem weiteren Schicksal der Cultur mit scharfem Auge wachen." Wir irren uns kaum, wenn wir in diesem Aphorismus diejenige Problematik erblicken, die die Kultur und die Kunst für Nietzsche im Kontext seiner Philosophie ganzheitlich darstellte. Die Menschheit entwickelte demnach eine bewunderungswürdige Kunst und Kultur, mit der sie ihre wesenhafte Identität gleichsetzte. In einer gewissen Etappe entdeckte die Menschheit die wahre Genealogie dieser Kunst und Kultur. Die Aufgabe der Umwertung ist in ihre Hand gelegt, wobei diese Aufgabe eine sensible und zweifache ist: Einmal muß die Wahrheit über die wahre Genese von Kunst und Kultur ausgesprochen werden, andererseits muß aber die Produktivität von Kunst und Kultur unter neuen Vorzeichen und aufgrund legitimer Werte und Attitüden weiter gesichert werden.

Es ist im übrigen auch der latent-systematische Ort, auf welchem der neue Begriff der "legitimen" Kunst und Kultur mit Notwendigkeit entsteht. Dieser neue Begriff der philosophisch "legitimen" Kunst und Kultur ist selber Signal einer großen geschichtsphilosophischen Umwälzung, während er gleichzeitig auch ein Motor dieser Umwälzung sein sollte. Ein wichtiger Text hierzu findet sich im § 248 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES: "Unsere Zeit macht den Eindruck eines Interim-Zustandes; die alten Weltbetrachtungen, die alten Culturen sind noch theilweise vorhanden, die neuen noch nicht sicher und gewohnheitsmässig und daher ohne Geschlossenheit und Consequenz. Es sieht aus, als ob Alles chaotisch würde, das Alte verloren gienge, das Neue nichts tauge und immer schwächlicher werde [...] Ueberdiess können wir in's Alte nicht zurück, wir haben die Schiffe verbrannt; es bleibt nur übrig, tapfer zu sein, mag nun dabei diess oder jenes herauskommen [...] Vielleicht sieht sich unser Gebahren doch einmal wie Fortschritt an [...]"

Über die Inhalte der im neuen Sinne des Wortes geschichtsphilosophisch "legitimen" Kunst und Kultur gibt der § 237 in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES die wesentlichsten konkreten Orientierungen: "Die italiänische Renaissance barg in sich alle die positiven Gewalten, welchen man die moderne Cultur verdankt: also Befreiung des Gedankens, Missachtung der Autoritäten, Sieg der Bildung über den Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit der Menschen, Entfesselung des Individuums, eine Gluth der Wahrhaftigkeit und Abneigung gegen Schein und blossen Effect (welche Gluth in einer ganzen Fülle künstlerischer Charaktere hervorloderte, die Vollkommenheit in ihren Werken und Nichts als Vollkommenheit mit höchster sittlicher Reinheit von sich forderten); ja, die Renaissance hatte positive Kräfte, welche in unserer bisherigen modernen Cultur noch nicht wieder so mächtig geworden sind. Es war das goldene Zeitalter dieses Jahrtausends, trotz aller Flecken und Laster. Dagegen hebt sich nun die deutsche Reformation ab als ein energischer Protest zurückgebliebener Geister, welche die Weltanschauung des Mittelalters noch keineswegs satt hatten und die Zeichen seiner Auflösung, die ausserordentliche Verflachung und Veräusserlichung des religiösen Lebens, anstatt mit Frohlocken, wie sich gebührt, mit tiefem Unmuthe empfanden. Sie warfen mit ihrer nordischen Kraft und Halsstarrigkeit die Menschen wieder zurück, erzwangen die Gegenreformation, das heisst ein katholisches Christentum der Nothwehr, mit den Gewaltsamkeiten eines Belagerungszustandes und verzögerten um zwei bis drei Jahrhunderte ebenso das völlige Erwachen und Herrschen der Wissenschaften, als sie das völlige In-Eins-Verwachsen des antiken und des modernen Geistes vielleicht für immer unmöglich machten. Die grosse Aufgabe der Renaissance konnte nicht zu Ende gebracht werden, der Protest des inzwischen zurückgebliebenen deutschen Wesens (welches im Mittelalter Vernunft genug gehabt hatte, um immer und immer wieder zu seinem Heile über die Alpen zu steigen) verhinderte diess. Es lag in dem Zufall einer ausserordentlichen Constellation der Politik, dass damals Luther erhalten blieb und jener Protest Kraft gewann: denn der Kaiser schützte ihn, um seine Neuerung gegen den Papst als Werkzeug des Druckes zu verwenden, und ebenfalls begünstigte ihn im Stillen der Papst, um die protestantischen Reichsfürsten als Gegengewicht gegen den Kaiser zu benutzen. Ohne diess seltsame Zusammenspiel der Absichten wäre Luther verbrannt worden wie Huss - und die Morgenröthe der Aufklärung vielleicht etwas früher und mit schönerem Glanze als wir jetzt ahnen können, aufgegangen". (Zweite, kurze Sperrung im Original - E.K.)

Die Auffassung der italienischen Renaissance als Optimum der europäischen Kultur (die ja damals ganzheitlich mit der Weltkultur identisch war) scheint zunächst alles andere als allzu originelle Position zu sein. Es ist nur schon verwunderlich, mit welcher intensiven Wesensschau Nietzsche aus diesem weit verbreiteten Gemeinplatz der europäischen Kulturgeschichte und Kulturphilosophie die radikal "neue" Sicht der Renaissance herausarbeitet. Schon thematisch ergibt sich als erster Apekt die Notwendigkeit, Nietzsches hier artikulierte Interpretation mit derjenigen Jacob Burckhardts zu konfrontieren. Diese Konfrontation ist aber immer noch eine äußerst kritische Aufgabe, und zwar nicht aus dem Grunde, daß uns heute über diese Relation keine stattliche Literatur zur Verfügung stünde. Die wesentlichste Schwierigkeit in dieser Gegenüberstellung besteht darin, daß Burckhardts sehr markante, sehr bewußte und zugleich sehr singuläre Einstellung bis jetzt noch nicht in jenem ideengeschichlichen Raum rekonstruiert worden ist, in welchem man Nietzsches entsprechende Konzeptionen erschließen kann, mit anderen Worten, es kam bis jetzt noch nicht zur Ausarbeitung eines gemeinsamen begrifflichen Rahmens zwischen diesen beiden Denkern, die beide auf jedem Gebiet ihrer Artikulationen schon als sehr singulär betrachtet werden dürften. Die diesbezügliche Singularität Jacob Burkhardts besteht in einer Form von demokratisch motiviertem Konservativismus, der in dieser Gestalt in anderen Teilen Europas sich nicht nur nicht entwickelte, sondern auch kaum denkbar gewesen ist. Daß nämlich ein vormoderner Konservativismus in der Position eines demokratischen Aristokratismus oder einer aristokratischen Demokratievorstellung die neueren Formen der Demokratie opponiert, galt sicherlich als singuläre Position, wenn auch nicht so ganz singulär wie es uns heute aufgrund der Modifikationen des historischen Bewußtseins vorkommen muß. Jacob Burkhardts berühmt-berüchtigte Auffassung über die italienische Renaissance basiert auf diesem Standpunkt seines Denkens.

Die Trivialität hört sogleich auf, Trivialität zu sein, wenn die Einstellung zur Renaissance nicht nur nach Jacob Burckhardts Intepretation, sondern auch in einer offenen Auseinandersetzung mit ihr entsteht. Es fällt Nietzsche sichtlich umso leichter, als er für die Auseinandersetzung nicht aktuelle Argumente, sondern die tiefsten Einsichten seiner Geschichtsphilosophie mobilisieren kann. Denn er hat, wie kaum ein anderer, die grundsätzlichen Aspekte erfaßt, die die Renaissance zum Optimum der bisherigen Kunst- und Kulturentwicklung machen. Nietzsche nennt dabei Motive, die in unveränderter Form auch zu Maßstäben jeder (und jeder modernen) Kultur hätten gemacht werden können. Denn die "Befreiung des Gedankens", die "Missachtung der Autoritäten", der "Sieg der Bildung über den Dünkel der Abkünfte" und die "Begeisterung für die Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit der Menschen" u. ä. sind Motive, die in ihrem Charakter als Optimum mit Nietzsches Kulturauffassung restlos identifiziert werden können. Auf diese Weise entfallen alle Distanzen zwischen der Renaissance und dem innersten Kern von Nietzsches Kulturphilosophie. Die unbegrenzte Identität nimmt in der folgenden Formulierung Gestalt an: "[...] die Renaissance [...] das goldene Zeitalter dieses Jahrtausends - trotz aller Flecken und Laster [...]" - wobei die letzte Bemerkung zweifellos auch von der Wahrnehmung der Perspektive Burkhardts zeugt.

Die einmalige Bedeutung dieses Textes erschöpft sich jedoch keineswegs nur darin, daß Nietzsche mit Authentizität und Eindeutigkeit die tiefsten Einsichten seiner philosophischen Überzeugung mit dem historischen Real-Phänomen der Renaissance trotz Jacob Burckhardt identifiziert. Diese Positionierung führt auch zu einer direkten und geradlinigen Kritik der vornehmlich als deutsches Phänomen verstandenen Reformation. Und da dem so ist, sind die ausstrahlenden Wirkungen und Konsequenzen dieser Kritik in jeder Hinsicht relevant, kommt Nietzsche philosophisch zu einer Kritik der eigenen Nation, der eigenen Geschichte und dadurch der eigenen Kultur. Kein Zweifel, diese ohne jede Vermittlung vollzogene Konfrontation der Renaissance mit der Reformation hat eine Reihe von rein geschichtsphilosophischen Konnotationen. Für uns ist trotz alledem diese Kritik an der Reformation (vor dem Horizont der Renaissance) vor allem in jenem Zusammenhang von Wichtigkeit, daß durch sie die intellektuellen und die methodischen Voraussetzungen einer Reflexion der deutschen Geschichte und der deutschen Kulturentwicklung geschaffen sind; wegen der heute nicht mehr ganz selbstverständlichen nationalen Existenzweise der Kultur ist diese Kritik sogar von größter Wichtigkeit. Mit anderen Worten: Nietzsche gewinnt eine Art geschichtsphilosophischen Hintergrund zur Analyse der deutschen Kultur, der in seinem gewaltig-bogenartigen Charakter geradezu Herdersche oder Hegelsche Dimensionen annimmt. Mit anderen Worten, es ergeben sich hier auch Möglichkeiten, die Nähe von Nietzsches welthistorisch-emanzipativem Ansatz zu den Klassikern des deutschen Idealismus unmittelbar zu studieren.

Im Gegensatz zum Hauptstrom des klassischen deutschen Idealismus und - nur scheinbar paradox - in dieser Hinsicht an Burckhardt erinnernd, - lehnt aber der universalhistorische Denker Friedrich Nietzsche jeden Diskurs ab, der in diesem historischen Vorgang autopoietischen Prozessen und Erwartungen Raum geben würde. Die Zukunft , dieses so liebe und so häufig gebrauchte Wort Nietzsches, entsteht nicht motiviert und gestaltet von "selbstorganisierenden" Prozessen; für ihre Gestaltung müssen jederzeit reale menschliche Kräfte stets mit realem Einsatz kämpfen. In Nietzsches "Geschichte der Menschheit" geschieht nichts von allein, entsteht kein Wert oder keine Emanzipation auf irgend einem "Flussband der Progression".

Mit der Herausstellung der (deutschen) Reformation als eines "energischen Protestes zurückgebliebener Geister" gelingt es also Nietzsche, eine geschichtsphilosophische Wendung (eigentlich wäre der andere Ausdruck, "universalhistorische" Wendung, angebrachter) zu konkretisieren, die gleichzeitig und in einem und demselben Zuge auch den optimalen Hintergrund der Kulturauffassung jeglicher Disziplinierung abgeben kann. Es ergibt sich, daß wir als die Konsequenz dieser Kritik der Reformation das allerzentralste und allertiefste Motiv von Nietzsches Philosophie hervorheben, und zwar die durchgehende theoretische und normative Überzeugung, daß falsches (nicht-richtiges, nicht-mehr-richtiges, halb-richtiges etc.) Bewußtsein in jedem möglichen Zusammenhang und in jedem möglichen Subsystem nur Falsches anrichten kann; mit einer ans Pathologische grenzenden Konsequenz zerstört so ein Bewußtsein menschliche Erkenntnis und menschliche Produktivität. Man kann darüber auch eine andere Meinung haben (der Verfasser dieser Zeilen teilt allerdings diese radikale Stellungnahme Nietzsches voll und ganz), Nietzsches philosophische Grundattitüde läßt sich deskriptiv jedoch ohne das Nachvollziehen dieser allertiefsten Überzeugung überhaupt nicht adäquat verstehen. Dies heißt im Konkreten also: Die Reformation erwies sich als ein Rückschritt oder, wie Nietzsche selber schrieb, als ein Protest gegen das adäquate und das richtige Bewußtsein (in der Gestalt der Renaissance) und wird aus diesem Grunde zu einem falschen Bewußtsein, auf welches die oben erwähnten Kriterien wie notwendig bezogen werden müssen. Diese kritische Auffassung der Reformation erhält auch einen nennenswerten deformatorisch-dekonstruktiven Schwung dadurch, daß die Reformation in dieser qualitativ neuen Konfrontation wie erstmals nicht mehr im Kontext der Gegenüberstellung zum Katholizismus erscheint. Es versteht sich von selber, daß diese Veränderung des Horizontes auf eine sich leicht entfaltende Weise zu einer großen Anzahl neuer Einsichten und neuer Inhalte führt. Konkretisiert werden diese Inhalte unter den vielen in Frage kommenden Möglichkeiten auch darin, daß Erziehungs-, Sozialisations- und Identitätsprobleme des (und im) Protestantismus endlich, im Besitz einer anderen, neuen Konfrontationsmöglichkeit, artikuliert und diagnostisiert werden könnten. Bis dahin nämlich erfüllte die Konfrontation mit dem Katholizismus den geistigen Raum der möglichen Vergleiche, was für die Artikulation gerade dieser Probleme einseitig vorteilhaft für Reformation und Protestantismus war.

Diese bewußte Verhinderung ("energischer Protest") einer auf das richtige oder das nicht-falsche Bewußtsein aufgebaute Kultur ist also auch unter immer anders werdenden Aspekten das Kernproblem von Nietzsches theoretischer Sicht auf die Kultur überhaupt. Wir haben gesehen, wie diese unerwartete Wendung es mit sich brachte, daß umfassende Trends der europäischen Kulturentwicklung mit jenen der spezifisch deutschen Entwicklung unforciert als eine Einheit erscheinen konnten und tatsächlich auch erschienen. Aber nicht nur die spezifisch deutsche Problematik tat sich in unerwarteter Schärfe und Tiefe in Nietzsches gedanklichem Verfahren auf, auch ein weiterer Zug von Nietzsches philosophischer Anschauung konnte auf den Plan treten, und zwar der, den man ganz allgemein als Ressentimentphänomen bezeichnen könnte. Wie schon in der philosophischen und anthropologischen Grundanschauung Nietzsches erwies sich die Sensibilität für das neu thematisierte Ressentimentphänomen auch in der Analyse der Kultur als ganz besonders produktiv. Uns genügt an dieser Stelle nur, auf die neuen und theoretisch noch ganz unerprobten heuristischen Möglichkeiten jeglicher Ressentimentphänomene in der Analyse der Kultur im allgemeinen hinzuweisen, wobei plötzlich die oft ebenfalls nur sehr allgemein gebrauchte Formel der kulturellen oder sonstiger "Zurückgebliebenheit" mit neuen konkreten Dimensionen versehen wird.

In eine wieder sehr relevante und vielsagende Relation kommt Nietzsche durch seine Reformationskritik zur Philosophie des klassischen Idealismus. Besonders relevant erscheint uns die Verbindung der Reformationsproblematik mit derjenigen der Aufklärung im deutschen Kontext, die ja bei Hegel letztlich zur wesentlichen Identifizierung der beiden umfassenden Prozesse geführt hat und die in der These "Reformation ist Revolution" ihren Niederschlag fand. Es steht auf einem anderen Blatt, daß diese Position Hegel nicht daran gehindert hat, für die "grosse" Aufklärung nunmehr ohne Bezugnahme auf die Reformation wieder enthusiastische Worte der leidenschaftlichen Anerkennung zu finden.

Gemeinsam ist also Hegel und Nietzsche eine gewisse Basis für die Gesamtsicht der Reformation und der Aufklärung im deutschen Kontext, während die letzte Ausrichtung dieser Gemeinsamkeit bei beiden wieder völlig verschieden ist.

Während der gemeinsam zu nennende Ausgangspunkt bei Hegel (über dessen "geheimen" oder "strategisch" verheimlichten Absichten wir in diesem Vergleich freilich keine Hypothesen aufstellen können) in der Richtung einer fast vollkommenen Versöhnung führt (d.h. wie es an manchen Stellen bei Hegel auch explizit gemacht wird), wonach Reformation im wesentlichen mit der Aufklärung in dieser Region identisch ist, artikuliert Nietzsche die dieser restlos gegenüberstehende Position, wonach die Reformation durch ihren historischen Sieg die essentielle Aufklärung verhindert hatte. Die beiden gewaltigen Strömungen bedeuten für Nietzsche nicht nur nicht eine mögliche Versöhnung, sie stehen für einen endgültigen Bruch der Geistesgeschichte. In dieser (und selbstverständlich nur in dieser Perspektive) erscheint die Reformation nicht mehr als "halber" Erfolg oder als "halbe" Wahrheit, sondern als wohl die eher entwicklungsunfähige Variation der menschheitlichen Entwicklung. Sie bleibt gegenüber einer eindeutigen Form des richtigen Bewußtsein "christlich", sie bleibt es aber mit dem guten Bewußtsein des Fortschritts und des ausgefochtenen Kampfes um Emanzipation. Sie verfügt also über einem Begriff und Bewußtsein der Emanzipation, ohne die dazu gehörige eigentliche Legitimation zu erbringen. Sie hält sich als endgültige Gestalt des emanzipierten Bewußtseins, ohne die wirkliche Forderung Nietzsches an das wirklich richtige Bewußtsein zu erfüllen; denn diese im angeführten Text namentlich gemachte Forderung besteht in der Fähigkeit, die "antike und die moderne Kultur" in eins "verwachsen zu lassen". Daß die Reformation diese beiden Kulturen nicht restlos miteinander amalgamieren kann (und will), liegt auf der Hand. Sie führt aber auch nicht zu einer kritischen Wissenschaft, die mit jedem ihrer Schritte Metaphysik abbaut und kritische Haltung induziert. Nietzsches Ideen über die die ganze Menschheit betreffenden, vielseitigen Konsequenzen dieser Entwicklung werden nur aus dem ganzen Werk ausgeglichen und restlos ersichtlich, an ihre Gesamtheit sei an dieser Stelle für einmal nur erinnert.

Nietzsches Grundvorstellung, wenn man will, Grundideal von der Kultur wird hier in der allerexplizitesten Form ausgesagt. Es versteht sich jedoch ebenso von selber, daß diese allerexpliziteste Form hermeneutisch richtig verstanden werden muß. Denn diese Vorstellung wird auf dem allerhöchsten Niveau von wissenssoziologischer und ideologiekritischer Verallgemeinerung vermittelt. Wir dürfen den methodischen und höchst unphilosophischen Fehler so vieler Nietzsche-Exegeten (zu denen auch Alfred Baeumler und Georg Lukács gehört hatten), die einzelnen Aussagen vom Piedestal ihres wissenssoziologischen und ideologiekritischen Abstraktionsgrades herunterzunehmen und sie auf die unteren Ebenen der Abstraktion in die philosophische Polemik zu schicken, nicht wiederholen.

Dieses große Ideal, die "Vereinigung der antiken und der modernen Kultur auf der Basis der Wissenschaft" klingt in dieser Formulierung heute gewiß wie eine Phrase, die man vielleicht sogar schön finden kann. Denkt man zu dieser Aussage aber all die wesentlichen Inhalte von Nietzsches Philosophie und Persönlichkeit hinzu, so wird die Folgerung unabweislich, daß er dieses Ideal nicht nur authentisch vertritt , sondern es auch mit komplexen positiven Inhalten füllt.

In diesem Rahmen müssen auch noch jene analytisch-philosophischen Perspektiven genannt werden, die Nietzsche als eine Praxis der Kunst- und Kulturrezeption beschreibt. Näher besehen gelten diese Perspektiven als diejenigen einer dynamischen Sozialontologie, die dann, im Falle ihrer vollzogenen Formulierung, nicht mehr nur als Produkte der reinen und interesselosen Erkenntnis, sondern auch als weitere und bislang noch nicht erschlossene neue Faktoren oder Akteure dieselbe Realität bereichern, die zu beschreiben die ganze Analyse sich angeschickt hatte. So beschreibt der § 253 von Menschliches-Allzumenschliches die Attitüde, wie die Einstellung der Treue die Wahrnehmung und die Beurteilung einzelner Philosophien (oder - MUTATIS MUTANDIS - anderer intellektueller Produkte) beeinflußt. Der § 254 desselben Werkes beschreibt die dynamische Veränderung der intellektuellen Wahrnehmung durch die (ebenfalls als Prozeß gedachte) "höhere Bildung" ("Im Verlaufe der höheren Bildung wird dem Menschen Alles interessant [...]"), während der § 255 schon wie eine reife und abgeschlossene wissenssoziologische These den Prozeß der Kultivierung analysiert: "Diese Gattung des Aberglaubens [d. h. die der "Gleichzeitigkeit" - E.K.] findet sich in verfeinerter Form bei Historikern und Culturmalern wieder, welche vor allem sinnlosen Nebeneinander, an dem doch das Leben der Einzelnen und der Völker so reich ist, eine Art Wasserscheu zu haben pflegen."

Eine besondere Aufmerksamkeit verdient der § 261 ebenfalls aus dem Werk MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES. Hier geht es um die Machtstruktur des intellektuellen Lebens, ein Thema, das so selten thematisiert wird, daß man darüber als über ein selbständiges Problem lange nachdenken sollte. Nietzsches Schlußdiagnose scheint auch im Lichte der späteren Entwicklung bestätigt zu sein, auch wenn das im Mittelpunkt stehende Schlüsselphänomen der Machtstruktur in der späteren Entwicklung vielfach pervertiert worden ist: "Die Periode der Tyrannen des Geistes ist vorbei. In den Sphären der höheren Cultur wird es freilich immer eine Herrschaft geben müssen, - aber diese Herrschaft liegt von jetzt ab in den Händen der Oligarchen des Geistes [...] Die Oligarchen sind einander nöthig, sie haben an einander ihre beste Freude, sie verstehen ihre Abzeichen, - aber trotzdem ist ein Jeder von ihnen frei, er kämpft und siegt an seiner Stelle und geht lieber unter, als sich zu unterwerfen."

In diesen Aspekten wird es letztlich Schritt für Schritt gleichgültig, daß ihre ursprüngliche Referenz die Kunst oder die Kultur war, denn sie als Perspektiven der Realität, von der Analyse Nietzsches entdeckt und in thesenhafte Formen gebracht, werden von der Philosophie in die Realität zurückgeschickt und machen diese Realität, sowohl in ihrer gegenständlichen Realität wie auch in der Welt ihrer Referenz, nur reicher. Diese spezifische Relation gibt ein selten gutes Beispiel auch dafür ab, wie die einzelnen Subsysteme in Friedrich Nietzsches Perspektivismus in der Regel erscheinen. Dieser Perspektivismus erschließt die thematischen Bereiche der einzelnen Teilsysteme (wie Ethik, Ästhetik, Kunst, Kultur etc.) und vermehrt das Wissen über sie; seine wahre Zielrichtung ist aber nicht der theoretische Ausbau oder die philosophische Rekonstruktion eines gegebenen Subsystems, sondern das Zurückführen der positiv gewonnenen Perspektiven und analytisch erbrachten Erkenntnisse in eine neue Gesamtdeutung der Wirklichkeit. Nietzsches neue Perspektiven würden wie vorschreiben , daß aufgrund derselben neuen Gesamtdarstellungen von den einzelnen Subsystemen entstehen. Aus diesem Grunde ist Nietzsches Philosophie, von den Subsystemen aus gesehen, gleichzeitig real und imaginär. Wie bereits oben gesagt, führen die einzelnen neuen Perspektiven bei Nietzsche nicht in die Richtung einer Rekonstitution der Subsysteme, sondern in die des Ausbaus einer neuen Gesamtdarstellung des Wirklichen. Es ist aber wieder eine neue Frage, ob Subsysteme im wahren philosophischen Sinne in der neuen Gesamtdarstellung überhaupt einen systematischen Ort haben oder nicht.

Selbst die Idee der philosophischen Gesamtdarstellung des Realen kann aber die legitime Frage nach der im Kontext dieser Gesamtdarstellung legitimen Kunst, nach einer Kunst, die in keiner Hinsicht mehr auf überholten Momenten eines falschen Bewußtseins beruht, nicht vergessen machen. Uns scheint, daß sich dieser neue Bereich, der Bereich jenseits der überholten Voraussetzungen und Attitüden, bei Nietzsche zumindest in zwei wesentlichen Punkten klar abzeichnet.

Die eine Dimension des neuen Raumes für legitime Kunst und Kultur ist die Neuformulierung der Kunst und Kultur als einer aus Freiheit geschaffenen Notwendigkeit oder als einer aus Notwendigkeit entstehenden Freiheit. Eine der schönsten Formulierungen in dieser Richtung findet man im bereits anfangs zitierten Paragraph 292 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES: "[...] indem du mit aller Kraft vorauserspähen willst, wie der Knoten der Zukunft noch geknüpft wird, bekommt dein eigenes Leben den Werth eines Werkzeuges und Mittels zur Erkenntniss. Du hast es in der Hand zu erreichen, dass all dein Erlebtes [...] in deinem Ziele [...] aufgehn. Dieses Ziel ist, selber eine nothwendige Kette von Cultur-Ringen zu werden und von dieser Nothwendigkeit aus auf die Nothwendigkeit im Gange der allgemeinen Cultur zu schliessen [...]"

Versucht man zudem, die Kunst und Kultur jenseits überholter Voraussetzungen und Reflexe zu konzipieren, so präsentiert uns Nietzsche dies im folgenden Gestus außerordentlich prägnant: "Ueber sich selber lachen, wie man lachen müsste, um aus der ganzen Wahrheit heraus zu lachen,- dazu hatten bisher die Besten nicht genug Wahrheitssinn und die Begabtesten viel zu wenig Genie!" (DIE FRÖHLICHE WISSENSCHAFT, Erstes Buch, § 1 - Sperrung im Original - E.K.). Und die Akzente liegt dabei nicht nur auf dem spezifischen Lachen, wie es nur in Friedrich Nietzsches Philosophie konnotiert wird. Zur neuen Kunst und Kultur jenseits der überholten Wertsetzungen und Attitüden ist jenes andere Motiv von noch größerer Wichtigkeit, daß man alles "aus der ganzen Wahrheit heraus" macht, die Kunst und die Kultur auch miteinbegriffen! Eine Praxis "aus der ganzen Wahrheit heraus" ist die legitime menschliche Praxis und somit auch die Praxis der legitimen Kunst und Kultur.





ANMERKUNG DES VERFASSERS

Die vorliegende Arbeit ist eine thematische Ergänzung zur Monographie FRIEDRICH NIETZSCHE FILOZÓFIÁJA (Budapest, 1993). Eine andere nennenswerte frühere Publikation des Verf. ist: "Kunst 'unter Herrschaft der Erkenntnis' -Künstler als 'zurückbleibendes Wesen'". in: NIETZSCHEFORSCHUNG. Eine Jahresschrift, Band 2., Berlin 1995. 277 - 286. Die einzelnen Paragraphen der Nietzsche-Werke wurden aus der folgenden Ausgabe zitiert: FRIEDRICH NIETZSCHE SÄMTLICHE WERKE. Kritische Studienausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin- New York 1980.


KUNST UND ÄSTHETIK: VOM STANDPUNKT DES RICHTIGEN BEWUSSTSEINS
(Zur Begründung des Ästhetischen bei Friedrich Nietzsche)
Endre Kiss, Budapest

"Das Zeitalter, in welches du dich mit Leidwesen geworfen fühlst, preist dich selig dieses Glückes wegen; es ruft dir zu, dass dir jetzt noch an Erfahrungen zu Theil werde, was Menschen späterer Zeit vielleicht entbehren müssen. Missachte es nicht, noch religiös gewesen zu sein; ergründe es völlig, wie du noch einen ächten Zugang zur Kunst gehabt hast. Kannst du nicht gerade mit Hülfe dieser Erfahrungen ungeheuren Wegstrecken der früheren Menschheit verständnisvoller nachgehen? Sind sie nicht gerade auf dem Boden, welcher dir mitunter so missfällt, auf dem Boden des unreinen Denkens, viele der herrlichsten Früchte älterer Cultur aufgewachsen? Man muss Religion und Kunst wie Mutter und Amme geliebt haben, - sonst kann man nicht weise werden. Aber man muss über sie hinaus sehen, ihnen entwachsen können; bleibt man in ihrem Banne, so versteht man sie nicht" (Kursivierungen, mit Ausnahme der dritten, von E.K.). Diese Konzeption (§ 292 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES), mit den zu ihr wesenhaft gehörenden und aus ihr notwendig ableitbaren Interpretationen und Ergänzungen, gibt Einblick in die wahren Dimensionen der neuen Nietzscheschen Auffassung über die Kunst und die Kultur. Es ist der Ort, wo auch die Umrisse einer systematischen Ästhetik (vielleicht aber eher die einer systematischen "Kunstwissenschaft") bei Friedrich Nietzsche aufgefunden werden sollten.

Diese Auffassung ist ohne Zweifel aus der Essenz einer ganzen neuen philosophischen Konzeption konstituiert worden, die man generell als die zweite Schaffensperiode Nietzsches bezeichnen und deren textuelle Basis man vor allem in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES (selbstverständlich aber überhaupt nicht ausschließlich in diesem Werk) auffinden kann.

Über die generellen philosophischen Konditionen der von der Konzipierung dieser Position an bei Nietzsche entstandenen neuen Kunst sowie über deren ästhetischen, kunst- und kulturtheoretischen Konsequenzen haben wir bereits in anderen Arbeiten unsere Einstellung äußern können. Im folgenden werden wir nicht die kritische, sondern die positive Seite dieser neuen Kunstauffassung ausarbeiten. Es geht uns also hierbei nicht so sehr darum, wie Kultur, Kunst, schöpferische Produktion und ästhetische Rezeption im üblichen Sinne von Nietzsche im Lichte der neuen philosophischen Konzeption kritisch entlarvt werden. Im Mittelpunkt steht jetzt, was für eine Kunst existierte, existiert oder existieren kann, die den neuen intellektuellen und gesamtmenschlichen Forderungen Genüge leistet und auf welche Weisen Nietzsche selber diese Phänomene der Kultur und Kunst reflektiert.

In der Person Nietzsches erscheint ein höchst singulärer Fall in der universalen Geschichte des Denkens. Durch seinen Auftritt erfolgte es das bislang einzige Mal in der Geschichte der Kultur, daß ein Intellektueller des klassischen Altertums und der philosophischen Musikkultur, ein tiefer Kenner und Repräsentant der geistigen Gehalte der klassischen deutschen Philosophie und der deutschen Innerlichkeit eine wahrhaft revolutionäre Wendung in der Wissenschaft nicht nur wahrnimmt und versteht, sondern selber auch die Theorie dazu konzipiert. Wir haben keinen anderen Denker, der als Dichter, Philologe, Musiker, Kritiker und Theoretiker auf dem ganzen Gebiet der klassischen Literatur, Philosophie und Musik selber eine bahnbrechende kritische Wissenschaftstheorie entworfen hätte, deren Spitze, in Form einer Kritik der Metaphysik, sich gerade gegen das philosophische und kulturelle Gesamtgut der klassisch-idealistisch-ästhetischen Tradition richtete.

Es ist eine wahrhaft neue, in dieser Form vielleicht bis heute nicht wiederholte Perspektive, die auf die Kultur gerichtet ist. Diese Perspektive vereint Elemente des absoluten Außens mit einem absoluten Innen. "Absolut" innerlich ist etwa Nietzsches legendäre Verwachsenheit mit der größten Kulturtradition Deutschlands, die in ihm gleichsam inkarniert wird und die er in seiner Jugend in ihrer Gesamtheit von Grund auf erneuern will. "Absolut" äußerlich ist in diesem Zusammenhang beispielsweise die unvergleichliche Novität seines kritizistisch-positivistischen Perspektivismus, der nicht ohne Recht auch "kopernikanisch" genannt werden kann.

Diese neue Sicht zeitigt einige generelle Einsichten in die Daseinsbedingungen der Kultur überhaupt, in denen seine einmalige Perspektive schon unvergleichlich produktiv zur Geltung kommen kann. Unsere heutige Beurteilung leidet daran, daß uns viele dieser generellen Einsichten vor allem durch die genuin aus Nietzsche ausgehende kulturkritische oder kulturphilosophische Literatur schon bekannt vorkommen kann. Dies dürfte
jedoch an der grundsätzlichen Originalität dieser Einsichten überhaupt nichts ändern.

Eine der allerallgemeinsten Positionsbestimmungen (§ 244 in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES) thematisiert das Schicksal der Kultur im Kontext des Schicksals ihrer eigentlichenTrägerschicht; wir werden hier also mit dem ursprünglichen (und deshalb authentischen) Problem der Dekadenz konfrontiert: "Die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Cultur, ist so gross geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist, ja dass die cultivirten Classen der europäischen Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren Familien in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerückt ist. Nun kommt man zwar der Gesundheit jetzt auf alle Weise entgegen; aber in der Hauptsache bleibt eine Verminderung jener Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden Cultur-Last vonnöthen, welche, wenn sie selbst mit schweren Einbussen erkauft werden sollte, uns doch zu der grossen Hoffnung einer neuen Renaissance Spielraum giebt. Man hat dem Christenthum, den Philosophen, Dichtern, Musikern eine Ueberfülle tief erregter Empfindungen zu danken; damit diese uns nicht überwuchern, müssen wir den Geist der Wissenschaft beschwören, welcher im Ganzen etwas kälter und skeptischer macht und namentlich den Gluthstrom des Glaubens an letzte endgültige Wahrheiten abkühlt; er ist vornehmlich durch das Christentum so wild geworden". Die beiden Schlüsselworte "Renaissance" und "Wissenschaft" werden im späteren noch viel deutlicher vorkommen. Der einmalige Wert (und die heute schon nur für Historiker wahrnehmbare Originalität) dieses Textes besteht darin, daß hier wesentliche Grundinhalte, aber auch wesentliche Gründe und Motive einer Kultur und Kunst Gestalt annehmen, die wir antizipierend als eine beschrieben, die jenseits überholter Wertvorstellungen und Attitüden, im Besitz einer vollzogenen epistemologischen Wendung entstehen kann, aber auch entstehen wird.

Eine weiterführende, ebenfalls generelle Perspektive der Kunst- und Kulturauffassung Nietzsches entsteht aus einer verdoppelten intellektuellen Operation, die so selten in Nietzsches gedanklicher Werkstatt ja auch nicht ist (vor allem § 245 in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES). Einerseits funktioniert die aktuelle und gegenwartsbezogene Einsicht, wonach der Mensch durch sein sich akkumulierendes Wissen einen Einblick in die wahren Motive der Kulturentwicklung gewann. Daraus folgt, daß es dem Willen, der Dezision (wenn man will: der Will-kür) der bewußt kulturell Handelnden und der bewußt historisch Denkenden überlassen wird, die wahre Geschichte der Kultur ohne die alten Illusionen wahrzunehmen, die wahren Motivationen der künstlerischen Produktion zu entdecken und von diesem Punkt an schon auch die weitere Produktivität der Kultur auf neue, nicht mehr metaphysische Grundlage zu stellen: "Die Cultur ist entstanden wie eine Glocke, innerhalb eines Mantels von gröberem, gemeinerem Stoffe: Unwahrheit, Gewaltsamkeit, unbegränzte Ausdehnung aller einzelnen Ich's, aller einzelnen Völker, waren dieser Mantel. Ist es an der Zeit, ihn jetzt abzunehmen? Ist das Flüssige erstarrt, sind die guten, natürlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es keiner Anlehnung an Metaphysik und die Irrthümer der Religionen mehr bedarf, keiner Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk? - Zur Beantwortung dieser Frage ist kein Wink eines Gottes uns mehr hülfreich: unsere eigene Einsicht [!] muss da entscheiden. Die Erdregierung des Menschen im Grossen hat der Mensch selber in die Hand zu nehmen, seine 'Allwissenheit' muss über dem weiteren Schicksal der Cultur mit scharfem Auge wachen." Wir irren uns kaum, wenn wir in diesem Aphorismus diejenige Problematik erblicken, die die Kultur und die Kunst für Nietzsche im Kontext seiner Philosophie ganzheitlich darstellte. Die Menschheit entwickelte demnach eine bewunderungswürdige Kunst und Kultur, mit der sie ihre wesenhafte Identität gleichsetzte. In einer gewissen Etappe entdeckte die Menschheit die wahre Genealogie dieser Kunst und Kultur. Die Aufgabe der Umwertung ist in ihre Hand gelegt, wobei diese Aufgabe eine sensible und zweifache ist: Einmal muß die Wahrheit über die wahre Genese von Kunst und Kultur ausgesprochen werden, andererseits muß aber die Produktivität von Kunst und Kultur unter neuen Vorzeichen und aufgrund legitimer Werte und Attitüden weiter gesichert werden.

Es ist im übrigen auch der latent-systematische Ort, auf welchem der neue Begriff der "legitimen" Kunst und Kultur mit Notwendigkeit entsteht. Dieser neue Begriff der philosophisch "legitimen" Kunst und Kultur ist selber Signal einer großen geschichtsphilosophischen Umwälzung, während er gleichzeitig auch ein Motor dieser Umwälzung sein sollte. Ein wichtiger Text hierzu findet sich im § 248 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES: "Unsere Zeit macht den Eindruck eines Interim-Zustandes; die alten Weltbetrachtungen, die alten Culturen sind noch theilweise vorhanden, die neuen noch nicht sicher und gewohnheitsmässig und daher ohne Geschlossenheit und Consequenz. Es sieht aus, als ob Alles chaotisch würde, das Alte verloren gienge, das Neue nichts tauge und immer schwächlicher werde [...] Ueberdiess können wir in's Alte nicht zurück, wir haben die Schiffe verbrannt; es bleibt nur übrig, tapfer zu sein, mag nun dabei diess oder jenes herauskommen [...] Vielleicht sieht sich unser Gebahren doch einmal wie Fortschritt an [...]"

Über die Inhalte der im neuen Sinne des Wortes geschichtsphilosophisch "legitimen" Kunst und Kultur gibt der § 237 in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES die wesentlichsten konkreten Orientierungen: "Die italiänische Renaissance barg in sich alle die positiven Gewalten, welchen man die moderne Cultur verdankt: also Befreiung des Gedankens, Missachtung der Autoritäten, Sieg der Bildung über den Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit der Menschen, Entfesselung des Individuums, eine Gluth der Wahrhaftigkeit und Abneigung gegen Schein und blossen Effect (welche Gluth in einer ganzen Fülle künstlerischer Charaktere hervorloderte, die Vollkommenheit in ihren Werken und Nichts als Vollkommenheit mit höchster sittlicher Reinheit von sich forderten); ja, die Renaissance hatte positive Kräfte, welche in unserer bisherigen modernen Cultur noch nicht wieder so mächtig geworden sind. Es war das goldene Zeitalter dieses Jahrtausends, trotz aller Flecken und Laster. Dagegen hebt sich nun die deutsche Reformation ab als ein energischer Protest zurückgebliebener Geister, welche die Weltanschauung des Mittelalters noch keineswegs satt hatten und die Zeichen seiner Auflösung, die ausserordentliche Verflachung und Veräusserlichung des religiösen Lebens, anstatt mit Frohlocken, wie sich gebührt, mit tiefem Unmuthe empfanden. Sie warfen mit ihrer nordischen Kraft und Halsstarrigkeit die Menschen wieder zurück, erzwangen die Gegenreformation, das heisst ein katholisches Christentum der Nothwehr, mit den Gewaltsamkeiten eines Belagerungszustandes und verzögerten um zwei bis drei Jahrhunderte ebenso das völlige Erwachen und Herrschen der Wissenschaften, als sie das völlige In-Eins-Verwachsen des antiken und des modernen Geistes vielleicht für immer unmöglich machten. Die grosse Aufgabe der Renaissance konnte nicht zu Ende gebracht werden, der Protest des inzwischen zurückgebliebenen deutschen Wesens (welches im Mittelalter Vernunft genug gehabt hatte, um immer und immer wieder zu seinem Heile über die Alpen zu steigen) verhinderte diess. Es lag in dem Zufall einer ausserordentlichen Constellation der Politik, dass damals Luther erhalten blieb und jener Protest Kraft gewann: denn der Kaiser schützte ihn, um seine Neuerung gegen den Papst als Werkzeug des Druckes zu verwenden, und ebenfalls begünstigte ihn im Stillen der Papst, um die protestantischen Reichsfürsten als Gegengewicht gegen den Kaiser zu benutzen. Ohne diess seltsame Zusammenspiel der Absichten wäre Luther verbrannt worden wie Huss - und die Morgenröthe der Aufklärung vielleicht etwas früher und mit schönerem Glanze als wir jetzt ahnen können, aufgegangen". (Zweite, kurze Sperrung im Original - E.K.)

Die Auffassung der italienischen Renaissance als Optimum der europäischen Kultur (die ja damals ganzheitlich mit der Weltkultur identisch war) scheint zunächst alles andere als allzu originelle Position zu sein. Es ist nur schon verwunderlich, mit welcher intensiven Wesensschau Nietzsche aus diesem weit verbreiteten Gemeinplatz der europäischen Kulturgeschichte und Kulturphilosophie die radikal "neue" Sicht der Renaissance herausarbeitet. Schon thematisch ergibt sich als erster Apekt die Notwendigkeit, Nietzsches hier artikulierte Interpretation mit derjenigen Jacob Burckhardts zu konfrontieren. Diese Konfrontation ist aber immer noch eine äußerst kritische Aufgabe, und zwar nicht aus dem Grunde, daß uns heute über diese Relation keine stattliche Literatur zur Verfügung stünde. Die wesentlichste Schwierigkeit in dieser Gegenüberstellung besteht darin, daß Burckhardts sehr markante, sehr bewußte und zugleich sehr singuläre Einstellung bis jetzt noch nicht in jenem ideengeschichlichen Raum rekonstruiert worden ist, in welchem man Nietzsches entsprechende Konzeptionen erschließen kann, mit anderen Worten, es kam bis jetzt noch nicht zur Ausarbeitung eines gemeinsamen begrifflichen Rahmens zwischen diesen beiden Denkern, die beide auf jedem Gebiet ihrer Artikulationen schon als sehr singulär betrachtet werden dürften. Die diesbezügliche Singularität Jacob Burkhardts besteht in einer Form von demokratisch motiviertem Konservativismus, der in dieser Gestalt in anderen Teilen Europas sich nicht nur nicht entwickelte, sondern auch kaum denkbar gewesen ist. Daß nämlich ein vormoderner Konservativismus in der Position eines demokratischen Aristokratismus oder einer aristokratischen Demokratievorstellung die neueren Formen der Demokratie opponiert, galt sicherlich als singuläre Position, wenn auch nicht so ganz singulär wie es uns heute aufgrund der Modifikationen des historischen Bewußtseins vorkommen muß. Jacob Burkhardts berühmt-berüchtigte Auffassung über die italienische Renaissance basiert auf diesem Standpunkt seines Denkens.

Die Trivialität hört sogleich auf, Trivialität zu sein, wenn die Einstellung zur Renaissance nicht nur nach Jacob Burckhardts Intepretation, sondern auch in einer offenen Auseinandersetzung mit ihr entsteht. Es fällt Nietzsche sichtlich umso leichter, als er für die Auseinandersetzung nicht aktuelle Argumente, sondern die tiefsten Einsichten seiner Geschichtsphilosophie mobilisieren kann. Denn er hat, wie kaum ein anderer, die grundsätzlichen Aspekte erfaßt, die die Renaissance zum Optimum der bisherigen Kunst- und Kulturentwicklung machen. Nietzsche nennt dabei Motive, die in unveränderter Form auch zu Maßstäben jeder (und jeder modernen) Kultur hätten gemacht werden können. Denn die "Befreiung des Gedankens", die "Missachtung der Autoritäten", der "Sieg der Bildung über den Dünkel der Abkünfte" und die "Begeisterung für die Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit der Menschen" u. ä. sind Motive, die in ihrem Charakter als Optimum mit Nietzsches Kulturauffassung restlos identifiziert werden können. Auf diese Weise entfallen alle Distanzen zwischen der Renaissance und dem innersten Kern von Nietzsches Kulturphilosophie. Die unbegrenzte Identität nimmt in der folgenden Formulierung Gestalt an: "[...] die Renaissance [...] das goldene Zeitalter dieses Jahrtausends - trotz aller Flecken und Laster [...]" - wobei die letzte Bemerkung zweifellos auch von der Wahrnehmung der Perspektive Burkhardts zeugt.

Die einmalige Bedeutung dieses Textes erschöpft sich jedoch keineswegs nur darin, daß Nietzsche mit Authentizität und Eindeutigkeit die tiefsten Einsichten seiner philosophischen Überzeugung mit dem historischen Real-Phänomen der Renaissance trotz Jacob Burckhardt identifiziert. Diese Positionierung führt auch zu einer direkten und geradlinigen Kritik der vornehmlich als deutsches Phänomen verstandenen Reformation. Und da dem so ist, sind die ausstrahlenden Wirkungen und Konsequenzen dieser Kritik in jeder Hinsicht relevant, kommt Nietzsche philosophisch zu einer Kritik der eigenen Nation, der eigenen Geschichte und dadurch der eigenen Kultur. Kein Zweifel, diese ohne jede Vermittlung vollzogene Konfrontation der Renaissance mit der Reformation hat eine Reihe von rein geschichtsphilosophischen Konnotationen. Für uns ist trotz alledem diese Kritik an der Reformation (vor dem Horizont der Renaissance) vor allem in jenem Zusammenhang von Wichtigkeit, daß durch sie die intellektuellen und die methodischen Voraussetzungen einer Reflexion der deutschen Geschichte und der deutschen Kulturentwicklung geschaffen sind; wegen der heute nicht mehr ganz selbstverständlichen nationalen Existenzweise der Kultur ist diese Kritik sogar von größter Wichtigkeit. Mit anderen Worten: Nietzsche gewinnt eine Art geschichtsphilosophischen Hintergrund zur Analyse der deutschen Kultur, der in seinem gewaltig-bogenartigen Charakter geradezu Herdersche oder Hegelsche Dimensionen annimmt. Mit anderen Worten, es ergeben sich hier auch Möglichkeiten, die Nähe von Nietzsches welthistorisch-emanzipativem Ansatz zu den Klassikern des deutschen Idealismus unmittelbar zu studieren.

Im Gegensatz zum Hauptstrom des klassischen deutschen Idealismus und - nur scheinbar paradox - in dieser Hinsicht an Burckhardt erinnernd, - lehnt aber der universalhistorische Denker Friedrich Nietzsche jeden Diskurs ab, der in diesem historischen Vorgang autopoietischen Prozessen und Erwartungen Raum geben würde. Die Zukunft , dieses so liebe und so häufig gebrauchte Wort Nietzsches, entsteht nicht motiviert und gestaltet von "selbstorganisierenden" Prozessen; für ihre Gestaltung müssen jederzeit reale menschliche Kräfte stets mit realem Einsatz kämpfen. In Nietzsches "Geschichte der Menschheit" geschieht nichts von allein, entsteht kein Wert oder keine Emanzipation auf irgend einem "Flussband der Progression".

Mit der Herausstellung der (deutschen) Reformation als eines "energischen Protestes zurückgebliebener Geister" gelingt es also Nietzsche, eine geschichtsphilosophische Wendung (eigentlich wäre der andere Ausdruck, "universalhistorische" Wendung, angebrachter) zu konkretisieren, die gleichzeitig und in einem und demselben Zuge auch den optimalen Hintergrund der Kulturauffassung jeglicher Disziplinierung abgeben kann. Es ergibt sich, daß wir als die Konsequenz dieser Kritik der Reformation das allerzentralste und allertiefste Motiv von Nietzsches Philosophie hervorheben, und zwar die durchgehende theoretische und normative Überzeugung, daß falsches (nicht-richtiges, nicht-mehr-richtiges, halb-richtiges etc.) Bewußtsein in jedem möglichen Zusammenhang und in jedem möglichen Subsystem nur Falsches anrichten kann; mit einer ans Pathologische grenzenden Konsequenz zerstört so ein Bewußtsein menschliche Erkenntnis und menschliche Produktivität. Man kann darüber auch eine andere Meinung haben (der Verfasser dieser Zeilen teilt allerdings diese radikale Stellungnahme Nietzsches voll und ganz), Nietzsches philosophische Grundattitüde läßt sich deskriptiv jedoch ohne das Nachvollziehen dieser allertiefsten Überzeugung überhaupt nicht adäquat verstehen. Dies heißt im Konkreten also: Die Reformation erwies sich als ein Rückschritt oder, wie Nietzsche selber schrieb, als ein Protest gegen das adäquate und das richtige Bewußtsein (in der Gestalt der Renaissance) und wird aus diesem Grunde zu einem falschen Bewußtsein, auf welches die oben erwähnten Kriterien wie notwendig bezogen werden müssen. Diese kritische Auffassung der Reformation erhält auch einen nennenswerten deformatorisch-dekonstruktiven Schwung dadurch, daß die Reformation in dieser qualitativ neuen Konfrontation wie erstmals nicht mehr im Kontext der Gegenüberstellung zum Katholizismus erscheint. Es versteht sich von selber, daß diese Veränderung des Horizontes auf eine sich leicht entfaltende Weise zu einer großen Anzahl neuer Einsichten und neuer Inhalte führt. Konkretisiert werden diese Inhalte unter den vielen in Frage kommenden Möglichkeiten auch darin, daß Erziehungs-, Sozialisations- und Identitätsprobleme des (und im) Protestantismus endlich, im Besitz einer anderen, neuen Konfrontationsmöglichkeit, artikuliert und diagnostisiert werden könnten. Bis dahin nämlich erfüllte die Konfrontation mit dem Katholizismus den geistigen Raum der möglichen Vergleiche, was für die Artikulation gerade dieser Probleme einseitig vorteilhaft für Reformation und Protestantismus war.

Diese bewußte Verhinderung ("energischer Protest") einer auf das richtige oder das nicht-falsche Bewußtsein aufgebaute Kultur ist also auch unter immer anders werdenden Aspekten das Kernproblem von Nietzsches theoretischer Sicht auf die Kultur überhaupt. Wir haben gesehen, wie diese unerwartete Wendung es mit sich brachte, daß umfassende Trends der europäischen Kulturentwicklung mit jenen der spezifisch deutschen Entwicklung unforciert als eine Einheit erscheinen konnten und tatsächlich auch erschienen. Aber nicht nur die spezifisch deutsche Problematik tat sich in unerwarteter Schärfe und Tiefe in Nietzsches gedanklichem Verfahren auf, auch ein weiterer Zug von Nietzsches philosophischer Anschauung konnte auf den Plan treten, und zwar der, den man ganz allgemein als Ressentimentphänomen bezeichnen könnte. Wie schon in der philosophischen und anthropologischen Grundanschauung Nietzsches erwies sich die Sensibilität für das neu thematisierte Ressentimentphänomen auch in der Analyse der Kultur als ganz besonders produktiv. Uns genügt an dieser Stelle nur, auf die neuen und theoretisch noch ganz unerprobten heuristischen Möglichkeiten jeglicher Ressentimentphänomene in der Analyse der Kultur im allgemeinen hinzuweisen, wobei plötzlich die oft ebenfalls nur sehr allgemein gebrauchte Formel der kulturellen oder sonstiger "Zurückgebliebenheit" mit neuen konkreten Dimensionen versehen wird.

In eine wieder sehr relevante und vielsagende Relation kommt Nietzsche durch seine Reformationskritik zur Philosophie des klassischen Idealismus. Besonders relevant erscheint uns die Verbindung der Reformationsproblematik mit derjenigen der Aufklärung im deutschen Kontext, die ja bei Hegel letztlich zur wesentlichen Identifizierung der beiden umfassenden Prozesse geführt hat und die in der These "Reformation ist Revolution" ihren Niederschlag fand. Es steht auf einem anderen Blatt, daß diese Position Hegel nicht daran gehindert hat, für die "grosse" Aufklärung nunmehr ohne Bezugnahme auf die Reformation wieder enthusiastische Worte der leidenschaftlichen Anerkennung zu finden.

Gemeinsam ist also Hegel und Nietzsche eine gewisse Basis für die Gesamtsicht der Reformation und der Aufklärung im deutschen Kontext, während die letzte Ausrichtung dieser Gemeinsamkeit bei beiden wieder völlig verschieden ist.

Während der gemeinsam zu nennende Ausgangspunkt bei Hegel (über dessen "geheimen" oder "strategisch" verheimlichten Absichten wir in diesem Vergleich freilich keine Hypothesen aufstellen können) in der Richtung einer fast vollkommenen Versöhnung führt (d.h. wie es an manchen Stellen bei Hegel auch explizit gemacht wird), wonach Reformation im wesentlichen mit der Aufklärung in dieser Region identisch ist, artikuliert Nietzsche die dieser restlos gegenüberstehende Position, wonach die Reformation durch ihren historischen Sieg die essentielle Aufklärung verhindert hatte. Die beiden gewaltigen Strömungen bedeuten für Nietzsche nicht nur nicht eine mögliche Versöhnung, sie stehen für einen endgültigen Bruch der Geistesgeschichte. In dieser (und selbstverständlich nur in dieser Perspektive) erscheint die Reformation nicht mehr als "halber" Erfolg oder als "halbe" Wahrheit, sondern als wohl die eher entwicklungsunfähige Variation der menschheitlichen Entwicklung. Sie bleibt gegenüber einer eindeutigen Form des richtigen Bewußtsein "christlich", sie bleibt es aber mit dem guten Bewußtsein des Fortschritts und des ausgefochtenen Kampfes um Emanzipation. Sie verfügt also über einem Begriff und Bewußtsein der Emanzipation, ohne die dazu gehörige eigentliche Legitimation zu erbringen. Sie hält sich als endgültige Gestalt des emanzipierten Bewußtseins, ohne die wirkliche Forderung Nietzsches an das wirklich richtige Bewußtsein zu erfüllen; denn diese im angeführten Text namentlich gemachte Forderung besteht in der Fähigkeit, die "antike und die moderne Kultur" in eins "verwachsen zu lassen". Daß die Reformation diese beiden Kulturen nicht restlos miteinander amalgamieren kann (und will), liegt auf der Hand. Sie führt aber auch nicht zu einer kritischen Wissenschaft, die mit jedem ihrer Schritte Metaphysik abbaut und kritische Haltung induziert. Nietzsches Ideen über die die ganze Menschheit betreffenden, vielseitigen Konsequenzen dieser Entwicklung werden nur aus dem ganzen Werk ausgeglichen und restlos ersichtlich, an ihre Gesamtheit sei an dieser Stelle für einmal nur erinnert.

Nietzsches Grundvorstellung, wenn man will, Grundideal von der Kultur wird hier in der allerexplizitesten Form ausgesagt. Es versteht sich jedoch ebenso von selber, daß diese allerexpliziteste Form hermeneutisch richtig verstanden werden muß. Denn diese Vorstellung wird auf dem allerhöchsten Niveau von wissenssoziologischer und ideologiekritischer Verallgemeinerung vermittelt. Wir dürfen den methodischen und höchst unphilosophischen Fehler so vieler Nietzsche-Exegeten (zu denen auch Alfred Baeumler und Georg Lukács gehört hatten), die einzelnen Aussagen vom Piedestal ihres wissenssoziologischen und ideologiekritischen Abstraktionsgrades herunterzunehmen und sie auf die unteren Ebenen der Abstraktion in die philosophische Polemik zu schicken, nicht wiederholen.

Dieses große Ideal, die "Vereinigung der antiken und der modernen Kultur auf der Basis der Wissenschaft" klingt in dieser Formulierung heute gewiß wie eine Phrase, die man vielleicht sogar schön finden kann. Denkt man zu dieser Aussage aber all die wesentlichen Inhalte von Nietzsches Philosophie und Persönlichkeit hinzu, so wird die Folgerung unabweislich, daß er dieses Ideal nicht nur authentisch vertritt , sondern es auch mit komplexen positiven Inhalten füllt.

In diesem Rahmen müssen auch noch jene analytisch-philosophischen Perspektiven genannt werden, die Nietzsche als eine Praxis der Kunst- und Kulturrezeption beschreibt. Näher besehen gelten diese Perspektiven als diejenigen einer dynamischen Sozialontologie, die dann, im Falle ihrer vollzogenen Formulierung, nicht mehr nur als Produkte der reinen und interesselosen Erkenntnis, sondern auch als weitere und bislang noch nicht erschlossene neue Faktoren oder Akteure dieselbe Realität bereichern, die zu beschreiben die ganze Analyse sich angeschickt hatte. So beschreibt der § 253 von Menschliches-Allzumenschliches die Attitüde, wie die Einstellung der Treue die Wahrnehmung und die Beurteilung einzelner Philosophien (oder - MUTATIS MUTANDIS - anderer intellektueller Produkte) beeinflußt. Der § 254 desselben Werkes beschreibt die dynamische Veränderung der intellektuellen Wahrnehmung durch die (ebenfalls als Prozeß gedachte) "höhere Bildung" ("Im Verlaufe der höheren Bildung wird dem Menschen Alles interessant [...]"), während der § 255 schon wie eine reife und abgeschlossene wissenssoziologische These den Prozeß der Kultivierung analysiert: "Diese Gattung des Aberglaubens [d. h. die der "Gleichzeitigkeit" - E.K.] findet sich in verfeinerter Form bei Historikern und Culturmalern wieder, welche vor allem sinnlosen Nebeneinander, an dem doch das Leben der Einzelnen und der Völker so reich ist, eine Art Wasserscheu zu haben pflegen."

Eine besondere Aufmerksamkeit verdient der § 261 ebenfalls aus dem Werk MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES. Hier geht es um die Machtstruktur des intellektuellen Lebens, ein Thema, das so selten thematisiert wird, daß man darüber als über ein selbständiges Problem lange nachdenken sollte. Nietzsches Schlußdiagnose scheint auch im Lichte der späteren Entwicklung bestätigt zu sein, auch wenn das im Mittelpunkt stehende Schlüsselphänomen der Machtstruktur in der späteren Entwicklung vielfach pervertiert worden ist: "Die Periode der Tyrannen des Geistes ist vorbei. In den Sphären der höheren Cultur wird es freilich immer eine Herrschaft geben müssen, - aber diese Herrschaft liegt von jetzt ab in den Händen der Oligarchen des Geistes [...] Die Oligarchen sind einander nöthig, sie haben an einander ihre beste Freude, sie verstehen ihre Abzeichen, - aber trotzdem ist ein Jeder von ihnen frei, er kämpft und siegt an seiner Stelle und geht lieber unter, als sich zu unterwerfen."

In diesen Aspekten wird es letztlich Schritt für Schritt gleichgültig, daß ihre ursprüngliche Referenz die Kunst oder die Kultur war, denn sie als Perspektiven der Realität, von der Analyse Nietzsches entdeckt und in thesenhafte Formen gebracht, werden von der Philosophie in die Realität zurückgeschickt und machen diese Realität, sowohl in ihrer gegenständlichen Realität wie auch in der Welt ihrer Referenz, nur reicher. Diese spezifische Relation gibt ein selten gutes Beispiel auch dafür ab, wie die einzelnen Subsysteme in Friedrich Nietzsches Perspektivismus in der Regel erscheinen. Dieser Perspektivismus erschließt die thematischen Bereiche der einzelnen Teilsysteme (wie Ethik, Ästhetik, Kunst, Kultur etc.) und vermehrt das Wissen über sie; seine wahre Zielrichtung ist aber nicht der theoretische Ausbau oder die philosophische Rekonstruktion eines gegebenen Subsystems, sondern das Zurückführen der positiv gewonnenen Perspektiven und analytisch erbrachten Erkenntnisse in eine neue Gesamtdeutung der Wirklichkeit. Nietzsches neue Perspektiven würden wie vorschreiben , daß aufgrund derselben neuen Gesamtdarstellungen von den einzelnen Subsystemen entstehen. Aus diesem Grunde ist Nietzsches Philosophie, von den Subsystemen aus gesehen, gleichzeitig real und imaginär. Wie bereits oben gesagt, führen die einzelnen neuen Perspektiven bei Nietzsche nicht in die Richtung einer Rekonstitution der Subsysteme, sondern in die des Ausbaus einer neuen Gesamtdarstellung des Wirklichen. Es ist aber wieder eine neue Frage, ob Subsysteme im wahren philosophischen Sinne in der neuen Gesamtdarstellung überhaupt einen systematischen Ort haben oder nicht.

Selbst die Idee der philosophischen Gesamtdarstellung des Realen kann aber die legitime Frage nach der im Kontext dieser Gesamtdarstellung legitimen Kunst, nach einer Kunst, die in keiner Hinsicht mehr auf überholten Momenten eines falschen Bewußtseins beruht, nicht vergessen machen. Uns scheint, daß sich dieser neue Bereich, der Bereich jenseits der überholten Voraussetzungen und Attitüden, bei Nietzsche zumindest in zwei wesentlichen Punkten klar abzeichnet.

Die eine Dimension des neuen Raumes für legitime Kunst und Kultur ist die Neuformulierung der Kunst und Kultur als einer aus Freiheit geschaffenen Notwendigkeit oder als einer aus Notwendigkeit entstehenden Freiheit. Eine der schönsten Formulierungen in dieser Richtung findet man im bereits anfangs zitierten Paragraph 292 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES: "[...] indem du mit aller Kraft vorauserspähen willst, wie der Knoten der Zukunft noch geknüpft wird, bekommt dein eigenes Leben den Werth eines Werkzeuges und Mittels zur Erkenntniss. Du hast es in der Hand zu erreichen, dass all dein Erlebtes [...] in deinem Ziele [...] aufgehn. Dieses Ziel ist, selber eine nothwendige Kette von Cultur-Ringen zu werden und von dieser Nothwendigkeit aus auf die Nothwendigkeit im Gange der allgemeinen Cultur zu schliessen [...]"

Versucht man zudem, die Kunst und Kultur jenseits überholter Voraussetzungen und Reflexe zu konzipieren, so präsentiert uns Nietzsche dies im folgenden Gestus außerordentlich prägnant: "Ueber sich selber lachen, wie man lachen müsste, um aus der ganzen Wahrheit heraus zu lachen,- dazu hatten bisher die Besten nicht genug Wahrheitssinn und die Begabtesten viel zu wenig Genie!" (DIE FRÖHLICHE WISSENSCHAFT, Erstes Buch, § 1 - Sperrung im Original - E.K.). Und die Akzente liegt dabei nicht nur auf dem spezifischen Lachen, wie es nur in Friedrich Nietzsches Philosophie konnotiert wird. Zur neuen Kunst und Kultur jenseits der überholten Wertsetzungen und Attitüden ist jenes andere Motiv von noch größerer Wichtigkeit, daß man alles "aus der ganzen Wahrheit heraus" macht, die Kunst und die Kultur auch miteinbegriffen! Eine Praxis "aus der ganzen Wahrheit heraus" ist die legitime menschliche Praxis und somit auch die Praxis der legitimen Kunst und Kultur.





ANMERKUNG DES VERFASSERS

Die vorliegende Arbeit ist eine thematische Ergänzung zur Monographie FRIEDRICH NIETZSCHE FILOZÓFIÁJA (Budapest, 1993). Eine andere nennenswerte frühere Publikation des Verf. ist: "Kunst 'unter Herrschaft der Erkenntnis' -Künstler als 'zurückbleibendes Wesen'". in: NIETZSCHEFORSCHUNG. Eine Jahresschrift, Band 2., Berlin 1995. 277 - 286. Die einzelnen Paragraphen der Nietzsche-Werke wurden aus der folgenden Ausgabe zitiert: FRIEDRICH NIETZSCHE SÄMTLICHE WERKE. Kritische Studienausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin- New York 1980.

Anmerkungen

Die einzelnen Passagen aus Nietzsches Werken wurden nach der folgenden Ausgabe zitiert: Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin/New York, 1980.

Die vorliegende Arbeit ist eine thematische Ergänzung zur Monographie Friedrich Nietzsche Filozófiája (Budapest, 1993). Weitere relevante, neuere Arbeiten des Verfassers zur Nietzsche-Problematik sind:
- "Lukács versus Nietzsche, or the Most Significant Stalinist Trial Against Philosophy", in: East Europa ((East(ern) Europe ??)) Reads Nietzsche, ed. by Alice Freifeld, Peter Bergmann and Bernice Glatzer Rosenthal, New York: Boulder, 1998. 207-218.
- "Karl Jaspers' Auslegung Nietzsches als eines Metaphysikers der Immanenz", in: Karl Jaspers. Philosophy on the Way to "World Philosophy", ed. by Leonard H. Ehrlich and Richard Wisser, Amsterdam, Würzburg, 1998. 155-166
- "Reconstructing Positive Political Metaphysics", in: The European Legacy, vol.1, no. 6, 1997. 2185-2198.
- "Friedrich Nietzsche und der philosophische Pragmatismus", in: The Role of Pragmatics in der Gegenwartsphilosophie ((Englisch&Deutsch in einem Titel??)), papers, vol. 1, 20th International Wittgenstein Symposium, Kirchberg am Wechsel, 1997. 473-480.
- "Friedrich Nietzsche als Theoretiker der modernen Demokratie", in: Friedrich Nietzsche und die globalen Probleme unserer Zeit, hg. von Endre Kiss. Cuxhaven-Dartford: Junghans, 1997. 249-263.
- "Gibt es ein Projekt der Aufklärung und wenn ja, wie viele? (Aufklärung vor dem Horizont der Postmoderne)", in: The Postmodernist Critique of the Project of Enlightenment, ed. by Sven- Eric Liedman, Amsterdam, Atlanta, GA, 1997. 89-104.
- "Nietzsche, Heidegger und der Wille zur Macht", in: Nietzsche-Studien. Internationales Jahrbuch für die Nietzsche-Forschung, Band 25, 1996. 349-352.
- "Heidegger's Nietzsche and the Third Reich", in: E.K. Against New Metaphysics. Studies on Positive Metaphysics and Everday Consciousness, Cuxhaven-Dartford: Junghans, 1996. 37-48.
- "Kunst "unter Herrschaft der Erkenntnis" - Künstler als "zurückbleibendes Wesen"", in: Nietzscheforschung. Eine Jahresschrift, Band 2, hg. von Hans-Martin Gerlach und Renate Reschke in Zusammenarbeit mit Rüdiger Ziemann, Berlin: Akademie Verlag, 1995. 277-286.
- "Die Neukonstitution der philosophischen Wissenschaften als Nietzsches Lösung des Bewußtseinsproblems", in: Das Bewußtsein - philosophische, psychologische und physiologische Aspekte, Berlin, 1994. 147-161.
- "Der Philosoph Friedrich Nietzsche und seine Aufklärung", in: Jahresschrift der Förder- und Forschungsgemeinschaft Friedrich Nietzsche, Band III, 1992/1993, Halle (Saale), 1994. 171-181.




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