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Sind sie nicht gerade auf dem Boden, welcher
dir mitunter so missfällt, auf dem Boden
des unreinen Denkens, viele der herrlichsten
Früchte älterer Cultur aufgewachsen? Man
muss Religion und Kunst wie Mutter und Amme
geliebt haben, - sonst kann man nicht weise
werden. Aber man muss über sie hinaus sehen,
ihnen entwachsen können; bleibt man in ihrem
Banne, so versteht man sie nicht" (Kursivierungen,
mit Ausnahme der dritten, von E.K.). Diese
Konzeption (§ 292 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES),
mit den zu ihr wesenhaft gehörenden und aus
ihr notwendig ableitbaren Interpretationen
und Ergänzungen, gibt Einblick in die wahren
Dimensionen der neuen Nietzscheschen Auffassung
über die Kunst und die Kultur. Es ist der
Ort, wo auch die Umrisse einer systematischen
Ästhetik (vielleicht aber eher die einer
systematischen "Kunstwissenschaft")
bei Friedrich Nietzsche aufgefunden werden
sollten.
Diese Auffassung ist ohne Zweifel aus der
Essenz einer ganzen neuen philosophischen
Konzeption konstituiert worden, die man generell
als die zweite Schaffensperiode Nietzsches
bezeichnen und deren textuelle Basis man
vor allem in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES
(selbstverständlich aber überhaupt nicht
ausschließlich in diesem Werk) auffinden
kann.
Über die generellen philosophischen Konditionen
der von der Konzipierung dieser Position
an bei Nietzsche entstandenen neuen Kunst
sowie über deren ästhetischen, kunst- und
kulturtheoretischen Konsequenzen haben wir
bereits in anderen Arbeiten unsere Einstellung
äußern können. Im folgenden werden wir nicht
die kritische, sondern die positive Seite
dieser neuen Kunstauffassung ausarbeiten.
Es geht uns also hierbei nicht so sehr darum,
wie Kultur, Kunst, schöpferische Produktion
und ästhetische Rezeption im üblichen Sinne
von Nietzsche im Lichte der neuen philosophischen
Konzeption kritisch entlarvt werden. Im Mittelpunkt
steht jetzt, was für eine Kunst existierte,
existiert oder existieren kann, die den neuen
intellektuellen und gesamtmenschlichen Forderungen
Genüge leistet und auf welche Weisen Nietzsche
selber diese Phänomene der Kultur und Kunst
reflektiert.
In der Person Nietzsches erscheint ein höchst
singulärer Fall in der universalen Geschichte
des Denkens. Durch seinen Auftritt erfolgte
es das bislang einzige Mal in der Geschichte
der Kultur, daß ein Intellektueller des klassischen
Altertums und der philosophischen Musikkultur,
ein tiefer Kenner und Repräsentant der geistigen
Gehalte der klassischen deutschen Philosophie
und der deutschen Innerlichkeit eine wahrhaft
revolutionäre Wendung in der Wissenschaft
nicht nur wahrnimmt und versteht, sondern
selber auch die Theorie dazu konzipiert.
Wir haben keinen anderen Denker, der als
Dichter, Philologe, Musiker, Kritiker und
Theoretiker auf dem ganzen Gebiet der klassischen
Literatur, Philosophie und Musik selber eine
bahnbrechende kritische Wissenschaftstheorie
entworfen hätte, deren Spitze, in Form einer
Kritik der Metaphysik, sich gerade gegen
das philosophische und kulturelle Gesamtgut
der klassisch-idealistisch-ästhetischen Tradition
richtete.
Es ist eine wahrhaft neue, in dieser Form
vielleicht bis heute nicht wiederholte Perspektive,
die auf die Kultur gerichtet ist. Diese Perspektive
vereint Elemente des absoluten Außens mit
einem absoluten Innen. "Absolut"
innerlich ist etwa Nietzsches legendäre Verwachsenheit
mit der größten Kulturtradition Deutschlands,
die in ihm gleichsam inkarniert wird und
die er in seiner Jugend in ihrer Gesamtheit
von Grund auf erneuern will. "Absolut"
äußerlich ist in diesem Zusammenhang beispielsweise
die unvergleichliche Novität seines kritizistisch-positivistischen
Perspektivismus, der nicht ohne Recht auch
"kopernikanisch" genannt werden
kann.
Diese neue Sicht zeitigt einige generelle
Einsichten in die Daseinsbedingungen der
Kultur überhaupt, in denen seine einmalige
Perspektive schon unvergleichlich produktiv
zur Geltung kommen kann. Unsere heutige Beurteilung
leidet daran, daß uns viele dieser generellen
Einsichten vor allem durch die genuin aus
Nietzsche ausgehende kulturkritische oder
kulturphilosophische Literatur schon bekannt
vorkommen kann. Dies dürfte
jedoch an der grundsätzlichen Originalität
dieser Einsichten überhaupt nichts ändern.
Eine der allerallgemeinsten Positionsbestimmungen
(§ 244 in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES)
thematisiert das Schicksal der Kultur im
Kontext des Schicksals ihrer eigentlichenTrägerschicht;
wir werden hier also mit dem ursprünglichen
(und deshalb authentischen) Problem der Dekadenz
konfrontiert: "Die Summe der Empfindungen,
Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last
der Cultur, ist so gross geworden, dass eine
Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die
allgemeine Gefahr ist, ja dass die cultivirten
Classen der europäischen Länder durchweg
neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren
Familien in einem Gliede dem Irrsinn nahe
gerückt ist. Nun kommt man zwar der Gesundheit
jetzt auf alle Weise entgegen; aber in der
Hauptsache bleibt eine Verminderung jener
Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden
Cultur-Last vonnöthen, welche, wenn sie selbst
mit schweren Einbussen erkauft werden sollte,
uns doch zu der grossen Hoffnung einer neuen
Renaissance Spielraum giebt. Man hat dem
Christenthum, den Philosophen, Dichtern,
Musikern eine Ueberfülle tief erregter Empfindungen
zu danken; damit diese uns nicht überwuchern,
müssen wir den Geist der Wissenschaft beschwören,
welcher im Ganzen etwas kälter und skeptischer
macht und namentlich den Gluthstrom des Glaubens
an letzte endgültige Wahrheiten abkühlt;
er ist vornehmlich durch das Christentum
so wild geworden". Die beiden Schlüsselworte
"Renaissance" und "Wissenschaft"
werden im späteren noch viel deutlicher vorkommen.
Der einmalige Wert (und die heute schon nur
für Historiker wahrnehmbare Originalität)
dieses Textes besteht darin, daß hier wesentliche
Grundinhalte, aber auch wesentliche Gründe
und Motive einer Kultur und Kunst Gestalt
annehmen, die wir antizipierend als eine
beschrieben, die jenseits überholter Wertvorstellungen
und Attitüden, im Besitz einer vollzogenen
epistemologischen Wendung entstehen kann,
aber auch entstehen wird.
Eine weiterführende, ebenfalls generelle
Perspektive der Kunst- und Kulturauffassung
Nietzsches entsteht aus einer verdoppelten
intellektuellen Operation, die so selten
in Nietzsches gedanklicher Werkstatt ja auch
nicht ist (vor allem § 245 in MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES). Einerseits funktioniert
die aktuelle und gegenwartsbezogene Einsicht,
wonach der Mensch durch sein sich akkumulierendes
Wissen einen Einblick in die wahren Motive
der Kulturentwicklung gewann. Daraus folgt,
daß es dem Willen, der Dezision (wenn man
will: der Will-kür) der bewußt kulturell
Handelnden und der bewußt historisch Denkenden
überlassen wird, die wahre Geschichte der
Kultur ohne die alten Illusionen wahrzunehmen,
die wahren Motivationen der künstlerischen
Produktion zu entdecken und von diesem Punkt
an schon auch die weitere Produktivität der
Kultur auf neue, nicht mehr metaphysische
Grundlage zu stellen: "Die Cultur ist
entstanden wie eine Glocke, innerhalb eines
Mantels von gröberem, gemeinerem Stoffe:
Unwahrheit, Gewaltsamkeit, unbegränzte Ausdehnung
aller einzelnen Ich's, aller einzelnen Völker,
waren dieser Mantel. Ist es an der Zeit,
ihn jetzt abzunehmen? Ist das Flüssige erstarrt,
sind die guten, natürlichen Triebe, die Gewohnheiten
des edleren Gemüthes so sicher und allgemein
geworden, dass es keiner Anlehnung an Metaphysik
und die Irrthümer der Religionen mehr bedarf,
keiner Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster
Bindemittel zwischen Mensch und Mensch, Volk
und Volk? - Zur Beantwortung dieser Frage
ist kein Wink eines Gottes uns mehr hülfreich:
unsere eigene Einsicht [!] muss da entscheiden.
Die Erdregierung des Menschen im Grossen
hat der Mensch selber in die Hand zu nehmen,
seine 'Allwissenheit' muss über dem weiteren
Schicksal der Cultur mit scharfem Auge wachen."
Wir irren uns kaum, wenn wir in diesem Aphorismus
diejenige Problematik erblicken, die die
Kultur und die Kunst für Nietzsche im Kontext
seiner Philosophie ganzheitlich darstellte.
Die Menschheit entwickelte demnach eine bewunderungswürdige
Kunst und Kultur, mit der sie ihre wesenhafte
Identität gleichsetzte. In einer gewissen
Etappe entdeckte die Menschheit die wahre
Genealogie dieser Kunst und Kultur. Die Aufgabe
der Umwertung ist in ihre Hand gelegt, wobei
diese Aufgabe eine sensible und zweifache
ist: Einmal muß die Wahrheit über die wahre
Genese von Kunst und Kultur ausgesprochen
werden, andererseits muß aber die Produktivität
von Kunst und Kultur unter neuen Vorzeichen
und aufgrund legitimer Werte und Attitüden
weiter gesichert werden.
Es ist im übrigen auch der latent-systematische
Ort, auf welchem der neue Begriff der "legitimen"
Kunst und Kultur mit Notwendigkeit entsteht.
Dieser neue Begriff der philosophisch "legitimen"
Kunst und Kultur ist selber Signal einer
großen geschichtsphilosophischen Umwälzung,
während er gleichzeitig auch ein Motor dieser
Umwälzung sein sollte. Ein wichtiger Text
hierzu findet sich im § 248 von MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES: "Unsere Zeit macht
den Eindruck eines Interim-Zustandes; die
alten Weltbetrachtungen, die alten Culturen
sind noch theilweise vorhanden, die neuen
noch nicht sicher und gewohnheitsmässig und
daher ohne Geschlossenheit und Consequenz.
Es sieht aus, als ob Alles chaotisch würde,
das Alte verloren gienge, das Neue nichts
tauge und immer schwächlicher werde [...]
Ueberdiess können wir in's Alte nicht zurück,
wir haben die Schiffe verbrannt; es bleibt
nur übrig, tapfer zu sein, mag nun dabei
diess oder jenes herauskommen [...] Vielleicht
sieht sich unser Gebahren doch einmal wie
Fortschritt an [...]"
Über die Inhalte der im neuen Sinne des Wortes
geschichtsphilosophisch "legitimen"
Kunst und Kultur gibt der § 237 in MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES die wesentlichsten konkreten
Orientierungen: "Die italiänische Renaissance
barg in sich alle die positiven Gewalten,
welchen man die moderne Cultur verdankt:
also Befreiung des Gedankens, Missachtung
der Autoritäten, Sieg der Bildung über den
Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die
Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit
der Menschen, Entfesselung des Individuums,
eine Gluth der Wahrhaftigkeit und Abneigung
gegen Schein und blossen Effect (welche Gluth
in einer ganzen Fülle künstlerischer Charaktere
hervorloderte, die Vollkommenheit in ihren
Werken und Nichts als Vollkommenheit mit
höchster sittlicher Reinheit von sich forderten);
ja, die Renaissance hatte positive Kräfte,
welche in unserer bisherigen modernen Cultur
noch nicht wieder so mächtig geworden sind.
Es war das goldene Zeitalter dieses Jahrtausends,
trotz aller Flecken und Laster. Dagegen hebt
sich nun die deutsche Reformation ab als
ein energischer Protest zurückgebliebener
Geister, welche die Weltanschauung des Mittelalters
noch keineswegs satt hatten und die Zeichen
seiner Auflösung, die ausserordentliche Verflachung
und Veräusserlichung des religiösen Lebens,
anstatt mit Frohlocken, wie sich gebührt,
mit tiefem Unmuthe empfanden. Sie warfen
mit ihrer nordischen Kraft und Halsstarrigkeit
die Menschen wieder zurück, erzwangen die
Gegenreformation, das heisst ein katholisches
Christentum der Nothwehr, mit den Gewaltsamkeiten
eines Belagerungszustandes und verzögerten
um zwei bis drei Jahrhunderte ebenso das
völlige Erwachen und Herrschen der Wissenschaften,
als sie das völlige In-Eins-Verwachsen des
antiken und des modernen Geistes vielleicht
für immer unmöglich machten. Die grosse Aufgabe
der Renaissance konnte nicht zu Ende gebracht
werden, der Protest des inzwischen zurückgebliebenen
deutschen Wesens (welches im Mittelalter
Vernunft genug gehabt hatte, um immer und
immer wieder zu seinem Heile über die Alpen
zu steigen) verhinderte diess. Es lag in
dem Zufall einer ausserordentlichen Constellation
der Politik, dass damals Luther erhalten
blieb und jener Protest Kraft gewann: denn
der Kaiser schützte ihn, um seine Neuerung
gegen den Papst als Werkzeug des Druckes
zu verwenden, und ebenfalls begünstigte ihn
im Stillen der Papst, um die protestantischen
Reichsfürsten als Gegengewicht gegen den
Kaiser zu benutzen. Ohne diess seltsame Zusammenspiel
der Absichten wäre Luther verbrannt worden
wie Huss - und die Morgenröthe der Aufklärung
vielleicht etwas früher und mit schönerem
Glanze als wir jetzt ahnen können, aufgegangen".
(Zweite, kurze Sperrung im Original - E.K.)
Die Auffassung der italienischen Renaissance
als Optimum der europäischen Kultur (die
ja damals ganzheitlich mit der Weltkultur
identisch war) scheint zunächst alles andere
als allzu originelle Position zu sein. Es
ist nur schon verwunderlich, mit welcher
intensiven Wesensschau Nietzsche aus diesem
weit verbreiteten Gemeinplatz der europäischen
Kulturgeschichte und Kulturphilosophie die
radikal "neue" Sicht der Renaissance
herausarbeitet. Schon thematisch ergibt sich
als erster Apekt die Notwendigkeit, Nietzsches
hier artikulierte Interpretation mit derjenigen
Jacob Burckhardts zu konfrontieren. Diese
Konfrontation ist aber immer noch eine äußerst
kritische Aufgabe, und zwar nicht aus dem
Grunde, daß uns heute über diese Relation
keine stattliche Literatur zur Verfügung
stünde. Die wesentlichste Schwierigkeit in
dieser Gegenüberstellung besteht darin, daß
Burckhardts sehr markante, sehr bewußte und
zugleich sehr singuläre Einstellung bis jetzt
noch nicht in jenem ideengeschichlichen Raum
rekonstruiert worden ist, in welchem man
Nietzsches entsprechende Konzeptionen erschließen
kann, mit anderen Worten, es kam bis jetzt
noch nicht zur Ausarbeitung eines gemeinsamen
begrifflichen Rahmens zwischen diesen beiden
Denkern, die beide auf jedem Gebiet ihrer
Artikulationen schon als sehr singulär betrachtet
werden dürften. Die diesbezügliche Singularität
Jacob Burkhardts besteht in einer Form von
demokratisch motiviertem Konservativismus,
der in dieser Gestalt in anderen Teilen Europas
sich nicht nur nicht entwickelte, sondern
auch kaum denkbar gewesen ist. Daß nämlich
ein vormoderner Konservativismus in der Position
eines demokratischen Aristokratismus oder
einer aristokratischen Demokratievorstellung
die neueren Formen der Demokratie opponiert,
galt sicherlich als singuläre Position, wenn
auch nicht so ganz singulär wie es uns heute
aufgrund der Modifikationen des historischen
Bewußtseins vorkommen muß. Jacob Burkhardts
berühmt-berüchtigte Auffassung über die italienische
Renaissance basiert auf diesem Standpunkt
seines Denkens.
Die Trivialität hört sogleich auf, Trivialität
zu sein, wenn die Einstellung zur Renaissance
nicht nur nach Jacob Burckhardts Intepretation,
sondern auch in einer offenen Auseinandersetzung
mit ihr entsteht. Es fällt Nietzsche sichtlich
umso leichter, als er für die Auseinandersetzung
nicht aktuelle Argumente, sondern die tiefsten
Einsichten seiner Geschichtsphilosophie mobilisieren
kann. Denn er hat, wie kaum ein anderer,
die grundsätzlichen Aspekte erfaßt, die die
Renaissance zum Optimum der bisherigen Kunst-
und Kulturentwicklung machen. Nietzsche nennt
dabei Motive, die in unveränderter Form auch
zu Maßstäben jeder (und jeder modernen) Kultur
hätten gemacht werden können. Denn die "Befreiung
des Gedankens", die "Missachtung
der Autoritäten", der "Sieg der
Bildung über den Dünkel der Abkünfte"
und die "Begeisterung für die Wissenschaft
und die wissenschaftliche Vergangenheit der
Menschen" u. ä. sind Motive, die in
ihrem Charakter als Optimum mit Nietzsches
Kulturauffassung restlos identifiziert werden
können. Auf diese Weise entfallen alle Distanzen
zwischen der Renaissance und dem innersten
Kern von Nietzsches Kulturphilosophie. Die
unbegrenzte Identität nimmt in der folgenden
Formulierung Gestalt an: "[...] die
Renaissance [...] das goldene Zeitalter dieses
Jahrtausends - trotz aller Flecken und Laster
[...]" - wobei die letzte Bemerkung
zweifellos auch von der Wahrnehmung der Perspektive
Burkhardts zeugt.
Die einmalige Bedeutung dieses Textes erschöpft
sich jedoch keineswegs nur darin, daß Nietzsche
mit Authentizität und Eindeutigkeit die tiefsten
Einsichten seiner philosophischen Überzeugung
mit dem historischen Real-Phänomen der Renaissance
trotz Jacob Burckhardt identifiziert. Diese
Positionierung führt auch zu einer direkten
und geradlinigen Kritik der vornehmlich als
deutsches Phänomen verstandenen Reformation.
Und da dem so ist, sind die ausstrahlenden
Wirkungen und Konsequenzen dieser Kritik
in jeder Hinsicht relevant, kommt Nietzsche
philosophisch zu einer Kritik der eigenen
Nation, der eigenen Geschichte und dadurch
der eigenen Kultur. Kein Zweifel, diese ohne
jede Vermittlung vollzogene Konfrontation
der Renaissance mit der Reformation hat eine
Reihe von rein geschichtsphilosophischen
Konnotationen. Für uns ist trotz alledem
diese Kritik an der Reformation (vor dem
Horizont der Renaissance) vor allem in jenem
Zusammenhang von Wichtigkeit, daß durch sie
die intellektuellen und die methodischen
Voraussetzungen einer Reflexion der deutschen
Geschichte und der deutschen Kulturentwicklung
geschaffen sind; wegen der heute nicht mehr
ganz selbstverständlichen nationalen Existenzweise
der Kultur ist diese Kritik sogar von größter
Wichtigkeit. Mit anderen Worten: Nietzsche
gewinnt eine Art geschichtsphilosophischen
Hintergrund zur Analyse der deutschen Kultur,
der in seinem gewaltig-bogenartigen Charakter
geradezu Herdersche oder Hegelsche Dimensionen
annimmt. Mit anderen Worten, es ergeben sich
hier auch Möglichkeiten, die Nähe von Nietzsches
welthistorisch-emanzipativem Ansatz zu den
Klassikern des deutschen Idealismus unmittelbar
zu studieren.
Im Gegensatz zum Hauptstrom des klassischen
deutschen Idealismus und - nur scheinbar
paradox - in dieser Hinsicht an Burckhardt
erinnernd, - lehnt aber der universalhistorische
Denker Friedrich Nietzsche jeden Diskurs
ab, der in diesem historischen Vorgang autopoietischen
Prozessen und Erwartungen Raum geben würde.
Die Zukunft , dieses so liebe und so häufig
gebrauchte Wort Nietzsches, entsteht nicht
motiviert und gestaltet von "selbstorganisierenden"
Prozessen; für ihre Gestaltung müssen jederzeit
reale menschliche Kräfte stets mit realem
Einsatz kämpfen. In Nietzsches "Geschichte
der Menschheit" geschieht nichts von
allein, entsteht kein Wert oder keine Emanzipation
auf irgend einem "Flussband der Progression".
Mit der Herausstellung der (deutschen) Reformation
als eines "energischen Protestes zurückgebliebener
Geister" gelingt es also Nietzsche,
eine geschichtsphilosophische Wendung (eigentlich
wäre der andere Ausdruck, "universalhistorische"
Wendung, angebrachter) zu konkretisieren,
die gleichzeitig und in einem und demselben
Zuge auch den optimalen Hintergrund der Kulturauffassung
jeglicher Disziplinierung abgeben kann. Es
ergibt sich, daß wir als die Konsequenz dieser
Kritik der Reformation das allerzentralste
und allertiefste Motiv von Nietzsches Philosophie
hervorheben, und zwar die durchgehende theoretische
und normative Überzeugung, daß falsches (nicht-richtiges,
nicht-mehr-richtiges, halb-richtiges etc.)
Bewußtsein in jedem möglichen Zusammenhang
und in jedem möglichen Subsystem nur Falsches
anrichten kann; mit einer ans Pathologische
grenzenden Konsequenz zerstört so ein Bewußtsein
menschliche Erkenntnis und menschliche Produktivität.
Man kann darüber auch eine andere Meinung
haben (der Verfasser dieser Zeilen teilt
allerdings diese radikale Stellungnahme Nietzsches
voll und ganz), Nietzsches philosophische
Grundattitüde läßt sich deskriptiv jedoch
ohne das Nachvollziehen dieser allertiefsten
Überzeugung überhaupt nicht adäquat verstehen.
Dies heißt im Konkreten also: Die Reformation
erwies sich als ein Rückschritt oder, wie
Nietzsche selber schrieb, als ein Protest
gegen das adäquate und das richtige Bewußtsein
(in der Gestalt der Renaissance) und wird
aus diesem Grunde zu einem falschen Bewußtsein,
auf welches die oben erwähnten Kriterien
wie notwendig bezogen werden müssen. Diese
kritische Auffassung der Reformation erhält
auch einen nennenswerten deformatorisch-dekonstruktiven
Schwung dadurch, daß die Reformation in dieser
qualitativ neuen Konfrontation wie erstmals
nicht mehr im Kontext der Gegenüberstellung
zum Katholizismus erscheint. Es versteht
sich von selber, daß diese Veränderung des
Horizontes auf eine sich leicht entfaltende
Weise zu einer großen Anzahl neuer Einsichten
und neuer Inhalte führt. Konkretisiert werden
diese Inhalte unter den vielen in Frage kommenden
Möglichkeiten auch darin, daß Erziehungs-,
Sozialisations- und Identitätsprobleme des
(und im) Protestantismus endlich, im Besitz
einer anderen, neuen Konfrontationsmöglichkeit,
artikuliert und diagnostisiert werden könnten.
Bis dahin nämlich erfüllte die Konfrontation
mit dem Katholizismus den geistigen Raum
der möglichen Vergleiche, was für die Artikulation
gerade dieser Probleme einseitig vorteilhaft
für Reformation und Protestantismus war.
Diese bewußte Verhinderung ("energischer
Protest") einer auf das richtige oder
das nicht-falsche Bewußtsein aufgebaute Kultur
ist also auch unter immer anders werdenden
Aspekten das Kernproblem von Nietzsches theoretischer
Sicht auf die Kultur überhaupt. Wir haben
gesehen, wie diese unerwartete Wendung es
mit sich brachte, daß umfassende Trends der
europäischen Kulturentwicklung mit jenen
der spezifisch deutschen Entwicklung unforciert
als eine Einheit erscheinen konnten und tatsächlich
auch erschienen. Aber nicht nur die spezifisch
deutsche Problematik tat sich in unerwarteter
Schärfe und Tiefe in Nietzsches gedanklichem
Verfahren auf, auch ein weiterer Zug von
Nietzsches philosophischer Anschauung konnte
auf den Plan treten, und zwar der, den man
ganz allgemein als Ressentimentphänomen bezeichnen
könnte. Wie schon in der philosophischen
und anthropologischen Grundanschauung Nietzsches
erwies sich die Sensibilität für das neu
thematisierte Ressentimentphänomen auch in
der Analyse der Kultur als ganz besonders
produktiv. Uns genügt an dieser Stelle nur,
auf die neuen und theoretisch noch ganz unerprobten
heuristischen Möglichkeiten jeglicher Ressentimentphänomene
in der Analyse der Kultur im allgemeinen
hinzuweisen, wobei plötzlich die oft ebenfalls
nur sehr allgemein gebrauchte Formel der
kulturellen oder sonstiger "Zurückgebliebenheit"
mit neuen konkreten Dimensionen versehen
wird.
In eine wieder sehr relevante und vielsagende
Relation kommt Nietzsche durch seine Reformationskritik
zur Philosophie des klassischen Idealismus.
Besonders relevant erscheint uns die Verbindung
der Reformationsproblematik mit derjenigen
der Aufklärung im deutschen Kontext, die
ja bei Hegel letztlich zur wesentlichen Identifizierung
der beiden umfassenden Prozesse geführt hat
und die in der These "Reformation ist
Revolution" ihren Niederschlag fand.
Es steht auf einem anderen Blatt, daß diese
Position Hegel nicht daran gehindert hat,
für die "grosse" Aufklärung nunmehr
ohne Bezugnahme auf die Reformation wieder
enthusiastische Worte der leidenschaftlichen
Anerkennung zu finden.
Gemeinsam ist also Hegel und Nietzsche eine
gewisse Basis für die Gesamtsicht der Reformation
und der Aufklärung im deutschen Kontext,
während die letzte Ausrichtung dieser Gemeinsamkeit
bei beiden wieder völlig verschieden ist.
Während der gemeinsam zu nennende Ausgangspunkt
bei Hegel (über dessen "geheimen"
oder "strategisch" verheimlichten
Absichten wir in diesem Vergleich freilich
keine Hypothesen aufstellen können) in der
Richtung einer fast vollkommenen Versöhnung
führt (d.h. wie es an manchen Stellen bei
Hegel auch explizit gemacht wird), wonach
Reformation im wesentlichen mit der Aufklärung
in dieser Region identisch ist, artikuliert
Nietzsche die dieser restlos gegenüberstehende
Position, wonach die Reformation durch ihren
historischen Sieg die essentielle Aufklärung
verhindert hatte. Die beiden gewaltigen Strömungen
bedeuten für Nietzsche nicht nur nicht eine
mögliche Versöhnung, sie stehen für einen
endgültigen Bruch der Geistesgeschichte.
In dieser (und selbstverständlich nur in
dieser Perspektive) erscheint die Reformation
nicht mehr als "halber" Erfolg
oder als "halbe" Wahrheit, sondern
als wohl die eher entwicklungsunfähige Variation
der menschheitlichen Entwicklung. Sie bleibt
gegenüber einer eindeutigen Form des richtigen
Bewußtsein "christlich", sie bleibt
es aber mit dem guten Bewußtsein des Fortschritts
und des ausgefochtenen Kampfes um Emanzipation.
Sie verfügt also über einem Begriff und Bewußtsein
der Emanzipation, ohne die dazu gehörige
eigentliche Legitimation zu erbringen. Sie
hält sich als endgültige Gestalt des emanzipierten
Bewußtseins, ohne die wirkliche Forderung
Nietzsches an das wirklich richtige Bewußtsein
zu erfüllen; denn diese im angeführten Text
namentlich gemachte Forderung besteht in
der Fähigkeit, die "antike und die moderne
Kultur" in eins "verwachsen zu
lassen". Daß die Reformation diese beiden
Kulturen nicht restlos miteinander amalgamieren
kann (und will), liegt auf der Hand. Sie
führt aber auch nicht zu einer kritischen
Wissenschaft, die mit jedem ihrer Schritte
Metaphysik abbaut und kritische Haltung induziert.
Nietzsches Ideen über die die ganze Menschheit
betreffenden, vielseitigen Konsequenzen dieser
Entwicklung werden nur aus dem ganzen Werk
ausgeglichen und restlos ersichtlich, an
ihre Gesamtheit sei an dieser Stelle für
einmal nur erinnert.
Nietzsches Grundvorstellung, wenn man will,
Grundideal von der Kultur wird hier in der
allerexplizitesten Form ausgesagt. Es versteht
sich jedoch ebenso von selber, daß diese
allerexpliziteste Form hermeneutisch richtig
verstanden werden muß. Denn diese Vorstellung
wird auf dem allerhöchsten Niveau von wissenssoziologischer
und ideologiekritischer Verallgemeinerung
vermittelt. Wir dürfen den methodischen und
höchst unphilosophischen Fehler so vieler
Nietzsche-Exegeten (zu denen auch Alfred
Baeumler und Georg Lukács gehört hatten),
die einzelnen Aussagen vom Piedestal ihres
wissenssoziologischen und ideologiekritischen
Abstraktionsgrades herunterzunehmen und sie
auf die unteren Ebenen der Abstraktion in
die philosophische Polemik zu schicken, nicht
wiederholen.
Dieses große Ideal, die "Vereinigung
der antiken und der modernen Kultur auf der
Basis der Wissenschaft" klingt in dieser
Formulierung heute gewiß wie eine Phrase,
die man vielleicht sogar schön finden kann.
Denkt man zu dieser Aussage aber all die
wesentlichen Inhalte von Nietzsches Philosophie
und Persönlichkeit hinzu, so wird die Folgerung
unabweislich, daß er dieses Ideal nicht nur
authentisch vertritt , sondern es auch mit
komplexen positiven Inhalten füllt.
In diesem Rahmen müssen auch noch jene analytisch-philosophischen
Perspektiven genannt werden, die Nietzsche
als eine Praxis der Kunst- und Kulturrezeption
beschreibt. Näher besehen gelten diese Perspektiven
als diejenigen einer dynamischen Sozialontologie,
die dann, im Falle ihrer vollzogenen Formulierung,
nicht mehr nur als Produkte der reinen und
interesselosen Erkenntnis, sondern auch als
weitere und bislang noch nicht erschlossene
neue Faktoren oder Akteure dieselbe Realität
bereichern, die zu beschreiben die ganze
Analyse sich angeschickt hatte. So beschreibt
der § 253 von Menschliches-Allzumenschliches
die Attitüde, wie die Einstellung der Treue
die Wahrnehmung und die Beurteilung einzelner
Philosophien (oder - MUTATIS MUTANDIS - anderer
intellektueller Produkte) beeinflußt. Der
§ 254 desselben Werkes beschreibt die dynamische
Veränderung der intellektuellen Wahrnehmung
durch die (ebenfalls als Prozeß gedachte)
"höhere Bildung" ("Im Verlaufe
der höheren Bildung wird dem Menschen Alles
interessant [...]"), während der § 255
schon wie eine reife und abgeschlossene wissenssoziologische
These den Prozeß der Kultivierung analysiert:
"Diese Gattung des Aberglaubens [d.
h. die der "Gleichzeitigkeit" -
E.K.] findet sich in verfeinerter Form bei
Historikern und Culturmalern wieder, welche
vor allem sinnlosen Nebeneinander, an dem
doch das Leben der Einzelnen und der Völker
so reich ist, eine Art Wasserscheu zu haben
pflegen."
Eine besondere Aufmerksamkeit verdient der
§ 261 ebenfalls aus dem Werk MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES. Hier geht es um die Machtstruktur
des intellektuellen Lebens, ein Thema, das
so selten thematisiert wird, daß man darüber
als über ein selbständiges Problem lange
nachdenken sollte. Nietzsches Schlußdiagnose
scheint auch im Lichte der späteren Entwicklung
bestätigt zu sein, auch wenn das im Mittelpunkt
stehende Schlüsselphänomen der Machtstruktur
in der späteren Entwicklung vielfach pervertiert
worden ist: "Die Periode der Tyrannen
des Geistes ist vorbei. In den Sphären der
höheren Cultur wird es freilich immer eine
Herrschaft geben müssen, - aber diese Herrschaft
liegt von jetzt ab in den Händen der Oligarchen
des Geistes [...] Die Oligarchen sind einander
nöthig, sie haben an einander ihre beste
Freude, sie verstehen ihre Abzeichen, - aber
trotzdem ist ein Jeder von ihnen frei, er
kämpft und siegt an seiner Stelle und geht
lieber unter, als sich zu unterwerfen."
In diesen Aspekten wird es letztlich Schritt
für Schritt gleichgültig, daß ihre ursprüngliche
Referenz die Kunst oder die Kultur war, denn
sie als Perspektiven der Realität, von der
Analyse Nietzsches entdeckt und in thesenhafte
Formen gebracht, werden von der Philosophie
in die Realität zurückgeschickt und machen
diese Realität, sowohl in ihrer gegenständlichen
Realität wie auch in der Welt ihrer Referenz,
nur reicher. Diese spezifische Relation gibt
ein selten gutes Beispiel auch dafür ab,
wie die einzelnen Subsysteme in Friedrich
Nietzsches Perspektivismus in der Regel erscheinen.
Dieser Perspektivismus erschließt die thematischen
Bereiche der einzelnen Teilsysteme (wie Ethik,
Ästhetik, Kunst, Kultur etc.) und vermehrt
das Wissen über sie; seine wahre Zielrichtung
ist aber nicht der theoretische Ausbau oder
die philosophische Rekonstruktion eines gegebenen
Subsystems, sondern das Zurückführen der
positiv gewonnenen Perspektiven und analytisch
erbrachten Erkenntnisse in eine neue Gesamtdeutung
der Wirklichkeit. Nietzsches neue Perspektiven
würden wie vorschreiben , daß aufgrund derselben
neuen Gesamtdarstellungen von den einzelnen
Subsystemen entstehen. Aus diesem Grunde
ist Nietzsches Philosophie, von den Subsystemen
aus gesehen, gleichzeitig real und imaginär.
Wie bereits oben gesagt, führen die einzelnen
neuen Perspektiven bei Nietzsche nicht in
die Richtung einer Rekonstitution der Subsysteme,
sondern in die des Ausbaus einer neuen Gesamtdarstellung
des Wirklichen. Es ist aber wieder eine neue
Frage, ob Subsysteme im wahren philosophischen
Sinne in der neuen Gesamtdarstellung überhaupt
einen systematischen Ort haben oder nicht.
Selbst die Idee der philosophischen Gesamtdarstellung
des Realen kann aber die legitime Frage nach
der im Kontext dieser Gesamtdarstellung legitimen
Kunst, nach einer Kunst, die in keiner Hinsicht
mehr auf überholten Momenten eines falschen
Bewußtseins beruht, nicht vergessen machen.
Uns scheint, daß sich dieser neue Bereich,
der Bereich jenseits der überholten Voraussetzungen
und Attitüden, bei Nietzsche zumindest in
zwei wesentlichen Punkten klar abzeichnet.
Die eine Dimension des neuen Raumes für legitime
Kunst und Kultur ist die Neuformulierung
der Kunst und Kultur als einer aus Freiheit
geschaffenen Notwendigkeit oder als einer
aus Notwendigkeit entstehenden Freiheit.
Eine der schönsten Formulierungen in dieser
Richtung findet man im bereits anfangs zitierten
Paragraph 292 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES:
"[...] indem du mit aller Kraft vorauserspähen
willst, wie der Knoten der Zukunft noch geknüpft
wird, bekommt dein eigenes Leben den Werth
eines Werkzeuges und Mittels zur Erkenntniss.
Du hast es in der Hand zu erreichen, dass
all dein Erlebtes [...] in deinem Ziele [...]
aufgehn. Dieses Ziel ist, selber eine nothwendige
Kette von Cultur-Ringen zu werden und von
dieser Nothwendigkeit aus auf die Nothwendigkeit
im Gange der allgemeinen Cultur zu schliessen
[...]"
Versucht man zudem, die Kunst und Kultur
jenseits überholter Voraussetzungen und Reflexe
zu konzipieren, so präsentiert uns Nietzsche
dies im folgenden Gestus außerordentlich
prägnant: "Ueber sich selber lachen,
wie man lachen müsste, um aus der ganzen
Wahrheit heraus zu lachen,- dazu hatten bisher
die Besten nicht genug Wahrheitssinn und
die Begabtesten viel zu wenig Genie!"
(DIE FRÖHLICHE WISSENSCHAFT, Erstes Buch,
§ 1 - Sperrung im Original - E.K.). Und die
Akzente liegt dabei nicht nur auf dem spezifischen
Lachen, wie es nur in Friedrich Nietzsches
Philosophie konnotiert wird. Zur neuen Kunst
und Kultur jenseits der überholten Wertsetzungen
und Attitüden ist jenes andere Motiv von
noch größerer Wichtigkeit, daß man alles
"aus der ganzen Wahrheit heraus"
macht, die Kunst und die Kultur auch miteinbegriffen!
Eine Praxis "aus der ganzen Wahrheit
heraus" ist die legitime menschliche
Praxis und somit auch die Praxis der legitimen
Kunst und Kultur.
ANMERKUNG DES VERFASSERS
Die vorliegende Arbeit ist eine thematische
Ergänzung zur Monographie FRIEDRICH NIETZSCHE
FILOZÓFIÁJA (Budapest, 1993). Eine andere
nennenswerte frühere Publikation des Verf.
ist: "Kunst 'unter Herrschaft der Erkenntnis'
-Künstler als 'zurückbleibendes Wesen'".
in: NIETZSCHEFORSCHUNG. Eine Jahresschrift,
Band 2., Berlin 1995. 277 - 286. Die einzelnen
Paragraphen der Nietzsche-Werke wurden aus
der folgenden Ausgabe zitiert: FRIEDRICH
NIETZSCHE SÄMTLICHE WERKE. Kritische Studienausgabe.
Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino
Montinari. Berlin- New York 1980.
KUNST UND ÄSTHETIK: VOM STANDPUNKT DES RICHTIGEN
BEWUSSTSEINS
(Zur Begründung des Ästhetischen bei Friedrich
Nietzsche)
Endre Kiss, Budapest
"Das Zeitalter, in welches du dich mit
Leidwesen geworfen fühlst, preist dich selig
dieses Glückes wegen; es ruft dir zu, dass
dir jetzt noch an Erfahrungen zu Theil werde,
was Menschen späterer Zeit vielleicht entbehren
müssen. Missachte es nicht, noch religiös
gewesen zu sein; ergründe es völlig, wie
du noch einen ächten Zugang zur Kunst gehabt
hast. Kannst du nicht gerade mit Hülfe dieser
Erfahrungen ungeheuren Wegstrecken der früheren
Menschheit verständnisvoller nachgehen? Sind
sie nicht gerade auf dem Boden, welcher dir
mitunter so missfällt, auf dem Boden des
unreinen Denkens, viele der herrlichsten
Früchte älterer Cultur aufgewachsen? Man
muss Religion und Kunst wie Mutter und Amme
geliebt haben, - sonst kann man nicht weise
werden. Aber man muss über sie hinaus sehen,
ihnen entwachsen können; bleibt man in ihrem
Banne, so versteht man sie nicht" (Kursivierungen,
mit Ausnahme der dritten, von E.K.). Diese
Konzeption (§ 292 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES),
mit den zu ihr wesenhaft gehörenden und aus
ihr notwendig ableitbaren Interpretationen
und Ergänzungen, gibt Einblick in die wahren
Dimensionen der neuen Nietzscheschen Auffassung
über die Kunst und die Kultur. Es ist der
Ort, wo auch die Umrisse einer systematischen
Ästhetik (vielleicht aber eher die einer
systematischen "Kunstwissenschaft")
bei Friedrich Nietzsche aufgefunden werden
sollten.
Diese Auffassung ist ohne Zweifel aus der
Essenz einer ganzen neuen philosophischen
Konzeption konstituiert worden, die man generell
als die zweite Schaffensperiode Nietzsches
bezeichnen und deren textuelle Basis man
vor allem in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES
(selbstverständlich aber überhaupt nicht
ausschließlich in diesem Werk) auffinden
kann.
Über die generellen philosophischen Konditionen
der von der Konzipierung dieser Position
an bei Nietzsche entstandenen neuen Kunst
sowie über deren ästhetischen, kunst- und
kulturtheoretischen Konsequenzen haben wir
bereits in anderen Arbeiten unsere Einstellung
äußern können. Im folgenden werden wir nicht
die kritische, sondern die positive Seite
dieser neuen Kunstauffassung ausarbeiten.
Es geht uns also hierbei nicht so sehr darum,
wie Kultur, Kunst, schöpferische Produktion
und ästhetische Rezeption im üblichen Sinne
von Nietzsche im Lichte der neuen philosophischen
Konzeption kritisch entlarvt werden. Im Mittelpunkt
steht jetzt, was für eine Kunst existierte,
existiert oder existieren kann, die den neuen
intellektuellen und gesamtmenschlichen Forderungen
Genüge leistet und auf welche Weisen Nietzsche
selber diese Phänomene der Kultur und Kunst
reflektiert.
In der Person Nietzsches erscheint ein höchst
singulärer Fall in der universalen Geschichte
des Denkens. Durch seinen Auftritt erfolgte
es das bislang einzige Mal in der Geschichte
der Kultur, daß ein Intellektueller des klassischen
Altertums und der philosophischen Musikkultur,
ein tiefer Kenner und Repräsentant der geistigen
Gehalte der klassischen deutschen Philosophie
und der deutschen Innerlichkeit eine wahrhaft
revolutionäre Wendung in der Wissenschaft
nicht nur wahrnimmt und versteht, sondern
selber auch die Theorie dazu konzipiert.
Wir haben keinen anderen Denker, der als
Dichter, Philologe, Musiker, Kritiker und
Theoretiker auf dem ganzen Gebiet der klassischen
Literatur, Philosophie und Musik selber eine
bahnbrechende kritische Wissenschaftstheorie
entworfen hätte, deren Spitze, in Form einer
Kritik der Metaphysik, sich gerade gegen
das philosophische und kulturelle Gesamtgut
der klassisch-idealistisch-ästhetischen Tradition
richtete.
Es ist eine wahrhaft neue, in dieser Form
vielleicht bis heute nicht wiederholte Perspektive,
die auf die Kultur gerichtet ist. Diese Perspektive
vereint Elemente des absoluten Außens mit
einem absoluten Innen. "Absolut"
innerlich ist etwa Nietzsches legendäre Verwachsenheit
mit der größten Kulturtradition Deutschlands,
die in ihm gleichsam inkarniert wird und
die er in seiner Jugend in ihrer Gesamtheit
von Grund auf erneuern will. "Absolut"
äußerlich ist in diesem Zusammenhang beispielsweise
die unvergleichliche Novität seines kritizistisch-positivistischen
Perspektivismus, der nicht ohne Recht auch
"kopernikanisch" genannt werden
kann.
Diese neue Sicht zeitigt einige generelle
Einsichten in die Daseinsbedingungen der
Kultur überhaupt, in denen seine einmalige
Perspektive schon unvergleichlich produktiv
zur Geltung kommen kann. Unsere heutige Beurteilung
leidet daran, daß uns viele dieser generellen
Einsichten vor allem durch die genuin aus
Nietzsche ausgehende kulturkritische oder
kulturphilosophische Literatur schon bekannt
vorkommen kann. Dies dürfte
jedoch an der grundsätzlichen Originalität
dieser Einsichten überhaupt nichts ändern.
Eine der allerallgemeinsten Positionsbestimmungen
(§ 244 in MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES)
thematisiert das Schicksal der Kultur im
Kontext des Schicksals ihrer eigentlichenTrägerschicht;
wir werden hier also mit dem ursprünglichen
(und deshalb authentischen) Problem der Dekadenz
konfrontiert: "Die Summe der Empfindungen,
Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last
der Cultur, ist so gross geworden, dass eine
Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die
allgemeine Gefahr ist, ja dass die cultivirten
Classen der europäischen Länder durchweg
neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren
Familien in einem Gliede dem Irrsinn nahe
gerückt ist. Nun kommt man zwar der Gesundheit
jetzt auf alle Weise entgegen; aber in der
Hauptsache bleibt eine Verminderung jener
Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden
Cultur-Last vonnöthen, welche, wenn sie selbst
mit schweren Einbussen erkauft werden sollte,
uns doch zu der grossen Hoffnung einer neuen
Renaissance Spielraum giebt. Man hat dem
Christenthum, den Philosophen, Dichtern,
Musikern eine Ueberfülle tief erregter Empfindungen
zu danken; damit diese uns nicht überwuchern,
müssen wir den Geist der Wissenschaft beschwören,
welcher im Ganzen etwas kälter und skeptischer
macht und namentlich den Gluthstrom des Glaubens
an letzte endgültige Wahrheiten abkühlt;
er ist vornehmlich durch das Christentum
so wild geworden". Die beiden Schlüsselworte
"Renaissance" und "Wissenschaft"
werden im späteren noch viel deutlicher vorkommen.
Der einmalige Wert (und die heute schon nur
für Historiker wahrnehmbare Originalität)
dieses Textes besteht darin, daß hier wesentliche
Grundinhalte, aber auch wesentliche Gründe
und Motive einer Kultur und Kunst Gestalt
annehmen, die wir antizipierend als eine
beschrieben, die jenseits überholter Wertvorstellungen
und Attitüden, im Besitz einer vollzogenen
epistemologischen Wendung entstehen kann,
aber auch entstehen wird.
Eine weiterführende, ebenfalls generelle
Perspektive der Kunst- und Kulturauffassung
Nietzsches entsteht aus einer verdoppelten
intellektuellen Operation, die so selten
in Nietzsches gedanklicher Werkstatt ja auch
nicht ist (vor allem § 245 in MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES). Einerseits funktioniert
die aktuelle und gegenwartsbezogene Einsicht,
wonach der Mensch durch sein sich akkumulierendes
Wissen einen Einblick in die wahren Motive
der Kulturentwicklung gewann. Daraus folgt,
daß es dem Willen, der Dezision (wenn man
will: der Will-kür) der bewußt kulturell
Handelnden und der bewußt historisch Denkenden
überlassen wird, die wahre Geschichte der
Kultur ohne die alten Illusionen wahrzunehmen,
die wahren Motivationen der künstlerischen
Produktion zu entdecken und von diesem Punkt
an schon auch die weitere Produktivität der
Kultur auf neue, nicht mehr metaphysische
Grundlage zu stellen: "Die Cultur ist
entstanden wie eine Glocke, innerhalb eines
Mantels von gröberem, gemeinerem Stoffe:
Unwahrheit, Gewaltsamkeit, unbegränzte Ausdehnung
aller einzelnen Ich's, aller einzelnen Völker,
waren dieser Mantel. Ist es an der Zeit,
ihn jetzt abzunehmen? Ist das Flüssige erstarrt,
sind die guten, natürlichen Triebe, die Gewohnheiten
des edleren Gemüthes so sicher und allgemein
geworden, dass es keiner Anlehnung an Metaphysik
und die Irrthümer der Religionen mehr bedarf,
keiner Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster
Bindemittel zwischen Mensch und Mensch, Volk
und Volk? - Zur Beantwortung dieser Frage
ist kein Wink eines Gottes uns mehr hülfreich:
unsere eigene Einsicht [!] muss da entscheiden.
Die Erdregierung des Menschen im Grossen
hat der Mensch selber in die Hand zu nehmen,
seine 'Allwissenheit' muss über dem weiteren
Schicksal der Cultur mit scharfem Auge wachen."
Wir irren uns kaum, wenn wir in diesem Aphorismus
diejenige Problematik erblicken, die die
Kultur und die Kunst für Nietzsche im Kontext
seiner Philosophie ganzheitlich darstellte.
Die Menschheit entwickelte demnach eine bewunderungswürdige
Kunst und Kultur, mit der sie ihre wesenhafte
Identität gleichsetzte. In einer gewissen
Etappe entdeckte die Menschheit die wahre
Genealogie dieser Kunst und Kultur. Die Aufgabe
der Umwertung ist in ihre Hand gelegt, wobei
diese Aufgabe eine sensible und zweifache
ist: Einmal muß die Wahrheit über die wahre
Genese von Kunst und Kultur ausgesprochen
werden, andererseits muß aber die Produktivität
von Kunst und Kultur unter neuen Vorzeichen
und aufgrund legitimer Werte und Attitüden
weiter gesichert werden.
Es ist im übrigen auch der latent-systematische
Ort, auf welchem der neue Begriff der "legitimen"
Kunst und Kultur mit Notwendigkeit entsteht.
Dieser neue Begriff der philosophisch "legitimen"
Kunst und Kultur ist selber Signal einer
großen geschichtsphilosophischen Umwälzung,
während er gleichzeitig auch ein Motor dieser
Umwälzung sein sollte. Ein wichtiger Text
hierzu findet sich im § 248 von MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES: "Unsere Zeit macht
den Eindruck eines Interim-Zustandes; die
alten Weltbetrachtungen, die alten Culturen
sind noch theilweise vorhanden, die neuen
noch nicht sicher und gewohnheitsmässig und
daher ohne Geschlossenheit und Consequenz.
Es sieht aus, als ob Alles chaotisch würde,
das Alte verloren gienge, das Neue nichts
tauge und immer schwächlicher werde [...]
Ueberdiess können wir in's Alte nicht zurück,
wir haben die Schiffe verbrannt; es bleibt
nur übrig, tapfer zu sein, mag nun dabei
diess oder jenes herauskommen [...] Vielleicht
sieht sich unser Gebahren doch einmal wie
Fortschritt an [...]"
Über die Inhalte der im neuen Sinne des Wortes
geschichtsphilosophisch "legitimen"
Kunst und Kultur gibt der § 237 in MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES die wesentlichsten konkreten
Orientierungen: "Die italiänische Renaissance
barg in sich alle die positiven Gewalten,
welchen man die moderne Cultur verdankt:
also Befreiung des Gedankens, Missachtung
der Autoritäten, Sieg der Bildung über den
Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die
Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit
der Menschen, Entfesselung des Individuums,
eine Gluth der Wahrhaftigkeit und Abneigung
gegen Schein und blossen Effect (welche Gluth
in einer ganzen Fülle künstlerischer Charaktere
hervorloderte, die Vollkommenheit in ihren
Werken und Nichts als Vollkommenheit mit
höchster sittlicher Reinheit von sich forderten);
ja, die Renaissance hatte positive Kräfte,
welche in unserer bisherigen modernen Cultur
noch nicht wieder so mächtig geworden sind.
Es war das goldene Zeitalter dieses Jahrtausends,
trotz aller Flecken und Laster. Dagegen hebt
sich nun die deutsche Reformation ab als
ein energischer Protest zurückgebliebener
Geister, welche die Weltanschauung des Mittelalters
noch keineswegs satt hatten und die Zeichen
seiner Auflösung, die ausserordentliche Verflachung
und Veräusserlichung des religiösen Lebens,
anstatt mit Frohlocken, wie sich gebührt,
mit tiefem Unmuthe empfanden. Sie warfen
mit ihrer nordischen Kraft und Halsstarrigkeit
die Menschen wieder zurück, erzwangen die
Gegenreformation, das heisst ein katholisches
Christentum der Nothwehr, mit den Gewaltsamkeiten
eines Belagerungszustandes und verzögerten
um zwei bis drei Jahrhunderte ebenso das
völlige Erwachen und Herrschen der Wissenschaften,
als sie das völlige In-Eins-Verwachsen des
antiken und des modernen Geistes vielleicht
für immer unmöglich machten. Die grosse Aufgabe
der Renaissance konnte nicht zu Ende gebracht
werden, der Protest des inzwischen zurückgebliebenen
deutschen Wesens (welches im Mittelalter
Vernunft genug gehabt hatte, um immer und
immer wieder zu seinem Heile über die Alpen
zu steigen) verhinderte diess. Es lag in
dem Zufall einer ausserordentlichen Constellation
der Politik, dass damals Luther erhalten
blieb und jener Protest Kraft gewann: denn
der Kaiser schützte ihn, um seine Neuerung
gegen den Papst als Werkzeug des Druckes
zu verwenden, und ebenfalls begünstigte ihn
im Stillen der Papst, um die protestantischen
Reichsfürsten als Gegengewicht gegen den
Kaiser zu benutzen. Ohne diess seltsame Zusammenspiel
der Absichten wäre Luther verbrannt worden
wie Huss - und die Morgenröthe der Aufklärung
vielleicht etwas früher und mit schönerem
Glanze als wir jetzt ahnen können, aufgegangen".
(Zweite, kurze Sperrung im Original - E.K.)
Die Auffassung der italienischen Renaissance
als Optimum der europäischen Kultur (die
ja damals ganzheitlich mit der Weltkultur
identisch war) scheint zunächst alles andere
als allzu originelle Position zu sein. Es
ist nur schon verwunderlich, mit welcher
intensiven Wesensschau Nietzsche aus diesem
weit verbreiteten Gemeinplatz der europäischen
Kulturgeschichte und Kulturphilosophie die
radikal "neue" Sicht der Renaissance
herausarbeitet. Schon thematisch ergibt sich
als erster Apekt die Notwendigkeit, Nietzsches
hier artikulierte Interpretation mit derjenigen
Jacob Burckhardts zu konfrontieren. Diese
Konfrontation ist aber immer noch eine äußerst
kritische Aufgabe, und zwar nicht aus dem
Grunde, daß uns heute über diese Relation
keine stattliche Literatur zur Verfügung
stünde. Die wesentlichste Schwierigkeit in
dieser Gegenüberstellung besteht darin, daß
Burckhardts sehr markante, sehr bewußte und
zugleich sehr singuläre Einstellung bis jetzt
noch nicht in jenem ideengeschichlichen Raum
rekonstruiert worden ist, in welchem man
Nietzsches entsprechende Konzeptionen erschließen
kann, mit anderen Worten, es kam bis jetzt
noch nicht zur Ausarbeitung eines gemeinsamen
begrifflichen Rahmens zwischen diesen beiden
Denkern, die beide auf jedem Gebiet ihrer
Artikulationen schon als sehr singulär betrachtet
werden dürften. Die diesbezügliche Singularität
Jacob Burkhardts besteht in einer Form von
demokratisch motiviertem Konservativismus,
der in dieser Gestalt in anderen Teilen Europas
sich nicht nur nicht entwickelte, sondern
auch kaum denkbar gewesen ist. Daß nämlich
ein vormoderner Konservativismus in der Position
eines demokratischen Aristokratismus oder
einer aristokratischen Demokratievorstellung
die neueren Formen der Demokratie opponiert,
galt sicherlich als singuläre Position, wenn
auch nicht so ganz singulär wie es uns heute
aufgrund der Modifikationen des historischen
Bewußtseins vorkommen muß. Jacob Burkhardts
berühmt-berüchtigte Auffassung über die italienische
Renaissance basiert auf diesem Standpunkt
seines Denkens.
Die Trivialität hört sogleich auf, Trivialität
zu sein, wenn die Einstellung zur Renaissance
nicht nur nach Jacob Burckhardts Intepretation,
sondern auch in einer offenen Auseinandersetzung
mit ihr entsteht. Es fällt Nietzsche sichtlich
umso leichter, als er für die Auseinandersetzung
nicht aktuelle Argumente, sondern die tiefsten
Einsichten seiner Geschichtsphilosophie mobilisieren
kann. Denn er hat, wie kaum ein anderer,
die grundsätzlichen Aspekte erfaßt, die die
Renaissance zum Optimum der bisherigen Kunst-
und Kulturentwicklung machen. Nietzsche nennt
dabei Motive, die in unveränderter Form auch
zu Maßstäben jeder (und jeder modernen) Kultur
hätten gemacht werden können. Denn die "Befreiung
des Gedankens", die "Missachtung
der Autoritäten", der "Sieg der
Bildung über den Dünkel der Abkünfte"
und die "Begeisterung für die Wissenschaft
und die wissenschaftliche Vergangenheit der
Menschen" u. ä. sind Motive, die in
ihrem Charakter als Optimum mit Nietzsches
Kulturauffassung restlos identifiziert werden
können. Auf diese Weise entfallen alle Distanzen
zwischen der Renaissance und dem innersten
Kern von Nietzsches Kulturphilosophie. Die
unbegrenzte Identität nimmt in der folgenden
Formulierung Gestalt an: "[...] die
Renaissance [...] das goldene Zeitalter dieses
Jahrtausends - trotz aller Flecken und Laster
[...]" - wobei die letzte Bemerkung
zweifellos auch von der Wahrnehmung der Perspektive
Burkhardts zeugt.
Die einmalige Bedeutung dieses Textes erschöpft
sich jedoch keineswegs nur darin, daß Nietzsche
mit Authentizität und Eindeutigkeit die tiefsten
Einsichten seiner philosophischen Überzeugung
mit dem historischen Real-Phänomen der Renaissance
trotz Jacob Burckhardt identifiziert. Diese
Positionierung führt auch zu einer direkten
und geradlinigen Kritik der vornehmlich als
deutsches Phänomen verstandenen Reformation.
Und da dem so ist, sind die ausstrahlenden
Wirkungen und Konsequenzen dieser Kritik
in jeder Hinsicht relevant, kommt Nietzsche
philosophisch zu einer Kritik der eigenen
Nation, der eigenen Geschichte und dadurch
der eigenen Kultur. Kein Zweifel, diese ohne
jede Vermittlung vollzogene Konfrontation
der Renaissance mit der Reformation hat eine
Reihe von rein geschichtsphilosophischen
Konnotationen. Für uns ist trotz alledem
diese Kritik an der Reformation (vor dem
Horizont der Renaissance) vor allem in jenem
Zusammenhang von Wichtigkeit, daß durch sie
die intellektuellen und die methodischen
Voraussetzungen einer Reflexion der deutschen
Geschichte und der deutschen Kulturentwicklung
geschaffen sind; wegen der heute nicht mehr
ganz selbstverständlichen nationalen Existenzweise
der Kultur ist diese Kritik sogar von größter
Wichtigkeit. Mit anderen Worten: Nietzsche
gewinnt eine Art geschichtsphilosophischen
Hintergrund zur Analyse der deutschen Kultur,
der in seinem gewaltig-bogenartigen Charakter
geradezu Herdersche oder Hegelsche Dimensionen
annimmt. Mit anderen Worten, es ergeben sich
hier auch Möglichkeiten, die Nähe von Nietzsches
welthistorisch-emanzipativem Ansatz zu den
Klassikern des deutschen Idealismus unmittelbar
zu studieren.
Im Gegensatz zum Hauptstrom des klassischen
deutschen Idealismus und - nur scheinbar
paradox - in dieser Hinsicht an Burckhardt
erinnernd, - lehnt aber der universalhistorische
Denker Friedrich Nietzsche jeden Diskurs
ab, der in diesem historischen Vorgang autopoietischen
Prozessen und Erwartungen Raum geben würde.
Die Zukunft , dieses so liebe und so häufig
gebrauchte Wort Nietzsches, entsteht nicht
motiviert und gestaltet von "selbstorganisierenden"
Prozessen; für ihre Gestaltung müssen jederzeit
reale menschliche Kräfte stets mit realem
Einsatz kämpfen. In Nietzsches "Geschichte
der Menschheit" geschieht nichts von
allein, entsteht kein Wert oder keine Emanzipation
auf irgend einem "Flussband der Progression".
Mit der Herausstellung der (deutschen) Reformation
als eines "energischen Protestes zurückgebliebener
Geister" gelingt es also Nietzsche,
eine geschichtsphilosophische Wendung (eigentlich
wäre der andere Ausdruck, "universalhistorische"
Wendung, angebrachter) zu konkretisieren,
die gleichzeitig und in einem und demselben
Zuge auch den optimalen Hintergrund der Kulturauffassung
jeglicher Disziplinierung abgeben kann. Es
ergibt sich, daß wir als die Konsequenz dieser
Kritik der Reformation das allerzentralste
und allertiefste Motiv von Nietzsches Philosophie
hervorheben, und zwar die durchgehende theoretische
und normative Überzeugung, daß falsches (nicht-richtiges,
nicht-mehr-richtiges, halb-richtiges etc.)
Bewußtsein in jedem möglichen Zusammenhang
und in jedem möglichen Subsystem nur Falsches
anrichten kann; mit einer ans Pathologische
grenzenden Konsequenz zerstört so ein Bewußtsein
menschliche Erkenntnis und menschliche Produktivität.
Man kann darüber auch eine andere Meinung
haben (der Verfasser dieser Zeilen teilt
allerdings diese radikale Stellungnahme Nietzsches
voll und ganz), Nietzsches philosophische
Grundattitüde läßt sich deskriptiv jedoch
ohne das Nachvollziehen dieser allertiefsten
Überzeugung überhaupt nicht adäquat verstehen.
Dies heißt im Konkreten also: Die Reformation
erwies sich als ein Rückschritt oder, wie
Nietzsche selber schrieb, als ein Protest
gegen das adäquate und das richtige Bewußtsein
(in der Gestalt der Renaissance) und wird
aus diesem Grunde zu einem falschen Bewußtsein,
auf welches die oben erwähnten Kriterien
wie notwendig bezogen werden müssen. Diese
kritische Auffassung der Reformation erhält
auch einen nennenswerten deformatorisch-dekonstruktiven
Schwung dadurch, daß die Reformation in dieser
qualitativ neuen Konfrontation wie erstmals
nicht mehr im Kontext der Gegenüberstellung
zum Katholizismus erscheint. Es versteht
sich von selber, daß diese Veränderung des
Horizontes auf eine sich leicht entfaltende
Weise zu einer großen Anzahl neuer Einsichten
und neuer Inhalte führt. Konkretisiert werden
diese Inhalte unter den vielen in Frage kommenden
Möglichkeiten auch darin, daß Erziehungs-,
Sozialisations- und Identitätsprobleme des
(und im) Protestantismus endlich, im Besitz
einer anderen, neuen Konfrontationsmöglichkeit,
artikuliert und diagnostisiert werden könnten.
Bis dahin nämlich erfüllte die Konfrontation
mit dem Katholizismus den geistigen Raum
der möglichen Vergleiche, was für die Artikulation
gerade dieser Probleme einseitig vorteilhaft
für Reformation und Protestantismus war.
Diese bewußte Verhinderung ("energischer
Protest") einer auf das richtige oder
das nicht-falsche Bewußtsein aufgebaute Kultur
ist also auch unter immer anders werdenden
Aspekten das Kernproblem von Nietzsches theoretischer
Sicht auf die Kultur überhaupt. Wir haben
gesehen, wie diese unerwartete Wendung es
mit sich brachte, daß umfassende Trends der
europäischen Kulturentwicklung mit jenen
der spezifisch deutschen Entwicklung unforciert
als eine Einheit erscheinen konnten und tatsächlich
auch erschienen. Aber nicht nur die spezifisch
deutsche Problematik tat sich in unerwarteter
Schärfe und Tiefe in Nietzsches gedanklichem
Verfahren auf, auch ein weiterer Zug von
Nietzsches philosophischer Anschauung konnte
auf den Plan treten, und zwar der, den man
ganz allgemein als Ressentimentphänomen bezeichnen
könnte. Wie schon in der philosophischen
und anthropologischen Grundanschauung Nietzsches
erwies sich die Sensibilität für das neu
thematisierte Ressentimentphänomen auch in
der Analyse der Kultur als ganz besonders
produktiv. Uns genügt an dieser Stelle nur,
auf die neuen und theoretisch noch ganz unerprobten
heuristischen Möglichkeiten jeglicher Ressentimentphänomene
in der Analyse der Kultur im allgemeinen
hinzuweisen, wobei plötzlich die oft ebenfalls
nur sehr allgemein gebrauchte Formel der
kulturellen oder sonstiger "Zurückgebliebenheit"
mit neuen konkreten Dimensionen versehen
wird.
In eine wieder sehr relevante und vielsagende
Relation kommt Nietzsche durch seine Reformationskritik
zur Philosophie des klassischen Idealismus.
Besonders relevant erscheint uns die Verbindung
der Reformationsproblematik mit derjenigen
der Aufklärung im deutschen Kontext, die
ja bei Hegel letztlich zur wesentlichen Identifizierung
der beiden umfassenden Prozesse geführt hat
und die in der These "Reformation ist
Revolution" ihren Niederschlag fand.
Es steht auf einem anderen Blatt, daß diese
Position Hegel nicht daran gehindert hat,
für die "grosse" Aufklärung nunmehr
ohne Bezugnahme auf die Reformation wieder
enthusiastische Worte der leidenschaftlichen
Anerkennung zu finden.
Gemeinsam ist also Hegel und Nietzsche eine
gewisse Basis für die Gesamtsicht der Reformation
und der Aufklärung im deutschen Kontext,
während die letzte Ausrichtung dieser Gemeinsamkeit
bei beiden wieder völlig verschieden ist.
Während der gemeinsam zu nennende Ausgangspunkt
bei Hegel (über dessen "geheimen"
oder "strategisch" verheimlichten
Absichten wir in diesem Vergleich freilich
keine Hypothesen aufstellen können) in der
Richtung einer fast vollkommenen Versöhnung
führt (d.h. wie es an manchen Stellen bei
Hegel auch explizit gemacht wird), wonach
Reformation im wesentlichen mit der Aufklärung
in dieser Region identisch ist, artikuliert
Nietzsche die dieser restlos gegenüberstehende
Position, wonach die Reformation durch ihren
historischen Sieg die essentielle Aufklärung
verhindert hatte. Die beiden gewaltigen Strömungen
bedeuten für Nietzsche nicht nur nicht eine
mögliche Versöhnung, sie stehen für einen
endgültigen Bruch der Geistesgeschichte.
In dieser (und selbstverständlich nur in
dieser Perspektive) erscheint die Reformation
nicht mehr als "halber" Erfolg
oder als "halbe" Wahrheit, sondern
als wohl die eher entwicklungsunfähige Variation
der menschheitlichen Entwicklung. Sie bleibt
gegenüber einer eindeutigen Form des richtigen
Bewußtsein "christlich", sie bleibt
es aber mit dem guten Bewußtsein des Fortschritts
und des ausgefochtenen Kampfes um Emanzipation.
Sie verfügt also über einem Begriff und Bewußtsein
der Emanzipation, ohne die dazu gehörige
eigentliche Legitimation zu erbringen. Sie
hält sich als endgültige Gestalt des emanzipierten
Bewußtseins, ohne die wirkliche Forderung
Nietzsches an das wirklich richtige Bewußtsein
zu erfüllen; denn diese im angeführten Text
namentlich gemachte Forderung besteht in
der Fähigkeit, die "antike und die moderne
Kultur" in eins "verwachsen zu
lassen". Daß die Reformation diese beiden
Kulturen nicht restlos miteinander amalgamieren
kann (und will), liegt auf der Hand. Sie
führt aber auch nicht zu einer kritischen
Wissenschaft, die mit jedem ihrer Schritte
Metaphysik abbaut und kritische Haltung induziert.
Nietzsches Ideen über die die ganze Menschheit
betreffenden, vielseitigen Konsequenzen dieser
Entwicklung werden nur aus dem ganzen Werk
ausgeglichen und restlos ersichtlich, an
ihre Gesamtheit sei an dieser Stelle für
einmal nur erinnert.
Nietzsches Grundvorstellung, wenn man will,
Grundideal von der Kultur wird hier in der
allerexplizitesten Form ausgesagt. Es versteht
sich jedoch ebenso von selber, daß diese
allerexpliziteste Form hermeneutisch richtig
verstanden werden muß. Denn diese Vorstellung
wird auf dem allerhöchsten Niveau von wissenssoziologischer
und ideologiekritischer Verallgemeinerung
vermittelt. Wir dürfen den methodischen und
höchst unphilosophischen Fehler so vieler
Nietzsche-Exegeten (zu denen auch Alfred
Baeumler und Georg Lukács gehört hatten),
die einzelnen Aussagen vom Piedestal ihres
wissenssoziologischen und ideologiekritischen
Abstraktionsgrades herunterzunehmen und sie
auf die unteren Ebenen der Abstraktion in
die philosophische Polemik zu schicken, nicht
wiederholen.
Dieses große Ideal, die "Vereinigung
der antiken und der modernen Kultur auf der
Basis der Wissenschaft" klingt in dieser
Formulierung heute gewiß wie eine Phrase,
die man vielleicht sogar schön finden kann.
Denkt man zu dieser Aussage aber all die
wesentlichen Inhalte von Nietzsches Philosophie
und Persönlichkeit hinzu, so wird die Folgerung
unabweislich, daß er dieses Ideal nicht nur
authentisch vertritt , sondern es auch mit
komplexen positiven Inhalten füllt.
In diesem Rahmen müssen auch noch jene analytisch-philosophischen
Perspektiven genannt werden, die Nietzsche
als eine Praxis der Kunst- und Kulturrezeption
beschreibt. Näher besehen gelten diese Perspektiven
als diejenigen einer dynamischen Sozialontologie,
die dann, im Falle ihrer vollzogenen Formulierung,
nicht mehr nur als Produkte der reinen und
interesselosen Erkenntnis, sondern auch als
weitere und bislang noch nicht erschlossene
neue Faktoren oder Akteure dieselbe Realität
bereichern, die zu beschreiben die ganze
Analyse sich angeschickt hatte. So beschreibt
der § 253 von Menschliches-Allzumenschliches
die Attitüde, wie die Einstellung der Treue
die Wahrnehmung und die Beurteilung einzelner
Philosophien (oder - MUTATIS MUTANDIS - anderer
intellektueller Produkte) beeinflußt. Der
§ 254 desselben Werkes beschreibt die dynamische
Veränderung der intellektuellen Wahrnehmung
durch die (ebenfalls als Prozeß gedachte)
"höhere Bildung" ("Im Verlaufe
der höheren Bildung wird dem Menschen Alles
interessant [...]"), während der § 255
schon wie eine reife und abgeschlossene wissenssoziologische
These den Prozeß der Kultivierung analysiert:
"Diese Gattung des Aberglaubens [d.
h. die der "Gleichzeitigkeit" -
E.K.] findet sich in verfeinerter Form bei
Historikern und Culturmalern wieder, welche
vor allem sinnlosen Nebeneinander, an dem
doch das Leben der Einzelnen und der Völker
so reich ist, eine Art Wasserscheu zu haben
pflegen."
Eine besondere Aufmerksamkeit verdient der
§ 261 ebenfalls aus dem Werk MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES. Hier geht es um die Machtstruktur
des intellektuellen Lebens, ein Thema, das
so selten thematisiert wird, daß man darüber
als über ein selbständiges Problem lange
nachdenken sollte. Nietzsches Schlußdiagnose
scheint auch im Lichte der späteren Entwicklung
bestätigt zu sein, auch wenn das im Mittelpunkt
stehende Schlüsselphänomen der Machtstruktur
in der späteren Entwicklung vielfach pervertiert
worden ist: "Die Periode der Tyrannen
des Geistes ist vorbei. In den Sphären der
höheren Cultur wird es freilich immer eine
Herrschaft geben müssen, - aber diese Herrschaft
liegt von jetzt ab in den Händen der Oligarchen
des Geistes [...] Die Oligarchen sind einander
nöthig, sie haben an einander ihre beste
Freude, sie verstehen ihre Abzeichen, - aber
trotzdem ist ein Jeder von ihnen frei, er
kämpft und siegt an seiner Stelle und geht
lieber unter, als sich zu unterwerfen."
In diesen Aspekten wird es letztlich Schritt
für Schritt gleichgültig, daß ihre ursprüngliche
Referenz die Kunst oder die Kultur war, denn
sie als Perspektiven der Realität, von der
Analyse Nietzsches entdeckt und in thesenhafte
Formen gebracht, werden von der Philosophie
in die Realität zurückgeschickt und machen
diese Realität, sowohl in ihrer gegenständlichen
Realität wie auch in der Welt ihrer Referenz,
nur reicher. Diese spezifische Relation gibt
ein selten gutes Beispiel auch dafür ab,
wie die einzelnen Subsysteme in Friedrich
Nietzsches Perspektivismus in der Regel erscheinen.
Dieser Perspektivismus erschließt die thematischen
Bereiche der einzelnen Teilsysteme (wie Ethik,
Ästhetik, Kunst, Kultur etc.) und vermehrt
das Wissen über sie; seine wahre Zielrichtung
ist aber nicht der theoretische Ausbau oder
die philosophische Rekonstruktion eines gegebenen
Subsystems, sondern das Zurückführen der
positiv gewonnenen Perspektiven und analytisch
erbrachten Erkenntnisse in eine neue Gesamtdeutung
der Wirklichkeit. Nietzsches neue Perspektiven
würden wie vorschreiben , daß aufgrund derselben
neuen Gesamtdarstellungen von den einzelnen
Subsystemen entstehen. Aus diesem Grunde
ist Nietzsches Philosophie, von den Subsystemen
aus gesehen, gleichzeitig real und imaginär.
Wie bereits oben gesagt, führen die einzelnen
neuen Perspektiven bei Nietzsche nicht in
die Richtung einer Rekonstitution der Subsysteme,
sondern in die des Ausbaus einer neuen Gesamtdarstellung
des Wirklichen. Es ist aber wieder eine neue
Frage, ob Subsysteme im wahren philosophischen
Sinne in der neuen Gesamtdarstellung überhaupt
einen systematischen Ort haben oder nicht.
Selbst die Idee der philosophischen Gesamtdarstellung
des Realen kann aber die legitime Frage nach
der im Kontext dieser Gesamtdarstellung legitimen
Kunst, nach einer Kunst, die in keiner Hinsicht
mehr auf überholten Momenten eines falschen
Bewußtseins beruht, nicht vergessen machen.
Uns scheint, daß sich dieser neue Bereich,
der Bereich jenseits der überholten Voraussetzungen
und Attitüden, bei Nietzsche zumindest in
zwei wesentlichen Punkten klar abzeichnet.
Die eine Dimension des neuen Raumes für legitime
Kunst und Kultur ist die Neuformulierung
der Kunst und Kultur als einer aus Freiheit
geschaffenen Notwendigkeit oder als einer
aus Notwendigkeit entstehenden Freiheit.
Eine der schönsten Formulierungen in dieser
Richtung findet man im bereits anfangs zitierten
Paragraph 292 von MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES:
"[...] indem du mit aller Kraft vorauserspähen
willst, wie der Knoten der Zukunft noch geknüpft
wird, bekommt dein eigenes Leben den Werth
eines Werkzeuges und Mittels zur Erkenntniss.
Du hast es in der Hand zu erreichen, dass
all dein Erlebtes [...] in deinem Ziele [...]
aufgehn. Dieses Ziel ist, selber eine nothwendige
Kette von Cultur-Ringen zu werden und von
dieser Nothwendigkeit aus auf die Nothwendigkeit
im Gange der allgemeinen Cultur zu schliessen
[...]"
Versucht man zudem, die Kunst und Kultur
jenseits überholter Voraussetzungen und Reflexe
zu konzipieren, so präsentiert uns Nietzsche
dies im folgenden Gestus außerordentlich
prägnant: "Ueber sich selber lachen,
wie man lachen müsste, um aus der ganzen
Wahrheit heraus zu lachen,- dazu hatten bisher
die Besten nicht genug Wahrheitssinn und
die Begabtesten viel zu wenig Genie!"
(DIE FRÖHLICHE WISSENSCHAFT, Erstes Buch,
§ 1 - Sperrung im Original - E.K.). Und die
Akzente liegt dabei nicht nur auf dem spezifischen
Lachen, wie es nur in Friedrich Nietzsches
Philosophie konnotiert wird. Zur neuen Kunst
und Kultur jenseits der überholten Wertsetzungen
und Attitüden ist jenes andere Motiv von
noch größerer Wichtigkeit, daß man alles
"aus der ganzen Wahrheit heraus"
macht, die Kunst und die Kultur auch miteinbegriffen!
Eine Praxis "aus der ganzen Wahrheit
heraus" ist die legitime menschliche
Praxis und somit auch die Praxis der legitimen
Kunst und Kultur.
ANMERKUNG DES VERFASSERS
Die vorliegende Arbeit ist eine thematische
Ergänzung zur Monographie FRIEDRICH NIETZSCHE
FILOZÓFIÁJA (Budapest, 1993). Eine andere
nennenswerte frühere Publikation des Verf.
ist: "Kunst 'unter Herrschaft der Erkenntnis'
-Künstler als 'zurückbleibendes Wesen'".
in: NIETZSCHEFORSCHUNG. Eine Jahresschrift,
Band 2., Berlin 1995. 277 - 286. Die einzelnen
Paragraphen der Nietzsche-Werke wurden aus
der folgenden Ausgabe zitiert: FRIEDRICH
NIETZSCHE SÄMTLICHE WERKE. Kritische Studienausgabe.
Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino
Montinari. Berlin- New York 1980.
Anmerkungen
Die einzelnen Passagen aus Nietzsches Werken
wurden nach der folgenden Ausgabe zitiert:
Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische
Studienausgabe, herausgegeben von Giorgio
Colli und Mazzino Montinari, Berlin/New York,
1980.
Die vorliegende Arbeit ist eine thematische
Ergänzung zur Monographie Friedrich Nietzsche
Filozófiája (Budapest, 1993). Weitere relevante,
neuere Arbeiten des Verfassers zur Nietzsche-Problematik
sind:
- "Lukács versus Nietzsche, or the Most
Significant Stalinist Trial Against Philosophy",
in: East Europa ((East(ern) Europe ??)) Reads
Nietzsche, ed. by Alice Freifeld, Peter Bergmann
and Bernice Glatzer Rosenthal, New York:
Boulder, 1998. 207-218.
- "Karl Jaspers' Auslegung Nietzsches
als eines Metaphysikers der Immanenz",
in: Karl Jaspers. Philosophy on the Way to
"World Philosophy", ed. by Leonard
H. Ehrlich and Richard Wisser, Amsterdam,
Würzburg, 1998. 155-166
- "Reconstructing Positive Political
Metaphysics", in: The European Legacy,
vol.1, no. 6, 1997. 2185-2198.
- "Friedrich Nietzsche und der philosophische
Pragmatismus", in: The Role of Pragmatics
in der Gegenwartsphilosophie ((Englisch&Deutsch
in einem Titel??)), papers, vol. 1, 20th
International Wittgenstein Symposium, Kirchberg
am Wechsel, 1997. 473-480.
- "Friedrich Nietzsche als Theoretiker
der modernen Demokratie", in: Friedrich
Nietzsche und die globalen Probleme unserer
Zeit, hg. von Endre Kiss. Cuxhaven-Dartford:
Junghans, 1997. 249-263.
- "Gibt es ein Projekt der Aufklärung
und wenn ja, wie viele? (Aufklärung vor dem
Horizont der Postmoderne)", in: The
Postmodernist Critique of the Project of
Enlightenment, ed. by Sven- Eric Liedman,
Amsterdam, Atlanta, GA, 1997. 89-104.
- "Nietzsche, Heidegger und der Wille
zur Macht", in: Nietzsche-Studien. Internationales
Jahrbuch für die Nietzsche-Forschung, Band
25, 1996. 349-352.
- "Heidegger's Nietzsche and the Third
Reich", in: E.K. Against New Metaphysics.
Studies on Positive Metaphysics and Everday
Consciousness, Cuxhaven-Dartford: Junghans,
1996. 37-48.
- "Kunst "unter Herrschaft der
Erkenntnis" - Künstler als "zurückbleibendes
Wesen"", in: Nietzscheforschung.
Eine Jahresschrift, Band 2, hg. von Hans-Martin
Gerlach und Renate Reschke in Zusammenarbeit
mit Rüdiger Ziemann, Berlin: Akademie Verlag,
1995. 277-286.
- "Die Neukonstitution der philosophischen
Wissenschaften als Nietzsches Lösung des
Bewußtseinsproblems", in: Das Bewußtsein
- philosophische, psychologische und physiologische
Aspekte, Berlin, 1994. 147-161.
- "Der Philosoph Friedrich Nietzsche
und seine Aufklärung", in: Jahresschrift
der Förder- und Forschungsgemeinschaft Friedrich
Nietzsche, Band III, 1992/1993, Halle (Saale),
1994. 171-181.
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