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Nicht wenige Eigenschaften dieses Erschliessungsversuches
würden bestätigen, dass die Interpretation
von Karl Jaspers wohl den bis dahin anspruchsvollsten
Versuch einer genuin philosophischen (oder
was angesichts der tatsächlich verlaufenen
Nietzsche-Rezeption noch viel gewichtiger
ist, einer genuin "fachphilosophischen")
Nietzsche-Deutung überhaupt darstellt. Dafür
spricht, dass im Prinzip Nietzsches sämtliche
wesentliche Denkperspektiven mit einer bis
dahin unbekannt intensiven Mobilisierung
der Nietzsche-Texte rekonstruiert werden.
Schon diese Eigenschaften machen diese Interpretation
zu einer Ausnahme in der Geschichte der Nietzsche-Deutung.
Erstens war auf diese Feld nicht gerade üblich,
zumindest in der Intention SÄMTLICHE Denkperspektiven
des Philosophen in die Untersuchung einzubeziehen,
darüber, zweitens, ganz zu schweigen, dass
so viele Denkperspektiven auch noch mit den
eigenen Texten des Philosophen konfrontiert,
bzw. verifiziert werden. In der ungarischen
Literaturgeschichte lebt eine Legende von
einer Dichterin, die nur eine einzige Nacht
mit dem grössten Dichter ihrer Zeit verbrachte
und ein ganzes Buch über den Dichter schrieb.
MUTATIS MUTANDIS liesse sich wohl sagen,
dass es viele Nietzsche-Interpretationen
gab und gibt, die nur ganz wenige Denkperspektiven
mit sehr mangelhafter philologischer Untermauerung
als wahre Grundlage ihrer Interpretationsarbeit
aufweisen können.
Karl Jaspers` im Vergleich zu den früheren
Massstäben vielseitigste und anspruchsvollste
Nietzsche-Interpretation ist aber andererseits
auch ein Phänomen eines in den dreissiger
Jahren einsetzenden neuen Zeitalters der
Nietzsche-Interpretation, die durch Namen
wie Alfred Bäumler, Martin Heidegger, Walter
Kaufmann oder Karl Löwith angedeutet werden
kann (unsererseits würden wir Max Schelers
vielseitige, vielbeachtete, kreative und
unablässige Aktivitäten um ein intensives
und sachlich ausgewertetes Weiterdenken der
Nietzscheschen Philosophie gern mit hineinrechnen).
Dieser neue Zugang zu Nietzsche, der ja allein
schon wegen der fatalen geschichtlichen Entwicklung
zeigt weitere merkwürdige Züge. Ähnlich Jaspers,
sie alle wollen "plötzlich" "ganzheitliche"
Nietzsche-Interpretationen liefern, in einem
bis dahin kaum bekannten Sinne des Wortes
"ganzheitlich". Darüber hinaus
erachten sie in diesen "ganzheitlich"
gedachten Nietzsche-Auslegungen alles andere
als eine nur akademische Angelegenheit, sie
entwerfen diese Darstellungen im Bewusstsein,
ein "geheimes Zentrum" der philosophischen
Weltproblematik aufzufinden (1).
Es zeugt von Jaspers` stark ausgeprägter
methodologischer Bewusstheit, dass er beim
Einstieg die folgende Frage stellt: "Es
ist angesichts dieser entschiedenen Einsichten
Nietzsches zunächst erstaunlich, dass er
selber eine neue eigene Totalauslegung der
Welt vollzieht: als ein Behaupten von dem,
was eigentlich ist" (2). Damit berührt
Jaspers nicht nur ein fundamentales Problem
jeder Nietzsche-Interpretation, so etwa die
Relation der "ausgelegten" zu den
"positiven" Inhalten oder, um nur
ein anderes Beispiel zu nennen, die Relation
des definitiven philosophischen Perspektivismus
zu eventuellen positiven Totaldeutungen.
Die von Jaspers auch selber exponierte Dualität
zwischen einer "Interpretationsphilosophie
ohne zentrale positive Idee" oder "Nietzsches
Interpretation grundsätzlich um einer positiv-umfassenden
Idee herum" bezieht sich selbstverständlich
auf seine eigene Interpretationsarbeit. Seine
gut gestellte methodische Alternative entzieht
ihn nicht dem Zwang, in dieser Alternative
seine eigene Entscheidung treffen zu müssen.
Jaspers kommt zum Ergebnis, dass Nietzsche
letztlich eine spezifische "Metaphysik"
schuf, eine Metaphysik, die "den grossen
philosophischen Weltsystemen des 17. Jahrhunderts
in der Gedankenform zu entsprechen scheint"
(3).
Jaspers` Interpretation der Philosophie Nietzsches
als "Metaphysik des Willens zur Macht"
lässt sich mit Grund sowohl mit Heideggers
wie auch mit Bäumlers ähnlich auf die Metaphysik-These
konzentrierten Deutungen vergleichen. Unsere
These ist, dass diese Ähnlichkeit besteht,
dass aber Karl Jaspers auf der Grundlage
der Metaphysik-These nicht nur eine autochthone
und eigene Nietzsche-Interpretation erarbeitete,
die in ihrer puren Existenz eine direkte
und vernichtende Polemik gegen Bäumlers und
Heideggers Interpretationen verkörpert. Es
mag heute vielleicht direkt auffallen, war
es doch eher ein natürlicher Gestus, dass
Jaspers diese Intention im VORWORT seines
Buches selber betont hatte: "Mein Buch
möchte eine Interpretation sein, die unabhängig
vom Augenblick ihrer Entstehung sachlich
gültig ist (!). Aber in jenem Augenblick
von 1934 und 1935 wollte das Buch zugleich
gegen die Nationalsozialisten die Denkwelt
dessen aufrufen, den sie zu ihrem Philosophen
erklärt hatten" (4). Unser wichtigstes
Anliegen in diesem Versuch wird es sein,
diesen Kampf Jaspers` gegen den "philosophischen"
Nationalsozialismus in allen wesentlichen
Punkten aufzuzeigen, einen Kampf, der allerdings,
wie Jaspers es selbst aussagt, im Rahmen
der wissenschaftlich-sachlichen "Gültigkeit"
ausgefochten worden ist, ja, selber vieles
überhaupt zur Herstellung der Forderungen
nach sachlicher Gültigkeit in der Nietzsche-Forschung
zum ersten Mal geleistet hatte.
Die Umrisse einer Problemstellung, ausgedrückt
in der Kapiteleinteilung oder in der Auswahl
der leitenden Kategorien der Interpretation,
sind bewusste oder auch unbewusste Folgen
und Konsequenzen von grundsätzlichen und
sich als strategisch erweisenden interpretatorischen
Entscheidungen. Durchgehend bewahrheitet
sich diese Einsicht bei jeder Nietzsche-Interpretation.
Denn die oben beschriebene Auswahl aufgrund
einer INTERPRETATORISCHEN VORENTSCHEIDUNG
leitet die Selektion der bestimmenden philosophischen
Perspektiven aus einer philosophischen Substanz,
die im wahren Sinne des Wortes aus unzähligen
positiv bestimmten philosophischen Perspektiven
besteht. Gesteigert wird die Bedeutung der
grundlegenden Kategorisierung in der betreffenden
HISTORISCHEN Periode, in der - wie davon
schon die Rede war - zum ersten Mal in der
Geschichte der Nietzsche-Rezeption eine ganzheitliche
Interpretation der Philosophie Nietzsches
plötzlich an die philosophische Tagesordnung
kommt, und zwar gleich so, dass die Auseinandersetzung
mit ihm zum zentralen Betätigungsfeld der
"philosophischen Politik", aber
auch - wie es der Fall Bäumler und Heidegger
unter Beweis stellen können - der "politischen
Philosophie wird.
Die grundsätzliche Kategorisierung trägt
die Keime der Willkürlichkeit auch in dem
Sinne in sich, dass die zur Grundlage ausgewählten
einzelnen Begriffe gerade durch den Akt der
sie isolierenden Auswahl kaum mehr MITEINANDER
VERMITTELT werden können. Der pure Akt der
Auswahl trennt im weiteren die grundsätzlichen
Kategorien voneinander, was bei Nietzsche
eine Bedingung ist, die nie aus dem Horizont
der Interpretation ganz verschwinden kann.
Exemplarisch zeigt sich diese Problematik
in Jaspers´ GRUNDKATEGORISIERUNG (die dann
im Laufe seiner Rekonstruktion mit positiven
Inhalten ausgefüllt werden).
Die sechs "Grundgedanken" Nietzsches
(die alle in einem gesonderten Kapitel zur
Analyse kommen), auf welche sich die vorhin
umrissene methodologische Überlegung bezieht,
sind die folgenden:
1) Der Mensch
2) Wahrheit
3) Geschichte und gegenwärtiges Zeitalter
4) Grosse Politik
5) Weltauslegung
6) Grenzen und Ursprünge
Es fällt gleich auf, dass die sechs Grundkategorien
eine spezifische "Verdoppelung"
zeigen. Denn es liegt auf der Hand, dass
"Geschichte und gegenwärtiges Zeitalter"
und "Grosse Politik", oder "Wahrheit"
und "Weltauslegung", aber auch,
dass "Der Mensch" und "Grenzen
und Ursprünge" in der nächsten Nähe
zueinander stehen. Stellt man diese "verdoppelten"
Grundkategorien oder wie Jaspers sie nennt,
"Grundgedanken" in eine adäquate
Reihenfolge, so ergibt sich das folgende
Bild:
1 Mensch 2 Wahrheit 3 Geschichte/Gegenwart
6.Grenzen/Ursprünge 5 Weltauslegung 4 Grosse
Politik
Angesichts dieser Ordnung wird die Vermutung
zur Hypothese. Die "Verdoppelung"
der "Grundgedanken" Nietzsches
hatte bei Karl Jaspers eine konkrete Absicht.
Denn was würde in einem entgegengesetzten
Fall erklären, dass etwa "Wahrheit"
und "Weltauslegung" nicht unter
die gleiche Kategorie fallen. An diesem Punkt
wird es unerlässlich, dass der INHALT der
einzelnen "Grundgedanken" zusammengefasst
wird. Es versteht sich von selbst, dass diese
inhaltliche Zusammenfassung im Rahmen dieses
Versuchs nur kurz ausfallen kann, wiewohl
alles Notwendige gemacht worden ist, den
Inhalt der einzelnen Grundgedanken adäquat
wiederzugeben.
Der erste "Grundgedanke" (auch
als ERSTES KAPITEL) lässt sich als Jaspers`
zusammenfassende Rekonstruktion von Nietzsches
Anthropologie auffassen. Erwähnenswert ist
die Auffassung des Übermenschen als etwas
"Unbestimmten", stets immer "Höhergehenden".
Die ganze Problematik der oben angedeuteten
grundsätzlichen Kategorisierung erscheint
hier mit voller Kraft. Es wird - ANTHROPOLOGISCH
- zum Menschen zurückgegangen, wiewohl die
beim Aufbau der Anthropologie bestimmenden
Motive in diesem Akt noch mit Notwendigkeit
"unfundiert" bleiben: "Wenn
für Nietzsche alles hinfällig zu werden scheint,
was gegolten hat, so ist ihm um so entschiedener
zu tun um den Menschen. Ihm ist jederzeit
der bewegende Antrieb sowohl sein Ungenügen
am gegenwärtigen wie seine Sehnsucht und
sein Wille zum eigentlichen und möglichen
Menschen" (5). Anthropologie erscheint
scheinbar als ein Feld, auf welches man zurückziehen
kann, obwohl es kaum einsehen lässt, warum
sie ein "sicheres" Feld wäre, wenn
alles "hinfällig zu werden" anfängt.
Erstaunlich unsicher, gleichzeitig aber auch
differenziert setzt sich Jaspers im Kontext
des "Grundgedankens Mensch" mit
der Moralkritik auseinander. Zum einen nennt
er "zwei Zirkel" in dieser Moralphilosophie
("Moralität entspringt der Unmoralität",
"Moralkritik entspringt der höchsten
Moralität") (6), setzt aber gleich hinzu,
dass diese nur "formale" Zirkel
sind, "deren Ergebnis nicht logisch,
sondern aus existentiellem Grunde ebenso
das Sichselbsttragen im Selbstbehaupten,
wie das Sichselbstverneinen im Selbstmord
der Moral sein kann" (7). Diese Situierung
des Anthropologischen im Moralischen und
auf diesem Wege im Existentiellen kann schon
auch als ein möglicher Übergang des ersten
"Grundgedankens" in den sechsten
ausmachen.
Dass der sechste "Grundgedanke"
in der Jaspersschen Nietzsche-Deutung von
Anfang an eine existentielle Dimension aufweist,
versteht sich von selbst: "Nietzsche
hat die uralte Frage der Theodizee, die im
Altertum ihre Tiefe im Prometheus des Äschylus
und im Buch Hiob erreichte, in neuerer Zeit
durch Leibnitz rational erörtert wurde, in
ursprünglicher Weise gestellt. Sein Philosophieren
gewinnt den erschütternden Anstoss durch
die SINN- UND WERTFRAGE, seine Erfüllung
in der Weise seines JA zum Sein oder vielmehr
als das DENKEN DES JA, das ihm das Sein selbst
ist" (8). Diese Intonation verrät, dass
Nietzsche in dem sechsten "Grundgedanken"
als origineller "Existenzdenker"
erscheint. Im folgenden unternimmt Jaspers
ernstzunehmende Schritte, das auf diese Weise
rekonstruierte Existentielle in reiner Form
darzustellen, d.h. es dem Zusändigkeitsbereich
anderer kategorieller Subsysteme, so vor
allem dem des Psychologischen, zu entziehen:
"...ist klar, dass keiner der von Nietzsche
gemeinten Zustände eine blosse Stimmung oder
ein blosses Erlebnis sein kann. Sie sind
vielmehr selbst das Übergreifende und Durchdringende,
Ursprung der lebensbeherrschenden Antriebe:
die Existenz kommt in ihnen und ihrer Bewegung
zum Bewusstsein ihrer selbst und des Seins"
(9). Die bei Jaspers eben herausgearbeitete
"existentielle" Dimension steht
jedoch in einer sich IM SPÄTEREN ALS ENTSCHEIDEND
ERWEISENDEN RELATION zur metaphysischen Auffassung
des Seins: "Es ist für Nietzsche nicht
nur ein gedanklicher Prozess, der im Philosophieren
aus dem souveränen Werden zum Sein (in der
Form des Willens zur Macht als Metaphysik
- E.K.) zurückkehrt, sondern in ihm ein Umschlag
der existentiellen Haltung..." (10).
Damit entsteht bei Jaspers eine entscheidende
ISOMORPHIE zwischen dem "Bewusstsein
der Existenz" und der "Metaphysik"
als "Wissen von den Dingen in der Welt"
in der Form des "Willens zur Macht".
Diese Isomorphie (die für UNSER Interpretationsziel
von der grössten Wichtigkeit ist) hebt jedoch
Jaspers` Befremden angesichts der (von ihm
auch rekonstruierten) Konzeption des Willens
zur Macht als Metaphysik auf: "...ist
dieses Sein, welches für den philosophisch
transzendierenden Gedanken aus dem Werden
hervorgeht, radikal zu unterscheiden von
dem Sein, das durch den Willen zur Macht
aus dem Festmachen seiner Denkbarkeiten als
das Wissen von den Dingen in der Welt entsteht"
(11). Es heisst auch, um es vorläufig zu
summieren, dass für Jaspers das Existentiale
keinesfalls mit dem Metaphysischen zu verwechseln
sei, obwohl auch er - als Nietzsche-Interpret
- Nietzsche das philosophische Hervorbringen
einer positiven Metaphysik durchaus eindeutig
zuschreibt. Im folgenden können wir diejenigen
Vorstellungen im Konkreten studieren, die
- auch für Jaspers´ eigene Philosophie relevant
- für ihn die Substanz einer existentiellen
Nietzsche-Deutung ausmachen: "In der
Gesamtheit der >Zustände< - der überwindenden
Bewegung, dann des vornehmen Seins, des heroischen
Daseins, der dionysischen Seele, schliesslich
der mystischen Vollendung eines Seinsinneseins
- ist der Kreis dessen umschritten, worin
Nietzsche das ursprüngliche und umgreifende
absolute Bewusstsein der Existenz umfasst,
aus dem alles wahre Denken, Mitteilen, Handeln
und Sichverhalten, die Weise des Weltseins,
die Antwort des Ja zum Dasein hervorgeht;
darum aber kann dieses absolute Bewusstsein
nicht selbst, als ob es ein blosses Dasein
in der Welt wäre, seinerseits noch einmal
bedingt sein durch etwas, das nur für es
da und nur ein Teil des Ganzen ist. HIER
VOR DEM URSPRUNG EXISTENTIELLEN SEINS HÖRT
DAS FRAGEN UND DAS WISSEN AUF" (12).
Fasst man jetzt das ERSTE Paar der "Grundgedanken"
Nietzsches in der Interpretation von Jaspers
vorläufig zusammen, so lässt sich sagen,
dass sowohl die Anthropologie (via Moral),
wie auch das (bei Jaspers festgestelltem
aber mit Nietzsche nicht geteilte) Metaphysische
gleich im Existentiellen aufgehoben sind.
Dies wird im Kontext der Argumentation für
unsere These über den sachlich begründeten,
nichtsdestoweniger jedoch polemischen Charakter
des Jaspersschen Nietzsche-Interpretation
eine erhebliche Rolle spielen.
Betrachtet man jetzt das ZWEITE Paar der
"verdoppelten Grundgedanken" Nietzsches
in der Interpretation von Jaspers, so liegt
zunächst sowohl die Tatsache, wie auch die
Richtung der "Verdoppelung" auf
der Hand. Denn der zweite "Grundgedanke"
Nietzsches ("Wahrheit") thematisiert
Nietzsches Erkenntnistheorie, macht einen
Unterschied zwischen dem "wissenschaftlichen"
und dem "philosophischen" Wahrheitsbegriff
aus, weist die Grenzen des "wissenschaftlichen"
Wahrheitsbegriffs auf und kommt beim Begriff
der "Auslegung" der Welt an, deren
Wahrheitsbegriff relevanter als der der "Wissenschaft"
ist (13). Es ist eine schöne Bestätigung
unserer Annahme von der Struktur der Jaspersschen
"Verdoppelung" der philosophischen
"Grundgedanken" Nietzsches, das
das ganze fünfte Kapitel den Titel "Weltauslegung"
trägt. Eine Definition der so interpretierten
"Auslegung" lautet so: "Nietzsches
Einsicht in die Grenzen der Wissenschaft,
deren vermeintliche Voraussetzungslosigkeit
eine verharmlosende Täuschung war, sowie
seine Erfahrung des grenzenlos bewegenden
Antriebs schaffenden Philosophierens haben
ihn an bestehender Wahrheit zweifeln lassen.
In der Bewegung dieses suchenden Zweifels
entwickelt er eine THEORIE DES WAHRSEINS:
Alles Wissen ist AUSLEGUNG des Seins durch
ein erkennendes Leben; Wahrheit gibt es nur
dort, wo sie gedacht und geglaubt wird, im
Leben, das das Umgreifende des Seins ist,
das wir sind, und das vielleicht alles Sein
ist. Hier aber ist ihm Wahrheit nicht ein
für sich Seiendes, nicht ein Unbedingtes
und nicht ein schlechthin Allgemeines; vielmehr:
Wahrheit ist mit dem Sein des Lebendigen
in einer von ihm ausgelegten Welt unlösbar
verbunden. Diese Welt selbst aber ist, wie
sie für uns ist, mit uns ständig in dem zeitlichen
Prozess des Werdens" (14). Es verdient
in diesem Zusammenhang noch genannt zu werden,
dass Jaspers an dieser Stelle die "wissenschaftliche"
(und "wissenssoziologische") und
die "existentielle" Deutung des
als "Auslegung" aufgefassten Wahrheitsproblems
deutlich voneinander unterscheidet: "Der...Gedanke
von der Scheinbarkeit der Wahrheit nimmt
in der Durchführung eine zweifache Bedeutung
an. Er wird ERSTENS zu einer THEORIE, welche
anwendbar ist zu PSYCHOLOGISCH-SOZIOLOGISCHER
Erklärung von Weisen des Fürwahrhaltens.
ZWEITENS ist die Theorie aber als sie selber
ein AUSDRUCKSMITTEL philosophischen Grenzbewusstseins,
in dem sich ein EXISTENTIELLER ANSPRUCH und
weiter ein Grundzug des SEINSBEWUSSTSEINS
überhaupt kundgibt" (15).
Der zweite Grundgedanke des zweiten "Paares"
ist also der der "Auslegung", von
der wir soeben gesehen haben, dass sie als
direktes Ergebnis des zweiten "Grundgedankens"
auftrat. Jaspers bezieht aber gegen den von
ihm selber konstruierten Grundgedanken der
Auslegung kritisch Position. Es wird kritisch
zur Sprache gebracht, dass in der konkretisierten
positiven Form des "Willens zur Macht"
die Idee der Welt als Ausgelegtsein auf eine
merkwürdige Weise auf falsche Bahnen gelenkt
wird. Es wird ein gravierender Unterschied,
wenn nicht eben Widerspruch zwischen dem
zweiten und dem fünften Grundgedanken festgestellt:
"Was in Nietzsches Wahrheitsdenken ein
sprechender Zirkel war, aus dem ständig von
neuem die Bewegung hervorging, das wird in
seinem Weltdenken am Ende zur Wiederaufhebung
einer dogmatisch gewordenen Metaphysik des
Willens zur Macht als der kämpfenden, jeweils
geglaubten Auslegung: die Widersprüche werden
hier lähmend und sind von einer toten Endgültigkeit,
ohne einen neuen Ansatz zu bewirken, es sei
denn den der Befreiung von dieser Metaphysik,
sofern sie mehr sein will als ein mögliches,
partikulares Gleichnis mit dem Sinn zu sehen,
wie weit alles sich mit ihm verwandt fühlen
könnte...
" (16). Den Tenor dieser Argumentation
kennen wir bereits aus der Analyse des ersten
Paares von den Nietzscheschen "Grundgedanken".
Es ist eine Kritik der dogmatisch gewordenen
Metaphysik auf der Basis einer (seiner!)
existentialphilosophischen Position. Ein
neues Element ist, dass er Nietzsche in einem
illegitimen Gebrauch der Idee des "Auslegens"
für schuldig hält: "Nietzsches Auslegung,
die weiss, dass alles Wissen Auslegen ist,
wird dieses Wissen in die eigene Auslegung
durch den Gedanken hineinnehmen, dass der
Wille zur Macht selber der überall wirkende,
unendlich mannigfache Antrieb des Auslegens
ist. Die Auslegung Nietzsches ist in der
Tat eine Auslegung des Auslegens und dadurch
für ihn von allen früheren, damit verglichen
naiven Auslegungen, die nicht das Selbstbewusstsein
ihres Auslegens hatten, geschieden"
(17).
Fasst man die Ergebnisse der Analyse des
ZWEITEN Begriffspaars (des zweiten und des
fünften "Grundgedankens" Nietzsches)
zusammen, so lässt sich folgendes feststellen:
Einerseits liess sich die These von der merkwürdigen
"Verdoppelung" der Grundgedanken
auch in diesem Fall problemlos bestätigen,
die Problematik der Wahrheit führte geradewegs
in die der Auslegung. Jaspers inditifiziert
die wahrheitstheoretische Konzeption der
Auslegung mit der Metaphysik des Willens
zur Macht bei Nietzsche und setzt sich kritisch
mit dieser vermeinten Identität auseinander.
Er bejaht die Wahrheitstheorie der Auslegung
und verneint die positive Metaphysik.
Das dritte Paar der von Jaspers "verdoppelten"
"Grundgedanken" Nietzsches ergeben
ebenfalls angesichts der Tatsache der "Verdoppelung"
ein klares Bild. Es ist nämlich ohne weiteres
klar, dass der "Grundgedanke" "Geschichte/gegenwärtiges
Zeitalter" und der der "Grosse(n)
Politik" sowohl im Kontext des historischen
Zeitalters Friedrich Nietzsches wie auch
im Kontext des historischen Zeitalters von
Karl Jaspers in der nächsten Nähe zueinander
standen. Eine aufeinander bezogene Analyse
der beiden "Grundgedanken" wird
vor dem Horizont der heutigen Nietzsche-Diskussion
beträchtlich erschwert, weil Jaspers bei
seiner Rekonstruktion von Nietzsches historischem
und politischem Denken auf die berüchtigte
NACHLASS-Edition von Elisabeth Förster-Nietzsche
und Peter Gast angewiesen worden ist (18).
Uns scheint, dass die leitenden Perspektiven
der Rekonstruktion dieser beiden "Grundgedanken"
eine bestimmende Wirkung auf Karl Jaspers
ausgeübt haben. So erscheint beispielsweise
als Grunddiagnose der Gegenwart die These
von der "Heraufkunft des europäischen
Nihilismus", und zwar mit dem in der
NACHLASS-Kompilation vertretenen Stellenwert
(19). Der vierte "Grundgedanke"
Nietzsches, der der "Grossen Politik"
bereitet eine Lösung der Nihilismusproblematik
vor. Inhaltlich weicht jedoch diese von Jaspers
interpretierte Lösung Nietzsches von den
handgreiflichen Suggestionen der berüchtigten
NACHLASS-Kompilation ab. Es muss ganz besonders
hevorgehoben werden, dass der auf Nietzsche
schauende Blick von Jaspers nicht einmal
in der allgemeinen nationalen und internationalen
Atmosphäre der dreissiger und der vierziger
Jahre getrübt worden ist. Er stellt (auch
auf der Textgrundlage der NACHLASS-Kompilation)
unbeirrt fest, dass sich Nietzsche die politischen
Lösungen der Moderne ausschliesslich im Rahmen
der demokratischen Politik vorstellen kann
(20).
Über die "generelleren" Zukunftsvisionen
Nietzsches (die ja in der NACHLASS-Kompilation
im wesentlichen gefälscht worden sind) hat
er nur folgendes zu berichten: "In allen
diesen Zukunftsvisionen ergibt sich doch
immer wieder als Letztes ein Punkt, an dem
sie zerbrechen. Keine zeigt auf einen zukünftigen
Weltbestand. Nietzsche denkt vielmehr alle
Bedrohungen durch, die die Bestandlosigkeit
seiner gegenwärtigen Welt aufdecken. Er zerstört
die Scheinsicherheit, als sei die Welt durch
Zielsetzungen im Ganzen in Ordnung. Die Ungewissheit,
wohin alles treibt, wird sich hell, nicht
die Gewissheit einer eindeutigen Führung"
(21). Ebenfalls erstaunlich sicher nennt
Jaspers die von Nietzsche auf die historische
Situation gewählte Konsequenz, die die enorme
historische Rolle der "schaffenden"
Menschen in den Mittelpunkt stellt. Man kann
etwa dieses Element bei Jaspers nur hinreichend
anerkennen, wenn man es neben Bäumlers oder
Heideggers entsprechende Ideen stellt. Gleichzeitig
und beim Signalisieren des prinzipiellen
Übereinstimmens schaut er aber
die pragmatisch-politische Schwäche dieser
Nietzscheschen Konzeption scharfsichtig durch:
"...hat Nietzsches grosse Politik die
Zweideutigkeit: sie scheint in allgemeinsten
Urteilen und Forderungen ein Handeln bewirken
zu wollen, das den Menschen als Material
einer bildenden Formung nimmt, um aus ihm
etwas anderes, besseres, ein Wesen höheren
Ranges zu machen; aber aus solchen Bestimmungen
folgt noch kein konkretes Handeln, das unmittelbar
zweckhaft mögliche Aufgaben zeigt, während
das Wort Politik doch etwas zu versprechen
scheint, das jetzt und hier zu geschehen
hat" (22).
Bei einer vorläufigen Zusammenfassung der
Analyse des von Jaspers rekonstruierten DRITTEN
Begriffspaares ergibt sich, dass das sich
philologisch stark auf die berüchtigte NACHLASS-Kompilation
orientierte Bild in Sachen der "Grossen
Politik" inhaltlich zu Ergebnissen führt,
die sich von den derben Suggestionen der
gefälschten Kompilation grundsätzlich unterscheiden.
Während die Kompilation (und später Bäumler
und Heidegger) die "Grosse Politik"
durchaus in der Begrifflichkeit der Alltagspolitik
ihrer Zeit interpretieren, betont Jaspers
einerseits den unerlässlichen demokratie-theoretischen
Rahmen der Nietzscheschen politischen Ideen
und andererseits das Element des notwendigen
Wertewandels, den die "schaffenden"
Individuen schöpferisch durchzuführen hätten.
Nach den drei "vorläufigen" Zusammenfassungen
ist es Zeit, Jaspers` ganze Nietzsche-Interpretation
als eine Einheit anzuschauen.
Die vorläufigen Zusammenfassungen, die sich
aus den eingehenden Analysen der drei Begriffspaare
(der sechs "verdoppelten" "Grundgedanken")
stammen, sagen folgende Thesen aus:
1) die Problematik des "Willens zur
Macht" ist existentiell (d.h. nicht
metaphysisch);
2) die Idee der Auslegung ist ebenfalls existentiell
(d.h. nicht metaphysisch);
3) die "Heraufkunft des Nihilismus"
soll mit der "Grossen Politik"
beantwortet werden, deren Inhalt ist aber
schöpferisches Menschentum in einem demokratie-theoretisch
bestimmbaren politischen Raum (d.h. kein
Totalitarismus mit metaphysischer Untermauerung).
Fasst man nun diese drei Thesen als eine
Einheit zusammen, so kann Jaspers' eigene
These von dem "Aufruf"-Charakter
seiner Interpretation (bei gleichzeitiger
"sachlicher" Gültigkeit). Versucht
man die von Jaspers abgelehnten Thesen mit
Namen zu verbinden, so erscheinen zwei Philosophen
auf dem Plan, die in Nietzsche einen Philosophen
der Metaphysik des Willens zur Macht gesehen
haben, die sie im Rahmen einer "Grossen
Politik" zur Legitimation einer Diktatur
in Anspruch nahmen, und zwar Alfred Bäumler
und Martin Heidegger (23).
ANMERKUNGEN
(1) Wir können in diesem Zusammenhang nur
eine allgemeine Antwort auf eine Frage nach
den Gründen dieser philosophischen Entwicklung
geben. Im allgemeinen kann die Antwort keine
andere sein, als die, dass die langjährige
Hegemonie der neokantianischen Schulen im
Bereich der akademischen Philosophie die
Relation dieser akademischen Philosophie
zur historischen und sozialen Wirklichkeit
so verdünnt hatte, dass ab den zwanziger
Jahren eben diese ganzheitlichen Nietzsche-Deutungen
als Möglichkeiten von umfassenden Antworten
auf die auf die Philosophie von allen Ecken
und Enden hereinstürzenden neuen Herausforderungen
erlebt und ausgearbeitet worden sind.
(2) Karl Jaspers, NIETZSCHE. Einführung in
das Verständnis seines Philosophierens. Vierte
unveränderte Auflage. Berlin - New York,
1981. 297.
(3) NIETZSCHE, 310. - Es ist durchaus wichtig,
dass Jaspers selbst DIESE, von ihm selber
rekonstruierte philosophische Konzeption
nicht gutheisst, er ist als Philosoph mit
der von ihm letztlich rekonstruierten Nietzscheschen
Grundposition nicht einverstanden: "Nietzsche,
der alles in seiner Kraft Liegende tat zur
Eröffnung und Offenhaltung des Möglichen,
zum Aufschliessen jeder Perspektive, zum
Erblicken der unendlichen Interpretationen,
scheint so am Ende wieder zuzuschliessen
(!) durch Verabsolutierung (!) eines Einzelnen.
Statt aus dem grossen, befreienden Fragen,
das keine allgemeine Antwort mehr findet,
zurückzuweisen in die Geschichtlichkeit der
jeweils gegenwärtigen, urspünglichen Existenz,
scheint er vielmehr doch eine allgemeine
Antwort zu geben, wenn er das eigentliche
Sein substantiiert zum Willen zur Macht"
(EBENDA). - Diesem Satz geht die angedeutete
Differenz zwischen (dem von Jaspers rekonstruierten)
Nietzsche und (dem Existenzialphilosophen)
Jaspers klar hervor. Uns ist, dass an diesem
Punkt der Philosoph Jaspers nicht so sehr
dem Philosophen Nietzsche, vielmehr dem philosophischen
Interpreten Jaspers etwas vorzuwerfen hätte,
denn uns scheint, dass Nietzsche kein Philosoph
einer positiven Metaphysik gewesen ist. Nebst
zahlreichen deutschen Publikationen des Verfassers
s. darüber Endre Kiss, FRIEDRICH NIETZSCHE
FILOZOFIAJA. Budapest, 1993.
(4) Karl Jaspers, NIETZSCHE, 8. ("Vorwort
zur zweiten und dritten Auflage", 1946
und 1949).
(5) NIETZSCHE, 123.
(6) EBENDA, 144 und 145.
(7) EBENDA, 145-146.
(8) EBENDA, 331 (Sperrungen im Original -
E.K.)
(9) EBENDA, 338. - Charakteristisch ist die
Fortsetzung dieses Gedankens: "Aber,
wenn die Darstellung unausweichlich psychologischer
Mittel sich bedient, so liegt es immer auch
nahe, die Zustände fälschlich in bloss psychische
Tatbestände sich verwandeln zu lassen"
(EBENDA).
(10)EBENDA, 349.
(11)EBENDA
(12)EBENDA, 345. (Sperrungen nicht im Original
- E.K.)
(13)Nur am Rande sei vermerkt, dass der Verf.
dieser Zeilen mit diesem auf Nietzsche bezogenen
Wahrheitsbegriff nicht einverstanden ist
(s. die entsprechenden Teile u.a. der Monographie
FRIEDRICH NIETZSCHE FILOZOFIAJA. a.a.O.)
(14)NIETZSCHE, 184. (Zweite Sperrung nicht
im Original - E.K.
(15)EBENDA, 187. (Sperrungen im Original-
E.K.)
(16)EBENDA, 330.
(17)EBENDA, 299. - Unter dem Aspekt der philosophischen
Systematisierung verdient es unser Interesse,
dass Jaspers Nietzsches "Positivierung"
des Auslegens, d.h. seine (vermeintliche)
Arbeit an einer neuen Metaphysik mit dessen
(tatsächlich antimetaphysischen) Kritik an
der Zweiweltentheorie in Verbindung bringt:
"In der Kritik der Zweiweltentheorie
hat Nietzsche nur deren Gestalt als grobe
rationale Zweiteilung zum Gegenstand gewonnen,
worin in der Tat das leere Jenseits oder
das Nichts hervorgeht..." (EBENDA, 330).
An dieser Stelle sei wieder darauf hingewiesen,
dass wir mit der Interpretation Nietzsches
als eines Metaphysikers nicht einverstanden
sind, während seine Kritik an der Zweiweltentheorie
tatsächlich ein durchaus relevanter Zug in
Nietzsches Denken ist.
(18)Es sagt aus diesem Grunde durchaus viel,
dass sich Jaspers dieser Problematik schon
bei der Abfassung seiner Nietzsche-Interpretation
voll bewusst war: "Da aber der NACHLASS,
der nicht weniger Gewicht hat, nur vorläufig
veröffentlicht ist, in Ordnungen, die meistens
von den Herausgebern stammen..., bleibt hier
eine Schwierigkeit, die einer reinen Lösung
offenbar unfähig ist" (EBENDA, 464-465).
(19)"Nietzsches Grundthesen von der
Heraufkunft des Nihilismus, von dem >Gott
ist tot< und der Bewegung des Menschen
auf eine noch nie dagewesene Umwälzung zu...sind
von unheimlicher Eindringlichkeit (!); sie
entwurzeln jeden Grund einer Ruhe in der
Welt..." (EBENDA, 250.)
(20)Damit gehört Karl Jaspers zu den bis
heute äusserst wenigen Nietzsche-Interpreten,
die Nietzsches engere politisch-philosophische
Leistung strikt und ausschliesslich nur im
demokratie-theoretischen Rahmen denken können.
(21)EBENDA, 270.
(22)EBENDA, 285. - Damit, als Verallgemeinerung
dessen, eröffnet sich aber auch ein neues
theoretisches Feld. Jaspers nennt hier nämlich
das kruziale Problem jeder politischen Bewegung,
die um ihre Ziele zu realisieren bestimmte
Veränderungen in den Wertvorstellungen oder
generell "im Menschen" voraussetzt.
Die notwendige "Langfristigkeit"
des notwendigen Wertewandels und die ebenso
notwendige "Kurzfristigkeit" der
politischen Alltagspraxis bereiten bis heute
ein theoretisch wie praktisch kaum aufzulösendes
Dilemma.
(23) An dieser Stelle soll an die bis jetzt
auf deutsch publizierten Arbeiten des Verfassers
dieser Zeilen über die Nietzsche-Deutung
Heideggers und Bäumlers mit Nachdruck hingewiesen
werden.
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