Karl Jaspers' Auslegung Nietzsches als eines Metaphysikers der Immanenz

Endre Kiss, Budapest

In seiner erstmals 1935 erschienenen Nietzsche-Grossmonographie (NIETZSCHE. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens) widmet Jaspers das zentrale Kapitel "Weltauslegung" einer unmittelbaren Erschliessung der Philosophie Friedrich Nietzsches.


Nicht wenige Eigenschaften dieses Erschliessungsversuches würden bestätigen, dass die Interpretation von Karl Jaspers wohl den bis dahin anspruchsvollsten Versuch einer genuin philosophischen (oder was angesichts der tatsächlich verlaufenen Nietzsche-Rezeption noch viel gewichtiger ist, einer genuin "fachphilosophischen") Nietzsche-Deutung überhaupt darstellt. Dafür spricht, dass im Prinzip Nietzsches sämtliche wesentliche Denkperspektiven mit einer bis dahin unbekannt intensiven Mobilisierung der Nietzsche-Texte rekonstruiert werden. Schon diese Eigenschaften machen diese Interpretation zu einer Ausnahme in der Geschichte der Nietzsche-Deutung. Erstens war auf diese Feld nicht gerade üblich, zumindest in der Intention SÄMTLICHE Denkperspektiven des Philosophen in die Untersuchung einzubeziehen, darüber, zweitens, ganz zu schweigen, dass so viele Denkperspektiven auch noch mit den eigenen Texten des Philosophen konfrontiert, bzw. verifiziert werden. In der ungarischen Literaturgeschichte lebt eine Legende von einer Dichterin, die nur eine einzige Nacht mit dem grössten Dichter ihrer Zeit verbrachte und ein ganzes Buch über den Dichter schrieb. MUTATIS MUTANDIS liesse sich wohl sagen, dass es viele Nietzsche-Interpretationen gab und gibt, die nur ganz wenige Denkperspektiven mit sehr mangelhafter philologischer Untermauerung als wahre Grundlage ihrer Interpretationsarbeit aufweisen können.
Karl Jaspers` im Vergleich zu den früheren Massstäben vielseitigste und anspruchsvollste Nietzsche-Interpretation ist aber andererseits auch ein Phänomen eines in den dreissiger Jahren einsetzenden neuen Zeitalters der Nietzsche-Interpretation, die durch Namen wie Alfred Bäumler, Martin Heidegger, Walter Kaufmann oder Karl Löwith angedeutet werden kann (unsererseits würden wir Max Schelers vielseitige, vielbeachtete, kreative und unablässige Aktivitäten um ein intensives und sachlich ausgewertetes Weiterdenken der Nietzscheschen Philosophie gern mit hineinrechnen). Dieser neue Zugang zu Nietzsche, der ja allein schon wegen der fatalen geschichtlichen Entwicklung zeigt weitere merkwürdige Züge. Ähnlich Jaspers, sie alle wollen "plötzlich" "ganzheitliche" Nietzsche-Interpretationen liefern, in einem bis dahin kaum bekannten Sinne des Wortes "ganzheitlich". Darüber hinaus erachten sie in diesen "ganzheitlich" gedachten Nietzsche-Auslegungen alles andere als eine nur akademische Angelegenheit, sie entwerfen diese Darstellungen im Bewusstsein, ein "geheimes Zentrum" der philosophischen Weltproblematik aufzufinden (1).
Es zeugt von Jaspers` stark ausgeprägter methodologischer Bewusstheit, dass er beim Einstieg die folgende Frage stellt: "Es ist angesichts dieser entschiedenen Einsichten Nietzsches zunächst erstaunlich, dass er selber eine neue eigene Totalauslegung der Welt vollzieht: als ein Behaupten von dem, was eigentlich ist" (2). Damit berührt Jaspers nicht nur ein fundamentales Problem jeder Nietzsche-Interpretation, so etwa die Relation der "ausgelegten" zu den "positiven" Inhalten oder, um nur ein anderes Beispiel zu nennen, die Relation des definitiven philosophischen Perspektivismus zu eventuellen positiven Totaldeutungen.
Die von Jaspers auch selber exponierte Dualität zwischen einer "Interpretationsphilosophie ohne zentrale positive Idee" oder "Nietzsches Interpretation grundsätzlich um einer positiv-umfassenden Idee herum" bezieht sich selbstverständlich auf seine eigene Interpretationsarbeit. Seine gut gestellte methodische Alternative entzieht ihn nicht dem Zwang, in dieser Alternative seine eigene Entscheidung treffen zu müssen. Jaspers kommt zum Ergebnis, dass Nietzsche letztlich eine spezifische "Metaphysik" schuf, eine Metaphysik, die "den grossen philosophischen Weltsystemen des 17. Jahrhunderts in der Gedankenform zu entsprechen scheint" (3).
Jaspers` Interpretation der Philosophie Nietzsches als "Metaphysik des Willens zur Macht" lässt sich mit Grund sowohl mit Heideggers wie auch mit Bäumlers ähnlich auf die Metaphysik-These konzentrierten Deutungen vergleichen. Unsere These ist, dass diese Ähnlichkeit besteht, dass aber Karl Jaspers auf der Grundlage der Metaphysik-These nicht nur eine autochthone und eigene Nietzsche-Interpretation erarbeitete, die in ihrer puren Existenz eine direkte und vernichtende Polemik gegen Bäumlers und Heideggers Interpretationen verkörpert. Es mag heute vielleicht direkt auffallen, war es doch eher ein natürlicher Gestus, dass Jaspers diese Intention im VORWORT seines Buches selber betont hatte: "Mein Buch möchte eine Interpretation sein, die unabhängig vom Augenblick ihrer Entstehung sachlich gültig ist (!). Aber in jenem Augenblick von 1934 und 1935 wollte das Buch zugleich gegen die Nationalsozialisten die Denkwelt dessen aufrufen, den sie zu ihrem Philosophen erklärt hatten" (4). Unser wichtigstes Anliegen in diesem Versuch wird es sein, diesen Kampf Jaspers` gegen den "philosophischen" Nationalsozialismus in allen wesentlichen Punkten aufzuzeigen, einen Kampf, der allerdings, wie Jaspers es selbst aussagt, im Rahmen der wissenschaftlich-sachlichen "Gültigkeit" ausgefochten worden ist, ja, selber vieles überhaupt zur Herstellung der Forderungen nach sachlicher Gültigkeit in der Nietzsche-Forschung zum ersten Mal geleistet hatte.
Die Umrisse einer Problemstellung, ausgedrückt in der Kapiteleinteilung oder in der Auswahl der leitenden Kategorien der Interpretation, sind bewusste oder auch unbewusste Folgen und Konsequenzen von grundsätzlichen und sich als strategisch erweisenden interpretatorischen Entscheidungen. Durchgehend bewahrheitet sich diese Einsicht bei jeder Nietzsche-Interpretation. Denn die oben beschriebene Auswahl aufgrund einer INTERPRETATORISCHEN VORENTSCHEIDUNG leitet die Selektion der bestimmenden philosophischen Perspektiven aus einer philosophischen Substanz, die im wahren Sinne des Wortes aus unzähligen positiv bestimmten philosophischen Perspektiven besteht. Gesteigert wird die Bedeutung der grundlegenden Kategorisierung in der betreffenden HISTORISCHEN Periode, in der - wie davon schon die Rede war - zum ersten Mal in der Geschichte der Nietzsche-Rezeption eine ganzheitliche Interpretation der Philosophie Nietzsches plötzlich an die philosophische Tagesordnung kommt, und zwar gleich so, dass die Auseinandersetzung mit ihm zum zentralen Betätigungsfeld der "philosophischen Politik", aber auch - wie es der Fall Bäumler und Heidegger unter Beweis stellen können - der "politischen Philosophie wird.
Die grundsätzliche Kategorisierung trägt die Keime der Willkürlichkeit auch in dem Sinne in sich, dass die zur Grundlage ausgewählten einzelnen Begriffe gerade durch den Akt der sie isolierenden Auswahl kaum mehr MITEINANDER VERMITTELT werden können. Der pure Akt der Auswahl trennt im weiteren die grundsätzlichen Kategorien voneinander, was bei Nietzsche eine Bedingung ist, die nie aus dem Horizont der Interpretation ganz verschwinden kann. Exemplarisch zeigt sich diese Problematik in Jaspers´ GRUNDKATEGORISIERUNG (die dann im Laufe seiner Rekonstruktion mit positiven Inhalten ausgefüllt werden).
Die sechs "Grundgedanken" Nietzsches (die alle in einem gesonderten Kapitel zur Analyse kommen), auf welche sich die vorhin umrissene methodologische Überlegung bezieht, sind die folgenden:

1) Der Mensch
2) Wahrheit
3) Geschichte und gegenwärtiges Zeitalter
4) Grosse Politik
5) Weltauslegung
6) Grenzen und Ursprünge

Es fällt gleich auf, dass die sechs Grundkategorien eine spezifische "Verdoppelung" zeigen. Denn es liegt auf der Hand, dass "Geschichte und gegenwärtiges Zeitalter" und "Grosse Politik", oder "Wahrheit" und "Weltauslegung", aber auch, dass "Der Mensch" und "Grenzen und Ursprünge" in der nächsten Nähe zueinander stehen. Stellt man diese "verdoppelten" Grundkategorien oder wie Jaspers sie nennt, "Grundgedanken" in eine adäquate Reihenfolge, so ergibt sich das folgende Bild:

1 Mensch 2 Wahrheit 3 Geschichte/Gegenwart



6.Grenzen/Ursprünge 5 Weltauslegung 4 Grosse Politik


Angesichts dieser Ordnung wird die Vermutung zur Hypothese. Die "Verdoppelung" der "Grundgedanken" Nietzsches hatte bei Karl Jaspers eine konkrete Absicht. Denn was würde in einem entgegengesetzten Fall erklären, dass etwa "Wahrheit" und "Weltauslegung" nicht unter die gleiche Kategorie fallen. An diesem Punkt wird es unerlässlich, dass der INHALT der einzelnen "Grundgedanken" zusammengefasst wird. Es versteht sich von selbst, dass diese inhaltliche Zusammenfassung im Rahmen dieses Versuchs nur kurz ausfallen kann, wiewohl alles Notwendige gemacht worden ist, den Inhalt der einzelnen Grundgedanken adäquat wiederzugeben.
Der erste "Grundgedanke" (auch als ERSTES KAPITEL) lässt sich als Jaspers` zusammenfassende Rekonstruktion von Nietzsches Anthropologie auffassen. Erwähnenswert ist die Auffassung des Übermenschen als etwas "Unbestimmten", stets immer "Höhergehenden". Die ganze Problematik der oben angedeuteten grundsätzlichen Kategorisierung erscheint hier mit voller Kraft. Es wird - ANTHROPOLOGISCH - zum Menschen zurückgegangen, wiewohl die beim Aufbau der Anthropologie bestimmenden Motive in diesem Akt noch mit Notwendigkeit "unfundiert" bleiben: "Wenn für Nietzsche alles hinfällig zu werden scheint, was gegolten hat, so ist ihm um so entschiedener zu tun um den Menschen. Ihm ist jederzeit der bewegende Antrieb sowohl sein Ungenügen am gegenwärtigen wie seine Sehnsucht und sein Wille zum eigentlichen und möglichen Menschen" (5). Anthropologie erscheint scheinbar als ein Feld, auf welches man zurückziehen kann, obwohl es kaum einsehen lässt, warum sie ein "sicheres" Feld wäre, wenn alles "hinfällig zu werden" anfängt. Erstaunlich unsicher, gleichzeitig aber auch differenziert setzt sich Jaspers im Kontext des "Grundgedankens Mensch" mit der Moralkritik auseinander. Zum einen nennt er "zwei Zirkel" in dieser Moralphilosophie ("Moralität entspringt der Unmoralität", "Moralkritik entspringt der höchsten Moralität") (6), setzt aber gleich hinzu, dass diese nur "formale" Zirkel sind, "deren Ergebnis nicht logisch, sondern aus existentiellem Grunde ebenso das Sichselbsttragen im Selbstbehaupten, wie das Sichselbstverneinen im Selbstmord der Moral sein kann" (7). Diese Situierung des Anthropologischen im Moralischen und auf diesem Wege im Existentiellen kann schon auch als ein möglicher Übergang des ersten "Grundgedankens" in den sechsten ausmachen.
Dass der sechste "Grundgedanke" in der Jaspersschen Nietzsche-Deutung von Anfang an eine existentielle Dimension aufweist, versteht sich von selbst: "Nietzsche hat die uralte Frage der Theodizee, die im Altertum ihre Tiefe im Prometheus des Äschylus und im Buch Hiob erreichte, in neuerer Zeit durch Leibnitz rational erörtert wurde, in ursprünglicher Weise gestellt. Sein Philosophieren gewinnt den erschütternden Anstoss durch die SINN- UND WERTFRAGE, seine Erfüllung in der Weise seines JA zum Sein oder vielmehr als das DENKEN DES JA, das ihm das Sein selbst ist" (8). Diese Intonation verrät, dass Nietzsche in dem sechsten "Grundgedanken" als origineller "Existenzdenker" erscheint. Im folgenden unternimmt Jaspers ernstzunehmende Schritte, das auf diese Weise rekonstruierte Existentielle in reiner Form darzustellen, d.h. es dem Zusändigkeitsbereich anderer kategorieller Subsysteme, so vor allem dem des Psychologischen, zu entziehen: "...ist klar, dass keiner der von Nietzsche gemeinten Zustände eine blosse Stimmung oder ein blosses Erlebnis sein kann. Sie sind vielmehr selbst das Übergreifende und Durchdringende, Ursprung der lebensbeherrschenden Antriebe: die Existenz kommt in ihnen und ihrer Bewegung zum Bewusstsein ihrer selbst und des Seins" (9). Die bei Jaspers eben herausgearbeitete "existentielle" Dimension steht jedoch in einer sich IM SPÄTEREN ALS ENTSCHEIDEND ERWEISENDEN RELATION zur metaphysischen Auffassung des Seins: "Es ist für Nietzsche nicht nur ein gedanklicher Prozess, der im Philosophieren aus dem souveränen Werden zum Sein (in der Form des Willens zur Macht als Metaphysik - E.K.) zurückkehrt, sondern in ihm ein Umschlag der existentiellen Haltung..." (10). Damit entsteht bei Jaspers eine entscheidende ISOMORPHIE zwischen dem "Bewusstsein der Existenz" und der "Metaphysik" als "Wissen von den Dingen in der Welt" in der Form des "Willens zur Macht". Diese Isomorphie (die für UNSER Interpretationsziel von der grössten Wichtigkeit ist) hebt jedoch Jaspers` Befremden angesichts der (von ihm auch rekonstruierten) Konzeption des Willens zur Macht als Metaphysik auf: "...ist dieses Sein, welches für den philosophisch transzendierenden Gedanken aus dem Werden hervorgeht, radikal zu unterscheiden von dem Sein, das durch den Willen zur Macht aus dem Festmachen seiner Denkbarkeiten als das Wissen von den Dingen in der Welt entsteht" (11). Es heisst auch, um es vorläufig zu summieren, dass für Jaspers das Existentiale keinesfalls mit dem Metaphysischen zu verwechseln sei, obwohl auch er - als Nietzsche-Interpret - Nietzsche das philosophische Hervorbringen einer positiven Metaphysik durchaus eindeutig zuschreibt. Im folgenden können wir diejenigen Vorstellungen im Konkreten studieren, die - auch für Jaspers´ eigene Philosophie relevant - für ihn die Substanz einer existentiellen Nietzsche-Deutung ausmachen: "In der Gesamtheit der >Zustände< - der überwindenden Bewegung, dann des vornehmen Seins, des heroischen Daseins, der dionysischen Seele, schliesslich der mystischen Vollendung eines Seinsinneseins - ist der Kreis dessen umschritten, worin Nietzsche das ursprüngliche und umgreifende absolute Bewusstsein der Existenz umfasst, aus dem alles wahre Denken, Mitteilen, Handeln und Sichverhalten, die Weise des Weltseins, die Antwort des Ja zum Dasein hervorgeht; darum aber kann dieses absolute Bewusstsein nicht selbst, als ob es ein blosses Dasein in der Welt wäre, seinerseits noch einmal bedingt sein durch etwas, das nur für es da und nur ein Teil des Ganzen ist. HIER VOR DEM URSPRUNG EXISTENTIELLEN SEINS HÖRT DAS FRAGEN UND DAS WISSEN AUF" (12).
Fasst man jetzt das ERSTE Paar der "Grundgedanken" Nietzsches in der Interpretation von Jaspers vorläufig zusammen, so lässt sich sagen, dass sowohl die Anthropologie (via Moral), wie auch das (bei Jaspers festgestelltem aber mit Nietzsche nicht geteilte) Metaphysische gleich im Existentiellen aufgehoben sind. Dies wird im Kontext der Argumentation für unsere These über den sachlich begründeten, nichtsdestoweniger jedoch polemischen Charakter des Jaspersschen Nietzsche-Interpretation eine erhebliche Rolle spielen.
Betrachtet man jetzt das ZWEITE Paar der "verdoppelten Grundgedanken" Nietzsches in der Interpretation von Jaspers, so liegt zunächst sowohl die Tatsache, wie auch die Richtung der "Verdoppelung" auf der Hand. Denn der zweite "Grundgedanke" Nietzsches ("Wahrheit") thematisiert Nietzsches Erkenntnistheorie, macht einen Unterschied zwischen dem "wissenschaftlichen" und dem "philosophischen" Wahrheitsbegriff aus, weist die Grenzen des "wissenschaftlichen" Wahrheitsbegriffs auf und kommt beim Begriff der "Auslegung" der Welt an, deren Wahrheitsbegriff relevanter als der der "Wissenschaft" ist (13). Es ist eine schöne Bestätigung unserer Annahme von der Struktur der Jaspersschen "Verdoppelung" der philosophischen "Grundgedanken" Nietzsches, das das ganze fünfte Kapitel den Titel "Weltauslegung" trägt. Eine Definition der so interpretierten "Auslegung" lautet so: "Nietzsches Einsicht in die Grenzen der Wissenschaft, deren vermeintliche Voraussetzungslosigkeit eine verharmlosende Täuschung war, sowie seine Erfahrung des grenzenlos bewegenden Antriebs schaffenden Philosophierens haben ihn an bestehender Wahrheit zweifeln lassen. In der Bewegung dieses suchenden Zweifels entwickelt er eine THEORIE DES WAHRSEINS: Alles Wissen ist AUSLEGUNG des Seins durch ein erkennendes Leben; Wahrheit gibt es nur dort, wo sie gedacht und geglaubt wird, im Leben, das das Umgreifende des Seins ist, das wir sind, und das vielleicht alles Sein ist. Hier aber ist ihm Wahrheit nicht ein für sich Seiendes, nicht ein Unbedingtes und nicht ein schlechthin Allgemeines; vielmehr: Wahrheit ist mit dem Sein des Lebendigen in einer von ihm ausgelegten Welt unlösbar verbunden. Diese Welt selbst aber ist, wie sie für uns ist, mit uns ständig in dem zeitlichen Prozess des Werdens" (14). Es verdient in diesem Zusammenhang noch genannt zu werden, dass Jaspers an dieser Stelle die "wissenschaftliche" (und "wissenssoziologische") und die "existentielle" Deutung des als "Auslegung" aufgefassten Wahrheitsproblems deutlich voneinander unterscheidet: "Der...Gedanke von der Scheinbarkeit der Wahrheit nimmt in der Durchführung eine zweifache Bedeutung an. Er wird ERSTENS zu einer THEORIE, welche anwendbar ist zu PSYCHOLOGISCH-SOZIOLOGISCHER Erklärung von Weisen des Fürwahrhaltens. ZWEITENS ist die Theorie aber als sie selber ein AUSDRUCKSMITTEL philosophischen Grenzbewusstseins, in dem sich ein EXISTENTIELLER ANSPRUCH und weiter ein Grundzug des SEINSBEWUSSTSEINS überhaupt kundgibt" (15).
Der zweite Grundgedanke des zweiten "Paares" ist also der der "Auslegung", von der wir soeben gesehen haben, dass sie als direktes Ergebnis des zweiten "Grundgedankens" auftrat. Jaspers bezieht aber gegen den von ihm selber konstruierten Grundgedanken der Auslegung kritisch Position. Es wird kritisch zur Sprache gebracht, dass in der konkretisierten positiven Form des "Willens zur Macht" die Idee der Welt als Ausgelegtsein auf eine merkwürdige Weise auf falsche Bahnen gelenkt wird. Es wird ein gravierender Unterschied, wenn nicht eben Widerspruch zwischen dem zweiten und dem fünften Grundgedanken festgestellt: "Was in Nietzsches Wahrheitsdenken ein sprechender Zirkel war, aus dem ständig von neuem die Bewegung hervorging, das wird in seinem Weltdenken am Ende zur Wiederaufhebung einer dogmatisch gewordenen Metaphysik des Willens zur Macht als der kämpfenden, jeweils geglaubten Auslegung: die Widersprüche werden hier lähmend und sind von einer toten Endgültigkeit, ohne einen neuen Ansatz zu bewirken, es sei denn den der Befreiung von dieser Metaphysik, sofern sie mehr sein will als ein mögliches, partikulares Gleichnis mit dem Sinn zu sehen, wie weit alles sich mit ihm verwandt fühlen könnte...
" (16). Den Tenor dieser Argumentation kennen wir bereits aus der Analyse des ersten Paares von den Nietzscheschen "Grundgedanken". Es ist eine Kritik der dogmatisch gewordenen Metaphysik auf der Basis einer (seiner!) existentialphilosophischen Position. Ein neues Element ist, dass er Nietzsche in einem illegitimen Gebrauch der Idee des "Auslegens" für schuldig hält: "Nietzsches Auslegung, die weiss, dass alles Wissen Auslegen ist, wird dieses Wissen in die eigene Auslegung durch den Gedanken hineinnehmen, dass der Wille zur Macht selber der überall wirkende, unendlich mannigfache Antrieb des Auslegens ist. Die Auslegung Nietzsches ist in der Tat eine Auslegung des Auslegens und dadurch für ihn von allen früheren, damit verglichen naiven Auslegungen, die nicht das Selbstbewusstsein ihres Auslegens hatten, geschieden" (17).
Fasst man die Ergebnisse der Analyse des ZWEITEN Begriffspaars (des zweiten und des fünften "Grundgedankens" Nietzsches) zusammen, so lässt sich folgendes feststellen: Einerseits liess sich die These von der merkwürdigen "Verdoppelung" der Grundgedanken auch in diesem Fall problemlos bestätigen, die Problematik der Wahrheit führte geradewegs in die der Auslegung. Jaspers inditifiziert die wahrheitstheoretische Konzeption der Auslegung mit der Metaphysik des Willens zur Macht bei Nietzsche und setzt sich kritisch mit dieser vermeinten Identität auseinander. Er bejaht die Wahrheitstheorie der Auslegung und verneint die positive Metaphysik.
Das dritte Paar der von Jaspers "verdoppelten" "Grundgedanken" Nietzsches ergeben ebenfalls angesichts der Tatsache der "Verdoppelung" ein klares Bild. Es ist nämlich ohne weiteres klar, dass der "Grundgedanke" "Geschichte/gegenwärtiges Zeitalter" und der der "Grosse(n) Politik" sowohl im Kontext des historischen Zeitalters Friedrich Nietzsches wie auch im Kontext des historischen Zeitalters von Karl Jaspers in der nächsten Nähe zueinander standen. Eine aufeinander bezogene Analyse der beiden "Grundgedanken" wird vor dem Horizont der heutigen Nietzsche-Diskussion beträchtlich erschwert, weil Jaspers bei seiner Rekonstruktion von Nietzsches historischem und politischem Denken auf die berüchtigte NACHLASS-Edition von Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast angewiesen worden ist (18). Uns scheint, dass die leitenden Perspektiven der Rekonstruktion dieser beiden "Grundgedanken" eine bestimmende Wirkung auf Karl Jaspers ausgeübt haben. So erscheint beispielsweise als Grunddiagnose der Gegenwart die These von der "Heraufkunft des europäischen Nihilismus", und zwar mit dem in der NACHLASS-Kompilation vertretenen Stellenwert (19). Der vierte "Grundgedanke" Nietzsches, der der "Grossen Politik" bereitet eine Lösung der Nihilismusproblematik vor. Inhaltlich weicht jedoch diese von Jaspers interpretierte Lösung Nietzsches von den handgreiflichen Suggestionen der berüchtigten NACHLASS-Kompilation ab. Es muss ganz besonders hevorgehoben werden, dass der auf Nietzsche schauende Blick von Jaspers nicht einmal in der allgemeinen nationalen und internationalen Atmosphäre der dreissiger und der vierziger Jahre getrübt worden ist. Er stellt (auch auf der Textgrundlage der NACHLASS-Kompilation) unbeirrt fest, dass sich Nietzsche die politischen Lösungen der Moderne ausschliesslich im Rahmen der demokratischen Politik vorstellen kann (20).
Über die "generelleren" Zukunftsvisionen Nietzsches (die ja in der NACHLASS-Kompilation im wesentlichen gefälscht worden sind) hat er nur folgendes zu berichten: "In allen diesen Zukunftsvisionen ergibt sich doch immer wieder als Letztes ein Punkt, an dem sie zerbrechen. Keine zeigt auf einen zukünftigen Weltbestand. Nietzsche denkt vielmehr alle Bedrohungen durch, die die Bestandlosigkeit seiner gegenwärtigen Welt aufdecken. Er zerstört die Scheinsicherheit, als sei die Welt durch Zielsetzungen im Ganzen in Ordnung. Die Ungewissheit, wohin alles treibt, wird sich hell, nicht die Gewissheit einer eindeutigen Führung" (21). Ebenfalls erstaunlich sicher nennt Jaspers die von Nietzsche auf die historische Situation gewählte Konsequenz, die die enorme historische Rolle der "schaffenden" Menschen in den Mittelpunkt stellt. Man kann etwa dieses Element bei Jaspers nur hinreichend anerkennen, wenn man es neben Bäumlers oder Heideggers entsprechende Ideen stellt. Gleichzeitig und beim Signalisieren des prinzipiellen Übereinstimmens schaut er aber
die pragmatisch-politische Schwäche dieser Nietzscheschen Konzeption scharfsichtig durch: "...hat Nietzsches grosse Politik die Zweideutigkeit: sie scheint in allgemeinsten Urteilen und Forderungen ein Handeln bewirken zu wollen, das den Menschen als Material einer bildenden Formung nimmt, um aus ihm etwas anderes, besseres, ein Wesen höheren Ranges zu machen; aber aus solchen Bestimmungen folgt noch kein konkretes Handeln, das unmittelbar zweckhaft mögliche Aufgaben zeigt, während das Wort Politik doch etwas zu versprechen scheint, das jetzt und hier zu geschehen hat" (22).
Bei einer vorläufigen Zusammenfassung der Analyse des von Jaspers rekonstruierten DRITTEN Begriffspaares ergibt sich, dass das sich philologisch stark auf die berüchtigte NACHLASS-Kompilation orientierte Bild in Sachen der "Grossen Politik" inhaltlich zu Ergebnissen führt, die sich von den derben Suggestionen der gefälschten Kompilation grundsätzlich unterscheiden. Während die Kompilation (und später Bäumler und Heidegger) die "Grosse Politik" durchaus in der Begrifflichkeit der Alltagspolitik ihrer Zeit interpretieren, betont Jaspers einerseits den unerlässlichen demokratie-theoretischen Rahmen der Nietzscheschen politischen Ideen und andererseits das Element des notwendigen Wertewandels, den die "schaffenden" Individuen schöpferisch durchzuführen hätten.
Nach den drei "vorläufigen" Zusammenfassungen ist es Zeit, Jaspers` ganze Nietzsche-Interpretation als eine Einheit anzuschauen.
Die vorläufigen Zusammenfassungen, die sich aus den eingehenden Analysen der drei Begriffspaare (der sechs "verdoppelten" "Grundgedanken") stammen, sagen folgende Thesen aus:
1) die Problematik des "Willens zur Macht" ist existentiell (d.h. nicht metaphysisch);
2) die Idee der Auslegung ist ebenfalls existentiell (d.h. nicht metaphysisch);
3) die "Heraufkunft des Nihilismus" soll mit der "Grossen Politik" beantwortet werden, deren Inhalt ist aber schöpferisches Menschentum in einem demokratie-theoretisch bestimmbaren politischen Raum (d.h. kein Totalitarismus mit metaphysischer Untermauerung).
Fasst man nun diese drei Thesen als eine Einheit zusammen, so kann Jaspers' eigene These von dem "Aufruf"-Charakter seiner Interpretation (bei gleichzeitiger "sachlicher" Gültigkeit). Versucht man die von Jaspers abgelehnten Thesen mit Namen zu verbinden, so erscheinen zwei Philosophen auf dem Plan, die in Nietzsche einen Philosophen der Metaphysik des Willens zur Macht gesehen haben, die sie im Rahmen einer "Grossen Politik" zur Legitimation einer Diktatur in Anspruch nahmen, und zwar Alfred Bäumler und Martin Heidegger (23).

ANMERKUNGEN

(1) Wir können in diesem Zusammenhang nur eine allgemeine Antwort auf eine Frage nach den Gründen dieser philosophischen Entwicklung geben. Im allgemeinen kann die Antwort keine andere sein, als die, dass die langjährige Hegemonie der neokantianischen Schulen im Bereich der akademischen Philosophie die Relation dieser akademischen Philosophie zur historischen und sozialen Wirklichkeit so verdünnt hatte, dass ab den zwanziger Jahren eben diese ganzheitlichen Nietzsche-Deutungen als Möglichkeiten von umfassenden Antworten auf die auf die Philosophie von allen Ecken und Enden hereinstürzenden neuen Herausforderungen erlebt und ausgearbeitet worden sind.
(2) Karl Jaspers, NIETZSCHE. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens. Vierte unveränderte Auflage. Berlin - New York, 1981. 297.
(3) NIETZSCHE, 310. - Es ist durchaus wichtig, dass Jaspers selbst DIESE, von ihm selber rekonstruierte philosophische Konzeption nicht gutheisst, er ist als Philosoph mit der von ihm letztlich rekonstruierten Nietzscheschen Grundposition nicht einverstanden: "Nietzsche, der alles in seiner Kraft Liegende tat zur Eröffnung und Offenhaltung des Möglichen, zum Aufschliessen jeder Perspektive, zum Erblicken der unendlichen Interpretationen, scheint so am Ende wieder zuzuschliessen (!) durch Verabsolutierung (!) eines Einzelnen. Statt aus dem grossen, befreienden Fragen, das keine allgemeine Antwort mehr findet, zurückzuweisen in die Geschichtlichkeit der jeweils gegenwärtigen, urspünglichen Existenz, scheint er vielmehr doch eine allgemeine Antwort zu geben, wenn er das eigentliche Sein substantiiert zum Willen zur Macht" (EBENDA). - Diesem Satz geht die angedeutete Differenz zwischen (dem von Jaspers rekonstruierten) Nietzsche und (dem Existenzialphilosophen) Jaspers klar hervor. Uns ist, dass an diesem Punkt der Philosoph Jaspers nicht so sehr dem Philosophen Nietzsche, vielmehr dem philosophischen Interpreten Jaspers etwas vorzuwerfen hätte, denn uns scheint, dass Nietzsche kein Philosoph einer positiven Metaphysik gewesen ist. Nebst zahlreichen deutschen Publikationen des Verfassers s. darüber Endre Kiss, FRIEDRICH NIETZSCHE FILOZOFIAJA. Budapest, 1993.
(4) Karl Jaspers, NIETZSCHE, 8. ("Vorwort zur zweiten und dritten Auflage", 1946 und 1949).
(5) NIETZSCHE, 123.
(6) EBENDA, 144 und 145.
(7) EBENDA, 145-146.
(8) EBENDA, 331 (Sperrungen im Original - E.K.)
(9) EBENDA, 338. - Charakteristisch ist die Fortsetzung dieses Gedankens: "Aber, wenn die Darstellung unausweichlich psychologischer Mittel sich bedient, so liegt es immer auch nahe, die Zustände fälschlich in bloss psychische Tatbestände sich verwandeln zu lassen" (EBENDA).
(10)EBENDA, 349.
(11)EBENDA
(12)EBENDA, 345. (Sperrungen nicht im Original - E.K.)
(13)Nur am Rande sei vermerkt, dass der Verf. dieser Zeilen mit diesem auf Nietzsche bezogenen Wahrheitsbegriff nicht einverstanden ist (s. die entsprechenden Teile u.a. der Monographie FRIEDRICH NIETZSCHE FILOZOFIAJA. a.a.O.)
(14)NIETZSCHE, 184. (Zweite Sperrung nicht im Original - E.K.
(15)EBENDA, 187. (Sperrungen im Original- E.K.)
(16)EBENDA, 330.
(17)EBENDA, 299. - Unter dem Aspekt der philosophischen Systematisierung verdient es unser Interesse, dass Jaspers Nietzsches "Positivierung" des Auslegens, d.h. seine (vermeintliche) Arbeit an einer neuen Metaphysik mit dessen (tatsächlich antimetaphysischen) Kritik an der Zweiweltentheorie in Verbindung bringt: "In der Kritik der Zweiweltentheorie hat Nietzsche nur deren Gestalt als grobe rationale Zweiteilung zum Gegenstand gewonnen, worin in der Tat das leere Jenseits oder das Nichts hervorgeht..." (EBENDA, 330). An dieser Stelle sei wieder darauf hingewiesen, dass wir mit der Interpretation Nietzsches als eines Metaphysikers nicht einverstanden sind, während seine Kritik an der Zweiweltentheorie tatsächlich ein durchaus relevanter Zug in Nietzsches Denken ist.
(18)Es sagt aus diesem Grunde durchaus viel, dass sich Jaspers dieser Problematik schon bei der Abfassung seiner Nietzsche-Interpretation voll bewusst war: "Da aber der NACHLASS, der nicht weniger Gewicht hat, nur vorläufig veröffentlicht ist, in Ordnungen, die meistens von den Herausgebern stammen..., bleibt hier eine Schwierigkeit, die einer reinen Lösung offenbar unfähig ist" (EBENDA, 464-465).
(19)"Nietzsches Grundthesen von der Heraufkunft des Nihilismus, von dem >Gott ist tot< und der Bewegung des Menschen auf eine noch nie dagewesene Umwälzung zu...sind von unheimlicher Eindringlichkeit (!); sie entwurzeln jeden Grund einer Ruhe in der Welt..." (EBENDA, 250.)
(20)Damit gehört Karl Jaspers zu den bis heute äusserst wenigen Nietzsche-Interpreten, die Nietzsches engere politisch-philosophische Leistung strikt und ausschliesslich nur im demokratie-theoretischen Rahmen denken können.
(21)EBENDA, 270.
(22)EBENDA, 285. - Damit, als Verallgemeinerung dessen, eröffnet sich aber auch ein neues theoretisches Feld. Jaspers nennt hier nämlich das kruziale Problem jeder politischen Bewegung, die um ihre Ziele zu realisieren bestimmte Veränderungen in den Wertvorstellungen oder generell "im Menschen" voraussetzt. Die notwendige "Langfristigkeit" des notwendigen Wertewandels und die ebenso notwendige "Kurzfristigkeit" der politischen Alltagspraxis bereiten bis heute ein theoretisch wie praktisch kaum aufzulösendes Dilemma.
(23) An dieser Stelle soll an die bis jetzt auf deutsch publizierten Arbeiten des Verfassers dieser Zeilen über die Nietzsche-Deutung Heideggers und Bäumlers mit Nachdruck hingewiesen werden.




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