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Diese Neukonstituierung im Rahmen des kritizistisch
werdenden Positivismus ist einerseits der
Endpunkt einer langen immanent-philosophischen
Entwicklung, welche einst mit der Auflösung
und Verdraengung der Hegelschen Philosophie
ihren Anfang nahm (die ins Einzelne gehenden
philosophiehistorischen Analysen s. Kiss,
1988, 1991). Andererseits stellt das Phaenomen
der Neukonstituierung der "philosophischen
Wissenschaften" eine Verwandlung im
Philosophischen dar, welche für das pragmatistische
Denken generell wie auch für die einzelnen
Artikulationen der pragmatischen Philosophie
ebenfalls von bestimmender Bedeutung sind.
Wie im folgenden eingehender dargestellt,
zeigt diese Neukonstitution der "philosophischen
Wissenschaften" einen neustrukturierten
Komplex von einzelnen "theoretisch"
relevanten Wissenschaften, die in ihrer neuen
Struktur schon AB OVO eine neue theoretische
Ausgangssituation darstellen. Provisorisch
liesse sich sagen, dass die angesprochene
neue Struktur der philosophischen Wissenschaften
EINERSEITS ein Endpunkt der kritizistisch-positivistischen
Zerstörung der Überreste des klassischen
spekulativen Idealismus in seinen Spaetformen
ist, gleichzeitig aber generiert die neue
Struktur der philosophisch relevanten und
ursprünglich keineswegs "theoretisch"
angelegten Wissenschaften ANDERERSEITS eine
Reihe NEUER philosophischer Probleme, die
trotz manchmal wahrnehmbarer Aehnlichkeit
im wesentlichen nichts mit der "alten"
theoretischen Problematik zu tun haben. Es
besteht kein Zweifel darüber, dass der Pragmatismus
als neue philosophische Richtung ebenfalls
eine ist, die auf solche Weise konstituiert
wird und nur auf solche Weise konstituiert
werden konnte. Denn die PAR EXCELLENCE philosophische
Problematik auch des Pragmatismus ersteht
erst nach der kritizistisch-positivistischen
Zerstörung der spaeten Formen des postkantianischen
spekulativen Idealismus und ebenfalls nach
der Konstitution eines konkreten Komplexes
von philosophischen Wissenschaften, denen
dann die neue philosophische Problematik
entwaechst. Vorlaeufig sei gesagt, dass Nietzsche
und der philosophische Pragmatismus in diesem
Kontext die gleiche Entwicklungslinie vertreten.
Die relevanten Aehnlichkeiten lassen sich
aus dieser parallelen Position im wesentlichen
ganzheitlich verstehen und erklaeren. Es
ist sehr vielsagend, dass jede wesentliche
pragmatisch-philosophische Aussage in der
Hinsicht weiter kategorisiert werden kann,
ob sie diese konkrete philosophische Genese
(Zerstörung des Spaetidealismus durch positivistischen
Kritizismus oder kritizistischen Positivismus)
reflektieren oder nicht.
Diese Neukonstitution der
philosophischen
Wissenschaften auch als
Ausgangspunkt des
pragmatischen Denkens überhaupt
gilt auch
als Essenz der mittleren
Schaffensperiode
Friedrich Nietzsches und
somit auch des kritizistisch
werdenden Positivismus,
die Nietzsche selber
durchaus zutreffend als
Aussagen "Von
den Ersten und Letzten
Dingen" im Ersten
Hauptstück des MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES
betitelt. Diese Schaffensperiode
Nietzsches,
auch als eine Disziplin
des kritizistischen
Positivismus,entwuchs einer
durchaus vielschichtigen
Entwicklung der 50-er und
60-er Jahre als
deren Konsequenz, unter
den heute kaum mehr
bekannten Relationen der
philosophischen
Possibilitaet und Plausibilitaet
in einem
völlig neuen gedanklichen
Raum, für welchen
unter anderen bereits das
eindeutige Vergessen
der Hegelschen Philosophie
charakteristisch
war. Diese Philosophie
ist nicht nur deshalb
grundsaetzlich neu, weil
sie viele neue Positionen
aufweist, sondern auch
deshalb, weil sie
in jeder ihrer Komponenten
einem neuen Stand
der Beweisbarkeit wissenschaftlicher
Grundthesen
entwachsen ist. Sie ist
grundsaetzlich neu,
auch weil Nietzsche im
wesentlichen saemtliche
Herausforderungen dieser
neuen historischen
und philosophischen Situation
wahrnimmt.
Die einander gegenseitig
bekaempfenden philosophischen
Richtungen sind aber trotz
ihrer fundamentalen
historischen und theoretischen
Position von
der reifen Form der Nietzscheschen
Philosophie
meilenweit oder, mit anderen
Worten, durch
qualitative Differenzen
entfernt. Dies aendert
aber an der Tatsache nicht,
dass Nietzsche
ausschliesslich und unmittelbar
nur im Kontext
dieser beiden Jahrzehnte
verstanden werden
kann. Auf ein Wort Karl
Löwiths hinspielend
bedeutet es, dass es kein
Weg "von Hegel
zu Nietzsche" führt,
der Weg führt vielmehr
von Hegel in ein philosophisches
Vakuum,
von wo dann die Entwicklung
ihre reifste
Form in der Philosophie
Friedrich Nietzsches
erreicht. Die qualitative
Differenz zugunsten
Nietzsche dabei ergibt
sich unter anderen
aus dem Umstand, dass Nietzsche
in diese
Diskussion mit elementarer
Kraft die Wertsetzungen,
Einstellungen und Evidenzvorstellungen
jener
deutschen klassischen Philosophie
mitbringt
(bzw. in vielen Faellen
spontan und auf Grund
seiner eigenen Logik "wiederentdeckt"),
die Wilhelm Windelband
"aesthetisch-philosophisches
Bildungssystem" (Windelband,
1909) genannt
hat, die die spezifisch
Nietzscheschen Kombination
von kritischer Wissenschaftlichkeit
und gleichzeitig
"ökumenischer",
m.a.W. gesamtmenschlicher
Fragestellung ausmacht.
Nicht irrelevant
ist aber in diesem Zusammenhang
auch die
Tatsache, dass sich Nietzsche
in seiner Jugend
intensiv mit allen drei
wichtigsten neuen
philosophischen Richtungen
auseinandersetzt,
die die spaetere Entwicklung
fast vollstaendig
gepraegt haben. Ausser
der lange Zeit geradezu
einseitig überbetonten
Schopenhauer reflektiert
er somit den in jener Zeit
neu entstehenden
Neukantianismus eines Friedrich
Albrecht
Lange oder den damals sehr
modernen Positivismus
eines Eugen Dühring.
In dieser Beleuchtung erscheint
die philosophische
Konzeption des MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES
nicht nur als neuartig
kohaerent, sondern
auch als "zeitgemaess"
und "aktuell",
die von den wesentlichsten
Zeitwenden geradezu
vorbereitet zu werden scheint.
Diese Züge
der Philosophie ist jedoch
nicht unabhaengig
von jenen Zügen, die mit
der pragmatischen
Philosophie gemeinsam sind.
Wir kennen zwar
an der Jahrhundertwende
Persönlichkeiten,
die sich der wahren philosophischen
Bedeutung
Nietzsches im klaren waren.
Unter ihnen gilt
die Relation Max Webers
zu Nietzsche als
eine, die bis heute mit
viel geistigem Nebel
umgeben ist. Ernst Troeltsch
schrieb kein
bedeutenderes selbstaendiges
Werk über Nietzsche,
in Georg Simmels PHILSOSOPHIE
DES GELDES
gibt es mehr nietzscheanische
Impulse als
in seinen thematisch um
Nietzsche gehenden
Arbeiten. Und wenn es möglich
ist, erweist
sich die Nietzsche-Wirkung
bei Max Scheler
als noch enigmatischer,
indem Scheler den
Kampf gegen (auch Nietzsches)
kritizistischen
Positivismus bewusst aufnimmt,
waehrend er
auf das Tiefste ins Wesen
dieser Denkweise
hineinschaut und die Ergebnisse
dieser Einsicht
für sich produktiv zu machen
sucht. Vaihinger's
Nietzsche-Bild (Vaihinger,
1902) ist wieder
ein singulaeres Phaenomen.
Er artikuliert
vielleicht auf das Deutlichste
die wahren
Dimensionen des kritizistischen
Szientismus
Nietzsches, waehrend er
mit den zeitgenössischen
(und höchst inadaequaten!)
"politischen"
und "soziologischen"
Interpretationen
Nietzsches nicht scharf
genug durchschauen
und entlarven kann, wodurch
seine Nietzsche-Deutung
bald vergessen wird und
bringt auch seine
hervorragenden interpretatorischen
Ansaetze
mit in die Vergessenheit.
Einen eigentümlichen
Stellenwert nehmen unter
diesen unmittelbaren
Relationen die verschiedenen
Relationen der
pragmatischen Philosophie
zu Nietzsche ein.
Einerseits waechst auch
der philosophische
Pragmatismus aus den entscheidenden
Errungenschaften
des kritizistischen Positivismus
oder des
positivistischen Kritizismus
heraus, wie
es mit Nietzsche der Fall
gewesen ist. Andererseits
aber muss man dazu die
INTERKULTURELLE Komponente
mit hineinziehen, die darin
bestand, dass
sich der AMERIKANISCHE
Prozess der Entwicklung
des kritizistischen Positivismus
mit einem
aehnlichen EUROPAEISCHEN
Prozess desselben
kritizistischen Positivismus
um die Jahrhundertwende
sich vereinte. Dies bedeutet
für Nietzsche
und den Pragmatismus, dass
ein Teil der Gemeinsamkeiten
Produkt einer autochthonen
Entwicklung war,
waehrend die Auswirkung
von Nietzsche auf
den Pragmatismus auch als
bewusste Rezeption
den Entwicklungsprozess
beeinflussen konnte.
All die positiv zu registrierenden
Redzeptionsvorgaenge
liefen aber in einem bis
dahin nicht existenten
interkulturellen Kontext
ab, der so viel
bedeutete, dass die amerikanische
Philosophie
bis zu diesem Zeitpunkt
die kontinentale
Entwicklung in diesem Ausmass
überhaupt nicht
beeinflussen konnte.
Der qualitative Sprung
Nietzsches (auch im
Vergleich der Philosophen
der 50-er und 60-er
Jahre), der ja auch in
seiner Neukonstitution
der philosophischen Wissenschaften
(die ja
selber als neue Philosophie
genannt werden
dürfe) sichtbar wird, besteht
in seiner einmalig
erfolgreichen Vereinigung
von Positivismus
und philosophischem Kritizismus,
der wohl
auch eine grosse typologische
Bedeutung zugesprochen
werden muss. Bereits der
Eugen Dühring der
60-er Jahre hat einen aehnlichen
Versuch
gemacht, ebenfalls bekannt
sind die aehnlichen
Versuche des Nietzsche-Zeitgenossen
Ernst
Mach. Einen für unseren
Gedankengang mehrfach
wichtigen Versuch stellt
ein frappierend
frühes Werk Vaihingers
dar (Vaihinger, 1876),
in dem er die Entfaltung
der Philosophie
nach 1848 in der sich voneinander
trennenden,
selbstaendig werdenden
Realisierung der in
Schopenhauer noch in einer
(zwar ohne jeden
Zweifel schon bei ihm EKLEKTISCH)
koexistierenden
Tendenzen erblickt. Hier
wird Eduard von
Hartmann als Fortsetzer
der idealistischen
Metaphysik Schopenhauers,
Friedrich Albert
Lange als Fortsetzer von
Schopenhauers Kritizismus
und Eugen Dühring als Fortsetzer
von Schopenhauers
Positivismus interpretiert.
Bereits im Augenblick seiner
Konstitution
seines Paradigmas des kritizistischen
Positivismus
dehnt Nietzsche schon das
Programm dieser
Richtung grundsaetzlich
aus. Die wesentlichste
und sprungartige Ausdehnung
(der Sprung innerhalb
des Sprunges) besteht bei
Nietzsche darin,
dass er - gemaess des bereits
in den 50-er
und 60-er Jahren auftauchenden
philosophischen
Programms des NEBENEINANDERS
wissenschaftsorientierter
und wertkonstituierter
Fragestellungen -
vor allem auf der Linie
der moralischen Wertung
die Thematisierung der
Frage der HISTORISCHEN
IDENTITAET DES MENSCHEN
auf einer "ökumenisch-gesamtmenschlichen
Ebene thematisch macht.
Es versteht sich
von selbst, dass diese
neue Relation des
NEBENEINANDERS auch jede
traditionelle Fragestellung
stark modifiziert, denn
- und damit streifen
wir schon unseren umfassendsten
Zusammenhang
- eine der staerksten Herausforderungen
für
neuzeitliche philosophische
Systematisationen
eben das Bedürfnis war,
das erkenntnistheoretisch-szientistische
Zentrum mit demselben der
Wertkonstitution
oder der "Sinn"-Problematik
(Moral,
Kunst, Religion) zu vermitteln.
Diese Lösung
Nietzsches gilt m.a. W.
auch als ein Weg,
die traditionellen Systematisierungen
jeglicher
Provenienz zu suspendieren.
Es gibt keinen
zweiten Vertreter dieser
Richtung des kritizistisch
gemachten Positivismus,
der - wie Nietzsche
- gerade durch diese Auffassung
des philosophischen
Nebeneinanders in expliziter
Form ein Programm
der "Umwertung der
Werte" angekündigt
haette. Mit aller Deutlichkeit
soll schon
jetzt darauf hingewiesen
werden, dass die
Auffassung dieses Nebeneinanders
bei Nietzsche
auf eine Motivation zurückgeht,
welche mit
derselben der pragmatischen
Philosophie voll
zusammenfaellt. Denn die
Aufwertung des (als
eine Einheit gedachten)
Bereichs der Wertkonstitution
und der "Sinn"-Problematik
ist
selbst ein Beweis dafür,
dass ein von dem
Subjekt getrenntes Wahrheitsbegriff
nicht
ausreichend ist. In diesem
Nebeneinander
erscheint sogar der wahre
entwicklungsgeschichtliche
Ort des Pragmatismus noch
viel klarer als
sonst. Denn der Pragmatismus
IST eine philosophische
Richtung, die auf den kritizistischen
Empirismus
folgt und anders auch nicht
haette entstehen
können. Dass solche Repraesentanten
des Pragmatismus,
wie William James es stellenweise
explizit
leugnen, hat seinen guten
Grund, auf welchen
wir noch zurückkommen müssen
(James, 1925,
18.).
Aus all dem folgt, dass
Friedrich Nietzsches
reife (und noch nicht im
Zeichen der Pathologie)
stehende Philosophie einerseits
eine Neuordnung
der philosophischen Wissenschaften
und andererseits
eine neue Intonation der
gesamtmenschlich
gedachten Identitaetsproblematik
in sich
enthaelt, die sowohl getrennt
als auch in
ihrer Einheit deutliche
Alternativen zu jeder
Formulierung traditioneller
Bewusstseinsphilosophie
darstellen. Die Einheit
dieser beiden Ansaetze,
die ja eben keine systematische
Einheit sein
kann, macht das "offene"
System
der Nietzscheschen Philosophie
aus. Dass
sowohl das Stichwort der
Identitaet (nicht
zuletzt wegen ihrer expliziten
Praxisbezogenheit)
wie auch das des "offenen
Systems"
(s. beispielsweise James,
1925, ) Momente
bezeichnen, die mit dem
philosophischen Pragmatismus
viel zu tun haben, sei
hier nur angedeutet.
Die hier Rekonstruktion
der Neuordnung der
philosophischen Wissenschaften
bei Friedrich
Nietzsche entstand durch
eine Analyse der
Texte des MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES,
wobei die durch Analyse
erschlossene Texte
in die leitenden philosophischen,
bzw. wissenschaftlichen
Perspektiven des kritischen
Positivismus
aufgenommen worden sind.
So entstand sowohl
eine REIHE wie auch eine
STRUKTUR von philosophischen
Wissenschaften, die wir
dann im ganzen als
die Nietzschesche Neuordnung
der philosophischen
Wissenschaften angesehen
haben.
Die einzelnen kognitiven
und gegenstaendlichen
Motive liessen sich waehrend
dieser Arbeit
der Analyse in drei Gegenstandssphaeren
einordnen:
a) die ERKENNTNIS (die
gegenwaertige Erkenntnis,
die in der Vergangenheit
durchgeführte, historisch
gewordene Erkenntnis; b)
die (gegenwaertigen
und in der Vergangenheit
ihre Existenz gehabten,
historischen WIRKLICHKEITSKOMPLEXE
sowie
c) die (ebenfalls gegenwaertig-aktuellen,
bzw. vergangenen, d.h.
historisch gewordenen)
IDENTITAETSKOMPLEXE.
Der naechstfolgende Schritt
unserer Rekonstruktion
bestand in einer Erschliessung
der Relation
der einzelnen Komplexe
zueinander. Auf diesem
Wege kamen wir zu einzelnen
konkreten Relationen,
die wir dann wieder mit
konkreten philosophischen
und nicht-philosophischen
Wissenschaften
in Entsprechung gebracht
haben.
DAS MODELL DER NEUORDNUNG
PHILOSOPHISCHER
WISSENSCHAFTEN
Im Laufe des soeben dargestellen
Verfahrens
liessen sich im philosophisch-szientistischen
Universum des MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES
die folgenden Komplexe
identifizieren:
(S. die beigelegte Zeichnung)
Erschliessung der Abkürzungen
der Modellzeichnung:
Ek = Die Erkenntnis in
der Gegenwart
Ev = Die Erkenntnis in
der Vergangenheit
WK = Wirklichkeitskomplex
WKg= Wirklichkeitskomplex
in der Gegenwart
WKv= Wirklichkeitskomplex
in der Vergangenheit
WKgv=Wirklichkeitskomplex
in der Gegenwart
und in der Vergangenheit
Ig = Identitaet in der
Gegenwart
Iv = Identitaet in der
Vergangenheit
Die hier benannten Komplexe
liessen sich
dann - wie gesagt - aufgrund
der Anweissungen
des Denkers selber in die
folgenden Relationen
einordnen:
1. Relation = Eg - WKg
1a.Relation = Eg - WK gv
2. Relation = Eg - 1. Relation
3. Relation = Eg - 1-2.
Relation
4. Relation = Eg - Ev
5. Relation = Eg - WKv
6. Relation = Ev - WKv
7. Relation = Ev - 6. Relation
8. Relation = Eg - 6-7.
Relation
9. Relation = Eg - Ig
Die einzelnen Relation
entsprechen den folgenden
philosophischen oder nicht-philosophischen
Wissenschaften:
Relation 1: methodische
wissenschaftliche
Erkenntnis, Normalwissenschaft;
Relation 1a: synchrone
Erkenntnis, mit einem
aktuellen Gegenstand;
Relation 1b: synchrone
Erkenntnis eines Gegenstandes
(Wirklichkeitskomplexes),
welches gleichzeitig
wesensmaessig sowohl zur
Vergangenheit wie
auch zur Gegenwart gehört,
dessen Existenzmodus
also "historisch"
(auch in der
Gegenwart) ist;
Relation 2: kritische Wissenschaftstheorie;
Relation 3: Hermeneutik,
Interpretation,
im breitesten Sinne verstandene
Wissenssoziologie;
Relation 4: positive Wissenschaftsgeschichte;
Relation 5: positive Geschichtswissenschaft;
Relation 6: historische
Wissenschaftlichkeit;
Relation 7: historische
Interpretation, historische
Hermeneutik;
Relation 8: die gegenwartig-aktuelle
Interpretation
der historischen Interpretation,
eine Art
"Metainterpretation",
eine im breiten
Sinne des Begriffes verstandene
Soziologie
des Wissens;
Relation 9a:Mangel an Diskursivitaet,
an
der Möglichkeit systematischer
Verkoppelung;
Relation 9b:eine Relation
der positiven Wechselwirkung,
die durch eine praktische
Aufklaerung herzustellen
ist.
EINGEHENDE ANALYSE DER
EINZELNEN RELATIONEN
VOR DEM HORIZONT DES PHILOSOPHISCHEN
PRAGMATISMUS
Relation 1
Diese Ausgangsrelation
bildet die Praxis
der normalen Erkenntnis
ab: Die methodisch
bewusste und aktuell durchgeführte
Erkenntnis
richtet sich auf einen
gleichzeitig voll
wahrnehmbaren Gegenstand
inmitten eines synchronen
Prozesses der Erkenntnis.
Diese Relation
befindet sich in vollem
Ausmass innerhalb
des Universums der positivistischen
Wissenschaftlichkeit
und der positivistischen
Reflexion auf die
Wissenschaft. Sowohl die
pure Existenz wie
auch ihre Beurteilung hat
diese Relation
eine enorme Bedeutung,
weil Nietzsche eine
so stattliche Anzahl von
kritizistischen,
hermeneutischen und interpretativen
Initiativen
auf den Plan tritt, dass
dadurch manchmal
der Schein entstehen kann,
dass diese Realisierung
einer meta-szientistischen
Einstellung auch
"sui generis"
antipositivistisch
motiviert sind. Die positive
Praxis, die
in der Relation 1 beruht
ihrerseits ebenfalls
auf interpretativen Voraussetzungen,
dies
bedeutet aber nicht, dass
der interpretative
Charakter die Dimension
der positiven Erkenntnis,
d.h. die Relation 1 uferlos
machen würde.
Deshalb erweist sich die
Relation 1 als eine
Interpretation von eigenartigem
Charakter,
unter anderen weil sich
das Kriterium der
intersubjektiven Kontrollierbarkeit
auf sie
bezieht (S. beispielsweise
Nietzsche, 2/23).
Damit haengt auch Nietzsche's
ausgepraegter
Sinn für die Bedeutung
wissenschaftlicher
Methodik, bzw. Methodologie
zusammen (9/635).
Die Anerkennung der Existenz
der Relation
1 erweist sich als entscheidend
auch für
ganze mögliche Nietzsche-Interpretationen.
Indem sie beispielsweise
aufgelöst oder eliminiert
werden kann, lassen sich
aus anderen Impulsen
der Nietzscheschen Kritik
der Wissenschaft
neue Argumentationen der
Wissenschaftsfeindlichkeit
herauslesen (Deleuze, 1974).
Generell laesst
sich sagen, dass die Relation
1 eine allgemeine
Voraussetzung auch des
philosophischen Pragmatismus
ist. Der philosophische
Pragmatismus hat
überhaupt einen Sinn, wenn
seine Grundthesen
und Grundvoraussetzungen
erst bei voller
Geltung der Relation 1
verstanden werden.
Wir betonen an dieser Stelle
wieder, dass
dieser Zusammenhang auch
der tatsaechlichen
philosophischen Entwicklung
entsprach, d.h.
der Pragmatismus als selbstaendige
Philosophie
erst mit dem Durchbruch
des kritizistischen
Empirismus auf den Plan
treten konnte.
Zwischen der Relationen
1a und 1b erzeugen
die Beschaffenheiten des
Gegenstandsbegriffes,
sowie des zu untersuchenden
Wirklichkeitskomplexes
die spezifische Differenz.
Die Relation 1b,
die Genealogie, bringt
die Dimensionen der
geschichtlichen Impulse
auch in den Kern
der positivistischen Erkenntnistheorie
(was
gleichzeitig auch die Möglichkeit
eines auf
abstraktem Niveau durchzuführenden
Vergleiches
zwischen Hegel und Nietzsche
erschafft).
Der Wahrheitsbegriff des
kritizistischen
Positivismus entspricht
also weitgehend dem
Wahrheitsbegriff der kritischen
Wissenschaftlichkeit.
Diesen Wahrheitsbegriff
wird Nietzsche im
spaeteren differenzieren,
allerdings so,
dass die Bedeutung der
Relation 1 nie zurückgehen
wird. Es versteht sich
von selber, dass der
philosophische Pragmatismus
eher in Relation
1 aufgefangen wird, wobei
aber vergessen
wird, dass der Pragmatismus
mit Vorliebe
- meistens übrigens durch
Darwin - auf genealogische
Entwicklungslinien hinweist,
die die Geltung
des pragmatistischen Ansatzes
in der Geschichte
unter Beweis stellt.
Relation 1a - 1 b
Diese Relation verbindet
die aktuelle, gegenwaertige
Erkenntnis mit jenen Wirklichkeitskomplexen
in Verbindung, deren Existenzweise
par excellence
historisch ist, m.a.W.
die für unser Erkenntnisinteresse
genuin "historisch"
erscheinen.
Es heisst nicht, dass es
zwei Gegenstandssphaeren
geben würde, was hier qualifiziert,
ist letztlich
unser Erkenntnisinteresse,
ist also letzlich
pragmatisch bedingt. Letztlich
entscheiden
also pragmatische Gründe,
welche Gegenstaende
für die organisierte Wissenschaft
eines Zeitalters
in ihrer vollen historischen
und dynamischen
Existenzweise und welche
"nur"
in ihrer "synchronen",
aktuellen
Beziehungen erkannt werden
sollten. Die historische
Erforschung beispielsweise
des Phaenomens
"Wetter" waere
gewiss von etlichem
Wert, aus letztlich "pragmatischen"
Gründen ist aber die Erforschung
dessen so
gut wie kontingent. Diese
unreflektierte
Kategorisierung unter dem
Aspekt der Berücksichtigung
oder Nichtberücksichtigung
der historischen
Existenzweise eines Gegenstandes
ist für
die Neudefinition der philosophischen
Wissenschaften
bei Nietzsche von grundsaetzlicher
Bedeutung.
Diese, letztlich auf pragmatische
(!) Gründe
zurückgehende Kategorisierung
entscheidet
naemlich, welcher Gegenstand
der Untersuchung
in die synchrone, und welche
in die diachrone
Sphaere des kritizistischen
Positivismus
eingestuft werden muss,
deren legitime philosophische
Wissenschaft eben die Genealogie
ist. Nietzsche
selber macht ebenfalls
genealogische Forschungen
und stellt genealogische
Konzepte, manchmal
ganze Theorien auf, verfolgt
aber jedes neue
Ereignis der genealogisch
eingestellten positivistischen
Wissenschaftlichkeit mit
dem grössten Interesse.
Die tiefe innere Verbundenheit
des kritizistischen
Empirismus überhaupt, sowie
der Nietzscheschen
Version desselben mit den
fundamentalen Grundzügen
des Pragmatismus erscheint
in diesem Zusammenhang
ganz besonders deutlich.
Denn der Unterschied
zwischen Relation 1 und
Relation 2 ist in
einem ganz konkreten Sinne
des Wortes "pragmatisch".
Von der Relation 1 aus
gesehen ist naemlich
die Relation 2 keine "prinzipielle"
oder "theoretische"
Notwendigkeit.
Im Gegenteil! Ihre Geltung
ist im Prinzip
geradezu uneingeschraenkt.
Es sind gerade
PRAGMATISCHE Notwendigkeiten
und Einsichten,
die im Vollzug der synchronen
Erkenntnisweise
erkennen lassen, dass es
Gegenstandskomplexe
gibt, deren Erkenntnis
ohne historisch-genealogische
Komponenten "pragmatisch"
mehr
oder weniger "sinnlos"
waere. Diese
pragmatische Einsicht begründet
die Notwendigkeit
der Relation 1 b! Mehr
noch, der "Pragmatismus"
erscheint in diesen beiden
Relationen in
dem von Nietzsche als selbstverstaendlich
angenommenen "Perspektivismus",
der in beiden Relationen
stets evident wirken.
Man kann sogar sagen, dass
James' folgende
Definition des Pragmatismus
in ihrer Abgehobenheit
vom kritischen Empirismus
im wesentlichen
IDENTISCH mit Nietzsches
Perspektivismus
i st: "Notre philosophie
est donc notre
maniere propre de sentir
et de nous représenter
la pression, la poussée
de l'univers, - de
la sentir et de nous la
représenter toute"
(James, 1925, 22.). Daraus
folgt aber, dass
jegliche spaetere Gegenüberstellung
des kritizistischen
Empirismus mit dem philosophischen
Pragmatismus
diesen "Faktor"
des Perspektivismus
auf das Bewussteste reflektieren
muss.
Relation 2
Solange die Relation 1
und die Relation 1a
den aktuellen Erkenntnisprozess
bezeichnen
und ihr Unterschied bloss
in der unterschiedlichen
(letztlich, wie wir sahen,
doch "pragmatisch"
motivierte) Konstitution
des zu erkennenden
Gegenstandes zurückzuführen
sei, in der Relation
2 bereits auch die erste
reflexive Relation
artikuliert wird. Diese
Relation bezieht
sich selbstverstaendlich
sowohl auf die Relation
1 wie auch auf die Relation
1a, es genügt
uns doch, wenn wir jetzt
ihren Bezug auf
die Relation 1 untersuchen.
Diese Relation ist auch
mit der Relativierung
des Positivismus, mit anderen
Worten auch
mit dem Kritizistischwerden
desselben gleich.
Dadurch wurde auch der
Grundzusammenhang
des kritizistischen Positivismus
wiederhergestellt,
den wir am besten als die
"durch die
Wissenschaft selber relativierte
Wissenschaftlichkeit"
definieren könnten. Dass
diese Art der Relativierung
in höchstem Masse konsequent
ist, versteht
sich von selber, denn es
war hier eben die
Wissenschaft selber, die
alle andere Bereiche
relativiert hat. Dass sie
auch sich selber
zum Gegenstand der Relativierung
gewaehlt
hat, ist deshalb ein Zeichen
ihrer Konsequenz.
Für die Gesamtkonstitution
der Nietzscheschen
Philosophie ist es aus
diesem Grunde von
der höchsten Wichtigkeit,
dass diese wissenschaftliche
Relativierung der Wissenschaft
keine genuin
anti-wissenschaftliche
oder anti-positivistische
Absicht ausdrückt (und
nicht als solche -
wie es oft geschieht -
missverstanden werden
darf), sie gilt nur ZUSAMMEN
mit den Relationen
1 und 1a.
Diese Relativierung des
Positivismus, die
ja auch als konsequente
und legitime Selbstrelativierung
angesehen werden muss,
geht in vollem Ausmass
im Zeichen des als Motto
des ganzen MENSCHLICHES,
ALLZUMENSCHLICHES angeführten
Descartes-schen
Prinzipes der "Wahrheitssuche
als Lebensziel",
ja sie ist als eine Art
ihrer Verwirklichung
und nicht als ihre Negation
zu verstehen.
So dürfen ja die selbstkritischen
und selbstrelativierenden
Velleitaeten dieses kritizistischen
Positivismus
nicht als Irrationalismus
oder irgendwie
anders konzipierter Auftritt
gegen die Wissenschaft
interpretiert werden. Im
Zusammenhang der
Neukonstitution der philosophischen
Wissenschaften
bei Nietzsche lassen sich
folgende relativierende
Konzeptionen nachweisen:
- Relativitaet unserer
Anschauung (Wahrnehmung,
Konzeption, etc.) der Zeit
und des Raumes;
- Relativitaet der genealogischen
(historischen,
diachronen, etc) Ansicht
des kritizistischen
Positivismus;
- eine von der Einsicht
der Relativierung
geleitete Kritik der Logik
und der Mathematik;
- die Kritik der Sprache;
- die im breitesten Sinne
des Wortes wissenssoziologisch
motivierte Relativierung
jedes Wissens und
jeder Wissenschaft.
Die Relation 2 spielt aber
nicht nur im Vergleich
"Nietzsche - Pragmatismus",
sondern
auch im Umfeld der pragmatischen
Philosophie
selbst eine wahrhaft bestimmende
Rolle. Denn
der Pragmatismus als Paradigma
transformiert
diese Relation auf eine
sehr eigentümliche
Weise. Seine Transformation
besteht in einem
merkwürdigen Akt der Unifizierung,
bzw. der
Identifizierung. Er vereint
auf die ihm eigentümliche
Weise die Prinzipien und
Methoden der kritischen
Wissenschaftlichkeit UND
deren vielseitige
und vielschichtige Relativitaet
und sagt
den so erzielten Tatbestand
als einen Tatbestand
aus. Daher seine Kraft
(durch Vereinigung
der positiven Logik und
Methodik der kritischen
Wissenschaftlichkeit) und
seine gleichzeitige
Form- und Gestaltlosigkeit
(in seinem inneren
Umkreis werden die beiden
Bereiche nicht
mehr analytisch auseinandergehalten).
Von
der vollzogenen Unifizierung
aus gesehen
laesst sich William James
negative Einstellung
zur Identitaet des Pragmatismus
und des "radikalen
Empirismus" auch verstehen
(James, 1925,
18), obwohl die Unifizierung
analytisch (unter
anderen wegen des bereits
erwaehnten Perspektivismusproblems
nicht stichhaltig ist.
Relation 3
Diese Relation als die
zweite reflexive Relation
bezieht sich einerseits
auf die 2 und andererseits
auf die 1 und 1a Relationen.
Diese Relation
ist diejenige der im breiten
Sinne des Begriffs
verstandenen Wissenssoziologie
und gilt als
sprachlich noch kaum genügend
geregelte,
in ihrem Inhalt aber geradezu
pionierhafte
philosophische Initiative,
die die These
des kritizistischen Positivismus
über den
interpretativen Charakter
jeder Wirklichkeit
auf eine hohe und interdisziplinaer
geordnete
Höhe erhebt. Sie enthaelt
auf diese Weise
die inhaltlichen Aussagen
(und Konsequenzen)
sowohl der ersten wie auch
der zweiten Relation
und macht es deutlich,
dass der Interpretationscharakter
der Wirklichkeit die in
ihnen aufgehobene
und kritizistisch umgeformte
Gegenstaendlichkeit
nicht aufhebt. Dadurch
vermeidet dieser genuin
hermeneutische Ansatz die
grösste Gefahr
jeder philosophischen Hermeneutik
überhaupt,
die potentiell in ihr steckende
Gefahr einer
Suspendierung der noch
so kritisch aufgefassten
Gegenstaendlichkeit, die
dann ihrerseits
die Voraussetzungen jeder
Wissenschaftlichkeit
untergraebt. Diese Hermeneutik
destruiert
die Geltung der Relation
1 und der Relation
2 nicht. Er simplifiziert
auch den wahren
Reichtum der philosophischen
Methodik nicht,
um die genannten Relationen
am Leben zu erhalten.
Es liegt auf der Hand,
dass in dieser Relation
die schon auch beim jungen
Nietzsche gewaltig
artikulierte anti-antropomorphisierende,
sogar auch desanthropomorphierende
Tendenz
vollzogen wird, denn die
Relation 3 gleichzeitig
auch mit der unvermeidlichen
Entlarvung jeder
philosophischen Anthropomorphisation
identisch
ist. Sowohl für die Nietzsche-Pragmatismus-Relation
als auch für den philosophischen
Pragmatismus
generell gilt die Relation
3 ebenfalls als
entscheidend wichtig, und
zwar in genau dem
Sinne, wie es mit der Relation
2 der Fall
gewesen ist. Hier vollzieht
der Pragmatismus
wieder einen unifizierenden
und vereinheitlichenden
Akt. Er macht keinen Unterschied
mehr zwischen
jenen Relationen, die hier
als Gegenstand
der Reflexion erscheinen
und jener Relation,
die die Reflexion im engeren
Sinne des Wortes
vertritt. Sein Wahrheitsbegriff
vertritt
all diese Schichten als
eine Einheit, womit
er sich wieder die Eigenschaften
der intellektuellen
Staerke und der analytischen
Undifferenziertheit
zuschreibt (über diese
Undifferenziertheiten,
die einer analytischen
Sicht schnell klar
werden, s. vor allem Russell,
1946, 845 ff.).
Relation 4
Diese Relation ist mit
dem Bezug der aktuell-gegenwaertigen
Erkenntnis auf die in der
Vergangenheit vollzogenen
Erkenntnis gleich. Nietzsche
verfolge die
Wissenschaftsgeschichte
stets mit grosser
Aufmerksamkeit, die ja
sein unerschöpfliches
genealogisches Interesse
stets mit neuen
Materialien versehen hatte.
Es liegt auf
der Hand, dass der Komplex
des kritizistischen
Positivismus ein im Prinzip
unendliches Ausmass
nötig hat, um seine genealogischen
Überlegungen
auszubauen. Die Relation
4 enthaelt einerseits
also den positiven Tatsachenbestand
der Wissenschaftsgeschichte,
andererseits jedoch - und
dies folgt bereits
aus der puren Existenz
der Relation 2 und
3 - untersucht er die Konzeptionen
der Wissenschaftsgeschichte
auch schon unter dem Aspekt
des Wertes, bzw.
der Wertung, was wieder
zur Konstitution
der breit verstandenen
Wissenssoziologie
führen muss. Aus diesem
Grunde wird es geboten
sein, die positive wissenschaftsgeschichtliche
Relation dieser Richtung
"kritische
Wissenschaftsgeschichte"
zu nennen.
In diesem Zusammenhang
laesst sich die Koexistenz
des kritischen Aspektes
mit dem primaeren,
historischen Interesse
sehr deutlich studieren.
Von der Perspektive des
philosophischen Pragmatismus
schaut es wieder erstaunlich
aehnlich aus.
Auch er hat seine eigene
Perspektive für
die positive Wissenschaftsgeschichte,
allerdings
ebenfalls so, dass er den
historischen Prozess
selber als eine Summa von
"pragmatisch"
interpretierten Akten auffasst,
wie es der
kritische Empirismus mit
den "kritisch"
interpretierten Einzelakten
tut.
Relation 5
Diese Relation verbindet
die gegenwaertige
Erkenntnis mit den Wirklichkeitskomplexen
der Vergangenheit. Eine
besondere Bedeutung
für den kritizistischen
Positivismus hat
diese Relation nicht, was
aber auch nicht
heisst, dass diese Relation
mitsamt der ihr
zugeordneten Wissenschaft
der Geschichte
ihren eigenen und relevanten
Stellenwert
im neuen System der philosophischen
Wissenschaften
nicht haette. Die Verwandtschaft
mit der
Relation 1 ergibt sich
aus der Natur der
Sachen, mit dem Unterschied
allerdings, dass
Relation 5 keine genealogische
Reflexion
aufweist. Aehnlich gestalten
sich diese Dimensionen
in dem philosophischen
Pragmatismus, wobei
sowohl die "Geschichte"
wie auch
die auf sie gerichteten
Perspektiven mit
Selbstverstaendlichkeit
mit pragmatischen
Motiven versehen, bzw.
ergaenzt werden.
Relation 6
Diese Relation verbindet
die in der Vergangenheit
durchgeführte Erkenntnis
mit ihrem Gegenstand
ebenfalls in der Vergangenheit.
Einen direkten
Bezug zum kritizistischen
Positivismus hat
diese Relation ebenfalls
nicht, ihr Stellenwert
ist aber ebenso von der
grössten typologischen
und systematischen Bedeutung.
Ein aehnlicher
Bezug laesst sich - MUTATIS
MUTANDIS - im
philosophischen Pragmatismus
ausmachen.
Relation 7
Sie ist die Relation, die
auf die in der
Vergangenheit durchgeführte
Erkenntnis in
der Vergangenheit existierter
Gegenstaendlichkeiten
reflektiert. Zu dieser
Relation hat Nietzsche
eine erstaunliche Menge
eigener Reflexionen
von erstaunlicher Grössenordnung.
Auf eine
leicht nachzuvollziehende
Weise erwiest sich
diese Relation als ein
Feld, auf welchem
der philosophische Pragmatismus
seine missachtete
Relevanz ausweisen kann.
Relation 8
Die gegenwaertige Erkenntnis
bezieht sich
in dieser Relation auf
die Wissenschaftstheorien
früherer Zeiten, wie es
beispielsweise von
Nietzsches Relation zu
Hume auch genügend
klar wird. Es versteht
sich von selbst, dass
diese Relation auch im
Falle des philosophischen
Pragmatismus sehr oft und
in durchaus aehnlichen
Absichten favorisiert wird.
Relation 9
Diese Relation umfasst
die Relation 9a und
9b. Waehrend die Relation
9a die unüberbrückbare
Kluft zwischen dem kritizistischen
Positivismus
und dem Identitaets-Zentrum,
den Mangel an
einer möglichen diskursiven
Verbindung zwischen
ihnen deutlich macht, laesst
sich die Relation
9 als Ergebnis einer aufklaerenden
Praxis,
in historischer Sukzessivitaet
praktisch
verwirklichen. Da die gegenwartige
Identitaet
(Ig) nicht auf die Inhalte
der gegenwaertigen
Erkenntnis (Eg), sondern
auf die Inhalte
der vorkritischen, historischen
Erkenntnis
aufgebaut worden ist, kann
gegenwaertig über
einen möglichen philosophischen
Durchgang
zwischen Eg und Ig nicht
die Rede sein. Dies
kann aber nur eine "praktische",
nicht aber systematische
Aufgabe der Philosophie
sein. Unter dem Aspekt
der Rekonstruktion
der Nietzscheschen Philosophie
gilt die Relation
9 als einer der Schlüsselpunkte
der Philosophie
Friedrich Nietzsches sein.
Sie macht es deutlich,
dass die Problematik der
(historischen) Identitaet
in keine diskursive Verbindung
mit dem wissenschaftskritischen
Zentrum des kritizistischen
Positivismus
zu bringen sei. Dies ist
auch der Punkt,
wo jene umwertende Taetigkeit
ihren Anfang
nimmt, die ihre Bestimmungen
nicht von einer
philosophischen Systematisierung,
sondern
von der Freiheit des Philosophen
nimmt. Wie
jede Berührung zwischen
der Sphaere der Erkenntnis
und derselben der Identitaet,
erweist sich
auch diese im philosophischen
Pragmatismus
als überwunden und verschwindet
in der allgemeinen
Tendenz der Unifikation
der analytischen
und der pragmatischen (so
auch der identitaetsmaesigen)
Momenten. Man könnte es
auch so formulieren,
dass der Pragmatismus auf
einen Schlag verwirklicht,
was das Aufklaerungsprogramm
des kritizistischen
Empirismus Nietzschescher
Provenienz erst
in einem langen historischen
Marsch dachte
verwirklichen zu können.
Es ist eine andere
Frage, welcher Lösung wir
heute den Vorzug
geben würden. Waehrend
naemlich der Weg bei
Nietzsche zur Lösung des
Sinn- und Identitaetsproblems
durch eine neue Aufklaerung
gehen muss, vertritt
James die folgende Position
über die Aussagefaehigkeit
des philosophischen Pragmatismus:
"...il
(le pragmatisme) ne prend
parti...pour aucune
solution particuliere.
Il n'a pas de dogmes,
de toute sa doctrine se
reduit...a sa methode"
(James, 1925, 64).
LITERATUR:
Friedrich Nietzsche's Auesserungen
wurden
aus der folgenden Ausgabe
zitiert: Saemtliche
Werke. Kritische Studienausgabe,
Band 1-15.
Berlin - New York, 1980.:
Abel, Günter, Nietzsche.
Die Dynamik des
Willens zur Macht und die
ewige Wiederkehr.
1984.
Deleuze, Gilles, Nietzsche
et la philosophie.
1962.
James, William, Le Pragmatisme.
Traduit par
E. Le Brun. Avec une introduction
par H.
Bergson, 1925.
Kiss, Endre, Friedrich
Nietzsche filozófiája.
1993.
Russell, Bertrand, History
of Western Philosophy.
London, 1946.
Vaihinger, Hans, Hartmann,
Dühring und Lange.
1876.
Vaihinger, Hans, Nietzsche
als Philosoph.
1902.
Windelband, Wilhelm, Philosophie
im deutschen
Geistesleben. 1910.
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