FRIEDRICH NIETZSCHE VOR DEM HORIZONT DES PHILOSOPHISCHEN PRAGMATISMUS

Indem wir nach den pragmatischen Elementen und generell über die pragmatische Qualitaet von Nietzsches Philosophie fragen, soll vorausgeschickt werden, dass diese Philosophie in ihrer reinen Form selbst strukturell ein neuartiges Gebilde ist, innerhalb dessen auch die pragmatischen Elemente und generell die pragmatische Qualitaet identifiziert und konkretisiert werden kann. Dieses neuartige theoretische Gebilde liesse sich als eine Neukonstitution der "philosophischen Wissenschaften" beim Namen genannt werden.


Diese Neukonstituierung im Rahmen des kritizistisch werdenden Positivismus ist einerseits der Endpunkt einer langen immanent-philosophischen Entwicklung, welche einst mit der Auflösung und Verdraengung der Hegelschen Philosophie ihren Anfang nahm (die ins Einzelne gehenden philosophiehistorischen Analysen s. Kiss, 1988, 1991). Andererseits stellt das Phaenomen der Neukonstituierung der "philosophischen Wissenschaften" eine Verwandlung im Philosophischen dar, welche für das pragmatistische Denken generell wie auch für die einzelnen Artikulationen der pragmatischen Philosophie ebenfalls von bestimmender Bedeutung sind. Wie im folgenden eingehender dargestellt, zeigt diese Neukonstitution der "philosophischen Wissenschaften" einen neustrukturierten Komplex von einzelnen "theoretisch" relevanten Wissenschaften, die in ihrer neuen Struktur schon AB OVO eine neue theoretische Ausgangssituation darstellen. Provisorisch liesse sich sagen, dass die angesprochene neue Struktur der philosophischen Wissenschaften EINERSEITS ein Endpunkt der kritizistisch-positivistischen Zerstörung der Überreste des klassischen spekulativen Idealismus in seinen Spaetformen ist, gleichzeitig aber generiert die neue Struktur der philosophisch relevanten und ursprünglich keineswegs "theoretisch" angelegten Wissenschaften ANDERERSEITS eine Reihe NEUER philosophischer Probleme, die trotz manchmal wahrnehmbarer Aehnlichkeit im wesentlichen nichts mit der "alten" theoretischen Problematik zu tun haben. Es besteht kein Zweifel darüber, dass der Pragmatismus als neue philosophische Richtung ebenfalls eine ist, die auf solche Weise konstituiert wird und nur auf solche Weise konstituiert werden konnte. Denn die PAR EXCELLENCE philosophische Problematik auch des Pragmatismus ersteht erst nach der kritizistisch-positivistischen Zerstörung der spaeten Formen des postkantianischen spekulativen Idealismus und ebenfalls nach der Konstitution eines konkreten Komplexes von philosophischen Wissenschaften, denen dann die neue philosophische Problematik entwaechst. Vorlaeufig sei gesagt, dass Nietzsche und der philosophische Pragmatismus in diesem Kontext die gleiche Entwicklungslinie vertreten. Die relevanten Aehnlichkeiten lassen sich aus dieser parallelen Position im wesentlichen ganzheitlich verstehen und erklaeren. Es ist sehr vielsagend, dass jede wesentliche pragmatisch-philosophische Aussage in der Hinsicht weiter kategorisiert werden kann, ob sie diese konkrete philosophische Genese (Zerstörung des Spaetidealismus durch positivistischen Kritizismus oder kritizistischen Positivismus) reflektieren oder nicht.

Diese Neukonstitution der philosophischen Wissenschaften auch als Ausgangspunkt des pragmatischen Denkens überhaupt gilt auch als Essenz der mittleren Schaffensperiode Friedrich Nietzsches und somit auch des kritizistisch werdenden Positivismus, die Nietzsche selber durchaus zutreffend als Aussagen "Von den Ersten und Letzten Dingen" im Ersten Hauptstück des MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES betitelt. Diese Schaffensperiode Nietzsches, auch als eine Disziplin des kritizistischen Positivismus,entwuchs einer durchaus vielschichtigen Entwicklung der 50-er und 60-er Jahre als deren Konsequenz, unter den heute kaum mehr bekannten Relationen der philosophischen Possibilitaet und Plausibilitaet in einem völlig neuen gedanklichen Raum, für welchen unter anderen bereits das eindeutige Vergessen der Hegelschen Philosophie charakteristisch war. Diese Philosophie ist nicht nur deshalb grundsaetzlich neu, weil sie viele neue Positionen aufweist, sondern auch deshalb, weil sie in jeder ihrer Komponenten einem neuen Stand der Beweisbarkeit wissenschaftlicher Grundthesen entwachsen ist. Sie ist grundsaetzlich neu, auch weil Nietzsche im wesentlichen saemtliche Herausforderungen dieser neuen historischen und philosophischen Situation wahrnimmt.

Die einander gegenseitig bekaempfenden philosophischen Richtungen sind aber trotz ihrer fundamentalen historischen und theoretischen Position von der reifen Form der Nietzscheschen Philosophie meilenweit oder, mit anderen Worten, durch qualitative Differenzen entfernt. Dies aendert aber an der Tatsache nicht, dass Nietzsche ausschliesslich und unmittelbar nur im Kontext dieser beiden Jahrzehnte verstanden werden kann. Auf ein Wort Karl Löwiths hinspielend bedeutet es, dass es kein Weg "von Hegel zu Nietzsche" führt, der Weg führt vielmehr von Hegel in ein philosophisches Vakuum, von wo dann die Entwicklung ihre reifste Form in der Philosophie Friedrich Nietzsches erreicht. Die qualitative Differenz zugunsten Nietzsche dabei ergibt sich unter anderen aus dem Umstand, dass Nietzsche in diese Diskussion mit elementarer Kraft die Wertsetzungen, Einstellungen und Evidenzvorstellungen jener deutschen klassischen Philosophie mitbringt (bzw. in vielen Faellen spontan und auf Grund seiner eigenen Logik "wiederentdeckt"), die Wilhelm Windelband "aesthetisch-philosophisches Bildungssystem" (Windelband, 1909) genannt hat, die die spezifisch Nietzscheschen Kombination von kritischer Wissenschaftlichkeit und gleichzeitig "ökumenischer", m.a.W. gesamtmenschlicher Fragestellung ausmacht. Nicht irrelevant ist aber in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass sich Nietzsche in seiner Jugend intensiv mit allen drei wichtigsten neuen philosophischen Richtungen auseinandersetzt, die die spaetere Entwicklung fast vollstaendig gepraegt haben. Ausser der lange Zeit geradezu einseitig überbetonten Schopenhauer reflektiert er somit den in jener Zeit neu entstehenden Neukantianismus eines Friedrich Albrecht Lange oder den damals sehr modernen Positivismus eines Eugen Dühring.

In dieser Beleuchtung erscheint die philosophische Konzeption des MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES nicht nur als neuartig kohaerent, sondern auch als "zeitgemaess" und "aktuell", die von den wesentlichsten Zeitwenden geradezu vorbereitet zu werden scheint. Diese Züge der Philosophie ist jedoch nicht unabhaengig von jenen Zügen, die mit der pragmatischen Philosophie gemeinsam sind. Wir kennen zwar an der Jahrhundertwende Persönlichkeiten, die sich der wahren philosophischen Bedeutung Nietzsches im klaren waren. Unter ihnen gilt die Relation Max Webers zu Nietzsche als eine, die bis heute mit viel geistigem Nebel umgeben ist. Ernst Troeltsch schrieb kein bedeutenderes selbstaendiges Werk über Nietzsche, in Georg Simmels PHILSOSOPHIE DES GELDES gibt es mehr nietzscheanische Impulse als in seinen thematisch um Nietzsche gehenden Arbeiten. Und wenn es möglich ist, erweist sich die Nietzsche-Wirkung bei Max Scheler als noch enigmatischer, indem Scheler den Kampf gegen (auch Nietzsches) kritizistischen Positivismus bewusst aufnimmt, waehrend er auf das Tiefste ins Wesen dieser Denkweise hineinschaut und die Ergebnisse dieser Einsicht für sich produktiv zu machen sucht. Vaihinger's Nietzsche-Bild (Vaihinger, 1902) ist wieder ein singulaeres Phaenomen. Er artikuliert vielleicht auf das Deutlichste die wahren Dimensionen des kritizistischen Szientismus Nietzsches, waehrend er mit den zeitgenössischen (und höchst inadaequaten!) "politischen" und "soziologischen" Interpretationen Nietzsches nicht scharf genug durchschauen und entlarven kann, wodurch seine Nietzsche-Deutung bald vergessen wird und bringt auch seine hervorragenden interpretatorischen Ansaetze mit in die Vergessenheit. Einen eigentümlichen Stellenwert nehmen unter diesen unmittelbaren Relationen die verschiedenen Relationen der pragmatischen Philosophie zu Nietzsche ein. Einerseits waechst auch der philosophische Pragmatismus aus den entscheidenden Errungenschaften des kritizistischen Positivismus oder des positivistischen Kritizismus heraus, wie es mit Nietzsche der Fall gewesen ist. Andererseits aber muss man dazu die INTERKULTURELLE Komponente mit hineinziehen, die darin bestand, dass sich der AMERIKANISCHE Prozess der Entwicklung des kritizistischen Positivismus mit einem aehnlichen EUROPAEISCHEN Prozess desselben kritizistischen Positivismus um die Jahrhundertwende sich vereinte. Dies bedeutet für Nietzsche und den Pragmatismus, dass ein Teil der Gemeinsamkeiten Produkt einer autochthonen Entwicklung war, waehrend die Auswirkung von Nietzsche auf den Pragmatismus auch als bewusste Rezeption den Entwicklungsprozess beeinflussen konnte. All die positiv zu registrierenden Redzeptionsvorgaenge liefen aber in einem bis dahin nicht existenten interkulturellen Kontext ab, der so viel bedeutete, dass die amerikanische Philosophie bis zu diesem Zeitpunkt die kontinentale Entwicklung in diesem Ausmass überhaupt nicht beeinflussen konnte.

Der qualitative Sprung Nietzsches (auch im Vergleich der Philosophen der 50-er und 60-er Jahre), der ja auch in seiner Neukonstitution der philosophischen Wissenschaften (die ja selber als neue Philosophie genannt werden dürfe) sichtbar wird, besteht in seiner einmalig erfolgreichen Vereinigung von Positivismus und philosophischem Kritizismus, der wohl auch eine grosse typologische Bedeutung zugesprochen werden muss. Bereits der Eugen Dühring der 60-er Jahre hat einen aehnlichen Versuch gemacht, ebenfalls bekannt sind die aehnlichen Versuche des Nietzsche-Zeitgenossen Ernst Mach. Einen für unseren Gedankengang mehrfach wichtigen Versuch stellt ein frappierend frühes Werk Vaihingers dar (Vaihinger, 1876), in dem er die Entfaltung der Philosophie nach 1848 in der sich voneinander trennenden, selbstaendig werdenden Realisierung der in Schopenhauer noch in einer (zwar ohne jeden Zweifel schon bei ihm EKLEKTISCH) koexistierenden Tendenzen erblickt. Hier wird Eduard von Hartmann als Fortsetzer der idealistischen Metaphysik Schopenhauers, Friedrich Albert Lange als Fortsetzer von Schopenhauers Kritizismus und Eugen Dühring als Fortsetzer von Schopenhauers Positivismus interpretiert.

Bereits im Augenblick seiner Konstitution seines Paradigmas des kritizistischen Positivismus dehnt Nietzsche schon das Programm dieser Richtung grundsaetzlich aus. Die wesentlichste und sprungartige Ausdehnung (der Sprung innerhalb des Sprunges) besteht bei Nietzsche darin, dass er - gemaess des bereits in den 50-er und 60-er Jahren auftauchenden philosophischen Programms des NEBENEINANDERS wissenschaftsorientierter und wertkonstituierter Fragestellungen - vor allem auf der Linie der moralischen Wertung die Thematisierung der Frage der HISTORISCHEN IDENTITAET DES MENSCHEN auf einer "ökumenisch-gesamtmenschlichen Ebene thematisch macht. Es versteht sich von selbst, dass diese neue Relation des NEBENEINANDERS auch jede traditionelle Fragestellung stark modifiziert, denn - und damit streifen wir schon unseren umfassendsten Zusammenhang - eine der staerksten Herausforderungen für neuzeitliche philosophische Systematisationen eben das Bedürfnis war, das erkenntnistheoretisch-szientistische Zentrum mit demselben der Wertkonstitution oder der "Sinn"-Problematik (Moral, Kunst, Religion) zu vermitteln. Diese Lösung Nietzsches gilt m.a. W. auch als ein Weg, die traditionellen Systematisierungen jeglicher Provenienz zu suspendieren. Es gibt keinen zweiten Vertreter dieser Richtung des kritizistisch gemachten Positivismus, der - wie Nietzsche - gerade durch diese Auffassung des philosophischen Nebeneinanders in expliziter Form ein Programm der "Umwertung der Werte" angekündigt haette. Mit aller Deutlichkeit soll schon jetzt darauf hingewiesen werden, dass die Auffassung dieses Nebeneinanders bei Nietzsche auf eine Motivation zurückgeht, welche mit derselben der pragmatischen Philosophie voll zusammenfaellt. Denn die Aufwertung des (als eine Einheit gedachten) Bereichs der Wertkonstitution und der "Sinn"-Problematik ist selbst ein Beweis dafür, dass ein von dem Subjekt getrenntes Wahrheitsbegriff nicht ausreichend ist. In diesem Nebeneinander erscheint sogar der wahre entwicklungsgeschichtliche Ort des Pragmatismus noch viel klarer als sonst. Denn der Pragmatismus IST eine philosophische Richtung, die auf den kritizistischen Empirismus folgt und anders auch nicht haette entstehen können. Dass solche Repraesentanten des Pragmatismus, wie William James es stellenweise explizit leugnen, hat seinen guten Grund, auf welchen wir noch zurückkommen müssen (James, 1925, 18.).

Aus all dem folgt, dass Friedrich Nietzsches reife (und noch nicht im Zeichen der Pathologie) stehende Philosophie einerseits eine Neuordnung der philosophischen Wissenschaften und andererseits eine neue Intonation der gesamtmenschlich gedachten Identitaetsproblematik in sich enthaelt, die sowohl getrennt als auch in ihrer Einheit deutliche Alternativen zu jeder Formulierung traditioneller Bewusstseinsphilosophie darstellen. Die Einheit dieser beiden Ansaetze, die ja eben keine systematische Einheit sein kann, macht das "offene" System der Nietzscheschen Philosophie aus. Dass sowohl das Stichwort der Identitaet (nicht zuletzt wegen ihrer expliziten Praxisbezogenheit) wie auch das des "offenen Systems" (s. beispielsweise James, 1925, ) Momente bezeichnen, die mit dem philosophischen Pragmatismus viel zu tun haben, sei hier nur angedeutet.

Die hier Rekonstruktion der Neuordnung der philosophischen Wissenschaften bei Friedrich Nietzsche entstand durch eine Analyse der Texte des MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES, wobei die durch Analyse erschlossene Texte in die leitenden philosophischen, bzw. wissenschaftlichen Perspektiven des kritischen Positivismus aufgenommen worden sind. So entstand sowohl eine REIHE wie auch eine STRUKTUR von philosophischen Wissenschaften, die wir dann im ganzen als die Nietzschesche Neuordnung der philosophischen Wissenschaften angesehen haben.

Die einzelnen kognitiven und gegenstaendlichen Motive liessen sich waehrend dieser Arbeit der Analyse in drei Gegenstandssphaeren einordnen: a) die ERKENNTNIS (die gegenwaertige Erkenntnis, die in der Vergangenheit durchgeführte, historisch gewordene Erkenntnis; b) die (gegenwaertigen und in der Vergangenheit ihre Existenz gehabten, historischen WIRKLICHKEITSKOMPLEXE sowie c) die (ebenfalls gegenwaertig-aktuellen, bzw. vergangenen, d.h. historisch gewordenen) IDENTITAETSKOMPLEXE.

Der naechstfolgende Schritt unserer Rekonstruktion bestand in einer Erschliessung der Relation der einzelnen Komplexe zueinander. Auf diesem Wege kamen wir zu einzelnen konkreten Relationen, die wir dann wieder mit konkreten philosophischen und nicht-philosophischen Wissenschaften in Entsprechung gebracht haben.

DAS MODELL DER NEUORDNUNG PHILOSOPHISCHER WISSENSCHAFTEN

Im Laufe des soeben dargestellen Verfahrens liessen sich im philosophisch-szientistischen Universum des MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES die folgenden Komplexe identifizieren:
(S. die beigelegte Zeichnung)

Erschliessung der Abkürzungen der Modellzeichnung:
Ek = Die Erkenntnis in der Gegenwart
Ev = Die Erkenntnis in der Vergangenheit
WK = Wirklichkeitskomplex
WKg= Wirklichkeitskomplex in der Gegenwart
WKv= Wirklichkeitskomplex in der Vergangenheit
WKgv=Wirklichkeitskomplex in der Gegenwart und in der Vergangenheit
Ig = Identitaet in der Gegenwart
Iv = Identitaet in der Vergangenheit

Die hier benannten Komplexe liessen sich dann - wie gesagt - aufgrund der Anweissungen des Denkers selber in die folgenden Relationen einordnen:
1. Relation = Eg - WKg
1a.Relation = Eg - WK gv
2. Relation = Eg - 1. Relation
3. Relation = Eg - 1-2. Relation
4. Relation = Eg - Ev
5. Relation = Eg - WKv
6. Relation = Ev - WKv
7. Relation = Ev - 6. Relation
8. Relation = Eg - 6-7. Relation
9. Relation = Eg - Ig

Die einzelnen Relation entsprechen den folgenden philosophischen oder nicht-philosophischen Wissenschaften:

Relation 1: methodische wissenschaftliche Erkenntnis, Normalwissenschaft;
Relation 1a: synchrone Erkenntnis, mit einem aktuellen Gegenstand;
Relation 1b: synchrone Erkenntnis eines Gegenstandes (Wirklichkeitskomplexes), welches gleichzeitig wesensmaessig sowohl zur Vergangenheit wie auch zur Gegenwart gehört, dessen Existenzmodus also "historisch" (auch in der Gegenwart) ist;
Relation 2: kritische Wissenschaftstheorie;
Relation 3: Hermeneutik, Interpretation, im breitesten Sinne verstandene Wissenssoziologie;
Relation 4: positive Wissenschaftsgeschichte;
Relation 5: positive Geschichtswissenschaft;
Relation 6: historische Wissenschaftlichkeit;
Relation 7: historische Interpretation, historische Hermeneutik;
Relation 8: die gegenwartig-aktuelle Interpretation der historischen Interpretation, eine Art "Metainterpretation", eine im breiten Sinne des Begriffes verstandene Soziologie des Wissens;
Relation 9a:Mangel an Diskursivitaet, an der Möglichkeit systematischer Verkoppelung;
Relation 9b:eine Relation der positiven Wechselwirkung, die durch eine praktische Aufklaerung herzustellen ist.

EINGEHENDE ANALYSE DER EINZELNEN RELATIONEN VOR DEM HORIZONT DES PHILOSOPHISCHEN PRAGMATISMUS

Relation 1

Diese Ausgangsrelation bildet die Praxis der normalen Erkenntnis ab: Die methodisch bewusste und aktuell durchgeführte Erkenntnis richtet sich auf einen gleichzeitig voll wahrnehmbaren Gegenstand inmitten eines synchronen Prozesses der Erkenntnis. Diese Relation befindet sich in vollem Ausmass innerhalb des Universums der positivistischen Wissenschaftlichkeit und der positivistischen Reflexion auf die Wissenschaft. Sowohl die pure Existenz wie auch ihre Beurteilung hat diese Relation eine enorme Bedeutung, weil Nietzsche eine so stattliche Anzahl von kritizistischen, hermeneutischen und interpretativen Initiativen auf den Plan tritt, dass dadurch manchmal der Schein entstehen kann, dass diese Realisierung einer meta-szientistischen Einstellung auch "sui generis" antipositivistisch motiviert sind. Die positive Praxis, die in der Relation 1 beruht ihrerseits ebenfalls auf interpretativen Voraussetzungen, dies bedeutet aber nicht, dass der interpretative Charakter die Dimension der positiven Erkenntnis, d.h. die Relation 1 uferlos machen würde. Deshalb erweist sich die Relation 1 als eine Interpretation von eigenartigem Charakter, unter anderen weil sich das Kriterium der intersubjektiven Kontrollierbarkeit auf sie bezieht (S. beispielsweise Nietzsche, 2/23). Damit haengt auch Nietzsche's ausgepraegter Sinn für die Bedeutung wissenschaftlicher Methodik, bzw. Methodologie zusammen (9/635). Die Anerkennung der Existenz der Relation 1 erweist sich als entscheidend auch für ganze mögliche Nietzsche-Interpretationen. Indem sie beispielsweise aufgelöst oder eliminiert werden kann, lassen sich aus anderen Impulsen der Nietzscheschen Kritik der Wissenschaft neue Argumentationen der Wissenschaftsfeindlichkeit herauslesen (Deleuze, 1974). Generell laesst sich sagen, dass die Relation 1 eine allgemeine Voraussetzung auch des philosophischen Pragmatismus ist. Der philosophische Pragmatismus hat überhaupt einen Sinn, wenn seine Grundthesen und Grundvoraussetzungen erst bei voller Geltung der Relation 1 verstanden werden. Wir betonen an dieser Stelle wieder, dass dieser Zusammenhang auch der tatsaechlichen philosophischen Entwicklung entsprach, d.h. der Pragmatismus als selbstaendige Philosophie erst mit dem Durchbruch des kritizistischen Empirismus auf den Plan treten konnte.

Zwischen der Relationen 1a und 1b erzeugen die Beschaffenheiten des Gegenstandsbegriffes, sowie des zu untersuchenden Wirklichkeitskomplexes die spezifische Differenz. Die Relation 1b, die Genealogie, bringt die Dimensionen der geschichtlichen Impulse auch in den Kern der positivistischen Erkenntnistheorie (was gleichzeitig auch die Möglichkeit eines auf abstraktem Niveau durchzuführenden Vergleiches zwischen Hegel und Nietzsche erschafft). Der Wahrheitsbegriff des kritizistischen Positivismus entspricht also weitgehend dem Wahrheitsbegriff der kritischen Wissenschaftlichkeit. Diesen Wahrheitsbegriff wird Nietzsche im spaeteren differenzieren, allerdings so, dass die Bedeutung der Relation 1 nie zurückgehen wird. Es versteht sich von selber, dass der philosophische Pragmatismus eher in Relation 1 aufgefangen wird, wobei aber vergessen wird, dass der Pragmatismus mit Vorliebe - meistens übrigens durch Darwin - auf genealogische Entwicklungslinien hinweist, die die Geltung des pragmatistischen Ansatzes in der Geschichte unter Beweis stellt.

Relation 1a - 1 b

Diese Relation verbindet die aktuelle, gegenwaertige Erkenntnis mit jenen Wirklichkeitskomplexen in Verbindung, deren Existenzweise par excellence historisch ist, m.a.W. die für unser Erkenntnisinteresse genuin "historisch" erscheinen. Es heisst nicht, dass es zwei Gegenstandssphaeren geben würde, was hier qualifiziert, ist letztlich unser Erkenntnisinteresse, ist also letzlich pragmatisch bedingt. Letztlich entscheiden also pragmatische Gründe, welche Gegenstaende für die organisierte Wissenschaft eines Zeitalters in ihrer vollen historischen und dynamischen Existenzweise und welche "nur" in ihrer "synchronen", aktuellen Beziehungen erkannt werden sollten. Die historische Erforschung beispielsweise des Phaenomens "Wetter" waere gewiss von etlichem Wert, aus letztlich "pragmatischen" Gründen ist aber die Erforschung dessen so gut wie kontingent. Diese unreflektierte Kategorisierung unter dem Aspekt der Berücksichtigung oder Nichtberücksichtigung der historischen Existenzweise eines Gegenstandes ist für die Neudefinition der philosophischen Wissenschaften bei Nietzsche von grundsaetzlicher Bedeutung. Diese, letztlich auf pragmatische (!) Gründe zurückgehende Kategorisierung entscheidet naemlich, welcher Gegenstand der Untersuchung in die synchrone, und welche in die diachrone Sphaere des kritizistischen Positivismus eingestuft werden muss, deren legitime philosophische Wissenschaft eben die Genealogie ist. Nietzsche selber macht ebenfalls genealogische Forschungen und stellt genealogische Konzepte, manchmal ganze Theorien auf, verfolgt aber jedes neue Ereignis der genealogisch eingestellten positivistischen Wissenschaftlichkeit mit dem grössten Interesse. Die tiefe innere Verbundenheit des kritizistischen Empirismus überhaupt, sowie der Nietzscheschen Version desselben mit den fundamentalen Grundzügen des Pragmatismus erscheint in diesem Zusammenhang ganz besonders deutlich. Denn der Unterschied zwischen Relation 1 und Relation 2 ist in einem ganz konkreten Sinne des Wortes "pragmatisch". Von der Relation 1 aus gesehen ist naemlich die Relation 2 keine "prinzipielle" oder "theoretische" Notwendigkeit. Im Gegenteil! Ihre Geltung ist im Prinzip geradezu uneingeschraenkt. Es sind gerade PRAGMATISCHE Notwendigkeiten und Einsichten, die im Vollzug der synchronen Erkenntnisweise erkennen lassen, dass es Gegenstandskomplexe gibt, deren Erkenntnis ohne historisch-genealogische Komponenten "pragmatisch" mehr oder weniger "sinnlos" waere. Diese pragmatische Einsicht begründet die Notwendigkeit der Relation 1 b! Mehr noch, der "Pragmatismus" erscheint in diesen beiden Relationen in dem von Nietzsche als selbstverstaendlich angenommenen "Perspektivismus", der in beiden Relationen stets evident wirken. Man kann sogar sagen, dass James' folgende Definition des Pragmatismus in ihrer Abgehobenheit vom kritischen Empirismus im wesentlichen IDENTISCH mit Nietzsches Perspektivismus i st: "Notre philosophie est donc notre maniere propre de sentir et de nous représenter la pression, la poussée de l'univers, - de la sentir et de nous la représenter toute" (James, 1925, 22.). Daraus folgt aber, dass jegliche spaetere Gegenüberstellung des kritizistischen Empirismus mit dem philosophischen Pragmatismus diesen "Faktor" des Perspektivismus auf das Bewussteste reflektieren muss.

Relation 2

Solange die Relation 1 und die Relation 1a den aktuellen Erkenntnisprozess bezeichnen und ihr Unterschied bloss in der unterschiedlichen (letztlich, wie wir sahen, doch "pragmatisch" motivierte) Konstitution des zu erkennenden Gegenstandes zurückzuführen sei, in der Relation 2 bereits auch die erste reflexive Relation artikuliert wird. Diese Relation bezieht sich selbstverstaendlich sowohl auf die Relation 1 wie auch auf die Relation 1a, es genügt uns doch, wenn wir jetzt ihren Bezug auf die Relation 1 untersuchen.

Diese Relation ist auch mit der Relativierung des Positivismus, mit anderen Worten auch mit dem Kritizistischwerden desselben gleich. Dadurch wurde auch der Grundzusammenhang des kritizistischen Positivismus wiederhergestellt, den wir am besten als die "durch die Wissenschaft selber relativierte Wissenschaftlichkeit" definieren könnten. Dass diese Art der Relativierung in höchstem Masse konsequent ist, versteht sich von selber, denn es war hier eben die Wissenschaft selber, die alle andere Bereiche relativiert hat. Dass sie auch sich selber zum Gegenstand der Relativierung gewaehlt hat, ist deshalb ein Zeichen ihrer Konsequenz. Für die Gesamtkonstitution der Nietzscheschen Philosophie ist es aus diesem Grunde von der höchsten Wichtigkeit, dass diese wissenschaftliche Relativierung der Wissenschaft keine genuin anti-wissenschaftliche oder anti-positivistische Absicht ausdrückt (und nicht als solche - wie es oft geschieht - missverstanden werden darf), sie gilt nur ZUSAMMEN mit den Relationen 1 und 1a.

Diese Relativierung des Positivismus, die ja auch als konsequente und legitime Selbstrelativierung angesehen werden muss, geht in vollem Ausmass im Zeichen des als Motto des ganzen MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES angeführten Descartes-schen Prinzipes der "Wahrheitssuche als Lebensziel", ja sie ist als eine Art ihrer Verwirklichung und nicht als ihre Negation zu verstehen. So dürfen ja die selbstkritischen und selbstrelativierenden Velleitaeten dieses kritizistischen Positivismus nicht als Irrationalismus oder irgendwie anders konzipierter Auftritt gegen die Wissenschaft interpretiert werden. Im Zusammenhang der Neukonstitution der philosophischen Wissenschaften bei Nietzsche lassen sich folgende relativierende Konzeptionen nachweisen:
- Relativitaet unserer Anschauung (Wahrnehmung, Konzeption, etc.) der Zeit und des Raumes;
- Relativitaet der genealogischen (historischen, diachronen, etc) Ansicht des kritizistischen Positivismus;
- eine von der Einsicht der Relativierung geleitete Kritik der Logik und der Mathematik;
- die Kritik der Sprache;
- die im breitesten Sinne des Wortes wissenssoziologisch motivierte Relativierung jedes Wissens und jeder Wissenschaft.

Die Relation 2 spielt aber nicht nur im Vergleich "Nietzsche - Pragmatismus", sondern auch im Umfeld der pragmatischen Philosophie selbst eine wahrhaft bestimmende Rolle. Denn der Pragmatismus als Paradigma transformiert diese Relation auf eine sehr eigentümliche Weise. Seine Transformation besteht in einem merkwürdigen Akt der Unifizierung, bzw. der Identifizierung. Er vereint auf die ihm eigentümliche Weise die Prinzipien und Methoden der kritischen Wissenschaftlichkeit UND deren vielseitige und vielschichtige Relativitaet und sagt den so erzielten Tatbestand als einen Tatbestand aus. Daher seine Kraft (durch Vereinigung der positiven Logik und Methodik der kritischen Wissenschaftlichkeit) und seine gleichzeitige Form- und Gestaltlosigkeit (in seinem inneren Umkreis werden die beiden Bereiche nicht mehr analytisch auseinandergehalten). Von der vollzogenen Unifizierung aus gesehen laesst sich William James negative Einstellung zur Identitaet des Pragmatismus und des "radikalen Empirismus" auch verstehen (James, 1925, 18), obwohl die Unifizierung analytisch (unter anderen wegen des bereits erwaehnten Perspektivismusproblems nicht stichhaltig ist.

Relation 3

Diese Relation als die zweite reflexive Relation bezieht sich einerseits auf die 2 und andererseits auf die 1 und 1a Relationen. Diese Relation ist diejenige der im breiten Sinne des Begriffs verstandenen Wissenssoziologie und gilt als sprachlich noch kaum genügend geregelte, in ihrem Inhalt aber geradezu pionierhafte philosophische Initiative, die die These des kritizistischen Positivismus über den interpretativen Charakter jeder Wirklichkeit auf eine hohe und interdisziplinaer geordnete Höhe erhebt. Sie enthaelt auf diese Weise die inhaltlichen Aussagen (und Konsequenzen) sowohl der ersten wie auch der zweiten Relation und macht es deutlich, dass der Interpretationscharakter der Wirklichkeit die in ihnen aufgehobene und kritizistisch umgeformte Gegenstaendlichkeit nicht aufhebt. Dadurch vermeidet dieser genuin hermeneutische Ansatz die grösste Gefahr jeder philosophischen Hermeneutik überhaupt, die potentiell in ihr steckende Gefahr einer Suspendierung der noch so kritisch aufgefassten Gegenstaendlichkeit, die dann ihrerseits die Voraussetzungen jeder Wissenschaftlichkeit untergraebt. Diese Hermeneutik destruiert die Geltung der Relation 1 und der Relation 2 nicht. Er simplifiziert auch den wahren Reichtum der philosophischen Methodik nicht, um die genannten Relationen am Leben zu erhalten. Es liegt auf der Hand, dass in dieser Relation die schon auch beim jungen Nietzsche gewaltig artikulierte anti-antropomorphisierende, sogar auch desanthropomorphierende Tendenz vollzogen wird, denn die Relation 3 gleichzeitig auch mit der unvermeidlichen Entlarvung jeder philosophischen Anthropomorphisation identisch ist. Sowohl für die Nietzsche-Pragmatismus-Relation als auch für den philosophischen Pragmatismus generell gilt die Relation 3 ebenfalls als entscheidend wichtig, und zwar in genau dem Sinne, wie es mit der Relation 2 der Fall gewesen ist. Hier vollzieht der Pragmatismus wieder einen unifizierenden und vereinheitlichenden Akt. Er macht keinen Unterschied mehr zwischen jenen Relationen, die hier als Gegenstand der Reflexion erscheinen und jener Relation, die die Reflexion im engeren Sinne des Wortes vertritt. Sein Wahrheitsbegriff vertritt all diese Schichten als eine Einheit, womit er sich wieder die Eigenschaften der intellektuellen Staerke und der analytischen Undifferenziertheit zuschreibt (über diese Undifferenziertheiten, die einer analytischen Sicht schnell klar werden, s. vor allem Russell, 1946, 845 ff.).

Relation 4

Diese Relation ist mit dem Bezug der aktuell-gegenwaertigen Erkenntnis auf die in der Vergangenheit vollzogenen Erkenntnis gleich. Nietzsche verfolge die Wissenschaftsgeschichte stets mit grosser Aufmerksamkeit, die ja sein unerschöpfliches genealogisches Interesse stets mit neuen Materialien versehen hatte. Es liegt auf der Hand, dass der Komplex des kritizistischen Positivismus ein im Prinzip unendliches Ausmass nötig hat, um seine genealogischen Überlegungen auszubauen. Die Relation 4 enthaelt einerseits also den positiven Tatsachenbestand der Wissenschaftsgeschichte, andererseits jedoch - und dies folgt bereits aus der puren Existenz der Relation 2 und 3 - untersucht er die Konzeptionen der Wissenschaftsgeschichte auch schon unter dem Aspekt des Wertes, bzw. der Wertung, was wieder zur Konstitution der breit verstandenen Wissenssoziologie führen muss. Aus diesem Grunde wird es geboten sein, die positive wissenschaftsgeschichtliche Relation dieser Richtung "kritische Wissenschaftsgeschichte" zu nennen. In diesem Zusammenhang laesst sich die Koexistenz des kritischen Aspektes mit dem primaeren, historischen Interesse sehr deutlich studieren. Von der Perspektive des philosophischen Pragmatismus schaut es wieder erstaunlich aehnlich aus. Auch er hat seine eigene Perspektive für die positive Wissenschaftsgeschichte, allerdings ebenfalls so, dass er den historischen Prozess selber als eine Summa von "pragmatisch" interpretierten Akten auffasst, wie es der kritische Empirismus mit den "kritisch" interpretierten Einzelakten tut.

Relation 5

Diese Relation verbindet die gegenwaertige Erkenntnis mit den Wirklichkeitskomplexen der Vergangenheit. Eine besondere Bedeutung für den kritizistischen Positivismus hat diese Relation nicht, was aber auch nicht heisst, dass diese Relation mitsamt der ihr zugeordneten Wissenschaft der Geschichte ihren eigenen und relevanten Stellenwert im neuen System der philosophischen Wissenschaften nicht haette. Die Verwandtschaft mit der Relation 1 ergibt sich aus der Natur der Sachen, mit dem Unterschied allerdings, dass Relation 5 keine genealogische Reflexion aufweist. Aehnlich gestalten sich diese Dimensionen in dem philosophischen Pragmatismus, wobei sowohl die "Geschichte" wie auch die auf sie gerichteten Perspektiven mit Selbstverstaendlichkeit mit pragmatischen Motiven versehen, bzw. ergaenzt werden.

Relation 6

Diese Relation verbindet die in der Vergangenheit durchgeführte Erkenntnis mit ihrem Gegenstand ebenfalls in der Vergangenheit. Einen direkten Bezug zum kritizistischen Positivismus hat diese Relation ebenfalls nicht, ihr Stellenwert ist aber ebenso von der grössten typologischen und systematischen Bedeutung. Ein aehnlicher Bezug laesst sich - MUTATIS MUTANDIS - im philosophischen Pragmatismus ausmachen.

Relation 7

Sie ist die Relation, die auf die in der Vergangenheit durchgeführte Erkenntnis in der Vergangenheit existierter Gegenstaendlichkeiten reflektiert. Zu dieser Relation hat Nietzsche eine erstaunliche Menge eigener Reflexionen von erstaunlicher Grössenordnung. Auf eine leicht nachzuvollziehende Weise erwiest sich diese Relation als ein Feld, auf welchem der philosophische Pragmatismus seine missachtete Relevanz ausweisen kann.

Relation 8

Die gegenwaertige Erkenntnis bezieht sich in dieser Relation auf die Wissenschaftstheorien früherer Zeiten, wie es beispielsweise von Nietzsches Relation zu Hume auch genügend klar wird. Es versteht sich von selbst, dass diese Relation auch im Falle des philosophischen Pragmatismus sehr oft und in durchaus aehnlichen Absichten favorisiert wird.

Relation 9

Diese Relation umfasst die Relation 9a und 9b. Waehrend die Relation 9a die unüberbrückbare Kluft zwischen dem kritizistischen Positivismus und dem Identitaets-Zentrum, den Mangel an einer möglichen diskursiven Verbindung zwischen ihnen deutlich macht, laesst sich die Relation 9 als Ergebnis einer aufklaerenden Praxis, in historischer Sukzessivitaet praktisch verwirklichen. Da die gegenwartige Identitaet (Ig) nicht auf die Inhalte der gegenwaertigen Erkenntnis (Eg), sondern auf die Inhalte der vorkritischen, historischen Erkenntnis aufgebaut worden ist, kann gegenwaertig über einen möglichen philosophischen Durchgang zwischen Eg und Ig nicht die Rede sein. Dies kann aber nur eine "praktische", nicht aber systematische Aufgabe der Philosophie sein. Unter dem Aspekt der Rekonstruktion der Nietzscheschen Philosophie gilt die Relation 9 als einer der Schlüsselpunkte der Philosophie Friedrich Nietzsches sein. Sie macht es deutlich, dass die Problematik der (historischen) Identitaet in keine diskursive Verbindung mit dem wissenschaftskritischen Zentrum des kritizistischen Positivismus zu bringen sei. Dies ist auch der Punkt, wo jene umwertende Taetigkeit ihren Anfang nimmt, die ihre Bestimmungen nicht von einer philosophischen Systematisierung, sondern von der Freiheit des Philosophen nimmt. Wie jede Berührung zwischen der Sphaere der Erkenntnis und derselben der Identitaet, erweist sich auch diese im philosophischen Pragmatismus als überwunden und verschwindet in der allgemeinen Tendenz der Unifikation der analytischen und der pragmatischen (so auch der identitaetsmaesigen) Momenten. Man könnte es auch so formulieren, dass der Pragmatismus auf einen Schlag verwirklicht, was das Aufklaerungsprogramm des kritizistischen Empirismus Nietzschescher Provenienz erst in einem langen historischen Marsch dachte verwirklichen zu können. Es ist eine andere Frage, welcher Lösung wir heute den Vorzug geben würden. Waehrend naemlich der Weg bei Nietzsche zur Lösung des Sinn- und Identitaetsproblems durch eine neue Aufklaerung gehen muss, vertritt James die folgende Position über die Aussagefaehigkeit des philosophischen Pragmatismus: "...il (le pragmatisme) ne prend parti...pour aucune solution particuliere. Il n'a pas de dogmes, de toute sa doctrine se reduit...a sa methode" (James, 1925, 64).


LITERATUR:

Friedrich Nietzsche's Auesserungen wurden aus der folgenden Ausgabe zitiert: Saemtliche Werke. Kritische Studienausgabe, Band 1-15. Berlin - New York, 1980.:

Abel, Günter, Nietzsche. Die Dynamik des Willens zur Macht und die ewige Wiederkehr. 1984.
Deleuze, Gilles, Nietzsche et la philosophie. 1962.
James, William, Le Pragmatisme. Traduit par E. Le Brun. Avec une introduction par H. Bergson, 1925.
Kiss, Endre, Friedrich Nietzsche filozófiája. 1993.
Russell, Bertrand, History of Western Philosophy. London, 1946.
Vaihinger, Hans, Hartmann, Dühring und Lange. 1876.
Vaihinger, Hans, Nietzsche als Philosoph. 1902.
Windelband, Wilhelm, Philosophie im deutschen Geistesleben. 1910.




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