|
Warum es so lange nicht so gewesen sein dürfte,
kann man einerseits voll beantworten, waehrend
eine andere, eine tiefere Dimension der Antwort
noch mit neuen und adaequaten Forschungen
überhaupt nicht abgesichert ist. Ohne jeglichen
Zweifel ist es naemlich klar, dass die Möglichkeit
dieser neuen Sicht mit einer spezifischen
"Dialektik der Kompromittierung",
mit dem "Kompromittiertsein der Kompromittierenden",
mit der intellektuellen und moralischen Disqualifizierung
von Alfred Baeumler und Georg Lukács unmittelbar
zusammenhaengt. Für einen Forscher, wie den
Verfasser dieser Zeilen, waren die Akte und
die einzelnen Manipulationen der einmaligen
Kompromittierung Nietzsches, in der übrigens
die merkwürdige These des "Sozialfaschismus"
in intellektueller Sicht sich voll bewaehrt
hatte, alltaegliche Erfahrung und feste Rahmenbedingungen
der östlichen und der westlichen Nietzsche-Forschung.
Schon aus diesem Grunde kann er die eine
Ebene der Antwort auf die Ausgangsfrage auch
selbst vertreten. Der Wegfall der stets anwesenden
und von grossen politischen Apparaten geschürten
Verdachtsmomenten gegen Nietzsche startete
einen produktiven Neuanfang. Viel komplizierter
steht es mit der anderen, der tieferen Ebene
dieser Fragestellung. Warum war man naemlich
nicht imstande, Nietzsches "wirkliche"
politische Philosophie auch waehrend der
Vorherrschaft der Baeumlerschen und Lukács'schen
globalen Kompromittierung zu erkennen und
zu rekonstruieren? Diese "tiefere"
Stellung der Frage führt zu systematisch
hermeneutischen Grundsatzproblemen, die wir
hier nur andeuten können. Vor allem geht
es um die strukturelle Position der einmaligen
Grundaussagen sowohl bei Lukács wie auch
bei Baeumler, die sich auch auf der jenseits
der Politik liegenden rein hermeneutischen
Ebenen auf jede andere Problematik ausgestrahlt
haben, so dass sie im wahren Sinne des Wortes
keine Möglichkeit "hermeneutisch"
zuliessen, politische Fragestellungen unabhaengig
von ihrer totalitaeren Optionen zu manifestieren.
Im geistigen Raum eines
Alfred Baeumler oder
Georg Lukács selektiert
sich als führende
und bestimmende Perspektive
diejenige aus,
die das Essentielle der
Nietzscheschen Philosophie
im wesentlichen in keine
der möglichen politischen
Richtungen und Strömungen
adaequet aufheben
kann - und durch diesen
Akt eine Antwort
auf die unglaublichen Optionen
von Baeumler
oder Lukács gibt. Dies
faellt um so leichter,
da Nietzsche auch in einem
Text diese Position
wie prophetisch artikuliert
(bedauerlicherweise
ist dieser Text den benannten
Interpreten
scheinbar nicht aufgefallen):
"Wir 'conservieren'
Nichts, wir wollen auch
in keine Vergangenheit
zurück, wir sind durchaus
nicht 'liberal',
wir arbeiten nicht für
den 'Fortschritt',
wir brauchen unser Ohr
nicht erst gegen die
Zukunfts-Sirenen des Marktes
zu verstopfen
- das, was sie singen,
'gleiche Rechte',
'freie Gesellschaft' ,
'keine Herrn mehr
und keine Knechte', das
lockt uns nicht...'Die
Religion des Mitleides',
zu der man uns überreden
möchte - oh wir kennen
die hysterischen Maennlein
und Weiblein genug, welche
heute gerade diese
Religion zum Schleier und
Aufputz nöthig
haben! Wir sind keine Humanitarier;
wir würden
uns nie zu erlauben wagen,
von unserer 'Liebe
zur Menschheit' zu reden
- dazu ist Unsereins
nicht Schauspieler genug!
Oder nicht Saint-Simonist
genug, nicht Franzose genug...andererseits
sind wir aber auch lange
nicht 'deutsch'
genug, wie heute das Wort
'deutsch' gang
und gaebe ist, um dem Nationalismus
und dem
Rassenhass das Wort zu
reden, um an der nationalen
Herzenskraetze und Blutvergiftung
Freude
haben zu können, derenthalben
sich jetzt
in Europa Volk gegen Volk
wie mit Quarantaenen
abgrenzt, absperrt...Wir
Heimatlosen, wir
sind der Rasse und Abkunft
nach zu vielfach
und gemischt, als 'moderne
Menschen', und
folglich wenig versucht,
an jener verlogenen
Rassen-Selbstbewunderung
und Unzucht teilzunehmen,
welche sich heute in Deutschland
als Zeichen
deutscher Gesinnung zur
Schau traegt...Wir
sind, mit Einem Worte,...GUTE
EUROPAEER.."
(1).
Es stellt ein besonderes
hermeneutisches
Problem dar, warum die
Hervorhebung der soeben
angedeuteten metapolitischen
Position als
die einzige legitime Antwort
auf Baeumler
und Lukács gelten konnte.
Über diese Tatsache
hinaus erwies sich dieses
Stadium der Diskussion
als eines, in welchem eine
"normale"
politische Theorie Nietzsches
wie unmöglich
erschien. Jegliche mögliche
Perspektive,
jegliche Sinngebung der
Nietzscheschen Saetze
sollte in dem von Baeumler
und Lukács vorgepraegten
Spielraum vor sich gehen,
keine andere Hermeneutik
schien möglich gewesen
zu sein. Erfreulicherweise
jedoch verschwanden diese
Geister für heute
aus der Nietzsche-Exegese,
so dass man nach
den wichtigsten Perspektiven
einer politischen
Theorie bei Nietzsche fragen
kann.
Gewiss bereitet es ein
Problem, dass die
Methodik von Nietzsches
Philosophie nicht
nur eine neue, sondern
auch eine "neuartige"
ist. Denn unsere philosophischen
Erwartungen
überleben die Existenz
der zur Grundlage
derselben dienenden philosophischen
Formationen
weit. Im Falle einer "politischen"
Philosophie schauen unsere
"natürlichen"
Innervationen nach einem
System, wenn nicht
eben nach DEM System, von
welchem dann das
"Subsystem" Politik
ohne Schwierigkeiten
abzuleiten werden dürfte.
Im Falle einer
nicht nur nicht systematischen,
sondern einer
a-, wenn nicht eben anti-systematischen
Philosophie
zeigt sich die Aufgabe,
das Politische zu
rekonstruieren, anders.
Der Interpret muss
in einem gewissen Sinne
die ersten hypothetischen
Ansaetze der ganzheitlichen
Interpretation
machen, um sie dann mit
der Vielzahl der
gleichwertigen philosophischen
Perspektiven
auf eine methodisch fundierte
Weise zu konfrontieren.
Die Problematik der Rekonstruktion
der politischen
Philosophie Nietzsches,
entwachsen aus dem
grundsaetzlichen Perspektivismus
dieser Philosophie,
wird nur noch grösser,
wenn man sich die
notwendige HEUTIGE Beurteilung
der einzelnen
philosophischen Aspekte
vergegenwaertigt.
Da wird naemlich klar,
dass waehrend einige
philosophische Perspektiven
heute schon die
Grundlage einzelner neuer
Paradigmen sind,
andere philosophische Perspektiven
bis heute
noch entweder erstaunlich
neu oder in anderen
Faellen als trivial vorkommen.
Der systematische Ort einer
nach Möglichkeit
rekonstruierten politischen
Philosophie Nietzsches
generiert neue theoretische
und prinzipielle
Probleme. Der Ansatz der
politischen Philosophien
ist generell ein zweifacher.
Der eine Teil
thematisiert vornehmlich
die Problematik
der Verfassung, bzw. der
anderen möglichen
integrierenden Probleme
der politischen Einrichtung,
bzw. deren Regelung (wie
beispielsweise der
"Vertraege").
Ein anderer Teil
der politischen Philosophien
thematisiert
dagegen die Problematik
der Macht, die als
Zentrum die demokratietheoretischen
Probleme
energisch in Schatten stellt.
(Diese skizzierte
Typologie liesse sich erwartungsgemaess
durch
den vermittelnden dritten
Typ der politischen
Philosophien, naemlich
durch die voll ausgearbeiteten
Vertragstheorien ergaenzen,
die erwartungsgemaess
zwischem dem demokratietheoretischen
und
dem machtorientierten Typus
auch sachlich
und historisch vermitteln.)
Nun gilt Nietzsche
zunaechst tatsaechlich
als ein politischer
Philosoph, der sich im
Sachkomplex des Politischen
vor allem für die breit
verstandene Problematik
der Macht interessiert.
Und damit ist die
Einteilung Nietzsches in
die grössten Gruppen
der Typologie der politischen
Philosophie
scheinbar schon zu Ende.
Unsere Arbeit möchte
es klar ausweisen, dass
Nietzsche mit eben
demselben Recht auch für
den demokratie-theoretischen
Typus in Anspruch zu nehmen
ist. Dadurch
aber, dass sein politisches
Denken tatsaechlich
um die Problematik der
Macht zentriert ist,
vertritt Nietzsche einen
tatsaechlich sehr
seltenen Übergang und eine
Synthese zwischen
den beiden Typen. Denn
es ist tatsaechlich
selten unter den relevanten
Vertretern der
politischen Philosophie,
dass ihr Interesse
auf diese Weise ausgeglichen
ist.
Friedrich Nietzsche erscheint
also als ein
politischer Philosoph,
der das Politische
primaer als eine genuine
Problematik der
politischen Macht anschaut,
der sich aber
die aktuelle Existenzform
der Macht in der
Moderne nur im Rahmen der
demokratischen
Einrichtung vorstellen
kann. Die "Demokratisierung
Europas" ist "unaufhaltsam",
lautet seine diesbezüglich
tiefste und bestimmende
Einsicht (2), die seine
Einstellung umfassend
praegt. Schon jetzt sei
an die Aehnlichkeit
hingewiesen, die in dem
beschreibenden Charakter
dieser Aussage und dem
des Satzes "Gott
ist tot" besteht.
Damit wollen wir jedoch
keine tiefere Korrespondenz
zwischen den
beiden Aussagen "Gott
ist tot",
bzw. "Die Demokratisierung
ist unaufhaltsam")
feststellen, die im Prinzip
interpretatorisch
vielfach möglich waere.
Es geht einzig um
die Aehnlichkeit in der
Einstellung des Philosophen
in diesen beiden umfassendsten
Problemen
seiner welthistorischen
Zeit. In der Realisierung
der grundlegenden Aehnlichkeit
in der Attitüde
kann die Interpretation
zwischen Nietzsches
eigenen Initiativen und
den von ihm schlicht
wahrgenommenen umfassenden
Tatbestaenden
die richtige Wahl treffen.
Nietzsches Einsicht in
den Prozess der unaufhaltsamen
Demokratisierung Europas
korrespondiert selbstverstaendlich
mit einer langen Reihe
von wichtigen historischen
Tatsachen und Wendungen,
die die Geschichte
Europas (die in dieser
Periode NOCH im wesentlichen
mit der Weltgeschichte
identisch ist) wie
restlos ausmachen. Auch
in der Verarbeitung
von allseitig bekannten
europaeischen Tatsachen
finden wir jedoch einige
singulaere Qualitaeten
des Nietzscheschen Denkens.
Der wichtigste
und auch in der Theoriebildung
am intensivsten
konstituve Zug Nietzsches
dabei ist ein zeitlicher.
Seine Einsicht in die unaufhaltsame
Demokratisierung
entsteht in einer Zeit,
als nicht nur die
Revolutionen in Europa
ihre Zielsetzung nicht
erreichen, sondern auch
funktionierende und
zeitweilig sogar erfolgreiche
politische
Establishments auf den
Plan treten, die beinahe
schon eine Überwindung
der demokratischen
Einrichtung verkörpern
(erinnert sei an Napoleon
den Dritten oder selbst
an die Bismarcksche
Reichsgründung). Zur These
der unaufhaltsamen
Demokratisierung Europas
hatte Nietzsche
also mehr intellektuelle
Phantasie notwendig
gehabt als eine historische
Periode früher
notwendig gewesen waere.
Dies heisst gleichzeitig
auch, dass Friedrich Nietzsche
auch in diesem
Zusammenhang von einer
theoretisch verallgemeinerten,
nichtsdestoweniger jedoch
nicht-ideologischen
Geschichtsbetrachtung Zeugnis
ablegt.
Indem wir eingangs die
Möglichkeit thematisiert
hatten, in welches Paradigma
Nietzsche innerhalb
der disziplinaer geordneten
politischen Philosophie
gehört, ersteht gleich
die Frage, ob er nicht
in manchen Bezügen gerade
als die Artikulation
eines neuen Paradigmas
aufgefasst werden
kann. Denn gleich der Aphorismus
450 in MENSCHLICHES
ALLZUMENSCHLICHES "Neuer
und alter Begriff
der Regierung" grenzt
am alten und weist
in der Richtung von einem
neuen Paradigma.
Nietzsche setzt sich hier
mit der durch die
"unter dem Einflusse
der herrschenden
constitutionellen Regierungsform"
bewirkten
Veraenderung in der "Regierung",
d.h. in der regierenden
Machtausübung generell,
sei sie demokratischer
oder vordemokratischer
Provenienz, auseinander.
Nietzsche stellt
die alte und die neue Weise
der "Regierung"
(d.h. der "demokratischen
Machtausübung")
auf die folgende Weise
einander gegenüber:
"Zwischen Regierung
und Volk so zu scheiden,
als ob hier zwei getrennte
Machtsphaeren
(!), eine staerkere, höhere
mit einer schwaecheren,
niederen, verhandelten
und sich vereinbarten,
ist ein Stück politischer
Vererbung...Dagegen
soll man nun lernen - gemaess
einem Princip,
welches rein aus dem KOPFE
entsprungen ist
und erst Geschichte MACHEN
soll-, dass Regierung
nichts als ein Organ des
Volkes sei, nicht
ein vorsorgliches, verehrungswürdiges=Oben=
im Verhaeltniss zu einem
an Bescheidenheit
gewöhnten =Unten= "
(Sperrungen im Original-
E.K. ) (3). Es steht ausser
Zweifel, dass
Nietzsche hier die Eigenart
der spezifisch
demokratischen Machtausübung
gleich aus zwei
unterschiedlichen Perspektiven
aus mit bleibender
Gültigkeit beschreibt.
Auf der einen Seite
weist er auf das Ende einer
Struktur des
"Oben" und des
"Unten"
hin, die auch bis in spaetere
Zeiten hinein
eine führende, jedoch überholte
Relevanz
im politischen Bewusstsein
bewahrte. Bei
der kritischen Beseitigung
einer archaisch
werdenden Vorstellung,
bzw. Wahrnehmung des
Politischen beschreibt
Nietzsche auch ein
neues Phaenomen, die neue
Realitaet der demokratischen
Machtausübung, indem des
"Oben"
und "Unten" keine
zwei voneinander
sorgfaeltig getrennte Sphaeren,
sondern ein
einziger Komplex sind,
die in ihrer Realitaet
ein reales Ergebnis von
realen Kraeften ausgeben.
Dieses Ergebnis hat einen
sehr klar umrissenen
politisch-theoretischen
Inhalt. Über diesen
hinaus wird aber selbst
das Politische in
einer Vision der Geschichte
und der Gesellschaft
aufgelöst, denn diese neue
Auffassung der
politischen Machtverteilung
laesst auch eine
soziale und politische
Realitaet der Rekonstruktion
transparent machen (kein
"Oben"
und "Unten",
ein Spiel von realen
Kraeften in ihrem konkreten
Geradesosein,
welches sich jeglicher
vorgaengiger Kategorisierung
entzieht, etc).
Eng mit dieser Einsicht
haengt auch Nietzsches
vielfach frappierende Beschreibung
der neuen
Relation zwischen Staat
und Religion in diesem
neuen HISTORISCHEN Kontext,
der gleichzeitig
im ganzen im Umfeld und
NUR im Umfeld der
unaufhaltsamen Demokratisierung
visioniert
ist. Lange beschreibt Nietzsche
die allgemein
geteilte Auffassung über
die Zusammengehörigkeit
von Regierung und Religion
in der historischen
Zeit. Wegen des Reichtums
der Perspektiven
und vor allem wegen der
Reife der Zusammenfassung
scheint es sinnvoll, diese
Ideen laenger
zu zitieren: "So lange
der Staat oder
deutlicher, die Regierung
sich als Vormund
zu Gunsten einer unmündigen
Menge bestellt
weiss und um ihretwillen
die Frage erwaegt,
ob die Religion zu erhalten
oder zu beseitigen
sei: wird sie höchst wahrscheinlich
sich
immer für die Erhaltung
der Religion entscheiden.
Denn die Religion befriedigt
das einzelne
Gemüth in Zeiten des Verlustes,
der Entbehrung,
des Schreckens, des Misstrauens,
also da,
wo die Regierung sich ausser
Stande fühlt,
direct Etwas zur Linderung
der seelischen
Leiden des Privatmannes
zu tun: je selbst
bei allgemeinem, unvermeidlichen
und zunaechst
unabwendbaren Uebeln...gewaehrt
die Religion
eine beruhigt, abwartende,
vertrauernde Haltung
der Menge. Ueberall, wo
die nothwendigen
oder zufaelligen Maengel
der Staatsregierung
oder die gefaehrlichen
Consequenzen dynastischer
Interessen dem Einsichtigen
sich bemerkbar
machen und ihn widerspaenstig
stimmen, werden
die Nicht-Einsichtigen
den Finger Gottes
zu sehen meinen und sich
in Geduld den Anordnungen
von OBEN...unterwerfen;
so wird der innere
bürgerliche Frieden und
die Continuitaet
der Entwicklung gewahrt.
Die Macht, welche
in der Einheit der Volksempfindung,
in gleichen
Meinungen und Zielen für
Alle, liegt, wird
durch die Religion beschützt
und besiegelt..."
(4). Nietzsche versucht
dann, diesen Zusammenhang
mit der neuen, philosophisch
gesichteten
Realitaet direkt zu konfrontieren.
Seine
Bewusstheit zeigt, dass
er im Text selber
eine explizite Frage auf
die neue Einstellung
formuliert: "Wie aber,
wenn jene ganz
verschiedene Auffassung
des Begriffes der
Regierung, wie sie in DEMOKRATISCHEN
Staaten
(!) gelehrt wird, durchzudringen
anfaengt?"
(5 ). Nietzsche gebraucht
streng seine früher
entwickelte, heuristisch
so reichhaltige
Einsicht: "Wenn man
in ihr Nichts als
das Werkzeug des Volkswillens
sieht, kein
Oben im Vergleich zu einem
Unten, sondern
lediglich eine Funktion
des alleinigen Souverains,
des Volkes?" (6).
Trotz jegliche andere
Annahmen (unter denen einerseits
die Annahme
der Religion als "Opium
des Volkes"
(7) und andererseits die
Annahme eines notwendigen,
nichtsdestoweniger schicksalhaften
Ganges
eine saekularisierten Politik
wohl die wichtigsten
sein sollten) formuliert
Nietzsche eine beinahe
atemberaubende These, bzw.
Hypothese über
die wirklichen Motive der
Saekularisierung:
"...eine Benutzung
und Ausbeutung der
religiösen Triebkraefte
und Tröstungen zu
staatlichen Zwecken wird
nicht so leicht
möglich sein...Wenn aber
der Staat keinen
Nutzen mehr aus der Religion
selber ziehen
darf oder das Volk viel
zu mannichfach über
religiöse Dinge denkt,
als dass er der Regierung
ein gleichartiges, einheitliches
Vorgehen
bei religiösen Massregeln
gestatten dürfte,
- so wird nothwendig sich
der Ausweg zeigen,
die Religion als Privatsache
zu behandeln
und dem Gewissen und der
Gewohnheit jedes
Einzelnen zu überantworten"
(8). Man
könnte Nietzsches Ansatz
mit einem Terminus,
den übrigens auch er in
diesem Zitat selber
gebraucht, "funktional"
nennen,
da er die entscheidende
funktionale Aenderung
in der "Regierung"
für eine funktionale
Fragestellung nach dem
neuen Stellenwert
der Religion in Anspruch
nimmt.
Ein ausgezeichneter Zug
von Friedrich Nietzsches
politischer Philosophie
ist, dass sie WISSENSSOZIOLOGISCH
fundiert ist. Es heisst,
dass politische
Konzepte und Richtungen
bei ihm entweder
in die Region des "falschen"
Bewusstseins
gehören oder von Ansaetzen
des richtigen,
adaequaten und zeitgemaessen
Bewusstseins
getragen werden. In gewissem
Sinne liesse
sich sogar feststellen,
dass das "nicht-falsche"
Bewusstsein bei Nietzsche
im Kerne die Funktion
der Legitimisierung eines
politischen Ansatzes
übernimmt. Wir wollen damit
nicht feststellen,
dass diese Art der Legitimisierung
keine
weiteren Probleme aufwirft
(beispielsweise
die der im Sinne von Karl
Mannheim genommenen
"Seinsgebundenheit"
des falschen
Bewusstseins, die vornehmlich
auf dem Gebiet
der Politik gleich den
Status der Objektivitaet
erlangen muss). Es ist
aber trotzdem sehr
wichtig, dass dieser von
Nietzsche hervorgehobene
Zug der Legitimiserung
in der politischen
Theorie primaer so gut
wie unbekannt ist.
Wir werden im spaeteren
noch sehen können,
wie Nietzsches naeheres
politisches Interesse,
seine letzten Zielsetzungen
mit den wissenssoziologischen
Ausgangsdimensionen seiner
politischen Theorie
zusammenhaengen.
Friedrich Nietzsches Sicht
auf die moderne
Demokratie ist, wie wir
sahen, alles andere
als feindlich. Er geht
- und dabei weisen
wir wieder auf die grosse
Analogie des "Gott
ist tot" hin - von
der Realitaet und
Notwendigkeit der modernen
Demokratie aus.
In seiner Analyse wird
- völlig konsequent
- seine auf die politische
Macht konzentrierte
Sichtweise auf den demokratischen
Kontext
gerichtet, so dass er die
verwirklichte politische
Demokratie nicht als eine
nicht mehr hinterfragbare
optimale Realitaet, vielmehr
als eine politische
und soziale Realitaet ansieht,
die historisch
vielfach auf der Tagesordnung
ist und die
man "auf sich selbst
gestellt"
analytisch erschliessen
muss. Im Kontext
der "Gott ist tot"-Problematik
haben wir wieder einen
sehr spezifischen
und den "normalen"
Erwartungen
keineswegs entsprechenden
Zug der politischen
Theorie von Friedrich Nietzsche.
Denn die
Perspektive des "Gott
ist tot"
gerade in seiner ökumenisch
aufgefassten
politischen Vision keineswegs
apokalyptisch.
Trotz der mehrfach in Kalkül
gezogenen Erschütterungen
der menschlichen Zukunft
erscheint das Wesentliche
der neuen Situation als
eine monumentale
historische Herausforderung,
auf die die
Menschheit nur positiv
zu antworten hat:
"Es ist SEHR VIEL
Freude noch den Menschen
vorbehalten, wovon den
gegenwaertigen noch
kein Geruch zugeweht ist!
Und zwar dürfen
wir uns diese Freude versprechen,
ja als
etwas Nothwendiges verheissen
und beschwören,
im Fall nur die Entwickelung
der menschlichen
Vernunft NICHT STILLE STEHT!"
(9).
Nietzsches erster analytisch
vertiefter Punkt
in der Erschliessung der
modernen Demokratie
ist die Problematik der
"Kurzfristigkeit",
anders ausgedrückt, der
Mangel an der Möglichkeit
"langfristiger"
Aufbauarbeit. Es
ist evident, dass diese
Einsicht primaer
nicht nur nicht politisch
konkretisiert ist,
sondern auch nicht aus
politischen Motiven
folgt.. Es ist reine Geschichtsphilosophie,
die sich mit der neuen
CONDITION HUMAINE
der Menschheit auseinandersetzt.
Ein Beispiel
aus vielen möglichen Texten:
"...die
Menschen und Parteien wechseln
zu schnell,
stürzen sich gegenseitig
zu wild vom Berge
wieder herab, nachdem sie
kaum oben angelangt
sind. Es fehlt allen Massregeln,
welche von
einer Regierung durchgesetzt
werden, die
Bürgschaft ihrer Dauer;
man scheut vor Unternehmungen
zurück, welche auf Jahrzehnte,
Jahrhunderte
hinaus ein stilles Wachsthum
haben müssten,
um reife Früchte zu zeitigen.
Niemand fühlt
sich eine andere Verpflichtung
gegen ein
Gesetz mehr, als die, sich
augenblicklich
der Gewalt, welche ein
Gesetz einbrachte,
zu beugen: sofort geht
man aber daran, es
durch eine neue Gewalt,
eine neu zu bildende
Majoritaet zu unterminiren"
(10).
Eng damit zusammenhaengend
analysiert Nietzsche
als die direkte Konsequenz
der neuen europaeischen
Demokratie die "Aufhebung
des Gegensatzes
=privat und öffentlich="
(11). Die Qualitaeten
dieser Einsicht lassen
sich überhaupt nicht
einzig an den sachlichen
Inhalten derselben
messen, sie zeigen sich
in ihren wahren Dimensionen
erst mitsamt ihrem ganzen
gedanklichen Kontext.
Denn die Analyse nahm ihren
Anfang mit der
Feststellung der geaenderten
Relation zwischen
"Oben" und "Unten",
setzte
sich durch den Nachweis
der verlorenen Funktion
der Religion für die Regierung
fort, erklaerte
die extreme, selbstorganisatorisch
erfolgte
Zuspitzung der Konkurrenz
zwischen Staat
und Religion. Die These
(und die Analyse)
über die "Aufhebung
des Gegensatzes"
zwischen Privatem und Öffentlichem
erhaelt
erst in diesem ganzen Zusammenhang
ihre ganze
Bedeutung, sie erweist
sich nicht als eine
pure "Idee",
als eine vielleicht
zufaellig entstandene treffende
"Perspektive"
aus der Werkstatt eines
grossen Denkers,
sondern als eine Konsequenz
von der im Prinzip
jeder wichtigen Entwicklung
der wichtigsten
Motiven und Komponenten
der europaeischen
Politik und der europaeischen
Gesellschaften:
"Die Privatgesellschaften
ziehen Schritt
vor Schritt die Staatsgeschaefte
in sich
hinein: selbst der zaeheste
Rest, welcher
von der alten Arbeit des
Regierens übrigbleibt
...wird zu allerletzt einmal
durch Privatunternehmer
besorgt werden. Die Missachtung,
der Verfall
und DER TOD DES STAATES,
die Entfesselung
der Privatperson (ich hüte
mich zu sagen:
des Individuums) ist die
Consequenz des demokratischen
Staatsbegriffs; hier liegt
seine Mission"
(12). Diese Worte sind
nicht von diversen
und unbekannten Leidenschaften
diktiert,
sie sind Ausfluss einer
langen und angestrengten
analytischen Arbeit. Die
These ist nicht
eine "Kritik"
der Demokratie, sie
ist die Deskription einer
ihrer wesentlichsten
Tendenzen, die ja gerade
in unseren Tagen
(dies haette Nietzsche
wahrhlich nicht voraussehen
können) durch die Konkretisierung
der neoliberalen
Staatsauffassung in volle
Verwirklichung
zu gehen scheinen. Denn
die Vision über die
"Privatunternehmer",
die die von
dem alten "Regieren"
übrig gebliebene
"alte Arbeit"
versorgen, nimmt
in unseren Tagen ernsthaft
und würdige Gestalt
an. Es ist für Nietzsches
Verstaendnis ganz
besonders wichtig, dass
er selbst dieses
Endprodukt seiner Analysen
nicht als eine
Analyse mit Wertvorstellungen
auffasst. Sein
Text zeugt von dem bis
zuletzt erhaltenen
deskriptiven und philosophisch
kontemplativen
Charakter: "Hat er
(der demokratische
Staatsbegriff - E.K.) seine
Aufgabe erfüllt
- die wie alles Menschliche
(!) viel Vernunft
und Unvernunft (!) im Schosse
traegt - ,
sind alle Rückfaelle der
alten Krankheit
überwunden, so wird ein
neues Blatt im Fabelbuche
der Menschheit entrollt,
auf dem man allerlei
seltsame Historien und
vielleicht auch einiges
Gute (!) lesen wird"
(13).
Es ist ein besonders günstiger
Augenblick
auch in jener Hinsicht,
dass hier das Ausmass
der Relevanz des Menschenbildes
bei Nietzsche
sichtbar wird. Denn die
Haupttendenzen in
der Entwicklung des Staates
oder der demokratischen
Einrichtung sind für DEN
Menschen oder für
DIE Gesellschaft keine
mechanische Determinationen
oder sonst welche fatalistische
Komponenten,
sondern "Gelegenheiten",
mit einem
etwas moderneren Sprachgebrauch
"Herausforderungen",
auf die DER Mensch oder
DIE Gesellschaft
antwortet. Es ist, wie
gesagt, ein sehr produktiver
Augenblick, denn er macht
jene Aufeinander-Angewiesenheit
des Menschenbildes und
(unter anderen) der
politischen Philosophie
transparent, die
bei Nietzsche durch explizite
Formulierungen
eher selten ausgedrückt
ist: "Die Aussicht,
welche sich durch diesen
sichern Verfall
ergiebt, ist aber nicht
in jedem Betracht
eine unglückselige: die
Klugheit und der
Eigennutz der Menschen
sind von allen ihren
Eigenschaften am besten
ausgebildet; wenn
den Anforderungen dieser
Kraefte der Staat
nicht mehr entspricht,
so wird am wenigsten
das Chaos eintreten, sondern
eine noch zweckmaessigere
Erfindung, als der Staat
es war, zum Siege
über den Staat kommen"
(14). An dieser
Stelle laesst sich dieser
Gedankengang nicht
mehr fortführen, es liegt
uns aber viel daran,
dass in einer Periode der
Nietzsche-Forschung
als noch die Schatten von
Alfred Baeumler
und Georg Lukács von Zeit
zu Zeit lebendig
werden können, Nietzsches
wirkliche Positionen
selbst im Kontext der kritischsten
Punkte
der modernen Demokratie
durchsichtig werden.
Nietzsches grundsaetzliche
Vision über die
Demokratie enthaelt nicht
nur die klare und
vollzogene Einsicht in
diesen Prozess, sondern
auch die Einsicht in einen
politischen Mechanismus,
der vor allem wegen der
nicht im Zeichen
der ungeteilt herrschenden
Demokratie stehenden
Geschichte des zwanzigsten
Jahrhunderts stark
in die theoretische Vergessenheit
geraten
ist. Nach der fundamentalen
These ("Die
Demokratisierung Europa's
ist unaufhaltsam")
, die, wie wir sahen, die
politische Philosophie
Nietzsches lückenlos zur
Geltung bringt,
setzt sich aber durch die
Bekanntgabe dieses
so in Vergessenheit geratenen
politischen
Mechanismus: "...wer
sich dagegen stemmt,
gebraucht doch eben die
Mittel dazu, welche
erst der demokratische
Gedanke Jedermann
in die Hand gab, und macht
diese Mittel selber
handlicher und wirksamer
: und die grundsaetzlichen
Gegner der Demokratie...scheinen
nur desshalb
da zu sein, um durch die
Angst, welche sie
erregen, die verschiedenen
Parteien immer
schneller auf der demokratischen
Bahn vorwaerts
zu treiben" (15).
Im Klartext beschreibt
Nietzsche die Eigenschaft
der Demokratie,
dass sie ihre Opposition
in ihre eigene Entfaltung
problemlos einbauen kann,
eine Art "dynamischen
Totalitarismus" der
demokratischen Einrichtung,
die die eigene Gefaehrdung
seitens der Gegner
produktiv machen kann.
Die Kritik an der
Demokratie, die ihr entflammenden
Aengste
erwiesen sich im Laufe
der Geschichte schon
unzaehligemal als effektiv
genug, den Establishment,
bzw. das System der demokratischen
Einrichtung
zu verstaerken.
Die Staerke und das Durchsetzungsvermögen
der Nietzscheschen Demokratietheorie
(oder,
weil sich diese Theorie
der Demokratie noch
in unausgearbeiteter Form
befindet, der politischen
Philosophie Nietzsches)
besteht darin, dass
Nietzsche selbst der Einrichtung
der politischen
Demokratie eine bestimmte
Stellung auf einer
positiv vorgestellen gesamtmenschlichen
Entwicklung
zuschreibt (was gleich
sein Engagement für
diese Einrichtung bereits
von Anfang sichert):
"Es scheint, dass
die Demokratisierung
Europa's ein Glied in der
Kette jener ungeheuren
PROPHYLAKTISCHEN MAASSREGELN
ist, welche
der Gedanke der neuen Zeit
sind und mit denen
wir uns gegen das Mittelalter
abheben...Endliche
Sicherheit der Fundamente
(!), damit alle
Zukunft auf ihnen ohne
Gefahr bauen kann!
Unmöglichkeit fürderhin,
dass die Fruchtfelder
der Cultur wieder über
Nacht von wilden und
sinnlosen Bergwaessern
zerstört werden! Steindaemme
und Schutzmauern gegen
Barbaren, gegen Seuchen,
gegen LEIBLICHE UND GEISTIGE
VERKNECHTUNG!
Und dies Alles zunaechst
wörtlich und gröblich
(!), aber allmaehlich immer
höher und geistiger
verstanden, sodass alle
hier angedeuteten
Maassregeln die geistreiche
Gesammtvorbereitung
des höchsten Künstlers
der Gartenkunst zu
sein scheinen, der sich
dann erst zu seiner
eigentlichen Aufgabe (!)
wenden kann, wenn
jene vollkommen ausgeführt
ist!" (16)
Die prophylaktische Funktion
der politischen
Philosophie erweist sich
bei Nietzsche als
die wahre Funktion. Darin
unterscheidet er
sich vom Grossteil der
politisch Philosophierenden,
bei denen - und das ist
der bessere Fall
- die Analyse des Politischen
als letzter
Sinn verstanden wird. Bei
Nietzsche ist freilich
die Analyse nicht vergessen,
ihre Motive,
aber auch ihre Ergebnisse
sind aber von Anfang
an in prophylaktische Kontexte
gestellt.
Es geht aber in Nietzsches
politischer Philosophie
generell nicht darum, "prophylaktisch"
die Zukunft positiv vorzubereiten,
vielmehr
darum, als "ökumenisch"
angesehene,
zum Teil rein politische
Gefahren vorauszuahnen
und ihnen aus dem Wege
zu gehen.
Sowohl auf der wissenssoziologischen
Grundlage
der politischen Theorie
wie auch in prophylaktischer
Sicht erwiest sich Nietzsches
Sozialismus-Kritik
als durchaus lehrreich.
Dabei faellt auf,
dass die Sozialismus-Problematik
bei Nietzsche
durchaus IN die Demokratietheorie
hineinfaellt,
sie erhaelt ihr Gewicht
auch nur in diesem
Zusammenhang. Nietzsche
erblickt in der Sozialismus-Problematik
schon in der Zeit seines
wirklichen Aufkommens
vor allem eine Herausforderung
und scheut
auch vor der - Francis
Fukuyama durchaus
aehnlichen - Prophezeihung
nicht zurück,
dass am Ende die Demokratie
ihre "Omnipotenz"
aus dieser Herausforderung
ziehen wird. Von
dieser Seite aus haelt
er die Demokratie
für unerschütterlich, die
einzig nur wegen
ihrer eigenen "Fehler"
und Ungerechtigkeiten
zugrunde gehen kann.
Ein hervorragender Zug
der Nietzscheschen
Sozialismus-Auffassung
ist, dass er die Problematik
der politischen Macht in
den Mittelpunkt
seiner Analyse stellt,
und zwar mit der direkten
These, dass der Sozialismus
"kein Problem
des Rechtes..., sondern
nur ein Problem der
MACHT..." (17). Der
mit dieser Idee
zusammenhaengende Kreis
der Nietzscheschen
Perspektiven zeugt nicht
nur von einer prophetisch
zu nennenden Klarsicht,
sondern auch von
der grundlegenden Gravitationsrichtung
seines
politischen Interesses
um die politische
Exekutive. So wird für
ihn das Problem des
Staates nicht wegen des
Sozialismus, sondern
der Sozialismus wegen der
Problematik des
Staates von Wichtigkeit.
Mit erstaunlicher
Leichtigkeit trifft Nietzsche
die Nerv der
meisten sozialistischen
Vorstellungen wie
folgt?: "Wird die
Ungerechtigkeit des
Besitzes stark empfunden
- der Zeiger der
grossen Uhr ist einmal
wieder an dieser Stelle
-, so nennt man zwei Mittel,
derselben abzuhelfen:
einmal die gleiche Verteilung
des Eigentums
und den Zurückfall des
Besitzes an die Gemeinschaft"
(18). Die beiden Argumente
werden bei Nietzsche
auf eine Weise aufgeführt,
die vielleicht
theoretisch nicht so bedeutend
zu sein scheint,
von den realen Erfahrungen
des real existierenden
Sozialismus aber weitgehend
und frappierend
wie empirisch unter Beweis
gestellt werden
dürften. Zur gleichen Verteilung
des Eigentums
vermerkt er folgendes:
"Die Versuche
nach dem ersten Recepte
sind im Altertum
oft gemacht worden, zwar
immer nur in kleinem
Massstaebe, aber doch mit
einem Misserfolg,
der auch uns noch Lehre
sein kann. 'Gleiche
Ackerlose' ist leicht gesagt;
aber wie viel
Bitterkeit erzeugt sich
durch die dabei nöthig
werdende Trennung und Scheidung.
Man graebt
die Moralitaet um, wenn
man die Graenzsteine
umgraebt. Und...wie viel
Eifersucht...unter
den neuen Besitzern...da
es zwei wirklich
gleiche Ackerlose nie gegeben
hat... "
(19). Bei dem gemeinen
Eigentum formuliert
er eine Sicht, die spaeter
von vielen als
"kollektive Verantwortungslosigkeit"
auch rein soziologisch
beschrieben worden
ist: "Denn der Menmsch
ist gegen Alles,
was er nur vorübergehend
besitzt, ohne Vorsorge
und Aufopferung, er verfaehrt
damit ausbeuterisch,
als Raeuber oder als lüderlicher
Verschwender"
(20).
Nietzsches Interpretation
der Arbeit und
des Arbeiters weist wieder
in neue theoretische
Richtungen. Im Gegensatz
zur Interpretation
von Marx, in welcher letztlich
Hegels grossartige
Vision von dem Anerkennungskampf
zwischen
Herr und Knecht auf die
Situation des Arbeiters
angewandt wird, geht Nietzsche
von der Analyse
der funktionalen Rolle
des Arbeiters aus
und beurteilt die dem Arbeiter
überantwortete
funktionale Teilnahme an
der Produktion als
einen "zivilisatorischen"
Widerspruch
und Schock, die wohl einen
tödlichen Schlag
für den erreichten Stand
der europaeischen
Zivilisation (und Demokratie!)
bedeuten.
Sein Fazut lautet letztlich
so, dass die
neue Zivilisation mit der
demokratischen
Einrichtung kompatibel
ist, es ist aber mit
der Arbeiter-Problematik
nicht der Fall.
Die in Funktionalitaet
aufgehende Rolle tötet
die emanzipative Dimension.
Allein dieses Beispiel
zeigt, dass der wissenssoziologische
Ausgangspunkt von Nietzsches
politischer
Theorie zu keinem Reduktionismus
führt, vielmehr
ist es so, dass diese Theorie
gegenüber jedem
anderen Subsystem offen
ist. Im Kern dieser
politischen Theorie steht
nicht so sehr die
Analyse und die reflexive
Aufarbeitung dessen,
warum philosophische, ideologische
und politische
Phaenomene des falschen
Bewusstseins so lebensfaehig
sind. Ihn interessiert
vor allem, warum philosophische,
ideologische und politische
Phaenomene des
richtigen Bewusstseins
so viele Fiaskos erleiden
oder warum sie ALS Phaenomene
des richtiges
Bewusstseins so kurzfristig
erfolgreich sein
können.
Diese Arbeit gilt als ein
Versuch, Nietzsches
politische Philosophie
aufgrund seiner perspektivistischen
Philosophie zu rekonstruieren.
Ihre Bemühungen
richteten sich auf den
Nachweis dessen, dass
für Nietzsche die Einrichtung
der modernen
Demokratie nicht nur eine
Selbstverstaendlichkeit
war, dass er vielmehr die
moderne Demokratie
in seine geschichtsphilosophische
Option
schon vielfach einbaute.
Nietzsche ist aber
nicht einfach einer der
relevantesten politischen
Philosophen, die im Rahmen
der modernen Demokratie
ihre Konzeptionen aufstellten,
sondern einer,
der durch sein Interesse
für die politische
Macht zahlreiche neue theoretische
Einsichten
über dieses System formulieren
konnte. Sie
sollten als die Übergaenge
zur Rekonstruktion
von anderen politisch-philosophischen
Positionen
Friedrich Nietzsches funktionieren,
denn
auf dieser Grundlage entfaltet
sich die Nietzsche
Analyse der Macht und des
Sozialismus, der
Masse und des Liberalismus,
des Etatismus
und der Utopie.
Werden diese neuen Einsichten
(oder zumindest
diese oder jene aus ihnen)
ausreichen, um
Nietzsche ernsthaft in
die Reflexion unserer
beispiel- und praezedenzlosen
Gegenwart hineinzubeziehen?
Oder wird es auch auf dem
Gebiet des Politischen
so zugehen, wie es mit
der Erkenntnistheorie
der Fall war? Wird es sich
hier auch wiederholen,
dass Nietzsches durchdachte
und konsequent
vollzogene Philosophie
einer Kritik aller
Metaphysik in regelmaessigen
Zeitabstaenden
wieder entdeckt wird, meistens
so, dass dabei
die Nennung seines Namens
bei den neuen "Entdeckungen"
meistens ausbleibt (21).
Nietzsche unterscheidet
sich von den meisten überzeugten
Theoretikern
der Demokratie auch noch
in einem folgenden
relevanten Zug. Waehrend
die Mehrheit dieser
Theoretiker die demokratische
Einrichtung
als letztes Ziel und als
solches als schon
problemlos, erblickt Nietzsche
in der modernen
Demokratie zwar ein Optimum,
allerdings eines,
welches voll mit ganz neuen
Problemen umgeben
ist. Daher auch seine prophylaktische
Einstellung,
in deren Zentrum nicht
die Demokratie, sondern
die Menschheit und die
wichtigsten humanistischen
und zivilisatorischen Werte
stehen.
ANMERKUNGEN:
(1) Friedrich Nietzsche,
DIE FRÖHLICHE WISSENSCHAFT,
§ 377. in: KRITISCHE STUDIENAUSGABE,
Band
2. Berlin - New York, 1980.
Band 3. S. 629-631.
(2) Friedrich Nietzsche,
MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES
II. Der Wanderer und sein
Schatten, § 275.
in: Friedrich Nietzsche,
KRITISCHE STUDIENAUSGABE,
Band 2. S. 671.
(3) Friedrich Nietzsche,
MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES,
§ 450, a.a.O. S. 292.
(4) EBENDA, § 372, S. 302.
(5) EBENDA, § 372, S. 303.
(6) EBENDA.
(7) Wobei wir nachdrücklich
darauf hinweisen
möchten, dass wir die Aussage
nicht in dem
vulgaermarxistischen Sinne
interpretieren,
vielmehr in jenem urspünglichen
Sinne, den
Marx aus Herders grosser
Geschichtsphilosophie
übernahm, wonach das "Opium"
auf
das Ausmass der irdischen
Leiden und nicht
auf die Manipulation der
Herrscher hinweist.
(8) EBENDA. - Nietzsche
entwickelt aber diese
fundamentale Einsicht auf
eine ebenso ausgezeichnete
Weise auch weiter. Er beschreibt
bereits
als Konsequenzen dieser
"funktionalen"
Wende bestimmende soziale
Phaenomene (wobei
der Schönheitsfehler der
politischen Wissenschaften
und der politischen Theorie
seit Nietzsche
gerade darin besteht, dass
sie sich mit denselben
bestimmenden Phaenomenen
noch überhaupt nicht
auseinandergesetzt haben,
so dass Nietzsche
dadurch auch das Recht
erwirbt, auf dem Gebiet
der politischen Theorie
als ein Pionier angesehen
zu werden). Nietzsche beschreibt
also in
demselben Zusammenhang
die Konsequenzen für
die Religion ("...eine
Fülle von Drachenzaehnen
in dem Augenblicke gesaet
worden sind, als
man die Religion zur Privatsache
machte",
EBENDA, 304), den Vorgang,
dass die in ihrer
sozialen Funktionalitaet
erschütterte Religion
mit Notwendigkeit und nicht
durch direkte
Interventionen der Gewalt
des Staates sich
auflöst ("... versteckte
und unterdrückte
Regungen (des religiösen
Empfindens- E.K.)
jetzt hervorbrechen und
bis in's Extreme
ausschweifen; spaeter erweist
sich, dass
die Religion von Secten
überwuchert wird"
(EBENDA, 303 -304) etc),
den Prozess, wie
religiöse Haltungen abgelegt
werden ("Der
Anblick des Streites...laesst
endlich keinen
Ausweg mehr zu, als dass
jeder Bessere und
Begabtere die Irreligiositaet
zu seiner Privatsache
macht" (EBENDA, 304),
sowie die weitere
Konsequenz, dass die Politik
einen antireligiösen
Charakter erhaelt: ("...(diese)
Gesinnung
(bekommt) nun auch in dem
Geiste der regierenden
Personen die Ueberhand...und,
fast wider
ihren Willen (!), ihren
Maasregeln einen
religionsfeindlichen Charakter
gibt"
(EBENDA, 304). Und fast
als Schlusswort zu
dieser Beschreibung, die
auch als Autopoiesis
von politischen und sozialen
Vorgaengen bewertet
und hervorgehoben werden
kann, wird hinzugefügt:
"Sobald diess eintritt,
wandelt sich
die Stimmung der noch religiös
bewegten Menschen,
welche früher den Staat
als etwas Halb- oder
Ganzheiliges adorierten,
in eine entschieden
STAATSFEINDLICHE um; sie
lauern den Massregeln
der Regierung auf, suchen
zu hemmen, zu kreuzen,
zu beunruhigen, so viel
sie können, und treiben
dadurch die Gegenpartei...durch
die Hitze
ihres Widerspruchs in eine
fast fanatische
Begeisterung FÜR den Staat
hinein..."
(EBENDA, Sperrungen im
Original- E.K.). Nicht
nur der historische Prozess
bestaetigt im
spaeteren vielfach diese
Beschreibung, auch
die GANZE Rekonstruktion
dieses Prozesses
kommt uns einmalig und
extrem erklaerungsstark
vor.
(9)MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES
II, Der
Wanderer und sein Schatten.
§ 183,
S. 631.
(10)EBENDA, 305.
(11)EBENDA.
(12)EBENDA (Sperrung im
Original- E.K.)
(13)EBENDA.
(14)EBENDA, 306.
(15)MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES
II, Der
Wanderer und sein Schatten.
§ 275, S. 671.
(16)EBENDA, 672.
(17)MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES,
§ 446,
S. 289-290.
(18)MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES
II, Der
Wanderer und sein Schatten.
§ 285, S. 679.
(19)EBENDA
(20)EBENDA, 680.
(21)Uns scheint, dass dies
mit der philosophische
Kritik des Postmodernismus
an jeglicher Metaphysik
ganz genau der Fall gewesen
ist.
|