Friedrich Nietzsche als Theoretiker der modernen Demokratie

Endre Kiss, Budapest

Je tiefer man sich in das Studium der politisch ausgerichteten philosophischen Perspektiven Friedrich Niezsches vertieft, desto staerker wird einer der Auffassung sein, dass Nietzsches politische Philosophie nicht nur einer korrekten und vollstaendigen Rekonstruktion wert ist, sondern auch sowohl das historische Bild über die Entwicklung des politischen Denkens erneuern und der intellektuellen Bewaeltigung einer Reihe neuer theoretischen Probleme in unmittelbar-systematischer Weise beitragen kann.


Warum es so lange nicht so gewesen sein dürfte, kann man einerseits voll beantworten, waehrend eine andere, eine tiefere Dimension der Antwort noch mit neuen und adaequaten Forschungen überhaupt nicht abgesichert ist. Ohne jeglichen Zweifel ist es naemlich klar, dass die Möglichkeit dieser neuen Sicht mit einer spezifischen "Dialektik der Kompromittierung", mit dem "Kompromittiertsein der Kompromittierenden", mit der intellektuellen und moralischen Disqualifizierung von Alfred Baeumler und Georg Lukács unmittelbar zusammenhaengt. Für einen Forscher, wie den Verfasser dieser Zeilen, waren die Akte und die einzelnen Manipulationen der einmaligen Kompromittierung Nietzsches, in der übrigens die merkwürdige These des "Sozialfaschismus" in intellektueller Sicht sich voll bewaehrt hatte, alltaegliche Erfahrung und feste Rahmenbedingungen der östlichen und der westlichen Nietzsche-Forschung. Schon aus diesem Grunde kann er die eine Ebene der Antwort auf die Ausgangsfrage auch selbst vertreten. Der Wegfall der stets anwesenden und von grossen politischen Apparaten geschürten Verdachtsmomenten gegen Nietzsche startete einen produktiven Neuanfang. Viel komplizierter steht es mit der anderen, der tieferen Ebene dieser Fragestellung. Warum war man naemlich nicht imstande, Nietzsches "wirkliche" politische Philosophie auch waehrend der Vorherrschaft der Baeumlerschen und Lukács'schen globalen Kompromittierung zu erkennen und zu rekonstruieren? Diese "tiefere" Stellung der Frage führt zu systematisch hermeneutischen Grundsatzproblemen, die wir hier nur andeuten können. Vor allem geht es um die strukturelle Position der einmaligen Grundaussagen sowohl bei Lukács wie auch bei Baeumler, die sich auch auf der jenseits der Politik liegenden rein hermeneutischen Ebenen auf jede andere Problematik ausgestrahlt haben, so dass sie im wahren Sinne des Wortes keine Möglichkeit "hermeneutisch" zuliessen, politische Fragestellungen unabhaengig von ihrer totalitaeren Optionen zu manifestieren.

Im geistigen Raum eines Alfred Baeumler oder Georg Lukács selektiert sich als führende und bestimmende Perspektive diejenige aus, die das Essentielle der Nietzscheschen Philosophie im wesentlichen in keine der möglichen politischen Richtungen und Strömungen adaequet aufheben kann - und durch diesen Akt eine Antwort auf die unglaublichen Optionen von Baeumler oder Lukács gibt. Dies faellt um so leichter, da Nietzsche auch in einem Text diese Position wie prophetisch artikuliert (bedauerlicherweise ist dieser Text den benannten Interpreten scheinbar nicht aufgefallen): "Wir 'conservieren' Nichts, wir wollen auch in keine Vergangenheit zurück, wir sind durchaus nicht 'liberal', wir arbeiten nicht für den 'Fortschritt', wir brauchen unser Ohr nicht erst gegen die Zukunfts-Sirenen des Marktes zu verstopfen - das, was sie singen, 'gleiche Rechte', 'freie Gesellschaft' , 'keine Herrn mehr und keine Knechte', das lockt uns nicht...'Die Religion des Mitleides', zu der man uns überreden möchte - oh wir kennen die hysterischen Maennlein und Weiblein genug, welche heute gerade diese Religion zum Schleier und Aufputz nöthig haben! Wir sind keine Humanitarier; wir würden uns nie zu erlauben wagen, von unserer 'Liebe zur Menschheit' zu reden - dazu ist Unsereins nicht Schauspieler genug! Oder nicht Saint-Simonist genug, nicht Franzose genug...andererseits sind wir aber auch lange nicht 'deutsch' genug, wie heute das Wort 'deutsch' gang und gaebe ist, um dem Nationalismus und dem Rassenhass das Wort zu reden, um an der nationalen Herzenskraetze und Blutvergiftung Freude haben zu können, derenthalben sich jetzt in Europa Volk gegen Volk wie mit Quarantaenen abgrenzt, absperrt...Wir Heimatlosen, wir sind der Rasse und Abkunft nach zu vielfach und gemischt, als 'moderne Menschen', und folglich wenig versucht, an jener verlogenen Rassen-Selbstbewunderung und Unzucht teilzunehmen, welche sich heute in Deutschland als Zeichen deutscher Gesinnung zur Schau traegt...Wir sind, mit Einem Worte,...GUTE EUROPAEER.." (1).

Es stellt ein besonderes hermeneutisches Problem dar, warum die Hervorhebung der soeben angedeuteten metapolitischen Position als die einzige legitime Antwort auf Baeumler und Lukács gelten konnte. Über diese Tatsache hinaus erwies sich dieses Stadium der Diskussion als eines, in welchem eine "normale" politische Theorie Nietzsches wie unmöglich erschien. Jegliche mögliche Perspektive, jegliche Sinngebung der Nietzscheschen Saetze sollte in dem von Baeumler und Lukács vorgepraegten Spielraum vor sich gehen, keine andere Hermeneutik schien möglich gewesen zu sein. Erfreulicherweise jedoch verschwanden diese Geister für heute aus der Nietzsche-Exegese, so dass man nach den wichtigsten Perspektiven einer politischen Theorie bei Nietzsche fragen kann.

Gewiss bereitet es ein Problem, dass die Methodik von Nietzsches Philosophie nicht nur eine neue, sondern auch eine "neuartige" ist. Denn unsere philosophischen Erwartungen überleben die Existenz der zur Grundlage derselben dienenden philosophischen Formationen weit. Im Falle einer "politischen" Philosophie schauen unsere "natürlichen" Innervationen nach einem System, wenn nicht eben nach DEM System, von welchem dann das "Subsystem" Politik ohne Schwierigkeiten abzuleiten werden dürfte. Im Falle einer nicht nur nicht systematischen, sondern einer a-, wenn nicht eben anti-systematischen Philosophie zeigt sich die Aufgabe, das Politische zu rekonstruieren, anders. Der Interpret muss in einem gewissen Sinne die ersten hypothetischen Ansaetze der ganzheitlichen Interpretation machen, um sie dann mit der Vielzahl der gleichwertigen philosophischen Perspektiven auf eine methodisch fundierte Weise zu konfrontieren. Die Problematik der Rekonstruktion der politischen Philosophie Nietzsches, entwachsen aus dem grundsaetzlichen Perspektivismus dieser Philosophie, wird nur noch grösser, wenn man sich die notwendige HEUTIGE Beurteilung der einzelnen philosophischen Aspekte vergegenwaertigt. Da wird naemlich klar, dass waehrend einige philosophische Perspektiven heute schon die Grundlage einzelner neuer Paradigmen sind, andere philosophische Perspektiven bis heute noch entweder erstaunlich neu oder in anderen Faellen als trivial vorkommen.

Der systematische Ort einer nach Möglichkeit rekonstruierten politischen Philosophie Nietzsches generiert neue theoretische und prinzipielle Probleme. Der Ansatz der politischen Philosophien ist generell ein zweifacher. Der eine Teil thematisiert vornehmlich die Problematik der Verfassung, bzw. der anderen möglichen integrierenden Probleme der politischen Einrichtung, bzw. deren Regelung (wie beispielsweise der "Vertraege"). Ein anderer Teil der politischen Philosophien thematisiert dagegen die Problematik der Macht, die als Zentrum die demokratietheoretischen Probleme energisch in Schatten stellt. (Diese skizzierte Typologie liesse sich erwartungsgemaess durch den vermittelnden dritten Typ der politischen Philosophien, naemlich durch die voll ausgearbeiteten Vertragstheorien ergaenzen, die erwartungsgemaess zwischem dem demokratietheoretischen und dem machtorientierten Typus auch sachlich und historisch vermitteln.) Nun gilt Nietzsche zunaechst tatsaechlich als ein politischer Philosoph, der sich im Sachkomplex des Politischen vor allem für die breit verstandene Problematik der Macht interessiert. Und damit ist die Einteilung Nietzsches in die grössten Gruppen der Typologie der politischen Philosophie scheinbar schon zu Ende. Unsere Arbeit möchte es klar ausweisen, dass Nietzsche mit eben demselben Recht auch für den demokratie-theoretischen Typus in Anspruch zu nehmen ist. Dadurch aber, dass sein politisches Denken tatsaechlich um die Problematik der Macht zentriert ist, vertritt Nietzsche einen tatsaechlich sehr seltenen Übergang und eine Synthese zwischen den beiden Typen. Denn es ist tatsaechlich selten unter den relevanten Vertretern der politischen Philosophie, dass ihr Interesse auf diese Weise ausgeglichen ist.

Friedrich Nietzsche erscheint also als ein politischer Philosoph, der das Politische primaer als eine genuine Problematik der politischen Macht anschaut, der sich aber die aktuelle Existenzform der Macht in der Moderne nur im Rahmen der demokratischen Einrichtung vorstellen kann. Die "Demokratisierung Europas" ist "unaufhaltsam", lautet seine diesbezüglich tiefste und bestimmende Einsicht (2), die seine Einstellung umfassend praegt. Schon jetzt sei an die Aehnlichkeit hingewiesen, die in dem beschreibenden Charakter dieser Aussage und dem des Satzes "Gott ist tot" besteht. Damit wollen wir jedoch keine tiefere Korrespondenz zwischen den beiden Aussagen "Gott ist tot", bzw. "Die Demokratisierung ist unaufhaltsam") feststellen, die im Prinzip interpretatorisch vielfach möglich waere. Es geht einzig um die Aehnlichkeit in der Einstellung des Philosophen in diesen beiden umfassendsten Problemen seiner welthistorischen Zeit. In der Realisierung der grundlegenden Aehnlichkeit in der Attitüde kann die Interpretation zwischen Nietzsches eigenen Initiativen und den von ihm schlicht wahrgenommenen umfassenden Tatbestaenden die richtige Wahl treffen.

Nietzsches Einsicht in den Prozess der unaufhaltsamen Demokratisierung Europas korrespondiert selbstverstaendlich mit einer langen Reihe von wichtigen historischen Tatsachen und Wendungen, die die Geschichte Europas (die in dieser Periode NOCH im wesentlichen mit der Weltgeschichte identisch ist) wie restlos ausmachen. Auch in der Verarbeitung von allseitig bekannten europaeischen Tatsachen finden wir jedoch einige singulaere Qualitaeten des Nietzscheschen Denkens. Der wichtigste und auch in der Theoriebildung am intensivsten konstituve Zug Nietzsches dabei ist ein zeitlicher. Seine Einsicht in die unaufhaltsame Demokratisierung entsteht in einer Zeit, als nicht nur die Revolutionen in Europa ihre Zielsetzung nicht erreichen, sondern auch funktionierende und zeitweilig sogar erfolgreiche politische Establishments auf den Plan treten, die beinahe schon eine Überwindung der demokratischen Einrichtung verkörpern (erinnert sei an Napoleon den Dritten oder selbst an die Bismarcksche Reichsgründung). Zur These der unaufhaltsamen Demokratisierung Europas hatte Nietzsche also mehr intellektuelle Phantasie notwendig gehabt als eine historische Periode früher notwendig gewesen waere. Dies heisst gleichzeitig auch, dass Friedrich Nietzsche auch in diesem Zusammenhang von einer theoretisch verallgemeinerten, nichtsdestoweniger jedoch nicht-ideologischen Geschichtsbetrachtung Zeugnis ablegt.

Indem wir eingangs die Möglichkeit thematisiert hatten, in welches Paradigma Nietzsche innerhalb der disziplinaer geordneten politischen Philosophie gehört, ersteht gleich die Frage, ob er nicht in manchen Bezügen gerade als die Artikulation eines neuen Paradigmas aufgefasst werden kann. Denn gleich der Aphorismus 450 in MENSCHLICHES ALLZUMENSCHLICHES "Neuer und alter Begriff der Regierung" grenzt am alten und weist in der Richtung von einem neuen Paradigma. Nietzsche setzt sich hier mit der durch die "unter dem Einflusse der herrschenden constitutionellen Regierungsform" bewirkten Veraenderung in der "Regierung", d.h. in der regierenden Machtausübung generell, sei sie demokratischer oder vordemokratischer Provenienz, auseinander. Nietzsche stellt die alte und die neue Weise der "Regierung" (d.h. der "demokratischen Machtausübung") auf die folgende Weise einander gegenüber: "Zwischen Regierung und Volk so zu scheiden, als ob hier zwei getrennte Machtsphaeren (!), eine staerkere, höhere mit einer schwaecheren, niederen, verhandelten und sich vereinbarten, ist ein Stück politischer Vererbung...Dagegen soll man nun lernen - gemaess einem Princip, welches rein aus dem KOPFE entsprungen ist und erst Geschichte MACHEN soll-, dass Regierung nichts als ein Organ des Volkes sei, nicht ein vorsorgliches, verehrungswürdiges=Oben= im Verhaeltniss zu einem an Bescheidenheit gewöhnten =Unten= " (Sperrungen im Original- E.K. ) (3). Es steht ausser Zweifel, dass Nietzsche hier die Eigenart der spezifisch demokratischen Machtausübung gleich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven aus mit bleibender Gültigkeit beschreibt. Auf der einen Seite weist er auf das Ende einer Struktur des "Oben" und des "Unten" hin, die auch bis in spaetere Zeiten hinein eine führende, jedoch überholte Relevanz im politischen Bewusstsein bewahrte. Bei der kritischen Beseitigung einer archaisch werdenden Vorstellung, bzw. Wahrnehmung des Politischen beschreibt Nietzsche auch ein neues Phaenomen, die neue Realitaet der demokratischen Machtausübung, indem des "Oben" und "Unten" keine zwei voneinander sorgfaeltig getrennte Sphaeren, sondern ein einziger Komplex sind, die in ihrer Realitaet ein reales Ergebnis von realen Kraeften ausgeben. Dieses Ergebnis hat einen sehr klar umrissenen politisch-theoretischen Inhalt. Über diesen hinaus wird aber selbst das Politische in einer Vision der Geschichte und der Gesellschaft aufgelöst, denn diese neue Auffassung der politischen Machtverteilung laesst auch eine soziale und politische Realitaet der Rekonstruktion transparent machen (kein "Oben" und "Unten", ein Spiel von realen Kraeften in ihrem konkreten Geradesosein, welches sich jeglicher vorgaengiger Kategorisierung entzieht, etc).

Eng mit dieser Einsicht haengt auch Nietzsches vielfach frappierende Beschreibung der neuen Relation zwischen Staat und Religion in diesem neuen HISTORISCHEN Kontext, der gleichzeitig im ganzen im Umfeld und NUR im Umfeld der unaufhaltsamen Demokratisierung visioniert ist. Lange beschreibt Nietzsche die allgemein geteilte Auffassung über die Zusammengehörigkeit von Regierung und Religion in der historischen Zeit. Wegen des Reichtums der Perspektiven und vor allem wegen der Reife der Zusammenfassung scheint es sinnvoll, diese Ideen laenger zu zitieren: "So lange der Staat oder deutlicher, die Regierung sich als Vormund zu Gunsten einer unmündigen Menge bestellt weiss und um ihretwillen die Frage erwaegt, ob die Religion zu erhalten oder zu beseitigen sei: wird sie höchst wahrscheinlich sich immer für die Erhaltung der Religion entscheiden. Denn die Religion befriedigt das einzelne Gemüth in Zeiten des Verlustes, der Entbehrung, des Schreckens, des Misstrauens, also da, wo die Regierung sich ausser Stande fühlt, direct Etwas zur Linderung der seelischen Leiden des Privatmannes zu tun: je selbst bei allgemeinem, unvermeidlichen und zunaechst unabwendbaren Uebeln...gewaehrt die Religion eine beruhigt, abwartende, vertrauernde Haltung der Menge. Ueberall, wo die nothwendigen oder zufaelligen Maengel der Staatsregierung oder die gefaehrlichen Consequenzen dynastischer Interessen dem Einsichtigen sich bemerkbar machen und ihn widerspaenstig stimmen, werden die Nicht-Einsichtigen den Finger Gottes zu sehen meinen und sich in Geduld den Anordnungen von OBEN...unterwerfen; so wird der innere bürgerliche Frieden und die Continuitaet der Entwicklung gewahrt. Die Macht, welche in der Einheit der Volksempfindung, in gleichen Meinungen und Zielen für Alle, liegt, wird durch die Religion beschützt und besiegelt..." (4). Nietzsche versucht dann, diesen Zusammenhang mit der neuen, philosophisch gesichteten Realitaet direkt zu konfrontieren. Seine Bewusstheit zeigt, dass er im Text selber eine explizite Frage auf die neue Einstellung formuliert: "Wie aber, wenn jene ganz verschiedene Auffassung des Begriffes der Regierung, wie sie in DEMOKRATISCHEN Staaten (!) gelehrt wird, durchzudringen anfaengt?" (5 ). Nietzsche gebraucht streng seine früher entwickelte, heuristisch so reichhaltige Einsicht: "Wenn man in ihr Nichts als das Werkzeug des Volkswillens sieht, kein Oben im Vergleich zu einem Unten, sondern lediglich eine Funktion des alleinigen Souverains, des Volkes?" (6). Trotz jegliche andere Annahmen (unter denen einerseits die Annahme der Religion als "Opium des Volkes" (7) und andererseits die Annahme eines notwendigen, nichtsdestoweniger schicksalhaften Ganges eine saekularisierten Politik wohl die wichtigsten sein sollten) formuliert Nietzsche eine beinahe atemberaubende These, bzw. Hypothese über die wirklichen Motive der Saekularisierung: "...eine Benutzung und Ausbeutung der religiösen Triebkraefte und Tröstungen zu staatlichen Zwecken wird nicht so leicht möglich sein...Wenn aber der Staat keinen Nutzen mehr aus der Religion selber ziehen darf oder das Volk viel zu mannichfach über religiöse Dinge denkt, als dass er der Regierung ein gleichartiges, einheitliches Vorgehen bei religiösen Massregeln gestatten dürfte, - so wird nothwendig sich der Ausweg zeigen, die Religion als Privatsache zu behandeln und dem Gewissen und der Gewohnheit jedes Einzelnen zu überantworten" (8). Man könnte Nietzsches Ansatz mit einem Terminus, den übrigens auch er in diesem Zitat selber gebraucht, "funktional" nennen, da er die entscheidende funktionale Aenderung in der "Regierung" für eine funktionale Fragestellung nach dem neuen Stellenwert der Religion in Anspruch nimmt.

Ein ausgezeichneter Zug von Friedrich Nietzsches politischer Philosophie ist, dass sie WISSENSSOZIOLOGISCH fundiert ist. Es heisst, dass politische Konzepte und Richtungen bei ihm entweder in die Region des "falschen" Bewusstseins gehören oder von Ansaetzen des richtigen, adaequaten und zeitgemaessen Bewusstseins getragen werden. In gewissem Sinne liesse sich sogar feststellen, dass das "nicht-falsche" Bewusstsein bei Nietzsche im Kerne die Funktion der Legitimisierung eines politischen Ansatzes übernimmt. Wir wollen damit nicht feststellen, dass diese Art der Legitimisierung keine weiteren Probleme aufwirft (beispielsweise die der im Sinne von Karl Mannheim genommenen "Seinsgebundenheit" des falschen Bewusstseins, die vornehmlich auf dem Gebiet der Politik gleich den Status der Objektivitaet erlangen muss). Es ist aber trotzdem sehr wichtig, dass dieser von Nietzsche hervorgehobene Zug der Legitimiserung in der politischen Theorie primaer so gut wie unbekannt ist. Wir werden im spaeteren noch sehen können, wie Nietzsches naeheres politisches Interesse, seine letzten Zielsetzungen mit den wissenssoziologischen Ausgangsdimensionen seiner politischen Theorie zusammenhaengen.

Friedrich Nietzsches Sicht auf die moderne Demokratie ist, wie wir sahen, alles andere als feindlich. Er geht - und dabei weisen wir wieder auf die grosse Analogie des "Gott ist tot" hin - von der Realitaet und Notwendigkeit der modernen Demokratie aus. In seiner Analyse wird - völlig konsequent - seine auf die politische Macht konzentrierte Sichtweise auf den demokratischen Kontext gerichtet, so dass er die verwirklichte politische Demokratie nicht als eine nicht mehr hinterfragbare optimale Realitaet, vielmehr als eine politische und soziale Realitaet ansieht, die historisch vielfach auf der Tagesordnung ist und die man "auf sich selbst gestellt" analytisch erschliessen muss. Im Kontext der "Gott ist tot"-Problematik haben wir wieder einen sehr spezifischen und den "normalen" Erwartungen keineswegs entsprechenden Zug der politischen Theorie von Friedrich Nietzsche. Denn die Perspektive des "Gott ist tot" gerade in seiner ökumenisch aufgefassten politischen Vision keineswegs apokalyptisch. Trotz der mehrfach in Kalkül gezogenen Erschütterungen der menschlichen Zukunft erscheint das Wesentliche der neuen Situation als eine monumentale historische Herausforderung, auf die die Menschheit nur positiv zu antworten hat: "Es ist SEHR VIEL Freude noch den Menschen vorbehalten, wovon den gegenwaertigen noch kein Geruch zugeweht ist! Und zwar dürfen wir uns diese Freude versprechen, ja als etwas Nothwendiges verheissen und beschwören, im Fall nur die Entwickelung der menschlichen Vernunft NICHT STILLE STEHT!" (9).

Nietzsches erster analytisch vertiefter Punkt in der Erschliessung der modernen Demokratie ist die Problematik der "Kurzfristigkeit", anders ausgedrückt, der Mangel an der Möglichkeit "langfristiger" Aufbauarbeit. Es ist evident, dass diese Einsicht primaer nicht nur nicht politisch konkretisiert ist, sondern auch nicht aus politischen Motiven folgt.. Es ist reine Geschichtsphilosophie, die sich mit der neuen CONDITION HUMAINE der Menschheit auseinandersetzt. Ein Beispiel aus vielen möglichen Texten: "...die Menschen und Parteien wechseln zu schnell, stürzen sich gegenseitig zu wild vom Berge wieder herab, nachdem sie kaum oben angelangt sind. Es fehlt allen Massregeln, welche von einer Regierung durchgesetzt werden, die Bürgschaft ihrer Dauer; man scheut vor Unternehmungen zurück, welche auf Jahrzehnte, Jahrhunderte hinaus ein stilles Wachsthum haben müssten, um reife Früchte zu zeitigen. Niemand fühlt sich eine andere Verpflichtung gegen ein Gesetz mehr, als die, sich augenblicklich der Gewalt, welche ein Gesetz einbrachte, zu beugen: sofort geht man aber daran, es durch eine neue Gewalt, eine neu zu bildende Majoritaet zu unterminiren" (10).

Eng damit zusammenhaengend analysiert Nietzsche als die direkte Konsequenz der neuen europaeischen Demokratie die "Aufhebung des Gegensatzes =privat und öffentlich=" (11). Die Qualitaeten dieser Einsicht lassen sich überhaupt nicht einzig an den sachlichen Inhalten derselben messen, sie zeigen sich in ihren wahren Dimensionen erst mitsamt ihrem ganzen gedanklichen Kontext. Denn die Analyse nahm ihren Anfang mit der Feststellung der geaenderten Relation zwischen "Oben" und "Unten", setzte sich durch den Nachweis der verlorenen Funktion der Religion für die Regierung fort, erklaerte die extreme, selbstorganisatorisch erfolgte Zuspitzung der Konkurrenz zwischen Staat und Religion. Die These (und die Analyse) über die "Aufhebung des Gegensatzes" zwischen Privatem und Öffentlichem erhaelt erst in diesem ganzen Zusammenhang ihre ganze Bedeutung, sie erweist sich nicht als eine pure "Idee", als eine vielleicht zufaellig entstandene treffende "Perspektive" aus der Werkstatt eines grossen Denkers, sondern als eine Konsequenz von der im Prinzip jeder wichtigen Entwicklung der wichtigsten Motiven und Komponenten der europaeischen Politik und der europaeischen Gesellschaften: "Die Privatgesellschaften ziehen Schritt vor Schritt die Staatsgeschaefte in sich hinein: selbst der zaeheste Rest, welcher von der alten Arbeit des Regierens übrigbleibt ...wird zu allerletzt einmal durch Privatunternehmer besorgt werden. Die Missachtung, der Verfall und DER TOD DES STAATES, die Entfesselung der Privatperson (ich hüte mich zu sagen: des Individuums) ist die Consequenz des demokratischen Staatsbegriffs; hier liegt seine Mission" (12). Diese Worte sind nicht von diversen und unbekannten Leidenschaften diktiert, sie sind Ausfluss einer langen und angestrengten analytischen Arbeit. Die These ist nicht eine "Kritik" der Demokratie, sie ist die Deskription einer ihrer wesentlichsten Tendenzen, die ja gerade in unseren Tagen (dies haette Nietzsche wahrhlich nicht voraussehen können) durch die Konkretisierung der neoliberalen Staatsauffassung in volle Verwirklichung zu gehen scheinen. Denn die Vision über die "Privatunternehmer", die die von dem alten "Regieren" übrig gebliebene "alte Arbeit" versorgen, nimmt in unseren Tagen ernsthaft und würdige Gestalt an. Es ist für Nietzsches Verstaendnis ganz besonders wichtig, dass er selbst dieses Endprodukt seiner Analysen nicht als eine Analyse mit Wertvorstellungen auffasst. Sein Text zeugt von dem bis zuletzt erhaltenen deskriptiven und philosophisch kontemplativen Charakter: "Hat er (der demokratische Staatsbegriff - E.K.) seine Aufgabe erfüllt - die wie alles Menschliche (!) viel Vernunft und Unvernunft (!) im Schosse traegt - , sind alle Rückfaelle der alten Krankheit überwunden, so wird ein neues Blatt im Fabelbuche der Menschheit entrollt, auf dem man allerlei seltsame Historien und vielleicht auch einiges Gute (!) lesen wird" (13).

Es ist ein besonders günstiger Augenblick auch in jener Hinsicht, dass hier das Ausmass der Relevanz des Menschenbildes bei Nietzsche sichtbar wird. Denn die Haupttendenzen in der Entwicklung des Staates oder der demokratischen Einrichtung sind für DEN Menschen oder für DIE Gesellschaft keine mechanische Determinationen oder sonst welche fatalistische Komponenten, sondern "Gelegenheiten", mit einem etwas moderneren Sprachgebrauch "Herausforderungen", auf die DER Mensch oder DIE Gesellschaft antwortet. Es ist, wie gesagt, ein sehr produktiver Augenblick, denn er macht jene Aufeinander-Angewiesenheit des Menschenbildes und (unter anderen) der politischen Philosophie transparent, die bei Nietzsche durch explizite Formulierungen eher selten ausgedrückt ist: "Die Aussicht, welche sich durch diesen sichern Verfall ergiebt, ist aber nicht in jedem Betracht eine unglückselige: die Klugheit und der Eigennutz der Menschen sind von allen ihren Eigenschaften am besten ausgebildet; wenn den Anforderungen dieser Kraefte der Staat nicht mehr entspricht, so wird am wenigsten das Chaos eintreten, sondern eine noch zweckmaessigere Erfindung, als der Staat es war, zum Siege über den Staat kommen" (14). An dieser Stelle laesst sich dieser Gedankengang nicht mehr fortführen, es liegt uns aber viel daran, dass in einer Periode der Nietzsche-Forschung als noch die Schatten von Alfred Baeumler und Georg Lukács von Zeit zu Zeit lebendig werden können, Nietzsches wirkliche Positionen selbst im Kontext der kritischsten Punkte der modernen Demokratie durchsichtig werden.

Nietzsches grundsaetzliche Vision über die Demokratie enthaelt nicht nur die klare und vollzogene Einsicht in diesen Prozess, sondern auch die Einsicht in einen politischen Mechanismus, der vor allem wegen der nicht im Zeichen der ungeteilt herrschenden Demokratie stehenden Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts stark in die theoretische Vergessenheit geraten ist. Nach der fundamentalen These ("Die Demokratisierung Europa's ist unaufhaltsam") , die, wie wir sahen, die politische Philosophie Nietzsches lückenlos zur Geltung bringt, setzt sich aber durch die Bekanntgabe dieses so in Vergessenheit geratenen politischen Mechanismus: "...wer sich dagegen stemmt, gebraucht doch eben die Mittel dazu, welche erst der demokratische Gedanke Jedermann in die Hand gab, und macht diese Mittel selber handlicher und wirksamer : und die grundsaetzlichen Gegner der Demokratie...scheinen nur desshalb da zu sein, um durch die Angst, welche sie erregen, die verschiedenen Parteien immer schneller auf der demokratischen Bahn vorwaerts zu treiben" (15). Im Klartext beschreibt Nietzsche die Eigenschaft der Demokratie, dass sie ihre Opposition in ihre eigene Entfaltung problemlos einbauen kann, eine Art "dynamischen Totalitarismus" der demokratischen Einrichtung, die die eigene Gefaehrdung seitens der Gegner produktiv machen kann. Die Kritik an der Demokratie, die ihr entflammenden Aengste erwiesen sich im Laufe der Geschichte schon unzaehligemal als effektiv genug, den Establishment, bzw. das System der demokratischen Einrichtung zu verstaerken.

Die Staerke und das Durchsetzungsvermögen der Nietzscheschen Demokratietheorie (oder, weil sich diese Theorie der Demokratie noch in unausgearbeiteter Form befindet, der politischen Philosophie Nietzsches) besteht darin, dass Nietzsche selbst der Einrichtung der politischen Demokratie eine bestimmte Stellung auf einer positiv vorgestellen gesamtmenschlichen Entwicklung zuschreibt (was gleich sein Engagement für diese Einrichtung bereits von Anfang sichert): "Es scheint, dass die Demokratisierung Europa's ein Glied in der Kette jener ungeheuren PROPHYLAKTISCHEN MAASSREGELN ist, welche der Gedanke der neuen Zeit sind und mit denen wir uns gegen das Mittelalter abheben...Endliche Sicherheit der Fundamente (!), damit alle Zukunft auf ihnen ohne Gefahr bauen kann! Unmöglichkeit fürderhin, dass die Fruchtfelder der Cultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen Bergwaessern zerstört werden! Steindaemme und Schutzmauern gegen Barbaren, gegen Seuchen, gegen LEIBLICHE UND GEISTIGE VERKNECHTUNG! Und dies Alles zunaechst wörtlich und gröblich (!), aber allmaehlich immer höher und geistiger verstanden, sodass alle hier angedeuteten Maassregeln die geistreiche Gesammtvorbereitung des höchsten Künstlers der Gartenkunst zu sein scheinen, der sich dann erst zu seiner eigentlichen Aufgabe (!) wenden kann, wenn jene vollkommen ausgeführt ist!" (16)

Die prophylaktische Funktion der politischen Philosophie erweist sich bei Nietzsche als die wahre Funktion. Darin unterscheidet er sich vom Grossteil der politisch Philosophierenden, bei denen - und das ist der bessere Fall - die Analyse des Politischen als letzter Sinn verstanden wird. Bei Nietzsche ist freilich die Analyse nicht vergessen, ihre Motive, aber auch ihre Ergebnisse sind aber von Anfang an in prophylaktische Kontexte gestellt.
Es geht aber in Nietzsches politischer Philosophie generell nicht darum, "prophylaktisch" die Zukunft positiv vorzubereiten, vielmehr darum, als "ökumenisch" angesehene, zum Teil rein politische Gefahren vorauszuahnen und ihnen aus dem Wege zu gehen.

Sowohl auf der wissenssoziologischen Grundlage der politischen Theorie wie auch in prophylaktischer Sicht erwiest sich Nietzsches Sozialismus-Kritik als durchaus lehrreich. Dabei faellt auf, dass die Sozialismus-Problematik bei Nietzsche durchaus IN die Demokratietheorie hineinfaellt, sie erhaelt ihr Gewicht auch nur in diesem Zusammenhang. Nietzsche erblickt in der Sozialismus-Problematik schon in der Zeit seines wirklichen Aufkommens vor allem eine Herausforderung und scheut auch vor der - Francis Fukuyama durchaus aehnlichen - Prophezeihung nicht zurück, dass am Ende die Demokratie ihre "Omnipotenz" aus dieser Herausforderung ziehen wird. Von dieser Seite aus haelt er die Demokratie für unerschütterlich, die einzig nur wegen ihrer eigenen "Fehler" und Ungerechtigkeiten zugrunde gehen kann.

Ein hervorragender Zug der Nietzscheschen Sozialismus-Auffassung ist, dass er die Problematik der politischen Macht in den Mittelpunkt seiner Analyse stellt, und zwar mit der direkten These, dass der Sozialismus "kein Problem des Rechtes..., sondern nur ein Problem der MACHT..." (17). Der mit dieser Idee zusammenhaengende Kreis der Nietzscheschen Perspektiven zeugt nicht nur von einer prophetisch zu nennenden Klarsicht, sondern auch von der grundlegenden Gravitationsrichtung seines politischen Interesses um die politische Exekutive. So wird für ihn das Problem des Staates nicht wegen des Sozialismus, sondern der Sozialismus wegen der Problematik des Staates von Wichtigkeit. Mit erstaunlicher Leichtigkeit trifft Nietzsche die Nerv der meisten sozialistischen Vorstellungen wie folgt?: "Wird die Ungerechtigkeit des Besitzes stark empfunden - der Zeiger der grossen Uhr ist einmal wieder an dieser Stelle -, so nennt man zwei Mittel, derselben abzuhelfen: einmal die gleiche Verteilung des Eigentums und den Zurückfall des Besitzes an die Gemeinschaft" (18). Die beiden Argumente werden bei Nietzsche auf eine Weise aufgeführt, die vielleicht theoretisch nicht so bedeutend zu sein scheint, von den realen Erfahrungen des real existierenden Sozialismus aber weitgehend und frappierend wie empirisch unter Beweis gestellt werden dürften. Zur gleichen Verteilung des Eigentums vermerkt er folgendes: "Die Versuche nach dem ersten Recepte sind im Altertum oft gemacht worden, zwar immer nur in kleinem Massstaebe, aber doch mit einem Misserfolg, der auch uns noch Lehre sein kann. 'Gleiche Ackerlose' ist leicht gesagt; aber wie viel Bitterkeit erzeugt sich durch die dabei nöthig werdende Trennung und Scheidung. Man graebt die Moralitaet um, wenn man die Graenzsteine umgraebt. Und...wie viel Eifersucht...unter den neuen Besitzern...da es zwei wirklich gleiche Ackerlose nie gegeben hat... " (19). Bei dem gemeinen Eigentum formuliert er eine Sicht, die spaeter von vielen als "kollektive Verantwortungslosigkeit" auch rein soziologisch beschrieben worden ist: "Denn der Menmsch ist gegen Alles, was er nur vorübergehend besitzt, ohne Vorsorge und Aufopferung, er verfaehrt damit ausbeuterisch, als Raeuber oder als lüderlicher Verschwender" (20).

Nietzsches Interpretation der Arbeit und des Arbeiters weist wieder in neue theoretische Richtungen. Im Gegensatz zur Interpretation von Marx, in welcher letztlich Hegels grossartige Vision von dem Anerkennungskampf zwischen Herr und Knecht auf die Situation des Arbeiters angewandt wird, geht Nietzsche von der Analyse der funktionalen Rolle des Arbeiters aus und beurteilt die dem Arbeiter überantwortete funktionale Teilnahme an der Produktion als einen "zivilisatorischen" Widerspruch und Schock, die wohl einen tödlichen Schlag für den erreichten Stand der europaeischen Zivilisation (und Demokratie!) bedeuten. Sein Fazut lautet letztlich so, dass die neue Zivilisation mit der demokratischen Einrichtung kompatibel ist, es ist aber mit der Arbeiter-Problematik nicht der Fall. Die in Funktionalitaet aufgehende Rolle tötet die emanzipative Dimension.

Allein dieses Beispiel zeigt, dass der wissenssoziologische Ausgangspunkt von Nietzsches politischer Theorie zu keinem Reduktionismus führt, vielmehr ist es so, dass diese Theorie gegenüber jedem anderen Subsystem offen ist. Im Kern dieser politischen Theorie steht nicht so sehr die Analyse und die reflexive Aufarbeitung dessen, warum philosophische, ideologische und politische Phaenomene des falschen Bewusstseins so lebensfaehig sind. Ihn interessiert vor allem, warum philosophische, ideologische und politische Phaenomene des richtigen Bewusstseins so viele Fiaskos erleiden oder warum sie ALS Phaenomene des richtiges Bewusstseins so kurzfristig erfolgreich sein können.

Diese Arbeit gilt als ein Versuch, Nietzsches politische Philosophie aufgrund seiner perspektivistischen Philosophie zu rekonstruieren. Ihre Bemühungen richteten sich auf den Nachweis dessen, dass für Nietzsche die Einrichtung der modernen Demokratie nicht nur eine Selbstverstaendlichkeit war, dass er vielmehr die moderne Demokratie in seine geschichtsphilosophische Option schon vielfach einbaute. Nietzsche ist aber nicht einfach einer der relevantesten politischen Philosophen, die im Rahmen der modernen Demokratie ihre Konzeptionen aufstellten, sondern einer, der durch sein Interesse für die politische Macht zahlreiche neue theoretische Einsichten über dieses System formulieren konnte. Sie sollten als die Übergaenge zur Rekonstruktion von anderen politisch-philosophischen Positionen Friedrich Nietzsches funktionieren, denn auf dieser Grundlage entfaltet sich die Nietzsche Analyse der Macht und des Sozialismus, der Masse und des Liberalismus, des Etatismus und der Utopie.

Werden diese neuen Einsichten (oder zumindest diese oder jene aus ihnen) ausreichen, um Nietzsche ernsthaft in die Reflexion unserer beispiel- und praezedenzlosen Gegenwart hineinzubeziehen? Oder wird es auch auf dem Gebiet des Politischen so zugehen, wie es mit der Erkenntnistheorie der Fall war? Wird es sich hier auch wiederholen, dass Nietzsches durchdachte und konsequent vollzogene Philosophie einer Kritik aller Metaphysik in regelmaessigen Zeitabstaenden wieder entdeckt wird, meistens so, dass dabei die Nennung seines Namens bei den neuen "Entdeckungen" meistens ausbleibt (21). Nietzsche unterscheidet sich von den meisten überzeugten Theoretikern der Demokratie auch noch in einem folgenden relevanten Zug. Waehrend die Mehrheit dieser Theoretiker die demokratische Einrichtung als letztes Ziel und als solches als schon problemlos, erblickt Nietzsche in der modernen Demokratie zwar ein Optimum, allerdings eines, welches voll mit ganz neuen Problemen umgeben ist. Daher auch seine prophylaktische Einstellung, in deren Zentrum nicht die Demokratie, sondern die Menschheit und die wichtigsten humanistischen und zivilisatorischen Werte stehen.



ANMERKUNGEN:

(1) Friedrich Nietzsche, DIE FRÖHLICHE WISSENSCHAFT, § 377. in: KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Band 2. Berlin - New York, 1980. Band 3. S. 629-631.
(2) Friedrich Nietzsche, MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES II. Der Wanderer und sein Schatten, § 275. in: Friedrich Nietzsche, KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Band 2. S. 671.
(3) Friedrich Nietzsche, MENSCHLICHES-ALLZUMENSCHLICHES, § 450, a.a.O. S. 292.
(4) EBENDA, § 372, S. 302.
(5) EBENDA, § 372, S. 303.
(6) EBENDA.
(7) Wobei wir nachdrücklich darauf hinweisen möchten, dass wir die Aussage nicht in dem vulgaermarxistischen Sinne interpretieren, vielmehr in jenem urspünglichen Sinne, den Marx aus Herders grosser Geschichtsphilosophie übernahm, wonach das "Opium" auf das Ausmass der irdischen Leiden und nicht auf die Manipulation der Herrscher hinweist.
(8) EBENDA. - Nietzsche entwickelt aber diese fundamentale Einsicht auf eine ebenso ausgezeichnete Weise auch weiter. Er beschreibt bereits als Konsequenzen dieser "funktionalen" Wende bestimmende soziale Phaenomene (wobei der Schönheitsfehler der politischen Wissenschaften und der politischen Theorie seit Nietzsche gerade darin besteht, dass sie sich mit denselben bestimmenden Phaenomenen noch überhaupt nicht auseinandergesetzt haben, so dass Nietzsche dadurch auch das Recht erwirbt, auf dem Gebiet der politischen Theorie als ein Pionier angesehen zu werden). Nietzsche beschreibt also in demselben Zusammenhang die Konsequenzen für die Religion ("...eine Fülle von Drachenzaehnen in dem Augenblicke gesaet worden sind, als man die Religion zur Privatsache machte", EBENDA, 304), den Vorgang, dass die in ihrer sozialen Funktionalitaet erschütterte Religion mit Notwendigkeit und nicht durch direkte Interventionen der Gewalt des Staates sich auflöst ("... versteckte und unterdrückte Regungen (des religiösen Empfindens- E.K.) jetzt hervorbrechen und bis in's Extreme ausschweifen; spaeter erweist sich, dass die Religion von Secten überwuchert wird" (EBENDA, 303 -304) etc), den Prozess, wie religiöse Haltungen abgelegt werden ("Der Anblick des Streites...laesst endlich keinen Ausweg mehr zu, als dass jeder Bessere und Begabtere die Irreligiositaet zu seiner Privatsache macht" (EBENDA, 304), sowie die weitere Konsequenz, dass die Politik einen antireligiösen Charakter erhaelt: ("...(diese) Gesinnung (bekommt) nun auch in dem Geiste der regierenden Personen die Ueberhand...und, fast wider ihren Willen (!), ihren Maasregeln einen religionsfeindlichen Charakter gibt" (EBENDA, 304). Und fast als Schlusswort zu dieser Beschreibung, die auch als Autopoiesis von politischen und sozialen Vorgaengen bewertet und hervorgehoben werden kann, wird hinzugefügt: "Sobald diess eintritt, wandelt sich die Stimmung der noch religiös bewegten Menschen, welche früher den Staat als etwas Halb- oder Ganzheiliges adorierten, in eine entschieden STAATSFEINDLICHE um; sie lauern den Massregeln der Regierung auf, suchen zu hemmen, zu kreuzen, zu beunruhigen, so viel sie können, und treiben dadurch die Gegenpartei...durch die Hitze ihres Widerspruchs in eine fast fanatische Begeisterung FÜR den Staat hinein..." (EBENDA, Sperrungen im Original- E.K.). Nicht nur der historische Prozess bestaetigt im spaeteren vielfach diese Beschreibung, auch die GANZE Rekonstruktion dieses Prozesses kommt uns einmalig und extrem erklaerungsstark vor.
(9)MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES II, Der Wanderer und sein Schatten. § 183,
S. 631.
(10)EBENDA, 305.
(11)EBENDA.
(12)EBENDA (Sperrung im Original- E.K.)
(13)EBENDA.
(14)EBENDA, 306.
(15)MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES II, Der Wanderer und sein Schatten. § 275, S. 671.
(16)EBENDA, 672.
(17)MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES, § 446, S. 289-290.
(18)MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES II, Der Wanderer und sein Schatten. § 285, S. 679.
(19)EBENDA
(20)EBENDA, 680.
(21)Uns scheint, dass dies mit der philosophische Kritik des Postmodernismus an jeglicher Metaphysik ganz genau der Fall gewesen ist.




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