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Diese Neukonstitution gilt als Essenz der
gesamten mittleren Schaffensperiode Friedrich
Nietzsches und somit auch des kritizistisch
werdenden Positivismus, eine Essenz, die
Nietzsche selber durchaus zutreffend als
Aussagen "Von den Ersten und Letzten
Dingen" im Ersten Hauptstück des Menschliches,
Allzumenschliches betitelt. Diese Schaffensperiode
Nietzsches, auch als eine selbstaendige Richtung
des kritizistischen Positivismus,entwuchs
der durchaus vielschichtigen philosophischen
Entwicklung der 50-er und 60-er Jahre, unter
den heute kaum mehr bekannten Relationen
der philosophischen Possibilitaet und Plausibilitaet
in einem völlig neuen gedanklichen Raum,
für welchen unter anderen bereits das zumindest
damals als unwiederbringlich erscheinende
Vergessen der Hegelschen Philosophie charakteristisch
war. Für uns gilt diese Konzeption, nicht
zuletzt wegen ihrer erfolgreich durchgeführten
Neukonstituierung der philosophischen Wissenschaften,
als die bedeutendste und universellste neue
Philosophie des neuen philosophischen Universums.
Diese Philosophie ist nicht nur aus dem Grunde
grundsaetzlich neu, weil sie viele neue Positionen
aufweist, sondern auch deshalb, weil sie
in jeder ihrer Komponenten den neuen Konflikten
einer neuen Gesellschaft, sowie einem neuen
Stand der Beweisbarkeit wissenschaftlicher
Schlüsselthesen entwachsen ist. Sie ist somit
im wahren Sinne des Wortes grundsaetzlich
neu, auch weil Nietzsche nicht ohne Vorarbeiten
arbeitet und im wesentlichen saemtliche neue
Herausforderungen dieser historischen und
philosophischen Situation wahrnimmt (obwohl
diese Tatsache wegen des Mangels an einer
explizit gemachten und paradigmatisch vollstaendigen
Sozial- und politischen Philosophie Nietzsches
nicht entsprechend transparent werden dürfte).
Die einander gegenseitig bekaempfenden zeitgenössischen
philosophischen Richtungen sind aber trotz
ihrer vorwaertsweisenden fundamentalen Positionen
von der reifen Form der Nietzscheschen Philosophie
durch qualitative Differenzen entfernt. Dies
widerspricht der Tatsache überhaupt nicht,
dass Nietzsche ausschliesslich nur im Kontext
der 50er und 60er Jahre verstanden werden
kann. Auf ein Wort Karl Löwiths hinspielend
bedeutet all dies, dass es in der wirklichen
Geschichte kein Weg "von Hegel zu Nietzsche"
führte, die real existierende Entwicklung
führt anstatt dessen von Hegel in ein philosophisches
Vakuum, von wo dann aus dem gegenseitigen
Kampf aller gegen alle anderen Richtungen
die Philosophie Friedrich Nietzsches hervorgeht.
Der reale Ablauf der Rezeptionsgeschichte
von Nietzsches Philosophie macht diesen klaren
Zusammenhang zugestandermassen deutlich trübe,
aus der historischen Distanz zeichnet sich
aber dieser genealogische Weg in aller Transparenz
ab.
Die qualitative Differenz zugunsten Nietzsche
und gegenüber allen möglichen Alternativen
ergibt sich unter anderen aus dem Umstand,
dass Nietzsche in diese Diskussion mit elementarer
Kraft die Wertsetzungen, Einstellungen und
Evidenzvorstellungen jener deutschen klassischen
Philosophie mitbringt (bzw. in vielen Faellen
"wiederentdeckt" oder aktualisiert),
die Wilhelm Windelband "aesthetisch-philosophisches
Bildungssystem" (Windelband, 1909) genannt
hat, die die spezifisch Nietzscheschen Kombination
von kritischer Wissenschaftlichkeit und gleichzeitig
"ökumenischer", m.a.W. gesamtmenschlicher
Fragestellung ausmacht. Nicht irrelevant
ist jedoch in diesem Zusammenhang auch die
Tatsache, dass Nietzsche es zuwege bringt,
in seiner Jugend sich intensiv mit allen
drei wichtigsten neuen und gleichzeitig epochalen
philosophischen Richtungen grundsaetzlich
auseinanderzusetzen, die die spaetere Entwicklung
wie vollstaendig gepraegt haben. Ausser der
lange Zeit geradezu allein und exzessiv (auch
von ihm selber!) überbewerteten Schopenhauer
reflektiert er in einem einheitlichen Zuge
den in jener Zeit neu entstehenden Neukantianismus
eines Friedrich Albrecht Lange, sowie den
damals sehr modernen Positivismus eines Eugen
Dühring.
In dieser Beleuchtung erscheint die philosophische
Konzeption des Menschliches-Allzumenschliches
nicht nur als auf eine resolute Weise neuartig
kohaerent, sondern darüber hinaus auch als
"zeitgemaess" und "aktuell",
die von den wesentlichsten historischen,
sozialen und wissenschaftlichen Zeitwenden
wie unmittelbar vorbereitet und eingeleitet
worden ist.
Wir kennen schon an der Jahrhundertwende
Persönlichkeiten, die sich des wahren genealogischen
Weges dieser Philosophie im klaren waren.
Unter ihnen gilt die Relation Max Webers
zu Nietzsche als eine, die immer noch nicht
genügend erschlossen ist. Ernst Troeltsch
schrieb kein bedeutenderes selbstaendiges
Werk über Nietzsche, in Georg Simmels Philosophie
des Geldes gibt es unvergleichlich mehr nietzscheanische
Impulse als in seinen sich thematisch unmittelbar
um Nietzsche kreisenden Arbeiten. Das Nachdenken
Nietzsches, eigentlich: das Denken nach Nietzsche
erweist sich bei Max Scheler als noch enigmatischer,
indem er den Kampf gegen (auch Nietzsches)
kritizistischen Positivismus bewusst aufnimmt,
waehrend er auf das Tiefste ins Wesen dieser
Denkweise hineinschaut und die Ergebnisse
dieser Einsicht für sich selber in extremer
Bewusstheit produktiv zu machen sucht. Vaihinger's
Nietzsche-Bild (Vaihinger, 1902) ist auf
seine Art wieder ein singulaeres Phaenomen.
Er artikuliert vielleicht auf das Deutlichste
die wahren Dimensionen des kritizistischen
Szientismus Nietzsches, waehrend er die zeitgenössischen
(und höchst inadaequaten!) "politischen"
und "soziologischen" Fehlinterpretationen
Nietzsches nicht scharf genug durchschauen
und entlarven kann. Er ist vielleicht das
erste grosse Beispiel dafür, wie politische
Fehlinterpretationen auch solche Denker Nietzsche
entfremden können, die seine (Nietzsches
- E.K.) tiefsten philosophischen Innovationen
ansonsten klar und erstaunlich problemos
verstehen könnten. Dadurch wird Vaihingers
Nietzsche-Deutung ebenfalls bald vergessen
und zieht auch seine produktiven interpretatorischen
Ansaetze mit in diese Vergessenheit herunter.
Der qualitative Sprung Nietzsches (nicht
nur im systematischen Sinne, sondern auch
im historischen Vergleich der Philosophen
der 50-er und 60-er Jahre) besteht in seiner
einmalig optimalen Vereinigung von Positivismus
und philosophischem Kritizismus unter den
neuen Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen
Erkenntnis und der methodischen Forschung.
Bereits der Dühring der 60-er Jahre hat einen
aehnlichen Versuch gemacht, ebenfalls bekannt
sind die aehnlichen Anstrengungen des Nietzsche-Zeitgenossen
Ernst Mach aber auch diejenigen anderer Denker
dieser Zeit.
Einen für unseren Gedankengang besonders
wichtigen Versuch stellt ein kaum vorstellbar
frühes, weil voll und ganz gleichzeitiges
Werk Vaihingers dar (Vaihinger, 1876), in
dem er die Entfaltung der Philosophie nach
1848 in der sich voneinander trennenden,
selbstaendig werdenden Realisierung der in
Schopenhauer noch (zwar auch bei ihm schon
ohne jeglichen Zweifel eklektisch) koexistierenden
Tendenzen erblickt. Hier erscheint Eduard
von Hartmann als Fortsetzer der idealistischen
Metaphysik Schopenhauers (er verstaerkte
die idealistisch-dogmatische Seite des Systems
und löste die so entstehenden Widersprüche
durch die Verwandlung des subjektiven in
einen objektiven Idealismus auf), Friedrich
Albert Lange als Fortsetzer von Schopenhauers
Kritizismus (er hob die idealistisch-kritizistische
Seite des Schopenhaerischen Systems hervor,
der subjektive Idealismus bleibt stark, folglich
sollte der absolute Pessimismus und der Wille
wegfallen) und Eugen Dühring als Fortsetzer
von Schopenhauers Positivismus interpretiert
(Dühring verschmolz das realistische Element
in Schopenhauer mit dem Materialismus, an
Stelle des Pessimismus sollte der Optimismus
treten). Nach einer gründlichen Untersuchung
der Quellen der frühen Nietzsche-Deutung
findet man auch Belege dafür, dass Nietzsches
typologisiche Naehe zu diesen Richtungen,
unter anderen auch zu Dühring, nicht selten
schon damals klar gesehen wird (ein Beispiel:
Ziegler, 1911).
Bereits im Augenblick der Konstitution seines
Paradigmas des kritizistischen Positivismus
dehnt Nietzsche das Programm dieser Richtungen
entscheidend aus. Diese qualitative Ausdehnung
(etwa der Sprung innerhalb des Sprunges)
besteht bei Nietzsche darin, dass er - gemaess
des bereits in den 50-er und 60-er Jahren
auftauchenden philosophischen Programms des
Nebeneinanders wissenschaftsorientierter
und wertkonstituierter Fragestellungen -
vor allem auf der Linie der moralischen Wertung
die Thematisierung der historischen Identitaet
des Menschen auf einer ökumenisch-gesamtmenschlichen
Ebene thematisch macht. Es gibt keinen zweiten
Vertreter dieser Richtung des kritizistisch
gemachten Positivismus, der - wie Nietzsche
- in expliziter Form ein Programm der "Umwertung
der Werte" angekündigt haette.
Aus all dem folgt, dass Friedrich Nietzsches
Philosophie einerseits eine originelle und
selbstaendige Neuordnung der philosophischen
Wissenschaften und dadurch des gesamten Paradigmas
der Philosophie und andererseits eine neue
Intonation der gesamtmenschlich gedachten
Identitaetsproblematik in sich enthaelt,
die sowohl getrennt als auch in ihrer Einheit
deutliche Alternativen zu den rivalen Ansaetzen
darstellen. Die Einheit dieser beiden Ansaetze,
die ja eben keine systematische Einheit im
traditionellen Sinne sein kann, macht das
spezifisch unsystematische, "offene"
System der Nietzscheschen Philosophie aus.
Die einzelnen kognitiven und gegenstaendlichen
Motive liessen sich waehrend dieser Arbeit
der Analyse in drei Gegenstandssphaeren einordnen:
a) die Erkenntnis (die gegenwaertige Erkenntnis,
die in der Vergangenheit durchgeführte, historisch
gewordene Erkenntnis; b) die (gegenwaertigen
und in der Vergangenheit ihre Existenz gehabten,
historischen Wirklichkeitskomplexe, sowie
c) die (ebenfalls gegenwaertig-aktuellen,
bzw. vergangenen, d.h. historisch gewordenen)
Identitaetskomplexe.
Unserer Rekonstruktion besteht in der Erschliessung
der Relation der einzelnen Komplexe zueinander.
Wir verfolgten auch hierbei das Prinzip,
die zu rekonstruierenden Relationen auf die
Aeusserungen des Denkers selbst zu gründen,
um damit die bei der Formulierung der Schlüsselthesen
so wichtige Textnaehe zu gewaehrleisten.
Auf diesem Wege kamen wir zu einzelnen konkreten
Relationen, die wir mit philosophischen und
nicht-philosophischen Wissenschaften in Korrelation
gebracht haben. Auf diese Weise war auch
unsere Definition über die Neuordnung der
"philosophischen Wissenschaften"
eigentlich zu verstehen gewesen.
Es entstand auf diesem Wege ein Konglomerat
von philosophischen und nicht-philosophischen
Wissenschaften, welches aber als dieses Konglomerat
selber wieder als "philosophisch",
d.h. als Resultat der Neugestaltung der philosophischen
Disziplinen und dadurch des ganzen philosophischen
Paradigmas zu bezeichnen war. Waehrend die
Wirklichkeitskomplexe selbstverstaendlich
ohne eine innere, "ontologische"
Hierarchie existieren, entstand im Laufe
der Analyse der wichtigsten Relationen dieser
Komplexe eine Struktur neugeordneter philosophischer
Wissenschaften.
Im Laufe dieses Verfahrens liessen sich im
philosophisch-szientistischen Universum des
Menschliches-Allzumenschliches die folgenden
Komplexe identifizieren:
(S. die beigelegte Zeichnung - Liebe Uschi,
diese Skizze schicke ich getrennt und Du
musst sie in den Text hineinarbeiten!)
Die Bedeutung der Abkürzungen der Modellzeichnung:
Ek = Die Erkenntnis in der Gegenwart
Ev = Die Erkenntnis in der Vergangenheit
WK = Wirklichkeitskomplex
WKg= Wirklichkeitskomplex in der Gegenwart
WKv= Wirklichkeitskomplex in der Vergangenheit
WKgv=Wirklichkeitskomplex in der Gegenwart
und in der Vergangenheit
Ig = Identitaet in der Gegenwart
Iv = Identitaet in der Vergangenheit
Die hier benannten Komplexe liessen sich
auf dem vorhin umrissenen Wege dann in die
folgenden Relationen einordnen:
1. Relation = Eg - WKg
1a.Relation = Eg - WK gv
2. Relation = Eg - 1. Relation
3. Relation = Eg - 1-2. Relation
4. Relation = Eg - Ev
5. Relation = Eg - WKv
6. Relation = Ev - WKv
7. Relation = Ev - 6. Relation
8. Relation = Eg - 6-7. Relation
9. Relation = Eg - Ig
Die einzelnen festgestellten Relationen entsprechen
in voller Eindeutigkeit den folgenden philosophischen
und/oder nicht-philosophischen Wissenschaften:
Relation 1: methodische wissenschaftliche
Erkenntnis, Normalwissenschaft im Sinne Thomas
S. Kuhns;
Relation 1a: synchrone Erkenntnis, mit einem
aktuellen Gegenstand, Praesentismus auf beiden
Seiten;
Relation 1b: synchrone Erkenntnis eines Gegenstandes
(Wirklichkeitskomplexes), welches gleichzeitig
wesensmaessig sowohl zur Vergangenheit wie
auch zur Gegenwart gehört, dessen Existenzmodus
also "historisch" (auch in der
Gegenwart) ist, praesentische Erkenntnis
von Gegenstaenden, deren spezifische Existenzweise
gleichzeitig praesentistisch und historisch
ist;
Relation 2: kritische Wissenschaftstheorie;
Relation 3: Hermeneutik, Interpretation,
am breitesten verstandene Wissenssoziologie;
Relation 4: positive Wissenschaftsgeschichte;
Relation 5: positive Geschichtswissenschaft;
Relation 6: historische Wissenschaftlichkeit
im allgemeinen;
Relation 7: historische Interpretation, historische
Hermeneutik;
Relation 8: die gegenwaertig-aktuelle Interpretation
der historischen Interpretation, "Metainterpretation",
eine im breiten Sinne des Begriffes verstandene
Soziologie des Wissens;
Relation 9a:Mangel an Diskursivitaet, an
der Möglichkeit systematischer Verkoppelung;
Relation 9b:eine Relation der positiven Wechselwirkung,
die durch praktische Aufklaerung herzustellen
ist.
Will man die so gewonnenen Relationen eingehender
analysieren, so bekommt man das folgende
Bild:
Relation 1 Diese Ausgangsrelation repraesentiert
die Praxis der als normal zu kategorisierenden
Erkenntnis: Die methodisch organisierte aktuelle
Erkenntnis richtet sich auf einen ebenfalls
praesentistisch wahrzunehmenden Gegenstand
und ergibt somit einen synchronen Prozess
der Erkenntnis. Diese Relation befindet sich
in vollem Ausmass innerhalb des Universums
der positivistischen Wissenschaftlichkeit,
aber auch der genuin positivistischen Reflexion
auf die Wissenschaft selber. Sowohl die pure
Existenz wie auch ihre reflexive Beurteilung
dieser Relation hat eine enorme Bedeutung,
da Nietzsche in diesem Rahmen mit einer so
stattlichen Anzahl von kritizistischen, hermeneutischen
und interpretativen Initiativen auf den Plan
tritt, dass dadurch oft der Schein entstehen
kann, dass diese Manifestation gleich einer
meta-szientistischen Einstellung auch schon
sui generis antipositivistisch motiviert
gewesen waere. Jede relevante mögliche und
spaeter auch verwirklichte Relativierung
der Wissenschaft ruht ursprünglich auf wissenschaftlichen
Prinzipien und in dessen Artikulation spielt
die Relation 1 eine hervorragende und glechzeitig
fundamentale Rolle. Die positive Praxis,
die in der Relation 1 aufgehoben ist, beruht
auf weiteren interpretativen Voraussetzungen.
Es bedeutet aber nicht, dass der interpretative
Charakter der positiven Erkenntnis die Dimension
der positiven Wissenschaftlichkeit, d.h.
die Relation 1 obsolet oder gar uferlos machen
würde. Aus diesem Grunde erweist sich die
Relation 1 als eine Interpretation von eigenartigem
Wert, unter anderen weil sich das Kriterium
der intersubjektiven Kontrollierbarkeit auf
sie bezieht (S. etwa Nietzsche, 2/23). Der
neu sich etablierende Kritizismus im Hause
des Positivismus bedeutet nicht die philosophische
Eliminierung der korrekten und intersubjektiv
kontrollierten wissenschaftlichen Erkenntnis
durch den Daemmerzustand einer uferlosen
Hermeneutik. Damit haengt auch Nietzsche's
ausgepraegter Sinn die die Bedeutung wissenschaftlicher
Methodik, bzw. Methodologie zusammen (9/635).
Die Anerkennung der Existenz der Relation
1 erweist sich als entscheidend auch für
alle mögliche Nietzsche-Interpretationen.
Wenn sie - illegitimerweise - aufgelöst oder
eliminiert werden sollte, dürften sich aus
anderen Impulsen der Nietzscheschen Kritik
der Wissenschaft schon neuartige Argumentationen
der Wissenschaftsfeindlichkeit herauslesen
(Deleuze, 1974).
Zwischen der Relationen 1a und 1b erzeugen
die jeweiligen konkreten aktuellen Beschaffenheiten
des zu untersuchenden gegenstaendlichen Wirklichkeitskomplexes
die spezifische Differenz. Die Relation 1b,
die Genealogie, bringt die Dimensionen der
historischen Impulse auch in den Kern der
positivistischen Epistemologie hinein (was
gleichzeitig auch die Möglichkeit eines auf
abstraktem Niveau durchzuführenden und nicht
im Sinne Löwiths verstandenen Vergleichs
zwischen Hegel und Nietzsche erschafft).
Der Wahrheitsbegriff des kritizistischen
Positivismus entspricht also weitgehend dem
Wahrheitsbegriff der kritischen Wissenschaftlichkeit.
Diesen Wahrheitsbegriff wird Nietzsche im
spaeteren differenzieren, allerdings so,
dass die fundamentale Bedeutung der Relation
1 nie zurückgenommen wird.
Die Relation 1a verbindet die aktuelle, gegenwaertige
Erkenntnis mit jenen Wirklichkeitskomplexen,
deren Existenzweise par excellence historisch
ist. Es geht dabei um Gegenstaende, bzw.
Wirklichkeitskomplexe, die zwar auch eine
aktuell-praesentistische Existenzweise aufweisen,
diese praesentistische Existenzweise von
ihnen ist jedoch weder was das sinnvolle
Erkenntnisinteresse noch was die sinnvolle
Erkenntnislogik anlangt, für die Erkenntnis
irrelevant. Waehlt man etwa den "Staat"
oder den "Kapitalismus" zum Gegenstand
der Erkenntnis, so ist es leicht einzusehen,
dass ihre streng genommene aktuell-prasentistische
Dimension keinem sinnvollen Erkenntnisinteresse
entsprechen kann. Es heisst also nicht, dass
es zwei Gegenstandssphaeren geben würde.
Was dabei entscheidet, ist unser Erkenntnisinteresse,
diese Kategorisierung ist also letzlich pragmatisch
bedingt. Es entscheiden also praktische,
wenn nicht pragmatische Gründe, welche Gegenstaende
für die institionalisierte und auch anders
organisierte Wissenschaft in ihrer vollen
historischen und dynamischen Existenzweise
und welche in ihrer "synchronen",
aktuellen Beziehungen erkannt werden sollten.
Die historische Erforschung beispielsweise
des Phaenomens "Wetter" waere gewiss
von etlichem Wert, aus letztlich "pragmatischen"
Gründen ist aber die Erforschung dessen so
gut wie kontingent. Diese unreflektierte
Kategorisierung unter dem Aspekt der Berücksichtigung
oder Nichtberücksichtigung der historischen
Existenzweise eines Gegenstandes ist für
die Neudefinition der philosophischen Wissenschaften
bei Nietzsche von grundsaetzlicher Bedeutung.
Diese Kategorisierung entscheidet, welcher
Gegenstand der Untersuchung in die synchrone,
und welche in die diachrone Sphaere des kritizistischen
Positivismus eingestuft werden muss, deren
legitime und spezifisch philosophische Wissenschaft
eben die Genealogie ist. Nietzsche selber
macht wie bekannt auch selber genealogische
Forschungen und stellt genealogische Konzepte,
manchmal ganze Theorien auf.
Bei der Bestimmung der Relation 2 ist es
entscheidend, dass
solange die Relation 1 und die Relation 1a
den aktuellen Erkenntnisprozess repraesentieren
und ihr Unterschied bloss in der unterschiedlichen
(letztlich doch pragmatisch motivierte) Konstitution
des zu erkennenden Gegenstandes zurückzuführen
sei, in der Relation 2 bereits die erste
explizite reflexive Relation. In dieser reflexiven
Qualitaet bezieht sich Relation 2 selbstverstaendlich
sowohl auf die Relation 1 wie auch auf die
Relation 1a, es genügt uns doch, wenn wir
jetzt ihren Bezug auf Relation 1 untersuchen.
Diese Relation ist auch mit der Relativierung
des Positivismus, mit anderen Worten auch
mit dem Kritizistischwerden desselben gleich,
sie bringt das reine und neue kritizistische
Potential innerhalb des Positivismus zur
Geltung. Dadurch wurde auch der Grundzusammenhang
des kritizistischen Positivismus wiederhergestellt,
den wir am besten als die "durch Wissenschaft
selber relativ gemachte Wissenschaftlichkeit"
definieren würden. Dass diese Art der Relativierung
in höchstem Masse konsequent ist, versteht
sich von selber, denn es war eben die Wissenschaft,
sowohl als Methodik als auch als Institution,
die alle andere Bereiche methodisch und konsequent
relativiert hat. Dass sie auch sich selber
zum Gegenstand der Relativierung gewaehlt
hat, ist deshalb ein Zeichen ihrer Konsequenz.
All dies bedeutet, dass duch Relation 1 und
Relation 2 die Grundtruktur der neuen Philosophie,
der Nietzscheschen Neogestaltung der philosophischen
Wissenschaften bereits in ihrer reifen Form
vor uns steht. Die durch Wissenschaft relativierte
Wissenschaftlichkeit darf deshalb nicht als
eine Überwindung, sondern vielmehr als eine
Verwirklichung, wenn eben nicht als konsequente
Selbstverwirklichung des neuen Paradigmas
des kritizistischen Positivismus angesehen
werden.Aus diesem Grunde ist es nicht legitim
in Nietzsche einen Gegner des Positivismus
zu sehen, seine Kritik an der Wissenschaft
ist eine Ausdehnung des Positivismus über
die bereits erreichten letzten Grenzen hinaus.
Er vereint in dieser Relation die Prinzipien
und Methoden der kritischen Wissenschaftlichkeit
und deren vielschichtige Relativierung. Daher
seine Kraft und seine gleichzeitige Form-
und Gestaltlosigkeit (in seinem inneren Umkreis
werden die beiden Bereiche nicht mehr streng
analytisch auseinandergehalten). Von der
vollzogenen Unifizierung aus gesehen laesst
sich William James negative Einstellung zur
Identitaet des Pragmatismus und des "radikalen
Empirismus" auch verstehen (James, 1925,
18).
Die Relation 3 (auch als die zweite reflexive
Relation) bezieht sich einerseits auf die
2 und andererseits auf die 1 und 1a Relationen.
Sie ist die der im breiten Sinne des Begriffs
verstandenen Wissenssoziologie und gilt als
sprachlich noch kaum genügend geregelte,
in ihrem Inhalt aber geradezu pionierhafte
philosophische Initiative. Sie enthaelt auf
diese Weise die inhaltlichen Aussagen (und
Konsequenzen) sowohl der ersten wie auch
der zweiten Relation. Diese Hermeneutik destruiert
die Geltung der Relation 1 und der Relation
2 nicht. Dadurch wird aber auch eine Wendung
zum philosophischen Pragmatismus durchgeführt.
Nietzsche macht keinen Unterschied mehr zwischen
jenen Relationen, die hier als Gegenstand
der Reflexion erscheinen und jener Relation,
die die Reflexion im engeren Sinne des Wortes
vertritt. Sein Wahrheitsbegriff vertritt
also all diese Schichten als eine Einheit,
womit er sich wieder die Eigenschaften der
intellektuellen Staerke und der analytischen
Undifferenziertheit zuschreibt (über diese
Undifferenziertheiten, s. beispielsweise
Russell, 1946, 845 ff.).
Die Relation 4 ist mit dem Bezug der aktuell-gegenwaertigen
Erkenntnis auf die in der Vergangenheit vollzogenen
Erkenntnis gleich. Es liegt auf der Hand,
dass der Komplex des kritizistischen Positivismus
ein im Prinzip unendliches Ausmass nötig
hat, um seine genealogischen Überlegungen
auszubauen. Die Relation 4 enthaelt einerseits
den positiven Tatsachenbestand der Wissenschaftsgeschichte,
andererseits jedoch - und dies folgt bereits
aus der puren Existenz der Relation 2 und
3 - untersucht er die Konzeptionen der Wissenschaftsgeschichte
schon unter dem Aspekt des Wertes, bzw. der
Wertung. Von der Perspektive des philosophischen
Pragmatismus schaut es wieder erstaunlich
aus. Auch er hat seine eigene Perspektive
für die positive Wissenschaftsgeschichte,
allerdings ebenfalls so, dass er den historischen
Prozess als eine Summa von "pragmatisch"
interpretierten Akten auffasst.
Relation 5 verbindet die gegenwaertige Erkenntnis
mit den Wirklichkeitskomplexen der Vergangenheit
und ist somit mit der Geschichte identisch.
Eine besondere Bedeutung für Nietzsches kritizistischen
Positivismus hat diese Relation nicht, was
aber auf der anderen Seite auch nicht heisst,
dass diese Relation ihren eigenen und relevanten
Stellenwert im neuen System der philosophischen
Wissenschaften nicht haette. Aehnlich gestalten
sich diese Dimensionen in dem philosophischen
Pragmatismus, wobei sowohl die "Geschichte"
wie auch die auf sie gerichteten Perspektiven
mit Selbstverstaendlichkeit mit pragmatischen
Motiven versehen, bzw. ergaenzt werden.
Relation 6 verbindet die in der Vergangenheit
durchgeführte Erkenntnis mit ihrem Gegenstand
ebenfalls in der Vergangenheit und ist somit
am naechsten mit der Wissenschaft der Historiographie
zu identifizieren. Einen direkten uns spezifischen
Bezug zum Gesamtkomplex des kritizistischen
Positivismus hat diese Relation ebenfalls
nicht, ihr Stellenwert ist aber ebenso von
der grössten typologischen und systematischen
Bedeutung. Ein aehnlicher Bezug laesst sich
- mutatis mutandis -im philosophischen Pragmatismus
ausmachen.
Relation 7 ist die Relation, die auf die
in der Vergangenheit durchgeführte Erkenntnis
in der Vergangenheit existierter Gegenstaendlichkeiten
reflektiert. Zu dieser Relation hat Nietzsche
eine erstaunliche Menge eigener Reflexionen
von erstaunlicher Grössenordnung. Auf eine
leicht nachzuvollziehende Weise erweist sich
diese Relation als ein Feld, auf welchem
der philosophische Pragmatismus seine missachtete
Relevanz ausweisen kann. Für unsere heutige
Nomenklatur waere es einer historischen Wissenssoziologie
am naechsten, wobei der spezifische Zug der
waere, dass dabei nicht unsere Seinsgebundenheit
und unser Perspektivismus in den Mittelpunkt
der wissenssoziologischen Reflexion kommen
sollte, sondern die von uns vergegenwaertigte
und rekonstruierte Seinsgebundenheit anderer.
In der Relation 8 bezieht sich die gegenwaertige
Erkenntnis auf die Wissenschaftstheorien
früherer Zeiten. Es versteht sich von selbst,
dass diese Relation auch im Falle des philosophischen
Pragmatismus sehr oft und in durchaus aehnlichen
Absichten favorisiert wird und möglicherweise
als eine spezifische Metawissenschaftstheorie
bezeichnet werden dürfte.
Die Relation 9 umfasst die Relation 9a und
9b. Waehrend die Relation 9a die unüberbrückbare
diskursive Kluft zwischen dem kritizistischen
Positivismus und dem Identitaets-Zentrum,
den Mangel an jeglicher möglichen zwingenden
Verbindung zwischen ihnen deutlich macht,
laesst sich die Relation 9 als Ergebnis einer
bewusst aufklaererischen Praxis, in historischer
Sukzessivitaet praktisch verwirklichen. Da
die gegenwaertige Identitaet (Ig) nicht auf
die Inhalte der gegenwaertigen Erkenntnis
(Eg), sondern auf diejenigen der vorkritischen,
historischen Erkenntnis aufgebaut worden
ist, über einen möglichen philosophischen
Durchgang zwischen Eg und Ig gegenwaertig
nicht die Rede sein. Wie jede Berührung zwischen
der Sphaere der Erkenntnis und derselben
der Identitaet oder der Werte, erweist sich
auch diese im philosophischen Pragmatismus
als überwunden und verschwindet in der allgemeinen
Tendenz der Unifikation der analytischen
und der pragmatischen (so auch der identitaetsmaessigen)
Momenten. Der Pragmatismus verwirklicht auf
einen Schlag, was das Aufklaerungsprogramm
des kritizistischen Empirismus Nietzschescher
Provenienz erst in einem langen historischen
Marsch dachte und forderte verwirklichen
zu können. Waehrend der Weg bei Nietzsche
zur Lösung des Sinn- und Identitaetsproblems
durch eine neue Aufklaerung gehen muss, sagt
William James über die Aussagefaehigkeit
des philosophischen Pragmatismus folgendes:
"...il (le pragmatisme) ne prend parti...pour
aucune solution particuliere. Il n'a pas
de dogmes, de toute sa doctrine se reduit...a
sa methode" (James, 1925, 64).
Bei der Neubestimmung und Neustrukturierung
der philosophischen Wissenschaften bei Friedrich
Nietzsche faellt immer wieder die weitgehend
wichtigste (allerdings überhaupt nicht die
einzige) wirkliche philosophische Innovation
ins Auge. Und diese Innovation ist die Neudefinition
eines Begriffs der Wissenschaftlichkeit,
welche jegliche in der und durch die Wissenschaft
selber erreichte(n) Relativierungsmomente
in sich so aufnehmen kann, dass dadurch die
Grundbestimmungen der Wissenschaftlichkeit
intakt bleiben. Dadurch wird positive Wissenschaftlichkeit
nicht nur nicht moralisch disqualifiziert
oder aber einem uferlosen Hermeneutismus
preisgegeben, sondern - im Gegenteil - sie
wird ungemein verstaerkt und weiteren Legitimierungsmomenten
versehen. So insistiert Nietzsche auf der
Relativitaet der Zeit-Raum-Koordinaten jeder
Erkenntnis, auf der genealogische, bzw. historische
Relativitaet nicht nur der Ergebnisse, sondern
auch der Methodologie der Erkenntnis, auf
der Relativitaet der Begründung der Logik
und der Mathematik, auf der Relativitaet
der Sprache im Vollzug der Erkenntnis, wozu
er noch eine Reihe weiterer Aspekte hinzufügt,
die wir heute eher als Soziologie und Wissenssoziologie
der Erkenntnis bezeichnen würden.
Nietzsche kommt zu einer Neubegründung der
philosophischen Wissenschaften, dergegenüber
jene Versuche, die am ausgezeichnetsten Karl-Otto
Apel in seinem Vortrag am 27. September im
Kongress des Allgemeinen Deutschen Philosophenverband
unternahm, mit der Chance auf Erfolg aufkommen
könnten.
Apel kehrt nicht nur den Gedankengang, sondern
die wahre Logik jeder modernen Kritik der
Metaphysik aus. Bei der Thematisierung der
Möglichkeit einer post-metaphysischen Philosophie
erfasst er die zentrale Linie der philosophischen
Entwicklung als eine Reihe "gescheiterter
Versuche" der bisherigen Metaphysikkritik(en).
Diesem Vorwurf könnte man
demonstrativ Nietzsches soeben dargestellte
Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften
entgegenstellen. Apel schreibt die bisherigen
Kritiken der Metapysik einer "wissenschaftlichen
Weltanschauung" zu. Zwar ist dieser
Sprachgebrauch nicht ganz einwandfrei (er
bringt "Wissenschaft" und "Weltanschauung"
nicht nur auf einen gemeinsamen Nenner, sondern
bildet aus ihnen eine dritte Entitaet), wir
dürfen trotzdem wohl annehmen, dass er hier
einen "Geist" der Wissenschaft
voraussetzt, über dessen Existenz wir uns
gerade bei Nietzsches wissenschaftlich fundierter
Relativierung der wissenschaftlichen Taetigkeit
vergewissern konnten. Die gescheiterten Metaphysikkritiken
seien nach Apel philosophisch reduktiv, waehrend
die Richtung der Reduktionen - ist es ein
Zufall? - szientistisch, naturalistisch oder
sonstwie ontologisch waren. Das Scheitern
der Kritik an der Metaphysik erblickt dann
Apel gerade im postmetaphysischen Pragmatismus,
der in seinen Augen die Maengel aller bisherigen
Kritik an der Metaphysik anschaulich machen
kann. Diesem Pragmatismus schreibt er dessen
Demonstration zu, dass die Wissenschaft ihres
Rollenprimats eingebüsst hat und diesem Pragmatismus
goutiert er, dass er anstatt einer dogmatischen
Begründung philosophisch einen reflexiven
Selbstvollzug praktiziert. Mit anderen Worten
kategorisiert er denselben philosophischen
Pragmatismus als die Überwindung jeglicher
Metaphysikkritik, den wir vorhin als eine
mögliche essentielle Verwirklichung eines
neuen kritizistischen Denkens von Nietzsches
Umgestaltung der philosophischen Wissenschaften
bezeichneten. Es versteht sich von selbst,
dass ein so begründeter Pragmatismus (dessen
wichtige Momente bei Apel ebenfalls vorkommen)
in unseren Augen nicht eine Überwindung,
vielmehr eine legitime Vollendung der bisherigen
Metaphysikritik(en) ist und es nur sein kann.
Ganz besonders charakteristisch ist für die
gebrochene, wenn nicht verzerrte zeitgenössische
Aufnahme von Nietzsches Neugestaltung der
philosophischen Wissenschaften in Wilhelm
Diltheys fulminanter Kritik an ihm. Diese
Kritik zeigt drei schicksalhafte Fehler,
über die wir mit gutem Recht annehmen können,
dass sie den spaeteren Entwicklungsgang der
Philosophie nachhaltig bestimmt haben (die
aber Diltheys zahlreiche philosophische Verdienste
und Errungenschaften auch nicht in jeder
Hinsicht entscheidend in Zweifel ziehen können).
Erstens greift Dilthey Nietzsches praesentistische
philosophische Orientierung an, die er aber
nicht als konsequente theoretische Stellungnahme,
sondern auch eine Art persönlich motivierter
Verzerrung, wenn nicht eben Perversion einstellt:
"Nietzsche steht als ein schreckendes
Beispiel dafür da, wohin das Brüten des Einzelgeistes
über sich selbst führt (!), welcher das Wesenhafte
in sich selbst erfassen möchte. Er sagte
der Geschichte ab, vielleicht im Überdruss
an der Grenzenlosigkeit des kritischen Details,
ohne welches sie doch nicht Wissenschaft
ist. Nichts spricht entschiedener die subjektive
und mit sich selbst beschaeftigte Art dieses
Geistes aus, als dass er, in verehrender
Naehe zu dem ihm so weit überlegenen (!)
Jakob Burckhardt, ihn doch im Kern nicht
verstand: von Basel aus schrieb seine Absage
an die Historie..." (Dilthey, 1959,
528-529.) Zweitens wird in seiner Darstellung
auch deutlich, dass er nicht so sehr an den
durchgreifenden philosophischen Praesentismus
von Nietzsches zweiter Periode denkt (die
wir in diesem Versuch als Neugestaltung der
philosophischen Wissenschaften zu beschreiben
suchten), sondern er ist bei der antihistorischen
Einstellung des jungen Nietzsche stehen geblieben:
"Vor allem glaubte er abstrahieren zu
müssen, was diese Geschichte und die Gemeinschaft
an ihm getan; er zog das wie Haeute nacheinander
ab; den Kern, das, was den Menschen konstituiert,
glaubte er denn in immer neuer Qual des Brütens
über sich selbst packen zu können, wie einst
auch Rousseau sich vorgesetzt hatte, hinter
dem historischen den natürlichen Menschen
aufzufinden. Und dies Brüten über den eigenen
Kern, diese immer erneute Selbstbeobachtung,
was fand sie? Eben das, was den heutigen
historischen Stand unseres Wirtschaftslebens,
unserer Gesellschaft charakterisiert: das
'Gefaehrliche Leben', die rücksichtslose
Entfaltung der eigenen Kraft (!); bloss diesen
Übermenschen hatte ihm die Historie von Euripides
bis zur Renaissance in die Seele gegraben;
die grossen Züge seiner Zeit sprachen von
ihm; die Entwicklungslehre schien mitleidlos
diese Herrschaft des Lebensmaechtigen zu
lehren: so fand er ihn in sich, wie er auch
ganz andere Grundzüge haette in sich finden
und zum Ideal gestalten können. Und aus ihm
machte er sein abstraktes Schema des Menschen,
sein abstraktes leeres Ideal. Wer mag sagen,
welchen Anteil dieses innerlich zerstörende
Unternehmen an der Zerrüttung seines Geistes
oder des Geistes von Rousseau hatte!"
(Dilthey, 1959. 530.) Drittens
erweist sich wohl als die folgenschwerste
Konsequenz, dass in dieser auf die erste
Periode fixierten Darstellung von Nietzsches
Praesentismus Dilthey nicht seine eigenen
frühen Versuche wiredererkennt, in denen
er eine praesentistisch-positivistische Methodologie
für die Geisteswissenschaften ausarbeiten
wollte! In einer methodologisch nicht mehr
strengen Auffassung der Geschichte und Geschichtlichkeit
löst Nietzsches Praesentismus in ihm eine
leidenschaftliche Ablehnung aus, indem er
in Nietzsches Praesentismus nicht mehr seine
eigene bahnbrechende Jugendidee wiedererkennt!
Dies zeigt auch - und dies kann unser vierter
Gesichtspunkt werden - wie methodologisch
unscharf zur Zeit dieser Kritik seine philosophischen
Bestimmungen von Geschichte und Geschichtlichkeit
ausfallen: "Das, was der menschliche
Geist sei, kann nur das geschichtliche Bewusstsein
an dem, was er gelebt und hervorgebracht
hat, zur Erkenntnis bringen, und dieses geschichtliche
Selbstbewusstsein des Geistes kann uns allein
ermöglichen, ein wissenschaftliches und systematisches
Denken über den Menschen allmaehlich zu erarbeiten...Was
der Mensch sei, sagt nur die Geschichte.
Der wissenschaftliche Geist laesst daher
seine Mittel zu leben und zu arbeiten hinter
sich zurück, wenn er solche Erleichterung
seines historischen Gepaeckes vornimmt; dies
Aufgeben des historischen Forschens ist Verzicht
auf die Erkenntnis des Menschen, sie ist
der Rückzug von der Erkenntnis auf geniale,
fragmentarisch sich aeussernde Subjektivitaet"
(Dilthey, 1959, 532). Wilhelm Diltheys letzter
Satz erweist sich der reifen Form der Nietzscheschen
Umgestaltung der philosophischen Wissenschaften
gegenüber als unwahr. Einerseits kann er
Praesentismus (im Gegensatz auch zu seiner
eigenen Jugend!) nur als Subjektivismus denken.
Und andererseits sieht er nicht, wie eine
neue Sichtweise auf die Geschichte gerade
der makellos praesentistischen Einstellung
entwachsen kann. Es geht um die Genealogie,
die in unserer Rekonstruktion der Nietzscheschen
Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften
entsprechend zu ihren Rechten kam.
Nietzsches soeben rekonstruierte Neugestaltung
der philosophischen Wissenschaften laesst
sich auch als eine unter den neuen Rahmenbedingungen
der Philosophie und der Wissenschaft durchgeführte
Vereinigung vom (philosophisch-wissenschaftlichen)
Positivismus und (philosophischem) Kritizismus
benennen. Diese neue Möglichkeit des Philosophierens
war in ihrer Zeit so revolutionierend, was
wir unt er den heutigen Bedingungen vermutlich
nie mehr ganz adaequat nachvollziehen können.
Bezeichnend dafür ist es, dass derselbe Vaihinger,
der den Entwicklungsweg der Philosophie damals
so brilliant verstanden hat, eine philosophische
Typologie aufstellt, in welcher zwar der
"Idealismus" "kritizistisch",
aber der "Realismus" oder der "Materialismus"
eben nicht kritizistisch werden kann. Die
Relevanz dieses Beispiels überhaupt für die
blosse Denkbarkeit dieses neuen Paradigmas
(das wir als "Neugestaltung" der
philosophischen Wissenschaften in diesem
Versuch rekonstruierten) ist kaum genügend
hoch zu schaetzen. Hier wiederholte sich,
was in Friedrich Albert Langes Neuformulierung
des philosophischen Kritizismus einmal schon
so aktual und folgensschwer thematisch wurde.
Das Problem der Relation von Kritizismus
und Realismus (Materialismus) wurde gestellt.
Waehrend die unmittelbare Rezeption Langes
es (auf sichtbare Weise auch gegen die eigenen
Intentionen des Denkers) dies als eine unaufhebbare
Notwendigkeit erlebte, zwischen Kritizismus
und Materialismus waehlen zu müssen, verwirklichte
Nietzsche, diese beiden Paradigmen auf eine
kohaerente Weise miteinander zu vereinen.
Noch Höffding (1905 ,550), indem er Dührings
früheren Beitrag zur "Verwirklichung"
einer Bezeiehung zwischen kritizistischer
Philosophie und Positivismus rühmend erwaehnt,
meint hinzuzufügen zu müssen, dass die beiden
Richtungen nicht nur in Dühring, sondern
auch in der gesamten philosophischen Entwicklung
heftig gegeneinander gekaempft haben. In
diesem Vergleich erscheint Riehl geradezu
als eine Ausnahme, indem er den Kritizismus
der siebziger Jahre als die Zerstörung der
transzendenten Philosophie und die Begründung
der positiven Philosophie nennt (Riehl, 1867-79,
I. III.). In diesem Zusammenhang gewinnt
die Einsicht des jungen Dühring ebenfalls
eine eigenartige Bedeutung, womit er
in diesem Kontext der Relationierung des
Kritizismus und des Positivismus das unter
anderen auch in Schopenhauer fleischwerdende
Bündnis zwischen Kritizismus und Idealismus
als ein Produkt der "Verzerrung"
der Zeit nach 1848 apostrophiert. Er geht
ferner auch auf einige weitere feine historische
und wissenssoziologische Dimensionen dieser
philosophischen Entwicklung ein, indem er
beispielsweise wichtige politische Schwerpunktsverschiebungen
mit den Kraefteverhaeltnissen zwischen Bismarck
und dem Liberalismus in Beziehung bringt
und auf einen von ihm selber verfassten und
an Bismarck eingereichten Entwurf mit Nachdruck
hinweist (Dühring, 1903, 122 und 125.)
Ein in diesen Auseinandersetzungen zwischen
philosophischem Kritizismus und philosophisch-wissenschaftlichem
Positivismus
Gestalt annehmendes weiteres relevantes Problem
ist die Dühringsche Unterscheidung zwischen
praktischem und theoretischem Idealismus.
Die Bedeutung dieser Trennung ist mit der
von Nietzsche auf der höchsten Ebene durchgeführten
Synthese des Kritizismus und dem Positivismus
zu vergleichen. Die Scheidung von dem theoretischen
vom praktischen Idealismus erwies sich wie
das Durchschneiden des Gordischen Knotens
in zahlreichen einzelnen philosophischen
Fragestellungen. Von der einen Seite ermöglichte
sie es, "idealistische" Attitüden
auch auf der Basis von positivistischen,
szientistischen und sogar auch kritizistischen
Einsichten verwirklichen zu können. Die eigenartige
Struktur eines ganzheitlichen kritizistischen
Positivismus, die wir vorhin in unserer Rekonstruktion
nachzuweisen suchten, ermöglicht diese Zweiteilung
auf eine geradezu phaenomenale Weise, indem
er neben das szientistisch-kritizistische
Zentrum das identitaets- und wertorientierte
Zentrum aufbaut. Von der anderen Seite aus
realisiert dieses Nebeneinander eine historisch
bestehende Gleichzeitigkeit zwischen szientistisch-kritizistischer
Methodik und "idealistischem" persönlichem
Engagement. Und letztlich
durchbricht dieses Nebeneinander einen jahrhundertealten
Schein, wonach Leitmotive des praktischen
Handelns doktrinal von den Endergebnissen
von philosophisch-metaphyschen Untersuchungen
abgeleitet werden müssten. Dieser Schein
hat sich in dieser Zeit bereits verjaehrt,
allein die spezifische strukturelle Konstellation
der Religion habe ihn am Leben erhalten.
Nicht die wirkliche Verbindung zwischen spekulativem
Endergebnis und praktischer Handlungsanleitung
bestimmte diese Einstellung, sondern das
spezifische Bedürfnis der Religion, von neuen
wissenschaftlichen Einsichten nicht beeintraechtigt
zu werden. Die bei Nietzsche zu ihrer reifen
Form kommende Trennung von praktischem und
theoretischem Idealismus macht diesem Schein
ein nachhaltiges philosophisches Ende.
Der spezifisch "wirklichkeitsphilosophische"
Charakter der Nietzscheschen Neugestaltung
der philosophischen Wissenschaften kommt
in einer Denkfigur Dührings, die dann auch
beim Nietzsche sich stets wiederkehren wird,
ganz besonders klar zur Geltung: "Bestimmen
wir den theoretischen Idealismus als eine
Ansicht, welche den gemeinen Begriff von
dem. was im höchsten Sinne wirklich sei,
nicht anerkennt..." (Dühring, 1865,
l98). Dieser Gedanke manifestiert diejenige
tiefste Velleitaet des kritizistischen Positivismus,
die von den als richtig eingeschaetzten Voraussetzungen
ausgehend direkt um letzte Aussagen über
das Was und das Dass der Wirklichkeit macht
und im Negativen, in der Kritik anderer Richtungen
ebenfalls die in diesem Fall "falsche",
"inadaequate" Beschaffenheit der
"Wirklichkeit" polemisch thematisiert.
Die so entstehende Neugestaltung der philosophischen
Wissenschaften ergibt eine Art "Einheitswissenschaft"
ganz in dem Sinne, wie die spaeteren Spielarten
der positivistischen Einheitswissenschaften
es waren. Die Kohaerenz und die Homogenitaet
dieses Konzeptes ist die verdoppelte, wenn
nicht eben potenzierte Folge des Positivismus
und des Kritizismus. Diese Qualitaeten sprechen
dem Wesen nach nicht gegen die These der
Existenz von zwei systematisch oder diskursiv
voneinander unabhaengigen Zentren dieses
Konzeptes, denn der einheitswissenschaftliche
Charakter durchdringt das szientistisch-kritizistische
Zentrum, waehrend sich das identitaets- und
wertorientierte Zentrum gegenüber diesem
ganzen anderen Bereich als Produkt der menschlichen
Freiheit und der historischen Identitaet
frei konstituieren kann. Zur Vorgeschichte
dieser ersten einheitswissenschaftlichen
Konzeption gehört auch Dührings folgende
These, die als eine Vorstufe dieser Einsicht
interpretiert werden kann: "Wer überhaupt
die Kraft des einheitlichen Denkens bewahrt,
muss für seine Gesamtanschauung irgend einen
Schwerpunkt finden und kann es nicht bei
vagen Möglichkeitsideen bewenden lassen"
(Dühring, 1865, 202.). Ein spezifischer Zug
der Nietzscheschen Neukonstitution der philosophischen
Wissenschaften ist es, dass bei ihm eine
explizite und eindeutige Formulierung des
einheitswissenschaftlichen Charakters des
neuen philosophischen Ansatzes fehlt. Dies
könnten wir mit gutem Grund als einen der
Ursachen dessen anführen, warum die Erkenntnis
von Nietzsches philosophischer Bedeutung
so lange ausbleiben konnte. Voll und ganz
kommt aber derjenige Zug in Nietzsches eigenem
kritizistischen Positivismus zur Geltung,
die mit der vollkommenen Transformation der
Bewusstseinsproblematik identisch ist und
die Dühring auf folgende Weise antizipiert:
"Nun ist in der Tat die Beziehung des
Systems der Dinge auf ein Subjekt als Centrum
eine unvermeidliche Consequenz des einheitlich
zusammenfassenden Denkens. Dieses Centrum
braucht aber keineswegs die Form eines anschaulichen
Bewusstseins zu haben. Das Subjekt, auf welches
die Einheit des Systems der Dinge bezogen
wird, ist Nichts als das Correlat der einheitlichen
Funktion im Denken. Dieser reine Gedanke
der Einheit des Seins schliesst nun gar keine
Bestimmung der Anschauung in sich und kann
daher den Schwerpunkt der Weltbetrachtung
bilden, ohne für oder wider den Idealismus
irgend Etwas festzusetzen" (Dühring,
1865, 203). Die beiden hier thematisierten
Leitideen (das Subjekt nimmt an den erkennenden
Prozessen teil, ohne dass die Philosophie
auf der Jagd nach einem einheitlichen Bewusstsein
haette sich aufhalten müssen, sowie dass
die Integration der Philosophie nicht mehr
in einer Gesamtanschauung der Welt, vielmehr
- wie wir es dargelegt haben - in einer (Neu)Konstitution
der philosophischen (philosophisch relevanten)
Wissenschaften bestehen muss) rühren auf
eine ganz exakte Weise von jener Verschiebung
der Rahmenbedingungen, die mit den neuen
strukturellen Positionen der Wissenschaft
zutiefst zusammenhingen. Die hierin angeführten
beiden wesentlichsten Neuansaetze sind es
aber ferner auch, die Nietzsche in einer
beispiellos kreativen, vielschichtigen und
ausführlichen Weise in den Mittelpunkt seines
kritizistischen Positivismus stellt.
Über die Dimension des spezifisch "wirklichkeitsphilosophischen"
des Nietzscheschen kritizistischen Positivismus,
d.h. von seiner Neugestaltung der philosophischen
Wissenschaften haben wir bereits Erwaehnung
getan. So laesst sich bereits aussagen, dass
diese neue Philosophie auf eine wesenseigene
Weise antihistorisch, d.h. praesentistisch
ist. Uns scheint, dass die möglichen Verbindungen
und die tatsaechliche Koexistenz der einzelnen
historischen Perspektiven mit diesem genuin
praesentistischen Ausgangspunkt in unserer
Rekonstruktion der Nietzscheschen Neukonstitution
der philosophischen Wissenschaften ausführlich,
wenn auch nicht erschöpfend aufgezeigt worden
sind. Um in die wahre Bedeutung dieser Tatsache
einzusehen, muss man sich das Ausmass des
auch politisch und sozial motivierten Kampfes
zwischen "Geschichte" und "Gegenwart"
heute noch vergegenwaertigen können. Die
Vorherrschaft der Geschichte über der Gegenwart
beherrschte das Gesamtleben der Zeit. Zwischen
Geschichte und Gegenwart bestand also ein
wahrhaft gigantischer Kampf, ein Kampf, dessen
Dimensionen und Omnipotenz heute noch weitgehend
unerschlossen sind. Geschichte und Gegenwart
kaempften gegeneinander in der Legitimation
politischer Kraefte, bei der Begründung von
politischen Aspirationen, sie kaempften gegeneinander
für die Besetzung der Inhalte des Alltagsbewusstseins,
der Bildung, der höheren Kultur. Soziale
Klassen und Schichten identifizierten und
kategorisierten sich auf der Grundlage, ob
sie die Prioritaet der Geschichte oder der
Gegenwart gaben. Die Feststellung also, dass
die Wirklichkeitsphilosophie für die Gegenwart
(oder wie man es damals oft ausgedrückt hat:
die die "Interessen" der Gegenwart)
Stellung nimmt, die Gegenwart artikuliert
und auf eine aktuelle, jedoch kontextabhaengige
Weise sogar auch bewusst anti-historisch
eingestellt ist, trifft den Kern der grössten
geistig-politischen Auseinandersetzung der
Zeit überhaupt.
Es ist aus diesem Grunde alles andere als
ein Wunder, dass die drei allerwesentlichsten
Bestimmungen des wirklichkeitsphilosophisch
eingestellten kritizistischen Positivismus
eine logisch-systematische Beziehung zu der
vorhin erörterten praesentistischen Einstellung
aufweisen.
Dieser Praesentismus hat einen wesentlichen
Anteil sowohl an der bewussten und konsequenten
antimetaphyschen Einstellung der Wirklichkeitsphilosophie,
indem, etwas verallgemeinert gesagt, die
theoretische "Diesseitigkeit des Hier
und Jetzt" gegen die jeweils verschiedentlich
und durch andere konkrete Inhalte artikulierte
"Jenseitigkeit" der verschiedenen
metaphysischen Ansaetze ins Feld geführt
wird.
Auch der zweite, leitende Charakterzug des
wirklichkeitsphilosophisch eingestellten
kritizistischen Positivismus, seine entscheidende
Differenz im Verhaeltnis zu der früheren
Hauptlinie des Positivismus, weist eine genuin
gegenwartsbezogene, praesentistische Dimension
auf. Im Gegensatz zu den früheren Spielarten
des Positivismus baut sich dieser neue Ansatz
nicht so sehr auf ein neues szientistisches
Weltbild, wie viel eher auf einen qualitativ
neuen Stand der aktuellen Beweisbarkeit der
wichtigsten wissenschaftlichen Thesen, bzw.
Gesetze.
Letztlich spielt die angesprochene gegenwartsbezogene
Einstellung auch bei der Konstitution der
dritten führenden Eigenschaft des wirklichkeitsphilosophisch
eingestellten kritizistischen Positivismus
eine betraechtliche Rolle, und zwar bei seiner
Einstellung dem damals ebenfalls neu entstehenden
philosophischen Kritizismus gegenüber. Dieser
kritizistische Positivismus ist überhaupt
nicht dogmatisch, sie nimmt jeglichen kritizistischen
Ansatz problemlos und seinen eigenen inneren
Neigungen voll entsprechend auf. Er ist aber
gegen eine solche Auffassung des Kritizismus,
der die Umrisse der gegenstaendlichen oder
der szientistischen Sphaere relativistisch
auflösen wollte oder möchte. Der Kritizismus,
wie wir darüber vorhin als ein Produkt der
Rekonstruktion von Nietzsches Texten eine
ausführliche Auflistung angeführt haben,
manifestiert sich in diesem Konzept am ausführlichsten.
Dies führt aber nicht zu einem Relativismus,
weil der Gang der wissenschaftlichen Erkenntnis
vor allem durch konventionalistische und
konsensualistische Operationen voll gesichert
wird.
Der spezifisch kritizistisch-positivistische
Ansatz, die Gegenstaende der Untersuchung,
bzw. der Analyse als Komplexe aufzufassen,
führt in dieser Philosophie zu einer staendigen
Neukonstituierung auch der philosophischen
Kategorisierung. Es wird stets bewusst, dass
die philosophische Objektivation, im Rahmen
derer der Gegenstand aktuell gesehen wird,
keine absolute, vielmehr eine relative, darüber
hinaus aber auch eine perspektivistische
ist. In diesem Tatbestand liegt der Grund
dessen, dass dass philosophische Denkens
eine unaufhörliche perspektivistische Neubestimmung
des Gegenstandes ist, die aber auch wegen
des erwaehnten einheitswissenschaftlichen
Charakters auf die gleiche Weise vor sich
gehen muss. Georg Simmel formuliert diesen
auch die Philosophie Nietzsches so weitgehenden
praegenden Zug so: "Die übliche Aufteilung
unserer objektiven Schaetzungsnormen in logische,
ethische und aesthetische ist, auf unser
wirkliches Urteilen hin angesehen, ganz unvollstaendig"
(Simmel, 1989, 534).
Friedrich Engels schrieb eine ausführliche
polemische Schrift gegen Eugen Dühring. Über
dieses Werk dürfte man annehmen, dass sie
auch gegen den kritizistischen Positivismus
und somit indirekt auch gegen die Nietzschesche
Umgestaltung der philosophischen Wissenschaften
gerichtet ist. Dies ist aber nicht unbedingt
der Fall. Denn Engels formuliert auch den
folgenden Satz: "Jedenfalls war es unverzeihlich
von Goethe, den Immoralisten Faust und nicht
Wagner, den ernsthaften Wirklichkeitsphilosophen
(!) zu seinem Helden gemacht zu haben"
(Engels, 1949, 4.). Aufgrund dieser Analogie
kann unsere Vermutung kaum unterdrückt werden,
vielleicht wusste der Verfasser dieser Schrift
nicht, was "Wirklichkeitsphilosophie"
sei.
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