Die Neukonstitution der philosophischen Wissenschaften in Friedrich Nietzsches mittlerer Periode

Endre Kiss, Budapest

Indem wir über eine Neukonstitution der philosophischen Wissenschaften sprechen, müssen wir diesen Begriff im engeren Sinne des Wortes verstehen. Diese Neukonstituierung im Rahmen des kritizistisch werdenden Positivismus ist naemlich der Endpunkt einer immanenten, von historischen, politischen und sozialen Erschütterungen jedoch durchaus stark gepraegten Entwicklung, welche mit der Auflösung und Verdraengung der Hegelschen Philosophie ihren Anfang nahm (die ins Einzelne gehenden philosophiehistorischen Analysen s. unter anderen Kiss, 1988, 1991).


Diese Neukonstitution gilt als Essenz der gesamten mittleren Schaffensperiode Friedrich Nietzsches und somit auch des kritizistisch werdenden Positivismus, eine Essenz, die Nietzsche selber durchaus zutreffend als Aussagen "Von den Ersten und Letzten Dingen" im Ersten Hauptstück des Menschliches, Allzumenschliches betitelt. Diese Schaffensperiode Nietzsches, auch als eine selbstaendige Richtung des kritizistischen Positivismus,entwuchs der durchaus vielschichtigen philosophischen Entwicklung der 50-er und 60-er Jahre, unter den heute kaum mehr bekannten Relationen der philosophischen Possibilitaet und Plausibilitaet in einem völlig neuen gedanklichen Raum, für welchen unter anderen bereits das zumindest damals als unwiederbringlich erscheinende Vergessen der Hegelschen Philosophie charakteristisch war. Für uns gilt diese Konzeption, nicht zuletzt wegen ihrer erfolgreich durchgeführten Neukonstituierung der philosophischen Wissenschaften, als die bedeutendste und universellste neue Philosophie des neuen philosophischen Universums. Diese Philosophie ist nicht nur aus dem Grunde grundsaetzlich neu, weil sie viele neue Positionen aufweist, sondern auch deshalb, weil sie in jeder ihrer Komponenten den neuen Konflikten einer neuen Gesellschaft, sowie einem neuen Stand der Beweisbarkeit wissenschaftlicher Schlüsselthesen entwachsen ist. Sie ist somit im wahren Sinne des Wortes grundsaetzlich neu, auch weil Nietzsche nicht ohne Vorarbeiten arbeitet und im wesentlichen saemtliche neue Herausforderungen dieser historischen und philosophischen Situation wahrnimmt (obwohl diese Tatsache wegen des Mangels an einer explizit gemachten und paradigmatisch vollstaendigen Sozial- und politischen Philosophie Nietzsches nicht entsprechend transparent werden dürfte).

Die einander gegenseitig bekaempfenden zeitgenössischen philosophischen Richtungen sind aber trotz ihrer vorwaertsweisenden fundamentalen Positionen von der reifen Form der Nietzscheschen Philosophie durch qualitative Differenzen entfernt. Dies widerspricht der Tatsache überhaupt nicht, dass Nietzsche ausschliesslich nur im Kontext der 50er und 60er Jahre verstanden werden kann. Auf ein Wort Karl Löwiths hinspielend bedeutet all dies, dass es in der wirklichen Geschichte kein Weg "von Hegel zu Nietzsche" führte, die real existierende Entwicklung führt anstatt dessen von Hegel in ein philosophisches Vakuum, von wo dann aus dem gegenseitigen Kampf aller gegen alle anderen Richtungen die Philosophie Friedrich Nietzsches hervorgeht. Der reale Ablauf der Rezeptionsgeschichte von Nietzsches Philosophie macht diesen klaren Zusammenhang zugestandermassen deutlich trübe, aus der historischen Distanz zeichnet sich aber dieser genealogische Weg in aller Transparenz ab.

Die qualitative Differenz zugunsten Nietzsche und gegenüber allen möglichen Alternativen ergibt sich unter anderen aus dem Umstand, dass Nietzsche in diese Diskussion mit elementarer Kraft die Wertsetzungen, Einstellungen und Evidenzvorstellungen jener deutschen klassischen Philosophie mitbringt (bzw. in vielen Faellen "wiederentdeckt" oder aktualisiert), die Wilhelm Windelband "aesthetisch-philosophisches Bildungssystem" (Windelband, 1909) genannt hat, die die spezifisch Nietzscheschen Kombination von kritischer Wissenschaftlichkeit und gleichzeitig "ökumenischer", m.a.W. gesamtmenschlicher Fragestellung ausmacht. Nicht irrelevant ist jedoch in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass Nietzsche es zuwege bringt, in seiner Jugend sich intensiv mit allen drei wichtigsten neuen und gleichzeitig epochalen philosophischen Richtungen grundsaetzlich auseinanderzusetzen, die die spaetere Entwicklung wie vollstaendig gepraegt haben. Ausser der lange Zeit geradezu allein und exzessiv (auch von ihm selber!) überbewerteten Schopenhauer reflektiert er in einem einheitlichen Zuge den in jener Zeit neu entstehenden Neukantianismus eines Friedrich Albrecht Lange, sowie den damals sehr modernen Positivismus eines Eugen Dühring.

In dieser Beleuchtung erscheint die philosophische Konzeption des Menschliches-Allzumenschliches nicht nur als auf eine resolute Weise neuartig kohaerent, sondern darüber hinaus auch als "zeitgemaess" und "aktuell", die von den wesentlichsten historischen, sozialen und wissenschaftlichen Zeitwenden wie unmittelbar vorbereitet und eingeleitet worden ist.

Wir kennen schon an der Jahrhundertwende Persönlichkeiten, die sich des wahren genealogischen Weges dieser Philosophie im klaren waren. Unter ihnen gilt die Relation Max Webers zu Nietzsche als eine, die immer noch nicht genügend erschlossen ist. Ernst Troeltsch schrieb kein bedeutenderes selbstaendiges Werk über Nietzsche, in Georg Simmels Philosophie des Geldes gibt es unvergleichlich mehr nietzscheanische Impulse als in seinen sich thematisch unmittelbar um Nietzsche kreisenden Arbeiten. Das Nachdenken Nietzsches, eigentlich: das Denken nach Nietzsche erweist sich bei Max Scheler als noch enigmatischer, indem er den Kampf gegen (auch Nietzsches) kritizistischen Positivismus bewusst aufnimmt, waehrend er auf das Tiefste ins Wesen dieser Denkweise hineinschaut und die Ergebnisse dieser Einsicht für sich selber in extremer Bewusstheit produktiv zu machen sucht. Vaihinger's Nietzsche-Bild (Vaihinger, 1902) ist auf seine Art wieder ein singulaeres Phaenomen. Er artikuliert vielleicht auf das Deutlichste die wahren Dimensionen des kritizistischen Szientismus Nietzsches, waehrend er die zeitgenössischen (und höchst inadaequaten!) "politischen" und "soziologischen" Fehlinterpretationen Nietzsches nicht scharf genug durchschauen und entlarven kann. Er ist vielleicht das erste grosse Beispiel dafür, wie politische Fehlinterpretationen auch solche Denker Nietzsche entfremden können, die seine (Nietzsches - E.K.) tiefsten philosophischen Innovationen ansonsten klar und erstaunlich problemos verstehen könnten. Dadurch wird Vaihingers Nietzsche-Deutung ebenfalls bald vergessen und zieht auch seine produktiven interpretatorischen Ansaetze mit in diese Vergessenheit herunter.

Der qualitative Sprung Nietzsches (nicht nur im systematischen Sinne, sondern auch im historischen Vergleich der Philosophen der 50-er und 60-er Jahre) besteht in seiner einmalig optimalen Vereinigung von Positivismus und philosophischem Kritizismus unter den neuen Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Erkenntnis und der methodischen Forschung. Bereits der Dühring der 60-er Jahre hat einen aehnlichen Versuch gemacht, ebenfalls bekannt sind die aehnlichen Anstrengungen des Nietzsche-Zeitgenossen Ernst Mach aber auch diejenigen anderer Denker dieser Zeit.

Einen für unseren Gedankengang besonders wichtigen Versuch stellt ein kaum vorstellbar frühes, weil voll und ganz gleichzeitiges Werk Vaihingers dar (Vaihinger, 1876), in dem er die Entfaltung der Philosophie nach 1848 in der sich voneinander trennenden, selbstaendig werdenden Realisierung der in Schopenhauer noch (zwar auch bei ihm schon ohne jeglichen Zweifel eklektisch) koexistierenden Tendenzen erblickt. Hier erscheint Eduard von Hartmann als Fortsetzer der idealistischen Metaphysik Schopenhauers (er verstaerkte die idealistisch-dogmatische Seite des Systems und löste die so entstehenden Widersprüche durch die Verwandlung des subjektiven in einen objektiven Idealismus auf), Friedrich Albert Lange als Fortsetzer von Schopenhauers Kritizismus (er hob die idealistisch-kritizistische Seite des Schopenhaerischen Systems hervor, der subjektive Idealismus bleibt stark, folglich sollte der absolute Pessimismus und der Wille wegfallen) und Eugen Dühring als Fortsetzer von Schopenhauers Positivismus interpretiert (Dühring verschmolz das realistische Element in Schopenhauer mit dem Materialismus, an Stelle des Pessimismus sollte der Optimismus treten). Nach einer gründlichen Untersuchung der Quellen der frühen Nietzsche-Deutung findet man auch Belege dafür, dass Nietzsches typologisiche Naehe zu diesen Richtungen, unter anderen auch zu Dühring, nicht selten schon damals klar gesehen wird (ein Beispiel: Ziegler, 1911).

Bereits im Augenblick der Konstitution seines Paradigmas des kritizistischen Positivismus dehnt Nietzsche das Programm dieser Richtungen entscheidend aus. Diese qualitative Ausdehnung (etwa der Sprung innerhalb des Sprunges) besteht bei Nietzsche darin, dass er - gemaess des bereits in den 50-er und 60-er Jahren auftauchenden philosophischen Programms des Nebeneinanders wissenschaftsorientierter und wertkonstituierter Fragestellungen - vor allem auf der Linie der moralischen Wertung die Thematisierung der historischen Identitaet des Menschen auf einer ökumenisch-gesamtmenschlichen Ebene thematisch macht. Es gibt keinen zweiten Vertreter dieser Richtung des kritizistisch gemachten Positivismus, der - wie Nietzsche - in expliziter Form ein Programm der "Umwertung der Werte" angekündigt haette.

Aus all dem folgt, dass Friedrich Nietzsches Philosophie einerseits eine originelle und selbstaendige Neuordnung der philosophischen Wissenschaften und dadurch des gesamten Paradigmas der Philosophie und andererseits eine neue Intonation der gesamtmenschlich gedachten Identitaetsproblematik in sich enthaelt, die sowohl getrennt als auch in ihrer Einheit deutliche Alternativen zu den rivalen Ansaetzen darstellen. Die Einheit dieser beiden Ansaetze, die ja eben keine systematische Einheit im traditionellen Sinne sein kann, macht das spezifisch unsystematische, "offene" System der Nietzscheschen Philosophie aus.

Die einzelnen kognitiven und gegenstaendlichen Motive liessen sich waehrend dieser Arbeit der Analyse in drei Gegenstandssphaeren einordnen: a) die Erkenntnis (die gegenwaertige Erkenntnis, die in der Vergangenheit durchgeführte, historisch gewordene Erkenntnis; b) die (gegenwaertigen und in der Vergangenheit ihre Existenz gehabten, historischen Wirklichkeitskomplexe, sowie c) die (ebenfalls gegenwaertig-aktuellen, bzw. vergangenen, d.h. historisch gewordenen) Identitaetskomplexe.

Unserer Rekonstruktion besteht in der Erschliessung der Relation der einzelnen Komplexe zueinander. Wir verfolgten auch hierbei das Prinzip, die zu rekonstruierenden Relationen auf die Aeusserungen des Denkers selbst zu gründen, um damit die bei der Formulierung der Schlüsselthesen so wichtige Textnaehe zu gewaehrleisten. Auf diesem Wege kamen wir zu einzelnen konkreten Relationen, die wir mit philosophischen und nicht-philosophischen Wissenschaften in Korrelation gebracht haben. Auf diese Weise war auch unsere Definition über die Neuordnung der "philosophischen Wissenschaften" eigentlich zu verstehen gewesen.

Es entstand auf diesem Wege ein Konglomerat von philosophischen und nicht-philosophischen Wissenschaften, welches aber als dieses Konglomerat selber wieder als "philosophisch", d.h. als Resultat der Neugestaltung der philosophischen Disziplinen und dadurch des ganzen philosophischen Paradigmas zu bezeichnen war. Waehrend die Wirklichkeitskomplexe selbstverstaendlich ohne eine innere, "ontologische" Hierarchie existieren, entstand im Laufe der Analyse der wichtigsten Relationen dieser Komplexe eine Struktur neugeordneter philosophischer Wissenschaften.

Im Laufe dieses Verfahrens liessen sich im philosophisch-szientistischen Universum des Menschliches-Allzumenschliches die folgenden Komplexe identifizieren:

(S. die beigelegte Zeichnung - Liebe Uschi, diese Skizze schicke ich getrennt und Du musst sie in den Text hineinarbeiten!)

Die Bedeutung der Abkürzungen der Modellzeichnung:

Ek = Die Erkenntnis in der Gegenwart
Ev = Die Erkenntnis in der Vergangenheit
WK = Wirklichkeitskomplex
WKg= Wirklichkeitskomplex in der Gegenwart
WKv= Wirklichkeitskomplex in der Vergangenheit
WKgv=Wirklichkeitskomplex in der Gegenwart und in der Vergangenheit
Ig = Identitaet in der Gegenwart
Iv = Identitaet in der Vergangenheit


Die hier benannten Komplexe liessen sich auf dem vorhin umrissenen Wege dann in die folgenden Relationen einordnen:

1. Relation = Eg - WKg
1a.Relation = Eg - WK gv
2. Relation = Eg - 1. Relation
3. Relation = Eg - 1-2. Relation
4. Relation = Eg - Ev
5. Relation = Eg - WKv
6. Relation = Ev - WKv
7. Relation = Ev - 6. Relation
8. Relation = Eg - 6-7. Relation
9. Relation = Eg - Ig

Die einzelnen festgestellten Relationen entsprechen in voller Eindeutigkeit den folgenden philosophischen und/oder nicht-philosophischen Wissenschaften:

Relation 1: methodische wissenschaftliche Erkenntnis, Normalwissenschaft im Sinne Thomas S. Kuhns;
Relation 1a: synchrone Erkenntnis, mit einem aktuellen Gegenstand, Praesentismus auf beiden Seiten;
Relation 1b: synchrone Erkenntnis eines Gegenstandes (Wirklichkeitskomplexes), welches gleichzeitig wesensmaessig sowohl zur Vergangenheit wie auch zur Gegenwart gehört, dessen Existenzmodus also "historisch" (auch in der Gegenwart) ist, praesentische Erkenntnis von Gegenstaenden, deren spezifische Existenzweise gleichzeitig praesentistisch und historisch ist;
Relation 2: kritische Wissenschaftstheorie;
Relation 3: Hermeneutik, Interpretation, am breitesten verstandene Wissenssoziologie;
Relation 4: positive Wissenschaftsgeschichte;
Relation 5: positive Geschichtswissenschaft;
Relation 6: historische Wissenschaftlichkeit im allgemeinen;
Relation 7: historische Interpretation, historische Hermeneutik;
Relation 8: die gegenwaertig-aktuelle Interpretation der historischen Interpretation, "Metainterpretation", eine im breiten Sinne des Begriffes verstandene Soziologie des Wissens;
Relation 9a:Mangel an Diskursivitaet, an der Möglichkeit systematischer Verkoppelung;
Relation 9b:eine Relation der positiven Wechselwirkung, die durch praktische Aufklaerung herzustellen ist.

Will man die so gewonnenen Relationen eingehender analysieren, so bekommt man das folgende Bild:

Relation 1 Diese Ausgangsrelation repraesentiert die Praxis der als normal zu kategorisierenden Erkenntnis: Die methodisch organisierte aktuelle Erkenntnis richtet sich auf einen ebenfalls praesentistisch wahrzunehmenden Gegenstand und ergibt somit einen synchronen Prozess der Erkenntnis. Diese Relation befindet sich in vollem Ausmass innerhalb des Universums der positivistischen Wissenschaftlichkeit, aber auch der genuin positivistischen Reflexion auf die Wissenschaft selber. Sowohl die pure Existenz wie auch ihre reflexive Beurteilung dieser Relation hat eine enorme Bedeutung, da Nietzsche in diesem Rahmen mit einer so stattlichen Anzahl von kritizistischen, hermeneutischen und interpretativen Initiativen auf den Plan tritt, dass dadurch oft der Schein entstehen kann, dass diese Manifestation gleich einer meta-szientistischen Einstellung auch schon sui generis antipositivistisch motiviert gewesen waere. Jede relevante mögliche und spaeter auch verwirklichte Relativierung der Wissenschaft ruht ursprünglich auf wissenschaftlichen Prinzipien und in dessen Artikulation spielt die Relation 1 eine hervorragende und glechzeitig fundamentale Rolle. Die positive Praxis, die in der Relation 1 aufgehoben ist, beruht auf weiteren interpretativen Voraussetzungen. Es bedeutet aber nicht, dass der interpretative Charakter der positiven Erkenntnis die Dimension der positiven Wissenschaftlichkeit, d.h. die Relation 1 obsolet oder gar uferlos machen würde. Aus diesem Grunde erweist sich die Relation 1 als eine Interpretation von eigenartigem Wert, unter anderen weil sich das Kriterium der intersubjektiven Kontrollierbarkeit auf sie bezieht (S. etwa Nietzsche, 2/23). Der neu sich etablierende Kritizismus im Hause des Positivismus bedeutet nicht die philosophische Eliminierung der korrekten und intersubjektiv kontrollierten wissenschaftlichen Erkenntnis durch den Daemmerzustand einer uferlosen Hermeneutik. Damit haengt auch Nietzsche's ausgepraegter Sinn die die Bedeutung wissenschaftlicher Methodik, bzw. Methodologie zusammen (9/635). Die Anerkennung der Existenz der Relation 1 erweist sich als entscheidend auch für alle mögliche Nietzsche-Interpretationen. Wenn sie - illegitimerweise - aufgelöst oder eliminiert werden sollte, dürften sich aus anderen Impulsen der Nietzscheschen Kritik der Wissenschaft schon neuartige Argumentationen der Wissenschaftsfeindlichkeit herauslesen (Deleuze, 1974).
Zwischen der Relationen 1a und 1b erzeugen die jeweiligen konkreten aktuellen Beschaffenheiten des zu untersuchenden gegenstaendlichen Wirklichkeitskomplexes die spezifische Differenz. Die Relation 1b, die Genealogie, bringt die Dimensionen der historischen Impulse auch in den Kern der positivistischen Epistemologie hinein (was gleichzeitig auch die Möglichkeit eines auf abstraktem Niveau durchzuführenden und nicht im Sinne Löwiths verstandenen Vergleichs zwischen Hegel und Nietzsche erschafft). Der Wahrheitsbegriff des kritizistischen Positivismus entspricht also weitgehend dem Wahrheitsbegriff der kritischen Wissenschaftlichkeit. Diesen Wahrheitsbegriff wird Nietzsche im spaeteren differenzieren, allerdings so, dass die fundamentale Bedeutung der Relation 1 nie zurückgenommen wird.

Die Relation 1a verbindet die aktuelle, gegenwaertige Erkenntnis mit jenen Wirklichkeitskomplexen, deren Existenzweise par excellence historisch ist. Es geht dabei um Gegenstaende, bzw. Wirklichkeitskomplexe, die zwar auch eine aktuell-praesentistische Existenzweise aufweisen, diese praesentistische Existenzweise von ihnen ist jedoch weder was das sinnvolle Erkenntnisinteresse noch was die sinnvolle Erkenntnislogik anlangt, für die Erkenntnis irrelevant. Waehlt man etwa den "Staat" oder den "Kapitalismus" zum Gegenstand der Erkenntnis, so ist es leicht einzusehen, dass ihre streng genommene aktuell-prasentistische Dimension keinem sinnvollen Erkenntnisinteresse entsprechen kann. Es heisst also nicht, dass es zwei Gegenstandssphaeren geben würde. Was dabei entscheidet, ist unser Erkenntnisinteresse, diese Kategorisierung ist also letzlich pragmatisch bedingt. Es entscheiden also praktische, wenn nicht pragmatische Gründe, welche Gegenstaende für die institionalisierte und auch anders organisierte Wissenschaft in ihrer vollen historischen und dynamischen Existenzweise und welche in ihrer "synchronen", aktuellen Beziehungen erkannt werden sollten. Die historische Erforschung beispielsweise des Phaenomens "Wetter" waere gewiss von etlichem Wert, aus letztlich "pragmatischen" Gründen ist aber die Erforschung dessen so gut wie kontingent. Diese unreflektierte Kategorisierung unter dem Aspekt der Berücksichtigung oder Nichtberücksichtigung der historischen Existenzweise eines Gegenstandes ist für die Neudefinition der philosophischen Wissenschaften bei Nietzsche von grundsaetzlicher Bedeutung. Diese Kategorisierung entscheidet, welcher Gegenstand der Untersuchung in die synchrone, und welche in die diachrone Sphaere des kritizistischen Positivismus eingestuft werden muss, deren legitime und spezifisch philosophische Wissenschaft eben die Genealogie ist. Nietzsche selber macht wie bekannt auch selber genealogische Forschungen und stellt genealogische Konzepte, manchmal ganze Theorien auf.

Bei der Bestimmung der Relation 2 ist es entscheidend, dass
solange die Relation 1 und die Relation 1a den aktuellen Erkenntnisprozess repraesentieren und ihr Unterschied bloss in der unterschiedlichen (letztlich doch pragmatisch motivierte) Konstitution des zu erkennenden Gegenstandes zurückzuführen sei, in der Relation 2 bereits die erste explizite reflexive Relation. In dieser reflexiven Qualitaet bezieht sich Relation 2 selbstverstaendlich sowohl auf die Relation 1 wie auch auf die Relation 1a, es genügt uns doch, wenn wir jetzt ihren Bezug auf Relation 1 untersuchen. Diese Relation ist auch mit der Relativierung des Positivismus, mit anderen Worten auch mit dem Kritizistischwerden desselben gleich, sie bringt das reine und neue kritizistische Potential innerhalb des Positivismus zur Geltung. Dadurch wurde auch der Grundzusammenhang des kritizistischen Positivismus wiederhergestellt, den wir am besten als die "durch Wissenschaft selber relativ gemachte Wissenschaftlichkeit" definieren würden. Dass diese Art der Relativierung in höchstem Masse konsequent ist, versteht sich von selber, denn es war eben die Wissenschaft, sowohl als Methodik als auch als Institution, die alle andere Bereiche methodisch und konsequent relativiert hat. Dass sie auch sich selber zum Gegenstand der Relativierung gewaehlt hat, ist deshalb ein Zeichen ihrer Konsequenz.

All dies bedeutet, dass duch Relation 1 und Relation 2 die Grundtruktur der neuen Philosophie, der Nietzscheschen Neogestaltung der philosophischen Wissenschaften bereits in ihrer reifen Form vor uns steht. Die durch Wissenschaft relativierte Wissenschaftlichkeit darf deshalb nicht als eine Überwindung, sondern vielmehr als eine Verwirklichung, wenn eben nicht als konsequente Selbstverwirklichung des neuen Paradigmas des kritizistischen Positivismus angesehen werden.Aus diesem Grunde ist es nicht legitim in Nietzsche einen Gegner des Positivismus zu sehen, seine Kritik an der Wissenschaft ist eine Ausdehnung des Positivismus über die bereits erreichten letzten Grenzen hinaus. Er vereint in dieser Relation die Prinzipien und Methoden der kritischen Wissenschaftlichkeit und deren vielschichtige Relativierung. Daher seine Kraft und seine gleichzeitige Form- und Gestaltlosigkeit (in seinem inneren Umkreis werden die beiden Bereiche nicht mehr streng analytisch auseinandergehalten). Von der vollzogenen Unifizierung aus gesehen laesst sich William James negative Einstellung zur Identitaet des Pragmatismus und des "radikalen Empirismus" auch verstehen (James, 1925, 18).

Die Relation 3 (auch als die zweite reflexive Relation) bezieht sich einerseits auf die 2 und andererseits auf die 1 und 1a Relationen. Sie ist die der im breiten Sinne des Begriffs verstandenen Wissenssoziologie und gilt als sprachlich noch kaum genügend geregelte, in ihrem Inhalt aber geradezu pionierhafte philosophische Initiative. Sie enthaelt auf diese Weise die inhaltlichen Aussagen (und Konsequenzen) sowohl der ersten wie auch der zweiten Relation. Diese Hermeneutik destruiert die Geltung der Relation 1 und der Relation 2 nicht. Dadurch wird aber auch eine Wendung zum philosophischen Pragmatismus durchgeführt. Nietzsche macht keinen Unterschied mehr zwischen jenen Relationen, die hier als Gegenstand der Reflexion erscheinen und jener Relation, die die Reflexion im engeren Sinne des Wortes vertritt. Sein Wahrheitsbegriff vertritt also all diese Schichten als eine Einheit, womit er sich wieder die Eigenschaften der intellektuellen Staerke und der analytischen Undifferenziertheit zuschreibt (über diese Undifferenziertheiten, s. beispielsweise Russell, 1946, 845 ff.).

Die Relation 4 ist mit dem Bezug der aktuell-gegenwaertigen Erkenntnis auf die in der Vergangenheit vollzogenen Erkenntnis gleich. Es liegt auf der Hand, dass der Komplex des kritizistischen Positivismus ein im Prinzip unendliches Ausmass nötig hat, um seine genealogischen Überlegungen auszubauen. Die Relation 4 enthaelt einerseits den positiven Tatsachenbestand der Wissenschaftsgeschichte, andererseits jedoch - und dies folgt bereits aus der puren Existenz der Relation 2 und 3 - untersucht er die Konzeptionen der Wissenschaftsgeschichte schon unter dem Aspekt des Wertes, bzw. der Wertung. Von der Perspektive des philosophischen Pragmatismus schaut es wieder erstaunlich aus. Auch er hat seine eigene Perspektive für die positive Wissenschaftsgeschichte, allerdings ebenfalls so, dass er den historischen Prozess als eine Summa von "pragmatisch" interpretierten Akten auffasst.

Relation 5 verbindet die gegenwaertige Erkenntnis mit den Wirklichkeitskomplexen der Vergangenheit und ist somit mit der Geschichte identisch. Eine besondere Bedeutung für Nietzsches kritizistischen Positivismus hat diese Relation nicht, was aber auf der anderen Seite auch nicht heisst, dass diese Relation ihren eigenen und relevanten Stellenwert im neuen System der philosophischen Wissenschaften nicht haette. Aehnlich gestalten sich diese Dimensionen in dem philosophischen Pragmatismus, wobei sowohl die "Geschichte" wie auch die auf sie gerichteten Perspektiven mit Selbstverstaendlichkeit mit pragmatischen Motiven versehen, bzw. ergaenzt werden.

Relation 6 verbindet die in der Vergangenheit durchgeführte Erkenntnis mit ihrem Gegenstand ebenfalls in der Vergangenheit und ist somit am naechsten mit der Wissenschaft der Historiographie zu identifizieren. Einen direkten uns spezifischen Bezug zum Gesamtkomplex des kritizistischen Positivismus hat diese Relation ebenfalls nicht, ihr Stellenwert ist aber ebenso von der grössten typologischen und systematischen Bedeutung. Ein aehnlicher Bezug laesst sich - mutatis mutandis -im philosophischen Pragmatismus ausmachen.

Relation 7 ist die Relation, die auf die in der Vergangenheit durchgeführte Erkenntnis in der Vergangenheit existierter Gegenstaendlichkeiten reflektiert. Zu dieser Relation hat Nietzsche eine erstaunliche Menge eigener Reflexionen von erstaunlicher Grössenordnung. Auf eine leicht nachzuvollziehende Weise erweist sich diese Relation als ein Feld, auf welchem der philosophische Pragmatismus seine missachtete Relevanz ausweisen kann. Für unsere heutige Nomenklatur waere es einer historischen Wissenssoziologie am naechsten, wobei der spezifische Zug der waere, dass dabei nicht unsere Seinsgebundenheit und unser Perspektivismus in den Mittelpunkt der wissenssoziologischen Reflexion kommen sollte, sondern die von uns vergegenwaertigte und rekonstruierte Seinsgebundenheit anderer.

In der Relation 8 bezieht sich die gegenwaertige Erkenntnis auf die Wissenschaftstheorien früherer Zeiten. Es versteht sich von selbst, dass diese Relation auch im Falle des philosophischen Pragmatismus sehr oft und in durchaus aehnlichen Absichten favorisiert wird und möglicherweise als eine spezifische Metawissenschaftstheorie bezeichnet werden dürfte.

Die Relation 9 umfasst die Relation 9a und 9b. Waehrend die Relation 9a die unüberbrückbare diskursive Kluft zwischen dem kritizistischen Positivismus und dem Identitaets-Zentrum, den Mangel an jeglicher möglichen zwingenden Verbindung zwischen ihnen deutlich macht, laesst sich die Relation 9 als Ergebnis einer bewusst aufklaererischen Praxis, in historischer Sukzessivitaet praktisch verwirklichen. Da die gegenwaertige Identitaet (Ig) nicht auf die Inhalte der gegenwaertigen Erkenntnis (Eg), sondern auf diejenigen der vorkritischen, historischen Erkenntnis aufgebaut worden ist, über einen möglichen philosophischen Durchgang zwischen Eg und Ig gegenwaertig nicht die Rede sein. Wie jede Berührung zwischen der Sphaere der Erkenntnis und derselben der Identitaet oder der Werte, erweist sich auch diese im philosophischen Pragmatismus als überwunden und verschwindet in der allgemeinen Tendenz der Unifikation der analytischen und der pragmatischen (so auch der identitaetsmaessigen) Momenten. Der Pragmatismus verwirklicht auf einen Schlag, was das Aufklaerungsprogramm des kritizistischen Empirismus Nietzschescher Provenienz erst in einem langen historischen Marsch dachte und forderte verwirklichen zu können. Waehrend der Weg bei Nietzsche zur Lösung des Sinn- und Identitaetsproblems durch eine neue Aufklaerung gehen muss, sagt William James über die Aussagefaehigkeit des philosophischen Pragmatismus folgendes: "...il (le pragmatisme) ne prend parti...pour aucune solution particuliere. Il n'a pas de dogmes, de toute sa doctrine se reduit...a sa methode" (James, 1925, 64).

Bei der Neubestimmung und Neustrukturierung der philosophischen Wissenschaften bei Friedrich Nietzsche faellt immer wieder die weitgehend wichtigste (allerdings überhaupt nicht die einzige) wirkliche philosophische Innovation ins Auge. Und diese Innovation ist die Neudefinition eines Begriffs der Wissenschaftlichkeit, welche jegliche in der und durch die Wissenschaft selber erreichte(n) Relativierungsmomente in sich so aufnehmen kann, dass dadurch die Grundbestimmungen der Wissenschaftlichkeit intakt bleiben. Dadurch wird positive Wissenschaftlichkeit nicht nur nicht moralisch disqualifiziert oder aber einem uferlosen Hermeneutismus preisgegeben, sondern - im Gegenteil - sie wird ungemein verstaerkt und weiteren Legitimierungsmomenten versehen. So insistiert Nietzsche auf der Relativitaet der Zeit-Raum-Koordinaten jeder Erkenntnis, auf der genealogische, bzw. historische Relativitaet nicht nur der Ergebnisse, sondern auch der Methodologie der Erkenntnis, auf der Relativitaet der Begründung der Logik und der Mathematik, auf der Relativitaet der Sprache im Vollzug der Erkenntnis, wozu er noch eine Reihe weiterer Aspekte hinzufügt, die wir heute eher als Soziologie und Wissenssoziologie der Erkenntnis bezeichnen würden.

Nietzsche kommt zu einer Neubegründung der philosophischen Wissenschaften, dergegenüber jene Versuche, die am ausgezeichnetsten Karl-Otto Apel in seinem Vortrag am 27. September im Kongress des Allgemeinen Deutschen Philosophenverband unternahm, mit der Chance auf Erfolg aufkommen könnten.

Apel kehrt nicht nur den Gedankengang, sondern die wahre Logik jeder modernen Kritik der Metaphysik aus. Bei der Thematisierung der Möglichkeit einer post-metaphysischen Philosophie erfasst er die zentrale Linie der philosophischen Entwicklung als eine Reihe "gescheiterter Versuche" der bisherigen Metaphysikkritik(en). Diesem Vorwurf könnte man
demonstrativ Nietzsches soeben dargestellte Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften entgegenstellen. Apel schreibt die bisherigen Kritiken der Metapysik einer "wissenschaftlichen Weltanschauung" zu. Zwar ist dieser Sprachgebrauch nicht ganz einwandfrei (er bringt "Wissenschaft" und "Weltanschauung" nicht nur auf einen gemeinsamen Nenner, sondern bildet aus ihnen eine dritte Entitaet), wir dürfen trotzdem wohl annehmen, dass er hier einen "Geist" der Wissenschaft voraussetzt, über dessen Existenz wir uns gerade bei Nietzsches wissenschaftlich fundierter Relativierung der wissenschaftlichen Taetigkeit vergewissern konnten. Die gescheiterten Metaphysikkritiken seien nach Apel philosophisch reduktiv, waehrend die Richtung der Reduktionen - ist es ein Zufall? - szientistisch, naturalistisch oder sonstwie ontologisch waren. Das Scheitern der Kritik an der Metaphysik erblickt dann Apel gerade im postmetaphysischen Pragmatismus, der in seinen Augen die Maengel aller bisherigen Kritik an der Metaphysik anschaulich machen kann. Diesem Pragmatismus schreibt er dessen Demonstration zu, dass die Wissenschaft ihres Rollenprimats eingebüsst hat und diesem Pragmatismus goutiert er, dass er anstatt einer dogmatischen Begründung philosophisch einen reflexiven Selbstvollzug praktiziert. Mit anderen Worten kategorisiert er denselben philosophischen Pragmatismus als die Überwindung jeglicher Metaphysikkritik, den wir vorhin als eine mögliche essentielle Verwirklichung eines neuen kritizistischen Denkens von Nietzsches Umgestaltung der philosophischen Wissenschaften bezeichneten. Es versteht sich von selbst, dass ein so begründeter Pragmatismus (dessen wichtige Momente bei Apel ebenfalls vorkommen) in unseren Augen nicht eine Überwindung, vielmehr eine legitime Vollendung der bisherigen Metaphysikritik(en) ist und es nur sein kann.

Ganz besonders charakteristisch ist für die gebrochene, wenn nicht verzerrte zeitgenössische Aufnahme von Nietzsches Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften in Wilhelm Diltheys fulminanter Kritik an ihm. Diese Kritik zeigt drei schicksalhafte Fehler, über die wir mit gutem Recht annehmen können, dass sie den spaeteren Entwicklungsgang der Philosophie nachhaltig bestimmt haben (die aber Diltheys zahlreiche philosophische Verdienste und Errungenschaften auch nicht in jeder Hinsicht entscheidend in Zweifel ziehen können). Erstens greift Dilthey Nietzsches praesentistische philosophische Orientierung an, die er aber nicht als konsequente theoretische Stellungnahme, sondern auch eine Art persönlich motivierter Verzerrung, wenn nicht eben Perversion einstellt: "Nietzsche steht als ein schreckendes Beispiel dafür da, wohin das Brüten des Einzelgeistes über sich selbst führt (!), welcher das Wesenhafte in sich selbst erfassen möchte. Er sagte der Geschichte ab, vielleicht im Überdruss an der Grenzenlosigkeit des kritischen Details, ohne welches sie doch nicht Wissenschaft ist. Nichts spricht entschiedener die subjektive und mit sich selbst beschaeftigte Art dieses Geistes aus, als dass er, in verehrender Naehe zu dem ihm so weit überlegenen (!) Jakob Burckhardt, ihn doch im Kern nicht verstand: von Basel aus schrieb seine Absage an die Historie..." (Dilthey, 1959, 528-529.) Zweitens wird in seiner Darstellung auch deutlich, dass er nicht so sehr an den durchgreifenden philosophischen Praesentismus von Nietzsches zweiter Periode denkt (die wir in diesem Versuch als Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften zu beschreiben suchten), sondern er ist bei der antihistorischen Einstellung des jungen Nietzsche stehen geblieben: "Vor allem glaubte er abstrahieren zu müssen, was diese Geschichte und die Gemeinschaft an ihm getan; er zog das wie Haeute nacheinander ab; den Kern, das, was den Menschen konstituiert, glaubte er denn in immer neuer Qual des Brütens über sich selbst packen zu können, wie einst auch Rousseau sich vorgesetzt hatte, hinter dem historischen den natürlichen Menschen aufzufinden. Und dies Brüten über den eigenen Kern, diese immer erneute Selbstbeobachtung, was fand sie? Eben das, was den heutigen historischen Stand unseres Wirtschaftslebens, unserer Gesellschaft charakterisiert: das 'Gefaehrliche Leben', die rücksichtslose Entfaltung der eigenen Kraft (!); bloss diesen Übermenschen hatte ihm die Historie von Euripides bis zur Renaissance in die Seele gegraben; die grossen Züge seiner Zeit sprachen von ihm; die Entwicklungslehre schien mitleidlos diese Herrschaft des Lebensmaechtigen zu lehren: so fand er ihn in sich, wie er auch ganz andere Grundzüge haette in sich finden und zum Ideal gestalten können. Und aus ihm machte er sein abstraktes Schema des Menschen, sein abstraktes leeres Ideal. Wer mag sagen, welchen Anteil dieses innerlich zerstörende Unternehmen an der Zerrüttung seines Geistes oder des Geistes von Rousseau hatte!" (Dilthey, 1959. 530.) Drittens
erweist sich wohl als die folgenschwerste Konsequenz, dass in dieser auf die erste Periode fixierten Darstellung von Nietzsches Praesentismus Dilthey nicht seine eigenen frühen Versuche wiredererkennt, in denen er eine praesentistisch-positivistische Methodologie für die Geisteswissenschaften ausarbeiten wollte! In einer methodologisch nicht mehr strengen Auffassung der Geschichte und Geschichtlichkeit löst Nietzsches Praesentismus in ihm eine leidenschaftliche Ablehnung aus, indem er in Nietzsches Praesentismus nicht mehr seine eigene bahnbrechende Jugendidee wiedererkennt! Dies zeigt auch - und dies kann unser vierter Gesichtspunkt werden - wie methodologisch unscharf zur Zeit dieser Kritik seine philosophischen Bestimmungen von Geschichte und Geschichtlichkeit ausfallen: "Das, was der menschliche Geist sei, kann nur das geschichtliche Bewusstsein an dem, was er gelebt und hervorgebracht hat, zur Erkenntnis bringen, und dieses geschichtliche Selbstbewusstsein des Geistes kann uns allein ermöglichen, ein wissenschaftliches und systematisches Denken über den Menschen allmaehlich zu erarbeiten...Was der Mensch sei, sagt nur die Geschichte. Der wissenschaftliche Geist laesst daher seine Mittel zu leben und zu arbeiten hinter sich zurück, wenn er solche Erleichterung seines historischen Gepaeckes vornimmt; dies Aufgeben des historischen Forschens ist Verzicht auf die Erkenntnis des Menschen, sie ist der Rückzug von der Erkenntnis auf geniale, fragmentarisch sich aeussernde Subjektivitaet" (Dilthey, 1959, 532). Wilhelm Diltheys letzter Satz erweist sich der reifen Form der Nietzscheschen Umgestaltung der philosophischen Wissenschaften gegenüber als unwahr. Einerseits kann er Praesentismus (im Gegensatz auch zu seiner eigenen Jugend!) nur als Subjektivismus denken. Und andererseits sieht er nicht, wie eine neue Sichtweise auf die Geschichte gerade der makellos praesentistischen Einstellung entwachsen kann. Es geht um die Genealogie, die in unserer Rekonstruktion der Nietzscheschen Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften entsprechend zu ihren Rechten kam.

Nietzsches soeben rekonstruierte Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften laesst sich auch als eine unter den neuen Rahmenbedingungen der Philosophie und der Wissenschaft durchgeführte Vereinigung vom (philosophisch-wissenschaftlichen) Positivismus und (philosophischem) Kritizismus benennen. Diese neue Möglichkeit des Philosophierens war in ihrer Zeit so revolutionierend, was wir unt er den heutigen Bedingungen vermutlich nie mehr ganz adaequat nachvollziehen können.

Bezeichnend dafür ist es, dass derselbe Vaihinger, der den Entwicklungsweg der Philosophie damals so brilliant verstanden hat, eine philosophische Typologie aufstellt, in welcher zwar der "Idealismus" "kritizistisch", aber der "Realismus" oder der "Materialismus" eben nicht kritizistisch werden kann. Die Relevanz dieses Beispiels überhaupt für die blosse Denkbarkeit dieses neuen Paradigmas (das wir als "Neugestaltung" der philosophischen Wissenschaften in diesem Versuch rekonstruierten) ist kaum genügend hoch zu schaetzen. Hier wiederholte sich, was in Friedrich Albert Langes Neuformulierung des philosophischen Kritizismus einmal schon so aktual und folgensschwer thematisch wurde. Das Problem der Relation von Kritizismus und Realismus (Materialismus) wurde gestellt. Waehrend die unmittelbare Rezeption Langes es (auf sichtbare Weise auch gegen die eigenen Intentionen des Denkers) dies als eine unaufhebbare Notwendigkeit erlebte, zwischen Kritizismus und Materialismus waehlen zu müssen, verwirklichte Nietzsche, diese beiden Paradigmen auf eine kohaerente Weise miteinander zu vereinen. Noch Höffding (1905 ,550), indem er Dührings früheren Beitrag zur "Verwirklichung" einer Bezeiehung zwischen kritizistischer Philosophie und Positivismus rühmend erwaehnt, meint hinzuzufügen zu müssen, dass die beiden Richtungen nicht nur in Dühring, sondern auch in der gesamten philosophischen Entwicklung heftig gegeneinander gekaempft haben. In diesem Vergleich erscheint Riehl geradezu als eine Ausnahme, indem er den Kritizismus der siebziger Jahre als die Zerstörung der transzendenten Philosophie und die Begründung der positiven Philosophie nennt (Riehl, 1867-79, I. III.). In diesem Zusammenhang gewinnt die Einsicht des jungen Dühring ebenfalls eine eigenartige Bedeutung, womit er
in diesem Kontext der Relationierung des Kritizismus und des Positivismus das unter anderen auch in Schopenhauer fleischwerdende Bündnis zwischen Kritizismus und Idealismus
als ein Produkt der "Verzerrung" der Zeit nach 1848 apostrophiert. Er geht ferner auch auf einige weitere feine historische und wissenssoziologische Dimensionen dieser philosophischen Entwicklung ein, indem er beispielsweise wichtige politische Schwerpunktsverschiebungen mit den Kraefteverhaeltnissen zwischen Bismarck und dem Liberalismus in Beziehung bringt und auf einen von ihm selber verfassten und an Bismarck eingereichten Entwurf mit Nachdruck hinweist (Dühring, 1903, 122 und 125.)

Ein in diesen Auseinandersetzungen zwischen philosophischem Kritizismus und philosophisch-wissenschaftlichem Positivismus
Gestalt annehmendes weiteres relevantes Problem ist die Dühringsche Unterscheidung zwischen praktischem und theoretischem Idealismus. Die Bedeutung dieser Trennung ist mit der von Nietzsche auf der höchsten Ebene durchgeführten Synthese des Kritizismus und dem Positivismus zu vergleichen. Die Scheidung von dem theoretischen vom praktischen Idealismus erwies sich wie das Durchschneiden des Gordischen Knotens in zahlreichen einzelnen philosophischen Fragestellungen. Von der einen Seite ermöglichte sie es, "idealistische" Attitüden auch auf der Basis von positivistischen, szientistischen und sogar auch kritizistischen Einsichten verwirklichen zu können. Die eigenartige Struktur eines ganzheitlichen kritizistischen Positivismus, die wir vorhin in unserer Rekonstruktion nachzuweisen suchten, ermöglicht diese Zweiteilung auf eine geradezu phaenomenale Weise, indem er neben das szientistisch-kritizistische Zentrum das identitaets- und wertorientierte Zentrum aufbaut. Von der anderen Seite aus realisiert dieses Nebeneinander eine historisch bestehende Gleichzeitigkeit zwischen szientistisch-kritizistischer Methodik und "idealistischem" persönlichem Engagement. Und letztlich
durchbricht dieses Nebeneinander einen jahrhundertealten Schein, wonach Leitmotive des praktischen Handelns doktrinal von den Endergebnissen von philosophisch-metaphyschen Untersuchungen abgeleitet werden müssten. Dieser Schein hat sich in dieser Zeit bereits verjaehrt, allein die spezifische strukturelle Konstellation der Religion habe ihn am Leben erhalten. Nicht die wirkliche Verbindung zwischen spekulativem Endergebnis und praktischer Handlungsanleitung bestimmte diese Einstellung, sondern das spezifische Bedürfnis der Religion, von neuen wissenschaftlichen Einsichten nicht beeintraechtigt zu werden. Die bei Nietzsche zu ihrer reifen Form kommende Trennung von praktischem und theoretischem Idealismus macht diesem Schein ein nachhaltiges philosophisches Ende.

Der spezifisch "wirklichkeitsphilosophische" Charakter der Nietzscheschen Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften kommt in einer Denkfigur Dührings, die dann auch beim Nietzsche sich stets wiederkehren wird, ganz besonders klar zur Geltung: "Bestimmen wir den theoretischen Idealismus als eine Ansicht, welche den gemeinen Begriff von dem. was im höchsten Sinne wirklich sei, nicht anerkennt..." (Dühring, 1865, l98). Dieser Gedanke manifestiert diejenige tiefste Velleitaet des kritizistischen Positivismus, die von den als richtig eingeschaetzten Voraussetzungen ausgehend direkt um letzte Aussagen über das Was und das Dass der Wirklichkeit macht und im Negativen, in der Kritik anderer Richtungen ebenfalls die in diesem Fall "falsche", "inadaequate" Beschaffenheit der "Wirklichkeit" polemisch thematisiert.

Die so entstehende Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften ergibt eine Art "Einheitswissenschaft" ganz in dem Sinne, wie die spaeteren Spielarten der positivistischen Einheitswissenschaften es waren. Die Kohaerenz und die Homogenitaet dieses Konzeptes ist die verdoppelte, wenn nicht eben potenzierte Folge des Positivismus und des Kritizismus. Diese Qualitaeten sprechen dem Wesen nach nicht gegen die These der Existenz von zwei systematisch oder diskursiv voneinander unabhaengigen Zentren dieses Konzeptes, denn der einheitswissenschaftliche Charakter durchdringt das szientistisch-kritizistische Zentrum, waehrend sich das identitaets- und wertorientierte Zentrum gegenüber diesem ganzen anderen Bereich als Produkt der menschlichen Freiheit und der historischen Identitaet frei konstituieren kann. Zur Vorgeschichte dieser ersten einheitswissenschaftlichen Konzeption gehört auch Dührings folgende These, die als eine Vorstufe dieser Einsicht interpretiert werden kann: "Wer überhaupt die Kraft des einheitlichen Denkens bewahrt, muss für seine Gesamtanschauung irgend einen Schwerpunkt finden und kann es nicht bei vagen Möglichkeitsideen bewenden lassen" (Dühring, 1865, 202.). Ein spezifischer Zug der Nietzscheschen Neukonstitution der philosophischen Wissenschaften ist es, dass bei ihm eine explizite und eindeutige Formulierung des einheitswissenschaftlichen Charakters des neuen philosophischen Ansatzes fehlt. Dies könnten wir mit gutem Grund als einen der Ursachen dessen anführen, warum die Erkenntnis von Nietzsches philosophischer Bedeutung so lange ausbleiben konnte. Voll und ganz kommt aber derjenige Zug in Nietzsches eigenem kritizistischen Positivismus zur Geltung, die mit der vollkommenen Transformation der Bewusstseinsproblematik identisch ist und die Dühring auf folgende Weise antizipiert: "Nun ist in der Tat die Beziehung des Systems der Dinge auf ein Subjekt als Centrum eine unvermeidliche Consequenz des einheitlich zusammenfassenden Denkens. Dieses Centrum braucht aber keineswegs die Form eines anschaulichen Bewusstseins zu haben. Das Subjekt, auf welches die Einheit des Systems der Dinge bezogen wird, ist Nichts als das Correlat der einheitlichen Funktion im Denken. Dieser reine Gedanke der Einheit des Seins schliesst nun gar keine Bestimmung der Anschauung in sich und kann daher den Schwerpunkt der Weltbetrachtung bilden, ohne für oder wider den Idealismus irgend Etwas festzusetzen" (Dühring, 1865, 203). Die beiden hier thematisierten Leitideen (das Subjekt nimmt an den erkennenden Prozessen teil, ohne dass die Philosophie auf der Jagd nach einem einheitlichen Bewusstsein haette sich aufhalten müssen, sowie dass die Integration der Philosophie nicht mehr in einer Gesamtanschauung der Welt, vielmehr - wie wir es dargelegt haben - in einer (Neu)Konstitution der philosophischen (philosophisch relevanten) Wissenschaften bestehen muss) rühren auf eine ganz exakte Weise von jener Verschiebung der Rahmenbedingungen, die mit den neuen strukturellen Positionen der Wissenschaft zutiefst zusammenhingen. Die hierin angeführten beiden wesentlichsten Neuansaetze sind es aber ferner auch, die Nietzsche in einer beispiellos kreativen, vielschichtigen und ausführlichen Weise in den Mittelpunkt seines kritizistischen Positivismus stellt.

Über die Dimension des spezifisch "wirklichkeitsphilosophischen" des Nietzscheschen kritizistischen Positivismus, d.h. von seiner Neugestaltung der philosophischen Wissenschaften haben wir bereits Erwaehnung getan. So laesst sich bereits aussagen, dass diese neue Philosophie auf eine wesenseigene Weise antihistorisch, d.h. praesentistisch ist. Uns scheint, dass die möglichen Verbindungen und die tatsaechliche Koexistenz der einzelnen historischen Perspektiven mit diesem genuin praesentistischen Ausgangspunkt in unserer Rekonstruktion der Nietzscheschen Neukonstitution der philosophischen Wissenschaften ausführlich, wenn auch nicht erschöpfend aufgezeigt worden sind. Um in die wahre Bedeutung dieser Tatsache einzusehen, muss man sich das Ausmass des auch politisch und sozial motivierten Kampfes zwischen "Geschichte" und "Gegenwart" heute noch vergegenwaertigen können. Die Vorherrschaft der Geschichte über der Gegenwart beherrschte das Gesamtleben der Zeit. Zwischen Geschichte und Gegenwart bestand also ein wahrhaft gigantischer Kampf, ein Kampf, dessen Dimensionen und Omnipotenz heute noch weitgehend unerschlossen sind. Geschichte und Gegenwart kaempften gegeneinander in der Legitimation politischer Kraefte, bei der Begründung von politischen Aspirationen, sie kaempften gegeneinander für die Besetzung der Inhalte des Alltagsbewusstseins, der Bildung, der höheren Kultur. Soziale Klassen und Schichten identifizierten und kategorisierten sich auf der Grundlage, ob sie die Prioritaet der Geschichte oder der Gegenwart gaben. Die Feststellung also, dass die Wirklichkeitsphilosophie für die Gegenwart (oder wie man es damals oft ausgedrückt hat: die die "Interessen" der Gegenwart) Stellung nimmt, die Gegenwart artikuliert und auf eine aktuelle, jedoch kontextabhaengige Weise sogar auch bewusst anti-historisch eingestellt ist, trifft den Kern der grössten geistig-politischen Auseinandersetzung der Zeit überhaupt.

Es ist aus diesem Grunde alles andere als ein Wunder, dass die drei allerwesentlichsten Bestimmungen des wirklichkeitsphilosophisch eingestellten kritizistischen Positivismus eine logisch-systematische Beziehung zu der vorhin erörterten praesentistischen Einstellung aufweisen.

Dieser Praesentismus hat einen wesentlichen Anteil sowohl an der bewussten und konsequenten antimetaphyschen Einstellung der Wirklichkeitsphilosophie, indem, etwas verallgemeinert gesagt, die theoretische "Diesseitigkeit des Hier und Jetzt" gegen die jeweils verschiedentlich und durch andere konkrete Inhalte artikulierte "Jenseitigkeit" der verschiedenen metaphysischen Ansaetze ins Feld geführt wird.

Auch der zweite, leitende Charakterzug des wirklichkeitsphilosophisch eingestellten kritizistischen Positivismus, seine entscheidende Differenz im Verhaeltnis zu der früheren Hauptlinie des Positivismus, weist eine genuin gegenwartsbezogene, praesentistische Dimension auf. Im Gegensatz zu den früheren Spielarten des Positivismus baut sich dieser neue Ansatz nicht so sehr auf ein neues szientistisches Weltbild, wie viel eher auf einen qualitativ neuen Stand der aktuellen Beweisbarkeit der wichtigsten wissenschaftlichen Thesen, bzw. Gesetze.

Letztlich spielt die angesprochene gegenwartsbezogene Einstellung auch bei der Konstitution der dritten führenden Eigenschaft des wirklichkeitsphilosophisch eingestellten kritizistischen Positivismus eine betraechtliche Rolle, und zwar bei seiner Einstellung dem damals ebenfalls neu entstehenden philosophischen Kritizismus gegenüber. Dieser kritizistische Positivismus ist überhaupt nicht dogmatisch, sie nimmt jeglichen kritizistischen Ansatz problemlos und seinen eigenen inneren Neigungen voll entsprechend auf. Er ist aber gegen eine solche Auffassung des Kritizismus, der die Umrisse der gegenstaendlichen oder der szientistischen Sphaere relativistisch auflösen wollte oder möchte. Der Kritizismus, wie wir darüber vorhin als ein Produkt der Rekonstruktion von Nietzsches Texten eine ausführliche Auflistung angeführt haben,
manifestiert sich in diesem Konzept am ausführlichsten. Dies führt aber nicht zu einem Relativismus, weil der Gang der wissenschaftlichen Erkenntnis vor allem durch konventionalistische und konsensualistische Operationen voll gesichert wird.

Der spezifisch kritizistisch-positivistische Ansatz, die Gegenstaende der Untersuchung, bzw. der Analyse als Komplexe aufzufassen, führt in dieser Philosophie zu einer staendigen Neukonstituierung auch der philosophischen Kategorisierung. Es wird stets bewusst, dass die philosophische Objektivation, im Rahmen derer der Gegenstand aktuell gesehen wird, keine absolute, vielmehr eine relative, darüber hinaus aber auch eine perspektivistische ist. In diesem Tatbestand liegt der Grund dessen, dass dass philosophische Denkens eine unaufhörliche perspektivistische Neubestimmung des Gegenstandes ist, die aber auch wegen des erwaehnten einheitswissenschaftlichen Charakters auf die gleiche Weise vor sich gehen muss. Georg Simmel formuliert diesen auch die Philosophie Nietzsches so weitgehenden praegenden Zug so: "Die übliche Aufteilung unserer objektiven Schaetzungsnormen in logische, ethische und aesthetische ist, auf unser wirkliches Urteilen hin angesehen, ganz unvollstaendig" (Simmel, 1989, 534).

Friedrich Engels schrieb eine ausführliche polemische Schrift gegen Eugen Dühring. Über dieses Werk dürfte man annehmen, dass sie auch gegen den kritizistischen Positivismus und somit indirekt auch gegen die Nietzschesche Umgestaltung der philosophischen Wissenschaften gerichtet ist. Dies ist aber nicht unbedingt der Fall. Denn Engels formuliert auch den folgenden Satz: "Jedenfalls war es unverzeihlich von Goethe, den Immoralisten Faust und nicht Wagner, den ernsthaften Wirklichkeitsphilosophen (!) zu seinem Helden gemacht zu haben" (Engels, 1949, 4.). Aufgrund dieser Analogie kann unsere Vermutung kaum unterdrückt werden, vielleicht wusste der Verfasser dieser Schrift nicht, was "Wirklichkeitsphilosophie" sei.

LITERATUR:

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Dühring, Eugen, Der Wert des Lebens.Eine philosophische Betrachtung. Berlin, 1865.
Dühring, Eugen, Sache, Leben, Feinde. 2. Auflage, Leipzig, l9o3.
Engels, Friedrich, Herrn Eugen Dührings Umwaelzung der Wissenschaft. Berlin, 1949. (ursprünglich: 1878.)
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