Kiss Endre főoldal   Magyar filozófia






Tartalomjegyzék Georg Lukács und 1968 Az el-nem-ért identitás Utolsó lap

Zwischen Freud und Marx

Hermann Broch und Edit Gyömrõi
Szerző: Endre Kiss Budapest

Die Auseinandersetzung zwischen (stalinistischem) Marxismus und Psychoanalyse rückt in den Vordergrund des internationalen intellektuellen Streits wegen der Entstehung einer neuen intellektuellen Klasse, für welche eine gewisse Vereinigung des Marxismus (als Theorie der Gesellschaft) und der Psychoanalyse (als Theorie des Einzelnen oder des Individuums) eine logische Notwendigkeit war. Ob diese neue Klasse die politische Macht selber wollte oder nicht, war im wesentlichen gleichgültig, weil die großen zum Totalitarismus neigenden Massenparteien diese Klasse vor allem als eine Konkurrenz und daher als Gefahr für ihr Machtmonopol verstanden.




 


Endre Kiss (Budapest)


Hermann Broch und Edit Gyömrõi:
Zwischen Freud und Marx

 

I.
Die Gyömrõi-Broch-Beziehung ist interdisziplinär und polyfunktional, sie ist
mit einer Vielzahl von sozialen Räumen und Kreisen umgeben, sie ist vom ersten Augenblick an gleichzeitig literarisch, psychoanalytisch und politisch. Die
Beziehung entwickelte sich in der gleichzeitig apokalyptischen wie messianistischen Periode der Jahre 1918 und 1919. In Wien und Budapest waren diese
beiden Jahre mit denselben geschichtsphilosophischen Herausforderungen verbunden, d. h. in Budapest stärker als in Wien mit der Episode der Kommune
bzw. der Räterepublik.1 Mit diesen Jahrhundertereignissen geht ein unerwartetes soziales Geschehen einher: Auf eine paradoxe Weise vereinigte sich die
moderne und junge Generation von Wien und Budapest in Wien und wurde
sich dort der besonderen Nähe und Verwandtschaft bewusst.

In der Generation der jungen Erwachsenen im Wien der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg .wird Promiskuität als die selbstverständlichste Sache der Welt
betrachtet. (Lützeler: 1985, 71). Das gilt auch für Broch, der damals Beziehungen zu Edit Gyömrõi, Ea von Allesch und Milena Jesenska unterhielt. Alfred Polgar sah in den Frauen jener Zeit einen .sonderbar blind-lebensgierigen. Typus, der .gehetzt ist von Bangigkeit, die Minute zu versäumen. (Lützeler: 1985, 71). Allerdings war es auch eine Zeit . und Broch hat dies in seiner
Erzählung .Ophelia. (KW 6, 24-36) von 1920 vor Augen geführt ., die aus
der Geschichte der Frauenemanzipation nicht wegzudenken ist (Lützeler:
1986, 91). Diese Frauen waren die Töchter der Jahrhundertwende. Sie waren .
und Edit Gyömrõi2 war dafür ein Beispiel . für ihre unabhängige Lebensgestaltung bekannt, waren längst keine passiven Objekte von Männerphantasien
mehr. Sie wollten selbständige Akteurinnen der Gesellschaft und des Geistes
werden. Für sie erwiesen sich die Jahre 1918 und 1919 als noch dramatischer
als sie für die Männer waren. Ihre Freiheiten waren neu und hatten noch kaum
nennenswerte soziale Verankerungen. Die möglichst ungebrochene Fortsetzung der emanzipativen Strategie war für sie eine Lebensaufgabe. Vergegenwärtigt man sich dieses Kapitel weiblicher Emanzipation, wird auch ein wichtiger Zug des Liebhabers Broch erkennbar. Broch als Liebender ergriff nämlich stets Partei für die Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung seiner
Freundinnen. Er identifizierte sich mit ihrer Situation und verhielt sich ihnen
gegenüber als Helfer und Verbündeter.

Die literarische Freundschaft zwischen Hermann Broch und Edit Gyömrõi
begann mit der Publikation von zwei Gedichten der Freundin durch den
Freund. Das erste dieser Gedichte (.Bitteres, spätes Gebet. [KW 8, 75-77], auf
ungarisch: .Keserû késõi imádság.) entstand im Sommer 1918. Da Broch kein
Ungarisch konnte, arbeitete er mit Rohübersetzungen der Dichterin. Broch war
hierbei von Kollegialität geleitet, ließ die Gedichte aber ohne die Genehmigung der Verfasserin veröffentlichen. Eine Analyse der Brochschen Nutzung
der von Gyömrõi verfassten Rohübersetzung lässt darauf schließen, dass sich
Gyömrõis Klagen gegen die Veröffentlichung nicht so sehr auf die fehlende
Autorisierung als auf die Transformation der ursprünglichen Aussagen richteten. Das Gedicht will (jedenfalls im ungarischen Originaltext) eine Lebensbilanz ziehen. Sein Sprachmaterial ist durch Dichtungen von Endre Ady geprägt.

Ady artikulierte die intellektuelle und soziale Modernisierung Ungarns in einer
dynamischen und kohärenten Symbolsprache. Dem konkreten historischen
Augenblick entsprechend bilden die Gedichte Gyömrõis einen sinnlich formulierten Übergang zwischen zwei Sprachwelten: die ungarische radikale Moderne sammelt ihre Kräfte und schafft den Übergang zur Avantgarde. Brochs Nachdichtung im Deutschen bezieht aber eine dritte Sprachwelt mit ein. Er führt das Gedicht in die Welt der für diese Jahre schon klassisch gewordenen
deutschen Moderne. Während die erste Zeile Gyömrõis eine harmonische Zusammenfassung ausdrückt ("Minden szüret közös hordója az élet., d. h. auf Deutsch etwa: .Das gemeinsame Fass jeder Weinlese ist das Leben"), wird dieser Auftakt bei Broch stark verändert: .Oh Herr, da es Abend wird und ich Dich rufe... Auf eine charakteristische Weise kommt bei Broch die Wendung .Oh Herr. zweimal und diejenige .Oh Gott. einmal vor, während keine von beiden bei Gyömrõi erwähnt wird. Es bleibt noch zu vermerken, dass die radikale Moderne wie auch die Avantgarde in Ungarn streng .diesseitig. ist, so dass Wendungen wie .Oh Gott. auch dann als Missverständnisse aufgefasst
werden sollten, wenn man über die rein rhetorischen Deutungsmöglichkeiten dieser Formen Bescheid weiß. Zwei Aufrufe Gyömrõis werden unter den Händen Brochs zu Teilen eines Schachtelsatzes. Indem die Dichterin nämlich in die Welt ruft: .Erõt, Csodát!. (etwa .Kraft, Wunder!.), meint sie sicherlich nicht, was sie bei Broch wieder findet: .Oh Gott, da es nun Abend wird und ich Dich rufe/Und meine Kelter voll des schwarzen Weines sind,/Harr. ich des Wunders und der großen Stärke.. Im weiteren Verlauf des Gedichts verurteilt
die Dichterin ihr bisheriges Leben, das ihr vor dem Horizont der großen welthistorischen Umwälzung als verfehlt vorkommt. Dieser dichterische Gedanke kommt in Brochs Gedicht so vor: .Gib meinem toten Leben, trotz der gescheckten Sünde,/die schöne Demut Deines wahren Lebens.. Gyömrõis avantgardistische Diesseitigkeit wird bei Broch in einen stilisierten Dialog mit einer ästhetisierten Transzendenz verwandelt.

Das zweite von Broch nachgedichtete Gedicht Gyömrõis (.Schmerzloses
Opfern. [KW 8, 78-79] . auf ungarisch: .Vérmaró télbõl havazik a lelkem.)
bereitete vielleicht noch größere Schwierigkeiten für den Übersetzer. Das vom
politisierten Symbolismus in die Avantgarde hinübergreifende Sprachmaterial
lässt sich kaum übersetzen, und zwar vor allem wegen des bei Hugo Friedrich
formulierten allgemeinen Prinzips der .Unbestimmtheitsfunktion der Determinanten. (Friedrich: 1956). Dieses Prinzip thematisiert die Tatsache, dass die Avantgarde grammatisch determinierte Elemente (Substantive) in großer Anzahl anwendet, die der Dichter semantisch nicht determiniert, so dass dadurch eine semantische .Unbestimmtheit von gleichzeitig grammatisch formal determinierten. Elementen entsteht. Diese Textgestaltung macht also die Arbeit der Übersetzung beliebig. Der fremdsprachige Leser wird nie entscheiden können, ob ein semantisch .unbestimmt. gelassenes, formal aber determiniertes Element im Original schon so steht oder durch die Übersetzung entstanden ist. Im folgenden ungarischen Satz "néktek labdatér hullásom mezõje" (in Rohübersetzung: .euch ist ein Ballplatz das Feld meines Sturzes.) kommt z. B. kein formal determiniertes Wort vor, wobei hierbei mindestens zwei semantisch determinierte Elemente identifiziert werden müssen. Daher ist es durchaus legitim, wenn Broch als Übersetzer die Struktur und den Aufbau des Gedichtes verändert. Die Richtung dieser radikalen Veränderung geht aber wieder auf Kosten des avantgardistischen Charakters des Gedichts und restauriert erneut die Strukturen der klassischen Moderne. Bei Gyömrõi kommen mehrfach Straßenkinder ("Straßenknaben") vor, die für die damalige Vorstellung eine klare soziale Kategorie ausmachten. Konsequent verwechselt Broch Gyömrõis "Straßenkinder" mit "Knaben". Bei Gyömrõi fängt das Gedicht mit der folgenden Zeile an: "Vérmaró télbõl havazik a lelkem", bei Broch mit der folgenden: "Winter schneit meine Seele". Bei Gyömrõi ist es klar, dass die blutende Seele der Dichterin es ist, aus welcher der Schnee hervorströmt, während es bei Broch eher scheint, dass der Winter durch Schnee von der Seele der Dichterin
evoziert wird. Gyömrõi redet die Straßenkinder an und stellt die Zukunft ihrer
Seele so dar, dass sie alles wird, was "euch" (d. h. den Straßenkindern) wert
werden wird. Die Zukunft der Seele erscheint bei Broch als "alles, was Knaben
lieb ist". Die Dichterin, die sich für die Zukunft opfern will, beruhigt sich und
die angesprochenen Straßenkinder am Ende mit der Formel, dass "Güte sich
selber niemals weh tun kann", während der Abschluss bei Broch in der lakonischen Sentenz "Nichts tut weh" formuliert ist. Die expressive Dichterin Edit Rényi ist von dem politisierten und intellektualisierten ungarischen Spätsymbolismus zur europäischen Avantgarde unterwegs, während der angehende Wiener Literat und immer noch als jung geltende Geschichtsphilosoph Hermann Broch an einer dichterischen Sprache festhält, die auf den Errungenschaften der deutschen lyrischen Moderne (von Rilke und George) aufgebaut ist. Diese Sprache trägt schon damals alle Stilkennzeichen und Merkmale des späteren Dichters Hermann Broch.


II.

Das Medium der literarischen Freundschaft zwischen Edit Gyömrõi und Hermann Broch war jedoch nicht die Literatur, sondern die Psychoanalyse. Sie war es in jenem konkreten Sinne, wie diese Lehre bei einer neuen Klasse der Intellektuellen (Kiss: 2006) in diesen Jahrzehnten erschien. Psychoanalyse galt als Fluidum, das alles durchdrang. Sowohl Broch wie Gyömrõi waren Protagonisten in diesem Umbruchsdrama der Psychoanalyse.

Der Gesamtrahmen zerfiel in einzelne Elemente. Zunächst ging es um das
Akzeptieren des Wahrheitsgehalts der Psychoanalyse. Zweitens folgte aus dieser Grundeinstellung, dass man die Psychoanalyse für das eigene Leben und für die therapeutische Erklärung von Fremdleben konkretisierte. Drittens enthielt die Lehre für die 1920er und 1930er Jahre schon so viele methodische Alternativen, dass die eigene Positionierung mit einer klaren Parteinahme für eine intellektuelle, aber auch für eine politische Gruppe gleichbedeutend war. Viertens kam im Falle eines(r) schöpferischen Intellektuellen ein Punkt, wenn die therapeutische Funktion der Psychoanalyse in Konflikt mit der eigenen kreativen psychologischen Substanz geriet. Das geniale Kunstwerk heilte vielleicht die Neurose nicht, galt jedoch als geheimes Ziel der Selbsterkenntnis im Medium der Psychoanalyse selber.

Historisch betrachtet, ist es klar, dass sich für die "neuen", psychoanalytisch
orientierten Gruppen in der Zwischenkriegszeit die Rivalität mit dem (stalinistisch gewordenen) Marxismus ergeben musste. Die "rein theoretischen" Probleme waren in Wirklichkeit Machtfragen. Diese sich als Machtfragen transformierenden wissenschaftlichen Diskussionen haben keineswegs theoretischer Relevanz entbehrt. Ihre wissenschaftliche und theoretische Relevanz war in keinem Augenblick in der Lage, aus klassenkämpferisch bindenden Machtinteressen wieder diskutable wissenschaftliche Zusammenhänge zu gestalten.

Die Kontrahenten dieses Machtkampfes sind der langsam siegreich werdende Stalinismus und die . durchaus nicht einheitliche psychoanalytische Bewegung. Die Kontroverse war nur scheinbar "ideologisch", denn ein ideologischer Unterschied war zu jener Zeit eine gleichberechtigte Komponente des Machtkampfes. Dieser "ideologische" Charakter war aber jedoch wieder nur ein Schein, denn aus der Psychoanalyse jener Zeit entwuchsen ganze Optionen für die Interpretation der Weltgeschichte und für die politische Praxis.

Auch wenn Hermann Broch selber mit der Kontroverse des stalinistischen
Marxismus und der Psychoanalyse unmittelbar nichts zu tun hatte, nahm er an
dem breiteren Prozess der Entwicklung dieser Konfrontation durchaus teil.
Man denke etwa an seine Dramentheorie, die er im Zusammenhang mit seiner
Tragödie Die Entsühnung (KW 7) zu Anfang der 1930er Jahre entwickelt. Broch wollte durch seine Stücke eine gleichwertige Alternative zu Bertolt Brechts anti-aristotelischer Dramaturgie schaffen.3

Edit Gyömrõi war auch in den 1920er und 1930er Jahren eine beinahe idealtypische Gestalt der neuen Klasse politisierender Intellektuellen. Sie geriet durch ihre Analyse des der kommunistischen Bewegung nahestehenden Dichters Attila József in den Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung. Das ging so weit, dass sie von einem offiziellen Meinungsträger dieser Partei als "Scharlatan" gebrandmarkt wurde: Sie habe durch ihre Analyse den Dichter "ausgebeutet", "in den Wahnsinn getrieben" und ihn dann "im Stich gelassen". Dabei muss jedoch bedacht werden, dass Attila Józsefs Beziehung zur Kommunistischen Partei auch schon vor seiner Beziehung zu Edit Gyömrõi alles andere als "harmonisch" zu nennen war.4 Gyömrõi war eine linke, marxistische Analytikerin, auf deren Methode die Bezeichnung "Freudomarxismus" zutraf.5 Attila József ist aber in der Psychoanalyse dem Freudomarxismus nicht eindeutig zuordnenbar (Kiss: 2006) gewesen. Aber auch Gyömrõi verleugnet in dieser Analyse ihre wahre Persönlichkeit. Mit ihren analytischen Methoden stand sie vielmehr Otto Fenichel nahe.6

Edit Gyömrõi und Hermann Broch waren mit Hunderten von Persönlichkeiten verbunden, die dem Netzwerk Psychoanalyse angehörten. Gyömrõi ist beispielsweise von den 1910er Jahren an mit René Árpád Spitz freundschaftlich verbunden gewesen. Spitz war wohl der erste ungarische Psychoanalytiker jener jungen Generation, zu der auch Gyömrõi gehörte. Er studierte Sigmund Freuds Schriften bereits als Student und besuchte den Meister 1910 in Wien. Er und Gyömrõi wurden später Mitglieder der radikalen Galilei-Gesellschaft, waren Mitglieder des Sonntag-Kreises um Georg Lukács7 und nahmen an den turbulenten politischen Ereignissen der Károlyi-Revolution und der ungarischen Räterepublik teil. Sie traten dann konsequent den Weg in die Emigration an, der anfangs (und dann noch mehrfach) nach Wien führte.8 Es überrascht nicht, dass Broch René Árpád Spitz aus Wien kannte. Die entscheidende Tatsache ist, dass Broch mit Daniel und Daisy Brody fast familiär befreundet war. Daisy Brody war als Daisy Spitz die Schwester von René Árpád Spitz, so dass durch diese beiden Beziehungen Gyömrõi und Broch einen ständigen Kommunikationskanal besaßen. Als Broch 1934 Gyömrõi ein Gedicht widmet (KW 8, 39 u. 178), lässt dies auf einen ununterbrochenen Kontakt zwischen den beiden schließen, der sich dann auch im Exil erhalten wird.

Paul Federn (vgl. Broch: 2007) nahm schon 1918 an der Internationalen Tagung der Psychoanalyse in Budapest teil (Harmat: 1994, 85), so dass es als gesichert gelten kann, dass er Gyömrõi schon damals kennen lernte. Er hielt 1927 in Budapest einen Vortrag im Psychoanalytischen Verein über Depersonalisation (Harmat: 1994, 134). Er polemisierte 1924 in Wien gegen die Sándor Ferenczi vorgeschlagene .aktive. psychoanalytische Technik und betonte, solche Innovationen würden in der Praxis in breiten Kreisen genutzt, nur rede niemand darüber. Brochs späterer amerikanischer Analytiker behauptete nach Ferenczis Tod, dass letzterer in der Anwendung der aktiven Technik .zu weit. gegangen sei (Harmat: 1994, 162-163). Er schrieb 1933 einen Nekrolog über Ferenczi9 und nahm 1936 in Marienbad mit René Árpád Spitz an einer gemeinsamen Tagung teil, während im Mai 1937 an der sogenannten Vierländerkonferenz sowohl Federn wie auch Fenichel und Gyömrõi teilnahmen (bei der Konferenz präsidierte Fenichel am letzten, Federn am ersten Tage, und beide hielten einen Vortrag).

Über Otto Fenichel erschien 1928 ein Bericht in der in Siebenbürgen publizierten Zeitschrift Korunk, ein Journal, in dem auch Gyömrõi veröffentlichte. Fenichel diskutierte regelmäßig mit Mihály Bálint, kannte auch David Rapaport gut. Im Oktober 1935 besuchte er Budapest, und sicher hat Fenichel, der alle Bemühungen unternahm, um seine wissenschaftliche Gruppe nach der Flucht aus Berlin zusammenzuhalten, in Budapest auch Gyömrõi besucht.

Mit Emmy Ferand und Jolanda Jacoby, die als eine der führenden Schülerinnen von C. G. Jung auf Broch auch in diesem Zusammenhang wirkte, fängt schon die lange Liste jener Persönlichkeiten an, von denen man mit Sicherheit annehmen sollte, dass sie sowohl Gyömrõi wie auch Broch gut kannten. Sándor Radó (der die psychoanalytische Schule der späteren "Freudomarxisten" prägte, indem er Wilhelm Reich und Otto Fenichel ausbildete), Margit Mahler (Schönberger) (auch bei Federn ausgebildet), Barbara Lantos (Borbála Rippner), Therese Benedek, Melanie Klein (mit der Gyömrõi nach 1945 in England zusammenarbeitete), gehören in diese Liste, aber auch Alice Bálint, Nicolas Abraham, Lajos Székely, György Gerõ (ein Reich-Schüler in Berlin zu Gyömrõis Berliner Zeit). Aranka Böhm (die Frau des Kritikers der Psychoanalyse Frigyes Karinthy) ist auch in Wien ausgebildete Analytikerin. Durch Spitz wird ein weiteres System von Kontakten hergestellt und gepflegt, in das vor allem der Ethno-Psychoanalytiker Géza Róheim gehört.10

Die Auseinandersetzung zwischen (stalinistischem) Marxismus und Psychoanalyse rückt in den Vordergrund des internationalen intellektuellen Streits wegen der Entstehung einer neuen intellektuellen Klasse,11 für welche eine gewisse Vereinigung des Marxismus (als Theorie der Gesellschaft) und der Psychoanalyse (als Theorie des Einzelnen oder des Individuums) eine logische Notwendigkeit war. Ob diese neue Klasse die politische Macht selber wollte oder nicht, war im wesentlichen gleichgültig, weil die großen zum Totalitarismus neigenden Massenparteien diese Klasse vor allem als eine Konkurrenz und daher als Gefahr für ihr Machtmonopol verstanden.

Eine Aufwertung des Freudomarxismus betrifft aber nicht nur die links eingestellte Gyömrõi, sondern auch den apolitischen Hermann Broch. Eine welthistorische Ironie will es, dass gerade auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen (stalinistischem) Marxismus und Psychoanalyse Adolf Hitler an die Macht kam. Denn selbst die linientreuesten Stalinisten mussten jetzt wahrnehmen, dass die bis dahin verpönten psychologischen Momente in dieser Machtübernahme doch eine Rolle gespielt hatten. Dieses Faktum wird Hermann Broch die Möglichkeit geben, seine Zerfallstheorie (vgl. den .Zerfall der Werte. in den Schlafwandlern [KW 1, 418ff.]) mit den neuen historischen Ereignissen, aber auch seine eigene Psychogeschichte mit der psychologischen Historie des Zeitalters in Verbindung zu bringen.

Edit Gyömrõi (Gelb, Rényi, Glück, Ujvári, Ludowyk) (1896-1987) wurde
als Tochter eines erfolgreichen Unternehmers jüdischer Herkunft geboren. Der
Lebenslauf des Vaters ist prototypisch für die erste Generation emanzipierter
Juden in Ungarn (Kiss: 2005). Nach ihrer ersten Ehe (mit Arthur Rényi12)
schlug sie einen einmaligen intellektuellen und sozialen Weg ein. Sie wurde
Mitglied des radikalen Galilei-Kreises, bald danach aber kam sie in Kontakt
mit Tivadar Raith und Lajos Kassák, also mit zwei sich stark voneinander unterscheidenden dominanten Repräsentanten der ungarischen avantgardistischen
Poesie. In den ausgehenden Kriegsjahren nahm sie an den intensiven Diskussionen des sich um Georg Lukács gruppierenden Vasárnap-Társaság (Sonntag-Kreises) teil. Nach dem Sturz der Räterepublik emigrierte sie nach Wien und - nach einigen Zwischenstationen in den Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns - 1923 nach Berlin, wo sie bis 1933, d. h. bis zu Hitlers Machtergreifung, blieb.

Edit Gyömrõis Berliner Jahrzehnt (1923-1933) war für sie der Höhepunkt und
der Ort der Realisierung ihrer bis dahin bestimmenden Lebensziele. Um so tragischer wirkte es sich aus, dass sie diesen Wohnort aufgeben musste.13 Berlin
war für sie eine Wunscherfüllung, auch wenn sie oft mit Armut zu kämpfen
hatte. Sie arbeitete als Designerin in der Bekleidungs- und in der Filmindustrie,
und beim Film übernahm sie auch andere Funktionen.14 Sie trat auch der Roten
Hilfe bei, doch weist einiges darauf hin, dass sie nicht nur in der Redaktion,
sondern auch in der umfassenden Organisation dieser Zeitschrift15 tätig war.
Diese Arbeit wiederum brachte sie mit vielen linken Intellektuellen in Verbindung. Sie nahm in Berlin mit großer Wahrscheinlichkeit illegale Parteiaufgaben wahr. Damals war sie mit László Glück (Tölgy) verheiratet.16 Berlin war also für sie nicht nur eine Station auf ihrem Wanderleben.17 Sie fand ihren mehrfachen sozialen Ort in den ersten Reihen einer neuen politischen intellektuellen Klasse. Sie wurde in diese Gesellschaft aufgenommen und war z. B. mit Olga Tschechowa und Edith Jacobson befreundet. Sie kannte die Mitglieder von all jenen intellektuellen und politischen Zirkeln, denen sie seit 1910 in Budapest, Wien und Berlin angehört hatte.

Die Rückkehr nach Budapest wegen Hitlers Machtergreifung erwies sich
für sie als Verlust. Anna Lesznai gilt als die Person, die Gyömrõi bat, die psychoanalytische Behandlung von Attila József zu übernehmen (Németh: 1942). Edit Gyömrõis Analyse des Dichters Attila József fällt in die Zeit zwischen Ende 1934 und Ende 1936. 1937 beging der Autor Selbstmord.18 József kam als Patient mit der Psychoanalyse schon vor seiner Bekanntschaft mit Edit Gyömrõi in Berührung, und auch er partizipierte an dem allgemeinen Trend des Interesses der neuen intellektuellen Klasse an der Psychoanalyse. Der Dichter war psychotisch, noch bevor die Analyse mit Gyömrõi anfing. Er arbeitete an einer möglichen intellektuellen Vereinigung von Marxismus und
Psychoanalyse (Kiss: 2006) und instrumentalisierte die Psychoanalyse für
seine dichterische Arbeit.19 Auf Anregung von Gyömrõi begann József ein
psychoanalytisches Tagebuch zu schreiben (.Verzeichnis freier Ideen in zwei
Sitzungen., 1936). Sie hat später geleugnet, die Anregerin dieses Tagebuches
gewesen zu sein und gemeint, sie hätte davon nicht einmal etwas gewusst
(Vezér: 1971).20 Das entspricht nicht der Wahrheit. Als Analytikerin hat
Gyömrõi sich korrekt verhalten, denn die Anwendung der Tagebuch-Methode
als aktive Interpretation der Analyse lag im Trend der nachfreudianischen Psychoanalyse. Gyömrõi ist jedoch vorzuwerfen, dass sie sich mit dieser Arbeit zu
wenig identifizierte. Bei dieser Einstellung seiner Psychoanalytikerin gelang es
József nicht, zu einer eigenen analytischen Metasprache vorzudringen, wie es
Broch mit seiner Psychologischen Selbstbiographie (Broch: 1999) gelungen
ist.


III.

Das Neue in der Psychoanalyse der Zwischenkriegszeit war die Hereinnahme
des Patienten in den analytischen Prozess. Diese Tendenz scheint in Sándor
Ferenczis Idee von der .Sprachstörung. Gestalt angenommen zu haben (Ferenczi: 1971). Die Einbeziehung des Patienten in die Analyse ist eine Konsequenz
der Einsicht des Therapeuten, dass seine kühl abwartende Haltung die Freiheit der Assoziationen beim Patienten lähmen kann. Kraft dieser Einsicht versucht der Therapeut, Wege zur Beseitigung dieser Störung zu finden.21

Für Broch wie für Gyömrõi gilt, dass eine Akzeptanz Freuds nicht ausschloss, die Psychoanalyse weiter zu entwickeln, zu ergänzen und auch die Ergebnisse ihrer eigenen Selbstbestimmung in die sich modifizierende Lehre einzuarbeiten.22 Es scheint,23 dass Broch durch seine erfolgreiche Analyse Ende der zwanziger Jahre in die Lage gekommen ist, seine Romantrilogie Die Schlafwandler schreiben zu können (Lützeler: 1985, 102f.). Bei der Überwindung der Schwierigkeiten, die sich dabei ergaben, ist wohl weniger an die Neurosen zu denken als an die hohe Intellektualität des Autors, d. h. die Behandlung musste nicht nur die psychischen Strukturen, sondern auch die wissenschaftlichen Interessen des Patienten berücksichtigen. Diese doppelte Funktion der ersten psychoanalytischen Behandlung trug wohl dazu bei, dass Broch
sich auch später mehrfach im Sprach- und Koordinatensystem der Psychoanalyse äußerte. Davon zeugen seine Anfang der vierziger Jahre geschriebene Psychische Selbstbiographie und seine .Autobiographie als Arbeitsprogramm. (Broch: 1999.). Wie Attila Józsefs .Verzeichnis freier Ideen., sind auch diese Texte von Broch für bestimmte AdressatInnen geschrieben und haben neben ihrer analytischen Absicht auch die Funktion der Selbsterklärung. Der Text (Autobiographie als Arbeitsprogramm) ist nicht mehr im engeren Sinne eine Kritik an der Psychoanalyse, sondern schon eine realisierte Manifestation derselben. Die existentielle Problematik des Dichters ist in einer Sprache formuliert, die vom psychoanalytischen Vokabular durchdrungen ist.

Es ist allerdings die Frage, ob Broch durch diese Sprache sein Lebenswerk
vereinheitlicht, ein Werk, in dem Bruch, Fragment und Chaos vorherrschen.
Die Einheit der psychoanalytischen Anschauungsweise könnte eine Einheit in
eine schöpferische Laufbahn bringen, in der es diese Einheit in Wirklichkeit
nie gegeben hat. Zwar ist es zutreffend, dass .die Geschichte eines Problems.
(KW 10/2, 195) . nämlich die des ethischen Relativismus . Broch stets beschäftigte, doch kann man nicht sagen, dass sie die vielfachen Facetten tatsächlich fokusartig zusammenfasste. Broch moralisiert in und mit dieser philosophisch-ethischen Sprache seine vielschichtige Auseinandersetzung mit der frühen philosophischen Problematik, und mit dieser Moralisierung gerät er auch in die Nähe des Politischen, dem er sich in den Exiljahren widmet. Erst die psychoanalytische Sprache hilft Broch, den Weg vom Dämmerzustand zur Demokratietheorie und zur Bill of Rights einzuschlagen. In diesen Exiltexten erscheint ein Autor, der nicht den großen deutschsprachigen polyhistorischen
Roman veröffentlichen will, sondern sich mit den im Nietzscheschen Sinne
verstandenen universellen Menschheitsproblemen auseinandersetzte.24

Broch hebt die den Patienten involvierende Psychoanalyse auf eine höhere
Stufe. Er kreiert damit die Sprache eines Intellektuellen, der sich im Medium
der psychoanalytischen Sprache frei bewegt. Sein Interesse richtet sich nicht in
erster Linie auf eine Erschließung des eigenen Unbewussten, vielmehr zielt es
ab auf eine ganzheitliche Darstellung des eigenen psychologischen und intellektuellen Lebensweges. Es entsteht dadurch eine neue Metasprache, in der sich die Stimmen des Patienten, des Analytikers und des Metaphilosophen vereinigen. Die Funktion dieser Sprache ist nicht mehr die Therapie, sondern die Selbsterklärung.25 In dieser Hybridisierung der Rollen und der Sprachen erscheinen Sätze, die ohne diese Rahmenbedingungen ironisch klingen würden (man denke etwa an die Wendung .Meine Neurose scheint jede Analyse zu verhindern.). Die inkommensurable Qualität dieser Sprache besteht ohne Zweifel, auch wenn psychoanalytische Selbsterklärungen in Brochs Korrespondenz seit je bereits in großer Anzahl vorgekommen sind. Es zeigt sich, dassHermann Brochs eigener Diskurs schon bis dahin eine Überwindung der orthodoxen psychoanalytischen Sicht involvierte. Das ist ein Aspekt, den Broch auch selbst bedacht hat.26 Gyömrõi war nicht die einzige Person, die Broch in dieser Hinsicht orientiert hat. Sie war es aber bestimmt, deren Position Broch nachhaltig beeinflusst hat. Als indirekter Beweis dafür gilt Brochs Brief an René Árpád Spitz vom Oktober 1939, in dem er den Tod Sigmund Freuds als Symbol .nicht für den Untergang einer alten Welt, der er angehört hat, sondern für den einer neuen, die unseren Wünschen entsprochen hätte. (KW 13/2, 146)
deutete.27 Brochs Zustimmung zur Psychoanalyse stand nicht im Widerspruch
zu seinem Willen, über Freud hinauszugehen.28 In einem Brief an seine Analytikerin Hedwig Schaxel-Hoffer schreibt er über die Beziehung des Romans Der Tod des Vergil (KW 4) zu seiner persönlichen psychoanalytischen Problematik.29 Dies ist nicht nur charakteristisch, weil er an anderen Stellen diese Beziehung relativiert, sondern auch deshalb, weil im Tod des Vergil deutlich weniger psychoanalytische Wurzeln zu erkennen sind als in der Schlafwandler-Trilogie.

In Brochs Psychischer Selbstbiographie (Broch: 1999), die man auch als
psychoanalytisches Tagebuch bezeichnen könnte, wechselt die Intention der
Autointerpretation. In dieser als "Abschreckungs"-Text apostrophierten Selbstbiographie wird der Konflikt der geistigen Arbeit mit dem "sogenannten Leben" bzw. mit den Liebesbeziehungen thematisiert. So ungewöhnlich dieses Bekenntnis ist, ist es auch hier in der Sprache eines Intellektuellen formuliert, der die Terminologie der Psychoanalyse beherrscht. Die thematische Verschiebung im Verhältnis zu "Autobiographie als Arbeitsprogramm" hat nur insofern Bedeutung, dass jetzt bisher tabuisierte und nicht sozial artikulierbare Inhalte ohne sichtbare Schwierigkeiten ausgesprochen werden. Es erscheint auch hier eine mehrfache Metasprache, in der die Rollen des Patienten, des Analytikers
und des Metaphilosophen vereinigt werden. Hier redet nicht der behandelte Patient, sondern ein Patient, der die Aspekte und die Sprache des Analytikers
kennt: Er wird in der Tat der Arzt seiner selbst, mehr noch, dieser Arzt erklärt
den beiden Frauen die Situation des Patienten Hermann Broch. Der Text zeigt
einen Autor, der sein Leben und seine Neurosen artikulieren kann und dadurch
von der Neurose befreit wird.

 


Fussnoten


1 Kiss: 1999.
2 Borgos: 2005.
3.Vom Autor aus gesehen: der epische Dichter hat bloß in seinem Stoff zu leben, der dramatische muß den Stoff auch unausgesetzt auf der Bühne erleben, d. h. er erlebt nicht nur das psychische Geschehen seiner Gestalten, sondern auch die aufnehmende Seele eines, wenn auch idealen Publikums. [...] Schund kann infolgedessen auch aus Überheblichkeit fabriziert werden. [...] Das Problem des heutigen Menschen ist Not: das Humane und damit auch das Metaphysische seines Daseins bedrängt ihn in Gestalt des Wirtschaftlichen und Sozialen. [...]
Wäre dem nicht so, so wäre das abstrakte Problemtheater, wie es Brecht vorschwebt, weder
als Produktion, noch - und dies noch weniger - als Konsumtion denkbar. Wenn das Brechtsche Drama trotzdem in seiner Wirkung hinter dem bürgerlich-naturalistischen Theater zurückbleibt, so liegt auch dies zum Teil an jener "Überheblichkeit", mit der die Problematik auf die Dürftigkeit von Schlagwortthesen reduziert wird, zum größten Teil jedoch daran, daß die größere Abstraktheit den Durchbruch des allgemein Menschlichen verhindert.. ("Technische Vorbemerkungen zur Entsühnung". (KW 7, 403-404.)
4 Vértes: 1964, 164.
5 Kiss: 1980. . Da die engere Marxismus-Deutung von Attila József eine Praxisphilosophie ist,
vermischt sich in seinem Fall die reformierte Psychoanalyse und der praxisphilosophisch
interpretierte Marxismus auf der gemeinsamen Plattform der Aufarbeitung der Objektwelt.
6 Borgos: 2005.
7 Wir haben einen weiteren Grund, die spezifische Beziehung zwischen Gyömrõi und Spitz im
Sonntag-Kreis anzunehmen. Die Jüngeren wurden hier "knába" genannt und meistens in
einzelnen zusammengehörenden Paaren wahrgenommen.
8 Für Spitz war dieselbe mutige politische Extravaganz wie für Gyömrõi charakteristisch.
Während Gyömrõi die Materialien des Reichstagsbrand-Prozesses von 1933 in die Schweiz schmuggelte, war es René Árpád Spitz, der 1919 jenen Tibor Szamuely in Budapest ver
steckte, der als Kommissar der politischen Polizei in der Kommüne der verhassteste Reprä
sentant des extremen politischen Terrors auf der Flucht war.
9 Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 19 (1933), 305-321.
10 Harmat: 1994.
11 Kiss: 2006.
12 Der zweiten Ehe von Arthur Rényi entstammte Péter Rényi, der sog. starke Mann der Parteizeitung Népszabadság in Ungarn. Dieser Sohn des Ex-Mannes spielte wahrscheinlich eine ak
tive Rolle bei der Ungarn-Einreise der in England lebenden Gyömrõi in den 1970er Jahren.
Ihr Besuch war ein Medienereignis.
13 Gyömrõi emigrierte 1938 mit László Ujváry nach Ceylon. Der Sohn blieb in Ungarn zurück, konnte später nicht mehr ausreisen, machte mit anderen jungen Arbeitsdienstlern einen Fluchtversuch aus einem Arbeitslager und starb unterwegs an Infektion. In Ceylon starb auch László Ujváry. Hier widmete sich Gyömrõi unterschiedlichen intellektuellen und praktischen Aktivitäten und heiratete den Literaturprofessor und Shakespeare-Forscher Ludowyk, nach dessen Tode sie nach England zurückkehrte, um dort an der Arbeit verschiedener psychoanalytischer Zirkel teilzunehmen. (Näheres bei Borgos: 2005.)
14 Diese Arbeiten brachten eine Zusammenarbeit mit Béla Balázs mit sich, dem ersten Theoretiker des Films.
15 Die Rote Hilfe mobilisierte auch viele Intellektuelle aus dem nicht-kommunistischen Bereich. Bei wichtigen politischen Aktionen wurde die Zeitschrift u. a. von Einstein, Tucholsky, Kollwitz, Zille, Heinrich Mann (in einem anderen Zusammenhang auch von Thomas Mann), Dix,Liebermann, Hirschfeld, Piscator und Ossietzky unterstützt. Die Rote Hilfe setzte sich mit Erfolg für die Amnestie des verhafteten ungarischen Kommunisten Mátyás Rákosi, ein. Es ist unwahrscheinlich, dass Gyömrõi nichts mit dieser Aktion zu tun gehabt hat, auch wenn Rákosis Freilassung erst 1940, also einige Jahre nach dem Verbot der Organisation, erfolgte. Rákosi war schon seit 1925 im Gefängnis. 1933 hatte die Rote Hilfe Deutschland 530.000 Mitglieder, von denen 119.000 der KPD und 15.000 der SPD angehörten.
16 Zu dieser Zeit war László Glück (Tölgy) als Außenhandelsrat der Sowjetunion aktiv ist und war ein Freund von Endre Friedmann (Capa), der die berühmtesten Photos über den Spanischen Bürgerkrieg machen wird.
17 Borgos: 2005, 185
18 Um der Vollständigkeit willen muss man hinzufügen, dass sich einige Forscher bis heute mit der These des Selbstmordes nicht abfinden können. Ihr schwerer wiegendes Argument liegt nicht so sehr in einer anderen Rekonstruktion des mentalen Zustandes des Dichters, als gewisse Dokumente und Protokolle der Ungarischen Staatlichen Eisenbahngesellschaft (MÁV), die es tatsächlich erlauben, über einen Unfall an der Station Balatonszárszó zu sprechen.
19 Die eigene poetische Thematisierung von psychoanalytischem Material bei Attila József kann nur in einer eigens für diesen Zweck konzipierten Monographie geschehen (s. Valachi:
2005). Es ist bezeichnend, dass Arthur Koestler (ein Verehrer des Dichters) an einer Stelle
über Attila Józsefs .freudianische Volkslieder. schreibt (Koestler: 1970, 1, 44).
20 Man sollte wohl in Józsefs Texten, die Dokumente seiner psychoanalytischen Behandlung und seiner Erfahrung von existentiellen Grenzproblemen sind, nicht lediglich .literarische. Texte sehen, wie dies unter dem Einfluss einer selbstreferentiellen Hermeneutik in der Literaturwissenschaft zuweilen geschieht. Andererseits ist der poetische Charakter diesen Texten wiederum nicht ganz abzusprechen, weil sie von József stilisiert worden sind.
21 Attila József war auch direkt auf vielfache Weise mit Ferenczi verbunden. Er besuchte seine Vorträge, las seine Publikationen, nahm an seinem Begräbnis teil und als Redakteur der Zeitschrift Szép Szó publizierte er Texte über ihn (Harma: 1994, Valachi: 2005).
22 Was die Ablehnung der Psychoanalyse in Ungarn betrifft, so sei an die Arbeiten von Gyula Illyés und László Németh erinnert. In Österreich wurden Alternativkonzeptionen zur Psychoanalyse von Karl Kraus und Robert Musil entwickelt.
23 Erstmals ausgeführt bei Kiss: 2001.
24 Über Hermann Brochs .philosophischen Diskurs. s. Kiss: 2001.
25 In einer Rezension wird in diesem Zusammenhang richtig vermerkt: .Von seinem Innenleben erfährt der Leser allerdings nichts..
26 Eine Broch-Formulierung mit theoretischer Prägnanz sei hier zitiert: .Analyse [ist] nicht das Um und Auf der Psychologie [.], so wenig, wie Soziologie lediglich aus Marxismus aufgebaut werden kann.. Brief an Hans Sahl, 11. November 1943 (KW 13/2, 360).
27 Von einer ähnlichen Attitüde zeugt, dass Broch den Text .Bericht an meine Freunde. (KW 11, 25-30) auch am 6. April 1939 an René Árpád Spitz schickte (KW13/2, 66-67). Der Text, der als eine Vorfassung der psychoanalytisch-autobiographischen Schriften aufgefasst werde kann, dürfte über Spitz auch Gyömrõi erreicht haben. Er könnte auch als eine provisorische Idee aufgefasst werden, in der Emigration eine Kommunikation á la Fenichel-Tagebücher zu inaugurieren.
28 Die Involvierung des Patienten in die Analyse (Gebrauch aktiver Techniken, Tagebuch-Methode) treibt die Analyse in die Richtung einer Gegenseitigkeit und potentiellen Gleichrangigkeit. Das ergibt dann den Punkt, der einer an den späteren Existentialismus erinnernde Sichtweise den Weg öffnet. Kein Wunder, dass sich nicht wenige Existentialisten, unter ihnen auch Jean-Paul Sartre, mit der Psychoanalyse auseinander setzten, wenn es um die mögliche Vereinigung von Marxismus und Psychoanalyse geht. Es ist aufschlussreich, dass im Neomarxismus der 1960er Jahre Wilhelm Reich
eine Renaissance erlebte.

29 Brief an Hedwig Schaxel-Hoffer, der 14. Februar 1940 (Lützeler: 1985, 258).

 

 

 

Literaturverzeichnis

Arendt, Hannah . Broch, Hermann, Briefwechsel1946 bis 1951, hrsg. von Paul Michael
Lützeler. Frankfurt a. M. 1996.

Borgos, Anna, .Alkotás, gyógyítás, változás. Gyömrõi (Gelb, Rényi Glück, Újvári, Ludowyk) Edit életútja., in: Thalassa, 16 (2005) , 2-3. 185-194.

Broch, Hermann, Kommentierte Werkausgabe (abgekürzt als KW), hrsg. v. Paul
Michael Lützeler, Frankfurt a. M. 1974-1981: KW 1: Die Schlafwandler; KW 2: Die
Unbekannte Größe; KW 3: Die Verzauberung; KW 4: Der Tod des Vergil; KW 5:
Die Schuldlosen; KW 6: Novellen; KW 7: Dramen; KW 8: Gedichte; KW 9/1:
Schriften zur Literatur 1: Kritik; KW 9/2: Schriften zur Literatur 2: Theorie; KW
10/1: Philosophische Schriften 1: Kritik; KW 10/2: Philosophische Schriften 2:
Theorie; KW 11: Politische Schriften; KW 12: Massenwahntheorie; KW 13/1-3:
Briefe.

Broch, Hermann und Ruth Norden. Transatlantische Korrespondenz, hrsg. v. Paul
Michael Lützeler, Frankfurt a. M. 2005.

Broch, Hermann, Psychische Selbstbiographie, hrsg. v. Paul Michael Lützeler, Frankfurt a. M. 1999.

Broch Hermann, Die Briefe an Paul Federn, hrsg. v. Paul Michael Lützeler, Frankfurt
a. M. 2007.
 
Erõs, Ferenc, Pszichoanalízis, freudizmus, freudomarxizmus, Budapest 1986.

Ferenczi, Sándor, .Felnõttek .gyermekanalízise.., in: Gyógyászat (16. Oktober 1932),
633-637. (Ins Ungarische übersetzt von Endre Almásy).

Ferenczi, Sándor, .Nyelvzavar a felnõttek és a gyermek között. A gyengédség és a
szenvedély nyelve., in: A pszichoanalízis modern irányzatai. Szerkesztette Buda
Béla (1971), 215-266.

Friedrich, Hugo, Die Struktur der modernen Lyrik, Hamburg,1956.

Harmat Pál, Freud, Ferenczi és a magyarországi pszichoanalízis története. 1908-1993.
Második, átdolgozott és bõvített magyar nyelvú kiadás, Budapest 1994.

Hildebrandt Alexandra, .Meine Neurose scheint jede Analyse zu verhindern. Hermann
Brochs .Psychische Selbstbiographie.., in: www.literaturkritik.de/puplic/rezension.
php?rez_id_271.

József Attila, Szabad ötletek jegyzéke. Közzéteszi: Stoll Béla. Atlantisz. Medvetánc.
Veszedelmes viszonyok, Budapest 1990.

Kiss, Endre, .A történelem futószalagán., in: Irodalomtörténeti Közlemények 5-6
(1980), 581-590.

Kiss, Endre, ..Schicksalsgenerationen. und .Generationsschicksale.. Schriftsteller jüdischer Herkunft in der modernen ungarischen Kultur., in: Angezogen und abgestossen. Juden in der ungarischen Literatur, hrsg. v. Tamás Lichtmann, Frankfurt a. M.
1999, 25-36

Kiss, Endre, Philosophie und Literatur des negativen Universalismus. Intellektuelle
Monographie über Hermann Broch, Cuxhaven-Dartford 2001.

Kiss, Endre, .Der Dämmerzustand in philosophischer, psychologischer und romanästhetischer Beleuchtung., in: Austriaca 55 (2003), 155-172.

Kiss, Endre, .Fate-Generations and Generation Fates: Writers of Jewish Origin in Modern Hungarian Culture., in: The European Legacy 10.7, (2005), 717-723.

Kiss, Endre, .Hendrik de Man and Attila József. On Soft and Hard Conditions of Socialism., in: The European Legacy 11.5 (August 2006), 515-526.

Koestler, Arthur, Frühe Empörung. Gesammelte Autobiographische Schriften, Wien
1971.

Lützeler, Paul Michael, Hermann Broch. Eine Biographie, Frankfurt a.M. 1985.

Németh, Andor, József Attila, Budapest 1942.

Tögel, Christfried, .Varga Jenõ, a pszichoanalízis, a Tanácsköztársaság és a
sztálinizmus., in: Thalassa 11 (2000), 2-3.

Valachi Anna, .Irgalom, édesanyám.. A lélekelemzõ József Attila nyomában, Buda
pest 2005.

Vértes György, József Attila és az illegális kommunista párt, Budapest 1964.

Vezér Erzsébet, .Ismeretlen József Attila-kéziratok. (Interjú Gyömrõi Edittel)., in:
Irodalomtörténet 3 (1971), 620-633.

 

 

 


Endre Kiss / Paul Michael Lützeler /
Gabriella Rácz (Hrsg.)

Hermann Brochs
literarische
Freundschaften



Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

<http://dnb.ddb.de> abrufbar.

Gedruckt mit finanzieller Unterstützung der
Alexander von Humboldt-Stiftung
und
der School of Arts and Sciences an der Washington University in St. Louis / USA

© 2008 · Stauffenburg Verlag Brigitte Narr GmbH
Postfach 25 25 · D-72015 Tübingen
www.stauffenburg.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für
Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier.

Printed in Germany

ISSN 0940-3795
ISBN 978-3-86057-163-7


Inhalt

Einleitung ...........................................................................................................
7


Sigurd Paul Scheichl

Hermann Broch und Ludwig von Ficker
im Spiegel von Brochs Briefen...........................................................21

Helga Mitterbauer

Hermann Broch und Franz Blei:
Untergehende Kultur, zerfallende Werte............................................37


Sarah McGaughey

Hermann Broch und Ea von Allesch:
Möbel und Mode.................................................................................51


Frode H. Pedersen

Hermann Broch und Alfred Polgar:
Kaffeehaus, Humanismus, Exil..........................................................65


Endre Kiss

Hermann Broch und Edit Gyömrõi:
Zwischen Freud und Marx..................................................................75


Rotraut Hackermüller

Hermann Broch und Ludwig Hofmann:
Der Mathematiker als .Unbekannte Größe.......................................89


László V. Szabó

Hermann Broch und Robert Musil:

K.u.K. oder Konkurrenz und Kollegialität.......................................105


Katharina Ratschko

Robert Musil und Hermann Broch:
Kunstverständnis und Zeitdiagnose..................................................121


Anne D. Peiter

Hermann Broch und Elias Canetti:
Wer war Lehrer, wer war Schüler?...................................................139


Christine Mondon

Hermann Broch und Stefan Zweig:
Literatur und Exil..............................................................................151


Maria Garzia Nicolosi

Hermann Broch und Ernst Schönwiese:
Dichtung, Zeitschrift, Radio.............................................................161


Manuel Durand-Barthez

Hermann Broch und Ruth Norden:
Im Zeichen der Danaiden..................................................................171


Bernhard Doppler

Hermann Broch und Rudolf Brunngraber:
Romanästhetik und Literaturbetrieb.................................................185


Michael Kessler

Hermann Broch und Volkmar Zühlsdorff:
Hoffnung und Humanismus..............................................................199


Barbara Picht

Volkmar Zühlsdorff und Hermann Broch:
Briefwechsel und Begegnung...........................................................217


Ester Saletta

Hermann Broch und Antonio Giuseppe Borgese:
Dichtung und Engagement...............................................................229


Helmut Kohlenberger

Hermann Broch und Erich von Kahler:
Vordenker der Aporie.......................................................................245


Paul Michael Lützeler

Hermann Broch und Paul Federn:
Sympathie und Psychoanalyse..........................................................261


Sándor Komáromi

Hermann Broch und Karl Kerényi:
Roman und Mythos...........................................................................277


Mária Kajtár

Hermann Broch und Friedrich Torberg:
Demokratie und Totalitarismus........................................................293


Csaba Olay

Hannah Arendt und Hermann Broch:
Roman und Moderne........................................................................305


Karol Sauerland

Hermann Broch und Hannah Arendt:
Massenwahn und Menschenrecht.....................................................319


Email Adressen der BeiträgerInnen................................................................333

 


***

 

 


 



További információk: http://www.pointernet.pds.hu/kissendre







Hirdessen itt! A szükséges információkat elolvashatja, ha erre a szövegre kattint.


A fenti dokumentummal kapcsolatos felelõsség meghatározása