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Ein inakzeptabler Artikel und Drieu LaRochelle

Szerző: Albrecht Betz

Le Soir war ein zu kostbares Instrument für die NS-deutsche Propaganda in Belgien, als dass man sich auf Konzessionen eingelassen hätte. Im PA-Originalton : Es kam darauf an dafür zu sorgen, dass sie von den Belgiern als eine von ihren Kreisen geschriebene Zeitung anerkannt wurde.




Punktuelle Schuld ?

Paul de Man, ein inakzeptabler Artikel und Drieu LaRochelle / Von Albrecht Betz

Daß einem 22jährigen die Literaturkritik im führenden Blatt eines Landes anvertraut wird, dürfte selten sein in der Publizistik Europas. Sofort steigt der Verdacht auf, Protektion sei im Spiel gewesen. Bei aller schon früh sichtbaren Begabung Paul de Mans: ohne die politischen und intellektuellen Verbindungen seines berühmten Onkels wäre sein Debut als Kritiker im Brüssel der ersten Kriegsjahre weniger sichtbar verlaufen . Der Name des Onkels öffnete die Türen. Hendrik de Man, der europäische Sozialist, der Wissenschaftler, der Arbeiterführer und (zeitweilige) Berater des Königs – im Kontakt mit zahlreichen führenden Figuren nicht nur Belgiens – dürfte seinen Neffen ohne Mühe „lanciert“ haben in jene Tageszeitung, die im frankophonen Teil der Nation den Ton angab. Le Soir hieß das Blatt, dessen Titel der Volksmund erweitert hatte zu Le Soir „volé“; „gestohlen“ – das war gemeint - von der deutschen Besatzungsmacht.

Genauer hatte es sich um eine Beinahe-Konfiskation durch die Propaganda-Abteilung (PA) der Wehrmacht gehandelt. Deren Ziel war, die prominenteste Zeitung Belgiens – mit der für das kleine Land hohen Auflage von 250 000 Exemplaren - gleich mit Beginn der Okkupation unter eigener Kontrolle weitererscheinen zu lassen. Bereits am 13. Juni 1940 kam die erste Nummer heraus, kaum mehr als zwei Wochen nach dem Ende der Kampfhandlungen. Die bisherigen Eigentümer, die Schwestern Rossel, hatten - von ihrer Flucht zurückgekehrt - bei den Verhandlungen mit der PA schlechte Karten. Le Soir galt vor dem Krieg als „deutschfeindlich“ und auf einen kompletten Austausch der Redaktion wollten sich die Eigentümer nicht einlassen. Es half ihnen nichts, Zugeständnisse zu machen. Le Soir war ein zu kostbares Instrument für die NS-deutsche Propaganda in Belgien, als dass man sich auf Konzessionen eingelassen hätte. Im PA-Originalton : “Es kam darauf an dafür zu sorgen, dass sie von den Belgiern als eine von ihren Kreisen geschriebene Zeitung anerkannt wurde.“

In dieser Perspektive wurde ein karrierebewusster, ehemals linkskatholischer Journalist zum Chefredakteur ernannt: Raymond de Becker. Aus seinen Sympathien für das Dritte Reich hatte er seit den späten dreißiger Jahren kein Hehl gemacht. Im Salon Didier in Brüssel-Ixelles, dem mondänen Treffpunkt der an einem „neuen Europa“ interessierten Intellektuellen, Künstler und Politiker, war er schon vor dem Krieg mit deutschen Journalisten und Diplomaten in Kontakt gekommen. Zu den Gästen dieses nach vielen Seiten hin offenen Salons, der manchen aus dem Rückblick als eine der Keimzellen der Kollaboration erscheint, gehörten Publizisten wie Robert Poulet und Pierre Daye und die beiden de Mans, Onkel und Neffe. In zeitlicher Nähe zur Ernennung de Beckers zum Chefredakteur von Le Soir begann dort Paul de Mans vorwiegend literaturkritische Aktivität: in der Weihnachtsausgabe 1940. Sie sollte zwei Jahre dauern.

Als die Existenz dieser Texte vor zwanzig Jahren in den USA bekannt wurde, vier Jahre nach de Mans Tod, ging ein Aufschrei durch einen Teil der geisteswissenschaftlichen Welt: eine der leuchtenden Gestalten der Harvard-Universität, der Theoretiker der Dekonstruktion mit ihrem Potential an innovativer Kritik, sollte in seinen Anfängen im okkupierten Belgien auch ideologische Texte veröffentlicht haben, sogar einen antisemitischen? Eine chaotische Debatte von Gegnern und Verteidigern de Mans schloß sich an und setzte sich in Deutschland fort.

Als eigentliches corpus delicti unter den etwa 170 Artikeln des jungen Kritikers galt jener, der über die Rolle der Juden in der Gegenwartsliteratur urteilt: Les Juifs dans la Littérature actuelle. Er erschien am 4.März 1941 auf einer Sonderseite, der Le Soir den Titel gab: Die Juden und wir (Les juifs et nous) , damit bereits die Ausgrenzung der „Fremden“ suggerierend.

Der Leitartikel von Leo van Huffel insistierte, es gehe hinfort nicht mehr um den sozialen, sondern um den rassischen Antisemitismus. Solch schrille Töne finden sich nirgends bei de Man. Und doch färbt das Umfeld dieser Seite auf seinen Beitrag ab.

Gleich zu Beginn geht er auf Distanz zum „vulgären Antisemitismus“, dem zufolge die gesamte westliche Kultur seit 1918 degeneriert, zersetzt, „verjudet“ sei. Vielmehr hätten sich die Juden gern selbst zu Anführern künstlerischer Tendenzen stilisiert. Doch die ästhetischen Entwicklungen verliefen in viel längeren historischen Bögen, jenseits zeitgenössischer Einschnitte. Das beweise etwa der psychologische Roman seit Stendhal mit seiner Vitalität: um die Exploration des Inneren der Figuren gehe es auch Gide, Lawrence, Hemingway oder Kafka. (Dessen jüdische Herkunft scheint ihm unbekannt zu sein). Selbst die in ihren Formen revolutionäre Poesie wie die des Futurismus oder Surrealismus habe tiefreichende Wurzeln.

Bei all diesen Entwicklungen, so de Mans Fazit, hätten die Juden keine herausragende Rolle gespielt: man müsste wenig Vertrauen haben in „unsere Zivilisation“, wenn sie sich von einer „fremden Macht“ leiten ließe. Der Artikel endet: “Eine Lösung des jüdischen Problems, die auf die Gründung einer jüdischen Kolonie außerhalb Europas zielte, würde für die westliche Literatur keine bedauernswerten Konsequenzen haben. Diese würde, alles in allem, einige Gestalten von mittelmäßigem Wert verlieren und würde sich, wie in der Vergangenheit, nach ihren großen Gesetzen weiterentwickeln.“

Diese, von einem 22jährigen grotesk großsprecherisch proklamierte Abwertung - kreatives Unvermögen, Zweitrangigkeit - wirkt wie angelesen. Gibt es eine Quelle ?

Vorab fällt auf, dass der junge Kritiker – um sein Urteil zu konkretisieren – von den drei Literaturen, die er regelmäßig bespricht: die belgische, französische und deutsche, allein die französische heranzieht. Bei der deutschen hätte er von der Exilliteratur sprechen müssen mit ihrem hohen Anteil jüdischer Autoren, was seine These widerlegen würde. Doch auch die traditionelle Paris-Orientierung der Brüsseler Intellektuellen kommt ins Spiel. Einer der Stars der Pariser rechtsintellektuellen Szene hat soeben - auf deutschen Wunsch - die wichtigste Literaturzeitschrift der frankophonen Welt übernommen: die nouvelle revue francaise. Zugleich schreibt er in mehreren Medien der Kollaboration: Drieu LaRochelle.

Zu deren ‚Zentralorgan’ wird die Wochenzeitung Je suis partout . Sie hatte bereits in den dreißiger Jahren durch antidemokratische und antisemitische Attacken massiv zum Ton radikaler Polemik der Vorkriegspresse beigetragen; im Februar 1941 war sie, nach kriegsbedingter Unterbrechung, wieder erschienen. In den rechten Milieus in Paris und Brüssel wurde sie stark gelesen.

Zwei Wochen vor Paul de Mans Artikel in Le Soir erschien in Je suis partout - als Aufmacher der „Ideen“-Seite - Drieus De Ludovic Halévy à André Maurois/ou l’impuissance du Juif en littérature . Die Behauptung vom kreativen Unvermögen, vom geringen Beitrag der Juden zur Literatur – auf die de Mans Beitrag hinzielte – stand hier gleich am Anfang. Und die Namen, mit denen de Man die angebliche Mediokrität illustrierte, waren fast die gleichen wie bei Drieu : André Maurois, Henri Bernstein, Julien Benda, Tristan Bernard.

Drieu hatte zusätzlich eine historische Linie der Halbjuden konstruiert - von Montaigne bis Proust – die er mit der Bemerkung versah, schon der kleinste Tropfen „unseres Bauern- und Handwerkerbluts“ erlaube jenen manchmal den Zugang zur Form. In de Mans Zusammenhang passte diese Variante nicht hinein. Doch blieb die große Linie die gleiche. Der junge Kritiker hatte sein Urteil offenkundig von dem Pariser Autor- kaum einer war derzeit mehr en vogue - übernommen. Er huldigte ihm auch ferner in seinen Rezensionen.

De Mans anstößiger Artikel scheint eine punktuelle Ausnahme - und ist vielleicht auf Anfrage der Redaktion für deren Sonderseite entstanden. Spuren von Antisemitismus lassen sich sonst kaum - weder beim Onkel noch beim Neffen - finden. Was nicht heißt, dass beide, vor allem in der ersten Zeit der Okkupation, zur Legitimation der „neuen Ordnung“ in einem „neuen Europa“ nicht überzeugt beigetragen hätten.

Die europäische intellektuelle Kollaboration – sie reicht von Norwegen bis Griechenland – ist in ihrem Ausmaß erst zu entdecken.



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