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Diese an sich eher triviale Formulierung
soll eingangs einzig aus dem Grunde stark
unterstrichen werden, weil diese Dimension
in den meisten konkreten Thematisierungen
auf eine erstaunliche Weise fehlt, indem
man eine Praxis befürwortet und ausführt,
die über die auch nur einigermassen bestimmenden
und deshalb auch determinierenden Momente
der Vergangenheit nichts zu wissen scheint.
Die eigenen Traditionen des Universitaetswesen
sind aber in jedem post-soztialistischen
Land Faktoren, die diese Sphaere selbst schon
zur Zeit des Realsozialismus entschieden
gepraegt haben. Was den ungarischen Fall
anlangt, so war stets bestimmend, dass in
diesem Land vor allem und selbstverstaendlich
wegen der historischen Brüche und Zaesuren
das universitaere System sich erst spaet
entwickelt hatte, es gab stets wenig Universitaeten,
die diese Bezeichnung verdient haben und
sie waren auch wegen der langen Abhaengigkeit
zum Teil von den Türken, zum Teil aber auch
vom Habsburgen-Österreich nicht diejenigen
Orte der freien Forschung und des freien
Denkens, die zur ursprünglichen und in anderen
Laendern auch realisierten Funktion dieser
Institution nahe gestanden haetten.
Die Konsequenz dieser so gestalteten historischen
Entwicklung zeitigte eine spezifische Ferne,
die zwischen der ganz allgemein aufgefassten
Gesellschaft und der spezifischen universitaeren
Sphaere, die zum Teil noch lange bestand,
zum anderen Teil aber auch noch alle spaeteren
Schritte in der weiteren Entwicklung des
Universitaetswesens langfristig beeinflusst
hat. In dieser Beleuchtung erscheint es als
durchaus charakteristisch, dass nicht einmal
die langen und in vielen Hinsichten konsolidiert
scheinenden Jahrzehnte des dualistischen
Ungarn überhaupt nicht entscheidend zum Ausbau
des so langen nur in den anfaenglichen Formen
existierenden modernen Universitaetswesen
beigetragen hatte. So ist es kein Zufall
mehr, dass die Abgrenzung relevanter Gebiete
von der ungarischen Haelfte der ehemaligen
Doppelmonarchie zu einer neuen Motivation
geworden ist, im Gebiet des sog. Kleinungarns
neue und nunmehr im westlichen Sinne verstandene
Universitaeten gegründet worden sind.
Ungarn war jedoch ein geistig, wie uns scheint,
intellektuell überdurchschnittlich produktives
Land und die Gesellschaft eine überdurchschnittlich
produktive und kreative Gesellschaft. Dies
heisst, dass wir es hier mit einem Fall zu
tun haben, in welchem eine überdurchschnittliche
Kreativitaet mit einem unter dem Durchschnitt
verbleibenden universitaeren System gekoppelt
vorkommt. Dies heisst auch, dass die Dynamik
der Strukturentwicklung, sowie diejenige
der Modernisierung über die modernen Universitaeten
hinausging.
An dieser Stelle können wir nicht umhin,
auch noch eine allgemeine theoretische Problematik
kurz anzuschneiden. Für unsere (in dieser
Arbeit nicht ausführlich zur Darstellung
kommende) theoretischen Überlegungen erscheint
das optimale Modell der gesellschaftlichen
Innovation, bzw. der gesellschaftlichen Kreativitaet
in einer spezifischen dualen Form. Dieses
Modell gründet auf einer konstruktiven (und
kompetitiven) Koexistenz, sowie auf einer
ebenfalls konstruktiven Kooperation von professionellen
intellektuellen Zentren (aus denen in der
historischen Zeit selbstverstaendlich die
Universitaeten die mit Abstand relevantesten
gewesen sind) mit den schöpferischen Gruppen,
bzw. Individuen der "Gesellschaft",
die im soziologischen Gefüge der gesellschaftlichen
Institutionen (wie Verlage, Theater, Presse,
Medien, etc.) ihre intellektuell-innovativen
Aktivitaeten ausüben. Wir müssen betonen,
dass es hier um ein optimales Modell geht,
welches sehr deutliche Gründe für die Bestaetigung
seines optimalen Funktionierens ins Spiel
bringen könnte. Dieses als Optimum angesetzte
Modell kann vielfach in der Analyse instrumentalisiert
werden. Es kann unter anderen auf die spezifischen
Probleme hinweisen, die aus dem Tatbestand
entstehen könnten, dass es eine Gesellschaft
gibt, deren Kreativitaet auf einem der beiden
Pole der Dualitaet aufgebaut ist. Es kann
zweifellos erklaeren, warum eine Gesellschaft
in langen Perioden der Moderne kreativ ohne
ausgebautes modernes universitaeres System
werden kann, es kann aber ironischerweise
auch dessen Gegenteil erklaeren, das wir
heute vor allem von Amerika ausgehend erleben,
dass die gesamte intellektuelle Innovation
und geistige Kreativitaet den Universitaeten
überantwortet ist. Die beiden Erklaerungen
gelten natürlich auch, wenn die gravierende
Einseitigkeit mit ihren zahlreichen und vielfachen
Folgen ins Auge springen muss. In diesem
Modell erscheint (und spitzt sich gleich
zu) die Hegel-Marxsche Dualitaet zwischen
Staat und Gesellschaft, denn in den beiden
Grundzentren der sozialen und intellektuellen
Innovationsprozesse einerseits die Universitaeten
(in der Vertretung des Staates, woran die
immer staerker werdende privatkapitalistische
Beteiligung kaum Wesentliches aendern dürfte)
und andererseits die in der Gesellschaft
taetigen Gruppen und Individuen (in der fast
tautologisch anmutenden Vertretung der Gesellschaft)
wie exemplarisch einander nahegekommen sind.
Dieses Ineinander von Staat und Gesellschaft
markiert die notwendigen Komponenten von
optimalen und prinzipiellen sozialontologischen
Zustaenden, dessen Lehren sich nicht unbedingt
nur gegen die illegitime Einseitigkeit der
staatlichen, sondern manchmal ebenfalls gegen
die ebenso illegitime Einseitigkeit der Gesellschaft
richten können.
Das heutige universitaere System wurde aber
auch zu Zeiten des Realsozialismus, und zwar
ebenso zu Zeiten des Stalinismus wie des
Post-Stalinismus grundsaetzlich gepraegt.
Dazu gehört auch noch, dass es gerade die
stalinistische Wissenschaftspolitik es war,
welche neben die Universitaeten ein ganzes
System von akademischen Forschungsinstituten
auf- und ausbaute. Es kann freilich überhaupt
nicht unsere Aufgabe hier sein, dieses System
von genuin stalinistischen Forschungsinstituten
zu würdigen. Wir müssen uns damit begnügen,
dass diese Institute aufgrund des ganzen
Spektrums der genuin stalinistischen Denkweise
(von einer Angst gegen die "Öffentlichkeit"
universitaerer Diskurse bis zum Willen, die
Wissenschaftler durch eine Reihe von Qualifikationen
und existentiellen Begünstigungen zu einem
nicht besonders hochstehenden Teil der Nomenklatur
zu machen) zur Welt kamen. Auf der anderen
Seite können wir dazu nur hinzufügen, dass
so ein Netzwerk von Forschungsinstituten
(die gegebenenfalls nicht vom Stalinismus
und entsprechenderweise nicht im stalinistischen
Geist haetten entstehen können) unsere vorhin
angedeutete These von einem optimalen Modell
der Innovation in der Gesellschaft relevant
ergaenzen und differenzieren könnte.
Es ist eine weitere Entwicklungslinie, wie
sich dann in der nachstalinistischen Zeit
diese ursprünglich voll im stalinistischen
Sinne konzipierten Forschungsinstitute weiterentwickelten,
wie sie einen ungewollten Pluralismus im
realsozialistischen Wissenschaftsbetrieb
eingebracht haben. Ein besonderes Kapitel
dieser Entwicklungslinie ist, dass anfangs
auch noch der nachstalinistische Staat das
grössere Vertrauen in die selbstaendigen
Forschungsinstitute setzte (was damit auch
einverstanden war, wie die Universitaeten
selbst schon aus diesem Grunde noch mehr
heruntergesetzt worden sind). Erst gewisse
Normalisierungsphaenomene des Spaetsozialismus,
noch mehr aber der Anfang der Verschuldungsproblematik
führte zu einer Wende in der Beurteilung
der beiden Zentren der wissenschaftlichen
Forschung und der Kreativitaet. Diese Wende
versicherte einen Trend des Spaetkommunismus,
waehrend wessen die Universitaeten an Anerkennung
und Authoritaet aufkamen, waehrend die Forschungsinstitute
an Substanz und Relevanz niedergegangen sind.
Es waere aber keine wirklich realsozialistische
Dimension, wenn in diesem Fall schon der
Untergang der Forschungsinstitute nicht auch
gravierende negative Folgen gehabt hatte,
sie dürften aber in unserer Thematik der
Universitaeten nicht mehr ausführlich dargestellt
werden.
Wir definierten vorhin das Optimum der gesellschaftlichen
Innovation als ein gelungenes Zusammenspiel
von "Universitaet" und "Gesellschaft".
Nun wollten wir mit einigen Zügen konkretisieren,
was eigentlich in dieser Dualitaet die Gesellschaft
an Funktionen zu übernehmen und auszuführen
haette, die an der intellektuellen Innovation
der Gesellschaft relevant werden könnten.
Es wird mehr als charakteristisch vorkommen
müssen, dass wir bei dieser Beschreibung
ein Modell der Vorkriegszeit, ja, der Jahrhundertwende
ausführen werden, denn es war eben die Zeit,
als die Beteiligung der Gesellschaft an diesen
Prozessen genau in dem von uns vertreteten
Sinne die höchste war. Durch die Benennung
der wichtigsten Charakterzüge einer historischen
Zeit deuten wir unbewusst aber auch an, dass
wir zwar auf prinzipieller und theoretischer
Ebene von der inkommensurablen Relevanz einer
gesellschaftlichen Beteiligung an der kulturellen
und intellektuellen Innovation überzeugt
sind, diese notwendige Bedingung unter den
heutigen Bedingungen eher nur als eine Forderung
oder als eine in der Gegenwart noch gültige
historische Vision formulieren können. Es
bedeutet, dass es heute immer noch viel problemloser
ist, die unerlaessliche und qualifizierende
gesellschaftliche Beteiligung an den sozialen
Innovationsprozessen prinzipiell zu formulieren
als eben an ihre aktuelle Realitaet hinzuweisen.
Wir können aber aus diesem aktuellen Nachteil
auch einen Vorteil machen. Gerade durch unsere
Schwierigkeiten beim Aufzeigen der aktuellen
Formen der gesellschaftlichen Beteiligung
an den kultureller Innovation laesst sich
die wirkliche Lage und sie ausmachende kritische
Einseitigkeit eines nur durch die Universitaeten
vertretenen Innovationsprozesses in exemplarischer
Eindeutigkeit aufweisen.
Durch diese gleichzeitig prinzipielle und
historische Vision über die Beteiligung der
Gesellschaft an der schöpferischen Innovation
wird die Notwendigkeit einer adaequaten Reformulierung
und Neudefinition dieser Beteiligung auch
ausgesprochen. Solange aber so eine Reformulierung
noch nicht durchgeführt wird, bleibt uns
nichts anderes übrig als führende Eigenschaften
dieses Beteiligtseins aus der Geschichte
heraufzubeschwören. Zu ihnen gehört das intensive
Interesse des öffentlichen Bewusstseins für
die im Raum stehenden intellektuellen Alternativen,
die Möglichkeit der effektiven Kommunikation
über dieselben Alternativen, die dann die
tatkraeftige Identifizierung gewisser Gruppen
und Individuen mit gewissen intellektuellen
Alternativen möglich macht (welche Identifikation
selbstverstaendlich und wie ganz notwendig
auch noch projektive Züge seitens der betreffenden
Gruppen und Individuen mit einschliesst.
Diese Identifikationsakte verbinden die betreffenden
intellektuellen Inhalte mit anderen (am relevantesten:
mit politischen) Inhalten, wodurch viele
anfangs ganz und gar apolitische intellektuelle
oder kulturelle Optionen wie selbstverstaendlich
zu starken politischen Fixierungen werden
können. Durch diese bereits Identifikationselemente
enthaltenden Diskussionen wird auch der kulturelle
Markt modifiziert, die Zusammensetzung der
Übersetzungsliteratur aendert sich, neue
Verlage und Zeitschriften entstehen, die
intellektuelle Arbeit der Gesellschaft nimmt
quasi-institutionelle Formen an, durch die
Kunstkritik werden Meinungen und Einstellungen
schon quasi-institutionell miteinander konfrontiert,
die einzelnen kulturellen Alternativen werden
- in der Gesellschaft selber, selbstverstaendlich
- mit ebenfalls alternativ gegenübergestellten
politischen, sozialen und Positionierungen
amalgamiert. Diese quasi-institutionelle
Organisation der gesellschaftlichen Innovation
kann noch weitere Schritte in der Selbstrepraesentation
und der Selbstorganisation tun, die ersten
quasi-institutionellen Elemente können sich
weiter institutionalisieren, es können Verbaende
und Gesellschaften entstehen, um diese Teilnahme
an der Urteilsbildung und dadurch an den
kreativen Innovationsüprozessen weiter auszubilden
und zu befördern. Es ist leicht einzusehen,
dass Universitaeten ihre primaeren Funktionen
dann am optimalsten erfüllen können, wenn
sie mit so einer Gesellschaft koexistieren
und kooperieren.
Vor dem Horizont eines optimalen Modells
der intellektuellen Innovation erscheinen
die Probleme des ungarischen post-sozialistischen
Universitaetswesens vielleicht noch gravierender.
Es geht dabei vor allem um das Nachholen
von den mehreren Schichten von historischen
Rückstaenden (die ja die allgemeine Erneuerungsfaehigkeit
nicht in Abrede stellten). Es ist ein merkwürdiger
Zug dieser Gesamtentwicklung, wie es in Ungarn
den grossen Fachuniversitaeten wie Mathematik,
Naturwissenschaften, Ökonomie, Technik oder
Medizin, viel leichter gefallen ist, das
internationale Niveau auf eine anerkannte
Weise zu erreichen, wie es mit den klassischen
Humanwissenschaften der Fall gewesen ist.
Der spezifische Niveauunterschied zwischen
diesen Bereichen darf wohl auch eine der
ungarischen spezifischen Eigenschaften aufgefasst
und interpretiert werden.
Die spezifisch stalinistische Umgestaltung
erreichte diese Fachuniversitaeten auch überraschend
vielschichtig, wenn eben nicht selektiv.
Soweit es von heute aus einheitlich überschaut
werden kann, wurde die Lehrkörperschaft von
der Juristischen und Ökonomischen Universitaet
(damals beide noch Fakultaeten der Pázmány-Universitaet,
Budapest) fast vollstaendig ausgewechselt.
Die Technische Universitaet (schon damals
selbstaendig) hatte es erheblich besser gehabt,
schon deshalb, weil die vorgeplante und forcierte
Industrialisierung des Landes unmittelbar
bevorstand. Vergleichsweise aehnlich ereilte
es der (schon damals selbstaendigen) Medizinischen
Universitaet, wobei hier der par excellence
stalinistische Umgestaltung eher darin bestand,
die Anzahl der auszubildenden Mediziner erheblich
zu erhöhen und auf solche Weise dem wirklichen
oder nur vermeintlich existierenden elitaeren
Charakter dieser Prozession ein Ende zu setzen.
Waehrend es - schon aus dem bisher Gesagten
in unserem Versuch - zu erwarten gewesen
waere, dass Philosophie, Philologie und Geschichte
ebenso schlecht bei der Umgestaltung wegkommen,
war hier das Bild ein streng verdoppeltes.
Einerseits entfernte man von diesen Fakultaeten
zahlreiche Professoren und ideologierte man
den ganzen Unterricht durch, andererseits
erwies sich das sowjetische Drehbuch der
Umgestaltung an dieser Stelle nicht so ganz
verheerend wie es an so vielen anderen Stellen
der Fall gewesen ist. Hier sollten die Motivationen
also auch von jener fast rituellen Überzeugung
der stalinistischen Ideologen getragen worden
zu sein, dass die neue Macht mit seiner strikt
stalinistischen Ideologie sich mit den "progressiven"
Werten der nationalen Kulturentwicklung ein
Bündnis von synthetischem Charakter eingehen
soll.
So eine Grundauffassung und Grundstruktur
der Universitaeten ging in die erste post-stalinistische
Phase hinüber, wobei selbstverstaendlich
auch die neuen revolutionaeren Bewegungen
und ihre Retorsionen des Jahres 1956 ebenfalls
nicht unerwaehnt gelassen sein dürften.
Eine vom System des Stalinismus und des Poststalinismus,
sowie von den soeben aufgebauten Parallelinstitutionen
der selbstaendigen Forschungsinstituten gepraegte
Universitaet setzte ihre Existenz in der
reifen und dann in der spaeten Kádár-Zeit
fort. In den siebziger Jahren erfolgte dann
die Schritt für Schritt vor sich gehende
Vergrösserung der universitaeren Autonomie,
das Wachsen der Autoritaet und der Selbstaendigkeit
dieser Sphaere. Dass diese Entwicklung voll
mit ironischen, paradoxen und von Zeit zu
Zeit auch noch absurden Zügen war, versteht
sich von selber, man darf aber auch nicht
vergessen, dass solche Züge auch der westlichen
universitaeren Entwicklung nicht so ganz
fremd waren. Wie schon kurz darüber die Rede
war, war diese neue Politik vor allem von
dem Komplex der Staatsverschuldung diktiert,
spielte dabei auch ein generaler Normalisierungswille
eine Rolle (in dem Sinne, dass der Establishment
immer mehr den allgemein-zeitgemaessen Normen
entsprechen wollte). Immer wichtiger war
für das System die von aussen kommende Beurteilung,
die Anerkennung angesichts Institutionen
und sozialen Prozessen, die im Kommunismus
auch ebenso aussehen, wie es im Westen gewohnt
war. Last but not least wuchs im spaetkádáristischen
Ungarn auch schon eine neue Technokratie
heran, die rein rationale und pragmatische
Forderungen an die Universitaeten stellen
wollte und der allein schon auf dieser Grundlage
eine Schritt für Schritt zu verwirklichende,
immer faktischer werdende Autonomie der Universitaeten
als eine rationale Forderung selbst im Kommunismus
anschaute. Zuletzt sei aber noch auch jenes
Motiv hinzugefügt, dass in der politischen
Stabilitaet der genannten spaetkádáristischen
Zeit diese zu erzielende wachsende Autonomie
kein wirkliches politisches Risiko mehr bereitete,
bzw. bereitet haben dürfte.
Kein Wunder, dass diese neue Universitaet
auch die faculté maitraisse dieses Zeitalters
in rasender Geschwindigkeit auf sich nahm
und von dem Zeitpunkt an weiter trug. Es
geht um den Spruch, der auch in einer merkwürdig
widersprüchlichen Umkehrbeziehung zu den
Grundvorstellungen des englischen Empirismus
des achzehnten Jahrhunderts stand: "Alles,
was sichtbar ist, ist nicht wahr, alles was
wahr ist, ist nicht sichtbar". Aus den
vielfachen Auslegungen dieses Spruches sei
unter anderen Möglichkeiten jetzt daran gedacht,
dass manchmal das, was in und an diesen Universitaeten
wirklich progressiv und gut war, aus vielen
unterschiedlichen Gründen auch nicht gesehen
werden konnte. Ganz kritisch fiel diese Eigenschaft
ins Gewicht als nach 1989 zahlreiche der
wirklich fortgeschrittenen Momente nicht
als allgemein und öffentlich anerkannt wahrgenommen
werden konnten.
Die Begegnung des so charakterisierten ungarischen
Universitaetssystems mit den europaeischen
Herausforderungen und Erwartungen laesst
sich heute noch kaum einheitlich zusammenfassen.
Über eine ganzheitliche Korrektur dieses
Systems kann kaum gesprochen werden. Es ist
einerseits wahr, dass die westlichen Einflüsse
mit keinem nenneswerten Zuge das ungarische
Universitaetswesen in seiner Weiterentwicklung
geholfen haben. Dieses System war für die
Beobachter einerseits erstaunlich gross,
andererseits bestaetigte dieses System überhaupt
nicht die Rhetorik des aus Erschöpfung von
allein zusammenfallenden Kommunismus. Nichtsdestoweniger
blieb dieses System ein Fremdkörper in seinen
Augen und dieses Bild dürfte um so laenger
so geblieben sein, weil der "Westen"
kurz danach auch generell auf die arbeitsintensiven
und strukturmodernisierenden Interventionen
verzichtete. Dieses Verhalten wurde von den
von Zeit zu Zeit wieder verstaerkten Anstrengungen
konterkariert, aus welchen man den Eindruck
gewinnen konnte, es gibt Hochschuleinrichtungen
und für diese Aufgabe spezialisierte Firmen,
die sehr gerne umfassende Lehrstoffeinheiten
auch im Hochschulbereich gerne verkaufen
würden.
Die innere Problematik der Transformation
wurde durchgehend von der generellen Restriktionspolitik
aller bisherigen demokratischen Regierungen
bestimmt. Die Art und Weise, der Zeitpunkt
und das allgemeine intellektuelle Umfeld
so einer restriktiven Attacke war von vielen
zufaellig zu nennenden Umstaenden bestimmt.
Es war naemlich nicht so einfach die von
vielen als "Reform" ausgegebene
Restruktion an einer sozialen Sphaere durchzuführen,
bei deren Anblick die hartherzigsten westlichen
Beobachter den eigenen Augen nicht trauen
(indem sie sagen, es ist unmöglich, dass
diese Wissenschaftler so einen niedrigen
Lohn haben), was aber die meistens ebenfalls
aus Intellektuellen rekrutierten ungarischen
Politiker nicht daran störte, festzustellen,
man muss dem bequemen Leben der Hochschullehrer
in der Gestalt einer restriktiven Reform
ein Ende setzen.
Die nach solchen Voraussetzungen ausgeführte
Restriktion (im Rahmen des sogenannten Bokros-Paket)
kostete 4000 Hochschullehrer den Posten.
Da diese Restriktion ohne nennenswerte meritokratische
oder intellektuelle Dimensionen geschah,
erwies sie sich auch in dieser Region als
das, was sie in allen anderen Regionen war.
Sie war keine Reform, sie war keine Modernisierung,
sie vertrat keine neue Gerechtigkeit im Verhaeltnis
des vielgeschmaehten Kommunismus. Sie war
einfach ein Zeichen einer neuen Zeit, eine
Traumatisierung der Universitaeten, die dann
neuen Arten und Motiven der Gleichgültigkeit
den Weg ebnete. Dies ist um so bedenklicher,
weil sich der Anteil der Gesellschaft in
der intellektuellen Innovation keinesfalls
vergösserte, so dass die alleitige Überfrachtung
der Universitaeten um kein Haar kleiner geworden
ist. Und dazu gesellt sich auch noch das
ebenfalls bedenkliche und als solches gesamt-postsozialistische,
aber auch gesamtmonetaristische Phaenomen
der nach unten sich bewegenden Spirale der
Verteilung des kulturellen und des sozialen
Kapitals, welche neuen Erscheinungen der
sozialen Reprimitivisierung Turm und Tor
öffnet.
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