Carl Dallago's gelebtes Denken. Die Möglichkeit einer antimetaphysischen Religiositaet
(DER FALL HERMANN BROCH)


Endre Kiss, Budapest

Carl Dallago's gelebtes Denken gilt als eine der idealtypischen Repraesentationen einer breiten Strömung des modernen europaeischen Denkens, die wir nach einigen Historikern der skandinavischen Philosophie- und Ideengeschichte "Persönlichkeitsidealismus" nennen würden.


Wir sind jedoch mit einer merkwürdigen Situation in Philosophie- und Ideengeschichte konfrontiert. Obwohl führende Vertreter dieser Denkweise in ausreichend identifizierbarer Form nicht nur in den einzelnen Kulturen, sondern auch international sehr gut bekannt sind (Emerson, Ruskin, Carlyle, Morris, Nietzsche , der Sozalismus der Fabianer, eine ganze Reihe der Lebensreformexperimente und viele aus der hohen philosophischen Kultur kleiner Nationen), ist eine systematische und monographische Rekonstruktion dieser Denkweise bis heute noch nicht gemacht worden. Es versteht sich von selber, dass auch das Verstehen, aber auch die Interpretation, sogar auch die Würdigung von Carl Dallago mit diesem Zustand am engsten verbunden ist.

Eine der grössten Schwierigkeiten in der Rekonstruktion des persönlichkeitsidealistischen Philosophierens besteht darin, dass die Kohaerenz dieser Denkweise nicht in den einzelnen Aussagen, vielmehr in dem hinter den Aussagen stehenden Verhalten besteht. Daraus folgte, dass in der Analyse gerade nicht die Gemeinsamkeit des Verhaltens, sondern die Differenzen in der Konkretisierung zur Vorherrschaft kam. So erschien der Persönlichkeitsidealismus von William Morris als ein aesthetizierender Sozialismus, derjenige von John Ruskin als eine Wesensschau des Asthetischen, derjenige von Carlyle als heldenverehrende Geschichtsphilosophie, derjenige von Friedrich Nietzsche als eine Philosophie des Übermenschen.

Der Persönlichkeitsidealismus erhaelt seine eindeutige Relevanz in dem endgültigen Diesseitig-Werden des Denkens und der Lebenswelt und definiert die neue Aufgabe, wenn eben nicht Pflicht des Menschen, sich selbst diesseitig neu zu definieren, sich selber Lebens-Sinn zu formulien und alle Phaenomen, alle "Subsysteme" unter diesem Aspekt stets kritisch unter die Lupe zu nehmen. Sich selbst Sinn zu geben heisst aber stets, allen anderen auch, sogar der Menschheit stets auch einen neuen, diesseitigen Sinn zu formulieren. Diese Grundeinstellung der persönlichkeitsidealistischen Richtung erhebt sie stets in eine "religiöse" Höhe oder- wie es eben bei Carl Dallago der Fall ist - in die Höhe einer Religiositaet neuer Art.

Diese Grundeinstellung bestimmt aber gleich den kontextuellen und den strukturellen Spielraum dieser Richtung. Sie wendet sich erstens gegen metaphysisch-traditionelle Denkweisen, sie wendet sich zweitens gegen eine Moderne ohne Emanzipation (welcher Begriff am naechsten der Bedeutung des Persönlichkeitsidealismus steht), sie wendet sich drittens auch gegen einen Aesthetizismus ohne Persönlichkeitsidealismus. Uns scheint, dass diese drei Richtungen der Orientation auch für Carl Dallago's Denken im grössten Masse charakteristisch ist.

Cark Dallagos Weltbild repraesentierte, auch als eine der spaetesten und interessantesten Varianten der persönlichkeitsidealistischen Denkweise, eine so weitgehende Inkarnation von ursprünglichen (und wir sollten sehr schnell hinzufügen: "unverfaelschten") Nietzscheschen Vorstellungen, dass das erreichte Mass der gelebten Ebenbildhaftigkeit mit den in der Forschung üblichen Methoden der Rekonstruktion gemeinsamer Motive und sonstiger Anregungen kaum mehr adaequat auszuweisen ist.

Dieses monumentale Mass der bewusst realisierten emanzipativen menschlichen Gattung, diese von Nietzsche auch stets gewollten, aber auch unabhaengig von Nietzsche realisierten Ebenbildhaftigkeit Carl Dallagos ist schon mehreren Freunden und Beobachtern aufgefallen. Klassisch stehen die Dallago-Darstellungen des spaeten Broch, sein alter ego im Bergroman, aber auch die des Imker in den Schuldlosen vor uns. Es war alles andere als Zufall oder künstlerische Willkür, dass Dallago in dieser Erzaehlung am Ende durch Musik, durch eine unendliche Melodie charakterisiert wird. Was waere es anders, als die Brochsche Lösung der Aufgabe, die für die künstlerisch-mimetische Arbeit Dallago als "Repraesentant der Menschheit und der Menschlichkeit" in beinahe Carlyleschen Manier dichterisch bedeutet. Dieselbe Einschaetzung klingt aber auch in einer Beschreibung Ludwig von Fickers durch, in der er die Mitarbeiter des Brenner "einsame Naturen", "Sonderlingsnaturen dem Anschein nach" nennt (1).

Als Zarathustra nach der Begrabung des Seiltaenzers wieder unter die Menschen geht, suchen ihn seine beiden Tiere, der Adler und die Schlange auf. Im Adler symbolisiert Nietzsche auf eine explizite Weise die grösste Stolz und in der Schlange die grösste Klugheit. Die Gleichzeitigkeit der beiden Tugenden, die des Adlers und der Schlange, der grössten Stolz und der grössten Klugheit ist das spezifisches Kriterium eines Zarathustra. Dieses Insistieren auf eine erwünschte Gleichzeitigkeit dieser beiden Tugenden, bzw. Werte beinhaltet einen relevanten dekonstruktiven Gehalt in der ersten Linie gegenüber dem breit verstandenen christlichen Weltbild, da in letzterem Stolz in der Regel als nicht klug und Klugheit in der Regel als nicht stolz interpretiert werden dürften. Diese Gleichzeitigkeit weist in letzter Instanz in der Richtung einer Diesseitigkeit der Lebensauffassung, einer Dieseitigkeit, die leicht begreiflich und leicht zu verfolgen ist. Die gleichzeitige Praesenz dieser beiden Eigenschaften ist aber auch für Carl Dallago charakteristisch, unter anderen auch deshalb kann sein gelebter Nietzscheanismus als paradigmatisch und als eine selbstaendige und so bestimmende Qualitaet im intellektuellen Leben der Zeit überhaupt angesehen werden.

Worin aber besteht die philosophische und zutiefst humane Klugheit Carl Dallagos? Sicherlich war er von seiner intellektuellen Umgebung nie unmittelbar für allzu klug gehalten. Wir plaedieren trotzdem in aller Bewusstheit für seine "grösste" Klugheit. Wir tun es auch im Bewusstsein dessen, dass seine Denkweise, mit ihrer unmittelbaren Einheit des Denkens, der Persönlichkeit und der Natur ausserhalb der sonst herrschenden Schemata der intellektuellen Grösse steht. Dieses Eudaimonisch-Persönliche im Denken Dallagos liess letzten Endes bis heute nicht entsprechend zur Kenntnis nehmen, welche intellektuellen Leistungen er erzielte. In diesem Zug ist es gerade das Glücksmoment, die Notwendigkeit und sogar auch die Pflicht des Menschen, glücklich zu sein, die die intellektuellen Komponenten verdraengen, hier wird ein geradezu kitschig funktionierender Zug des in dieser Richtung sozialisierten Alltagsbewusstseins mobil, wo das Glück intellektuelle Grösse ausschliesst, wo also die Unerlaesslichkeit der intellektuellen Grösse bei der Begründung des Glückes nicht einmal kognitiv thematisch werden kann. Dallago laesst aus Nietzsches reicher Tradition gerade jene Momente zu neuem Leben erstehen, die die untrennbare Einheit von intellektueller Grösse und Glücksfaehigkeit demonstrativ thematisieren, eine der letzten Errungenschaften des europaeischen Denkens überhaupt, deren Wahrnemung und Niederschlag im Alltagsdenken auf eine schicksalhafte Weise nicht erfolgte.

Überhaupt stehen hier zwei Normen der intellektuellen Leistungen einander gegenüber. Die eine (die sich auch in Nietzsche als Ideal thematisieren laesst) sieht in den intellektuellen Leistungen Mittel, die als Idealbild bereits konzipierte reife und reiche Persönlichkeit zu schaffen, sie in der Welt der adaequaten und inadaequaten Bewusstseinsformen zu orientieren, jenen "Gefahren" vorzubeugen, die den freien Geist auf seinem Wege gefaehrden koennten und endlich, als Ausfluss alles dessen, eine auf der Höhe der Gattung stehende konkrete Existenz zu gewaehrleisten. Über die Kunst sagt diese Evidenzvorstellung Dallago selber folgendermassen aus: "In den Grenzen der Erscheinung findet dieser Lebensstrom Gestaltung in der Kunst. Es besagt: dass Kunst nicht das Höchste ist...Und so waere vielleicht dort das Höchste: Wo dieser Lebensstrom des Seins, abseits aller Grenzen der Erscheinung zerfliessend nach der Richtung des unauffindbaren Mittelpunktes, wie aufgesogen von einer verhangenen Gesetzlichkeit gelebt wird...Es würde bedeuten: Voreilige Überwindung der Kunst durch eine Realitaet, die grösser ist als die Kunst. Und ich glaube, dass etwas zutiefst in mir zuweilen danach ausblickt" (2). Diese "erlebte Realitaet", die den Einzelnen auf die Höhe der Gattung erhebt, ist also das eigentliche Ziel auch von Dallagos Denken. In diesem Zusammenhang sind auch diejenigen, scheinbar keine theoretische Relevanz aufweisenden Aeusserungen Dallagos, die den philosophischen Stellenwert der unmittelbaren Anschauung hervorheben. Ein Beispiel: "...ich [lese] immer weniger..., und [gebe] mich dafür haufigen aeusserlichen und innerlichen Betrachtungen hin..." (3).

Tatsaechliche und potentielle intellektuelle Genialitaet (mitsamt allen anderen einzelnen "spezifischen" Bereichen wie dem rein Künstlerischen oder rein Moralischen) wird somit der im Erleben realisierten menschlich-anthropologischen Gattungsnorm untergeordnet. Die "erlebte Realitaet" nennt Dallago an anderer Stelle auch eine "Philosophie der Tat", wodurch er die adaequaten Praxis- und Erlebensqualitaet zusammenfallen laesst. Diese Identifizierung führt er, was kein Zufall ist, gerade in einer Nietzsche-Analyse durch: "Nietzsche ist Anbahner einer Philosophie der Tat, als solcher ein Grösster, aber ein Anfang und nicht Vollender oder Erfüller. Er hat nichts zuende geführt. Seine Grösse ist sein Raumschaffen für eine Philosophie der Tat; er bereitet darauf vor, dass eine solche wieder gesehen und gehört wird. Und er weiss, was Philosophie der Tat ist: dass sie mehr als jedes philosophische System ist" (4). Die Philosophie der Tat ist sicherlich keine Praxisphilosophie im Sinne Hegels oder des Neuhegelianismus, sie ist ein existentiell erlebbarer, eudaimonistischer Persönlichkeitsidealismus. Bis in die Details hin identifiziert sich Dallago mit dem Nietzscheschen Begriff des Unzeitgemaessen (5) und der "Dekadenz" (6). Das "Offene", "Unabgeschlossene" betont er in der Gesamtwertung Nietzsche auch, indem er Schopenhauer zitiert: "Ein Mann erhebt sich niemals höher, als wenn er nicht weiss, wohin sein Weg ihn noch führen kann!" (7) Dallago fügt dieser These folgendes hinzu: "Vielleicht war es sogar dieser eine Satz, von dem die Hauptbewunderung Nietzsches für Schopenhauer herzuleiten ist" (8). Von Nietzsche übernimmt Dallago auch den Begriff des Philisters, den auch er vornehmlich als Kulturphilister versteht. Nun macht diese Auffassung auch Dallago möglich, aktuelle Kulturkritik zu betreiben. In der Tiefe derselben konfrontiert er die Symptome der vom Kulturphilister beherrschten modernen Kultur mit seinem Mass an essentieller Menschlichkeit.

Es ist in dem grössten Masse paradox, dass die Attacke des jungen Broch auf den "Philister" Dallago einen Dallago trifft, der in Thomas Mann gerade eben den Philister erblickt. Es liegt auf der Hand, dass hinter Brochs Ablehnung der Philisterkritik Dallagos die Ablehnung der ganzen eudaimonistischen Lebensweisheit desselben und dadurch auch eine der markantesten humanistischen Optionen der ganzen ersten Welle der europaeischen Moderne bedeutet (8). Denn bald ist es Kleist (im Kontext seiner Hermann Bahr-Kritik), bald ist es Chamisso (im Kontext seiner Thomas Mann-Kritik), dessen die Gattung repraesentierende menschliche Essenz Dallago vor Interpretationen in Schutz nimmt, die sich gerade das menschliche Mass bei ihnen nicht mehr vergegenwaertigen koennen. In diesen kulturkritischen Aeusserungen weist auch seine (wie übrigens auch die des jungen Broch) Einstellung zur Politik, in der er aber auch die ablehnende Haltung beinahe saemtlicher österreichischer Zeitgenossen teilt (9). Was ferner die das Politische aus kulturkritischer Sicht ablehnende Haltung der österreichischen geistigen Elite anlangt, so stehen uns Aeusserungen von Kraus, Musil oder der Wiener Impressionisten in grosser Anzahl zur Verfügung. Diese Eigenschaft scheint das verbreitete Bild der unpolitischen geistigen Kultur der letzten Periode Österreich-Ungarns zweifellos nur zu bestaetigen. Was sich jedoch im Falle Dallagos kritisch ausnehmen kann, sind seine diesbezüglichen Formulierungen, die gerade infolge seiner bewusst gewaehlten einfachen Ausdrucksweise, oft simpel erscheinen und dies ist in Anbetracht der geradezu epidemischen Missdeutungen von vielen geistigen Positionen in unserem Jahrhundert ein Anlass, potentiellen Missverstaendnissen oder gar Missdeutungen schon im voraus zuvorzukommen. Solche Saetze, wie der folgende, koennen zweifelsohne diesen simplifizierenden Eindruck erwecken, zumal wenn man sich vorhin die Palette von dem (zutiefst nietzscheanischen) Persönlichkeitsidealismus Dallago's noch nicht vergegenwaertigt hatte: "Solche politische Vertreter des Volkes machen sich allzu oft als gemeine Kraemer fühlbar: sie handeln mit Staats-, Volks- und Parteiwohl, mit Gesetz und Ordnung wie mit Waren" (10). Ohne diesen angesprochenen ganzen Hintergrund kann aber auch noch der folgende Gedanke nicht im Sinne Dallagos gelesen werden: "Ich aber liesse meine Kinder viel lieber in den Krieg ziehen als in Fabriken und Bergwerke" (11).

Nun funktionierte das philosophische Bewusstsein des jungen Broch völlig anders und wir müssen uns dieser Differenz voll bewusst werden, wenn die methodischen Grundlagen zu Brochs Dallago-Interpretation endgültig gelegt werden müssen. Ob richtig oder nicht, ob bewusst oder nicht, ob begründet oder nicht, der junge Broch wendet sich mit einer am Hass grenzenden Leidenschaft gegen Dallagos "gelebtes Denken", gegen ein Denken also, welches als Eudaimonie eine kohaerente und homogene Einheit zwischen Kognitivem und Existentiellem in realisierter Form ausmachen will und sie auch tatsaechlich ausmacht. Wir haben bereits mehrfach auf die Tatsache hingewiesen, dass in dieser Ablehnung auf idealtypische Weise auch die in der Schlüsselhaltung sich artikulierende Differenz zwischen der ersten und der zweiten Welle der europaeischen Moderne kund tut. Eine zweite Schicht dieser Kritik macht Brochs Ressentiment gegen ein in der steten emanzipativen und in dieser Hinsicht "idealistischen" Selbstüberwindung bestehenden und dabei um das Glück orientierten Menschenbild aus, und zwar, wie es wohl anzunehmen ist, wegen der frühen existentiellen Einsicht des jungen Broch, wonach er wie von Kindheit an eine Harmonie der kognitiven mit der existentiellen Sphaere als schier unmöglich angesehen hatte (12). Bei dieser Ablehnung spielte aber auch ein für die inneren Dimensionen der ausgehenden "belle epoque" allgemeines Generationsproblem eine gewisse Rolle, aber auch die intensive und nicht unbedingt bewusste Aspiration des jungen Broch, sich in dem ihm seriös scheinenden literarischen Leben so schnell wie möglich einen Namen zu machen.

Brochs Kritik am nietzscheanischen Eudaimonismus Dallagos gründet aber über alles Erwaehnte hinaus prinzipiell auf Broch's spezifisch explizitem philosophischem Kritizismus, bzw. Apriorismus. In dessen Beleuchtung erscheint letztlich Dallago mit Notwendigkeit als "naív" und "unkritisch". Obwohl es vor Broch (und bis zu einem gewissen Grade für Dallago auch) nicht unbedingt bekannt war, beruht dieses Argument auf einer (für den jungen Broch tatsaechlich feststellbaren) deutlichen Unkenntnis Nietzsches (die ja durch die Zufaelle der Nietzsche-Rezeption auch nicht gerade unverstaendlich waeren).

Nietzsche arbeitet naemlich ein vollstaendiges szientistisch-wissenschaftliches Instrumentarium aus (in Menschliches, Allzumenschliches, das er für sein philosophisches Hauptwerk hielt), seine szientistisch-wissenschaftlichen Einsichten werden aber nicht als Resultate einer wissenschaftlichen oder wissenschafts-methdologischen Forschungsarbeit als "Selbstzweck" angesehen, sondern dienen im engsten Sinne des Wortes dazu, die Probleme des (im breit gefassten wissenssoziologischen Sinne) richtigen Bewusstseins, des richtigen Lebens, des richtigen Menschseins adaequat zu begründen (extrem exemplarisch laesst sich dieses Verfahren im "Ersten Hauptstück" des Menschliches, Allzumenschliches studieren, in dem die erste Haelfte der einzelnen Texte in der Regel grundsaetzliche wissenschaftliche, bzw. wissenschafts-methodologische Erkenntnisse enthalten, waehrend die zweite Haelfte desselben aphoristischen Textes von der gleichen Numerierung bereits die aesthetischen, moralischen oder religiösen Konsequenzen des soeben ausgesagten wissenschaftlichen Satzes erarbeitet. Aehnlich liegt es auch bei Dallago. Waehrend er, scheinbar "unwissenschaftlich", die Einheit des Denkens mit dem Leben betont, die allzu hohe Einschaetzung der wissenschaftlich formulierten Wahrheit zuungunsten künstlerisch oder moralisch artikulierter Aussagen sogar auch explizit kritisiert ("...was für fatalen Beigeschmack hat eine Zeit, die die Dinge erst geniessbar findet, wenn sie wissenschaftlich zubereitet sind" (13), entdeckt man auch bei ihm das methodisch bewusste und reife Instrumentarium des szientistischen Denkens. Das wissenschaftliche Denken greift er aber kulturkritisch an. Er bezweifelt nicht seine Potenzen, er attackiert sie von einer höhere Warte aus: "So ist die Wissenschaft heute am kapitalistischen Positivismus der Gesellsschaft zur Hure geworden. Das Ergebnis ist: die Entraetselung der Welt, die Entseelung des Daseins, die Entgöttlichung des Alls. Es bedeutet zuletzt den Triumph des Nichts" (14). Wenn es jemandem als Ausbruch eines frustrierten Idealisten erscheinen mag, so möge er anstatt "Entseelung", 'Entraetselung' oder 'Entgöttlichung' Max Webers "Entzauberung" einsetzen, so wird die exzellente szientistische Würde der These voll und ganz wiederhergestellt.

Um Dallagos intellektuelle Leistung bei seiner Philisterkritik optimal anzuerkennen, braucht man nicht unbedingt eine generell negative Position Thomas Mann gegenüber einzunehmen. Die Bürgerlichkeit Thomas Manns erhielt - in unsere heutige historische Perspektive gestellt, allerdings vor dem Horizont einer sich relevant wandelnden Thomas Mann-Interpretation - sogar noch einige weitere zusaetzliche Noten. Carl Dallagos reiner eudaimonistischer Persönlichkeitsidealismus machte ein Phaenomen sichtbar, das sich spaeter als qualitativ erwiesen sollte. In den komplexen, anti-bürgerlich stilisierten künstlerischen Rechtfertigungsideologien entdeckte er sehr früh Thomas Manns zaehes Festhalten am Bürgerlichen, sein Selbstverstaendnis als kritischer Repraesentant dieser Schicht (oder mit seinen glaenzenden eigenen Worten: Thomas Manns "solide Landung im Philistertum" (14). Dallagos Perspektive eines reinen Menschentums, eines nietzscheanischen Eudaimonismus entlarvt die unbewusste, aber auch die bewusst-ideologische Fixierung des Thomas Mannschen Humanismus am Bürgerlichen. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass jener junge Intellektuelle Thomas Mann auf diesem zwar nicht zentralen, nichtsdestoweniger aber für die Zukunft überhaupt nicht unwesentlichen intellektuellen Schlachtfeld in seinen Schutz nimmt, der ihm in den spaeteren Jahrzehnten durch seinen durch gute Manieren gedaempfte Konkurrenzneid so viel Leiden verursachen wird, wiewohl man es schon auch nicht ganz ausser acht lassen kann, dass sich vielleicht der spaetere Thomas Mann mit gemischten Gefühlen an seine "Verteidigung" durch den jungen Hermann Broch zurück erinnern dürfte (15).

In eine der Dallago-Broch-Diskussion wohl entsprechende historische Perspektive gestellt, verdankte Thomas Mann gerade dieser Eigenschaft seinen Ruhm, seine einmalige Kontaktfaehigkeit mit dem Publikum. Mit welchen künstlerischen oder intellektuellen Kompromissen das zusammenging, gehört auf ein anderes Blatt, es ist jedoch als soziale Leistung der Kontaktfaehigkeit eines Dichters mit "seinem" Publikum in unserem Jahrhundert überhaupt nicht voll herabzuschaetzen. (Die simpel scheinende Ausdrucksweise kann leider auch in dieser Arbeit die Originalitaet und Tiefe von Dallagos Diagnose vernebeln, für den heutigen Leser bereiten Saetze wie der folgende ernsthafte Probleme: "So ist auch, was Thomas Mann sagt, ein Verdorbenes" (16).

Dallagos Philosophie des "gelebten Seins" enthaelt die ganze Galerie der Momente einer essentiellen Menschlichkeit (streng nach dem nie einheitlich integrierten Paradigma des von anderen philosophischen Inhalten relativ unabhaengigen und sich selbstaendig artikulierenden
Persönlichkeitsidealismus von Goethe zu Carlyle, von Ruskin zu Emerson oder von Schiller zu Nietzsche), welche letzten Endes sowohl als theoretisches wie auch als praktisches (und sei es gleich hinzugefuegt: zu seiner Zeit auch allseitig Verstendenes) Ergebnis seines Werkes ist. Dallago entwickelt eine ganze Ordnung, einen ganzen Diskurs des "idealen" und "exemplarischen" Menschlichkeit, deren Wortführer, Verkörperung. Kritiker, Ideal und Prophet er gleichzteitig ist. Mit seltener Klarsicht entdeckt er überall die Bedeutung der auf die Höhe der Gattung erhobenen Menschlichkeit und fordert sie auch ein. Es gehört zu den eigensten Eigentümlichkeiten dieses Persönlichkeitsidealismus, dass seine Einforderung scheinbar nur ein moralischer Apell ist, waehrend es in der Tat durch die Einforderung auch zahlreiche sachliche (anthropologische, historische, schöpferische, indirekt aber auch politische und soziale) Inhalte einfordert. Genau in diesem Geiste erklaert Dallago das Nietzsche-Wagner-Problem: "Nietzsche kehrte sich gegen Wagners Umkehr als Mensch - richtiger wohl - gegen das Endergebnis des Menschen Wagner, gegen den Unterton der Affekte in Wagners Kunst, die nicht hielten, was Nietzsche sich davon versprochen hatte" (17). Er betrachtet also Nietzsches Wendung gegen Wagner als die Konsequenz nicht eingelöster menschlicher Versprechen - und dem stimmen wir auch voll zu. Scheinbar haben wir wieder mit etwas Moralischem zu tun, waehrend es eben das Beispiel Richard Wagner ist, dessen wohl bekannte Einzelheiten und historische Details praktisch jede einzelne sachliche (anthropologische, schöpferische, aber auch politische) Dimension des Persönlichkeitsidealismus (mitsamt des Vergehens gegen seine Forderungen) enthalten können.

Das Menschliche soll aber auch von der Nation nicht unterbunden werden (18), es weist freilich wieder einmal auf Nietzsches Deutschland-Dilemma zurück, muss aber schon auch unabhaengig von ihm wahrgenommen werden. Zu dieser Galerie essentiellen Menschentums rechnet Dallago auch die Liebe, der folgende schöne Gedanke soll das Vielschichtige und Quasi-Systematische seines reinen Persönlichkeitsidealismus in aller Transparenz aufscheinen lassen: "...sein (des schöpferischen Menschen- E.K.) Umgang mit dem Weibe ist ihm sein menschlichster Umgang mit der Natur - ist gleichsam sein menschlichstes Naturwerden" (19). Diese Vorstellung des Menschlichen taucht immer wieder als problemlösendes, strategisches Element auch auf. Die damals aeusserst heftig und in philosophischer Tiefe diskutierte Problematik der Prostition löst Dallago in einer (persönlichkeitsidealistisch) prinzipiellen Polemik gegen Weininger auch durch Inanspruchnahme desselben auf: "Denn diese schlechte Meinung über das Weib können wir niemals teilen, nicht etwa weil wir gegenteilige Erfahrungen gemacht haetten, sondern weil wir letzten Endes selber Schöpfer des Weibes sind, und so mit jener Meinung uns nur selber verurteilten" (20). Das besagte konsequente Zur-Geltung-Bringen des Standpunktes des essentiell Menschlichen führt an manchen Stellen notgedrungen auch zu eigentümlichen begrifflichen und definitorischen Kombinationen, die ihrerseits ohne diese Voraussetzungen überhaupt nicht verstaendlich waeren. Der folgende Satz sagt eine Isomorphierelation aus, deren Struktur sich erst vor diesem Hintergrund offenbart: "...Kirche und Priester handhaben zumeist die Religion, wie Presse und Gesellschaft die Kunst und Dichtung: sie verphilistern sie" (21). Ohne ein Wissen um das Bild des essentiell Menschlichen bei Carl Dallago waere diese kritische Aussage sicherlich mehr oder weniger unverstehbar, wenn nicht sinnlos geblieben. Das Programm der zu verwirklichenden menschlichen Essenz beinhaltet aber auch eine immanente Gesellschaftskritik, eine, die im traditionellen Sinne des Wortes nicht politisch genannt werden dürfte, weil sie die politische Schwelle nicht uebertritt: "Die Gesellschaft treibt von der Menschwerdung ab: sie verschliesst und unterdrückt in den Menschen den Menschen" (22). Über essentielles Menschentum weiss er auch folgendes: "Es ist natürlich, dass auch höchstes Menschentum wie ein Ereignis mit der Zeit verblasst" (23).

Ganz konsequent verfaehrt Dallago, wenn er in der dynamischen Entfaltung seines Persönlichkeitsidealismus auch noch die folgende Möglichkeit in Betracht zieht: "Aber es waere noch ein Höheres zu denken: Das machtvolle Wesen eines ungemein wohlgearteten Menschen, dessen Geschlecht ganz Seele geworden ist. Und dass so einer seine ganze Liebe über Dasein und Menschen ausgiesst. Sein Leben selber, sein Kunstschaffen: das bestaendige Ausfliessen seiner Liebe - sein Liebesgenuss. Seine Taten der Kraft, die Taten des ganz Seele gewordenen Geschlechts - der ganz Inbrunst gewordenen Brunst. So völlig geschlechtsfrei dastehend in seinem ganzen Tun und Lassen - durch inneres Wachstum - durch innere Wandlung" (24). Das halb utopische Bild des Gattungsmenschen, dessen "Geschlecht ganz Seele geworden ist" ist gleichzeitig eine unbewusste Anspielung auf utopisch-mythologischer Vorstellungen, sowie die geradlinige Konsequenz einer bewussten und verantwortlichen Denkweise, die ihre Ursprünge ebenfalls in Friedrich Nietzsches Philosophie hat.

Verbunden wird Dallagos Philosophie des gelebten Seins auch durch das Moment des steten zivilisatorischen Gefahrbewusstseins. Dallago expliziert es so: "Der Zug gegen das Individualistische weht von überall her auf uns ein. Er geht Hand in Hand mit der Intellektualisierung unsres Volkes und unsrer Zeit. Schon treten 'künstlerische' Unternehmungen ködernd an das Publikum heran mit der Versicherung ihrer Abneigung 'gegen die manirierten und schwerverstaendlichen Exzesse eines tyrannischen Subjektivismus', wie sie sich süsslich breiig ausdrücken. In Wahrheit verbirgt sich darunter die tückische Abneigung der Mittelmaessigkeit gegen alle Überlegenheit. Denn die Überlegenheit ist immer Subjektivismus" (25).

Dallago nahm eine geistig-kulturelle Wende exakt wahr, die von der 1910-er Generation vollzogen worden ist. Dallagos Diagnose war darin zweifelsohne korrekt, dass auf der einen Seite ein mehr oder weniger klassisch-idealistischer Individualismus (gestützt auf die Nietzsche-Rezeption) und auf der anderen ein um jeden Preis forcierter Überwindungsversuch desselben klassisch-idealististischen Individualismus stand.


ANMERKUNGEN


(1) Zitiert von I. Zangerle, "Ausblick der Erkenntlichkeit", in: Zeit und Stunde. Ludwig von Ficker zum 75. Geburtstag gewidmet. Salzburg, 1955. 221.)
(2) Dallago, 1911, 449.- Sperrungen im Original: E.K.)
(3) Ebenda.
(4)-(5)"Nietzsche und - der Philister", in: Der Brenner, I. Jahr 15. Juni 1910. Heft 2.
(6)Der Brenner, 1. Jahr, 1. Febr. 1911.
(7)"Otto Weininger und sein Werk", in:Der Brenner, III. Jahr, 1. Oktober 1912. Sperrung im Original-E.K.)
(8)"Verfall", 129.
(9)"Verfall", 134)
(10)"Bahr und sein 'Dialog vom Marsyas'", in: Der Brenner, 1. Jahr, Februar 1911. Heft 17. 498.)
(11)"Politik", in: Der Brenner. III. Jahr. 15 November 1912, Heft 4, 172.)
(12)"Politik", 179.)
(13)Wie es beispielsweise in der Arbeit "Nietzsche und - der Philister", in: Der Brenner, I. Jahr, 15/ Juni 1910, Heft 2.
(14)"Verfall", in: Der Brenner, II. Jahr, 1. August 1911, Heft 5. 129.)
(15)"Philister", in: Der Brenner. II. Jahr, Heft 16, 15. Jaenner 1912. 536.)
(16)"Philister", in: Der Brenner, II. Jahr, Heft 16. 15. Jaenner 1912. 536.)
(17)"Bahr und sein 'Dialog vom Marsyas'", 499.)
(18)"Politik", 172.
(19)"Philister", 541.
(20)"Otto Weininger und sein Werk,Fortsetzung", 58-59. Sperrung:E.K.)
(21)"Philister", 542.
(22)"Philister", 497.
(23)"Verfall", 135.
(24)"Verfall", 138.
(25)"Verfall", 132.




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