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Tartalomjegyzék ZUR SOZIALPHILOSOPHIE DES POSTSOZIALISTISCHEN SYSTEMWECHSELS - 08 ZUR SOZIALPHILOSOPHIE DES POSTSOZIALISTISCHEN SYSTEMWECHSELS - 10 Utolsó lap

ZUR SOZIALPHILOSOPHIE DES POSTSOZIALISTISCHEN SYSTEMWECHSELS - 09

Szerző: Kiss Endre




sozialistische Vergangenheit psychologisch aufzuarbeiten. Andererseits um die Gesellschaft für die Schwierigkeiten der Umstellung der Wirtschaft vorzubereiten.

 

 

 

Es laesst sich feststellen, dass die neuen Demokratien sozialpsychologisch ihre Vergangenheit nicht aufarbeiten konnten (obwohl der Systemwechsel dafür eine exzellente Möglichkeit bot). Es steht auch fest, dass diese Gesellschaften ihre ''Schattenexistenz'' nicht zum Positiven wenden konnten, d.h., dass sie aus den Werten und Errungenschaften ihrer Schattenwirtschaft und Schattendemokratie keine ''normale'' Wirtschaft und ''normale'' Demokratie hervorkehren konnten, die die betreffenden Werte bewahrt haette. Und letztlich gilt es, dass diese Gesellschaften ein aktuelles psychologisches Defizit bei der psychologischen Bearbeitung ihrer aktuellen Probleme haben, welches vor allem eine Folge der fehlenden Perspektiven und Rahmenbedingungen und der am Schock grenzenden Enttaeuschung der eigenen neuen politischen Eliten ist.

 

 

 

 

 

 

 

ÜBER DIE POLITISCHE PSYCHOLOGIE DES STALINISMUS

 

 

 

Es faellt auf, dass die Sozialpsychologie, mit einer früheren und zutiefst kompromittierten Terminologie, die "Massenpsychologie" viel gründlicher und intensiver die Geschichte und die Aussagen der spezifisch "rechten" politischen und ideologischen Bewegungen aufgearbeitet hatte als diejenige der "linken" Massenbewegungen und Parteien. Würde es also bedeutet haben, dass die spezifisch psychologischen Komponenten in diesen linken Bewegungen und Massenprozessen eher eine zu vernachlaessigende Grösse gewesen waere? Würde es heissen, dass waehrend Hitlers Machtergreifung und Machtausübung psychologisch und sozialpsychologisch zutiefst motiviert war, Stalins Machtergreifung und Machtausübung auf eine chemisch-saubere Weise frei von diesen Motiven gewesen waere? All dies erscheint auch als eine aktuelle Frage in einer Analyse der spezifisch post-sozialistischen Prozesse. Denn der Stalinismus (und, wie es in dieser Arbeit auch noch berührt wird, der sogenannte "Kádárismus") ist in der Tat die wahre Anamnese des post-sozialistischen Bewusstseins.

 

Die deutliche Vernachlaessigung, wenn nicht eben Ausklammerung der Untersuchung der Sozialpsychologie des Stalinismus (und etwas allgemeiner: der linken politischen und sozialen Bewegungen) gilt bis zu einem gewissen Grade auch als eine "ideologische Erbe", denn es kann auf eine lange Tradition zurückschauen, dass linkes Denken die psychologischen Dimensionen von historischen und politischen Prozessen extrem herunterschaetzte, wenn nicht eben diese psychologischen Dimensionen direkt in politische, soziale oder historische Zusammenhaenge reduktiv und spurlos aufgehoben hat (1).

 

Die psychologischen Bedingungen des reifen Stalinismus weichen nichtsdestoweniger sehr deutlich von jenen ab, die in West-Europa schon traditionsgemaess die Grundbedingungen für die Disziplin der Massenpsychologie abgaben. Diejenigen "Massen", die für die Disziplin der Massenpsychologie in West- und Mittel-Europa von Relevanz waren, konstituierte sich nicht durch den Zusammenbruch des zaristischen Reiches und  nachher einer künstlich forcierten Politik der bolschewistischen Industrialisierung. Diese Massen entstanden in den west-europaeischen Staaten und Gesellschaften durch den Zusammenbruch des Ersten Weltkrieges (wobei hier Hannah Arendts Analysen über den "Zusammenbruch der bürgerlichen Klassengesellschaft" ins Zentrum des Tatbestandes weisen). Diese Massen bildeten eine spezifische "Gegen-Gesellschaft" gegen die schon oder noch gesellschaftlich integrierten "Massen" der noch existierenden Bereichen der bürgerlichen Gesellschaft ( 2).  Die im reifen Stalinismus repraesentativ werdende "Masse" ist dagegen nicht nur völlig anders konstituiert worden, sie galt darüber hinaus auch nich keinesfalls als Ausnahme, Devianz oder "Gegen-Gesellschaft", in deren Innerem eine spiegelverkehrte Welt der "normalen" Gesellschaft aufgebaut worden ist, die "Masse" des reifen Stalinismus ist die Norm und die Normalitaet selber. Waehrend also die idealtypische Gruppe der west-mitteleuropaeischen Massenpsychologie ein marginales und deviantes soziales Gebilde war, welches dann "plötzlich" und "irrational" von Zeit zu Zeit als Hauptmoviens der Geschichte erschien, galt die Masse des Stalnismus als soziale Norm, welche sich in allen Ebenen der Gesellschaft durchsetzen sollte und bis zu einem erstaunlichem Grade tatsaechlich auch durchgesetzt hatte (3).

 

 

 

Es besteht aber auch eine weitere Differenz zwischen dem Hauptstrom der Massenpsychologie überhaupt und den Grundbedingungen einer massenpsychologischen Erforschung des Stalinismus. Gewollt oder ungewollt,

 

 suchte dieser Mainstream der Massenpsychologie dieses Phaenomen der neuen Massenbildung aufgrund einer möglichen Verzerrung, wenn eben nicht Pervertierung einer individualistischen Anthropologie zu erschliessen, indem er die "Masse" in atomisierten Einzelnen identifizierte, denen es unter den Bedingungen der sich rasend modernisierenden Gesellschaften nicht gelant, einen erfolgreichen Individualisationsprozess zu verwirklichen. Es laesst sich leicht einsehen, dass diese latente oder auch manchmal manifest gemachte anthropologische Ausgangsposition für Massenphaenomene des reifen Stalinismus ohne grössere Modifikationen überhaupt nicht zutreffend sein dürfte.

 

Waehrend die die Massen rechten Typs zur Untersuchung auswaehlende Massenpsychologie ihren Gegenstand von einer individuumzentrischen Anthropologie zu untersuchen suchte, erarbeiteten sich kaum massenpsychologisch disziplinierten Methoden, die nicht um irgendwie um das Individuum,  bzw. den anthropologischen Individualismus herum konstituierten "linke" Masse zu erforschen.

 

 

 

Um der Vollstaendigkeit der Themenstellung willen sollte ferner noch hinzugefügt werden, dass das rein psychologische Interesse für Massenphaenomene rechter politischer Ausrichtung auch deshalb staerker werden konnte, weil der Anteil des Psychologischen in diesen Bewegungen sowohl in der Ideologie wie auch im politischen Verhalten unvergleichlich staerker betont und akzentuiert worden ist. Es genügt, wenn wir als exemplarisches Beispiel  nur an die "historische Relevanz" der Persönlichkeit bei dem Nationalsozialismus (mit seinem wohl entfalteten) Führermythos und bei dem Stalinismus (mit seiner These aus dem Bereich des historischen Materialismus über die "historische Rolle" des Einzelnen) denken. Waehrend über die Persönlichkeit (d.h. die "Psychologie") von Adolf Hitler eine wirkliche Bibliothek zusammengeschrieben worden ist, betrachtet Stalins "Seele" selbst Hannah Arendt als eine, in welcher es nichts geben kann, was von psychologischem Interesse gewesen sein dürfte (4). Dieses ungleiche Interesse hat jedoch schon weitreichende und nicht mehr nur psychologische Konsequenzen, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Transfer der politisch-psychologischen Attitüde des Führers Hitler auf dieselbe Weise auf Millionen übertragen worden sind als die politisch-psychologische Attitüde des grossen Vaters Stalin, die beiden wurden nach dem gleichen Muster Vorbilder uns Bezugspersonen für viele Millionen Menschen.

 

Der reife Stalinismus setzt den Menschen in eine real existierende Gesellschaft, die sich als alleinige Vertreterin einer welthistorischen und menschheitlichen Optimums definierte. Sie erachtete sich als verwirklichtes Endziel der Weltgeschichte, was mit der Ausbeutung ein Ende machte und dadurch die gerechteste und entwickelteste Gesellschaft der Geschichte überhaupt verwirklichte. Diese Definition schuf für die Menschen dieser Gesellschaft eine qualitativ neue "condition humaine". Die blosse Existenz in der Gesellschaft des welthistorischen Optimums soll eine spezifische Art der Identifikation mit diesem Optimum hervorrufen. Dieses bestimmende Verhaeltnis zu einem welthistorischen Optimum ist ursprünglich kein rein psychologisches Phaenomen, es ist einfach die (auf welchem Wege auch immer) entstandene Akzeptierung des von sich artikulierten Bildes des Systems selbst. Das Stalinsche System konzentrierte alle Werte der menschlichen Gattung restlos in sich zusammen. Stalin WAR das Volk (mit allen positiven Konnotationen dieses historischen Begriffs), er war der Staat, die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Arbeit oder - um zu unserer leitenden Idee zurückzukommen - er war die Fleischwerdung der Zielsetzung von langatmigen welthistorischen Prozessen (5). Der hier beschriebene Identifikationsvorgang war ursprünglich also überhaupt nicht von psychologischer Natur, er war - zwar auf einer eher trivialen Ebene - von kognitiv-ideologischer Provenienz, er entstand als eine logische Konsequenz der im kognitiven Bereich öffentlich-offiziell vertretenen Selbstdarstellung des Systems selbst. Auf kognitivem Wege entstand also eine weitgehende Notwendigkeit, sich mit dem System (als mit dem welthistorischen Optimum) zu identifizieren, denn diese Identifizierung ergab sich aus dieser Einsicht mit logischer Konsequenz. Dadurch verliert das Individuum auch seine traditionellen Funktionen, er soll aufgehen in diesem welthistorischen Optimum. In diesem Zuge entsteht auch die erste wirklich psychologische Dimension des reifen Stalinismus, allerdings eine, die rein negativ ist. Dieses auf kognitiver Grundlage entstandene Identifizierung mit dem real gewordenen welthistorischen Optimum vernichtet zunaechst die traditionellen psychologischen Funktionen. Das ins Optimum aufgehende Ich hat in diesem Sinne keine authentische psychologische Sphaere mehr. Der Einzelne wird naemlich durch diese Identifizierung gerade psychologisch völlig entlastet, er wird in einem neuen Sinne Teil von welthistorischen Prozessen, seine Einstellung und sein Beitrag zu diesen Prozessen hat wahre Bedeutung. Von seinem Arbeitserfolg haengt der aktuelle Zustaend des Klassenkampfes und dadurch im wesentlichen der des Weltzustandes ab, daher das so oft wahrgenommene und beschriebene Phaenomen dieser direkten Verknüpfung und Abhaengigkeit des normalen Menschen der Alltagswelt mit den welthistorischen Prozessen. Am augenfaelligsten symbolisiert diese Verbindung die Einrichtung der sogenannten "Szabad Nép"-Viertelstunde in Ungarn, die ihre Entsprechung selbstverstaendlich in jedem anderen Land des real existiererenden Sozialismus hatte, waehrend derer man jeden Tag am Arbeitsplatz die Parteizeitung gemeinsam gelesen und darauf hin aufgearbeitet worden ist, welche aktuellen Verbindungen gerade heute zwischen dem aktuellen Stand der Weltpolitik und den aktuellen Aufgaben des Einzelnen herzustellen waeren.

 

Das psychologische Gebilde der Identifizierung mit dem Ganzen, mit einem welthistorischen Optimum, mit dem progressiven welthistorischen Prozess selbst löscht die einzelnen spezifisch psychologischen Funktionen und mit ihnen die bereits vorhandenen psychischen Schichten der Persönlichkeit aus. Die einzelnen Motivationen werden nicht mehr durch den Kampf um Anerkennung, vielmehr durch die einzig mögliche kognitive Einsicht in den Zustand der Weltgeschichte direkt hergestellt. Man braucht sich nicht mehr durchzusetzen und sozial hochkaempfen, durch die banale Alltagstaetigkeit ist einem der Weg gegönnt, sich welthistorisch zu gelten. Erfüllt er den aktuellen Arbeitsplan, hat er dadurch die Weltgeschichte bereits direkt beeinflusst. Der Einzelne wird aus jedem psychischen Kraftraum ausgelöst und wird von den psychischen Lasten des Alltags und der persönlichen Lebensführung befreit. Viele Einzelheiten der Lebenswelt des reifen Stalinismus bezeugen diese psychologische Dimension von der erotischen Kultur bis zur generellen Beurteilung jeder Devianz und jedes unabhaengigen Denkens, die dazu führte, dass die Idee der psychiatrischen Behandlung der politischen Dissidenz anfangs den allgemeinen Einsichten des Menschen des reifen Stalinismus durchaus entsprach. Das Verschwinden der spezifisch psychischen Sphaere führt aber auch dazu, dass dieses Schrumpfen des Bewegungsraumes in einem Zustand nach der Identifizierung mit dem welthistorischen Optimum auch noch zur Aufhebung der spezifisch moralischen Sphaere hinleitet, die sich nicht nur in den berüchtigten Schwierigkeiten der Verfassung einer dialektisch-materialistischen Ethik sondern auch zur Einsicht in die Allmacht des "richtigen Bewusstseins", d.h. der Ideologie manifestiert (6).

 

 

 

Die Frage, ob dieser Zustand der Identifikation mit dem welthistorischen Optimum auf eine spontane oder eine bewusst-manipulative Weise entstanden ist, ist in genealogischer Sicht sicherlich entscheidend und führt wiederum in zahlreiche weitere Richtungen der sozialphilosophischen, politologischen oder gar der moralischen Diskussion. Trotz diesen unterschiedlichen Dimensionen der genealogischen Fragestellung gilt aber als eine Tatsache, dass der reife Stalinismus die so beschriebene psychologische Attitüde erkannte und sie nicht mehr nur als eine kognitive oder politische, sondern auch rein psychologische Einstellung auf das Bewussteste stets wiederherzustellen suchte. Man hat den Eindruck, dass das System selbst zu dieser Idee gekommen das Politische und das Psychologische auf neue Weise in eine neue Einheit vereinte (7). Diese die Psychologie reproduzierende Politik hat ihrerseits freilich auch ihre eigene Psychologie, die ihrerseits wieder auf eine psychologische Kondition zurückgeht und so bis in die Unendlichkeit. Die Einsicht in die Tatsache der vollzogenen und auf diese Weise zur allgemeinen Schlüsselattitüde gewordenen Identifizierung mit dem historischen Optimum generierte den politischen Anspruch, diese Erfahrung für die stete Arbeit an der Systemstabilisierung zu instrumentalisieren. Denn wenn die Identifizierung mit dem welthistorischen Optimum einmal tatsaechlich regelmaessig vollzogen wird, so sollte sich das System auch in jedem Augenblick seines Bestehens als effektives Optimum erweisen. Unter anderen Komponenten verursachte diese so entstandene Politik zu jeder spezifisch stalinistisch-totalitaeren Informationspolitik, durch welche kein Ereignis weder im Lande noch im Ausland geschehen dürfte, das in der Bevölkerung den Eindruck erwecken könnte, dass die erlebte Realitaet vielleicht doch nicht das weltgeschichtliche Optimum darstellt? (8). Die Politik erzielte einst das Phaenomen der Identifizierung mit dem welthistorischen Optimum und zoig aus der allgemein gewordenen Attitüde vielfachen und historisch nicht gerade konventionellen politischen Nutzen. Sie wurde aber dann im wahren Sinne des Wortes selbst Gefangene dieser Attitüde, sie musste sich aber - auf ihre Weise, selbstverstaendlich - zu dieser Fiktion des welthistorischen Optimums halten. Es muss eine Realitaet auf der Bühne der Politik erscheinen, die tatsaechlich als ein Optimum erscheint. Ein Optimum zu werden und stets auch zu bleiben, dürfte jedoch der konkreten Sowjetunion überhaupt nicht leicht gefallen sein, so dass auch die bewusste politische Exekutive alles tun sollte, um den Anschein und die Plausibilitaet dieses optimalen Zustandes aller Zeiten zu bewahren. Viele dürften die ganze Zeit gedacht haben, der rituelle Sprachgebrauch, der Kult der Führenden, besser gesagt, "des" Führers dienten nur einer notwendigen Vorwegnahme von den angekündigten historisch-utopischen Zielsetzungen. Aufgrund unseres gegenwaertigen sozialpsychologischen Ansatzpunktes erscheint aber als durchaus plausibel, dass diese öffentliche Einführung der Kulten und Riten, diese spezifische Weise der Ritualitaet nicht nur eine direkte Folge der utopischen Zielsetzungen, sondern auch eine ebenso direkte Notwendigkeit der Praesentierung einer Realitaet des welthistorischen Optimums war. Und tatsaechlich, sieht man sich etwa die wichtigste "Funktion" der sogenannten Schauprozesse an, so kann es gleich klarwerden, dass die Beschuldigten stets mit Verbrechen beschuldigt worden sind, die in unmittelbarem Verhaeltnis zu irgendwelchem Mangel- und Krisenphaenomen des welthistorischen Optimums standen. Die Angeklagten teilten der vorstellbar breitesten Öffentlichkeit mit, dass IHRE bewusste und subversive Taetigkeit die unmittelbare Ursache dieser negativen Phaenomene sind, so dass das angesprochene öffentliche Bewusstsein mit einer spezifischen Art der Seelenruhe  auf die Tagesordnung übergehen konnte, die wahrgenommenen Mangel- und Krisenphaenomene fanden ihren Grund und ihre Existenz sollte nicht unbedingt die Vorstellung des welthistorischen Optimums im real existierenden Sozialismus mit Erschütterung drohen (9).

 

 

 

Da es nicht unser unmittelbares Thema ist, klammern wir jetzt sowohl eine Erörterung der psychologischen Voraussetzungen des reifen Stalinismus (ohne welche schon das einfache Funktionieren der stalinistischen Gesellschaft wie unmöglich ausschaut) (10) wie auch die ganze Problematik der Genese, d.h. des Überganges, in welcher so extrem entscheidende Phaenomene wie das des quasi-religiösen und in vielen Zügen sogar auch noch spontanen Lenin-Kultes der zwanziger Jahre enthalten sind (11) und schenken dem an sich ebenfalls extrem interessanten "revolutionaeren" Phaenomen der freien Liebe und die gegen sie gerichtete Stalinsche Repression auch keine Aufmerksamkeit (12).

 

 

 

Die spezifische Identifizierung mit dem welthistorischen Optimum schafft für das Individuum wie für die einzelnen Gruppen und Kreise der Gesellschaft an sich ein, denn gerade die spezifischen psychologischen Probleme und Konflikte werden in dieser Attitüde aufgehoben (13). Mit dem Denken ist es auch der Fall. Das "richtige" Bewusstsein produziert auf der kognitiven Ebene dieselbe Harmonie und dieselbe Einsicht in das Universum aller Dinge (14), wie es auf der psychologischen Ebene geschah. Die Einheit dieser zwei durchaus harmonistischen Relationen darf unter keinen Umstaenden als etwas Aeusserliches angesehen werden. Die Einheit dieser beiden Relationen ist es auch, die die soziale Praxis konstituiert. Wie dann diese Praxis ausschauen werden sollte, ist an sich leicht festzustellen. Das Einzelne (und die in diesem Zusammenhang relevanten grösseren sozialen Gruppen) gewinnt eine unbeschreibliche Menge psychischer Energien, denn es wird den gewöhnlichen psychologischen Problemen mitsamt ihrer persönlichkeitsenergetischen Last enthoben, es wird aber auch mithilfe seines "richtigen" Bewusstseins auch den Problemen der Kompensation von sich immer wieder neu erzeugenden Spannungen der kognitiven Dissonanz enthoben, was ihm ebenfalls eine besonders grosse Menge positiver persönlichkeitsenergetischen Reserven zur Verfügung stellt. Nimmt man zu diesen beiden Momenten noch den Energiezuwachs aus der Auslöschung der sozialen Ungleichheit und (in einer so "gerechten" Gesellschaft, deren Gerechtigkeit wie automatisch schon aus der Definition des welthistorischen Optimums wie von allein kommt) aus dem Verschwinden des im Alfred Adlerschen Sinne genommenen Geltungsdranges stammt, erscheint uns der reife Stalinismus gerade unter psychologischem Aspekt als eine ganz besonders glückliche Gesellschaft (15).

 

Wie schon angedeutet, die in den allertiefsten Schichten des reifen Stalinismus verankerte psychologische Harmonie stand auf und fing es an, ein Eigenleben zu leben und beeinflusste entscheidend die Ausrichtung der exekutiven Politik. Das politische System wird von nun an geradezu gezwungen, die Entstehung eines doppelten Bewusstseins generell zu verhindern und geht auf diesem Wege so weit, als es noch gehen kann. Wir haben kurz angedeutet, dass die Notwendigkeit für den reifen Stalinismus, auf eine eher plausible Weise als Optimum der Weltgeschichte zu figurieren, eine zusammenhaengende und selbstaendige Strategie vorschreibt. Von diesem Punkt an gilt all das freilich nicht mehr als "sozialpsychologisches" Problem. Zu dieser nunmehr auf  klare Weise politischen Problematik dürfte nur noch hinzugefügt werden, dass diese Reihe der politischen Notwendigkeiten den Weg zu den wirklichen exekutiven Notwendigkeiten versperrt, daher jener gehemnisvolle Zug jeder stalinistischen Politik, dass man die wahren exekutiven Schritte GEGEN die eigene Ideologie macht.

 

Psychologisch bleibt immer noch in dieser Problematik des trotz allen exekutiven Anstrengungen doch entstehenden ZWEIFACHEN BEWUSSTSEINS. Die Entstehung dieses trotzdem entstehenden zweifachen Bewusstseins ist schon aus dem Grunde mehr als evident, weil jede Artikulierung eines nicht "richtigen" Bewusstseins in dem Augenblick ihres Entstehens schon kriminalisiert wurde und mit schwerwiegenden Konsequenzen zusammenging (16).

 

Der kognitive und dann mental werdende Widerspruch zwischen der "offiziellen" (und welthistorisch optimalen) und der "wirklichen" (nicht unbedingt welthistorisch optimalen) Wirklichkeit wird mit der Zeit zum wahren Schlüsselproblem des Stalinismus. Zu diesem Komplex gehört auch, dass dieser Widerspruch zwischen den beiden Wirklichkeiten lange Zeit nicht als eine problematische Tatsache, sondern als eine "historische Notwendigkeit" aufgefasst worden ist (wie beispielsweise die erste Variation lautete: die "feindlichen" Aktivitaeten des Gegners verhindert, dass das wahre Bild der Wirklichkeit verzerrt wird, oder eine zweite Version: es gaebe zwar NOCH manche Schattenseiten der Wirklichkeit, die wurden aber von der alten politischen Einrichtung verursacht und werden bald verschwinden) (17). In diesem Kraftfeld von der "offiziellen" und der "wirklichen" Wirklichkeit funktionierte die Psyche (aber auch der Alltagsbewusstsein) im reifen Stalinismus. Die vorhin beschriebene Reduzierung der psychologischen Funktionen führte zu einer ganz spezifischen Bearbeitung dieses Konfliktes zwischen Wirklichkeiten. Diese PAR EXCELLENCE stalinistische Bearbeitung des Konfliktes erweist sich als eine, für welche die durchaus "transparenten" Tatsachen der Repression, d.h. des Konfliktes zwischen einer Wirklichkeit des welthistorischen Optimums und einer der GULAG unter keinen Umstaenden zu einer Bewusstwerdung dieser Dissonanz geführt haben sollten. Diese Tatsache ist gleichzeitig eine des Ausgangs, aber auch eine, die als Synthese selber aufgefasst werden muss. Dass dieser Konflikt im reifen Stalinismus nicht zu einer offen werdenden Dissonanz der beiden Wirklichkeiten führte, laesst sich in zahlreichen und relevanten Tatsachen belegen (18). Dies bedeutet freilich nicht, dass die Menschen im trivialen Sinne ihr Mitleid und ihre Faehigkeit zur Empatie total verloren haetten. Die von ihnen klar wahrgenommenen Tatsachen aber, die sie ja gegebenenfalls sogar eben mit Mitleid aufgenommen worden sind, führten in dieser Zeit aber trotzdem nicht dazu, dass die durchgehende Plausibilitaet des reifen Stalinismus in ihren Augen erschüttert werde. Die zwei Ebenen kamen somit in eine deutliche Entfernung voneinander. Diese Entfernung als Ausgangslage liess ein Aufeinanderbeziehen der beiden Pole fast unmöglich, zumal das politische System selbst durch seine Exekutive stets immer wieder reproduzierte. Mit anderen Worten: Das System existierte durch ein stetes Reproduzieren dieser kognitiven Dissonanz, das Politische erwies sich als ein Moviens, welches auf  die Wiederherstellung eines spezifischen psychologischen Zustandes ausgerichtet ist (19).

 

So verwandelte sich das ganze politische Leben und das Alltagsbewusstsein des reifen Stalinismus in ein System, dessen Arbeit darauf gerichtet war, die jederzeit zu erwartenden kognitiven Dissonanzen zu verhindern. Psychologie und Politik vermischten sich auf diese Weise bis in die Unkenntlichkeit, wobei diese konkrete Art der Vermischung sich von der Vermischung derselben beiden Elemente im rechten Totalitarismus auf eine entscheidende Weise unterschieden hat. Es ist durchaus sichtbar, dass diese Attitüde, deren Wurzeln und Hintergründe wir ja soeben erschlossen haben, mit der Zeit sich auch noch verselbstaendigte und zu einem Selbszweck innerhalb der Politik des reifen Stalinismus geworden ist. Dies zeigt sich am deutlichsten an den Stalinschen Prozessen, die durch ihr "selbstaendig" werdendes Leben nicht unbedingt mehr sich an die Notwendigkeit erinnert haben, drohende kognitive Dissonanzen ausgrenzen zu  müssen.

 

Eine fast ironische Dimension unseres Gegenstandes macht die Favorisierung der Pawlowschen Psychologie im reifen Stalinismus aus. Die psychologische Aussage dieser Schule verstaerkt eben eine Auffassung, die auch in der Richtung der Identifizierung mit dem welthistorischen Optimum auswirkt, diese Schule, abgesehen von ihren sonstigen wissenschaftlichen Verdiensten, stellt die schrittweise zu vollziehende Identifizierung mit der Umngebung in den Mittelpunkt problematisiert die Thematik der Aufarbeitung einer eventuell sich artikulierenden "zweifachen" Wirklichkeit überhaupt (21).

 

Dieser Zwang der Identifizierung mit der offiziellen Lebenswelt erzeugt aber auch denjenigen "rationallen" Charakter der Stalinistischen Lebenswelt, die etwa Herbert Marcuse ins Zentrum seiner Analyse über die sowjetische Gesellschaft stellte. Mehr noch, auch in  Marcuse''s Analyse werden jene beiden Naturen der Rationalitaet miteinander konfrontiert, die in unserem Versuch als Dualitaet der "offiziellen" und der "wirklichen" Wirklichkeit thematisch worden ist (22).

 

Die Politik des reifen Stalinismus ging aber in seiner konsolidiertesten Zeit aber auch noch weiter. Er inszenierte der Reihe nach eine lange Reihe von staatlich-politischen Aktionen, die das Phaenomen dieser kognitiven Dissonanz  in aller Öffentlichkeit, bei Anwesenheit einer grossen Anzahl von Zeugen entstehen liess. Im Falle eines arbeitenden









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