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ZUR SOZIALPHILOSOPHIE DES POSTSOZIALISTISCHEN SYSTEMWECHSELS - 30

Szerző: Kiss Endre




mit viel Energie und mit diabolischer Zielsicherheit verhindert, dass DIE Realitaet Eingang ins Bewusstsein der Untertanen findet. Für den ersten Fall soll hier das Beispiel Fadejews angeführt werden, der es erfahren musste, dass DIE Realitaet, die er in Krasnodarsk von den Überlebenden der deutschen Besatzung gehört habe, nicht Realitaet ist und ihm, als Dichter, eine Realitaet aufgezwungen wird, die nach dem Diktat von zentralen Organen “DIE” Wirklichkeit sein dürfte. Für den zweiten Fall sei das Beispiel eines Eishockey-Mannschaft angeführt, deren Flugzeug im Fernen Osten in den vierziger Jahren abstürzte und von deren Vernichtung kein Lebendiger Kenntnis nehmen sollte, diejenige ganze Eishockeymeisterschaft miteinbegriffen, die OHNE KOMMENTAR weiter bis zum Ende, d.h. bis zur konkreten Vergabe des Meistertitels fortgeführt worden ist. Eine Eishockeymeisterschaft war beendet worden, ohne dass die Tatsache einer abgestürzten Mannschaft öffentlich zur Kenntnis genommen waere. Dieser neue MUT ZUR REALITAET ist ein durchaus vielschichte Attitüde. Es geht in ihm nicht nur um den Mut, die tatsaechlich abgelaufene Geschichte in mentalen Besitz zu nehmen. Es geht in ihm auch darum, im Besitz dieser Hypothek den Mut zu haben, in der Geschichte weiter zu leben - nicht ohne die neue Demut, selbstverstaendlich. Es gehört aber auch dazu, diejenige vergangene und gegenwaertige Realitaet zu erlernen, die dem Bewusstsein ferngehalten, bzw. von ihm mit Gewalt ausgeschlossen worden ist. In einer Welt des “Endes der Geschichte” muss das ost-europaeische Bewusstsein die Geschichte neu erlernen.

 

 

 

8.Die gegenwaertig grösste Gefahr ist die Flucht aus der Geschichte, die mit einer Flucht vor der Realitaet identisch ist. Um diese Flucht zu besiegen, braucht die neue Demut den neuen Mut. “Zurück zur Natur”, rief einst Jean-Jacques Rousseau, “Zurück zur Realitaet”, lautet die Perole unserer Tage.

 

 

 

9.Die neu zu erringende Realitaet Ost-Europas ist nicht identisch mit einem Überlebenskampf niedrigen Charakters in dieser Region. Eine neue, eventuell einsetzende post-GULAGsche Steinzeit wird nicht zu dieser Realitaet zurückführen.

 

 

 

10.Wird der ursprünglich von dem GULAG verursachte, diese seine Genese aber langsam weitgehend vergessene Wirklichkeitsverlust am Ende überwiegen, so brauchen wir keine im einzelnen spezifisierten und in Einzelheiten ausgeführten Szenarien der Zukunft zu entwerfen. Die zahlreichen neuen Gefahren entstehen wir von selber, ohne weitere Konkretisierungen. Der Mensch als Gattung hat seine historisch-kulturelle Kontinuitaet verloren. Eine absolute und konkrete post-historische Situation tritt ein, die nicht mit dem von Fukuyama beschriebenen weltweiten Sieg des Liberalismus identisch ist. Für diese Situation haben wir jetzt noch keinen Namen.

 

 

 

11.Ein eventuell nach dem GULAG eintretende generelle Wirklichkeitsverlust ist vor allem deshalb gefaehrlich, weil die ost-europaeische Menschheit gaenzlich um ihre historische Perspektiven gebracht werden kann. Die ost-europaeische Menschheit kann nicht in die post-historische, siegreich-liberale und vor allem konsumorientierte “westliche” Zukunft hinübertreten. Die ost-europaeische Menschheit ist für absehbare Zeit nicht nur der Möglichkeit des post-historischen Liberalismus, sondern auch ihrer eigenen utopischen Potenzen beraubt. Daraus folgt: Keine Wirklichkeit, aber auch keine Utopie steht ihr bevor.

 

 

 

12.Die neue Demut ist eine Option, die sich vielleicht auch praktizierte Wirklichkeit wird. Das neunzehnte Jahrhundert stand im Zeichen der Französischen Revolution, unsere Zeit im Zeichen des GULAG und Auschwitz.

 

 

 

13.Die Gleichzeitigkeit der neuen Demut und des neuen Mutes gibt der ost-europaeischen Menschheit eine neue historische Chance. Der Mensch ist historisch durch Maengel, Leiden und die stete Herausforderung als Gattung gross geworden. Durch den GULAG und durch Auschwitz sind die Errungenschaften der Gattung stark gefaehrdet. Auf die neue Demut und den neuen Mut laesst sich eine neue Anthropologie aufbauen.

 

 

 

14.Der post-historische Charakter der “condition humaine” wird in Ost-Europa nicht durch den Sieg des Liberalismus bewirkt, sondern durch die Erfahrung von GULAG und Auschwitz. Das Wissen um eine Welt, wo eine perfekte Lüge, sowie eine Welt, wo eine perfekte Logik der Macht vorherrscht. Die neue Demut und der neue Mut setzt hier ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

KRZYSZTOF GLASS, DER INTELLEKTUELLE UND POLITIKWISSENSCHAFTLER

 

 

 

Endre Kiss, Budapest

 

 

 

 

 

Kein Zweifel, die Geschichte eines Reisepasses haette Krysztof eine ganze sich in die Höhe steigernde Kette von philosophischen Freuden bereitet. Beim Anhören dessen etwa, dass man 2002 eine beinahe strengere Grenzkontrolle haben kann als zur in Zeit des weich werdenden realen Sozialismus, haette er sich gewiss nicht verwundert gezeigt. Bei dem Detail, dass ein ungarischer Grenzsoldat beim Anblick eines nicht mehr gültigen Reissepasses sich persönlich beleidigt fühlte, indem er etwas bedrohend die Frage stellte, “Und haben Sie auch noch einen anderen Reisepass?”, haette er wohlwollend genickt. Nach der Information, dass der nicht mehr gültige Reisepass gleich auch konfisziert und von der Konfiskation ein voller Protokoll aufgenommen worden ist, haette er Aehnliches wiedererkannt. Bei der Zurkenntnisnahme der Tatsache, dass zwischen Freitag und Montag Nachmittag keine Geschaeftsstunden für die Erlangung eines Reisepasses zur Vefügung stehen, haette er sich schon wohlgelaunt bestaetigt gefühlt. Dass das dafür zustaendige Büro laengst in einen fernliegenden Bezirk verzogen ist, ohne dass die ehrenwerten Staatsbürger darüber informiert worden waere, haette ihm einen guten Tag bereitet. Die lange Schlange, die noch nicht für den neuen Pass, sondern nur für eine gut positionierte Nummer für den Nachmittag stand, haette ihm aufrichtige Anerkennung entlockt. Er waere in der Lage gewesen, dieses östliche Narrativum eines nicht mehr gültigen Reisepasses bis zum letzten auszukosten. Er waere sogar so weit gegangen, die etwas taeuschende Identifizierbarkeit des Gültigkeitsdatums auch als bewusste List, wenn auch nicht der Vernunft, sondern der Institution anzuschauen.

 

 

 

Es ist aber Zeit,vom Konkreten eines nicht mehr gültigen Reisepasses ins entfremdend Abstrakte der soziologischen Typologie der Intellektuellen hinüberzuwechseln. Es ist naemlich notwendig, dass man eine Begegnung mit Krzysztof Glass gleich und direkt mit der Aufstellung einer Typologie der Intellektuellen einleiten muss.

 

 

 

In dieser Typologie sollten nicht die ansonsten so gravierenden Differenzen zwischen Möglichkeiten und Funktionen der Intellektuellen im Osten und im Westen thematisiert werden, obwohl es stets auch das grosse Thema von Krzysztof Glass gewesen ist, der – in seiner Person – einen Typus des zwischen West und Ost vermittelnden und alles vergleichenden mittel-europaeischen Intellektuellen repraesentierte.

 

 

 

Spezifisch polnische, aber auch spezifisch mitteleuropaeische intellektuelle Traditionen spielen in dieser Typologie eine betraechtliche Rolle. Hierbei sollten vor allem die “heroisch-prophetischen”, sowie die “dienenden” Eigenschaften der ost-europaeischen intellektuellen Tradition genannt werden. Dass diese beiden Attitüden in der Person von Krzysztof Glass in klasssischer Einheit realisiert worden ist, soll als Leitmotiv unserer Erinnerungen schon an dieser Stelle festgestellt werden.

 

 

 

Bei der Aufstellung einer Typologie der Intellektuellen ist es unerlaesslich, bis zur klassischen Initiative Julien Bendas zurückzugehen. Benda interpretiert in den dreissiger Jahren das Grundproblem des Intellektuellen als eines des Verrats. Trotz dem suggestiven Anschein, dass Bendas Initiative eine nur ethische oder gar moralisierende sei, kann es bald klar werden, dass diese Konzeption eine zutiefst politische ist. Denn die ins Gebiet des Moralischen hinübergreifende spezifische Verantwortung des Intellektuellen wird bei Julien Benda immer dort zur brennenden Frage, wenn die optimale und schutzbedürftige politische Einrichtung, naemlich die der Demokratie angegriffen wird. Ganz besonders schlimm wird es, wenn der Schriftkundige selber, der clerc, sich an diese Attacken im Namen von irgendeiner Ideologie anschliesst.

 

 

 

Die Periode zwischen 1968 és 1989 – jenes historische Zeitalter, in welchem die Arbeit von Krzysztof Glass sich entfalten konnte erwies sich als ein Zeitalter der Intellektuellen als einer neuen und selbstaendigen Klasse. Da scheint aber schon die Antwort auf alle unsere Fragen gegeben zu sein. Leben und Werk eines Intellektuellen in einem Zeltalter der Intellektuellen – dies scheint ab ovo eine Erfolgsgeschichte oder mit der neuen Sprache unserer globalisiert-neoliberalen Welt gesagt, ein succes story geworden sein zu müssen.

 

 

 

Gerade im Vergleich dieses vorprogrammierten Erfolges werden aber die Schatten der neuen Daseinsbedingungen, der neuen condition humaine der Intellektuellen sichtbar.

 

 

 

Denn die neue Zeit der Intellektuellen, die von der schwer zu definierenden aber in vielem trotzdem siegreichen Kulturrevolution des Jahres 1968 zu der ebenso siegreichen neoliberalen Revolution des Jahres 1989 dauerte, war nicht mehr die Zeit des Intellektuellen als des verantwortunsgbewussten und verantwortungswilligen Einzelnen im Sinne von Julien Benda.

 

 

 

Der Intellektuelle als der Einzelne, als Repraesentant des intellektuellen Gewissens und Hüter spezifischer Werte und Verantwortungen und der Intellektuelle als Mitglied einer wohl organisierten Gruppe, die ja schon auch die intellektuelle Verantwortung übernahm – diese beiden Rollen machen den entscheidenden Wandel aus.

 

 

 

Auf diese schlagartig anders gewordene Grundlage der Existenz baut die neue Typologie auf – auf der einen Seite der Intellektuelle als das intellektuelle Gewissen seiner Zeit (von Nietzsche zu Karl Kraus von vielen so genannt) – auf der anderen Seite der Intellektuelle als Mannschaftsspieler einer wohl organisierten Gruppe, wobei schon die Gruppe und nicht mehr er die intellektuelle Verantwortung übernimmt. Seitdem erscheinen alle Probleme der Intellektuellen in dieser verdoppelten Beleuchtung. Waehrend die Intellektuellen in der soziologischen Vision von György Konrád und Iván Szelényi auf dem Wege der Klassenherrschaft losgingen, ging der Intellektuelle Krzysztof Glass nicht in die Klassenmacht, sondern in die Emigration. Und dieser Unterschied war vor allem nicht der zweifelsohne erhebliche Differenz des realen Sozialismus im Ungarn und im Polen der siebziger Jahre. Dieser Unterschied war auch einer des und der Intellektuellen, des Intellektuellen als Repraesentant ewiger Werte und Vertreter des intellektuellern Gewissens und der Intellektuellen als siegreichen sozialen Gruppe.   

 

 

 

Dass der reale Sozialismus von der einen Seite die Erneuerer der Gesellschaft in der Gestalt der Intellektuellen tatsaechlich erblickte und von der anderen Seite die Struktur des Systems selbst es war, die diese Einsicht auf die spektakulaerste Weise verhinderte, ist eine wichtige Fussnote auch in der einmal zu schreibende Geschichte des real existierenden Sozialismus.

 

 

 

Die Intellektuellen als in Gruppen sich organisierende neue Klasse ist dann zur tatsaechlichen neuen Klasse geworden. Die neue Klasse hat die Situation auch von allen anderen sozialen Gruppen veraendert.Die neue Klasse verzauberte jegliche frühere Mittelklasse und liess sie auf einen Schlag als veraltet und als konservativ vor die Öffentlichkeit treten. Sie triumphierte in der Massenkultur und bestimmte die Ideale neuer Generationen. Die neue Klasse bildete eine gewaltige Herausforderung auch für traditionelle Institutionen (von den Kirchen bis zu den Gewerkschaften) und profizierte aus den neuen Formen der Mediatisierung der Gesellschaft.

 

Die Transformation der Intellektuellen in eine neue Klasse mag soziologisch eine korrekte und wertneutrale Tatsache sein, moralisch oder mit Julien Benda zu sprechen, in Sachen eines möglichen “Verrats” ist sie aber eine beispiellose Umwaelzung. Denn der Intellektuelle ist nicht mehr unmittelbar verantwortlich. Seine Verantwortung kann nur durch die Gruppe, d.h. auf eine vermittelte Weise zur Geltung kommen. Die Verantwortung der Gruppe wird von dem “Führer” versinnbildlicht und da es um eine Gruppe geht, sind Taktik, Strategie und Kalkulation eine Forderung der Existenz.

 

 

 

So laesst sich Julien Benda’s ursprüngliche Frage nach einem

 

möglichen “Verrat” der Intellektuellen in dieser neuen Konstellation in der ursprünglichen Form kaum stellen, der “Führer” braucht um die einzelnen Mitglieder Sorge zu tragen und die einzelnen Intellektuellen, die als “Mitglieder” einer Gruppe fungieren, sind im alten Sinne individuell nicht verantwortungsfaehig.

 

 

 

Der vorhin anvisierte Konflikt zwischen Soziologie und Moral wird an diesem Punkt brennend. Denn so verstaendlich und problemlos diese Entwicklung soziologisch auch ist, ebenso unkorrigierbar ist die Lücke, die die neuen Bedingungen bewerkstelligen. Bedenke man,wie es mit der idealtypischen Forderung des (intellektuellen) Nonkonformismus bestellt ist. Waehrend der einzele Schriftkundige der Fragestellung bei Julien Benda von inneren Motiven diktiert stets in den wesentlichsten Fragen nur ein Nonkonformist gewesen sein dürfte, verliert der in seiner primaeren Gruppe integrierte Intellektuelle auch schon die Möglichkeit, im ursprünglichen Sinne ein Nonkonformist zu sein. Welche Glaubwürdigkeit kann ein intellektueller “Nonkonformismus” für die “Gesellschaft” haben, der von einem ehernen kommandoartigen Konformismus gegenüber der eigenen Gruppe flankiert wird? Welche moralische Höhe ist einer kritischen Attitüde zuzuschreiben, welche nur durch eine eiserne Treue und Disziplin gegenüber der eigenen Gruppe bestehen kann?

 

 

 

Sie haben inzwischen den Zusammenhang schon erraten, der zwischen dieser so relevanten Verschiebung in den Daseinsbedingungen der Intellektuellen und der Laufbahn von Krzysztof Glass besteht. Er, wie so viele aus seiner nachachtundsechziger Generation, stand vor der Wahl, ein Intellektueller im alten oder im neuen Sinne zu werden. Verbleiben in der ursprünglichen singulaeren Position des intellektuellen Gewissens und der disziplinenübergreifenden Verantwortung oder sich der neuen Identitaet (oder der neuen Maske?) der Intellektuellen anzunehmen und sich einer wohl organisierten intellektuellen Gruppe anzuschliessen?

 

 

 

Der Intellektuelle im Sinne Julien Benda’s kommt durch diese soziologische Verschiebung in eine neue und wirklich “absurde” Situation. Die Bezeichnung “absurd” ist hier im authentischen Sinne von Albert Camus gemeint. Mehr noch: Die nicht romantisierte, sondern voll realistische Lesart dieser Absurditaet ist mit der Grundbefindlichkeit des Sysyphos in Camus’ gleichnamigen Werk restlos aehnlich.

 

 

 

Warum hat es sich so entwickelt?

 

 

 

Der verantwortungsbewusste und mit Friedrich Nietzsches Begriff des “intellektuellen Gewissens” und der “intellektuellen Redlichkeit” versehene Intellektuelle geriet durch diese Verschiebung in eine noch schwierigere existentielle Lage, wie ihre legendaeren Vorgaenger je gewesen waren. Denn er muss nicht mehr nur gegen die Vorurteile, den Aberglauben, die Rückstaendigkeit, die Diktatur, die Ungerechtigkeit, die Philister, er muss auch schon gegen die rivale Gruppe kaempfen. Der Kampf der Einzelnen gegen die Gruppe machte die intellektuelle Geschichte dieser Jahrzehnte aus.

 

 

 

Kein Zweifel, Krzysztof Glass war ein typischer und verdientsvoller Vertreter des einsamen Intellektuellen im Zeitalter der Vorherrschaft der nicht mehr einzelnen Intellektuellen. Jeder wichtige Zug seines Lebens und seines Werkes ist von dieser Tatsache gepraegt. Mit dem Akt der Demonstration sei an dieser Stelle an Krzysztof Glass, auf den Maler, den Graphiker, den Dichter, den Politikwissenschaftler und den Organisator hingewiesen.

 

So ein verspaeteter Intellektueller Julien Bendascher Praegung war Krzysztof Glass.

 

 

 

Was waren aber die Grundeinsichten von Krzysztof Glass politikwissenschaftlicher Vision?

 

 

 

Krzysztof Glass’ politikwissenschaftliche Vision war eine realistische. Dieser Grundcharakter faellt nicht nur auf, weil man polnischen oder generell, ost-europaeischen Intellektuellen meist eher romantische Attribute zuzuschreiben gewohnt ist, er faellt auch deshalb auf, weil die Würde des Realismus entweder ehemaligen Grossmaechten (gemeint ist der “national-sozialistische” und der einfach nur “sozialistische” Realismus) oder der gegenwaertigen Supermacht (die realistische Schule des aussenpolitischen Denkens) mit Vorliebe zugesprochen wird.

 

 

 

Bei Krzysztof Glass ermöglicht die realistische Sichtweise zu einer singulaeren Sicht der postkommunistischen Transformation, wo viele fehlkanalisierte Bahnen für die Akteure vorbereitet sind, die sich dann aus dem Labyrinth  dieser verzerrten Kanaele kaum restlos emanzipieren können. Dabei werden die Aktuere der demokratischen Transformation vielfach instrumentalisiert, in wessen Zuge aber sie selber oft anderen gegenüber manipulativ auftreten. Die Verzerrung der Linien der politischen Zirkulation und der wirtschaftlichen Reproduktion führt also zu allseitigen Instrumentalisierungen und diese zur Manipulation, wobei die verzerrten Linien der Kommunikation oft diejenigen wehrlos machen, die Opfer dieser Prozesse sind.

 

 

 

Zum Weltbild dieses Realismus in der Hermeneutik des Politischen gehört, dass Krzysztof Glass die Möglichkeit einer Wiedergeburt des Bösen in keiner Form aus den Augen verliert. Er artikuliert keine Zeichen der Angst, er glaubt jedoch am Verschwinden des Bösen nicht.

 

 

 

Jede politische Kultur hat ihren eigenen Realismus. Dieser Realismus muss jedoch verzweifeln, wenn er sich dessen gewahr wird, dass nicht einmal ein leiser Versuch gemacht wird, um in der gegebenen historischen Situation einen eigenen Weg zu waehlen.

 

 

 

Krzysztof Glass nimmt die neuen und triumphierenden Mythologien zur Kenntnis, sein Realismus will die Mythologien nicht besiegen.Mit einem spezifisch gearteten Schweigen und einem geheimnisvollen Gesicht wartet er aber. Er wartet so lange als sich die neuen Mythologien verblassen und die Aspekte seines Realismus wieder voll zu ihren Rechten kommen können.

 

 

 

Es geht um einen Realismus, der auch in dem Sinne nicht apologetisch ist, dass er sich durchaus faehig und bereit ist, sich auch gegen diejenigen zu wenden, in deren Interesse er redet. Dies betrifft eigene Verbündeten und manchmal auch die Opfer und die Leidenden, die in ihren Primaerimpulsen vielleicht auch nicht gefeit oder nicht vorbereitet gegen Versuchungen,Mythen und Irrationalitaeten sind. Und in der Tat, Krzysztof Glass glaubt an die Macht menschlicher Primaerimpulse (um an dieser Stelle diesen so treffenden Ausdruck von Siegfried Kracauer schon zum zweiten Male zu gebrauchen) mehr als an Ideologien und Mythen. Gerade deshalb erachtet alle Politik für (lebens)gefaehrlich, die auf diese oder jene Weise nicht mit menschlichen

 

Primaerimpulsen Rechnung tragen oder gar noch direkt gegen sie arbeiten.

 

 

 

Zum Realismus von Krzysztof Glass gehört auch die Anerkennung der Macht der Vergangenheit über der Gegenwart, die der Macht objektiverter Traditionen und Wertvorstellungen, nationaler Identitaet und der nie suspendierbaren Geopolitik.

 

 

 

Wir schauen uns jetzt tatsaechlich einer Globalisierung entgegen, unter deren oft wirklich virtuellen Strukturen die Relevanz von Krzysztof Glass’ Realien (Identitaet, Tradition, Nation und Geopolitik) durchaus an Bedeutung gewinnen konnte. Diese GLASS-NOST ist sicherlich kein Sieg der Globalisierung und legt es uns nahe, unabhaengig von andersartigen Erwartungen diese Pfeiler von Glass’ politischem Credo in Ehren zu halten.

 

 

 

Dieser Realismus hat also einen deutlichen Verdacht gegenüber Ideologien und Utopien, vertritt einen Wirklichkeitssinn der Schwaecheren und reklamiert eine starke Politik von seiten dieser Schwaecheren. Indem er die versteckten Interessen der Anderen entlarvt, er selber vertritt keine ideologisch oder partikulaer sonst irgendwie identifizierbare Einstellung. Er arbeitet auf der Grundlage des intellektuellen Gewissens und auf der Basis der Redlichkeit der Schriftkundigen. Es ist der Punkt, wo wir zur Typologie der Intelligenz in den letzten Jahrzehnten zurückkommen können.

 

 

 

Was ist aber der existentielle Inhalt dieser Position? Seine klassische intellektuelle Position war tatsaechlich existentiell bedingt. Um sie deutlich zu machen, müssen wir Hegels existentielle Ortsbestimmung zitieren über ein “Unten, wo alles konkret ist”. ”Unten” ist in diesem Satz nicht unbedingt eine soziologische Bezeichnung. Allerdings spielt die Soziologie in Ost-Europa bei der Bestimmung des “Unten” gewöhnlich keine sehr bedeutende Rolle, denn es gibt keinen Menschen, der innerhalb seines Lebens einmal nicht ganz unten gewesen waere. Glass’ Realismus ist einer von Unten, wo die Dinge konkret sind. Auch seine Politologie ist konkret, keine Flucht aus und von dem Konkreten in eine künstliche Abstraktion von vornehmen Akteuren, mit denen man sich gerne identifiziert, allein schon um von den bedrückenden Inhalten des Unten wegzugehen.

 

 

 

Und auch er litt darunter, worunter alle Denker des Konkreten denken, das, was er vom Konkreten erkannt und klar gemacht hat, wird gerade von denen nicht verstanden, für die die ganze Arbeit gestartet und durchgeführt worden ist.

 

 

 

Krzysztof Glass kaempfte hart für diese Wahrheit des Unten. Wie aber der Andere damit wirklich zurecht kommt, interessierte ihn dann nicht mehr. In dem Sinne war er grenzenlos tolerant.

 

 

 

 

 

 

 









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