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Die ins Ziel genommene Parallele hat eine
klare geschichtsphilosophische Dimension,
in welcher auch manche direkten und die indirekten
jüdischen Dimensionen sowohl Heines wie auch
Marxens auf spezifische Weise zum Ausdruck
kommen konnten. Einerseits erscheint die
anvisierte
geschichtsphilosophische Problematik als
ein holistischer Zusammenhang, der den Gang
der Geschichte mit begrifflichem Automatismus
in zwei Teile dividiert. Andererseits erweist
sie sich als eine Fragestellung, die in ihrem
Kern genau identisch mit der wichtigsten
und auch öffentlich weltweit diskutierten
geschichtsphilosophischen Problematik unserer
Jahre ist. Es geht um die von Francis Fukuyama
neulich inaugurierte Diskussion über das
"Ende der Geschichte" .
Wegen der notwendigen Klaerung der Begriffe,
aber auch wegen der bewussten Vermeidung
von vielen Scheindiskussionen, die im vergangenen
Jahrzehnt um diese Theorie aufgekommen sind,
scheint uns geboten, die wesentlichsten Inhalte
dieser Theorie kurz heraufzubeschwören. Da
es im Falle von Heinrich Heine in den wichtigsten
Zügen eine aehnliche Auffassung vom Ende
der Geschichte aufzufinden ist, kann diese
Zusammenfassung auch im engeren Kontext der
Heine-Interpretation keineswegs für überflüssig
angesehen werden.
Das Schlüsselmoment in der Interpretation
vom Ende der Geschichte bei Francis Fukuyama
ist, dass vom Ende in einem sehr spezifischen,
inhaltlich und logisch vollkommen geklaerten
Sinne die Rede ist. Die Vorstellung vom "Ende"
der Geschichte bedeutet nie ein absolutes
Ende (wie es viele Intellektuelle und Publizisten
mit erstaunlicher Vehemenz unaufhörlich thematisieren).
Anstatt dessen bedeutet sie das Ende einer
auf eine bestimmte Weise definierten Geschichte,
die vorher eindeutig auf ihre Begrifflichkeit
hin schon genauestens fixiert ist. Der Schlüssel
zur Interpretation, aber auch zu dieser Redeweise
generell ist also die Definition der Geschichte
selbst. Dieser Akt ist für die Philosophie
eine Selbstverstaendlichkeit, für das Alltagsbewusstsein
und die Alltagskommunikation jedoch beinahe
eine Absurditaet, denn letztlich wissen wir
alle, was Geschichte ist.
Heinrich Heine hatte es doch insofern leichter,
da die Reihe seiner Stellungnahmen über das
Ende der Geschichte (das in seinen wichtigsten
Komponenten der Auffassung von Fukuyama nicht
unaehnlich war) vor allem als utopische Positionen
angesehen und erlebt worden ist, die zu ihrer
Zeit entscheidend eher für intellektuelle
Sensationen galten und deren nahe und konkrete
Relevanz für die Zeitgenossen nicht gerade
als dringend vorkam. Eine der Komponenten
dieser Auffassung war etwa Heines klare Visionierung
einer kommunistischen Gesellschaft, was ja
damals noch als utopische Sensation oder
sensationelle Utopie par excellence galt.
Das Einverwobensein der Problematik des Kommunismus
in die Ideenwelt des Endes der Geschichte
ist eine weitere Aehnlichkeit zwischen Heine
und der Fragestellung unserer Zeit. Es ist
aber an sich nicht der tragende Kern dieser
gedanklichen Konstruktion. Dieser gedankliche
Kern ist ja die Einsicht darin, dass die
dynamischen und bis dahin progressiv fortschreitenden
Momente der Geschichte ihr Ziel zumindest
in dem Sinne erreicht hatten, dass es qualitativ
neue Etappen nicht mehr vorstellbar sind.
Es versteht sich von selber, dass diese Einsicht
politisch oder den Werten nach vielfach interpretiert
werden kann. An dieser Stelle (bei Heine
und heute zugleich) wird die nahe Konnexion
der Kommunismusproblematik und der Einsicht
in ein mögliches "Ende der Geschichte"
bestimmend. Denn der Kommunismus waere die
klare und eindeutig faktische Negation dieser
Vorstellung vom Ende der Geschichte par excellence.
Indem also der Kommunismus so oder so verschwindet
(wie es 1989 der Fall geworden ist) oder
als Moment einer theoretischen (möglicherweise
auch noch utopischen) Konzeption grundsaetzlich
relativiert wird, laesst sich die These von
einem Ende der Geschichte schon ohne Hindernisse
ausdehnen.
Diese spezifische Aussage vom möglichen Ende
der revolutionaeren Utopie resultiert aus
Heinrich Heines scharfem Blick zunaechst
beim Aufeinanderbeziehen des siegreichen
Republikanismus und der real existierenden
sozialen Verhaeltnisse und Motivationen,
die wir an dieser Stelle dem Heineschen Stil
treu bleibend vielleicht auf legitime Weise
als "Herrschaft des Geldes" bezeichnen
könnten. Heines tiefste Einsicht ist somit
eine bei weitem nicht überaus komplexe Registrierung
der Tendenzen einer Realitaet, die von vielen
noch überhaupt nicht gesehen wurde.
Bei jeglicher Thematisierung der Idee vom
"Ende der Geschichte" muss zuvörderst
klar ausgesagt sein, dass es bei diesen Beschreibungen
nie um eine absolute oder eine universalistische
Definition gehen kann. Der nicht-universalistische
Charakter dieser Definition bezieht sich
daraus, dass - geschichtstheoretisch voll
legitim - jeder Konstrukt der Geschichte
ihr eigenes Subjekt voraussetzt. Es gibt
also keine Geschichte ohne konstitutionierendes
Subjekt. Würde man beispielsweise die Geschichte
als einen Prozess oder einen Zeitalter definieren,
der von der Existenz von Blasorchestern konstitutiv
bestimmt wird, so gaebe es überhaupt keinen
Zweifel, bei der Auflösung des letzten Blasorchesters
über ein "Ende der Geschichte"
legitim reden zu dürfen. In diesem Fall laesst
sich jedoch leicht nachweisen, dass dieser
spezifische Akteur (d.h. die Existenz der
Institution des Blasorchesters) doch nicht
relevant genug ist, mit der Idee einer mehr
oder weniger ganzheitlich verstandenen Geschichte
und somit mit derjenigen eines "Ende(s)
der Geschichte" relevant in Verbindung
gebracht zu werden. Es ist aber eine Frage
der Relevanz und nicht eine der Logik oder
der Kohaerenz. Geht es aber bei der Definition
des "Ende der Geschichte" um eine
relevante Definition, werden bei dieser Definition
relevante Akteure durch ihre relevanten Bestimmungen
herangezogen, so dürfte einem Diskurs vom
"Ende der Geschichte" nichts mehr
im Wege stehen. Definiert man etwa die Geschichte
als einen dynamischen Prozess des Kampfes
um die Anerkennung (Kojeve-Fukuyama) oder
definiert man sie durch die stillschweigenden
Attribute des "Ancien Regime" (wie
es Tocqueville tut und nach dieser Bestimmung
schon mit Recht darüber sprechen kann, dass
jene, die den "Ancien Regime" nicht
mehr erlebt haben, nicht wissen können, was
das Leben war, womit er eine ebenfalls krystallklare
Formulierung des "Ende der Geschichte"
durchführt) , so kann eine, wie betont, nicht
absolute und nicht universalistische Definition
vom "Ende der Geschichte" durchaus
legitim sein, denn sie bezeichnet in diesem
Fall nicht ein absolutes, universalistisches
oder "naturalistisches" Ende des
Geschichtsprozesses, sondern einen Wechsel
jener (aller)wichtigsten Bedingungen, die
die Geschichte konstituieren.
Heinrich Heine spielt in der Reflexion des
"Ende der Geschichte" zu seiner
Zeit eine einmalige, vielleicht sogar auch
historisch einmalige Rolle. Denn er projiziert
bereits nach 1830, jedenfalls aber ganz deutlich
schon vor 1848 die Hypothese eines "Ende
der Geschichte" auf die aktuellsten
Entwicklungen der fortgeschrittensten bürgerlichen
Gesellschaft. In diesem Sinne kann er in
der Lutetia fragen, was die Franzosen mit
ihren grossen historischen Siegen anfangen
können, wenn sie im nachhinein alles wieder
vergessen .
Die bei Heine unverkennbar artikulierte Idee
eines "Ende der Geschichte" erscheint
beim jungen Marx vollkommen anders. Dies
ist freilich nicht nur aus unserem aktuellen
Blickwinkel heraus von entscheidender Bedeutung,
sondern traegt zu einer anspruchsvollen Beschreibung
beider Persönlichkeiten wesentlich bei, unter
anderen wertet Heinrich Heine sowohl als
Denker wie auch als Dichter und politisch
engagierten Intellektuellen in erheblichem
Ausmass auf. Denn gerade Heines bereits vor
1848 vollzogene Einsicht in ein "Ende
der Geschichte" laesst Marxens vollkommen
entgegengesetzte Einsicht in einem neuen,
nichtsdestoweniger aber wahren Licht erscheinen.
Gerade Heines Erkenntnis der neuen Funktionalitaet
der Revolutionen und der Politik laesst exakt
benennen, wie Marx in seiner Interpretation
der neuen und antagonistischen historischen
Situation Denkstrukturen des achtzehnten
Jahrhunderts, bzw. der Aufklaerung unter
einem durchaus konkreten Aspekt fortsetzt.
Gerade Heines Erkenntnis des Ausbleibens
funktioneller und struktureller Veraenderungen
in neuen Revolutionen unterstreicht die Marx
zugrundeliegende Hegel-Interpretation. Es
ist auch nicht ohne Bedeutung, dass hinter
Marxens Entscheidung für die Klassenkampf-Theorie
und die daraus folgende Revolutionstheorie
gerade aus jener Hegelschen Analyse der Herr-Knecht-Relation
stammt, welche auch Francis Fukuyama bei
seiner Interpretation des Jahres 1989 zur
Grundlage diente. Es war gerade die Identifizierung
der Hegelschen Herr-Knecht-Relation mit der
neuen Beziehung zwischen Bourgeoisie und
Proletariat, die zur positiven Theorie der
Revolution bei Marx führte, welche Position
in spiegelverkehrter Relation eben zu Heines
Einsicht in ein Ende der Geschichte stand.
Seit 1844 leitet jene Analogie den jungen
Philosophen, welche zwischen dem "alten"
Klassenkampf zwischen der Aristokratie und
dem Dritten Stand und dem "neuen"
Klassenkampf zwischen der Bourgeoisie und
dem Proletariat besteht. Diese Analogie erhaelt
ihre reifste Gestalt im Kommunistischen Manifest.
Für unsere aktuelle Untersuchung bedeutet
die von Marx in Anspruch genommene und uferlos
gedachte Geltung dieser Analogie aber - in
schroffem Gegensatz zu Heine - kein Ende
also, vielmehr eine letztlich problemlose
Fortsetzung der Geschichte. Was aber in dieser
Auseinandersetzung wirklich entscheidet,
ist, ob die Analogie einer sorgfaeltigen
Prüfung standhaelt oder nicht. Und weil diese
Analogie nur zum Teil als richtig angesehen
werden kann, ist auch ohne weitere Ausführungen
klar, dass bei Marx über ein "Ende der
Geschichte" nicht die Rede sein kann,
waehrend es bei Heine auf eine in aktueller
Sicht beinahe sensationelle Weise der Fall
ist.
Diese Differenz in der Beurteilung der spezifischen
Züge der Gegenwart (die wir vorhin als die
Differenz in der Beurteilung einer Möglichkeit
des "Ende der Geschichte" bezeichneten)
wird auch in der Problematik des Kommunismus
thematisch. Denn der ins Auge springende
Unterschied in der Beurteilung der Möglichkeit
und der möglichen Qualitaet des Kommunismus
ist mit der Einsicht in die Möglichkeit oder
Unmöglichkeit des "Ende der Geschichte"
verbunden. Für Marx, für den die Geschichte
der antagonistischen Klassenkaempfe in neuer
Rollenverteilung weiter fortgesetzt wird,
ist die utopische Möglichkeit des Kommunismus
eine Selbstverstaendlichkeit, waehrend für
Heine schon aus dem Grunde der Unmöglichkeit
einer strukturtypologischen Fortsetzung der
Geschichte auch der Kommunismus eine Unmöglichkeit
ist. Diese spezifische Unmöglichkeit erweist
sich bei Heine jedoch nicht als Konsequenz
einer dynamischen Wesensschau, sondern als
Ausfluss einer langen Reihe analytischer
Einsichten vor allem in die französische
Politik. Diese Einsichten (wie davon noch
auch ausführlicher die Rede sein wird) weisen
in der Richtung, dass neue politische Bewegungen,
selbst Revolutionen an der Substanz der bestehenden
Verhaeltnisse nicht nur kaum Relevantes aendern
können, sondern auch es auch letztlich nicht
wollen .
Hinter dieser scheinbaren Differenz aber
bleibt auch noch eine weitere Schicht der
Meinungen aufzufinden, auf welcher Marx und
Heine wieder auf die gleiche Plattform kommen.
Vereinfacht gesagt, gehört zu Marxens positiver
Stellungnahme über den Kommunismus stets
auch ein utopischer Hintergrund, der -auf
diese oder jene Form - stets qualitativ neue,
vor allem neue wirtschaftliche Bedingungen
und Umstaende voraussetzt. Der Punkt, an
welchem er in die Naehe Heines kommt, ist
die Möglichkeit, dass ein Kommunismus oder
eine aehnliche Einrichtung ohne diese qualitativ
neuen Umstaende irgendwo errichtet werden
dürfte. Seine Kritik an einem solchen Kommunismus,
mit seinem Terminus, an dem "rohen"
Kommunismus steht der Kritik Heines am Kommunismus
kaum nach.
Bei der gemeinsamen Verurteilung (und erstaunlich
früher Wahrnehmung) von all dem, was unter
den Begriff des "rohen" Kommunismus
subsumiert werden kann , verfügt Heine über
einen Vorteil in der Anschauung. Er muss
reflektieren, dass es in der Geschichte nicht
nur aufbauende Progression, sondern auch
Vergessen gibt und - dies nicht genug - die
Geltung des Vergessens kann sich auch auf
Revolutionen ausdehnen. Es eröffnet sich
also zumindest die prinzipielle Möglichkeit
dafür, dass Revolutionen ausbrechen, wenn
vieles aus den Gründen der vorigen Revolution
in Vergessenheit gerieten. Dies schafft nicht
nur eine ebenfalls prinzipielle Trennung
zwischen Heine und Marx, dies ermöglicht
aber auch eine nunmehr von einer anderen,
neuen Seite her motivierte Verstaerkung der
These von einem Ende der Geschichte, die
ja in historisch korrekter Form in unseren
Augen den grössten Unterschied zwischen Heine
und Marx ausmacht. Das Erschütternde ist
(worauf wir noch in manchen Bezügen zurückkommen
müssen) naemlich, dass Heine mit der ganz
deutlichen Artikulierung dieser Idee nicht
einmal die Pariser Revolution 1848 abwartet,
er formuliert diese Idee bereits nach der
Julirevolution 1830 .
Die Zeit, das Interesse der Intellektuellen,
die Hegel-Schulen alle erklaeren, wieso ein
"Dichter" in der philosophischen
Beurteilung der universalen Geschichtsproblematik
es mit einem führenden Philosophen seiner
Zeit durchaus aufnehmen kann. Es bedeutet
freilich nicht, dass wir dadurch alle tieferen,
vor allem soziologisch gefaerbten Frage gleich
dürften loswerden können, die etwa in Heines
Gestalt dieses einmalige und harmonische
Verwachsensein des denkerischen und des dichterischen
Ansatzes erklaeren könnten. Es steht fest,
dass dieses Verwachseinsein Heine den vor
allem im spaeteren nicht hoch genug zu schaetzenden
Vorteil gewaehren konnte, bei der korrekten
Bearbeitung der einzelnen analytischen Perspektiven
auf eine holistische und universalistische
Sichtweise nicht verzichten zu wollen und
zu müssen. Dies bedeutet, dass gewisse traditionelle
Qualifikationen der führenden Intellektuellen
nun auf die Rolle des Philosophen hinübergetragen
worden sind, was - in vielem noch in nicht
erforschter Weise - zu einer spezifischen
Option unter den anderen Optionen führt .
Dahinter steht aber auch, dass das Spezifische
dieser Zeit es eben war, relevante und (mit
unserem heutigen Wortgebrauch) "globale"
politische Lösungen einheitlich zu antizipieren,
die - nach den Erwartungen - nach einer Reihe
siegreicher europaeischer Revolutionen den
ganzen Antlitz des Kontinents schlagartig
und für alle Ewigkeit veraendern.
An einer Stelle vermerkt Marx an Heine, zwei
historische Perioden miteinander verwechselt
zu haben. Im Zuge einer experimentierenden
Konkretisierung dürfte das mit auch ein Zeichen
dafür sein, dass Heine die Idee eines "Endes
der Geschichte" bereits vor 1848 formulierte:
"...erzaehlt er (Heine) ausführlich
die Lüge, ich etc. seien ihn trösten gekommen,
als er in der Augsburger Allgemeinen Zeitung
wegen der Erhaltung von Louis-Philippe-Geldern
'angegriffen' war. Der gute Heine vergisst
absichtlich, dass neue Intervention für ihn
Ende 1843 ereignete, also nicht mit facts
zusammenfügen konnte, die nach der Februarrevolution
1848 ans Licht kamen".
Die Antizipierung jenes Ideenkreises, die
man aktuell als die
Problematik des "Endes der Geschichte"
erwaehlt Heine auf einen Schlag in die allererste
Reihe der politischen Denker. Kein Wunder,
wenn die Frage wie automatisch ersteht, warum
Heine nicht auch in aller Öffentlichkeit
in die Tradition der politischen Philosophie,
bzw. des politischen Denkens in diese exzellente
Position einging.
Die Lösung, scheint uns, liegt darin, dass
Heine seine exzellente Wesensschau im Politischen
mit einer Thematisierung der philosophisch-weltanschaulichen
Entwicklung flankierte, die sich in der weiteren
Entwicklung nicht bestaetigte. Mit der Scharfsicht
im Politischen wurde eine Antizipation im
Weltanschaulichen gepaart, die bei aller
ihrer zweifellosen Plausibilitaet von der
realen Entwicklung selber nicht verifiziert
worden ist.
Es geht darum, dass die Einsicht ins Ende
der Geschichte in Heine einen Prozess in
Gang setzt, an dessen Ende er sich sein Verhaeltnis
zum Christentum veraendert. Es geht also
darum, dass die Antizipation dieses Endes
bei ihm mit einer Neuformulierung des Christentums
identisch ist. Die Einsicht ins Ende der
Geschichte (in dem von uns in Anspruch genommenen
Sinne), aber auch die Erneuerung der Hegelschen
Herr-Knecht-Relation (wie es bei Marx der
Fall sein wird) gehen in der realen Geschichte
weitgehend mit einer ganz gewaltigen Saekularisierung
zusammen. Für Heine heisst es so viel, dass
er die eine führende Einsicht in die Zukunft
in extremer Frühe und Genauigkeit vorausgesehen
hatte, waehrend er an diese von ihm so exzellent
erkannte Tendenz nicht jene andere Tendenz
hinzufügte, welche in der realen Geschichte
vorherrschend geworden ist. Auf der einen
Seite ging er seiner Zeit voraus, auf der
anderen Seite fiel er gleichzeitig hinter
seine Zeit zurück.
Diese Fragestellung will weder die allgemein-politische
oder die soziale, noch die weltanschauliche
Bedeutung der Religion für die in Frage stehende
Zeit (metaphorisch ausgedrückt: für die Zeit,
in der Heine ins Ende der Geschichte und
Marx in die durch die neue Herr-Knecht-Relation
zu betaetigende Fortsetzbarkeit der Geschichte
einsieht) in Zweifel ziehen. Was wir an dieser
Stelle mit dem grössten Nachdruck hervorzuheben
suchen, ist, dass der sich in jedem Teilbereich
durchsetzende historische Trend eine radikale
Verweltlichung war. Eine das Niveau einer
theoretischen Wesensschau realisierende Beschreibung
der Universalgeschichte jener Zeit würde
also nicht ein Nebeneinander des Endes der
Geschichte und einer neuer Religiositaet,
vielmehr jenes des Endes der Geschichte und
einer radikalen Verweltlichung mitgebracht
haben.
Mit dieser Einschraenkung laesst sich schon
Heines neue Aufwertung von Religion und Religiositaet
in aller ihrer Komplexitaet thematisieren.
Unter unserem Aspekt kann es bereits als
eine sich herauskrystallisierende Erfahrung
gelten, dass sich Heines eigene und philosophische
Religiositaet in der Tradition stark verblassen
konnte und an Bedeutung das libertinaer-freidenkerische
Bild vom Dichter nicht wesentlich beeintraechtigen
konnte.
Heines Religiositaet, die wir ja ausschliesslich
nur in diesem universalhistorischen Kontext
thematisieren, ist auch eine Reaktion, eine
Antwort auf den von ihm auf seine Weise antizipierten
Gang der Geschichte. Diese Religiositaet
erweist sich in diesem Kontext auch als Notwendigkeit,
denn das Elend des Menschen war und ist zu
gross. Seine Entscheidung für die Religion
ist eine angesichts eines von ihm als welthistorisch
angesehenen welthistorischen Trends. Als
solche ist sie bei weitem nicht irrelevant.
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