Kiss Endre főoldal   Broch






Tartalomjegyzék Hermann Broch. Werk und Wirkung Hermann Broch Utolsó lap

Edit Gyömrõi und Hermann Broch

Szerző: Endre Kiss, Budapest

In historischer Perspektive ist es schon klar, dass sich aus diesen Grundperspektíven der Psychoanalyse als universalen Mediums durch die Ausbildung der neuen Klasse in der Zwischenkriegszeit gerade die antagonistische Rivalitaet mit dem (stalinistisch gewordenen) Marxismus als der bestimmendste Faktor erwiesen hat. So alarmierend es auch für unsere diskussions- und konsensorientierte intellektuelle Kultur es auch scheinen mag, war es ein steinharter Kampf von Dogmen. Die rein theoretischen Probleme waren in Wirklichkeit Machtfragen.




Edit Gyömrõi und Hermann Broch

 

Endre Kiss, Budapest

 

Abstract

 

Literarische Freundschaften erweisen sich nur selten als so inhaltsreich, geheimnisvoll, wenn eben nicht abenteuerlich, wie es im Falle der intellektuellen und emotionellen Beziehung zwischen Edit Gyömrõi (1897-1987) und Hermann Broch geschah.[1]

 

Hermann Broch hatte Edit Gyömrõi in den turbulenten Jahren 1918 und 1919 in Österreich (wie Gyömrõi es in einem in Ungarn gegebenen Interview (Vezér, 1971) sagte: auf dem Zuge zwischen Wien und Teesdorf und von ihrer Reise-Lektüre eines d’Annunzio-Romans angeregt) kennengelernt. In seiner Broch-Biographie widmete Paul Michael Lützeler von Anfang an eine intensive Aufmerksamkeit dieser Beziehung. Die literarische Freundschaft dauert im wesentlichen bis 1938, als Gyömrõi mit seinem damaligen Mann, László Újvári nach Ceylon emigriert.

 

Gyömrõi (ursprünglich Edit Gelb, dann Gyömrõi, spaeter nach dem Namen ihres ersten Mannes Rényi, dann nach dem des zweiten Mannes Glück und nach dem dritten gilt heute als eine sehr vielschichtige Repraesentantin einer links eingestellten neuen Klasse der Intellektuellen nach dem Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Ihr Leben ist ein Musterbeispiel der intellektuellen Möglichkeiten und der sozialen Unmöglichkeiten des mittel-europaeischen Raumes. Sie wurde von der intellektuell-politischen Progression des Vorkriegsungarn erzogen (im Galilei-Kreis, im Sonntag-Kreis um Georg Lukács, sowie im Umfeld der sich stets erneuernden ungarischen Avantgarde-Papstes Lajos Kassák). Zur Zeit der ungarischen Raeterepublik war sie Mitarbeiterin des Volkskommissariats für Unterrichtswesen. Nach dem Sturz der Kommüne emigriert sie nach Wien und spaeter nach Berlin, wo sie zur Psychoanalytikerin ohne ein vormaliges medizinisches Studium ausgebildet worden ist. In Berlin gehört sie zur linken Intelligenz im Bannkreis des Freudomarxismus (unter anderen im Kreis von Hanns Eisler). 1933 kehrt er nach Ungarn zurück, es ist die Zeit als sie die Bekanntschaft von Hermann Broch auch macht.

 

Edit Gyömrõis Lebenslauf entspricht in manchen seinen Zügen demjenigen von Hermann Broch, insbesondere wenn man in Betracht zieht,.dass auch Hermann Brochs intellektueller Weg mit einer gewissen biographischen Verspaetung seinen Anfang nimmt. Beide werden profilierte Intellektuellen zu derselben Zeit des ausgehenden Ersten Weltkrieges und der darauf folgenden einmalig messianistischen intellektuellen und politischen Welt. Gemeinsame Schnittmengen ergeben sich in den kulturkritisch-geschichtsphilosophischen Interessen, in den avantgardistischen und spaeter den klassizisierenden literarischen Versuchen, im aktiven Erlebnis der Raeterepublik (in beiden Laendern), sowie in dem unveraenderten Kultusgegenstand der Psychoanalyse.

 

Edit Gyömrõi als Persönlichkeit gilt in Ungarn als allgemein bekannt, hauptsaechlich, weil sie die praktizierende Psychoanalytikerin des grössten ungarischen Dichters der Zwischenkriegszeit, Attila József, zwischen 1934 und 1936 gewesen ist. Als solche wird ihre Persönlichkeit und ihre Relation zu Attila József permanent analysiert und diskutiert. Auf dieser Linie baut Edit Gyömrõi aber auch eine wahre Brücke zwischen Hermann Broch und Attila József, wobei diese Beziehung nicht nur symbolisch ist, sondern auch fundamentale weitere intellektuelle Einsichten versprechen kann.

 

Edit Gyömrõi gehört auf eine sehr spezifische und für sie stets viel bedeutende Art in die „Familie” der ungarischen Psychoanalyse. Sie ist die Nichte von István Hollós, der neben Sándor Ferenczi und Imre Hermann den führenden Triumvirat der psychoanalytischen ungarischen Gemeinde ausmachte. Ihre Zugehörigkeit zu diesem Kreis ermöglichte es ihr stets zum inneren Kern dieser Bewegung zu gehören. So nahm sie bereits 1918 an dem V. Internationale(r)n Kongress der Psychoanalyse in Budapest teil. Diese Tatsache wird sich eben in den dreissiger Jahren als die auffallendste erweisen, als sie als eine Schülerin und Mitarbeiterin von Otto Fenichel (und auf dieser Linie zumindest als eine Sympathisanten von Wilhelm Reich) unveraendert das Vertrauen dieses Kreises geniessen kann.

 

Ihr Berliner Jahrzehnt (1923-1933) ist nicht eine der vielen Stationen ihres zutiefst mit den Erschütterungen des zwanzigsten Jahrhunderts verwachsenen Lebens, allen Anzeichen nach ist diese Zeit für ihn der Höhepunkt und der Ort der Realisierung ihrer bis dahin bestimmenden Lebenszielen. Um so tragischer wirkt es aus (auch in ihrem Fall), dass sie auch diesen Lebensort aufgeben muss. Von der ungarischen Perspektive aus bekommen ihre darauf folgenden Budapester Jahre wegen Attila József die grösste Relevanz auf ihrer Lebensbahn. Der Berliner Höhepunkt war eine Erfüllung, auch wenn sie oft mit der Armut kaempfen musste. Sie arbeitete Designer von Kleidungen in der Filmindustrie, übernahm in derselben aber auch andere Rollen und Funktionen.[2] Sie tritt auch der Rote Hilfe bei, gewisse Spuren deuten darauf hin, dass sie nicht (wie es in einem Teil der ungarischen Literatur verbreitet ist) oder nicht nur in der Redaktion der Zeitschrift Rote Hilfe, sondern auch in der Organisation derselben taetig war, die (in merkwürdiger Übereinstimmung mit der Filmindustrie) auch voll mit vielfachen intellektuellen Inhalten und Beziehungen erfüllt war.[3] Von 1929 an erfolgte ihre psychoanalytische Ausbildung bei Otto Fenichel, die die über keinen medizinischen Abschluss verfügende (und an der ungarischen und internationalen psychoanalytischen Bewegung seit mindestens 1918 teilnehmenden) Gyömrõi mit einem endgültigen beruflichen Profil ausgestattet hat. Durch Otto Fenichel war sie aber auch mit Wilhelm Reichs orgonomischen Freudomarxismus verbunden, der wiederum eine selbstaendige zeitliche und konzeptionelle Periode der psychoanalytischen Bewegung ausmachte, welche Periode dann ihrerseits Edit Gyömrõis Verbindung nicht nur mit Attilla József, sondern auch schon mit Hermann Broch begründete.

 

Die Gyömrõi-Broch-Relation dürfte auch mit einer Vielzahl von intellektuellen und politischen Trends charakterisiert werden. Die Relation wurde von einem (von dem Altersunterschied unabhaengig gewordenen) gemeinsamen intellektuellen Start motiviert, sie ist von den beiden Seiten und von Anfang an „interdisziplinaer” und „polyfunktional”, sie ist ebenfalls von Anfang an mit einer stattlichen Vielzahl (!) von gemeinsamen Gesellschaften und anderen sozialen Kreisen umgeben, sie ist von dem ersten Augenblick an gleichzeitig literarisch (schöpferisch-poetisch sogar, wobei der oft in den Schatten gestellte Gedichteschreiber Hermann Broch zur Geltung kommen kann), psychoanalytisch und politisch (insofern stets auch philosophisch, indem alle diese drei Gebiete ihre eigenen philosophischen Dimensionen haben). Ihre Beziehung war gekennzeichnet durch die gleichzeitig apokalyptische und messianistische Periode der Jahre 1918 und 1919, die in Wien und in Budapest mit den selben geschichtsphilosophischen Herausforderungen zusammenging und die für Broch (wie auch für Gyömrõi) auf die gleiche Weise den eigentlichen Rahmen und den wahren Ausgangspunkt für ihre ganze intellektuelle Laufbahn abgab, mitsamt der in Wien kürzeren und spaeter eher vergessenen und in Budapest laengeren und für die Zukunft eher bestimmenden Episode der Kommüne oder, anders gesagt, der Raeterepublik[4] Mit diesen wahrhaft millenaeren Ereignissen, die ja bei Broch das wirklich nicht alltaegliche Thema des „Zerfalls der Werte” und die „Überlagerung der historischen Zeitepochen” und bei Gyömrõi ihren aktiven Dienst in einem der Kommissariate der Raeterepublik hervorrufen, geht aber auch die unerwartete und vollkommen anders vorgestellte Erfüllung einer Tendenz zusammen, die früher oder spaeter in jedem Fall haette eintreten müssen. Auf eine absurde und paradoxe Weise vereinigte sich die moderne und mehr oder weniger junge Generation von Wien und Budapest (aber auch von anderen historischen Regionen der sterbenden Habsburger-Monarchie) in Wien und wurde sich der stellenweise unglaublichen Naehe und Verwandtschaft bewusst. All die Tendenzen realisierten und bewahrheiteten sich in der Wiener Beziehung von Edit Gyömrõi und Hermann Broch in Wien. 

 

„In den Wiener Kaffeehaeusern wird Promiskuitaet als die selbstverstaendlichste Sache der Welt betrachtet”, summiert Paul Michael Lützeler, indem sie an Brochs mehr oder weniger parallele Beziehungen neben Gyömrõi auch mit Ea Allesch und Milena Jesenska hinweist. Er sieht in ihnen „ein(en) sonderbar blind-lebensgieriger(en) Frauentyp, der gehetzt wird von der Bangigkeit, die Maenner zu versaeumen…” (Lützeler, 1985, 71). Zu dieser Charakterisierung würden wir hinzufügen, dass diese Zeit und diese Beziehungen ein eigenartiges Kapitel auch in der Geschichte der Frauenemanzipation ausmachen. Denn diese Frauen waren schon die Töchter der Jahrhundertwende, sie galten als sich anfangs ungewollt, dann aber immer bewusster emanzipativ stilisierende Frauen, die – wie beispielsweise auch Gyömrõi[5] - für ihre unabhaengige Lebensgestaltung mit ihrer Familie schon im Anfang einen intensiven Freiheitskampf ausgefochten haben und dann diesen Kampf für einen eigenen Beruf, eine neue Familienstruktur und eine schöpferische Lebensweise weiter ausgekaempft haben mussten. Diese Frauen waren laengst nicht mehr Objekte von Maennerphantasien, wenn sie auch für das Recht einer eigenen und freien Sexualitaet einsetzten. Sie wollten selbstaendige Akteurinnen der Gesellschaft und des Geistes werden, die für ihre eigenen Entfaltungsraeume zu meist ohne maennliche Hilfe ihren permanenten Freiheitskampf führten. Für sie erweisen sich die Jahre 1918 und 1919 als noch dramatischer wie sie es für die Maenner waren. Denn ihre Freiheiten waren noch ganz neu und hatten noch kaum genügende soziale Verankerung. Eine ungebrochene Fortsetzung dieser selbstverwirklichenden emanzipativen Lebensstrategie musste für sie eine an der Unmöglichkeit grenzende Lebensaufgabe werden, wenn der Zerfall der Werte gleichzeitig auch neue Möglichkeiten für sich geschaffen haben mochte.

 

Vergegenwaertigt man sich dieses konkrete Kapitel der weiblichen Emanzipation, so wird auch ein durchaus wichtiger und bis jetzt (selbst bei dem stets sich erklaerenden und interpretierenden Broch) nicht thematisierter Zug des Liebhabers und des Denkers Hermann Broch ersichtlich. Der Lover Broch war naemlich stets auf der Partei der Selbstverwirklichung und der Selbstentfaltung seiner geliebten Frauen, er hat ihre Situation voll verstanden und verhielt sich ihnen gegenüber als Helfer und Verbündeter.

 

Diese literarische Freundschaft nahm mit der Publikation von zwei Gedichten von Edit Gyömrõi durch Hermann Broch seinen Anfang nahm. Das erste dieser Gedichte („Bitteres, spaetes Gebet”[6], auf ungarisch: „Keserû késõi imádság”) entstand im Sommer 1918. Da Broch kein ungarisch konnte, arbeitete er aufgrund von Rohübersetzungen der Dichterin. Broch war hierbei ohne jeglichen Zweifel von Kollegialitaet und Hilfsbereitschaft geleitet, er liess die Gedichte aber ohne eine aktuelle Genehmigung der Verfasserin veröffentlichen, die sich dagegen beschwerte, so dass er selbst dann sich bei ihr entschuldigte.

 

Eine Analyse der Brochschen Aufarbeitung der von Gyömrõi verfassten Rohübersetzung laesst sich darauf schliessen, dass sich Gyömrõis Klagen nicht so sehr auf die fehlende Autorisation, sondern eher auf die Transformation der ursprünglichen Aussagen der Dichtungen gerichtet haben mochten. Das Gedicht ist im Ungarischen eine klar formulierte Botschaft der Lebensbilanzierung, hinter welcher die sich aufdraengenden neuen Erfahrungen der historischen Zeitenwende deutlich durchscheinen. Das Sprachmaterial der Dichtung ist deutlich von Endre Ady gepraegt, dem es gelungen ist, die intellektuelle und soziale Modernisierung Ungarns in einer dynamischen und kohaerenten eigenen Symbolsprache zu artikulieren. Nichtsdestoweniger markiert das Gedicht „Bitteres, spaetes Gebet” eine deutliche Verschiebung in der Richtung der Anschauungsweise der Avantgarde. Dem konkreten historischen Augenblick voll entsprechend bildet das Gedicht so einen sinnlich formulierten Übergang zwischen zwei Sprachwelten, die radikale Moderne sammelt ihre Kraefte und schafft den schwungvollen Übergang in den Avantgardismus, waehrend es im Gedicht fast ein symmetrisch anmutender ausgeglichene Mittelweg zwischen diesen Welten aufgebaut ist. Brochs Nachdichtung im Deutschen stimmt jedoch gleich eine dritte Sprachwelt an, er führt das Gedicht in die Welt der für diese Jahre schon klassisch gewordenen deutschen Moderne.Waehrend die erste Zeile Gyömrõi’s eine harmonische Zusammenfassung ausdrückt („Minden szüret közös hordója az élet” , d.h. auf deutsch etwa: „Der gemeinsame Fass jeder Weinlese ist das Leben.”), wird dieser Satz als Auftakt bei Broch folgendermassen modifiziert: „Oh Herr, da es Abend wird und ich Dich rufe…”. Auf eine charakteristische Weise kommt bei Broch die Wendung „Oh Herr” zweimal und diejenige „Oh Gott’ einmal vor, waehrend keine von beiden bei Gyömrõi vorkommt. Es bleibt noch zu vermerken, dass die radikale Moderne wie auch die Avantgarde in Ungarn streng „diesseitig” ist, so dass Wendungen wie „Oh Gott” auch dann als Missverstaendnisse aufgefasst werden sollten, wenn man über die rein rhetorische Dimensionen dieser Formen auch weiss. Zwei Aufrufe Gyömrõis werden unter den Haenden Brochs zu letzten Gliedern eines langen Schachtelsatzes. Indem die Dichterin naemlich in die Welt ruft: „Erõt, Csodát!” (etwa „Kraft, Wunder!”), meint sie sicherlich nicht, was sie bei Broch wieder findet: „Oh Gott, da es nun Abend wird (damit wiederholt Broch jetzt jenen Auftakt des Gedichts, der bei Gyömrõi überhaupt nicht vorkommt – E.K.) und ich Dich rufe/Und meine Kelter voll des schwarzen Weines sind,/Harr’ich des Wunders und der grossen Staerke..” Im weiteren verurteilt die Dichterin ihr ganzes bisheriges Leben, das ihr vor dem Horizont der grossen welthistorischen Umwaelzung als verfehlt vorkommt, denn sie sah nichts, hörte nichts und verstand nichts, jetzt muss sie aber rein sein fürs Verstehen und Ausüben des Neuen. Dieser dichterische Gedanke kommt in Brochs Gedicht so  vor: „Gib meinem toten Leben , trotz der gescheckten Sünde, /die schöne Demut Deines wahren Lebens-„ Nicht überflüssig ist es, darauf noch einmal hinzuweisen, dass Gyömrõis avantgardistische, wenn nicht eben revolutionaere Diesseitigkeit bei Broch in einen stilisierten Dialog mit einer aesthetisierten Transzendenz verwandelt wird.

 

Das zweite von Broch nachgedichtete Gedicht Gyömrõis („Schmerzloses Opfern”[7] – auf ungarisch: „Vérmaró télbõl havazik a lelkem”) bereitete vielleicht noch grössere Schwierigkeiten für den Übersetzer. Das vom durchpolitisierten Symbolismus in die Avantgarde hinüberschlagende Sprachmaterial laesst sich kaum übersetzen, und zwar vor allem wegen des bei Hugo Friedrich formulierten allgemeinen Prinzips der „Unbestimmtheitsfunktion der Determinanten”.(Friedrich, 1956). Dieses tragfaehige Prinzip thematisiert die Tatsache, dass die Avantgarde (wie etwas allgemeiner auch die Moderne) grammatisch determinierte Elemente (Substantive) in grosser Anzahl anwendet, die er im Vortext semantisch nicht determiniert, so dass dadurch eine semantische „Unbestimmtheit „von gleichzeitig grammatisch formal determinierten” Elementen entsteht. Diese Textgestaltung macht die Arbeit der Übersetzung fast vollkommen beliebig oder direkt überflüssig. Denn der fremdsprachige Leser wird nie entscheiden können, ob ein semantisch „unbestimmt” gelassenes , formal aber determiniertes Element im Original schon so steht oder durch die Übersetzung (etwa allein (!) wegen der unterschiedlichen Apparaten der einzelnen Sprachen zur Determination) entstanden ist. Im folgenden ungarischen Satz etwa „néktek labdatér hullásom mezõje” (in Rohübersetzung: „euch ist (ein) Ballplatz das Feld meines Sturzes”) kommt kein formal determiniertes Wort vor, wobei es hierbei mindestens zwei semantisch determinierte Elemente identifiziert werden müssen. Daher ist in diesem Gebiet im Prinzip durchaus legitim, wenn Broch als Übersetzer die Struktur und den Aufbau des Gedichtes radikaler veraendert. Die Richtung dieser radikaleren Veraenderung geht aber wieder gegen den avantgardistischen (etwa der damaligen „Oh Mensch-Dichtkunst” Werfels aehnlichen) Charakter des Gedichts und realisiert wieder die Strukturen der klassischen Moderne in der deutschen Dichtung.  Bei Gyömrõi kommen mehrfach „Strassenkinder” („Strassenknaben”) vor, die zumindest für die damalige Vorstellung eine klare soziale Kategorie  ausmachten. Konsequent verwechselt Broch Gyömrõis „Strassenkinder” mit „Knaben”. Bei Gyömrõi faengt das Gedicht mit der folgenden Zeile an: „Vérmaró télbõl havazik a lelkem”, bei Broch mit der folgenden: „Winter schneit meine Seele.” Bei Gyömrõi ist es klar, dass die blutende Seele der Dichterin es ist, von welcher der Schnee hervorströmt, waehrend es bei Broch eher scheint, dass der Winter durch Schnee von der Seele der Dichterin evoziert wird. Die Richtung der Transsubstantiaton der wichtigsten Gegenstaende wird somit eine andere. Gyümrõi redet die Strassenkinder an und stellt die Zukunft ihrer Seele so dar, dass sie alles wird, was „euch” (d.h. den Strassenkindern) wert werden wird, dieselbe Zukunft der Seele erscheint bei Broch als…”alles, was Knaben lieb ist”. Die Dichterin, die sich für die Zukunft opfern will, beruhigt sich und die mehrfach angesprochenen Strassenkinder am Ende mit der Formel, dass „Güte sich selber niemals weh tun kann”, waehrend derselbe Abschluss bei Broch mit der lakonischen Sentenz „Nichts tut weh” betaetigt wird.

 

Hinter diesen Problemen bei Auflösung von schwierigen sprachlichen Unterschieden wird aber auch eine allgemeine Tendenz sichtbar, die Gyömrõi mit Recht beanstandet und für welche Broch sich dann auch mehrfach entschuldigt. Die expressive und überzeugende Dichterin Edit Rényi ist von dem durchpolitisierten und intellektualisierten ungarischen Spaetsymbolismus zu der europaeischen Avantgarde unterwegs, waehrend der immer noch angehende Literat und immer noch als jung geltende Geschichtsphilosoph Hermann Broch an einer dichterischen Sprache festhaelt, die fast ausschliesslich auf den Errungenschaften der deutschen lyrischen Moderne (von Rilke zu George) aufgebaut ist und die schon damals jedes relevante Stilmerkmal und alle Merkmale der lyrischen Intentionen auch des spaeteren klassischen Dichters Hermann Broch traegt. [8]

 

Kein Zweifel jedoch, dass das umfassende Medium der literarischen Freundschaft zwischen Edit Gyömrõi und Hermann Broch nicht die Literatur, sondern die Psychoanalyse war, und zwar gerade in jenem konkreten Sinne, wie diese Lehre bei einer neuen Klasse der Intellektuellen (Kiss, 2006) in diesen Jahrzehnten erschien. Psychoanalye galt als Fluidum, das alles durchdrang und in wessen Medium dann auch Literatur und Politik ebenfalls artikulieren konnten. Sowohl Broch wie auch Gyömrõi waren Protagonisten, für die diese Funktion der Psychoanalyse voll und ganz bestand.

 

Dieser Gesamtrahmen zerfaellt – immer noch sehr allgemein und abstrakt – in weitere führende Dimensionen, die ihrerseits die weiteren Dimensionen eines intellektuellen Lebens zutiefst gepraegt haben.

 

Zunaechst geht es jederzeit um das Akzeptieren des Wahrheitsgehalts der Psychoanalyse, die auf der anderen Seite die Kompetenz und die Legitimation für diese Lehre abgibt, als Gesamtrahmen für ein theoretisches Weltbild und für ein lebenspraktisches Engagement zu funktionieren. Zweitens folgt aus dieser Grundeinstellung, dass man die Psychoanalyse für das eigene (wie es bei Broch bis zum Ende der Fall wird) Leben und – wie es bei den Analytiker(innen) gilt, für das therapeutische Erklaerung von Fremdleben konkretisiert. Drittens enthaelt die Lehre für die zwanziger und dreissiger Jahre schon so viele methodische Alternativen, dass die eigene Positionierung unter diesen Alternativen innerhalb der Bewegung schon mit einer klaren Parteinahme für eine intellektuelle und damals praktisch auch für eine politische Gruppe gleichbedeutend ist. Viertens kommt es im Falle eines(r) schöpferischen Intellektuellen (bei Broch, auch bei Gyömrõi, aber auch bei Attila József) gewiss ein Punkt, als die therapische Funktion der Psychoanalyse in Konflikt mit der eigenen schöpferischen psychologischen Substanz geraet. Der Dichter, der Schriftsteller, der Philosoph will nicht um jeden vorstellbaren Preis gesund werden, die Psychoanalyse wird auch für fremde Ziele angewendet, das geniale Kunstwerk heilt vielleicht die Neurose nicht, gilt jedoch als geheimes Ziel der Selbsterkenntnis in der Psychoanalyse selber.[9] 

 

In historischer Perspektive ist es schon klar, dass sich aus diesen Grundperspektíven der Psychoanalyse als universalen Mediums durch die Ausbildung der „neuen” Klasse in der Zwischenkriegszeit gerade die antagonistische Rivalitaet mit dem (stalinistisch gewordenen) Marxismus als der bestimmendste Faktor erwiesen hat. So alarmierend es auch für unsere diskussions- und konsensorientierte intellektuelle Kultur es auch scheinen mag, war es ein steinharter Kampf von Dogmen. Die „rein theoretischen” Probleme waren in Wirklichkeit Machtfragen. Die Situation kann dadurch noch einen Schritt komplizierter gemacht werden, dass man nicht unbedingt die Position vertreten muss, diese sich als Machtfragen transformierenden wissenschaftlichen und theoretischen Diskussionen haetten jegliche wissenschaftliche und theoretische Relevanz entbehrt. Das Gegenteil dieser Aussage laesst sich aber überhaupt nicht mehr formulieren. Ihre wissenschaftliche und theoretische Relevanz war in keinem Augenblick in der Lage, aus weltpolitisch und klassenkaempferisch bindenden Machtinteressen wieder wissenschaftliche und theoretische Zusammenhaenge zu gestalten.

Die Kontrahaenten dieses Machtkampfes sind der langsam siegreich werdende Stalinismus mitsamt seinen durschlagenden zitatologischen Vorschriften und die psychoanalytische Bewegung (durchaus nicht einheitlich, was auch eine wichtige Komponente dieser Auseinandersetzung abgibt). Die Kontroverse war scheinbar nur „ideologisch”, was ja zu dieser Zeit auch nicht etwas Beliebiges bedeutete, ein ideologischer Unterschied war eine gleichberechtigte Komponente des Machtkampfes selber. So selbstverstaendlich diese Funktion für jeden Kenner der Totalitarismen auch sein sollte, erscheint diese Totalisierung jeglichen intellektuellen Ansatzes für heutige Leser als gespenstisches Phaenomen. Der rein „ideologische” Charakter war aber jedoch seinerseits wieder als ein Schein, denn aus der Psychoanalyse jener Zeit (ob mit marxistischen Ansaetzen verbunden, oder nicht) entwuchsen ganze Optionen für die Interpretation der Weltgeschichte und dementsprechend für die politische Praxis, so dass der intellektuelle Machtkampf zwischen stalinistischem Marxismus und gesellschaftlich oder historisch orientierte Psychoanalyse auch einen primaeren politischen Gehalt aufwies. Dies wiederum wurde jetzt von der psychoanalytischen Seite etwas verschwommen erlebt, denn die Freudsche Orthodoxie unterstützte diese Kontroverse auf dem politischen Feld nicht mehr.  

 

Auch wenn Hermann Broch selber mit dieser konkrete Kontroverse des stalinistischen Marxismus und der Psychoanalye unmittelbar nicht zu tun hatte, nahm er an dem breiteren Prozess der Entwicklung dieser Lehre durchaus intensív teil. Dieser war ein breiter Fluss von aufkommenden analytischen Richtungen, die die Freudsche Orthodoxie als zu eng erlebten und die Lehre allein schon wegen der einmaligen und welthistorisch zu nennenden Herausforderungen weiter gestalten wollten. Analog ist dieses Interesse Brochs für die von diesen politischen Motiven bestimmte intellektuelle Szene zur Entfaltung seiner dramaturgischen Konzepte. Eine ebenfalls nur indirekte Auseinandersetzung mit zeitgenössischen linken Diskussionen macht es naemlich deutlich, dass Broch durch seine Stücke eine gleichwertige nicht politische Alternative zu Bertolt Brechts anti-aristotelische Dramaturgie aufstellen will.[10]

 

Edit Gyömrõi ist auch in den zwanziger und dreissiger Jahren eine beinahe idealtypische Gestalt der neuen Klasse politisierender Intellektuellen, welche sich in dem intensiven Kampf zwischen dem Stalinismus und der Psychoanalyse mit der Hitlerschen Machtübernahme und deren Folgen auseinanderzusetzen gezwungen war. Sie geriet durch ihre Analyse des der kommunistischen Bewegung nahestehenden Dichters Attila József in den absoluten Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung, die so weit ging, dass sie von einem offiziellen Meinungstraeger dieser Partei als „Scharlatan” gebrandmarkt war, die durch ihre Psychoanalysis den Dichter „ausbeutete”, „in den Wahnsinn trieb” und ihn dann „im Stich gelassen hat”. In dieser Perspektive faellt aber auch nicht mehr auf, dass Attila Józsefs Beziehung zur Kommunistischen Partei bis Gyömrõis Ankunft -retrospektive -.mit einiger Schönfaerberei als „harmonisch” erscheinen konnte.[11]

 

Die grosse Auseinandersetzung zwischen stalinistischem Marxismus und Psychoanalyse erschien jedoch gerade in der analytischen Behandlung von Attila József wieder in mehrfachen philosophischen Brechungen. Gyömrõi (wie noch darüber die Rede sein wird) war ganz gewiss eine linke, marxistische Analytikerin, auf die die Bezeichnung „Freudomarxismus” allein schon wegen ihrer Ausbildung bei Otto Fenichel voll zutraf. Attila József war ein universaler Lyriker, der sich mit dem Marxismus zutiefst auseinandergesetzt hatte.[12] Attila József ist aber gerade in der Psychoanalyse kein klarer Freudomarxist (Kiss, 2006), er nimmt die Analyse zur Lösung seiner psychologischen Probleme in Anspruch, waehrend er in seinen theoretischen Ansichten den Marxismus selbst für eine ausreichende Psychologie haelt (mit Ausnahme der psychologischen Erklaerung der Hitlerschen Machtübernahme). Aber auch Gyömrõi verleugnet in dieser Analyse ihre wahre Persönlichkeit, sie benimmt sich als eine gewöhnliche Analytikerin, die höchstens in ihren analytischen Methoden eine ideologisch nicht weiter erklaerte Naehe zu Fenichels Methodologie entwickelt. In manchen Aeusserungen spricht sich Gyömrõi dafür aus, dass die Psychoanalyse in politischen oder sozialen Kontexten ihr eigenes Erkentnisinteresse nicht aufgeben darf, was auf einer abstrakten Ebene wieder gegen ihre berufliche Identitaet angeführt werden kann.[13]

 

Die literarische Freundschaft zwischen Edit Gyömrõi und Hermann Broch ging durch das Medium der Psychoanalyse hindurch, auch aus dem Grunde, weil sie mit Hunderten, wenn nicht eben Tausenden (!) von Persönlichkeiten verbunden waren, die ebenfalls den Network Psychoanalyse ausmachten. Dieses Integriertsein in der virtuellen Institution Psychoanalyse macht aber die Arbeit der Rekonstruktion der literarischen Freundschaft extrem schwierig. Am allereinfachsten ausgedrückt bedeutet dieser Zustand, dass sie voneinander auch dann alles Neue erfahren konnten, wenn es ansonsten keine Spuren von Korrespondenz oder sonstiger Begegnungen nachzuweisen waeren. Im folgenden versuchen wir, diese merkwürdige soziale und kommunikative Situation an einigen Beispielen zu illustrieren.

 

Edit Gyömrõi ist von den zehner Jahren ab mit René Árpád Spitz freundschaftlich verbunden. Spitz ist aller Wahrscheinlichkeit nach der erste ungarische Psychoanalytiker jener ganz jungen Generation, zu der auch Gyömrõi gehörte. Er studierte Freuds Schriften bereits als Student und besuchte den Meister 1910 auch in Wien. Seine Rolle in der Entwicklung Gyömrõis zur Psychoanalítikerin ist bestimmend. Sie werden im spaeteren gleich Mitglieder der Galilei-Gesellschaft, machen eine gemeinsame intellektuelle Entwicklung in den spaeten Kriegsjahren durch (waehrend dessen kaempft Spitz auch an der Front), werden Mitglieder des Sonntag-Kreises um Georg Lukács[14], nehmen an den turbulenten politischen Ereignissen der Károlyi-Revolution und der ungarischen Raeterepublik teil. Sie treten dann konsequent auch den Weg der Emigration an, die anfangs (und dann von Zeit zu Zeit immer wieder) nach Wien führt. Es ist deshalb vollkommen evident, dass Spitz mit Gyömrõi wie eng familiaer verbunden war.[15] Nun ist das Merkwürdige dabei nicht, dass Hermann Broch René Árpád Spitz von Wien aus auch kennt und mit ihm auch regelmaessig korrespondiert. Die entscheidende Tatsache ist, dass Broch ebenfalls im Rahmen einer beinahe familiaeren Beziehung zu Daisy und Daniel Brody steht. In den spaeten zwanziger und den frühen dreissiger Jahren sind sie durch das Projekt der Herausgabe des ersten deutschsprachigen polyhistorischen Romans am engsten verbunden. Daisy Brody, auch als Daisy Spitz, ist aber die Schwester von René Árpád, so dass durch diese beiden, sehr engen Beziehungen (Gyömrõi - Spitz, Broch – Ehepaar Brody) haben Gyömrõi und Broch einen staendigen Kommunikationskanal, von dem man mit schlagender Evidenz annehmen muss, dass er die Verbindung zwischen ihnen ohne Unterbrechungen am Leben erhielt. So ist es alles andere als verwunderlich, dass als 1934 Broch ein Gedicht an Gyömrõi widmet, es einen seelisch und intellektuell permanenten Kontakt erahnen laesst: „…(es) ist, wie Du siehst, nicht das Schlimmste”.[16]

 

Die Beziehung Gyömrõi-Spitz mit ihrer chronologischen Laenge und inhaltlicher Vielfalt ist Etalon für intellektuellen Freundschaften dieser Generation, sie ist aber überhaupt nicht die einzige von diesem Reichtum. Um dies auch mit Broch zu verbinden, nehmen wir nun (in abgekürzter Form) die Beispiele von Otto Fenichel (der Gyömrõi in Berlin ausbildete und auch im spaeteren mit ihr in Verbindung blieb) und von Karl Federn, der ja in der USA Brochs Analytiker und Gespraechsparter in Sachen der Psychoanalyse war.

 

Paul Federn nahm schon 1918 an der Internationalen Tagung der Psychoanalye in Budapest teil (Harmat, 1994, 85), so dass als gesichert gelten muss, dass er Gyömrõi schon damals kennenlernte. Er hielt 1927 in Budapest einen Vortrag im Psychoanalytischen Verein über Depersonalisation (Harmat, 1994, 134). Er polemisiert 1924 in Wien über die schon damals von Ferenczi vorgeschlagene „aktive” psychoanalytische Technik und betonte, solche Innovationen werden in der Praxis in breiten Kreisen gebraucht, nur redet niemand darüber. Brochs spaeterer amerikanischer Analytiker behauptet nach Ferenczi’s Tod, dass letzterer in der Anwendung der aktiven Technik „zu weit” ging (Harmat, 1994, 162-163), wir können nur hoffen, dass er in den USA die psychoanalitischen Tagebücher verfassenden Hermann Broch nicht in dieser Richtung beeinflusst. Er schrieb 1933 einen Nekrolog über Sándor Ferenczy (IZP, Jg. 19, 305 – 321) und nimmt 1936 in Marienbad mit René Árpád Spitz an einer gemeinsamen Tagung teil, waehrend im Mai 1937 an der sogenannten Vierlaenderkonferenz sowohl Federn, wie auch Fenichel und Gyömrõi persönlich teilnehmen (an der Konferenz praesidiert Fenichel am letzten, Federn am ersten Tage und beiden halten auch ihren Vortrag).

 

Über Otto Fenichel erscheint ein Bericht über seine Taetigkeit in Korunk im Jahre 1928 (eine Zeitschrift, in der Gyömrõi auch eine Autorin ist), diskutiert regelmaessig mit Mihály Bálint, kennt David Rapaport auch sehr gut. Im Oktober 1935 besucht er Budapest und es ist müssig, daran zu denken, dass der Fenichel, der alle Bemühungen unternimmt, um seine wissenschaftliche Gruppe nach der Flucht aus Berlin zusammenzuhalten, in Budapest gerade Gyömrõi nicht besucht.

 

Mit Emmy Ferand und Jolanda Jacoby (die als eine der führenden Schülerinnen von Jung auf Broch auch in diesem Zusammenhang wirkte) faengt die unendliche Liste jener Persönlichkeiten an, die der Berliner psychoanalytischen Szene gehörten, mit Fenichel und mit seiner Richtung verbunden waren und von denen man mit Sicherheit annehmen kann, dass sie sowohl Gyömrõi wie auch Broch gut kannten. Sándor Radó (der die psychoanalytische Ausbildung der spaeteren „Freudomarxismus” macht, indem er Wilhelm Reich und Otto Fenichel ausbildet), Margit Mahler (Schönberger) (auch bei Federn ausgebildet) , Barbara Lantos (Borbála Rippner), Therese Benedek, die mit Ungarn (und René Árpád Spitz) in sehr komplizierten biographischen Relation stehende Melanie Klein (mit der Gyömrõi nach 1945 in England intinsiv zusammenarbeitet) gehören in diese Liste, aber auch Alice Bálint, Nicolas Abraham, Lajos Székely, György Gerõ (ein Reich-Schüler in Berlin zu Gyömrõis Berliner Zeit)  Aranka Böhm (die Frau des berühmten Schriftstellers und Kritikers der Psychoanalyse Frigyes Karinthy), auch in Wien ausgebildete Analytikerin. Durch René Árpád Spitz wird ein weiteres System von Kontakten hergestellt und gepflegtm vor allem Géza Róheim gehört hierher (der nach gewissen Quellen für kurze Zeit auch Attila József behandelte).[17]

 

Wie erwaehnt, galt Edit Gyömrõi von Anfang an als Mitglied der psychoanalytischen Familie in Ungarn und genoss deshalb stets einen persönlichen Sonderstatus in diesem Kreis.[18] Eine wichtige Konsequenz dieses Status ist, dass sie in den dreissiger Jahren als linke Analytikerin in Ungarn zu keinen Spannungen und Rivalitaeten mit den Orthodoxen gezwungen war und konnte ihre eigene Position in dieser grössten Auseinandersetzung des Jahrzehntes selber waehlen und gestalten. Waehrend sie eine engagierte Linke war (wenn auch von der Kommunistischen Partei offiziell 1934 ausgeschlossen), verteidigte sie in ihren Publikation nicht selten authentisch-orthodoxe psychoanalytische Positionen gegen marxistische Auflösungsaspirationen.

 

Die grosse Auseinandersetzung zwischen (stalinistischem) Marxismus und Psychoanalyse haben wir vorhin als den wichtigsten internationalen intellektuellen Kampf identifiziert. Sie wird noch aufgewertet wegen der Entstehung einer neuen intellektuellen Klasse,[19] deren soziale Realitaet eine fulminante Spannung nicht nur gegenüber der traditionellen bürgerlichen Gesellschaft, sondern schon auch gegenüber den Parteieliten vor allem der linken Massenparteien, aber auch – schon wegen des permanenten Imitationseffektes – gegenüber der nationalsozialistisch-faschistischen Parteien gezeitigt hat. Ob diese neue intellektuelle Klasse, für welche etwa eine gewisse Vereinigung des Marxismus (als Theorie der Gesellschaft) und der Psychoanalyse (als Theorie des Einzelnen oder des Individuums) eine logische und triviale Notwendigkeit war, die politische Macht selber wollte oder nicht, war im wesentlichen gleichgültig, weil die grossen zum Totalitarismus neigenden Massenparteien diese Klasse unter allen Umstaenden als eine Konkurrenz und daher für eine Gefahr für ihr Machtmonopol erachteten.

 

Eine noch weiter reichende gehende Aufwertung des Freudomarxismus trifft aber nicht nur die links eingestellte Gyömrõi (auch in ihrer Analyse von Attila József), sondern auch den apolitischen Hermann Broch. Eine genuin welthistorische Ironie will es, dass gerade auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen (stalinistischem) Marxismus und Psychoanalyse Hitler an die Macht kommt, welche Tatsache in diese Auseinandersetzung selber mit unglaublicher Staerke hineinfunkt. Denn selbst die am mechanischsten denkenden Stalinisten müssen plötzlich wahrnehmen, dass die bis dahin verpönten psychologischen

Momente in dieser Machtübernahme doch eine Rolle gespielt haben Dieses Faktum wird (unter anderen) Hermann Broch die Möglichkeit geben, seine Zerfallstheorie mit den neuen historischen Ereignissen, aber auch seine Psychogeschichte mit der psychologischen Geschichte des Zeitalters in Verbindung zu bringen.

 

Diese gesteigerte Relevanz umgibt also Gyömrõi selbst noch in ihrer zweifachen Verdammung, denn Hitlers Machtübernahme erwies sich doch nicht stark genug, um die zwei, „symmetrischen” Ausschliessungen seitens der Kommunistischen Partei und/oder seitens der Psychoanalytischen Bewegung rückgaengig zu machen. Auf diese Weise war Gyömrõi nicht nur eine Frau von mehreren Kulturen oder die von zwei und dann von mehreren Gesellschaften, sondern auch diejenige in mehreren sozialen Rollen und Berufen. Sie war auf dem Höhepunkt ihres intellektuellen Lebens eine Verdammte von zwei gewaltigen intellektuellen und politischen Bewegungen.

 

Edit Gyömrõi (Gelb, Rényi, Glück, Ujvári, Ludowyk) (1896-1987) ist als Tochter eines erfolgreichen Unternehmers jüdischer Herkunft geboren, dessen Schicksal in grossen Zügen mit demselben der ersten Generation des emanzipierten Judentums in Ungarn identisch angesehen werden kann (Kiss, 2005). Die Jugend von Edit brachte intensive Emanzipationsbestrebungen, die zu schwerwiegenden Konflikten mit der Mutter geführt haben,[20] die aber – etwas verallgemeinert – für die typisch zu nennenden Generationsproblemen zwischen der ersten und der zweiten Generationen des emanzipierten Judentums charakteristisch waren (Kiss, 2005). Nach seiner ersten Ehe (mit Arthur Rényi[21]) tritt Edit auf einen einmaligen intellektuellen und sozialen Weg. Sie wird Mitglied des radikalen Galilei-Kreises, bald nachher aber kommt sie in Kontakt mit Tivadar Raith und Lajos Kassák, mit den beiden, sich voneinander jedoch stark unterscheidenden Paepsten der ungarischen avantgardistischen Poesie. In den ausgehenden Kriegsjahren nimmt er an der intensiven Diskussionstaetigkeit des sich um Georg Lukács gruppierenden Vasárnap-Társaság (Sonntag-Kreis). In diesen chronologisch gesehen erstaunlich wenigen Jahren machte Gyömrõi durch seinen Eintritt in diese intellektuellen Kreise und Bewegungen die Bekanntschaft praktisch der ganzen modern eingestellten ungarischen Intelligenz, was in den spaeteren Emigrationsjahren auch von grosser Bedeutung gewesen sein wird. Nach dem Sturz der Raeterepublik emigriert sie nach Wien und einigen Zwischenstationen in den Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns 1923 nach Berlin, wo sie bis 1933, d.h. bis Hitlers Machtergreifung bleibt. Sie arbeitete in der Redaktion der Rote(n) Hilfe (wie es aber anzunehmen ist, nicht nur dort, sondern auch in anderen Bereichen dieser Organisation), sie nahm mit grosser Wahrscheinlichkeit illegale Parteiaufgaben auch auf sich[22] , zu dieser Zeit war ihr Mann László Glück (Tölgy).[23]

 

Berlin war für sie sicherlich nicht nur eine Station auf ihrem langen Wanderleben.[24] Berlin sollte für sie ein Gipfel und eine Ankunft sein, sie fand ihren mehrfachen sozialen Ort in den ersten Reihen einer neuen politischen intellektuellen Klasse, durch ihre psychoanalytische Ausbildung durch Otto Fenichel und durch ihre Zugehörigkeit zur Fenichel-Gruppe (und dadurch auch zu weiteren Kreisen des Freudomarxismus) fand sie endlich auch ihre legitime Verankerung in diesem intellektuellen Archipelago. Sie ist in diese Gesellschaft wirklich aufgenommen, sie ist befreundet mit Olga Tschechowa (mit ihr hat sie übrigens eine gewisse Aehnlichkeit im Gesicht) und Edith Jacobson, sowie mit den Mitgliedern von all jenen intellektuellen und politischen Zirkeln zu denen sie seit 1910 in Budapest, Wien und Berlin zugehört hat.

 

Die Rückkehr nach Budapest wegen Hitlers Machtergreifung erwies sich für sie als wahrer Verlust dieser allseitigen Vollendung. Nach allgemeiner Einschaetzung gilt Anna Lesznai als die Person, die als Vermittlerin Gyömrõi bat, die psychoanalytische Behandlung von Attila József zu übernehmen (als Vermittler kam auch István Kulcsár in Frage, waehrend wir es letztlich für undenkbar halten, dass Judit Szántó, die damalige Lebensgefaehrtin des Dichters, die in ihrer damaligen Mentalitaet am naechsten derjenigen der von Berlin heimkehrenden Gyömrõi stand[25] und die angesichts der Krise ihrer Beziehung zu Attila József schon mehrfach auch die Hilfe der Psychoanalyse in Anspruch nahm, keine Rolle in der Herstellung zum Kontakt mit Gyömrõi gespielt haette (aufgrund Németh, 1942). Eine kleine konkrete Illustration zur im vorhinein angedeuteten umfassenden Auseinandersetzung zwischen (stalinistischem) Marxismus und Psychoanalyse ist, dass die öffentlich gewordene Nachricht von der Analyse Judit Szántós deshalb eine gewisse Überraschung erweckte, weil sie eine bewusste und engagierte Kommunistin war (Valachi, 2005, 139 und 293-294).

 

Edit Gyömrõis Analyse des Dichters Attila József lief zwischen Ende 1934 und Ende 1936, der Selbstmord des Dichters erfolgte 1937.[26] Die Behandlung hat den Gesundheitszustand des Dichters verschlechtert. Die scharfe und zum Teil leidenschaftliche Diskussion über Gyömrõis Rolle und Verantwortung laeuft in der ungarischen Fachliteratur bis heute und spaltet die Forscher(innen) in zwei Lager.

 

Attila József, auch als Patient, kam mit der Psychoanalyse schon vor seiner Bekanntschaft mit Edit Gyömrõi in nahe Beziehung. Wiederum bewahrheitet sich in diesem Fall aber auch der allgemeine Trend von der neuen intellektuellen Klasse, für welche (irgend) eine Vereinigung von Marxismus und Psychoanalyse nicht nur eine intellektuelle Forderung, sondern durch das Jahr 1933 auch zum welthistorischem Imperatív  geworden ist. All das bedeutet all auch für Attila József eine gleichzeitig dreifache Involvierung in die Sache der Psychoanalyse. Er war mit Gewissheit, noch bevor die Analyse mit Gyömrõi anfing, psychotisch. Er arbeitete intensiv an der Problematik einer möglichen intellektuellen Vereinigung von Marxismus und Psychoanalyse (Kiss, 2006) und instrumentalisierte intensiv die Psychoanalyse, zum Teil aber auch die Ergebnisse seiner eigenen Untersuchung in seiner epochalen dichterischen Arbeit.[27]

 

Auf Anregung von Gyömrõi begann Attila József ein merkwürdiges psychoanalytisches Tagebuch zu schreiben („Verzeichnis freier Ideen in zwei Sitzungen”, 1936). Sie hat es im spaeteren direkt geleugnet, dass sie die Anregerin dieses Tagebuches gewesen waere und wenig spaeter hat sie gemeint, sie haette von diesem nicht gewusst und wenn der Dichter es tatsaechlich geschrieben haette, so haette sie darum nicht gewusst (Vezér, 1971). Auf der anderen Seite müssen wir annehmen, dass die Idee des Tagebuches bei Attila József ausser Gyömrõis Anregung auch von anderen Motiven herrührte und dass er – wie im allgemeinen davon schon die Rede war – gerade als Dichter dieses Tagebuch auf eine vielfache Weise instrumentalisierte, aus den Materialien seines Unbewussten auch dichterisches Material für seine Produktion auf die Oberflaeche des Bewusstsein zu befördern.[28]  

 

In einer Arbeit über die literarische Freundschaft zwischen Edit Gyömrõi und Attila József ist es uns überhaupt nicht möglich, die Rolle Gyömrõis in der Analyse von Attila József eingehend zu beurteilen. Uns scheint, als Analytikerin hat sie korrekt und legitim verfahren, ihre Anwendung der Tagebuch-Methode als aktive Interpretation der Analyse lag, wie wir es ausführ(t)en, weit im Hauptstrom der nachfreudianischen Psychoanalyse, die ja unter dem Schatten der welthistorischen Auseinandersetzung einerseits zwischen stalinistischem Marxismus und Psychoanalyse und andererseits zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus zu stehen gezwungen war. Gyömrõi ist jedoch allenfalls vorzuwerfen, dass sie sich mit dieser Arbeit wenig identifizierte und Attila József nicht als einen Kranken auffasste, der mit ihr gleichrangig und in den grössten Fragen der aktuellen Weltproblematik kompetent ist. Uns ist, dass sich Attila József auch noch bei dieser Attitüde Gyömrõis nicht zu einer eigenen Metasprache haette durchkaempfen müssen, die wir bei Broch (etwa in seiner freundlichen und weitgehend gleichberechtigten Relation zu Paul Federn) noch ausführlich analysieren werden und die Broch es ermöglichten, mit Hilfe auch der psychoanalytischen Sprache sein eigenes Schicksal zu analysieren und auch dadurch von der Neurose wegzugehen. Diese Chance war aber Attila József nicht gegeben.

 

Gyömrõi emigriert 1938 nach Ceylon, mit László Ujváry, der Sohn bleibt in Ungarn zurück, kann spaeter nicht mehr hinausreisen, macht mit anderen jungen Arbeitsdienstlern einen Fluchtversuch aus einem Arbeitslager und stirbt unterwegs an Infektion. In Ceylon stirbt auch László Ujváry. Hier widmet sich Gyömrõi unterschiedlichen intellektuellen und praktischen Aktivitaeten und heiratet den Literaturprofessor und Shakespeare-Forscher Ludowyk, nach dessen Tode sie nach England zurückkehrt, um dort noch sehr intensiv an der Arbeit der psychoanalytischen Zirkeln teilzunehmen.[29]  

Die einmalige welthistorische Situation, der bandagenlose Kampf zwischen (stalinistischem) Marxismus und Psychoanalyse, der bürokratisch nicht mehr aufzuhaltende Aufbruch der neuen Klasse, Psychoanalyse und Marxismus doch irgendwie zu synthetisieren, und zwar gerade zu einem Zeitpunkt, in dem Hitlers Machtübernahme einen klaren Sieg der Psychoanalyse als Erklaerung über dem stalinistischen Marxismus als alternativer Erklaerung brachte, sind diejenigen Rahmenbedingungen, die Gyömrõis Beziehung nicht nur zu Attila József, sondern auch zu Hermann Broch bestimmen. Ob mit explizitem Widerstand gegen Freud oder nicht, wird auch hier an einer nachfreudianischen Psychoanalyse gearbeitet. Dies gilt als genereller Hintergrund beider Beziehungen. Diese prinzipielle Gemeinsamkeit reicht aber auch bis ins Essentiale, das Motto dieser neuen Zeit ist die Hereinnahme des Patienten in den analytischen Prozess. Gyömrõi schafft auf diesem Wege eine gewisse Gemeinsamkeit zwischen Hermann Broch und Attila József.

 

Die neue Tendenz scheint in der ungarischen Entwicklung in Sándor Ferenczis Idee der „Sprachstörung” Gestalt angenommen zu haben, in welcher die Ursache der Missverstaendnisse zwischen Erwachsenen und Kinder darauf zurückgeführt wird (Ferenczi, 1971). Das Involvieren des Patienten in die Analyse ist eine Konsequenz der Einsicht des Therapeuten, dass seine kühn abwartende Haltung die Freiheit der Assoziationen beim Patienten laehmen kann. Kraft dieser Einsicht versucht es der Therapeut, Wege und Instrumente zur Beseitigung dieser Störung zu finden und es dem Patienten zu ermöglichen, den schon ergriffenen Wiederholungszwang auf eine vollstaendigere Weise nochmals zu aktivieren. Es scheint also, dass Ferenczi im allgemeinen, und inbesondere die Problematik der Sprachstörung eine der relevantesten Initiativen der neuen Psychoanalyse ist, deren Nachwirkungen in Gyömrõis Analyse von Attila József niederschlagen. [30] Bei dieser zentralen Rolle Ferenczis müssen wir uns aber auch daran erinnern, dass auch István Hollós (wohlgemerkt: der Onkel von Edit Gyömrõi) berühmt darüber war, weil er die „psychoanalytische Passivitaet” als herrschendes Prinzip ablehnte (Harmat, 1994, 149).

 

Elias Canetti fand es als eine leitende Eigenschaft Brochs, dasss er Freud wirklich „verfallen” war. Mutatis mutandis laesst es sich über Gyömrõi auch aussagen, man sollte sogar feststellen, dass ihre Zugehörigkeit zur Bewegung auf ein früheres Datum zurückging und etwa zur Zeit ihres Bekanntwerdens in Wien (1918-1919) galt sie als ein Familienmitglied der ungarischen Psychoanalyse. Für beide gilt es aber auch, dass eine bedingungslose Identifizierung mit Freud und der Psychoanalyse dieglechzeitige Intention überhaupt nicht ausschloss, die Psychoanalyse weiter zu entwickeln, weiter zu denken, selber zu ergaenzen und auch die Ergebnisse ihrer eigenen Selbstbestimmung in die stets sich modifizierende Lehre einzuarbeiten.[31]

 

Hermann Broch interpretiert sein Leben und seine Arbeit mit Vorliebe in einer beinahe maximalen Verwachsenheit mit der Sprache der Psychoanalyse.

 

Es scheint uns,[32] dass Broch letztlich durch seine erfolgreiche Analyse am Ende der zwanziger Jahre überhaupt erst in die Lage gekommen ist, seine grosse Trilogie überhaupt erst schreiben zu können, wobei wir bei der Heraufbeschwörung der hier in Frage kommenden Schwierigkeiten nicht so sehr an die Neurosen, vielmehr an die extrem hohe Intellektualitaet des Dichters denken müssen, die durch die reichen Inhalte des Unbewussten einfach durchbrochen werden sollten, um vor der dichterischen Produktion den Weg frei machen zu können. So dürfte es vorkommen, dass diese Behandlung letztlich nicht genau die Funktion erfüllte, die Broch sich selber dachte, es sollte dabei mehr um die kognitive als eben um die psychische Strukturen gegangen sein.

 

Diese grundlegende Funktion der ersten psychoanalytischen Behandlung aendert aber an der Tatsache nichts, dass Broch sich auch spaeter mehrfach im Sprach- und Koordinatensystem der Psychoanalyse geaeussert haette. Davon zeugen vor allem seine Anfang der vierziger Jahre geschriebenen „psychoanalytischen Autobiographien” („Autobiographie als Arbeitsprogramm” 1941 und „Psychische Selbstbiographie”, 1942 in Princeton niedergeschrieben) (S. Broch, 1999.). Wie Attila József’s „Verzeichnis freier Ideen”, sind auch diese Texte von Broch an konkrete Adressat(inn)en geschrieben und haben neben ihrer analytischen Funktion die Funktion der Selbsterklaerung, auch vor sich selber.

 

Der Text „Autobiographie als Arbeitsprogramm” ist – wenn man ihn unter diesem Aspekt sehen will – nicht mehr eine Kritik der engsten Auffassung der Psychoanalyse, sondern schon eine Manifestation dieser Kritik. Hier erscheint die existentielle Problematik des Dichters auf seiner eigenen Sprache. Diese Sprache ist aber zutiefst von der psychoanalytischen Vokabular durchdrungen. Bei allen Unterschieden kann dieser Text deshalb als das psychologische (psychoanalytische) Tagebuch von Hermann Broch aufgefasst werden. Als solches ist er ein wertvolles Dokument einer postfreudianischen Psychoanalyse, denn wer hier spricht, ist ein (ehemaliger oder aktueller) Patient, der die Sprache der Psychoanalyse völlig frei und selbstaendig mit der eigenen Sprache vereint.

 

Es ist freilich schon eine ganz andere und eigentlich bereits eine neue Frage (und passt deshalb auch nur begrenzt in unseren Gedankengang), dass Broch durch diese einheitliche Sprache auch eine Einheit in sein Lebenswerk hineinbring, in dem durchgehend Brüche, Fragmentation und staendiger produktiver Chaos die vorherrschenden Momente waren. Die Einheit der psychoanalytischen Anschauungsweise bringt also Einheit in eine schöpferische Laufbahn, in der diese Einheit in Wirklichkeit nicht anwesend war. Zwar ist es zutreffend, dass „die Geschichte eines Problems ( des ethischen Relativismus)” Broch tatsaechlich stets beschaeftigte, man dürfte trotzdem nicht sagen, dass es in dieser einen Form die vielfachen Facetten (etwa, nur um dieses eine Beispiel zu nennen: die vielfachen Problemstellungen des polyhistorischen Romans) fokusartig zusammenfassen könnte. In dieser Formulierung schwingt schon die Problematik des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und der ganzen mit ihnen zusammenhaengenden Problematik der Verantwortung auch mit. Broch moralisiert in und mit dieser Sprache seine extrem vielschichtige Auseinandersetzung mit der wert- und geschichtsphilosophischen Problematik seiner Jugendjahre durch, mit dieser Durchmoralisierung geraet er aber auch in die Naehe jenes Politischen, dem er sich in den Exiljahren mit so grossem Elan widmen wird. Die psychoanalytische Sprache hilft Broch, durch ihre Einheit den Königsweg vom Daemmerzustand zur Demokratietheorie und Bill of Rights zu schlagen.

 

In diesem Text erscheint ein Hermann Broch, der nicht den grossen deutschsprachigen polyhistorischen Roman zur Welt setzen wollte, sondern sich stets mit den im Nietzscheschen Sinne genommenen „ökumenischen” Menschheitsproblemen auseinandersetzte, die auf eine organische Weise in einen gewaltigen und umfassenden multidisziplinaeren Diskurs hinübergeströmt haben (auch wenn die Umrisse so eines umfassenden multidisziplinaeren Diskurses bei ihm auch früher schon sichtbar geworden sind).[33]

 

Broch erhebt somit die den Patienten involvierende Psychoanalyse auf eine höhere Stufe. Waehrend Attila József sich an die vermeintlichen Erwartungen der Analytikerin haelt (mit Widerstand und Reflexion, selbstverstaendlich, aber auch mit einem unstillbaren dichterischen Neugier auf die verdraengten Inhalte des Unbewussten und dadurch der eigenen Vergangenheit), erschafft Hermann Broch eine eigene und bereits weit abgeklaerte Sprache eines Intellektuellen, der sich im Medium der Sprache der Psychoanalyse schon mit voller Freiheit bewegt. Er schafft eine neue Art des Diskurses. Er richtet sich nicht in der ersten Linie auf eine Erschliessung des eigenen Unbewussten, er zielt auf eine in jeder Hinsicht ganzheitlichen Darstellung des eigenen psychologischen und intellektuellen Lebensweges. Es entsteht dadurch eine Metasprache, eine vollkommen neue Gattung der Artikulation. In ihr vereinigen sich die Stimmen des Patienten, des Analytikers und des Metaphilosophen (der eine Art „Supervision” ausübt). Die Funktion dieser Sprache ist nicht mehr die Therapie, sondern die Selbsterklaerung. [34] In dieser Hybridisierung der Rollen und der Sprachen erscheinen Saetze, die ohne diese Rahmenbedingungen geradezu ironisch oder komisch auswirken würden (etwa: „Meine Neurose scheint jede Analyse zu verhindern…” und andere). Die inkommensurable neue Qualitaet dieser Sprache (und die damit zusammenhaengende neue Qualitaet des Funktionswandels der Psychoanalyse) steht ganz ohne Zweifel, auch wenn man auch darauf hinweisen muss, dass so beschaffene psychoanalytische Selbsterklaerungen in Hermann Brochs Korrespondenz seit je in grosser Anzahl bereits vorgekommen sind. Es zeigt, dass Hermann Brochs eigener Diskurs schon eine fleischwerdende Überwindung einer orthodoxen Sichtweise der Psychoanalyse war. Das heisst aber nicht, dass Broch auch nicht bewusst Gedanken darüber gemacht haette[35]. In dem Sinne kommen wir wieder zurück zum grossen und umfassenden Medium der Broch-Gyömrõi-Beziehung. Gyömrõi war sicherlich nicht die einzige Person, die Broch in dieser Richtung beeinflusst hat, sie war jedoch sicherlich eine, deren ganze Laufbahn und diesbezügliche besonders relevante Position für Broch zeit seines ganzen Lebens bewusst gewesen sein dürfte. Als indirekter Beweis dafür gilt Brochs Brief an René Árpád Spitz (05.10. 1939), in dem er den Tod Sigmund Freuds als Symbol „nicht für den Untergang einer alten Welt, der er angehört hat, sondern für den einer neuen, der unseren Wünschen entsprochen haette” erachtete.[36] Und selbstverstaendlich müssen wir an dieser Stelle noch auf die bereits erwaehnte Dualitaet zurückkommen, von der wir schon aussagen dürften, sie war nicht nur für Hermann Broch charakteristisch, seine „Verfallenheit” der Psychoanalyse gegenüber und seine durchgeistigte Bewunderung Freuds war (nicht nur bei ihm) kein Widerspruch, sondern ein spezifisches Phaenomen, das auf einen sicher zu nehmenden Doppelstatus der Freudschen Lehre hinweist.[37]

 

In einem gewissen Sinne kann man sagen, die Psychoanalyse „lebt” und entwickelt sich in dem(r) Intellektuellen Hermann Broch (und Edit Gyömrõi) und nimmt staendig aktuelle Anwendungsmöglichkeiten an. In einem Brief (gerade an seine Analytikerin Hedwig Schaxel-Hoffer schreibt er über die Beziehung des Vergil-Romans mit seiner persönlicher, psychoanalytisch zu nennender Problematik.[38] Dies ist nicht nur sehr charakteristisch, weil er an anderen Stellen diese enge Beziehung auch relativiert, sondern auch deshalb, weil es im Vergil deutlich weniger intensive psychoanalytische Wurzeln zu erleben sind als etwa in der Schlafwandler-Trilogie. Abgesehen also von der Oszillation der eigenen Beurteilung des Romans, kann man auch ein Bild darüber vermittelt bekommen, dass sich selbst die Semantik des Begriffs „Psychoanalyse” in der Zeit wandeln kann. 

 

Im zweiten Text aus Brochs psychoanalytischen Tagebüchern („Psychische Selbstbiographie”, 1942-1943) wechselt sich die Intention der nunmehr ebenfalls einheitlichen Sprache der psychoanalytischen Autointerpretation. In diesem in der Broch-Literatur auf eine frappante Weise als „Abschreckungs”-Text apostrophierten Selbstbiographie 1942-1943 wird der Konflikt und letztlich die Unvereinbarkeit der auf sich genommenen Arbeitsaufgaben mit dem „sogenannten Leben” und vor allem natürlich mit voll ausgefüllten Liebesbeziehung(en) konkret thematisiert. So ungewöhnlich, wenn man will, sogar sensationell diese Bekenntnis auch ist, findet man auch hier die eigene und bereits weit abgeklaerte Sprache eines Intellektuellen, der sich in der Sprache der Psychoanalyse mit voller Freiheit bewegt. Die thematische Verschiebung im Verhaeltnis zu „Autobiographie als Arbeitsprogramm” hat nur insofern Bedeutung, dass diese von Broch sich zu eigen gemachte psychoanalytische Sprache jetzt bisher tabuisierte und nicht sozial artikulierbare Inhalte ohne sichtbare Schwierigkeiten artikuliert. Es erscheint auch hier eine mehrfache Metasprache als neue Gattung der Artikulation und sie vereinigt die Rollen des Patienten, des Analytikers und des Metaphilosophen. Hier redet auch nicht der Patient der Behandlung, sondern ein Patient, der die Aspekte und die Sprache des Analytikers voll beherrscht. Er wird in der Tat der Arzt seiner selbst, mehr noch, dieser Arzt Hermann Broch erklaert den beiden Frauen die Situation des Patienten Hermann Broch. Dieser Text ist der Sieg Sándor Ferenczis und jedes Analytikers und analytischen Schule, die (mit den Tagebuch-Methode oder anders) den Kranken auch in den Heilungsprozess einbinden wollten. Dieser Text zeigt einen Autor, der sein Leben und seine Neurosen artikulieren kann und dadurch von der Neurose befreit ist.

 

 

LITERATUR

 

 

 

 

Arendt, Hannah – Broch, Hermann, Briefwechsel. 1946 bis 1951. Herausgegeben von Paul Michael Lützeler. Frankfurt am Main, 1996. (Jüdischer Verlag)

 

Borgos, Anna, Alkotás, gyógyítás, változás. Gyömrõi (Gelb, Rényi Glück, Újvári, Ludowyk) Edit életútja. in: Thalassa, 16 (2005) , 2-3. 185-194.

 

Broch, Hermann, Dramen. H.B. Kommentierte Werkausgabe, Band 7. Herausgegeben von Paul Michael Lützeler. Frankfurt am Main, 1979. (Suhrkamp).

 

Broch, Hermann, Gedichte. H.B. Kommentierte Werkausgabe. Herausgegeben von Paul Michael Lützeler. Band 8. Frankfurt am Main, 1980. (Suhrkamp)

 

Broch, Hermann, Briefe. H.B. Kommentierte Werkausgabe, Band 13/1-3. Herausgegeben von Paul Michael Lützeler. Frankfurt am Main, 1981. (Suhrkamp).

 

Broch, Hermann – Ruth, Norden, Transatlantische Korrespondenz. Frankfurt am Main, 2005. (Suhrkamp)

 

Broch, Hermann, Psychische Selbstbiographie. Herausgegeben von Paul Michael. Lützeler. Frankfurt a. M. 1999. (Suhrkamp)

 

Erõs, Ferenc, Pszichoanalízis, freudizmus, freudomarxizmus. Budapest, 1986. (Gondolat Kiadó)

 

Ferenczi, Sándor, Felnõttek „gyermekanalízise”. in: Gyógyászat, 16.Oktober 1932. 633-637. (Ins Ungarische übersetzt von Endre Almásy)  

 

Ferenczi, Sándor, Nyelvzavar a felnõttek és a gyermek között. A gyengédség és a szenvedély nyelve. in: A pszichoanalízis modern irányzatai. Szerkesztette Buda Béla. 1971. 215-266. (Gondolat)

 

Friedrich, Hugo, Die Struktur der modernen Lyrik, Hamburg,1956. (Rowohlt) ...

 

Harmat Pál, Freud, Ferenczi és a magyarországi pszichoanalízis története.  1908-1993. Második, átdolgozott és bõvített magyar nyelvú kiadás Budapest, 1994. (Bethlen Gábor Könyvkiadó).

 

Hildebrandt Alexandra, Meine Neurose scheint jede Analyse zu verhindern. Hermann Brochs ’Psychische Selbstbiographie” (www.literatirkritik.de/public/rzeension.php?rez_id_271),

 

József Attila, Szabad ötletek jegyzéke. Közzéteszi: Stoll Béla. Atlantisz. Medvetánc. Veszedelmes viszonyok. Budapest, 1990.

 

Kiss, Endre, "A történelem futószalagán", in: Irodalomtörténeti Közlemények, 1980/5-6. 581-590.

 

Kiss, Endre, Fejezetek a pszichoanalizis és a modern klasszikus irodalom kapcsolatának történetébõl. in: Helikon ("Irodalom és pszichoanalizis"-különszám), 1990/2-3. 195-205.

 

Kiss, Endre, Jacques Le Rider, Der Fall Otto Weininger. Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus. (recenzió), in: Helikon ("Irodalom és pszichoanalizis"-különszám), 1990/2-3. 358-359.

 

Kiss, Endre, Hermann Broch und Mittel-Europa. in: Romanstruktur und Menschenrecht bei Hermann Broch. Herausgegeben von Hartmut Steinecke und Joseph Strelka. Bern-Frankfurt am Main-Paris, 1990. 47-56.

 

Kiss, Endre, Die Intellektuellen Mitteleuropas zwischen Wien und Berlin. in: Wien - Berlin. Deux Sites de la Modernité - Zwei Metropolen der Moderne (1900 - 1930). Kiadta: Maurice Godé, Ingrid Haag és Jacques Le Rider (Sondernummer der  REVUE SEMESTRIELLE , Jg. 1993. évfolyam, Nr. 24.).

 

Kiss, Endre, Das Gespraech über die Bildung im Briefwechsel zwischen Karl Jaspers und Hannah Arendt. in: Jahrbuch der Österreichischen Karl Jaspers - Gesellschaft. Herausgegeben von Elisabeth Salamun - Hybasek und Kurt Salamun. 9. kötet, Wien, 1996. 113-124. és www-gewi.uni-graz.at/phil/jasges/vol9.html.kiss

 

Kiss, Endre, Franz Blei als Theoretiker der europaeischen Moderne. in: TRANS, Nr. 4. Jg. 1999 (www.adis-at-arlt/institut

/trans/4Nr/kiss4.trans)

 

Kiss, Endre, “Schicksalsgenerationen” und “Generationsschicksale”. Schriftsteller jüdischer Herkunft in der modernen ungarischen Kultur. in: Angezogen und abgestossen. Juden in der ungarischen Literatur. Herausgegeben von Tamás Lichtmann.Frankfurt am Main - Berlin - Bern - Bruxelles - New  York - Wien. 1999. 25-36

 

Kiss, Endre,  Philosophie und Literatur des negativen Universalismus. Intellektuelle Monographie über Hermann Broch. Cuxhaven-Dartford, 2001. 351.

 

Kiss, Endre, Der Daemmerzustand in philosophischer, psychologischer und romanaesthetischer Beleuchtung. in: Austriaca, Nr. 55 2003. 155-172.

 

Kiss, Endre, Does Mass Psychology Renaturalize Political Theory? On the Methodological Originity of “Crowds and Power”. in: The European Legacy. Volume 9, Number 6, December 2004.724-738.

 

Kiss,Endre, Fate-Generations and Generation Fates: Writers of Jewish Origin in Modern Hungarian Culture. in: The European Legacy, Vol.10, No 7, pp. 717-723, 2005.

 

Kiss, Endre, "Dichter werben für Dichter" (Hermann Broch und Elias Canetti). in: Trans. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 7. Nr. September 2005

 

Kiss, Endre, Hendrik de Man and Attila József. On Soft and Hard Conditions of Socialism. in: The European Legacy, Vol.11. no 5, August 2006. pp. 515-526. (Routledge. Taylor&Francis Group)

 

Koestler, Arthur, Frühe Empörung.  Gesammelte Autobiographische Schriften. Wien – München – Zürich. Bd 1-2. 1971. (Molden)

 

Lützeler, Paul Michael, Hermann Broch: Eine Biographie. Frankfurt am Main, 1985 (Suhrkamp)

 

Németh, Andor, József Attila. Budapest, 1942. (Cserépfalvi)

 

Tögel, Christfried, Varga Jenõ, a pszichoanalízis, a Tanácsköztársaság és a sztálinizmus. in: Thalassa(11), 2000, 2–3.

http://www.c3.hu/~thalassa/200023/arch0023/togel.htm

 

Valachi Anna, „Irgalom, édesanyám…” A lélekelemzõ József Attila nyomában. Budapest, 2005 (Háttér)

 

Vértes György, József Attila és az illegális kommunista párt. Budapest, 1964. (Magvetõ)

 

Vezér Erzsébet, Ismeretlen József Attila-kéziratok. (Interjú Gyömrõi Edittel.) in: Irodalomtörténet, 1971/3 620-633.. 

 

 

 

Abkürzungen:

 

IZP -  Internationale Zeischrift für Psychoanalyse

 

 

 



[1] Als das Geburtsdatum von Gyömrõi erscheint bei einigen Forschern das Jahr 1896 (ein Beispiel: Harmat, 1996, 370.)

[2] Diese Arbeiten sollten schon wegen der Beziehung zu Béla Balázs auch voll mit intellektuellen Inhalten erfüllt gewesen sein,. denn Béla Balázs galt mit seinem Der sichtbare Mensch als der führende und der erste Theoretiker (oder wie man es damals nannte: „Aesthet’) des Films.

[3] S. spaeter ausführlicher ausgeführt.

[4] Kiss, 1999.

[5] Borgos,2005.

[6] Broch, 1980, 75.

[7] Broch, 1980, 78-79. –  Brochs Entschuldigung, ebenda, 164.

 

 

[9]In dieser Beleuchtung erscheint plötzlich als bedeutungsvoll, wenn Broch das Dichterische so oft und auf so vielen Weisen mit dem Irrationalen assoziiert. Diese epistemologisch anmutende, vielleicht aber doch eher psychologisch motivierte Naehe wertet den sog. Daemmerzustand für Brochs polyhistorischen Roman so intensiv auf (Kiss, 2003).

 

[10] „Vom Autor aus gesehen: der epische Dichter hat bloss in seinem Stoff zu leben, der dramatische muss den Stoff auch unausgesetzt auf der Bühne erleben, d.h. er erlebt nicht nur das psychische Geschehen seiner Gestalten, sondern auch die aufnehmende Seele eines, wenn auch idealen Publikums….Schund kann infolgedessen auch aus Überheblichkeit fabriziert werden…Erneuerung des Theaters? sie waere hoffnungslos, wenn das Publikum tatsaechlich so idiotisch waere, wie Autoren, Direktoren und Filmfabrikanten es sich vorstellen… Die allgemeine menschliche Problematik tritt in vielerlei irdischen Gestalten auf. Das Problem des heutigen menschen ist Not: das Humane und damit auch das Metaphysische seines Daseins bedraengt ihn in Gestalt des Wirtschaftlichen und Sozialen..Waere dem nicht so, so waere das abstrakte Problemtheater, wie es Brecht vorschwebt, weder als Produktion, noch – und dies noch weniger – als Konsumtion denkbar. Wenn das Brechtsche Drama trotzdem in seiner Wirkung hinter dem bürgerlich-naturalistischen Theater zurückbleibt, so liegt auch dies zum Teil an jener ’Überheblichkeit’, mit der die Problematik auf die Dürftigkeit von Schlagwortthesen reduziert wird, zum grössten Teil jedoch daran, dass die grössere Abstraktheit den Durchbruch des allgemein Menschlichen verhindert. Der Abstraktismus kapselt die begrenzte Thesen in sich ab.” („Technische Vorbemerkungen zur Entsühnung.” in:Broch, 1979, 403-404.)

[11] Vértes, 1964, 164.

[12] Ld. Kiss, 1980. – Bei Attila József entsteht die folgende in dieser Arbeit ausführlich nicht thematisierbare wissenschaftstheoretische Problematik: Die den Patienten in die Analyse involvierende Analyse verursacht, dass durch die aktive Technik aus dem analytischen Prozess eine gewisse prozessartige Aufarbeitung der Vergangenheit oder irgendwelcher anders strukturierten Wirklichkeit entsteht. Da die engere Marxismus-Deutung von Attila József eine Praxisphilosophie ist, vermischt sich in seinem Fall die reformierte Psychoanalyse und die praxisphilosophisch interpretierte Marxismus auf der gemeindsamen Plattform der Aufarbeitung der Objektwelt.  

[13] Borgos, 2005.

[14] Wir haben einen sicher zu nehmenden Grund, die spezifische Beziehung zwischen Gyömrõi und Spitz im Sonntag-Kreis sozial auch qualitativ zu interpretieren. Dieser Kreis vereinte junge Intellektuellen aus verschiedenen Generationen. Die Jüngeren wurden „knába” genannt und wurden meistens auch in einzelnen zusammenhörenden Paaren wahrgenommen.

[15] René Árpád Spitz ist mit grosser Wahrscheinlichkeit der erste Psychoanalytiker jener jungen Generation, der auch Edit Gyömrpõi zugehört. Es ist eine bedeutungsvolle Tatsache, dass für Spitz dieselbe mutige politische Extravaganz wie für Gyömrõi charakteristisch ist. Waehrend Gyömrõi die Materialien des Reichstagsprozess nach der Schweiz schmuggelt, ist es René Árpád Spitz,.der 1919 in Budapest jenen Tibor Szamuely versteckt, der als Kommissar der politischen Polizei in der Kommüne als verhasstes Symbol des politischen Terrors auf der Flucht ist. 

[16] Broch, 1980, 39. die Widmung s. ebenda, 178.

 

[17] Harmat, 1994.

[18] Das zeigt sich unter anderen darin, dass sie unabhaengig von der historischen Situation und ihren konkreten anderen Interessen und Verpflichtungen stets Mitglied einer ungarischen Delegation ist, die die ungarische Psychoanalyse international vertritt. Angesichts der stets zum Sektierertum neigenden psychoanalytischen Bewegung ist diese Kontinuitaet eine vielbedeutende Tatsache.

[19] Kiss, 2006.

[20]Nach Borgos, 2005,

[21] Von der zweiten Ehe von Arthur Rényi ist Péter R. geboren, der starke Mann der Parteizeitung Népszabadság in Ungarn, der mit hoher Wahrscheinlichkeit eine aktive Rolle spielte, dass die in England lebende Psychoanalyikerin in den siebziger Jahren nach Ungarn einreisen und ihr Besucht mit grosser Medaöffentlichkeit sich abspielen konnte.

[22] Ausser der wahrscheinlich anzunehmenden illegalen politischen Arbeit muss man heute mit ganz besonderem Nachdruck hinweisen, dass die Rote Hilfe auch viele Intellektuelle mobilisierte, unter ihnen auch zahlreiche berühmte Vertreter der nicht-kommunistischen Sphaere. Bei den wichtigsten  politischen Aktionen wurde die Rote Hilfe unter anderen von Einstein, Tucholsky, Kollwitz, Zille, Heinrich Mann (in einem anderen Zusammenhang auch von Thomas Mann), Dix,

Liebermann, Hirschfeld, Piscator und Ossietzky unterstützt. Die Rote Hilfe setzte sich am intensívsten und mit Erfolg für die Amnestie der führenden verhafteten ungarischen Kommunisten, Mátyás Rákosi, ein. Es ist einfach unwahrscheinlich, dass Gyömrõi ganz ausserhalb dieser Aktion geblieben waere, auch wenn Rákosis tatsaechliche Freilassung erst 1940, also einige Jahre nach dem Verbot der Organisation erolgte, immerhin war Rákosi schon von 1925 an im Gefaengnis. - 

1933 hatte die Rote Hilfe Deutschland 530.000 Mitglieder von denen 119.000 der KPD und 15.000 der SPD angehörten (1931 gesamt 405.000).

[23] Eine neue potentielle Ausdehnung von Gyömrõis intellektuellem und politischem Universum ist, dass zu dieser Zeit László Glück (Tölgy) als Aussenhandelsrat der Sowjetunion aktiv ist und er ist – beispielswiese – ein Freund von Endre Friedmann (Capa), der die berühmtesten Photos über den Spanischen Bürgerkrieg machen wird.

[24] Borgos, 2005, 185

[25] S. Németh, 1942.

[26] Um der Vollstaendigkeit willen muss man hinzufügen, dass sich einige Forscher bis heute mit der These des Selbstmordes nicht abfinden können. Ihr schwerer wiegendes Argument liegt nicht  so sehr in einer anderen Rekonstruktion des mentalen Zustandes des Dichters, als gewisse Dokumente und Protokolle der Ungarischen Staatlichen Eisenbahngesellschaft (MÁV), die es tatsaechlich erlauben, über einen Unfall an der Station Balatonszárszó zu sprechen. 

[27] Die eigene poetische Thematisierung von psychoanalytischem Material bei Attila József kann nur in einer eigens für diesen Zweck konzipierten Monographie geschehen (was weder die Analyse, noch die Beurteilung derselben leichter macht). S. über diese Dichtung und über die Literatur von ihr: Valachi, 2005. Es ist nichstdestoweniger charakteristisch, dass Arthur Koestler (übrigens ein grosser Verehrer des Dichters) an einer Stelle über Attila Józsefs „freudianische Volkslieder” schreibt (Koestler, 1970,1,44.). 

[28] Wir sind mit jenen Beurteilungen weitgehend nicht einverstanden, die unter dem Einfluss einer selbstreferentiellen Hemeneutik oder einer hermeneutischen Selbstreferentialitaet auch in dem „Verzeichnis freier Ideen” trotz psychoanalytischer Behandlung und akuten existentiellen Grenzproblemen vor allem doch einen „literarischen” Text mit allen dazu gehörenden Bestimmungen sehen wollen. Trotzdem müssen wir dieser Position eine Portion Wahrheit einraeumen, und zwar deshalb, weil der Dichter Attila József selber es erlebt und stilisisert hat.

[29] Naeheres etwa bei Borgos, 2005.

[30] Wenn es überhaupt noch möglich ist, wird die Komplexitaet der intellektuellen und sozialen Beziehungen dadurch noch komplizierter, dass Attila József auch selber direkt mit hundert Faeden mit Ferenczi verbunden ist. Er besucht, um nur einige Beispiele aufzuführen, seine Vortraege, liest seine Publikationen, nimmt an seinem Begraebnis statt, als Redakteur der Zeitschrift Szép Szó publiziert er Texte über ihn und von ihm (auch von Freud selber), darüber ganz zu schweigen, dass er eines der schönsten Freud-Gedichte der Weltliteratur schreibt (S. dazu in weiteren Ergaenzungen Harmat, 1994, Valachi, 2005).

[31] Die selten ganz zugegebene, nichtsdestoweniger aber sehr oft praktizierte Überwindung der klassischen Psychoanalyse richtet unser Augenmerk an einige weitere Lebenswerke, in denen wir entweder mit einer klaren Ablehnung konfrontiert sind (von den Ungarn seien die Beispiele von Gyula Illyés oder László Németh genannt) oder in denen eine reife und auf Gleichrangigkeit Anspruch erhebende Alternativkonzeption erscheint (wie etwa Karl Kraus oder Robert Musil bei den Österreichern).

 

 

[32] Erstmals ausgeführt Kiss, 2001.

[33] Über Hermann Brochs „philosophischen Diskurs” s. Kiss, 2001.

[34] In einer Rezension wird in diesem Zusammenhang sehr richtig vermerkt: „Von seinem Innenleben erfaehrt (in diesen exponiert „psychoanalyitisch” orientierten Texten!- E.K.) der Leser allerdings nichts” und in derselben Rezension etwa noch: „Seine Fragmente einer Sprache der Liebe sind allerdings völlig blutleer…” (Hildebrandt, .271.) -Es versteht sich von selber, dass Vertreter der in der neueren Literaturwissenschaft verbreiteten Idee der „Konstruktion” (beispielsweise auch in der Form der Konstruktion einer Biographie) diese neue homogene Sprache von Broch (hinter der ja drei Perspektiven, bzw. intellektuelle Rollen stehen) als Bestaetigung ihrer theoretischen Ansatzes begrüssen würden. In Wirklichkeit würde diese Bestaetigung jedoch nicht zustimmen, weil Brochs Verenigung von Perspektíven und Sprachen keine beliebige, sondern eine sehr konkrete und historisch sehr bestimmte Konstruktion ist, die weder zu allgemein-hermeneutischen Konsequrenzen hinführt, noch aus allgemein-hermeneutischen Annahmen abgeleitet werden kann.

[35] Eine Formulierung mit theoretischer Praegnanz: „…Analyse (ist) nicht das Um und Auf der Psychologie ist (…) , so wenig, wie Soziologie lediglich aus Marxismus aufgebaut werden kann…”. Brief an Hans Sahl, 11. November 1943. S. (Broch, 1981/2, 360.)

[36] Broch, 1981/2, 146. - Von einer aehnlichen Attitüde zeugt, dass Broch den Text „Bericht an meine Freunde” (KW, Bd.11.S. 25-30) auch an René Árpád Spitz schickt (S. den Brief Brochs an Spitz, am 6. April 1939, Br, Band 2- 66-67). Der Text, der übrigens auch als eine Vorfassung der psychoanalytisch-autobiographischen Schriften aufgefasst werde kann, dürfte durch Spitz auch Gyömrõi erreichen.Er kann ferner auch als eine provisorische Idee aufgefasst werden, in der Emigration eine geregelte Kommunikation á la Fenichel-Tagebücher zu inaugurieren.    

[37] An dieser Stelle erwaehnen wir mit Nachdruck, dass die Involvierung des Patienten in die Analyse, der Gebrauch aktiver Techniken, die Veraenderung der Sprache, die Tagebuch-Methode alle Momente sind, die die Analyse in der Richtung einer Gegenseitigkeit und einer damit in gutem Falle zusammenfallenden Gleichrangigkeit verschieben. Das ergibt dann den Punkt, wo eine neue Dimension der Psychoanalyse auf den Plan tritt, welche einer an den spaeteren Existentialismus erinnernde Sichtweise den Weg öffnet. Kein Wunder, dass sich nicht wenige Existentialisten, unter ihnen auch Jean-Paul Sartre, mit der Psychoanalyse in diesem Zusammenhang auseinandersetzten. Diese Emanzipierung des Einzelnen gewinnt aber auch im Kontext einer anderen besonders wichtigen philosophischen Auseinandersetzung eine hervorragende Bedeutung. Und das ist eben die Problematik einer möglichen Vereinigung des Marxismus mit der Psychoanalyse. Denn die Psychoanalyse war eben berufen, das Individuum in dem ökonomischen, politischen und geschichtsphilosophischen Konstrukt zu vertreten. Diese Vertretung waere aber ohne eine Emanzipierung des Einzelnen, ohne einen Humanismus also unvorstellbar. 

[38] Brief an Hedwig Schaxel-Hoffer, der 14. Februar 1940. S. Lützeler, 1965. 258. – Der Brief im entsprechenden Band der Kommentierten Werkausgabe nicht enthalten.

 

2006-2007



További információk: http://www.pointernet.pds.hu/kissendre







Hirdessen itt! A szükséges információkat elolvashatja, ha erre a szövegre kattint.


A fenti dokumentummal kapcsolatos felelõsség meghatározása